Busen der edlen Frau , die in der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wünsche längst verlernt hatte . Willig ließ sie sich dann gefallen , was die alte Freundin zu ihrer Verhüllung herbei schaffte , und unterdrückte das hindernde Wort , als die Sorgliche mit geheimnißvoller Hast nach dem Fläschchen griff , dessen Inhalt der Herzogin oft zu Hülfe kommen mußte . Sie nahm sodann den Armleuchter und schritt der Herzogin voraus . Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenster , das Licht der schwankenden Kerzen vermochte die weiten Räume nicht zu durchdringen , aber die seit Jahren so oft durchstreiften Gemächer boten kein Hinderniß dar , und man gelangte nach dem nördlichen Thurmzimmer und stand jetzt vor der Thür , die nach dem italienischen Flügel führte . Die Herzogin reichte mit gesenktem Blick an Mistreß Morton den Schlüssel , den sie unter ihrem Mantel trug , und Morton öffnete die Thüre , welche sogleich die weiten Säle überschauen ließ , die , in ihrer innern Einrichtung so abweichend von den eben durchwanderten Zimmern , die Kunstwerke aufbewahrten , welche diesem Flügel seinen Namen gaben . Seit der Abreise des letzt verstorbenen Herzogs nach Spanien waren diese Zimmer nicht eröffnet . Die Herzogin bewahrte den Schlüssel dazu und hatte bis jetzt jeden Gebrauch desselben verweigert . Wer hätte denken mögen , daß sie selbst diese Stelle zuerst und zu einer Stunde betreten würde , die den Geist empfänglicher macht für die Schauer so schmerzlicher Erinnerungen . Auch schien die Lady von dem ganzen Gewichte dieses Augenblicks ergriffen und blieb wie überwältigt an der Schwelle stehn , während ihr im qualvollsten Schmerze glänzendes Auge die Räume durchflog , die , durch den Schein des Mondes , der hier durch farblose breite Fenster drang , ganz ungemein erhellt , gegen die düstern eben durchstreiften Gemächer einen so auffallenden Kontrast bildeten , daß es scheinen konnte , als liege hier die Wohnung eines verklärten Geistes , von überirdischem Lichte erhellt , vor Augen . Der Zauber des Schönen benahm so dem Düstern jegliches Grauenhafte , der Geist hob sich unter dem Einfluß dieser Magie , und die Herzogin überschritt die Schwelle , während ihre Seele auf einen Augenblick abgezogen war von dem Schmerze ihrer Brust . Leise den Kopf schüttelnd folgte ihr Mistreß Morton . Das Vorhaben ihrer Gebieterin , zu dieser Stunde die Wohnung des geliebten Gemahls wieder sehen zu wollen , schien ihr so weit die Grenzen von Vernunft und Mäßigung zu überschreiten , die sie sonst bei ihrer Gebieterin wahr zu nehmen gewohnt war , daß sie sich gestehen mußte , sie könne ihr nicht mit ihren Gedanken folgen . Es schien eine Art von Ueberspannung , eine Schwärmerei in ihrem Beginnen zu liegen , wofür die alte Dame weder in sich , noch in den bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maaßstab fand , und sie mußte hier entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung , daß noch ein anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu Grunde liegen könne . Sie behielt wenig Zeit zu solchen Betrachtungen , indem sie dicht hinter ihrer Gebieterin in das Zimmer des Herzogs trat . Die unglückliche Gattin , plötzlich von all den theuern Gegenständen umgeben , die in ungestörter Ordnung noch seiner Ankunft zu harren schienen und die treuen Zeugen seines schönen Lebens waren , sank mit einem Strom von Thränen an dem Armstuhl nieder , in dem er so oft vor dem mit Büchern und Karten bedeckten Schreibtisch saß , Jedem , der