, und dann dank ich ihm auch noch , daß er der Wartburger Linde nicht vergißt . - An Bettine Am 5. September Du hast Dich , liebe Bettine , als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen , wissend und mächtig , eines jeden Bedürfnisse kennend und ausfüllend ; - und soll ich Dich schelten oder loben , daß Du mich wieder zum Kinde machst ? Denn mit kindischer Freude hab ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet . Deine Schachtel kam kurz vor Tische ; verdeckt trug ich sie dahin , wo Du auch einmal gesessen , und trank zuerst August aus dem schönen Glase zu . