gestanden . Ich machte einige Schritte durch das Zimmer , während der Graf , nach seiner Art lächelnd , sitzen blieb und mir einige begütigende Worte zurief . Es war im Zimmer ein seltsamer starker Duft , wie von abgebranntem Räucherwerk , der mich noch mehr drückte , so daß ich das Fenster aufriß . Die Tante war nirgend zu sehn und zu hören . Draußen auf der nächtlichen Straße lag ein beneidenswerther , ungetrübter Friede , und kaum ging mehr ein Mensch vorüber , kaum ließ sich noch ein Geräusch vernehmen . Was soll das Alles ? fragte ich endlich mit ermuthigter Stimme , und wandte mich wieder zu dem Grafen ins Zimmer zurück . Indem er mich von neuem an sich zu ziehen suchte , sagte er , heut sei die schöne Feier unseres Bündnisses . Er nannte mich ein wunderliches Kind , und fragte , warum ich mich so fürchte . Ich sei jetzt zu einer holden Braut herangewachsen . Jede Blüthe habe ihren Augenblick , wo sie sich plötzlich wie auf sich selbst besinne , daß sie Blüthe geworden sei . Von diesem Augenblick an beginne ihr der Genuß ihres Seins . Heut sei dieser Augenblick . Nein ! Nein ! rief ich aus allen Kräften , und wand mich gewaltsam aus seinen Armen . Nein ! Nein ! schrie ich , daß die Wände erdröhnten , daß mir das Herz im Busen fast sprang . Er hielt meine beiden Hände fest , und hob sie an seinen Mund empor . Er küßte sie lange , und ich fühlte durch meine Finger das elektrische Feuer seiner Lippen rieseln . Ich zog sie , als hätte ich sie an einer Flamme versengt , zurück , und verhüllte mir damit in tiefster Scham die Augen . Ich weinte . Er trat vor mich hin , und umfaßte mich so unwiderstehlich , daß ich glaubte , er habe ein Netz über meine Glieder geworfen . Er war sanft und stark , mild und gewaltig zugleich , wie er mich umschlungen hielt , und ich wagte mich nicht zu regen . Ich hörte auf zu weinen , und sah ihn mit stillen ruhigen Augen an . Seine Blicke begegneten den meinigen so nahe , daß sie mich wie verzehrende Blitze trafen . Doch ich hielt seine Blicke aus , ich erwiederte sie immer noch mit stillen ruhigen Augen . In diesem Moment erfuhr ich zuerst in mir , daß es eine Macht des Mannes gebe , die unserer Natur weit überlegen sei . Er kam mir schön vor in der Glorie des Mannes , wie noch nie , und ich dachte , daß mich nichts mehr retten könne , als Bitten . Da beschloß ich , ihn unendlich zu bitten , und flüsterte ihm viele , gute , flehende , schmeichelnde Worte ins Ohr , daß er mich nur eine einzige Minute lang freilassen möchte . Ich könne nicht mehr athmen . Nur eine einzige Minute lang . Er ließ mich los , und ich seufzte laut auf , als ich von ihm floh . Ich eilte zur Thür , ergriff die Klinke , und fand sie verschlossen . Ich ging auf und ab , und empfand jetzt erst , daß eine unbeschreibliche Angst in meinem Herzen poche . Da fielen meine Augen auf ein Klavier , das , an der Wand stehend , noch nicht von mir bemerkt worden war . Es war ohne Zweifel ein neues Geschenk von ihm , die Tasten standen offen , ein Musikblatt lag auf dem Notenpult . In meiner Verwirrung war ich davor stehen geblieben , und griff , wie in krampfhafter Betäubung , einige Töne auf dem klangreichen Instrument . Dann schrie ich entsetzt auf , als hätte ich etwas Unrechtes begangen . Bravo ! Bravo ! rief eine Stimme hinter mir . Ich sah mich um , es war der Graf . Er hatte einen vollgeschenkten