, wie Dich , ich wäre ja nicht zu solchem Elende herabgesunken ; hätte ich einen solchen Freund in meiner Nähe geahnet , ich würde ihn ja um Hülfe angesprochen haben und nicht in Gefahr gerathen sein , mit meinem armen Kinde zu verschmachten . Therese hatte sich nun auch einer Hand des Grafen bemächtigt , die sie mit Küssen und Thränen bedeckte . Der Graf überließ sich seiner Rührung und ihren Liebkosungen , weil er fühlte , daß man die Herzen gefühlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet , wenn man gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will , sondern sich unfreundlich ihrer Liebe entzieht . Die Gemüther waren endlich wieder ein wenig beruhigt worden , und man suchte sich gewaltsam zu fassen , als die Magd hereintrat , um den Tisch für die kleine Gesellschaft zu decken . Sie starrte verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmünzen an und verließ das Zimmer augenblicklich wieder , weit bescheidener , als sie eingetreten war . Der Obrist betrachtete nachdenklich das kleine Häufchen Goldes , und ein wehmüthiges Lächeln schwebte um seinen Mund . Auch ich , sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen , war einmal in der Lage , eine solche Summe weggeben zu können , und ich darf mir das Zeugniß geben , ich habe es mehr , als ein Mal , gethan ; aber dennoch muß ich gestehen , habe ich niemals das wahre Mitgefühl für meine leidenden Brüder gehabt , weil ich das gräßliche Elend , das ein Mensch erdulden kann , nicht kannte , weil ich nicht zu ahnen vermochte , von welchen Qualen eine solche Summe uns erlösen kann . Ach ! fuhr er tief seufzend fort , wenn man sein Vermögen nach und nach schwinden sieht , wenn es endlich bis auf eine solche Summe geschwunden ist , und wir trostlos einem dürftigen Alter entgegen sehen , dann glaubt man zu verzweifeln ; wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun täglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt : wenn wir nichts mehr unser nennen , als eine solche Münze , wie glücklich dünkt uns dann der Zustand , in welchem wir noch eine solche Summe besaßen ; wenn wir nun endlich mit zagender Hand das letzte Goldstück hinreichen und es in Scheidemünze verwandeln lassen , wie ängstlich zuckt unser Herz bei jedem Stückchen Silber , um welches wir unsern kleinen Schatz verringern . Ach ! und mit welchem Gefühl geben wir die letzte , allerlezte kleine Münze hin ; es ist , als ob man von dem Leben schiede . Der Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Rührung nicht beherrschen , die sich seiner von Neuem bemeisterte . Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des alten Mannes und sagte mit milder , tröstender Stimme : Lassen Sie das Vergangene vergangen sein , lassen Sie uns muthig den Blick auf die Zukunft richten , die für uns Alle noch vieles Erfreuliche enthalten kann . Der Obrist antwortete nur durch einen Händedruck und trocknete schnell seine Augen , als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte , der ganz unentbehrlich war , wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten . Der Obrist nahm das Gold von dem Tische hinweg , über den ein schlechtes Tischtuch gebreitet werden sollte , und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand , denn nirgends im Zimmer war etwas , worin man diese Summe hätte aufbewahren können ; lächeld steckte er sie endlich zu sich . Das ärmliche Mahl war bald geendigt , und der Graf erinnerte an die nöthige Berechnung mit dem neuen Verwalter , die er gern noch beendigt sehen wollte , ehe er sich von seinen neuen Freunden trennte . Der Obrist befahl der Magd , den Herrn Verwalter zu ihm her zu bitten , und der Graf fing , als die Magd gegangen war , diesen Auftrag auszurichten , eben an , mit dem Obristen zu verabreden , daß er ihm morgen die nöthigen Pferde und Wagen senden wolle , um ihn in seine neue Heimath hinüberzuführen , als die Magd die Thür mit einigem Ungestüm aufriß und , durch die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermuthigt , zum Zimmer hinein rief : der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen , er sagt , wenn Sie etwas mit ihm zu sprechen hätten , so könnten Sie eben so leicht zu ihm , als er zu Ihnen kommen . Eine glühende Röthe überflog das blasse Gesicht des Obristen , und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd folgen , die die Thüren wieder zugeworfen hatte . Der Graf aber drückte ihn sanft auf seinen Sitz zurück und sagte : Ich werde gehen und für Sie die Berechnungen mit dem Verwalter abschließen . Ein dankbarer Blick Theresens belohnte den Grafen , der das Zimmer sogleich verließ und der Tochter die Sorge überließ , den aufgeregten Vater wieder zu beruhigen . Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit empört worden , die man sich gegen eine Familie erlaubte , die man für hülflos hielt , und benutzte den Gang in der kalten Luft , um seinen Unwillen zu unterdrücken . Er mußte nämlich , wie schon bemerkt , nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen , zur Hinterthür hinausgehen , das ganze Haus sammt dem Hofe umkreisen , um dann durch den Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen . Da kein Mensch im Hause sichtbar war , so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem geräumigen Vorsaal und wußte nicht , wohin er sich wenden sollte , um den unhöflichen Bewohner des Hauses aufzufinden ; endlich bestimmte ihn ein leises Geräusch , sich einer der verschiedenen Thüren zu nähern , er klopfte an diese Thür , und herein rief ihm eine tiefe Baßstimme entgegen ; der Graf öffnete und bemerkte an einem Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefähr funfzig Jahren , dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als denjenigen bezeichneten ; dem die tiefe Baßstimme angehörte , so wie er auch aus einer großen Tabackspfeife die Wolken heraus blies , in die er sich selbst halb verhüllte . Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter andere Papiere , befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille , betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der Höflichkeit : Was begehrt der Herr ? und gab sich so als den Herrn des Hauses kund . Ihm gegenüber saß an demselben Tische ein junger Mann von schlanker Gestalt , zierlich nach der neuesten Mode gekleidet , das braune Haar gelockt , der ansehnliche Backenbart gekräuselt , das Auge zwar auch mit Gläsern bewaffnet , doch schien auch dieß mehr Mode als Bedürfniß , auch verschmähte er die plumpe Art des älteren Mannes zu rauchen , sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken durch eine Cigarre , die in einer goldenen Röhre steckte . Dieser zierliche Mann war mit Schreiben beschäftigt , worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht stören ließ , ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen , indem er mit weißen Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen Dose , die neben ihm auf dem Tische stand , ein wenig Taback nahm ; ein sehr feines battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines höchst zierlichen Herrn . Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so höchst verschiedenen Gestalten betrachtet und fragte dann : Wer von ihnen , meine Herren , ist der Verwalter des Guts ? Ich , erwiederte der Breite , indeß der Schlanke ungestört fortschrieb ; was verlangen Sie von mir ? Ich komme , erwiederte der Graf , im Namen des Herrn Obristen von Thalheim , um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschließen . Und Wer sind Sie ? fragte mit einem hämischen Seitenblick die plumpe Gestalt . Ich bin der Graf Hohenthal , erwiederte dieser verdrießlich , und ich hoffe , Sie werden keine Schwierigkeiten dabei finden , sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu berechnen , da ich von ihm beauftragt bin , jeden Rückstand sogleich zu berichtigen . O ! ganz und gar nicht , sagte der Verwalter , indem er mit plumper , verlegener Höflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte , den beschriebenen Bogen , den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte , noch tiefer verbarg und nun so eilig , als sein schwerer Körper es gestattete , ging , um einen Stuhl für den Grafen zu holen . Der junge