gehabt . Dem Eingeweihten war das animalische Leben die Hauptsache geworden . Von Natur zweiflerisch gesinnt , hatte er durch ein wundes Verhältnis welches ihn heimlich peinigte , einen noch schärferen Blick für den Zwiespalt der einzelnen Dinge bekommen . Alles Geistige und Gemütvolle fand an ihm einen entschiednen Verneiner , der die ätzendsten Einwürfe im ruhigsten Tone vortrug . Jene trostlose Meinung , daß der Mensch sich nur durch eine Art von höherem Instinkt über das Tier erhebe , trat hier in reiner ausgeprägter Gestalt auf . Der Arzt war unerschöpflich in Beispielen , welche beweisen sollten , daß alles ideelle Streben der Menschheit und des Menschen immer nur zur Torheit oder zum Verbrechen geführt habe , daß der Kreis , in welchem sich die Geschlechter umherdrehn , ein überaus kleiner sei , und daß nur die unermüdliche Einbildung der Selbstgefälligkeit ihn zu einem großen erweitre , oder seine Peripherie in die beliebte grade Linie nach dem sogenannten Ziele der Vollkommenheit verwandle . Hermann hatte sich , wie wir wissen , selbst für einen frühreifen Propheten des Nihilismus gehalten . Wie aber das Licht der Kerze neben der Strahlenglut der Sonne erbleicht , so schmilzt die Spielerei eines angeeigneten Wahns am Feuer einer echten Gesinnung . Er bestritt den Arzt mit allen Waffen , die ihm zu Gebote standen , und führte die Sache der Begeistrung , so gut er konnte . An Eifer fehlte es ihm nicht , aber die Rüstkammer , welche für solchen Streit nur in der Geschichte oder in dem eignen , auf große Weise geführten Leben anzutreffen ist , war ihm verschlossen . Sein Leben , wenn er es gründlich untersuchte , erschien ihm ziemlich dünn , und die Geschichte hatte er , wie er zu seinem Schrecken bemerkte , über der Beschäftigung mit den Zeitungen bis auf einige allgemeine Umrisse fast vergessen . Der Fülle von Stoff , welche der Arzt phalanxartig ihm entgegensetzte , wußte er selten auslangend zu begegnen , und mußte sich eines Tages , als jener jede eigentliche Freundschaft bestimmt leugnete , und mit grausamer Deutlichkeit alle Verbindungen unter Männern aus dem Interesse ableitete , mit dem Argumente der Frauen helfen ; daß er trotz allem Gesagten doch fühle , es sei anders und besser . » Orest und Pylades , Damon und Pythias gehören in das Reich der Fabeln « , sagte der Arzt . » Wenn es wahr ist , was man von Jonathan erzählt , so sehe ich darin nichts Großes . Er wußte recht wohl , daß er von seinem Vater Saul wenig zu befürchten habe , und daß es immer vorteilhafter sei , sich zur aufgehenden Sonne zu halten , als zur sinkenden . Und so geht es noch heutzutage . Wie empfindsam wurde der Göttingische Dichterbund ausgeputzt ! Die Jünglinge umarmten einander unter der Bundeseiche unweit der Leine , hoben die Finger empor und leisteten den Schwur ewiger Treue , Klopstock erschien in ihren Versammlungen als Oberpriester und Erzdeutscher ; wie schön , wie erhebend ! Die Treue hielt auch vor , solange einer vom andern regelmäßig seine Ode empfing ; als aber dieser Tauschhandel wechselseitiger Begeistrung flau ward , schlief die Liebe allgemach ein , und an ihrer Stätte erwachte ein grimmiger Haß , der noch nach Jahren gedruckt hervorbrach , und von dem wenigstens ich den Grund nur darin finde , daß Voß Stolberg und Stolberg Voß zu besingen überdrüssig geworden war . Glauben Sie mir , die Sache steht , nüchtern betrachtet , so : Jugendfreundschaften dauern nie aus , und was in den späteren Jahren Freundschaft genannt