man sich , seinen Beifall zu bezeigen , und hörte alles stillschweigend an . Es war spät geworden , ehe die musikalische Unterhaltung beendigt war ; der kleine Kassierer , der das empfindlichste Gemüt haben mochte , war schon lange vor dem Schlusse nach Hause gegangen , nachdem er durch einen Violinisten den Reisenden die Einnahme übersandt hatte . Diese bezahlten sehr freigebig die begleitenden Instrumente ; die Gesellschaft ging , selbst nicht wissend , ob ihre Zufriedenheit , oder ihr Mißvergnügen überwiege , auseinander , und Elsheim bat die Fremden , mit ihm in seinem Gasthofe zu essen , die seine Einladung auch mit heiterer Gleichgültigkeit annahmen . Der Wirt hatte von seiner Tochter schon das Abenteuer vernommen , und er ging den Fremden mit einem Gefühl , aus Bewunderung und einem gewissen Entsetzen gemischt , entgegen , daß sie es gewagt hatten , die Häupter der Stadt , die ihm die der Welt waren , zu närren , und sie doch zugleich die berühmten großen Virtuosen waren , die zu solchem Wagestück den kecken Mut in sich hatten finden können . Die Tafel ward bereitet , und die gebildete Tochter , sowie der Wirt selbst mußten auf Elsheims Ersuchen Platz daran nehmen , bei welcher der gute Wein das vorzüglichste Gericht ausmachte , weil die Speisen in der Tat schlecht zubereitet waren . Als der Wein heiter und vertraulich gemacht hatte , erzählte der Komponist , wie sie dem Bürgermeister entdeckt hätten , daß man sie , wenn das Konzert noch zustande kommen solle , frei machen müsse , und wie dieser ihnen nur Glauben beigemessen habe , als sie Briefe vorgewiesen , die an sie gerichtet gewesen . » Wie kamen Sie nur auf diesen sonderbaren Einfall ? « fragte Elsheim . » Man hört ja « , erwiderte der Komponist , » von Künstlern erzählen , die aus enthusiastischer Zerstreuung während des Spieles vom Instrument aufgesprungen sind , um aus der Ferne die Wirkung ihrer eigenen Musik zu erfahren , und so kamen wir neulich auf den Gedanken , dies hier in dem kleinen Städtchen auf eine ähnliche Art versuchen zu wollen , ob wir uns gleich den Ausgang des Abenteuers nicht so gedacht hatten . « » Mich wundert « , sagte Leonhard , » daß Sie nicht verlegen waren ; ich hätte um alles nicht Ihre Rolle durchführen mögen . « » Sie sind auch wahrscheinlich kein Schauspieler « , antwortete der dunkelhaarige Bassist ; » mir wurde erst etwas beklommen , als das unmäßige Applaudieren entstand , und gewiß , man hätte uns nicht mehr beschämen und bestrafen können , als wenn dieser laute Beifall sich wiederholt bei jedem Musikstücke hätte hören lassen . « » Sie müssen freilich « , fiel der Wirt ein , » in Ihrem Stande mehr abgehärtet sein , als andere Menschen , denn es kommen wohl oft Fälle vor , in denen Sie Ihre ganze Fassung nötig haben . « Der Sänger sah hierauf den vorlauten Wirt mit einem Blicke an , wie ihn ein siegesstolzer Student etwa einem sogenannten Philister zuwirft , wenn dieser über Händel oder Duell-Angelegenheiten sein Wort abgeben will . Ohne den Wirt zu berücksichtigen , richtete der Schauspieler seine Worte wieder an den Edelmann , indem er so fortfuhr : » Es ist wahr , wer es in unserm Stande nicht lernt , Fassung zu gewinnen , unvermuteten Störungen , oder Kabalen und Grobheiten mit einer gewissen festen Unverschämtheit entgegenzutreten , der wird diese Tugenden niemals erringen . Mir und meinem Freunde hier ist aber das Talent angeboren , mit dergleichen Fährlichkeiten zu spielen , sie aufzusuchen und im wildesten Sturm und Drang