Mann war ebenfalls aufgestanden , als sich der Graf genannt hatte ; er steckte scheinbar gleichgültig seine goldene Dose und sein battistenes Schnupftuch ein , ließ dann seitwärts einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten , nahm seine Papiere zusammen und verließ mit einer leichten , zierlichen Verbeugung das Zimmer . Der Graf brachte nun sein Geschäft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung , dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwürfigkeit verwandelt hatte , seitdem er wußte , Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm . Als der Graf zu diesem zurückkam , fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit der Magd . Diese war nämlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekündigt worden , daß man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedürfe , und nun zerfloß sie in Thränen darüber , daß sie von ihrer Herrschaft , mit der sie so Vieles gelitten habe , verstoßen werden solle . Der Graf rieth seinen Freunden , ihr Geschrei durch ein Geschenk zu beendigen , durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen . Als endlich auch dieß beseitigt war , nahm der Graf von seinen neuen Freunden Abschied , indem er sein Versprechen wiederholte , am folgenden Tage ihnen die nöthigen Equipagen zu senden . Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum möglich , den Grafen scheiden zu lassen , an dem sie mit der dankbarsten Liebe hingen , der wie ein höheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende befreit hatte . Beide hatten ihn begleitet , der Vater hielt seine rechte , die Tochter seine linke Hand ; so hatten sie die Schwelle des Hauses überschritten . Morgen , rief der Graf , morgen sehen wir uns wieder . Wenn nur meinem Vater die strenge Kälte nicht schadet , sagte Therese leise , indem ihr thränenschwerer Blick auf dem weißen Scheitel des Greises ruhte , dessen wenige graue Haare im scharfen Nordwinde flatterten , und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer und Alter entkräfteten Glieder nicht gegen die rauhe Witterung zu schützen vermochte . Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und betrachtete dann einen Augenblick die schlanke , feine Gestalt , die selbst vor Kälte in der dünnen Kleidung zitterte ; noch ein Mal fühlte er , was es auf sich habe mit den Leiden der Armuth ; kaum vermochte er seine heftige Rührung zu unterdrücken . Ich werde für Alles sorgen , rief er nur der Tochter noch zu und entzog sich mit einem herzlichen Händedrucke eilig Beiden . Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange , bis ein Gebüsch ihn ihren Blicken entzog , und kehrten dann beruhigt , getröstet , in dankbarer Liebe überfließend in ihr ärmliches Gemach zurück . Der Graf suchte die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern , wie des Wirths rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters entgegenblickte ; er kam auch dem Grafen schon an der Hausthür entgegen , nahm ihm den Mantel ab und öffnete geschäftig die Thüre des Zimmers . Eine Tasse warmer Kaffee , versicherte er gutmüthig , wird Ew . Gnaden bei dem kalten Wetter gut thun , ehe Sie Ihren Rückweg antreten , und sogleich näherte sich die Wirthin , um dem Grafen dieses Getränk in reinlichem Geschirr anzubieten . Diesem war es in der That nach dem ärmlichen Mahl eine Erquickung , und er nahm es gern an , obgleich er sich über des Wirths veränderte Stimmung wunderte , deren Ursache ihm jedoch nicht lange verborgen blieb . Der Wirth ließ es sich deutlich merken , daß er es schon erfahren habe , wie mild der Graf für den Obristen gesorgt habe . Die grobe Magd war nämlich schon früher , als der Graf in der Schenke gewesen und hatte die große Neuigkeit verkündigt . Da ihn der Graf nicht über diese Sache zu Worte kommen ließ , so suchte er seinen Beifall durch erhöhte Dienstfertigkeit auszudrücken , und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine Rechnung verlangte , hätte der Wirth gern nichts genommen , und nur des Grafen stolzes Gesicht schreckte ihn ab , doch richtete er seine Forderung äußerst mäßig ein , und