Becher in der Hand , der schäumende Wein perlte und duftete mir daraus entgegen . Er hielt mir den Becher mit freundlichem Wort an die Lippen , und ich ließ Alles mit mir geschehen , ich sog in langen durstigen Zügen die stärkende Labung tief in mich hinein , als könne mir das helfen . Er freute sich , und küßte mir dabei die Stirn , während ich trank . Nun glaubte er meinen ganzen Starrsinn überwunden und führte mich in sanfter Umschlingung wieder zum Kanapee . Ich aber fühlte plötzlich einen neuen glühenden Muth in mir gewachsen , und dachte , daß es jetzt nur auf mich ankäme , ihn zu brauchen , und anzuwenden alle Stärke meines Willens . Er zog mich auf seinen Schooß nieder , und legte mit schmeichelnder Bewegung meinen Kopf auf seine Schulter . Das Tuch war mir vom Nacken geglitten , ich empfand selbst , wie heiß ich war , und fragte nicht danach . Ich lag mit dem Kopf auf seiner Schulter , und dachte über etwas nach , ich weiß selbst nicht , über was . Ich fühlte sein Herz hörbar an mir schlagen , und es kam mir der Gedanke ein , daß wir beide nie zusammengehörten . Weil ich ihm jetzt so nahe war , empfand ich die ungeheuere Trennung zwischen uns um so überzeugender , um so schneidender . Jetzt erst , auf seinem Schooß , wo er mich ganz gewonnen zu haben meinte , sah ich es deutlich ein , wie fern ich ihm war . Fern , fern , ewig fern , und weit auseinander . Sein dicht an meiner Wange gehender Athem fing mir an abscheulich zu werden . In meiner auf- und niederwogenden Brust regte es sich wie ein großer heldenmüthiger Haß . Ich richtete mich langsam von ihm auf , und sah ihn an . Er hatte meine Busenschleife ergriffen , und zog sie auf , sodaß mir das Gewand voneinanderschlug . Ich dachte an Lucretias Dolch , wie er ihren schneeweißen Busen durchschnitten , ich faßte mich noch einmal in meiner ganzen Entschlossenheit zusammen , es zuckte in meiner Hand , und ich schlug mit allen Kräften nach seiner Wange , als führte ich ein Schwert der Rache . Dann war ich aufgesprungen , rannte ans Fenster , schrie laut um Hülfe auf die Gasse hinaus , und wollte mich hinunterstürzen . Darauf wieder zurück durch das Zimmer , noch einen flüchtigen , zitternden Blick auf ihn , der erblaßt und halb ohnmächtig vor Schreck und Zorn dasaß , dann griff ich mit aller Gewalt an die Thür , sie wich aus dem Schloß , und ich eilte , auf athemloser Flucht , mit der Geberde einer Wahnsinnigen , die Treppe hinab . Unversehens war ich in den Hof getreten , der kühle Nachtwind schlug mit feuchten Flügeln mein heißes Gesicht , und brachte mich zuerst wieder zur Besinnung . Ich stand still , Alles war ruhig , nichts bewegte sich . Ich richtete die Augen zum Himmel auf , wo einige Sterne in dunkler Gluth brannten . Da fielen meine Blicke auch auf zwei erleuchtete Fenster des Hofgebäudes . Es war Mellenbergs Zimmer , er war es , der Gute , der Verständige , der wieder , wie sonst , auch diese späte , unglückliche Nacht mit seinem Fleiß durchwachte . Seine Gestalt trat vor meine Seele , ich sehnte mich unbeschreiblich nach ihm , ich wollte von ihm Trost und Frieden . Plötzlich war mir jedoch , als hörte ich vorn im Hause gehn und sprechen , es kam die Treppe herunter , ich glaubte die Stimme des Grafen zu unterscheiden , die Tante auch , beide in einem heftigen Wortwechsel , immer näher und näher , dann Licht , und mein