den Kopf niemals zu verlieren . « Elsheim erwiderte : » Ich kann mich wohl , wenn ich es näher überlege , in Ihre Stimmung hineindenken . Geht es einem beim Reiten , wenn man ein wildes Pferd versucht , doch auf ähnliche Art. Indem man alle Kunst mit Bewußtsein anwendet , gerät man doch zugleich in einen Taumel und so wilde Unbesonnenheit , daß man sich der Gefahr erfreut , und vielleicht das wilde trotzige Roß nur durch diese Vereinigung von Tollheit und Vernunft gebändigt wird . Noch öfter tritt dieser lüsterne Zustand beim Fahren ein , wenn wir etwa vier kräftige Hengste regieren sollen . Es erwacht ein Heldensinn in diesem Taumel , und der Mensch ist nahe daran , die Gefahr herauszufordern . Vielleicht daß , wem von diesem verlockenden Reize gar nichts beiwohnt ein solcher nie etwas Großes tun kann , er müßte denn , wie Fabius der Zauderer , durch seine unerschütterliche Kälte Verderben und Gefahr von sich und den Seinigen abwenden . Wie heroisch braucht Egmont dies als Gleichnis , um seinen Lebenslauf zu bezeichnen : Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht , gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch , und uns bleibt nichts , als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten und bald rechts , bald links , vom Steine hier , vom Sturze da die Räder wegzulenken . Wohin es geht , wer weiß es ? Erinnert man sich doch kaum , woher er kam . « - » Geehrter Herr « , sagte der Klavierspieler , » alles Talent ist nur auf diesem Wege möglich . Noch keiner hat das Wunder , was mit diesem Worte ausgesprochen ist , erklären , oder nur begreifen können . Das ist ja das Rätsel , wie sich in uns der Zustand , den wir unser Bewußtsein nennen , so innigst mit seinem anscheinenden Widerspruch , dem Nichtbewußtsein , vermählen kann , und aus dieser Vereinigung erst unser höchstes , seelenvollstes Leben hervorgehen muß . Ich habe mehr als einmal einer Anzahl trefflicher Sänger akkompagnieren müssen , plötzlich , unvorbereitet , nach einer Partitur einer Oper , die mir noch niemals vorgekommen war , und mein Auge und Sinn fand sich so schnell und sicher in dieser schwierigen Aufgabe zurecht , daß alles gelang , und dieses tollkühne Improvisieren zu den genußreichsten Stunden meines Lebens gehört . « » Wie oft « , fiel der Sänger ein , » habe ich etwas ähnlich Halsbrechendes unternommen , die schwierigsten , mir fremden Sachen vom Blatte zu singen . Es ist eine Energie in uns , eine Allgegenwart des Geistes , eine Gabe der Prophezeiung , die nur alsdann hervortritt . Und sonderbar ! wenn diese Zustände des Seelenrausches vorüber sind , bemerken wir , daß auch alles Zeitmaß in uns aufgehört hat , denn wir wüßten nicht zu sagen , wie viele Stunden uns in dieser Anstrengung verschwunden sind , weil sie uns nur wie Augenblicke erschienen . « » Ebenso ist es aber auch « , fiel Leonhard bescheiden ein , » wenn wir ein Kunstwerk genießen und wahrhaft verstehen . Die knechtische Abhängigkeit von der Zeit verschwindet alsdann jedesmal . « Die beiden übermütigen Künstler hatten sich bis jetzt nur wenig um den jungen Meister gekümmert , sie sahen ihn jetzt mit großen Augen an und suchten an seinen Blicken zu erforschen ob er ebenfalls zu ihrer Zunft gehöre , oder vielleicht Maler , oder Dichter sei . Doch Leonhard schlug seine Augen nieder und schien es zu bereuen , daß er an diesem verwegenen Gespräche teilgenommen hatte , sein Freund aber nahm das Wort auf und bemerkte : » Wenn es also wahr sein mag , daß dieser