in die gegenüberliegende Thür trat , das helle Auge zuwendend . Welch ' eine Reihe von Gedanken ergriff hier mächtig ihr gebeugtes Herz in diesem ihr fast heilig scheinenden Gemach , von seinem Fuß zuletzt betreten , von seinem Odem noch erfüllt . Die ewige schreckliche Trennung , die sie mit allen Qualen durchgefühlt , hier schien sie ihr zur Lüge zu werden . Sie hob den Kopf , sie schaute umher , die Täuschung schien von diesen theuern Umgebungen ihr Gewand zu borgen , er mußte kommen , hier konnte er nicht fehlen . Komm ! rief sie dumpf , verlaß mich nicht ! Komm ! O laß mich nicht allein ! Sie lag noch auf ihren Knien , aber aufgerichtet mit dem Haupte , das sie über ihre Schulter nach der Seite zu gewendet hatte , wo ein dichter Vorhang den Eingang zum Schlafgemache verbarg . Es war unaussprechlich schauerlich , wie sie die Hand ausstreckte , als wolle sie die seinige ergreifen . Mistreß Morton bebten die Knie , und es rieselte kalt über ihre Gebeine . Sie war frei von den Schwächen , die der damaligen Zeit noch nicht fremd waren , an Zauber und Erscheinungen zu glauben , aber sie hatte den edlen Herzog geliebt , und die Erinnerungen , die dies Zimmer in sich schloß , hatten ihr treues Herz auf ' s Neue in Trauer versenkt . Sie begriff die Leiden ihrer unglücklichen Gebieterin zu wohl und hegte zu viel Ehrfurcht für dieselbe , um störend mit ihrem geringen Troste dazwischen treten zu mögen . Aber sie schauderte , und ihr sorglicher Blick richtete sich auf das Ende so tiefer und zerstörender Leiden . Der Ausdruck in den Zügen der Herzogin war milde geworden , und ihr Auge , in trübem Glanze schwimmend , von einer unaussprechlichen Tiefe des Schmerzes und der Zärtlichkeit belebt . Aber ihr langes stummes Harren blieb umsonst , der Vorhang bewegte sich nicht , nur ein tiefer Seufzer traf ihr Ohr und riß sie vom Boden empor . Sie stürzte einige Schritte vorwärts und stand vor der bebenden Morton , die sie völlig vergessen hatte , und aus deren treuem Busen der Seufzer gedrungen war , der selbst diese starke Frau bis an die Grenzen des Geisterreichs geführt hatte . Doch der kurze Wahn , von dem sie hier umsponnen ward , war alsobald zerrissen , und die Wirklichkeit trat schmerzenbringender , als je , ihr nahe ; denn die Sehnsucht war in ihrer ganzen Stärke wiederum erwacht , und die unwiderrufliche Nothwendigkeit , dies öde Dasein ohne ihn zu tragen , ergriff dies ungezähmte leidenschaftliche Gemüth in ihrer ganzen Stärke . In bittern Thränen aufgelöst , sank sie in einen Stuhl nieder , und vergeblich rang dies Herz nach Ergebung und Geduld . Der Augenblick war ganz verschieden von jenem früheren , der sie voll Andacht der Kapelle zugeführt , und was jetzt zu Gott gelangte aus der gereizten Brust , wir wollen hoffen , es fand Gnade vor dem väterlichen Richter , der mild den Schmerz der irdisch Fühlenden betrachtet . Auch dieser Wendung ihres Kummers sah Morton lange schweigend zu , doch von den Thürmen tönte dumpf der letzte Ruf der Wächter , verkündigend , daß Mitternacht vorüber sei , und ihr Muth ward durch die pflichtgetreue Sorge um diese schrecklich nächtliche Wanderung und deren Folgen für die schwankende Gesundheit der Unglücklichen nun wiederum belebt . Sie näherte sich und wagte mit sanften Worten die Bitte , zurück zu kehren , nicht länger so zerstörend auf ihre Gesundheit einzustürmen . Die Herzogin zog die kalten Hände von dem verweinten Gesicht bei dieser unwillkommenen Mahnung , und zürnend faltete sie die hohe Stirn . Ich gebe Dir