Name wurde genannt . Nun wähnte ich mich verfolgt , und sah keine andere Rettung mehr vor mir , als die Hoftreppe hinaufzuflüchten . Geradezu war Mellenbergs Zimmer , ich stürze hinein , und noch ehe er , von seinem Tisch aufsehend , mich gewahr geworden , habe ich schon hinter mir die Thür verriegelt . Dann springe ich mit weit geöffneten Armen auf den Erschrockenen zu , um mich an seine Brust zu werfen , in seinen Schutz zu geben . Ich sagte es mir mit einer unendlichen Innigkeit und Genugthuung , daß er der einzig Redliche im ganzen Hause sei . Unter den Schirm seiner Redlichkeit wollte ich meinen Schmerz , mein Unglück , den Bruch meiner Verhältnisse , stellen . Er sollte mir rathen , mir Mittel angeben , und auf Hülfe für mich denken . Er war klug und gut . Ich deutete ihm Alles an , soviel ich konnte und mir mein Gefühl erlaubte . - Und hier hätte ich wohl Grund , den Faden dieser Selbstbekenntnisse abzubrechen , wenn ich nicht auch die schonungsloseste Aufrichtigkeit gelobt hätte . Vielleicht ist es auch gut , daß man Alles sagt , für sich und für die Andern . Denn vor sich und vor den Andern kann man sein Herz nur rechtfertigen , wenn man es ganz und offen erschließt , und ein offenes Herz , mit allen seinen Strudeln und Untiefen , ist ein Schauspiel für Götter . Daher schäme ich mich nicht , die Wahrheit aufzuzeichnen , weil sie die Wahrheit ist . Die Feder zittert mir bloß hinundher in der Hand . Und auf das Wort Wahrheit , das ich da hingeschrieben , fällt mir eine große Thräne . Ja , ich schäme mich der Wahrheit nicht . Ich habe immer gehört , daß die Wahrheit endlich zum Gedicht werde , nachdem sie mit ihren herben Stoffen in den Läuterungsflammen der Buße geschmolzen . Wohlan denn , mein Gedicht ! Ich hatte mich schutzsuchend an die Seite des Jünglings geschmiegt , und dachte gar nicht daran , wie ich aussah . Das Haar hing mir aufgelöst und flatternd herunter , der Busen war mir halb entblößt , und alle Theile des Gewandes hatten sich in dieser beispiellosen Verworrenheit verschoben . Er schien unschlüssig , ob er mich fliehen , ob er mich aufnehmen solle . Dann drückte er mich mit einem glühenden Blick an sich , sein Antlitz verschönte sich mit einer hohen Röthe , wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte . In seine Augen trat der lodernde Funke des Mitgefühls hervor , nach dem ich immer bei ihm gesucht und geforscht . Er griff nach meiner Hand , ich fühlte , daß die seinige bebte zwischen meinen Fingern , und dann führte er mich zu seinem in der Ecke stehenden Sopha . Ich folgte ihm gern , gern . Wie einfach , wie arm , wie dürftig war hier Alles in seinem kleinen Gemach , und doch , wie traulich und beruhigend wehte mich zugleich Jegliches daraus an . Ich hätte um Alles in der Welt gewünscht , daß ich ganz glücklich gewesen wäre , um mich recht mit ihm freuen zu können . Ich hätte ihm zu Füßen sinken mögen . Er sah so freundlich , so unschuldig , so heilig , und doch so liebesinnig aus in diesem Augenblick heut . Wir saßen nebeneinander auf dem Sopha . Ich legte meinen Kopf erschöpft auf seine Schulter , und athmete schwer . Hier war ich sicher , hier vermutheten meine Feinde mich nicht . Keine Nachstellung traf mich hier in der stillen Werkstatt des Fleißes . Das spärlich flackernde Licht erhellte kaum den heimlichen Winkel , in dem wir aneinander ruhten . Er