wird , bezieht sich auf Sachen und Zwecke , nicht auf die Person . Wenn man aufrichtig sein will , so wird man sich gestehen müssen , daß ein Mann immer vor dem andern im letzten Winkel seiner Seele einen geheimen Widerwillen behält . Auch in dieser Hinsicht sollten wir uns von unsern Mitgeschöpfen nicht so weit entfernt glauben . Der Sozietätstrieb läßt sich nicht leugnen ; er ist aber auch in den Ameisen und Bienen , in der Wanderratte , und unter den Vögeln , in den Krähen und Staren sichtbar . Die Freundschaft soll , wenn sie echt ist , reingeistiger Natur sein , nun frage ich : wie kann sie also uns , die wir in Haut und Knochen , Fleisch und Sehnen hangen , eignen ? « » Mit solchen Reden kann man freilich den Frühling entlauben , die Menschheit entmenschen , und den Himmel entgöttern ! « rief Hermann . - » Sie selbst aber sind , wie alle Verkündiger des Nichts , Ihr eigner Widerleger . Sie fühlen sich zu andern hingezogen , ohne Eigennutz ; Sie haben Zuneigungen , die um ihrer selbst willen vorhanden sind , ohne Rücksicht auf Vorteil , oder sonstige unedle Motive . « - » Was wollen Sie damit sagen ? « fragte der Arzt verlegen . » Ich bin geheilt . Ihr Amt hat bei mir aufgehört « , versetzte Hermann warm und eifrig . » Dennoch kommen Sie täglich zu mir . Ich weiß , daß ich Ihnen nichts bieten kann , was Ihren Verstand beschäftigte . Und doch kommen Sie , und wir sind stundenlang zusammen . Soll ich aus dieser Annäherung , wodurch Sie mich höchlich ehren und erfreun , die Folgrung gegen Sie machen , oder übernehmen Sie dies nun selbst ? « » Ich muß ja wohl « , erwiderte der Arzt , indem er beruhigt Atem schöpfte , und seine Hand aus der Hand Hermanns , ohne dessen Druck zu erwidern , zurückzog . Er sprach von andern gleichgültigen Dingen , konnte aber ein Lächeln nicht verbergen , womit er hin und wieder unsern Freund von oben bis unten betrachtete . Beim Abschiede sagte er : » Sie glauben nicht , wie unsereinen , jetzt , wo man fast nur eingebildete Kranke unter Händen hat , ein wirkliches großes Übel , wie das Ihrige war , anzieht . Und dann sah ich , als ich Sie baden ließ , daß Sie den schönsten normalsten Körper besitzen , den ich je erblickte . Ich muß gestehn , daß mir ein solcher Leichnam noch nie auf dem anatomischen Theater vorgekommen ist . « Hieraus merkte denn Hermann freilich , daß er dem Arzte mehr ein pathologisches Objekt sei , als ein Gegenstand der Zuneigung . Verstimmt und traurig fand ihn Wilhelmi , der in der Regel gegen Abend kam , mit ihm Schach zu spielen . Zu diesem zog ihn die Sympathie in dem Maße hin , als ihn der Arzt abstieß . Auch hier trat ihm eine verzweifelnde Ansicht des Lebens entgegen , aber die Verzweiflung entsprang aus dem fruchtlosen Suchen nach der irdischen Erscheinung der himmlischen Urania . Wilhelmi gehörte zu den vielen Deutschen , bei denen der Sinn die Tatkraft überwiegt . Es scheint fast , daß man mit einem gewissen Leichtsinn handeln müsse , um eigentliche Resultate zu erblicken . Er war mit seinem bedeutenden Verstande , mit seinen Kenntnissen und Gesinnungen doch nur in kleinliche Verhältnisse geraten ; unter Zaudern und Wählen waren ihm die besten Lebensjahre verstrichen . Nun war er der Diener eines abgelegen hausenden Dynasten , und konnte sich in dieser Stellung unmöglich gefallen . Aus dem Mißverhältnis , in welchem er sich zu seinem Geschicke fühlte , erwuchs ihm das Gefühl für das allgemeine Mißverhältnis in der Welt , ein Gefühl , welches durch körperliche