unbeschreibbare Doppelzustand zu unsern allerbesten Lebensäußerungen gehört , sei es , um zu genießen , oder hervorzubringen , so dürfte die Frage sehr wichtig sein , wie weit man nun , um jener höheren Kraft Raum zu geben , Bewußtsein und Nüchternheit einengen , und wieviel Herrschaft jene bacchische Begeisterung ausüben dürfe . « » Dafür oder dagegen « , rief der Sänger heftig aus , » kann und darf es keine Gesetze geben . Soll das Gebet aus jener Nüchternheit hervorgehen , die ja eben durch den Gott vernichtet werden soll ? Glauben Sie mir , alle großen Genien der Menschheit , seien es Helden , Dichter oder Künstler , haben ihre Schöpfungen nur , von diesem Taumel erst angerührt und dann beherrscht , hervorbringen können . Welche unbändigen Höllengeister waren es denn , mit lichten Engeln geschart , die unser Mozart vor seinen Siegeswagen spannte , um , ein zweiter Dionysos , seinen Triumphzug nach dem fernen , gottgeweihten Indien , dem Land der Fabel und der Poesie , zu feiern , von tanzenden Nymphen , gaukelnden Amoretten , lächerlichen Faunen , rasenden Mänaden und selig liebenden , ewig trunkenen Lieblingen der Aphrodite und des Eros begleitet ? So stürmt sein Don Juan , sein siegprangendes Meisterwerk , dahin . In dieser heiligen Raserei haben alle Genien gedichtet und erschaffen . Ja erschaffen , wie der Herr , aus dem Nichts . Dies ist das Unbewußte , der Schlaf , der Tod in uns , wie es die blöden Menschenkinder nennen . Hier ist das Zeughaus der Phantasie , die geheimnisvolle Werkstätte des unsterblichen Geistes . Wer hier das pflegt und nährt , was späterhin als Gedanke , Ton , Bild und Gedicht in die Schöpfung heraustreten soll - wer kann diese Ammen nennen , oder bezeichnen ? Was ist dieses Nichts , dieses unbekannte Unerkannte , dieses Namenlose , aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt ? O ihr Törichten , die ihr euer Leben damit zubringt , immer Unterschiede zu entdecken und diesen mit nüchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben ! Stürzt euch , ihr von den Musen Begabten von der Gottheit Begeisterten , ohne zu forschen und zu zweifeln , in den Strom des bewegten Lebens ; opfert , wie es das Geheimnis fordert , eure Vernunft und Nüchternheit , die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und Dämonen , die , wenn ihr dieses Entschlusses nicht fähig seid , euch sonst die Schönheit selbst entreißen , mit eurem Herzblut , wie Vampiren , die Begeisterung wegzechen , so daß ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen Langweile erwacht . Der Weinrausch ist ein Symbol dieses göttlich begeisterten Lebens , in der Wollust spricht mit Entzücken und Wahnsinn jener Tod uns an , der das echte Leben ist , hohnlachend und in süßester Wehmut wird hier jenes Bewußtsein begraben , das die meisten Menschen für das Leben halten . Wer sich also als echter Künstler dem Taumel weiht , der darf nicht rechts , nicht links , nicht rückwärts schauen , nur vor ihm liegt die Bahn , und Glück , Gefahr und Leben und Tod sind eins . « Auf einen stillen , bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das Zimmer schon verlassen , weil es dem Vater wohl unziemlich dünken mochte , daß ein weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhören sollte . Leonhard sagte nach einer kleinen Pause : » Aber , meine Herren , Sebastian Bach , Gluck , Palestrina- - « » Still ! « entgegnete der Sänger , » ich weiß , wo Sie hinauswollen . Ausnahmen gibt es , und - wer weiß - man soll den