sagte , er habe Alles längst geahnt , gewußt , daß es so kommen würde . Er habe im Stillen über mich geklagt , und doch nichts zu thun vermocht . Darüber sei ihm das Herz zerrissen , und er habe sich stumm zurückgezogen in seine liebesarme Einsamkeit . Ich weiß , daß mir nicht zu helfen ist ! sagte ich mit leiser , gefaßter Stimme . An mir ist Alles verloren , ich sehe nicht mehr ein noch aus . In der Ferne kein Ziel , in der Nähe kein Anker . Hoffnungslos , grundlos . Doch still davon , Freund ! Laß uns gar nicht mehr daran denken , wie unglücklich ich bin . Nur zwei Minuten lang , zwei schöne Minuten lang laß mich noch an Deiner Schulter ohne Gedanken ruhen . Ich bin matt , ich bin wundgejagt , ich will an gar nichts denken . Nur still , still ! Ganz still ! Laß mich genug haben an diesem einzigen Augenblick Deiner Gegenwart , wenn mich auch mein Schicksal bald zum Aufbruch mahnt . Ich meine , dieser Augenblick sei mein ganzes Leben , und weiter brauche ich nicht . Höre , laß mich auch an mein Schicksal nicht denken . Laß mich an gar nichts denken . Nur still , still ! Ganz still ! Und weißt Du denn , wie sehr ich Dir Freund bin ? Doch still ! Ach , vom Kinderherzen ging es in das größer werdende Mädchenherz über , wie lieb Du mir bist . O still , still ! Lieb in Gestalt und Wesen , im Sinnen und Handeln , im Reden und im Schweigen . Laß mich bei Dir bleiben , bei Dir und Deinen Büchern . Sprich nicht von liebesarmer Einsamkeit . Hier ist es gut . Still will ich an Dir ruhen . Still , still , still ! So plauderte ich zu ihm hin , meinen Schmerz ersterben lassend in süßer Sehnsucht . Er sagte , ihm sei das Glück wie eine Königin der Nacht aufgeblüht . Wer könne ihn schelten , wenn er an das Wunder ihrer Blüthe glaube . Denn in der Liebe sei seine Seele wundergläubig . Er frage nicht , wie es dauern werde und ob . Er liebe mit seiner ganzen Seele , mit seinem ganzen Glauben , mit seinem ganzen Ernst und seinem ganzen Leichtsinn . Nie habe er zu träumen gewagt , was jetzt Leben geworden . Und zum Leben fühle er sich erwacht , nachdem er es lange an todtes Wissen verloren . Nachdem er lange kaum um sich hergeblickt in der Welt , habe sie sich ihm plötzlich bevölkert , und ein Liebesauge zu ihm aufgeschlagen . Er sei unbegreiflich beglückt . Es war das erste Mal , daß ich ihn so glühend reden hörte , und das bewegte mich tief . Ich sah ihn mit meinen besten und zärtlichsten Blicken an , und aus der selbstvergessenen Ruhe , in die ich mich noch eben in halber Verzweiflung eingewiegt , begann wieder eine heiße Unruhe in meiner Brust zu entlodern . Er spielte mit seiner Hand in meinen aufgebundenen Haarflechten . Doch war er schüchtern und zart , kindlich und zurückhaltend , daß ich mich vor ihm schämte . Ich fühlte eine solche Wallung bis in die Stirn , daß es mich nicht mehr an seiner Seite ließ . Es war mir , als hörte ich seinen auf und niedergehenden Athem inwendig in meinem Herzen zum zweiten Mal schlagen , und als drücke sich die Nähe seiner Gestalt so fest und unwiderstehlich in mich ein , daß ich mich selbst darüber ganz und gar verlieren müßte . Da wurde mir ängstlich , ich sprang auf , und durchmaß , von einer wilden Hast getrieben , mit raschen Schritten das Zimmer . Er blieb sitzen , und sah mir tief sinnend nach , als kämpfe er noch mit Wirklichkeit oder Traum unserer Scene . Auf dem Fußboden standen und lagen viele Bücher umher , es waren die stillen Mitbewohner des kleinen Gemaches . Ein großer , breiter Foliant erhob sich dicht neben dem Arbeitstisch , und ich setzte mich endlich , um auszuruhen , auf die starke , feststehende Schaale des Buches . So saßen wir uns lächelnd gegenüber , ich fern von ihm , nur mit den Blicken einander erreichbar . Wir sprachen nichts , eine große Stille herrschte rings um uns her . Draußen die späte Mitternachtstunde , die vom Thurm erklang , hatte uns nichts zu sagen , wir waren nur vertieft in den Moment unsres Beisammenseins . Ich hätte gern wieder neben ihm gesessen . Ich sehnte mich nach ihm . Das Roth auf meiner Wange mochte sich noch röther entflammen . Da ergriff ich ein Buch , das neben mir auf der Erde lag , und blätterte , um mein Gesicht darin zu verbergen . Nachher bemerkte ich erst , daß es Hebräisch war , was ich so dicht an meine Wange hielt . Schnell schleuderte ich es wieder von mir , wie aus Gespensterfurcht vor diesen entsetzlichen Schriftzeichen , und sprang dann lachend auf , und stellte mich wieder vor den guten theuern Freund hin , mit übereinandergeschlagenen Armen , die Hand nachdenklich betrachtend an das Kinn gelehnt . Unsere Augen trafen mit einem kühner sich begegnenden Feuer zusammen , und ließen sich nicht wieder los . Er hatte mich leise an seine Brust gezogen . Auf dem Tisch verlosch das Licht , das sonst nur vor dem arbeitsamen Fleiß niederbrannte . Heut verlosch es - - Doch nichts will und darf ich mehr sagen . Erst spät schlich ich mich , halb bewußtlos , wieder fort , um mein eignes Zimmer zu erreichen . Es gelang mir , und ohne mich vor Erschöpfung aller meiner Sinne auskleiden zu können , sank ich dem tiefsten Schlaf in die Arme . Als ich am andern Morgen erwachte , schien bereits die helle Sonne auf mein Bett . Alles war still um mich her , und indem ich mich nachsinnend aufrichtete , war es mir , als hätte ich mein ganzes Gedächtniß für den gestrigen Tag verloren . Ich sprang rasch auf , mir war wunderbar wohl zu Muthe , bis in mein innerstes Wesen hinein . In allen Theilen meiner Natur fühlte ich mich erquickt und gehoben , und mich dünkte , als riesele in mir ein frischer Strom von Leben durch jede Ader hin . Ich kam mir auf Einmal aufgeblühter , entwickelter vor , voller in meinen Formen und reicher in meinen Gedanken , und , neben einer unendlich wohlthuenden , warmen Stimmung meiner physischen Natur , empfand ich eine tiefe , ruhige , befriedigte Heiterkeit in der Brust , wie ich mich ihrer nie erinnern konnte . Es war mir , als hätte ich jetzt erst einen kräftigen Blick ins Leben gewonnen . Alles schien an mir klarer , bestimmter , herausgetretener , gerundeter geworden , Alles hatte Ton , Klang und Duft in mir von innen und außen . Ich war mehr geworden , diese Ueberzeugung drängte sich mir lächelnd auf . Kein harmloses Mädchen , kein unschuldiges Kind mehr , aber gewachsen und erwachsen , gereift und gezeitigt . So seltsam war meine Sinnesart , daß ich , in diesem Moment an gar nichts Anderes denkend , mich nur unbeschreiblich glücklich pries . Ja , das eigene Wonnegefühl , das tief aus mir herausschlug , überwältigte mich so sehr , daß ich mich nicht halten konnte , ich sank auf mein Knie nieder , und betete , was ich so lange nicht gethan hatte , zu Gott . Seit jenen guten Kinderworten , mit denen ich ihn um das Leben gefleht , das ich mir noch weit hinter den böhmischen Bergen gedacht , hatte ich nicht aus so voller und hingebender Seele gebetet . Ich betete und dankte , daß er mich nicht verlassen , und daß ich fühle , wie er mit mir sei , und sein geistbeflügelnder Hauch mich im Innersten durchdringe , selbst bis in Fleisch und Blut hinein . Er möge mich glücklich führen und leiten durch das große Labyrinth der Welt . So lange mir gut und fröhlich zu Muthe sei , wolle ich immer glauben , daß ich Alles , was ich auch gethan , recht und mit seinem Willen gethan . So sei ich . Ich sei eine weltliche Seele . Ein Kind der Welt . Und durch die Welt empfände ich ihn , meinen Gott , heraus . Ich könne nicht anders . Jetzt sei mir wohl , sehr wohl . Dank , Dank und Amen ! - Als ich aufstand , fühlte ich , daß meine Gedanken , allmälig wieder nüchtern werdend , zu den Bildern des vorigen Tages in scharfer Erinnerung zurückkehrten . Nur an Mellenberg dachte ich noch einmal mit solchem süßen Zug der Anhänglichkeit und Zugehörigkeit , daß ich mich wie durch geheimnißvolle Fesseln an ihn gebunden empfand . Dann aber verdunkelte und verschüttete sich plötzlich in mir Alles durch die schreckenerregendsten Vorstellungen . Meine Verhältnisse in diesem Hause , was sollte aus ihnen und was aus mir werden ! Ich fürchtete , daß ich gestern meine bisherige sorglose Lage auf immer verändert und zerstört hätte , und zugleich wünschte ich es . Denn wie konnte ich anders gegen den Grafen handeln ! Es empörte mich , an ihn und an die Tante zu denken , und neben der zagenden Besorgniß für meine Zukunft regte sich in mir zugleich der Zorn . Dann schüttelte es mich wieder , wenn ich in die Ferne dachte , mit Grauen und Angst . Niemand ließ sich blicken , und ich war entschlossen , heut allein auf meinem Zimmer zu bleiben , es werde auch wie es wolle . Endlich brachte mir die Aufwärterin mein Frühstück , und ich fragte weder nach der Tante , noch wurde mir etwas von ihr gesagt . Ich kleidete mich um , setzte mich nieder , und wollte erst zeichnen , dann lesen . Nichts gelang mir , und ich vermochte nicht , meine Anschauungen auf einen bestimmten Gegenstand zu fesseln . Die Kreide zitterte mir in der Hand , die Buchstaben verschwammen mir vor den Augen , und Alles , was ich anrührte , benetzte sich bald mit Thränen . So ging die schöne helle Stimmung , mit der ich diesen Morgen erwacht war , bald in immer versunkenere Schmerzen über , und wich dem näher und näher heraufziehenden Schicksal dieses Tages , welcher der entscheidende für mich werden sollte . Indem ich so saß und an den Bildern meiner eigenen Phantasie mich abängstigte , dann wieder hin und her dachte , um meine Gedanken zu zerstreuen , fiel mir plötzlich ein , daß heut ein Festtag sein müsse , über den ich schon früher viel in den Zeitungen gelesen . Freilich kein Festtag für mich . Es war die Jubelfeier der augsburgischen Confession , welche in dieses Jahr und auf diesen Tag fiel , und über deren festliches Begehen man aller Orten sprechen gehört hatte . Es war in der letzten Zeit davon um so mehr die Rede gewesen , und deshalb auch zu meinen , oft mitten im Wirrwarr Manches erlauschenden Ohren gedrungen , weil , wie man sagte , die Protestanten in Dresden zu manchem drückenden Argwohn , welcher sie eine Beeinträchtigung ihrer Glaubensrechte