Leiden noch geschärft wurde . Unzufrieden mit allem , was er in der Wirklichkeit sah , erbaute er sich eine Art von Traumwelt , und suchte sich in allerhand Willkürlichkeiten eine problematische Existenz zu gründen , da das Leben ihm die Mittel zu einer andern nicht bieten wollte . Die Jugend hat einen natürlichen Hang , die Welt anzuklagen , um das Recht zu bekommen , sie zu verbessern , und wer diesen Ton voll und stark erklingen läßt , wird ihr immer angenehm sein . Hermann hatte von dem ernsten verdrießlichen Manne eine hohe Meinung gefaßt , und überbot sich mit ihm in Reden gegen die Menschheit und Zeit , wo es sich denn oft ergab , daß er über das Ganze grade das Gegenteil von dem sagte , was er kurz vorher dem Arzte gegenüber im Einzelnen aufrecht zu erhalten versucht hatte . Der Schimmer des Geheimnisvollen , welcher Wilhelmi umwebte , vermehrte nur den Eindruck seiner Persönlichkeit . Hermann hatte bemerkt , daß wenn er jenen nach seiner Wohnung im ältesten Teile des Schlosses begleitete , er nicht in das eigentliche Arbeitszimmer des Freundes gelassen , sondern in einem Vorgemache abgefertigt wurde . Die Spöttereien des Arztes über die Höhle des Sehers , welche kein Profaner betreten dürfe , reizten seine Neugier nur noch stärker , und er spürte mehrmals die Versuchung , wenigstens durch das Schlüsselloch in das Mysterium zu blicken , wenn Wilhelmi , ihn zurücklassend , durch die Pforte abschritt , um ein Buch , oder sonst etwas , worauf die Unterhaltung geführt hatte , zu holen . Wilhelmi seinerseits erfreute sich endlich eines geduldigen Zuhörers , ja einer zweiten Stimme in dem Konzerte , welches er so gern anstimmte , und in dem er bisher fast immer nur Solo hatte spielen müssen . Aus dem Zusammenreden entstand bald ein Zusammenempfinden , und da Hermann ihm mit wahrer Liebe entgegenkam , so konnte ein aufrichtiges Wohlwollen des älteren Mannes nicht ausbleiben . Dieser nahm sich im stillen vor , eine Lieblingsgrille , welche er noch niemand zu eröffnen gewagt hatte , mit seinem jungen Freunde auszuführen . Als einige Partien gemacht worden waren , in denen sich Hermann heute ziemlich schwach verhalten hatte , stand Wilhelmi auf , ging mit feierlichem Anstande durch das Zimmer , trommelte sodann auf den Fensterscheiben , und sagte und tat hiernächst gewisse Dinge , die nicht verraten werden dürfen . Seine Mutmaßung bestätigte sich . Hermann antwortete , wie er mußte , und beide schüttelten einander als Brüder einer weit verbreiteten Genossenschaft herzlich die Hand . » Kommen Sie « , sagte Wilhelmi , » ich habe Ihnen etwas zu vertraun . « Erwartungsvoll folgte Hermann seinem Verbündeten durch die langen Gänge des Schlosses . Es war schon spät , und die Fußtritte hallten auf dem Estrich . Wilhelmi nahm in seinem Vorzimmer zwei Armleuchter vom Tische , zündete die Kerzen an , und hieß mit dem Ernste eines Magus Hermann in das Allerheiligste treten . Wir meinen das Studierzimmer . Hier wurde freilich die Erwartung des Gastes enttäuscht . Er sah nichts , als eine Art Faustischer Zelle , wie sie zu jedem deutschen Gelehrten herkömmlich gehört . Bücher standen auf Brettern , die vom Fußboden bis zur Decke emporreichten , Glasschränke mit Antiquitäten und allerhand Seltenheiten nahmen den übrigen Raum ein , jede etwa noch leere Stelle an der Wand war mit einem Kupferstiche , einer Zeichnung , oder einem Risse zugedeckt . Man konnte sich kaum umdrehn . Vergebens aber spähte Hermann nach Geheimnissen . » Warum halten Sie