die Freiheit , zurück zu kehren , da dieser heilige Raum mit drohenden Gefahren Dir erfüllt zu sein scheint . Auch ohne Dich erreiche ich hier mein Ziel , und besser ohne hartherzige Störung der heiligsten Empfindung ! Verlaß mich , ich will sorgen für Dich , wie Du für mich , so deute ich Deine Worte wohl ihrem Sinne nach . - O wie beklage ich Euch , da Ihr so unglücklich seid , mich selbst so grausam zu verkennen , rief Mistreß Morton hier mit einem solchen Ausdruck von Schmerz , so ohne allen Unwillen , indem heiße Thränen auf die kalten Hände der Herzogin flossen , daß dieses starre Herz , was nur allzu oft erst im Bereuen sich erweichte , davon ergriffen ward . Hierdurch aus ihrem maaßlosen Gram erweckt , trat auch der Zweck ihres Hierseins aufs Neue vor ihren Geist , und mit ihm das wirksamste Mittel gegen diesen Schmerz . Langsam erhob sie sich , ihre Thränen hörten auf zu fließen . Der Zweck , wozu ich hierher kam , liegt außer dem Bereich Deiner Beurtheilung , hob sie ernst und tonlos an ; darum ermüdet mich Dein Einreden mehr , als es Deine stets gute Absicht wohl verdient . Ergieb Dich in meinen Willen , Du kömmst mir so am besten zu Hülfe . Zünde diese Kerzen an , verlaß dieses Zimmer und harre dann meiner im Vorsaal , fuhr sie zögernd und mit gepreßtem Odem fort , ich hoffe , ich werde bald Dir dahin folgen . Sollte ich jedoch in einer halben Stunde nicht kommen , so kehre Du hierher zurück , ich bedarf dann vielleicht Deiner Hülfe . - Mistreß Morton zündete , während die Herzogin in ihren Mantel gehüllt , wie völlig ruhig , in der Mitte des Zimmers stand , die Kerzen an , die in frühern bessern Tagen nur halb verzehrt dies wohnliche Gemach erleuchtet , und verließ es dann mit stummer Sorge . Jetzt war der entscheidende Moment unabweisbar herangenaht . Ich bin abgefunden mit mir selbst , ich bin fest - dies lag in ihrem Sinne , es lag in ihrem Schritt , womit sie ohne Verzug den Kerzen sich nun näherte , sie ergriff und den Vorhang aufhob , der sie in das kleine Schlafgemach versetzte , das mit dem feinsten Schmucke der in Holz geschnittenen Wände eine schön gezogene Rotunde bildete . Es war auf den Zierrath dieses schönen Schmuckes eingeschränkt . Alles zur Ausstattung eines Schlafgemachs Gehörige war in den Nischen angebracht , welche die Holzwände bildeten , die getrennt von den Mauerwänden standen und durch fein gefugte Thüren , die dem Druck der Feder folgten , in sich verschwindend , zugänglich wurden . Die Herzogin berührte eine dieser Federn in dem Schnitzwerke , und sogleich theilten sich von selbst die Wände und die dunkel seidenen Vorhänge , die das Bett des Herzogs umzogen , bewegten sich , in dem feinen Zuge wallend , ihr entgegen . Sie preßte die Hand an ihr pochendes Herz und schaute fest dahin , bis der leise Hauch vertheilt war und die Vorhänge ihr schwaches Leben wieder aufgegeben hatten . Sie sah es , sie war allein , die Vorhänge hoben sich nicht von geliebter Hand , und dennoch weilte ihr Blick , ihre ganze Gestalt wie bezaubert auf jener Gegend . Sie zuckte , als wollte sie sich wenden , und doch , sie vermochte es nicht . Sie schritt endlich vor , den Armleuchter in ihrer Hand ; sie setzte ihn am Bette auf einen Tisch nieder , schlug die Hände in einander und rief mit fester Stimme : Noch ein Mal wiederhole ich es Dir , o mein Gemahl , ich bin gekommen , Dir zu vergeben , Deine Ehre wird mir heilig sein ! Und Alles , was Dir gehört , es sei von mir erkannt , als hätte Deine Bitte darum mein Ohr erreicht . Höre mich , kein Eid ist unverletzlicher , als der Entschluß , den meine Liebe meinem Stolze abgerungen , ich vergebe Dir ! Dies wird zu Dir dringen , und wenn Dein Herz , mit dieser Schuld belastet , ungesöhnt vor Deinen Richter trat , so sei die Vergebung Deines Weibes die Fürbitte an Gottes Throne , und Friede sei Deinem Geiste ! - Sie war wieder sie selbst geworden unter diesen Worten . Ihr guter Engel neigte der Siegerin sich zu , der Friede senkte heilend sich in ihre Brust , sie hätte sterben können , das Irdische lag bekämpft zu ihren Füßen . So sei es , sprach sie nach einer Pause . Sie wandte sich und schritt der gegenüber liegenden Wand entgegen . Eine Blumenschnur in Holz geschnitten hing darüber hin ; in dem Kelche einer Rose blitzte ein kleiner goldner Punkt , er gab dem Drucke nach , und die sanft verschwindenden Wände zeigten ein lebensgroßes Bild in reichem goldnen Rahmen . Es war eine junge Dame von engelgleicher Schönheit , die aus diesem Bilde mit einer Wahrheit blickte , daß das zauberische Lächeln um ihren Mund sich jeden Augenblick in holde Worte beleben zu wollen schien . Ein Laubdach blühender Myrten und Orangen zog wie eine Halle sich um sie her und ließ nur über ihrem Haupte einen reinen blauen Himmel durchdringen , dessen Licht die Rosenkrone zu verklären schien , die sie in den dunkeln Locken trug , welche glänzend auf ihre schönen Schultern niederwallten . Ihr Kleid war weiß , ein Purpurmantel , durch Juwelen auf ihren Achseln festgehalten , wallte bis zu den Füßen nieder ; in ihren schönen Händen trug sie einen phantastisch geformten Stab , halb Dolch , halb Zepter oder Kreuz , mit Lilien und Epheuranken fest umwunden , vielleicht zum Strauße blos erdacht . Es war ein Meisterwerk der Kunst , und doch vergaß man das Verdienst des Künstlers , so hoch hatte er sein Werk gestellt . Ihm gegenüber dachte der unbefangene Beschauer nur , wie die Natur in einem Wesen so alle ihre schönsten Gaben ausgegeben habe , eine würdige Hülle , wie es schien , für eine Seele zu erschaffen , die wie ein Engelsgruß aus ihren Augen blickte . Schon war dies zauberische Bild einen Augenblick enthüllt , und der Blick der Herzogin ruhte noch am Boden , als wären ihre Augenlieder schwer belastet . Doch jetzt erhob sie dieselben , mit Hoheit sich emporrichtend , und fuhr dennoch in sich zusammen . Aber nicht mehr zu wenden war dies zagende Auge von nun an , obwohl es immer länger , immer heißere Schmerzen sog. So hast Du mich also getäuscht ! rief sie endlich ; ja , es ist kein Zweifel , zum zweiten Male schuf die Natur Dich nur , durch Dich ! So sei mir Gott gnädig ! Doch ich vergebe Dir , ich vergebe Dir , höre mich , Gott , und vergieb Du ihm auch ! - Noch ein Mal blickte sie fest auf dies liebliche Gesicht , das vergeblich auf ihr ernstes Antlitz nieder lächelte ; besonnen verschloß sie es dann , und die Kerzen ergreifend verließ sie das Gemach und eilte ohne Rückblick durch das angrenzende , als fürchte sie in ihrer Kraft zu wanken . Stark drückte sie die Thür , die nach dem Vorsaal führte , auf und ging ohne Aufenthalt an Mistreß Morton vorüber , welche zitternd ihr entgegen trat . Du frierst , sprach sie fest , laß uns eilen , meine Liebe , es wird kalt , der Morgen naht , wir haben lang genug der kalten Nachtluft uns ausgesetzt . So schritt sie weiter , bemüht , ruhig zu erscheinen , nicht ahnend , wie in ihrer Hand der fremd geformte Leuchter aus dem eben verlassenen Gemache unbeachtet schwankend hing , Zeugniß ablegend gegen ihre angenommene