alten Bach , unsern Vater und Meister , nicht lästern , - aber jener stürmische Geist ging ihm wohl ab , der unsere neue Kunstwelt treibt . Und Palestrina - wir wissen so wenig von ihm - aber erzählte er nicht , daß er die eine seiner berühmtesten Kompositionen Note für Note vollständig von einer Schar von Engeln vernommen und die überirdische selige Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe ? - In der Musik strömt ein Geist , der , stärker als in allen anderen Künsten , ihren Bekenner der Besonnenheit enthebt . Der Sänger , mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes , der Kapellmeister , wie der Komponist , alle leben dem Augenblick , ohne an morgen zu denken . Der Genuß der Kunst , so gut wie des Weins und der Liebe , reißt sie über Zeit , Sorge und Ordnung hinweg , denn in keiner andern Kunst ist das unmittelbare Gelingen , das Improvisieren so notwendig . Maler , Dichter und Bildhauer mögen sich bedenken ; wenn der Musiker es wollte , so wäre der auflodernde Augenblick schon entflogen . Der Grübler nun gar müßte auf lächerliche Weise zuschanden werden . Darum , meine ich , muß man in der sogenannten Moral auch beim Musiker einen ganz andern Maßstab anlegen , wenn der Sittenprediger nicht gegen ihn ungerecht , ja grausam werden soll . Mozart steht höher , als seine Sittenrichter . « Der musikalische Freund bekräftigte alles , und so , nachdem man noch manche paradoxe Sätze ausgesprochen , die den muntern Elsheim sehr ergötzten , begaben sich alle auf ihr Lager , als der Morgen schon graute . In der heitern Landschaft fühlte sich Leonhard wieder frei und wurde fröhlich . Elsheim hatte die Verstimmung wohl bemerkt , die seinen Freund am Abend quälte , und sagte jetzt , nachdem sie lange stumm nebeneinander gesessen hatten : » Warum , Freund , bist du oft so schwerfällig und widerstrebst der Laune , die mich mit sich nimmt ? Man kann nicht immer weise sein , und dein Gemüt ist selbst oft zur Fröhlichkeit gestimmt , ja , ich habe selbst gesehen , wie Albernheiten und Kinderein dich ergötzen können . « » Schilt mich nur « , antwortete Leonhard , » denn freilich ist es wohl eine Anlage zur Pedanterie , die mich in manchen Stunden so mißmütig und mürrisch macht . Der ganze gestrige Tag war mir nicht recht . Daß der Wagen zerbrach , machte mich erst ganz verdrüßlich . Nun gar das verwünschte Konzert . Ich begriff deine ausgelassene Heiterkeit nicht . Das ganze Wesen , Zuhörer , Vornehme , Bürgermeister , Männer , Frauen und Mädchen , alles war melancholisch . Diese Ungezogenheit der Musiker war wunderlich genug , aber auch dieser Vorfall konnte mich nicht ergötzen . Wir haben uns mit den andern närren lassen , weil wir eben nichts Besseres zu tun hatten . Und das mag wohl oft , auch im Leben der bessern Menschen , eintreten , daß solche Lückenbüßer und Ausgeburten der Langeweile für Ergötzung gelten müssen . Es sind die Butterküchlein aus Wasser der Schildbürger . Und nun gar das Hymnen-Gespräch am Abend bei den schlechten Speisen . Die haben mir erst Magen und Geist verdorben . « » Ei , du Allerweltskrittler ! « rief Elsheim überlaut und erhob sich vor Erstaunen etwas vom Sitze , um seinem Freunde in die Augen sehen zu können , » - das ist mir denn doch neu , daß diese erquicklichen gedachten und phantasierten Gespräche dir auch zuwider sein können ! Mir haben sie so sehr gefallen , daß ich die beiden landstreichenden Musiker dringend auf mein Schloß eingeladen habe , und ich hoffe , daß sie recht bald dort als mir sehr liebe Gäste erscheinen werden . « » In dein Wesen « , sagte Leonhard etwas empfindlich , » mag diese übertriebene Genialität nicht so zerstörend hineinreißen , wie in meine Brust . Erinnerst du dich denn nicht , daß mir dergleichen von früher Jugend zuwider war , und ich es immer zu bekämpfen suchte ? « » O ja « , sagte Elsheim , » und oft mit einer andern Genialität sogar , die manchen Nüchternen wohl auch erschrecken durfte . Weiß ich doch , daß der eine unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu , als wärest du ein Gottloser , betrachtete . « » Lassen wir das « , unterbrach ihn Leonhard ; » es ist gar zu betrübt , daß sich so oft selbst die allernächsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht verstehen . « » Besonders « , sagte der Edelmann , » wenn der eine oder der andere von einer Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt . Stimmungen können niemals über Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fällen . « » Diese Stimmungen aber « , widersprach der Freund eifernd , » wenn sie nicht Grillen und eigensinnige Launen sind , entspringen ja nur aus dem wahren Charakter und der Tiefe des Gemüts ; sie sind es ja , die der Mensch nicht vernichten kann und soll , denn sie sind der Boden , in welchem Überzeugung , Tat und Leben aufwachsen . « » Nun meinetwegen « , sagte der Baron , » so sprich denn aus , was dich quält oder stört ; denn freilich , zu viel sollen wir auch nicht an uns selber mäkeln , oder uns das peinvoll abgewöhnen , was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist , und wodurch wir erst Individuen werden . « » Liebster Friedrich « , sagte der junge Meister jetzt ganz weich , » alles , was uns reizt , belehrt , fördert und begeistert , ist immer nur unter Bedingungen und bis zu einer gewissen Grenze hin wahr ; überschreite ich beide , so wird das Beste nur Torheit und die höchste Weisheit Wahnsinn . Deshalb ist die Konsequenzmacherei zu fürchten , der logische Zwang , der uns so oft veranlaßt alle Lücken zu überspringen , oder nicht zu erkennen , die zwischen den Wahrheiten liegen , oder die geistige , unsichtbare Scheidelinie zu überschreiten , auf welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln muß , wenn er nicht immer wieder aus dem Wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie , oder die abergläubige Schwärmerei stürzen soll . « » Ich glaube dich zu verstehen « , sagte Elsheim . » So versteht sich aber jener Musiker nicht « , fuhr der Freund fort , » der uns gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug . Er schwärmte ganz von jenem Grunde der Wahrheit ab , auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte , und geriet in das Reich der Träume und der Willkür . Geht nicht Ordnung , Ruhe Selbstbeobachtung und nüchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen , so gibt es auch keine Kraft , diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten . Gewiß hat auch unser Liebling Mozart diese Kräfte nicht verleugnet . Denn das ist eben der Hauptirrtum , daß diese Bacchanten nicht sehen , oder nicht sehen wollen , daß in der Mäßigkeit , Ruhe , in dem stillen Haushalt unserer einsamen Seele , in den Schranken der Ordnung und Notwendigkeit , kurz in der scheinbaren Prosa , die man so oft voreilig der Poesie entgegenstellt , ebenfalls im gesänftigten Raum jene Himmelsblumen emporwachsen , und Begeisterung und Tatkraft auch aus diesen stillen Winkeln hervorschreiten mögen . Wie die alten