dieses Zimmer so verborgen ? « fragte er ungeduldig seinen Wirt , der mit ängstlicher Sorgfalt einige Federn , die von dem ein für allemal angewiesenen Orte gewichen waren , zurechtlegte . » Hier ist der einzige Raum auf der Welt , wo ich frei Atem hole « , versetzte Wilhelmi . » Zwischen diesen vier Wänden liegt mein Asyl ; hier kann ich sein , wie ich will , und nur mein innigster Freund soll dieses kleine Königreich mit mir teilen . Kein kaltes , kein freches Gesicht störe den Frieden , der hier mich umsäuselt ! Hier bleibe es Ordnung , wenn die Unordnung draußen auch noch so groß wird . « Wirklich schien dieses Gemach , so überfüllt es war , ein Heiligtum saubrer Genauigkeit zu sein . Kein Stäubchen wäre wegzublasen gewesen , denn Wilhelmi fegte selbst mehrmals des Tages alles ab , und dem Diener war nur erlaubt , den Grund zu kehren . Symmetrisch geordnet lagen und standen auf dem Schreibtische Papiere , Federmesser , Brieffalzer in abgemeßner Entfernung voneinander , umsonst würde ein Maler hier das Modell zu der reizenden Verwirrung eines Stillebens gesucht haben . In Reihe und Glied schnurgrade standen die Bücher , von himmelblau angestrichnen Brettern hoben sich die Raritäten hinter wasserhellen Scheiben nett und deutlich ab . » Helfen Sie mir ! « sagte Wilhelmi zu Hermann , der die Totenurnen , die Elfenbeinsachen in den Schränken , die Zeichnungen und Risse an den Wänden betrachtete . Sie gingen in ein Seitenkabinett , und Wilhelmi schlug den Deckel von einem großen Kasten zurück . Mit Verwundrung sah Hermann darin einen vollständigen mystischen Apparat . Als sie ihn auspackten , horchte Wilhelmi auf . » Mir war es « , sagte er , » als hörte ich ein Geräusch . « Im Zimmer war aber nichts zu erblicken . Vorsichtig schloß er die Türe nach außen ab . Hierauf schmückten beide das Zimmer in seltsamer und geheimnisvoller Weise aus . » Tun wir auch recht ? « fragte Hermann bedenklich . » Es ist auf kein Schisma abgesehn « , versetzte Wilhelmi , » ich stelle diese Zeichen nur um uns her , unsre Gedanken von der gemeinen Alltäglichkeit abzusondern , die leider in jedem Momente sich aufdrängt . « Er nahm in einem thronartigen Lehnstuhle Platz , Hermann mußte sich gegenüber auf einem Tabouret niederlassen . Er war sehr gespannt auf das , was aus diesen Anstalten sich entwickeln werde . Wilhelmi begann seinen Vortrag folgendermaßen . Zehntes Kapitel » Wir können nicht leugnen , daß über unsre Häupter eine gefährliche Weltepoche hereingebrochen ist . Unglücks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt ; der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist aber , sich auch ohne alles besondre Leid unselig zu fühlen . Ein ödes Wanken und Schwanken , ein lächerliches Sichernststellen und Zerstreutsein , ein Haschen , man weiß nicht , wonach ? eine Furcht vor Schrecknissen , die um so unheimlicher sind , als sie keine Gestalt haben ! Es ist , als ob die Menschheit , in ihrem Schifflein auf einem übergewaltigen Meere umhergeworfen , an einer moralischen Seekrankheit leide , deren Ende kaum abzusehn ist . Man muß noch zum Teil einer andern Periode angehört haben , um den Gegensatz der beiden Zeiten , deren jüngste die Revolution in ihrem Anfangspunkte bezeichnet , ganz empfinden zu können . Unsre Tagesschwätzer sehen mit großer Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands , wie er gegen das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte , und noch eine Reihe von Jahren nachwirkte , herab . Er