als er das Geld empfing , beschloß er dasselbe dem ersten Armen zu schenken , der bei ihm herbergen würde ; dann führte er des Grafen Pferd selbst vor und hielt ihm den Bügel . Nun reisen Sie mit Gott , sagte er , als der Graf zu Pferde saß , Sie haben heut ein christliches Werk gethan . Sie sind es besser im Stande , als ich , der Segen bleibt nicht aus . Der Graf betrachtete einen Augenblick das breite , gutmüthige Gesicht des Mannes , der so herzlich froh und dankbar aussah , als ob ihm selbst eine große Last abgenommen wäre , und trat dann heiteren Muthes den Rückweg nach dem Schlosse Hohenthal an . XI Die Abenddämmerung war schon eingebrochen , und noch immer erwartete die Gräfin und Emilie mit ängstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich . Die Sorge der Frauen war von Neuem erregt worden durch die Nachricht , die der Schulze so eben gebracht hatte , daß einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien , von denen er nicht mit Gewißheit angeben konnte , ob sie zu den feindlichen oder freundlichen Schaaren gehörten . St. Julien verweilte noch auf seinem Zimmer , Dübois war bei ihm beschäftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten , wohin er eilig zu kommen aufgefordert worden war , um ärztlichen Beistand zu leisten . Emilie quälte sich mit der doppelten Sorge , daß der Oheim auf seinem Wege auf feindliche Truppen gestoßen sei , die ihn mit fortgeführt hätten , oder daß feindliche Truppen während seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses bedrängen könnten , und in beiden Fällen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse Bilder von Gräueln , die um so quälender waren , weil sie sich nicht deutlich bewußt war , was sie eigentlich fürchtete ; auch die Gräfin war durch die Nachricht des Schulzen beunruhigt , doch war ihre Hauptsorge die , dem Grafen möchte ein Unfall begegnet sein , und sie war eben im Begriff , Befehle zu ertheilen , daß man ihm auf dem Wege , den er kommen mußte , entgegen reiten sollte , als der Hufschlag eines Pferdes hörbar wurde und gleich darauf ein Reiter in den Hof sprengte . Beide Frauen eilten zum Fenster , sie vermutheten mit Gewißheit den Grafen , es war aber der Arzt , der gleich darauf hastig und lärmend die Treppen heraufstieg , und mit vor Zorn und Kälte gerötheten Wangen das Zimmer betrat , in dem die Frauen sich aufhielten . Man sah es dem Arzte an , daß etwas Großes seine Seele bewegte , der Zorn beherrschte ihn aber so sehr , daß er nicht sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte , und erst nach wiederholten Fragen der Gräfin und ängstlichen Bitten Emiliens strömte er abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen über die Schlechtigkeit der menschlichen Natur aus . Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache des ungewöhnlich heftigen Zornes des Arztes . Er war , als er von seinen Krankenbesuchen hatte heimkehren wollen , in der Schenke des Dorfes gewesen , um sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen , und war bei seinem Eintritte durch heftig streitende laute Stimmen überrascht worden , die zu seinem Erstaunen den Namen des Grafen wiederholt nannten ; hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt worden , berichtete er , und er habe mit Abscheu gehört , wie man den Grafen öffentlich beschuldigt habe , er stehe mit den Feinden in Verbindung . In seinem Hause halte sich verkleidet ein bedeutender französischer Offizier auf und leite von da aus die Operationen der Feinde ; auch der alte Haushofmeister diene als Spion . Er habe es deutlich bemerkt , behauptete er , daß diese schändlichen Beschuldigungen hauptsächlich von einem jungen Manne in schwarzer , zierlicher Kleidung ausgegangen waren , viele Bauern und andere in der Schenke anwesende Personen hätten ihren Abscheu durch laute Verwünschungen des Grafen kund gethan , andere , bessere , hätten den Grafen vertheidigt , diesen habe sich der Arzt natürlich angeschlossen , es habe nicht viel dazu gefehlt , daß ein blutiger Streit entstanden wäre , und Gott weiß , so schloß der Arzt seinen Bericht , welches