besorgen ließ , damals Anlaß gefunden . Ich erinnerte mich jetzt , da es mir wohlthat , auf andere Vorstellungen zu kommen , aus meinen früheren Geschichtsstunden bei Mellenberg deutlich des ganzen Herganges , den die Reformation genommen , und wodurch eine lebhafte Gedächtnisfeier jener augsburgischen Confession für die Anhänger dieser Kirchenpartei so bedeutend werden mußte . Daß aber die Feier in Dresden keineswegs mit solchem Glanz vor sich gehen werde , als es dieser historischen Bedeutung würdig gewesen , hatten die Protestanten , die sich in ihrer Stellung zu der herrschenden katholischen Partei nichts weniger als in ihrem Rechte glaubten , gefürchtet . Mir fiel manches Wort wieder ein , was Mellenberg in unsern damaligen Unterhaltungen über diesen Gegenstand gesagt . Ich wiederholte mir ordentlich Alles , soweit ich es noch im Gedächtniß hatte , um jetzt alle andern Gedanken nur immer weiter von mir zu scheuchen . Zugleich war es mir süß , weil es mit Mellenberg zusammenhing . Bald aber dachte ich bloß an ihn selbst , und jedes übrige Bild verwischte sich dagegen in mir . Da klopfte es leise an meine Thür , und ein kleiner Knabe brachte mir einen versiegelten Brief . Ich griff hastig danach , denn ich war überzeugt , ich weiß nicht warum , daß er von Mellenberg sein müsse . Ich steckte ihn rasch in den Busen , und entfaltete ihn erst , nachdem der Knabe fortgegangen , denn es war mir , als läge ein großes Geheimniß hinter seinem Siegel verborgen . Endlich las ich mit Entsetzen , ohne daran glauben zu können , die folgenden Worte : » Arme Freundin ! Ich habe ein großes Unrecht an Dir begangen . Dies treibt mich von Dir , und treibt mich in den Tod . Arme Freundin ! Ich habe ein großes Unrecht an meinem Gott begangen . Nur ihm und seiner Erkenntnis hatte ich in stetem Forschen und Trachten mein Dasein gelobt . Dies Gelübde und mit ihm der Gottesfriede meines Lebens ist gebrochen . Die irdischen Gedanken sind nun über meine Andacht hergestürzt , und fangen an , mein dem Himmel geweihtes Herz zu verwildern . Ich fühle , daß ich seit der gestrigen Nacht nicht mehr beten kann . Lebe wohl ! Ich will und darf nicht mehr leben . Gott behüte und schütze und erleuchte Dich ! Mir wird er drüben verzeihen , denn ich muß vor seinem Thron erscheinen . Lebe wohl ! Lebe wohl ! Arme Freundin ! « - Ich weiß nicht , wie lange ich diese Zeilen anstarrte , aber es wurde mir so schwer , ihren Sinn zu begreifen und in mich aufzunehmen , daß sie mich anfänglich ganz kalt ließen . Dann setzte sich mein Schrecken in eine dumpfe Betäubung um , in der ich mehrere Stunden verharrte . Durch ein Geräusch wurde ich zuerst wieder erweckt . Es war meine Aufwärterin , welche mir , auf mein am Morgen gegebenes Geheiß , den Tisch deckte und das Mittagessen auftrug . Ich ließ Alles stehen , und nahm nur den Brief , um ihn noch einmal zu lesen . Dann ergoß sich meine Brust in ein langes , unendliches Weinen , das nicht aufhören und nachlassen wollte . Ich wußte nicht , was ich beginnen sollte . Nicht einmal getraute ich mir , mich von meinem Zimmer zu entfernen , wie ein banges Kind , das im Dunkeln keinen Schritt zu thun wagt . Es schien mir , als müsse draußen etwas Entsetzliches sich zusammengerottet haben , wie eine Verschwörung wider mich , aus der ich mit meinem Leben nicht wieder entkommen würde . Und zugleich