kommt ihnen schal und dürftig vor ; aber sie irren sich . Freilich wußten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt ; die Kreise , in denen sie sich bewegten , waren kleiner , aber man war mehr in seinem Kreise zu Hause , man trieb die Sache um der Sache willen , und , daß ich bei der Schutzrede für die Beschränkung mit einem recht beschränkten Sprüchlein argumentiere : der Schuster blieb bei seinem Leisten . Jetzt ist jedem Schuster der Leisten zu gering , woher es auch rührt , daß kein Schuh mehr uns bequem sitzen will . Wir sind , um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen , Epigonen , und tragen an der Last , die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt . Die große Bewegung im Reiche des Geistes , welche unsre Väter von ihren Hütten und Hüttchen aus unternahmen , hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt , welche nun auf allen Markttischen ausliegen . Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben . Aber es geht mit geborgten Ideen , wie mit geborgtem Gelde , wie mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet , wird immer ärmer . Aus dieser Bereitwilligkeit der himmlischen Göttin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz eigentümliche Verderbnis des Worts entstanden . Man hat dieses Palladium der Menschheit , dieses Taufzeugnis unsres göttlichen Ursprungs , zur Lüge gemacht , man hat seine Jungfräulichkeit entehrt . Für den windigsten Schein , für die hohlsten Meinungen , für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe die geistreichsten , gehaltvollsten , kräftigsten Redensarten . Das alte schlichte : Überzeugung , ist deshalb auch aus der Mode gekommen , und man beliebt , von Ansichten zu reden . Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit , denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehn , von denen man redet , und womit beschäftigt zu sein , man vorgibt . « » Wie wahr ! Wie haben Sie so ganz recht ! « rief Hermann , den Redner unterbrechend , aus . Die Gedanken , welche Wilhelmi vortrug , hatten ihn in die höchste Bewegung versetzt . Jener fuhr fort : » Ich muß Ihnen gestehn , daß mich die Betrachtung der allgemeinen Schwätzerei oft der Verzweiflung nahe gebracht hat . Wenn ich rings um mich nichts als das lose lockre Plaudern vernahm , wenn ich Kunstvereine mit pomphafter Ankündigung von Leuten stiften sah , die kalt an den Werken des Raffael vorübergehn würden , zeigte man ihnen diese , ohne den Namen des Meisters zu nennen ; wenn ich hörte , da habe wieder einmal einer , vom innern Drange getrieben , das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt , von dem ich recht wohl wußte , daß es mit dem religiösen Bedürfnisse bei ihm betrübt stand , daß er nur ein leichter nachgiebiger Weltcharakter war , wenn die Schneeflocken des politischen kalten Brandes mir aus dem Munde solcher entgegenstäubten , von denen ich voraussehen konnte , sie würden nicht der kleinsten Aufopfrung für ein Gemeinwesen fähig sein , dann , mein junger Freund , hatte ich Momente , in denen ich mir hätte das Leben nehmen können ! Ich betastete mich und fragte : Bist du nicht auch ein Schemen , der Nachhall eines andern selbständigen Geistes ? Ich grub in die letzten Tiefen meiner Seele , und suchte nach der Affektation , die , das wußte ich wohl , in irgendeinem verborgnen Winkel bei mir ebenfalls lauern mußte . Ich sah ja alles verfälscht , vom armseligen Journalisten und seinem Handlanger an , die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur ihr trostloses Leben fristen , und ihre winzige Persönlichkeit bemerkbar machen wollen , bis hinauf zum Fürsten , dem ein faselnder Minister allerhand unregentenhafte Kostbarkeiten vor dem Volke in den Mund legt . Sollte ich denn allein eine Ausnahme machen ? « » Sie sind eine ! « rief Hermann begeistert , Wilhelmin feurig die Hand drückend . » Wir leben in einer erbärmlichen Welt , und man möchte mit Feuer und Schwert darein wüten ! « » Da würden wir nebenher auch verzehrt . Nein , bei uns müssen wir beginnen , und mit unsrem Selbst den ersten Baustein zum Tempel der neuen Andacht tragen ; Lege den Gehalt einer Gesinnung auch in das kleinste Tun ! Sprich nichts , als was du wirklich gedacht hast ! Sei wahr in jedem Atemzuge ! Nach diesen drei Vorschriften lassen Sie uns jeden Moment unsres Daseins prüfen , und wenn wir selbst auf solche Weise streng gegen uns sind , dann haben wir die Befugnis , unerbittlich gegen andre zu sein . Antworten Sie mir ! Sind Sie durchdrungen von dem , was ich äußerte ? Haben Sie den Mut , mit mir auf der neuen dornigen Bahn zu wandeln ? « » Ja ! « war alles , was Hermann vorbringen konnte . Sein ganzes Leben ging in diesem Augenblicke ihm vorüber . Er fühlte , wie oft er die Fehler und Zweideutigkeiten sich hatte zuschulden kommen lassen , die Wilhelmi so scharf rügte . Die Sucht zu glänzen und zu scheinen , war ihm leider nicht fremd geblieben . Er gelobte sich mit stillem Schwure , ein andrer und beßrer zu werden . Wilhelmi nahm einige Zeremonien vor , die wir unbeschrieben lassen . Dann umarmte er den Neophyten , und rief : » So nehme ich dich denn auf , mein Bruder , in den neuen Grad , den ich hiemit stifte ! « Eilftes Kapitel » Der Orden , dem Sie und ich angehören , wird bestehn , solange die Welt besteht , denn seine Formen sind ewig und unsterblich . Aber der Stoff , der in das Gefäß getan wird , veraltet von Zeit zu Zeit , oder verbraucht sich ganz und gar , und auf diesem Punkte stehn wir jetzt . Was soll uns die Humanität , die einst in unsern geweihten Hallen zuerst ihr stilles Reich gründete ? Leider sind wir draußen nur gar zu human geworden . Ein neues Licht tut uns not , dafür wollen wir Lehrlinge suchen , stufenweise sollen sie zu der Erkenntnis geführt werden , daß die Menschheit eine Masse ist , welche der Verwesung entgegengeht , wenn nicht rasch eingeschritten wird . Das sei fortan das Geheimnis unsrer Bruderschaft , und in diesem Sinne helfen Sie , mein Freund , den Orden ohne Feindschaft und ohne Kampf in seinem innersten Wesen verjüngen . « Hermanns Busen schwoll von Entschlüssen . Er wünschte sich die schwersten Proben , um den neugewonnenen Sinn für Wahrheit kräftig zu betätigen . » Wir werden keinen leichten Stand haben « , fuhr Wilhelmi fort . » Neben der Schminke und dem Firnis der andern wird sich unsre Art arm und einfältig ausnehmen . Jeder gibt sich für mehr , als er ist , wir , die wir uns nur zeigen wollen , wie wir sind , werden auch das Wenige nicht gelten , was wir sind . Schlicht und vernünftig sein , heißt heutzutage dumm sein , und wer handelt , ohne Prätensionen zu machen , kann darauf rechnen , übersehn oder gar verachtet zu werden . « » Ist es zu irgendeiner Zeit anders gewesen ? « rief Hermann . » Wollen wir es besser haben , als die tausend Märtyrer vor uns , welche auch litten und bluteten , weil sie sich nicht entschließen konnten , die Gebrechen ihrer Mitwelt zu teilen ? « Jetzt raschelte es hinter dem Postamente