Ruhe . Doch dem sorglichen Blicke Mortons war dies nicht entgangen . Der Leuchter mußte zurück bleiben , wenn er nicht in seiner abweichenden Form zum Verräther werden sollte . Doch zögerte das warnende Wort auf ihren Lippen . Sie fühlte , wie sich die Stimmung der Leidenden verrieth , die so stolz sich ihr zu entziehen strebte . Bald indeß vermißte die Herzogin den folgenden Schritt der Dienerin , als diese zögernd weilte ; sie wandte sich , und nun streckte Mistreß Morton ihren Armleuchter ihr stumm entgegen . Schaudernd gewahrte die Herzogin ihr Versehen ; sie löste die erstarrte Hand von seiner Säule . Mistreß Morton eilte damit zurück , und weniger fest ging dann die Herzogin weiter , den langen düstern Weg , den kein Mondlicht mehr erhellte , dessen Stille kein Wort mehr unterbrach ; nur das Geräusch der sich öffnenden und schließenden Thüren , und das Rauschen der langen Gewänder über den getäfelten Boden , der seufzend ihre Schritte wieder zu empfinden schien , unterbrach diesen geisterähnlichen Zug . Die Fremde kannte indessen keinen sehnlicheren Wunsch , als der Herzogin über ihre Lage die nöthige Auskunft zu geben . Das Zusammensein mit dieser ausgezeichneten Frau hatte ihr die Aussicht auf ein unbedingtes Vertrauen eröffnet , nach dem sie sich lebhaft sehnte , und ihre eigne hochgestellte Individualität hatte sie vor dem Eindrucke der Befangenheit bewahrt , den die Herzogin leicht machte , und der dem Erkennen ihrer übrigen Vorzüge so hinderlich ward . Sie fühlte sich durch die Gesellschaft der jungen Damen des Hauses von allen Schrecknissen ihrer Phantasie befreit und dem harmlosen Vergnügen hingegeben , das junge Mädchen in dem Umgange mit einander finden . Ihr Verstand war jedoch zu geordnet , um die Verwirrung nicht lösen zu wollen , die in ihr Leben getreten war ; sie hoffte mit Recht , sich klarer zu werden , indem sie versuchte , sich Andern so darzustellen . Die Aeußerungen der Herzogin über ihre Geburt , ihre Unschuld , hatten die Bewußtlosigkeit der Jugend über diese Punkte in ihr zerstört und sie gelehrt , auf sich selbst anzuwenden , was sie als ferne gesicherte Zuschauerin wohl von Andern hatte bezeichnen hören , und was allerdings genügend war , diese beiden großen Güter des Lebens ihr außer Zweifel zu stellen . Sie hatte dies nicht sobald erkannt , als ihr Geist daran arbeitete , die Bilder ihres Lebens zu ordnen . Ein leichtes Geschäft , wie es schien , wo in so zarter Jugend die hervorragendste Begebenheit beginnt und schließt , und alles Fernere sich auf den liebevollen Umgang mit Verwandten und Erziehern begrenzt . Auch war es das erste Mal , daß sie ihr junges Leben überdachte und ihre Vorstellungen darüber auffrischte , und je länger sie dachte , je seltsamer ward ihr dabei . Widersprüche , Dunkelheiten drängten sich ihr auf , welchen zu begegnen sie sich schämte . Das höchste Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte sie bisher von allen diesen Reflexionen abgelöst , und sie fühlte sich sehr unvorbereitet zu einer Art von Rechenschaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehrgefühl dazu getrieben . Daß sie aber nicht leicht sein würde , daß Räthsel vorhanden seien , darüber ließ ihr folgerechter und gebildeter Geist keine Täuschung mehr zu . Wenn indeß bei anderer Sinnesart diese Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer Erklärung gegen die Herzogin ihr hätte Befürchtungen erregen können , erhöhte sich in ihrer Seele nur das Verlangen darnach ; denn von der erfahrnen Frau glaubte