Himmelsstürmer oder jene Erschaffenen bestellt gewesen sein mögen , die vor aller Geschichte auf unserer Erde hausten , wissen wir nicht ; seitdem aber der uns bekannte und verständliche Mensch Regent ist , müssen wir einsehen , daß in diesem die doppelte Natur des Riesen und des sanft Gehorchenden , des Herrschers und des gern und freudig Unterwürfigen erst die Natur in ihm ausbildet , durch welche er ein Recht hat , nach Blumen , Lorbeeren , Palmen und Sternen zu greifen . Der Rausch ist auch oft nüchterner , als wir uns gestehen mögen . Palestrina , der beseligte , sollte jemals haben rasen können ? Und unser Sebastian Bach ; wie beschränkt , wie bürgerlich , wie so ganz Ordnung , biedere Alltäglichkeit im Leben , wie klein , ruhig und unbemerkt in der Gesellschaft und unter den Schwätzern , und wie groß eben dadurch in seiner Wissenschaft und Kunst ! « Elsheim nahm die Hand seines Gefährten und drückte sie recht herzlich , dann aber überließ er sich einem so lauten und ausgelassenen Lachen , daß der bescheidene Fuhrmann sich einigemal umsah , um zu entdecken , was wohl dieses schallende Gelächter habe veranlassen können . Leonhard war sehr über diesen unerwarteten Ausbruch von Lustigkeit befremdet und erwartete mit einiger Spannung die Erklärung dieser Explosion . Endlich , nachdem er sich beruhigt hatte , sagte der Freund : » Siehe , das ist nun auch meine Eigentümlichkeit und Stimmung , die du mir nicht zu sehr kritisieren darfst . Deine Vorliebe für das Zunftwesen , dein Handwerksgeist geht in allen deinen Gedanken mit auf . Und du magst doch recht haben . Auch in der Kunst , in der geistigsten Beschäftigung , muß wohl neben Begeisterung und Anschauen nun auch das Handwerk mit seiner bürgerlichen Ordnung eintreten , um durch Regel und Beschränktheit dem Geist erst seine wahre Freiheit im Schaffen zu erringen . Du hast recht : ohne Widersprüche , die sich aufzuheben scheinen , und ohne Vermittlung dieser Widersprüche ist nicht Mensch , Kunst , Wissenschaft , Geist . Darum zeigt sich auch eine überraschend ähnliche Ohnmacht in den Gebilden des ganz phantastischen Schwärmers und des philisterhaft Nüchternen , der bloß mit Anstrengung Regel und Bewußtsein ein Kunstwerk hervorbringen will . « Die Hitze war so drückend geworden , daß sie es vorzogen , in einem kleinen Dorfe , das abseits von der großen Straße lag , haltzumachen , als sich mit ermüdeten Pferden noch nach dem großen Gasthofe der kleinen Stadt hinzuquälen . Der Stall war für die Pferde groß genug , und sie setzen sich unter der schattigen Linde in eine Art von Vorsaal , der durch den Baum vor dem Hause gebildet wurde . Während die Mahlzeit zubereitet ward , erquickten sie sich am Duft der Blätter und Blüten , und Elsheim sagte : » Sieh einmal , mein Freund , wie gescheit unsere Vorfahren in einer Sache waren , die viele des jetzigen Geschlechtes nur lächerlich finden . Dadurch , daß man diese schöne alte Linde oben so stark und regelmäßig beschneidet , entsteht hier unten dieser kühl dämmernde , dunkelnd grüne poetische Saal . Dieser gibt eine so liebliche duftende Kühle , wie sie kein Zimmer mit Vorhängen und Kunstanstalten hervorbringen kann ; auch keine Gartenlaube ist so wohnlich und vertraulich . Man sieht von hier in das Haus und auf die Straße und ist von beiden ganz ungestört . Oben , damit die Stuben nicht verfinstert und selbst feucht werden durch die Nähe des Baums , sind alle Zweige weggeschnitten , soweit die Zimmer reichen . Nun hat man in den höheren