der großen etrurischen Vase in der Ecke ganz vernehmlich . Wilhelmi und Hermann sahen nach und standen beide starr vor Erstaunen und Schreck . Flämmchen saß hinter dem Postamente . Sie warf sich zitternd auf die Knie , und rief : » Vergebt mir , ich konnte mich nicht halten ; schon lange wußte ich , daß der Schwarze ein Hexenmeister sei , es zog mich hinter euch her , als ihr fortschlicht . « » Nur erst das hier weg ! « rief Wilhelmi . Beide packten die Heiligtümer stürmisch auf und warfen sie unordentlich in das Seitenkabinett . Unterdessen huschte Flämmchen durch die Stube nach der Türe , um zu entfliehn . Wilhelmi bemerkte es , eilte ihr nach , und hielt sie beim Arm zurück . » Du gehst nicht von der Stelle , bis du gebeichtet hast « , sagte er . » Ungezogner Knabe , wie hast du dich erkühnen dürfen , hier einzudringen ? Was hast du gesehn ? Was hast du gehört ? « - » Alles ! « stotterte Flämmchen . » Mach mich nur nicht tot ! Du hast mit meinem Zukünftigen ein Verbündnis gestiftet , und ihn die Künste gelehrt , den Teufel zu zwingen , daß er allen Leuten den Mund aufbricht , damit sie die Wahrheit sagen ! « Hermann mußte ungeachtet des Ernstes der vorhergegangnen Szene lächeln . Wilhelmi schlug sich vor den Kopf , und sagte französisch : » Wenn der Junge ausplaudert , was er erlauscht hat , so werden wir vor dem Herzoge , dem alle höhere Dinge eine Torheit sind , zum Gespötte ! « » Benutzen Sie seinen Aberglauben , ihm die Lippen zu versiegeln « , versetzte Hermann ebenfalls französisch . Flämmchen sah sie beide ungewiß und furchtsam an . Wilhelmi faßte sie am Kinn , hob ihr den Kopf in die Höhe und sagte in einem ruhigeren Tone : » Es ist wahr , daß ich manches verstehe , was kein Mensch sonst weiß . Wenn du aber von dem , was du hier beobachtet hast , eine Silbe verrätst , so dreht dir der Teufel im nämlichen Augenblicke den Hals um ! « Flämmchen legte den Finger auf den Mund , reckte ihn dann wie zum Schwure in die Luft , und sagte : » Wenn ich etwas sage oder merken lasse , so will ich des Todes sein auf der Stelle . Was denkst du auch von mir ? Werde ich mich gegen euch auflehnen ? Weiß ich nicht , daß , wenn ihr durch das Bild stecht , den Menschen der Schlag rührt , daß ihr eure Feinde totbeten , oder bei lebendigem Leibe verwesen machen könnt ? « - Sie lehnte sich an ihn , und flüsterte mit dem zärtlich-schmeichelnden Ausdruck , der ihr eigen war , wenn sie etwas erlangen wollte : » Lehre mich auch deine Künste ! Oder « , fügte sie hinzu , » entdecke mir wenigstens , wer mir meine Zaubersachen weggenommen hat ? Ach , der böse Mensch ! Alles hat er mir gestohlen , und ich bin ganz arm ! « Ihre Stimme hatte bei diesen Worten etwas so Tiefklagendes , daß Hermann , der schon in den letzten Tagen ihr verzweiflungsvolles Suchen nach den verschwundnen Kleinodien nicht ohne Bewegung hatte mit ansehn können , gerührt wurde . Er wandte sich ab , und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus . Wilhelmi dagegen lachte über die Einfalt des Kindes . » Kommt Zeit , kommt Rat « , scherzte er . » Wer weiß , was ich tue , wenn du folgsam und gelehrig bist . Aber jetzt leiste mir zuerst einen Dienst , spring hinab zum Haushofmeister und bestelle ein kaltes Abendbrot , mit dem nötigen Getränk aus meinem Keller , und sage dem Philipp , er solle zwei Couverts auflegen . « » Woher haben Sie diesen Knaben ? « fragte er Hermann nach Flämmchens Entfernung . » Er ist eine Waise aus guter Familie « , versetzte jener beklommen