sie vielleicht gelöst zu hören , was nur Mangel an Erfahrung , wie sie hoffte , ihr so dunkel erscheinen ließ . Und so erbat sie am andern Tage durch Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin , welche diese auch sogleich gewährte . Sie bestimmte dazu die mittlere Schloßhalle , welche von der Sonne des Frühlings anmuthig erhellt war . Auf Mistreß Morton gestützt , trat die liebenswürdige Gestalt ein und begegnete dem strengen hohen Blicke der Herzogin , der sich forschend noch ein Mal auf sie richtete , mit einem so klaren , ruhigen und furchtlosen Aufblick ihrer Augen , daß die Herzogin von einer kleinen Beschämung sich ergriffen fühlte . Ihr oft erprobtes Mittel , durch diese Haltung Andere in schüchterner Ferne zu halten , ging an der wunderbaren , fast kindlichen Hoheit dieses frei entwickelten Wesens ohne alle Wirkung verloren . Das augenblicklich darüber in ihr entstehende Nachdenken ließ diesem jungen zarten Mädchen Zeit , die Herzogin anzureden , und mit der Ueberlegenheit der innern Wahrheit ihr so liebevolle und ehrerbietige Dinge zu sagen , daß ihr Verhältniß zu dieser stets sich überhebenden Frau in vollkommene Gleichheit und Natürlichkeit gestellt war , ehe die Herzogin aus ihrem kurzen Nachdenken zurückkehren konnte . Der Uebergang , den sie zu finden hatte , war ihr jedoch neu und nicht ganz klar , und sie begleitete einige frostige Worte mit einem bittern Lächeln und führte die junge Dame zu einem der Lehnstühle , welche man in die Bogen der Thüren geschoben hatte , um die liebliche Aussicht der Terrassen zu genießen . Es entstand eine kleine Pause , indem Mistreß Morton sich auf einen Wink entfernte , und die Herzogin , welche sich erwartungsvoll zu ihrer Gefährtin wendete , sah jetzt auf ihrem Gesichte den rührendsten Ausdruck einer lebhaften Empfindung . Sogleich fühlte sie sich in ihre bessere Stimmung versetzt , und mit dem gewinnenden Tone , der seine Modulation in einem gütig gestimmten Herzen findet , sagte sie : Wir haben nun Zeit und Ruhe , uns ganz nach Willkür unsere Mittheilungen zu machen ; doch eilt damit nicht , Lady . Lassen wir die schöne Natur nicht unbeachtet , die sich dort vor uns ausbreitet . Ich irre mich wohl nicht , wenn ich in den gefühlvollen Zügen die Liebe an solchen Gegenständen lese , auch ist kein Balsam süßer für ein leidendes Herz , als der Anblick von Gottes herrlichen Werken , wie auch kein Freund das glückliche Herz besser zu verstehen scheint und dessen Empfindung würdiger erhöht , als eben die Natur . Seht , Lady , wie schön die Sonne die fernsten Gegenstände erhellt ! Seht Ihr den glänzenden Streifen , der zunächst den Horizont wie ein breiter silberner Gürtel zu umschließen scheint ? Es ist der Trent , der seine schönen schiffbaren Wasser an den Grenzen dieser Grafschaft vorüber führt , und in ihm viele Vortheile , mir aber einen oft wiederholten Genuß in seinem reizenden Anblicke , da ich vor Allem die Nähe des Wassers liebe . Ich bewohne daher auch gern Burtonhall , welches meiner Schwiegermutter gehört , und am Ausflusse des Trent in den Humber gelegen ist und allen Zauber eines Wasserschlosses um sich verbreitet hat . Auch ich fühle lebhaft diese Neigung , hob hier die junge Fremde an , denn ich bin in einem Schlosse geboren und größtentheils erzogen , das meine Eltern an der Grenze von England an den schönen Ufern des Solvay-Firth in der Grafschaft Cumberland bewohnten . Wie , Lady ? rief die Herzogin , wie sagt Ihr ? In Cumberland ? Bei Euern Eltern ? Sie hielt inne , denn