mein Schicksal gewesen wäre , wenn nicht glücklicher Weise der Baron Löbau das Zimmer der Schenke betreten hätte , auf dessen Ermahnungen die Gemüther sich beruhigten , besonders als er mit großer Herablassung den unvernünftigen Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitläufig erzählte . Als der Tumult sich gelegt hatte , fuhr der Arzt fort , reiste der Baron weiter , der bloß seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen , und Jederman bemerkte nun mit Erstaunen , daß der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt des Barons entfernt hatte . Es war weislich von ihm gehandelt , setzte der Arzt noch hinzu , denn seine Verläumdungen würden ihm nun übel bekommen sein . Die Gräfin war sichtbar bestürzt über den Bericht des Arztes , und Emilie brach in Thränen und Klagen aus . Ist es möglich ! rief sie , daß eine Handlung der Menschenliebe absichtlich so verkannt wird ; wäre es glaublich , wenn wir es aus der Ferne vernähmen , daß eine so unschuldige Sache so böslich gedeutet werden kann ? Ist es nicht höchst schmerzlich , daß Menschen so feindselig gesinnt sein können ? Wie glücklich bist Du , liebe Emilie , sagte die Gräfin mit bitterem Lächeln , daß solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen ; Du ehrst und liebst noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens ; glaube mir , setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu , man bedarf großer eigner Tugend , um , wenn man die Menschen kennt , nicht an der Menschheit zu verzweifeln . Gott lasse mich niemals Erfahrungen machen , rief Emilie mit Lebhaftigkeit , die mich zu solchen Betrachtungen zwängen . Amen ! sagte die Gräfin mit Ernst , von ganzem Herzen stimme ich diesem Wunsche bei ; glaube mir , fuhr sie mit Güte fort , man erkauft solche Einsichten sehr theuer und fühlt sich nicht glücklicher durch die erlangte Weisheit . Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig ; auch fühle ich mich kaum durch die Bosheit , die darin enthalten ist , verletzt , obgleich die Verläumdung einen der edelsten Menschen trifft ; nur erfüllt es mich mit Sorgen , wenn ich bedenke , wie nächtheilig dergleichen Gerüchte dem Grafen werden können . Nachtheil , sagte der Arzt , kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen , denn alle Menschen in der Schenke wurden über die Sache aufgeklärt und werden gewiß auch Andere belehren ; wenn der schwarze Bösewicht mit seinen Verläumdungen sich noch ferner hervorwagen sollte , mit Feuereifer wird man ihm widersprechen . Daran zweifle ich , sagte die Gräfin lächelnd , vielmehr steht zu befürchten , daß man die ganze Geschichtserzählung des Baron Löbau in solchem Falle vergessen wird , oder wenn man sich seiner auch erinnert , so wird er selbst als ein halber Mitschuldiger erscheinen , wie die erhitzten Gemüther jeden so betrachten werden , der es übernimmt , den Grafen zu vertheidigen , und dieß wird natürlich Jedermann zum Schweigen bewegen . Mich nicht , rief der Arzt mit höchster Lebhaftigkeit , mich nicht , und wenn es mir das Leben kostet , so werde ich Jedermann zeigen , wie schändlich und wie wahnsinnig eine solche Behauptung ist ; auf mich kann der Herr Graf zählen . Wie ernsthaft der Gegenstand auch war , über den man sich besprach , so zwang die komische Heftigkeit des Arztes der Gräfin dennoch ein Lächeln ab , und sie erwiederte ihm in halb scherzhaftem Tone : ich zweifle an Ihrer Treue keinesweges , und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verläugnete in der Stunde der Gefahr , und uns dieß deutlich die Schwäche des menschlichen Herzens zeigt , so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen . Mit Empfindlichkeit versetzte der Arzt , man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben , die Bemerkung zu machen , daß er nicht vergeblich die Kenntniß der größten Tugenden aus griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe , es könne wohl noch kommen , daß man ihm das Zeugniß geben müßte , daß er sie auch auszuüben verstände . Er richtete , indem er dieß sagte , seine kleinen blitzenden Augen scharf auf die Gräfin , die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat , St. Julien die Sache zu verschweigen , um ihn nicht unnütz zu beunruhigen , und es ihr zu überlassen , dem Grafen die nöthige Mittheilung zu machen . Der Arzt hatte kaum jene Worte gesprochen , als er auch schon heftig erschrak über die gefährliche Kühnheit , zu der ihn , wie er glaubte , sein lebhaftes Gemüth hingerissen hätte , und eben so sehr war er nun erstaunt , daß die Gräfin seine beabsichtigte Beleidigung gar nicht zu bemerken schien ; um so bereitwilliger daher war er , das verlangte Versprechen zu geben . Man hatte während dieser Gespräche die augenblickliche Sorge für die Sicherheit des Grafen vergessen ; man hatte nicht so ängstlich auf jeden Hufschlag gelauscht , so daß ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen bewillkommnete , als er von seinem späten Ritte heimkehrend die Gesellschaft vermehrte . Man sah es an der ungewöhnlichen Heiterkeit , mit welcher der Graf die Frauen begrüßte , daß er mit dem verflossenen Tage zufrieden war ; sehr behaglich fühlte er sich am Theetische im warmen , erleuchteten Zimmer nach dem beschwerlichen Wege in Kälte und Dunkelheit . Wir waren recht besorgt um Sie , sagte Emilie , da Sie so lange ausblieben . Ich hielt mich beim Prediger auf , versetzte der Graf , aber wo ist St. Julien ? Ich dachte ihn bei Euch , meine Lieben , zu finden ; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch ? Kann es mir begegnen , rief der Arzt , indem er sich heftig vor die Stirn schlug , daß ich meine Pflicht versäume , daß ich meine Kranken nicht gehörig besuche ? Mit diesen Worten wollte er zum Zimmer hinausstürmen und stieß auf St. Julien , der eben eintreten wollte . Kaum vermochte er es , die Frauen und den Grafen zu begrüßen , so eilfertig bemächtigte sich der Arzt seiner , um sich in einen Strom von Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergießen , die St. Julien eine Zeitlang befremdet anhörte , ehe er begriff , was der Arzt eigentlich wollte ; als er ihn endlich verstand , beruhigte er ihn mit der Versicherung , daß er sich lange nicht so wohl gefühlt habe , als am heutigen Abend , und daß Dübois den nöthigen Verband ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe . Doch konnten diese tröstenden Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben , die der Arzt mit sich selber empfand . Ich werde es mir nie vergeben , rief er feierlich , aber es soll mir auch nicht zum zweiten Male begegnen ; strenge werde ich über mich wachen und keine Pflicht mehr vernachläßigen , und deßhalb will ich auch sogleich noch Manches an Medikamenten besorgen , die ich für meine Kranken in Krumbach morgen nöthig habe . Kaum ließ sich der Arzt bewegen , noch vorher mit der Gesellschaft Thee zu trinken ; er that es zwar endlich auf allgemeines Verlangen , wie er sich ausdrückte , verließ aber doch sehr bald das Zimmer , um den ganzen Abend , wie er sagte , seiner Pflicht zu leben . Man brachte den Abend heiter hin , aber dennoch war eine gewisse Spannung fühlbar . Die Gräfin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen , ob der Graf etwas für den Obristen Thalheim gethan habe . Emilie konnte ihre Unruhe nicht beherrschen , weil ihr immer die verläumderischen Gerüchte im Sinne lagen , die über den Grafen verbreitet wurden , und sie betrachtete mit einer gewissen Wehmuth St. Julien , der die unschuldige Veranlassung dazu war . St. Julien fühlte sich gedrückt , weil er bemerkte , daß durch seine Gegenwart eine freie Mittheilung in der Familie gehindert wurde , die doch Jeder zu wünschen schien ; nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung , die ihm nicht entging , auf Rechnung der Neugierde , von welcher er die Frauen gequält glaubte . St. Julien verließ bald nach der Abendtafel die Gesellschaft , und der Graf wendete sich , als sie kaum allein waren , lächelnd zu den Frauen und sagte : Nicht wahr , meine Lieben , heute war Euch unser liebenswürdiger Freund herzlich beschwerlich , und Ihr habt ihn schon lange weggewünscht , um nur zu erfahren , wo ich den ganzen Tag gewesen bin ? Die Gräfin läugnete nicht , daß sie zu wissen wünschte , wie er den Tag verlebt habe , ob sie gleich gar nicht darüber zweifelhaft sei , wo er ihn zugebracht habe . Der Graf gab eine treue Schilderung der Noth , in der er den Obristen und seine Tochter gefunden habe , und ging leicht über die Art hinweg , wie er ihm Hülfe geleistet hatte ; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn . Die Gräfin wurde aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau , um welche Zeit dieß Zusammentreffen stattgefunden habe , und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort des Obristen entfernt sei . Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen , und nach gegenseitigen Erklärungen und Mittheilungen waren beide darüber einig , daß es wohl derselbe junge Herr gewesen sein könnte , den der Arzt in Krumbach angetroffen habe ; nur blieb es räthselhaft , was einen ganz fremden Menschen bestimmen könne , diese Gerüchte in Umlauf zu bringen . Es kann um so eher sein , schloß der Graf , daß jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat , da er geraume Zeit vor mir hinweg ging , und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten habe . Es sind jetzt preußische Truppen hier in der Gegend , schloß der Graf ; es sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt , und der Prediger hat durch genaue Erkundigungen erfahren , daß sie zu den Unsrigen gehören ; dieß ist mir um des Obristen Willen lieb , denn sollte er ihnen begegnen , so , hoffe ich , werden sie ihn ruhig ziehen lassen , obgleich im Kriege das Bedürfniß Freunde , wie Feinde oft zwingt , Pferde in Beschlag zu nehmen . Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht verschweigen , daß dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten Verläumdungen erwachsen könnten , wie sie eben erfahren hatten ; auch die Gräfin stimmte ihr bei und sagte mit Zärtlichkeit : Wie würde es mich schmerzen , wenn Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrußes für Sie würden ! Seid doch darüber ruhig , meine Lieben , sagte der Graf . Sollte mich irgend Wer zur Rechenschaft ziehen , der ein Recht hat , es zu thun , so wißt Ihr , daß ich mich vertheidigen kann ; müßiges Geschwätz , ohnmächtige Bosheit aber laßt uns verachten , denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns das Leben . Emilie schwieg , doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen nicht beruhigt ; auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr , aber man sah deulich , daß auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren . Der Graf kam auf den Obristen zurück und eilte noch alle Aufträge zu geben , um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen . Die Gräfin übernahm es , für die Einrichtung des Hauses zu sorgen , und der Graf bemerkte , die Tochter des Obristen sei ungefähr von gleicher Größe mit Emilie . So kannst Du ja leicht , liebe Emilie , sagte die Gräfin , für die nächsten Bedürfnisse Deiner neuen Freundin sorgen . Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefaßt und erröthete nun , da sie das , was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte , als einen Auftrag zu erfüllen hatte ; es schlich ein Gefühl von Traurigkeit durch ihr Herz , das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklären konnte . Man trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald , und als Emilie einsam in ihrem Zimmer war , fühlte sie Thränen über ihre Wangen fließen , die ihrem gepreßten Herzen Luft machten . Was will ich denn , worüber klage ich denn ? sagte sie zu sich selbst ; kann denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen , sich nicht befriedigt und glücklich fühlen im Kreise der besten Menschen ? Was ist es denn eigentlich , was mich schmerzt , fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort , Wer hat mich denn verletzt oder beleidigt ? Nein , dachte sie seufzend , Niemand hat mich verletzen wollen , aber empfinden muß ich es dennoch , daß mir nicht ein Traum von Selbstständigkeit , nicht ein Schatten von Eigenthum bleibt . Nicht einmal die Freude darf ich empfinden , die der Arme hat ,