fühlte ich in diesem Augenblick - fast stärkte mich die Wahrnehmung - wie sehr mir noch immer das Leben lieb sei . Ich saß den ganzen Nachmittag , und es wurde Abend . Zuweilen schmeichelte ich mir sogar mit der Vorstellung , daß nur ein Augenblick der Hypochondrie , wie ich wohl früher hinundwieder ihn davon befallen gesehn , ihn diesen Brief schreiben ließ , ohne daß es in der Wirklichkeit zu dem Schrecklichen käme , das darin angedeutet wurde . Endlich , als die Abenddämmerung mein Zimmer immer mehr verdunkelte , und die Einsamkeit um mich her banger und unerträglicher wurde , ergriff mich ein unbeschreibliches Zagen . Ich konnte es nicht mehr allein mit mir aushalten , und beschloß , die Tante aufzusuchen , um zu sehen , was vorgehe , was beschlossen worden , was mir bevorstehe . Langsam schlich ich durch den Gang hin , welcher mein Zimmer von den ihrigen trennte , Alles war still und lautlos , und das ganze Haus kam mir wie verlassen und ausgestorben vor . In den vorderen Zimmern fand ich Niemand , und von der Gasse herauf schlug ein dumpfer , ungewöhnlicher Lärmen an mein Ohr . Ich erbebte in meinem Innersten , ich war krampfhaft gespannt auf das Entsetzlichste , das sich , wie ich überzeugt war , irgendwo jetzt ereignet haben müßte . Ich eilte in die Küche , und erfragte von einer halbtauben Magd mit großer Anstrengung so viel , daß die Tante bereits seit Mittag das Haus verlassen und noch nicht wieder zurückgekehrt sei . Drüben auf dem Altmarkt aber wäre ein Volksaufruhr ausgebrochen . Ich sprang rasch wieder nach vorn , riß die Fenster auf , und blickte auf die Straße hinunter . Eine dichtgedrängte wogende Menge bewegte sich in schwarzen Massen auf und nieder , man konnte nichts unterscheiden , und Alles floß in einem wilden Geschrei , mit einem hohlen , gleich Gespenstern durch die Gassen laufenden Gemurmel ineinander . Von dem Markt schien ein heller Lichterschimmer herüber . Da erdröhnte die Lärmtrommel , daß ich vor Schrecken aufschrie , und mir nach dem Herzen greifen mußte . Ich wähnte meiner Tage und der ganzen Welt Ende herangekommen , meine ungewisse Angst ließ mich die ungeheuersten Schrecknisse glauben . Hier allein vermochte ich nicht zu bleiben , ich fühlte bei weitem mehr Muth dazu , mich unten in die Nähe des dichtesten Getümmels zu wagen . Mein verzweifelter Entschluß trieb mich hinunter . Ich warf rasch einen Shawl über , und stürzte die Treppe hinab . Vor der Thür blieb ich stehen , und eine Schaar dort versammelter Menschen nahm mich alsbald , ehe ich es gewahr wurde , in ihre Mitte . Niemand merkte auf mich , und ich suchte mir aus den verworrenen Reden der Leute zu entnehmen , was vorgegangen sein möchte . So viel verstand ich , daß das Volk durch die Nichtachtung , welche die obern Behörden dem heutigen kirchlichen Fest bewiesen , zuerst in Aufregung gerathen war . Es hatte sich auf dem Markt versammelt , der fast ringsum feierlich erleuchtet worden , und auf dem nur das Rathhaus dunkel und ohne ein festliches Zeichen blieb . Wilder Ausruf erscholl von allen Seiten , und die gereizte Stimmung steigerte sich immer mehr . In einem Hause waren Luthers und Melanchthons Bildnisse an den Fenstern ausgestellt , und zugleich hatte man in der Nähe desselben , man wußte kaum woher , Spottlieder vernommen , welche die erhitzte Menge auf ihre Glaubenshelden bezog . Nun hörte