deutlich leuchtete aus den erstaunten Blicken der so heftig Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen . Doch sich schnell fassend und einen Uebergang suchend , fuhr sie gemäßigter fort : Verzeiht , Lady ! Lebhaft beschäftigt mich Euer Schicksal , wie gern möchte ich Euch dies Vertrauen , das Ihr mir schenken wollt , erleichtern , und doch , es wird Euch schwer , ich fühle es . Ihr irrt , Mylady , wenn Ihr es in Bezug zu Euch versteht , erwiederte mit Sanftmuth und Ruhe die Fremde ; aber Ihr habt Recht in Bezug auf das , was ich Euch zu sagen habe . Denn dies Euch mitzutheilen , empfinde ich eben so viel Scheu , als Sehnsucht . Mein Trost ist , daß Ihr es wissen werdet , und meine Furcht , ob ich im Stande sein werde , Euch ein klares Bild von meinem jungen Leben machen zu können . Schenket mir Nachsicht , wie Ihr mir Mitleid schenket . Ach , Mylady , ich weiß , Ihr werdet mir Beides nicht versagen . Doch laßt mich Euch darum bitten ; es thut meinem Herzen wohl , zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor zu blicken . Ehe die Herzogin es verhindern konnte , senkte sie sich zu ihren Füßen , drückte die Hand derselben an ihre Lippen und mit beiden Händen dann innig an ihre Brust , während ein Himmel von Liebe und Vertrauen aus den thränenschweren Augen zu ihr aufblickte . Das Herz der Herzogin war in Gefühlen erschüttert , die sie zwar einst mit der Zeit zu hegen gewünscht hatte , die sie aber jetzt fast gegen ihren Willen empfand , und nicht durch die Herrschaft über sich , wie sie gewähnt hatte , sondern durch die zauberische Herrschaft einer sich ihr mächtig entgegenstellenden Individualität , von der sie sich bezwungen sah . Von diesem Augenblicke an liebte sie ihre Schutzbefohlene , und welche Schattirungen auch diese Liebe späterhin gewann , dieser Moment war doch entscheidend für Beide . Faßt Euch , liebes Kind , sagte sie weich ; mein Herz ist bereit , mit Euch zu fühlen ; seid offen und wahr , wie vor Euch selbst , und denket dann nicht weiter daran , wie Alles klingen mag . Alter und Erfahrung kommen verständigend Euch wohl bei mir zu Hülfe . Und wahr will ich sein , wie vor Gott , der gegenwärtig ist und meine Gedanken leiten wird , rief die junge Lady , stand bei diesen Worten auf und setzte sich dann langsam und ruhig in ihren Sessel nieder , und das Auge in die Ferne richtend , hob sie ernst und gefaßt ihre Erzählung an : In Cumberland , Mylady , wie ich Euch beschrieb , an dem schönen Wasserspiegel des Solvay-Firth , von weiten Gärten umgeben , dort in dem Schlosse meiner Eltern in Nordwighall ward ich geboren . Mein Vater war der Graf von Melville , der Nachkomme Robert Melville ' s , des Freundes der schottischen Königin . Meine Mutter war eine Gräfin von Marr , und sie hatten Schottland beide verlassen nach dem Tode meines Großvaters , seinen Willen damit erfüllend , über dessen Ursache ich nie etwas hörte , vielleicht weil Nordwighall so wunderschön gelegen , so prachtvoll erbaut war und ein Geschenk der Königin Elisabeth an meinen Großvater . Von der Zeit an , daß ich mir dies glückliche Leben zurückrufen kann , blieben mir außer meinen Eltern und den gefälligen Gästen noch einige Personen zur Seite , die theils meine Erziehung oder Pflege leiteten , theils mein Glück durch ihre Liebe und ihren Umgang erhöheten . Doch vor Allen nenne ich Euch die Mutter und Schwester meiner Mutter ; zwar lebten sie nicht mit uns , aber sie machten uns häufige Besuche , und oft begleitete ich sie nach ihrem Schlosse , das