Zimmern mit dem ersten Frühlinge eine grüne duftende Decke unter sich , ohne von den Ästen gestört zu werden , und die Stuben sind hell und frei . Der schöne Baum ist freilich verdorben ; dafür hat dieser Bauer aber auch einen grünen Sommersaal , wie kein Fürst mit allem seinem Prunke ihn aufweisen kann . « Leonhard erwiderte : » Auch in Städten habe ich oft diese Art , die Linden zu behandeln , wahrgenommen . Dort ist diese Erfindung , womöglich , noch zauberischer , als hier auf dem Lande , weil dieser unten entstehende Saal und die gerade Linie der grünen Wand oben , auf welche man aus den Fenstern niedersieht , im erfreulichen Kontrast mit den Häusern , sowie dem gewöhnlichen bürgerlichen Verkehr auf der Straße stehen . Unsere Vorfahren liebten es überhaupt , Bäume aller Art in ihren Städten zu pflegen , und sie zieren oft eine häßliche Gasse und geben ihr ein wahrhaft trostreiches Ansehen ; die Neueren fangen an diese Anstalt als etwas Abgeschmacktes zu verlästern . Es hat etwas Wunderbares , wie der Baum sich erziehen und verziehen läßt , vor allen Buche und Linde . Das Gedicht des Wandsbecker Boten gegen diesen Schneiderscherz , wie er es nennt , ist recht getreu und biederherzig , aber es wird mir die Schönheit dieses Sommersaales , oder gar den Zauberreiz eines echten großartigen französischen Gartens niemals aus der Seele singen können . « Ein großer Mann von mittleren Jahren war schon einigemal durch die Haustür aus- und eingegangen . Er trug ein großes Buch unter dem Arm , welches eine Bibel zu sein schien . Er setzte sich an einen anderen Tisch und fing an zu lesen , verschloß aber den Band gleich wieder und ging durch die Haustür in den Garten . Jetzt kam er wieder herein , sah sich scheu um und legte sein Buch auf den Tisch der Reisenden , indem er mit heiserer Stimme fragte : » Meine Herren , lesen Sie auch wohl die Bibel ? « » O ja « , sagte Leonhard . » Und welches Buch « , fragte er weiter , » ist Ihnen in diesem großen heiligen Werke das allerliebste ? « » Das läßt sich wohl nicht so schnell entscheiden « , erwiderte Elsheim ; » bald wird unsere Seele von diesem , bald von jenem mehr gereizt , und es hat mir immer wohlgefallen , wenn manche Geistliche es nur als ein einziges , innig zusammenhangendes Buch haben ansehen wollen . « Der Bauer schüttelte so heftig mit dem Kopf , daß ihm die blonden Haare in das Gesicht fielen . Er nahm den messingenen Kamm und strich sie wieder nach hinten hinüber , indem sich plötzlich in seinem finsteren Gesicht ein helles , aber ironisches Lächeln auftat . » Da sind Sie noch nicht weit gekommen « , sagte er dann . » Die verhüllte Wahrheit sucht sich vorsätzlich in manchen der Bücher zu verbergen ; die versteht man nur und findet das Korn der Weisheit heraus , wenn man das rechte Buch aufgefunden hat und Tag und Nacht in diesem studiert . Für jeden Menschen , in welchem nämlich das Licht aufgeht , ist es aber ein apartes , denn unsere Sinnesarten sind sehr verschieden ; Gott steht allenthalben , einer darf ihn aber nur schräg , der andere von der Seite , und manche nur ganz von weitem ansehen . Wechseln sie nun ihre Stellung und kommen sie in eine unrichtige , so können sie gar nichts von ihm verstehen . Denn unser Herr ist ein wunderliches Wesen , er ist liebreich und sanft in seiner Allmacht und Hoheit , aber er macht sich nicht gemein . Wir reden ihn alle mit du an , und das verlangt er sogar , aber mit Grobheit und so von ungefähr angesprochen , läßt er sich nicht antreffen , sondern immer verleugnen . « Ein hoher Greis trat jetzt zu ihnen , eine von jenen mächtigen Gestalten , die sich , in welchem Stande sie auch sein mögen , eine unwillkürliche Achtung erzwingen . » Sohn Daniel « , sagte er mit tönender Stimme , » du fällst ja den fremden Herren zur Last . « » Gewiß nicht ! « rief Elsheim , aber der Sohn entfernte sich schnell mit jenem scheuen Blick im zugedrückten Auge , der den Reisenden gleich anfangs aufgefallen war . » Verzeihen Sie « , sagte der alte Vater , ich kann es nicht immer verhindern » daß mein unglücklicher Sohn fremden Leuten beschwerlich fällt . Er meint es gut , und es ist kein Arg in ihm , aber wer ihn nicht kennt , trägt wohl Scheu , oder fürchtet sich vor ihm . « Da Elsheim neugierig geworden war , lud er den alten Bauer ein , sich zu ihnen zu setzen , und dieser willfahrte ohne Verlegenheit , als ein Mann , dem Menschen und Welt nicht unbekannt waren . Er erzählte von sich , seinen Schicksalen und seiner Familie . Er hatte , sonderbar verschlagen , einen Feldzug in fernen Weltteilen mitgemacht , hatte bei seiner Rückkehr unvermutet einige wohlhabende Verwandte beerbt und war nun durch Tätigkeit , und daß er seine Grundstücke zu verbessern verstand , zu einem gewissen Reichtum gelangt . » Ich bin « , fuhr er fort , da er sah , daß sich seine Zuhörer für seine Rede interessierten , » wohl ein glücklicher Mann zu nennen , wenn ich so um mich her die meisten meiner Nebenmenschen betrachte . Wir leben hier in einer angenehmen Gegend , ich erzeuge selbst meinen Wein und was ich sonst noch brauche , mein Garten liefert mir den Bedarf für meinen Haushalt , und ich baue , so alt ich geworden bin , noch selbst mit Freuden meinen Acker und halte meine große Wirtschaft in Ordnung . Drüben wohnt mein ältester Sohn , der schon seit lange Schulze dort ist , und durch den ich schon seit lange Großvater und nun seit kurzem auch Urgroßvater bin . Mein Martin und Friedrich werden nächstens heiraten , meine Tochter ist auch versorgt in einem anderen Dorfe , und so kann ich mich als den Stammvater eines zahlreichen , gesunden und lebensfrohen Geschlechtes ansehen . « » Und dieser Sohn , der eben von uns ging ? « fragte Elsheim . » Ja , meine Herren « , fing der Alte wieder an , » in diesem Sohne könnte ich mich auch unglücklich nennen , denn in jeder großen Haushaltung muß etwas sein , das mit dem übrigen nicht aufgeht . Der Mensch muß eben auch immer etwas zu klagen haben . Als Kind war mein Daniel so klug , wie es niemals einer meiner anderen Söhne gewesen ist . Er lernte fast von selbst lesen , er sprach sehr früh und zwar ganz vernünftig . Er war gern allein , und lautes Geschwätz , wie es denn doch oft Bauersleuten vorfällt war ihm zuwider . Weil das Kind nun gern tätig war , so half er , so klein er war , allenthalben . Es machte ihm große Freude , den Hirten zu begleiten , wenn dieser meine Schafe austrieb . Wenn er am Abend nach Hause kam , hielt er manchmal recht nachdenkliche Reden über alles das , was er da draußen im Freien beobachtet hatte . Bald erzählte er von den Wolken , von wunderlichen Tönen im Walde , auch wohl von der Geschicklichkeit und Klugheit des Schäferhundes , den er ganz wie einen verständigen Menschen schilderte . Da das Kind so was Apartes hatte , so ließen die Mutter und ich ihn gern gewähren , und seine Geschwister hörten nicht viel auf ihn hin , weil sie ihn nicht verstanden . Als die Zeit seiner Einsegnung herankam , ließ er sich oft mit unserm Priester und