und suchte ein andres Gespräch auf die Bahn zu bringen . Aber Wilhelmi ließ sich nicht ablenken , und sagte : » Eine seltsame Erscheinung , der Fritz ! dieser Aberglaube ! man sollte kaum glauben , daß dergleichen sich in unsrer Zeit noch so ausbilden könnte ! Überhaupt scheint die Natur es mit ihm auf eine Spielart angelegt zu haben . Seine Haut ist fein , wie aus dem Ei geschält , sein Haar das zarteste , was man nur finden kann , und er ist so eigen gebaut , daß , wenn man ihn zum Scherz in Mädchenkleider steckte , jeder ihn für eine Dirne halten würde . « » Wo denken Sie hin ? « rief Hermann roten Antlitzes , gezwungen lachend . Nachdem , wie vorgedacht , die Gesetze des neuen Ordens betätigt worden waren , kam Flämmchen , sich mit einem Korbe schleppend , woraus weißes Gedeck , die leckersten Sachen und einige verpichte Flaschenhälse sahen . » Es geht auf Mitternacht ; dein Philipp ist schlaftrunken , er würfe alles entzwei , ich habe es ihm abgenommen , laß mich euch bedienen « , sagte sie . » Du bist zu ungeschickt « , rief Hermann , der für sein Leben gern das Mädchen entfernt hätte . - » Lassen Sie den Fritz gewähren « , sagte Wilhelmi , » mit meinem Philipp ist in diesem Zustande , den ich an ihm kenne , nichts anzufangen . « Die Ritter der Wahrheit setzten sich hierauf zu Tische . Hermann bemerkte , daß , wenn auch sein Wirt die Welt im ganzen schalt , diese Verachtung sich nicht auf das einzelne gute Eß- und Trinkbare ausdehnte , was noch hin und wieder in derselben angetroffen wird . Man sprach den feinen Sachen , die aufgetragen waren , wacker zu , der köstliche Burgunder , mit dem man begann , wurde nicht geschont , und man ging über die erste Champagnerflasche ohne Zagen hinaus . Wilhelmi hatte sich durch seine Mitteilung einer langgetragnen Bürde entledigt und war unbeschreiblich vergnügt . Er konnte nicht viel vertragen , und mit Erstaunen sah sein Gast , wie er nach den ersten Gläsern aus dem Extreme der trübsten Gedanken , womit diese Zusammenkunft begonnen hatte , in das entgegengesetzte der ausschweifendsten Lustigkeit überging . Er nötigte ohne Unterlaß , erzählte Schnurren über Schnurren , schwatzte von den Abenteuern seiner Jugend , und nannte Hermann , welcher Grund hatte , sich zu schonen , und sich etwas gelinder verhielt , einen finstern Moralisten . Endlich begann er , Studentenlieder zu singen , in die , da sie alle Freiheit , Bruderschaft und Recht atmeten , Hermann , von dem neugewonnenen Orden entzündet , feurig einstimmte . Nichts exaltiert so , als Singen beim Glase ; bald war unser Freund so laut , als sein Genosse . Flämmchen war unterdessen auch nicht still geblieben . Man hatte ihr in ihrem Winkelchen des Guten , so viel sie begehrte , zukommen lassen , und bald zeigten sich die Wirkungen . Ihr Grauen verschwand , die leichtfertige Natur kam zum Vorschein , sie hüpfte in drolligen Sprüngen durch das Zimmer , umarmte den singenden Wilhelmi und schwor unter Lachen , er sei der lustigste Teufel , den sie je gesehen habe ; schlug Rad , zertrümmerte dabei eine Scheibe an einem Antiquitätenschranke , schlich sich zu den Büsten des Plato und Pythagoras unter dem Spiegel , malte ihnen mit Kohle Schnurrbärte , kurz , sie trieb alle Torheiten , die in einem Zimmer , welches noch vor kurzem ein Tempel der Weisheit gewesen war , nur verübt werden können . So dauerte dieses Bacchanal unter Singen , Schwatzen und Possenreißen fort , bis des Nachtwächters Stimme Zwei abrief . Da nahm sich Hermann