tiefer im Innern des Landes lag . Außer ihnen lebte mein theurer Erzieher , der Caplan meiner Eltern , um mich , und zu meiner Aufsicht war mir eine liebe Frau gegeben , die früher bei meiner Tante gelebt hatte und so unendlich gut zu mir war , daß sie stets mit Mühe und Sorgfalt jeden Dienst für mich übernahm und meine Person nie aus ihren fürsorglichen Händen ließ . Meine Zeit war , als ich aus den ersten Jahren der Kindheit trat , mit Sorgfalt eingetheilt . Meine Eltern besaßen große Kenntnisse , sie wünschten sie auf mich zu übertragen , und Master Brixton , mein gütiger Lehrer , zu Oxford gebildet und hoch angesehen , unternahm es , als Freund meines Vaters , mich in den alten Sprachen und den höhern Wissenschaften zu unterrichten . Welch ' ein glückliches Leben schufen mir diese abwechselnden reizvollen Beschäftigungen . Die schönen Morgenstunden , wo ich in Brixtons kleinem Studirzimmer seinen liebevollen Unterricht genoß , und aus seinem weisen Munde das Gute und Schöne vernahm , und es , von ihm oft wiederholt , endlich auch behalten lernte . Und dann , wenn die spätern Stunden herankamen und ich schon von ferne den Schritt des Vaters erkannte , der nun kam , mich hinaus in ' s Freie zu führen . Die muthigen Pferde stampften den Boden und trugen uns pfeilschnell durch die schöne Gegend . Ich schoß den Vogel in der Luft , und der schwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir ; ich lief mit den Kindern des Schlosses um den Preis ; ich sprang von dem Rande der Terrassen und Wälle immer höher und höher , wie mein Vater es selbst leitete . O , wie gern that ich das Alles , wie fühlte ich so recht mein glückliches Herz ! - Die Nachbarschaft von Schottland , der nahe Hafen von brachte dann oft Fremde . Nicht immer durfte ich erscheinen , denn es hätte meine Zeit verdorben , die so schön durch Brixtons immer bereite Güte ausgefüllt war ; aber es waren oft Feste , wo die Jugend der Gegend sich in Tanz und Spiel auf dem Schlosse erfreute . Doch höher , als alle diese Freuden , galt mir die Gegenwart meiner Tante . O , Mylady , welch ' eine Frau war dies ! Bedenke ich , wie ich fühlte , so muß ich sagen , daß ich nur für den Augenblick lebte , wo ich sie wiedersehen sollte . An sie dachte ich , wenn ich in Arbeiten ermüden wollte ; ihr Andenken war meine höchste Strafe , wenn ich gefehlt hatte ; ihr heiliger Ernst umschwebte und mäßigte die trunkene Freudigkeit meines Herzens . Und war sie nun endlich da , die heiß Ersehnte , deren Bild mich wie mein Schutzgeist umgab , dann fand ich keine Ruhe , ehe ich nicht zu ihren Füßen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und Uebertretung . Jahrelang behielt ich ihre Antworten . Ach , so sprach kein Mensch außer ihr , es war nie zu vergessen ; es waren immer nur wenige Worte , oft ein Blick , eine leise Bewegung des Hauptes oder ein Lächeln , worin Lohn und Strafe lag , wie sie Keiner ertheilte . Ach verzeiht ! rief die junge Erzählerin hier , und heiße Thränen stürzten aus ihren Augen , glaubt mir , Mylady , ich weiß nicht , wie ich leben kann , da dieses Ziel meines Daseins , dieser Zweck meines Strebens , meiner Wünsche und Hoffnungen , mir geraubt ist . Sie verhüllte ihr Gesicht , und die Herzogin ehrte den heißen Schmerz dieses feurigen Gemüthes durch mildes Schweigen . Und doch , Mylady , sie ist es allein wieder , warum ich leben kann , warum ich leben will , und Alles ertragen und handeln , als ob ihr heiliger Blick mich noch richten könnte , wie sonst . Sie würde mir zürnen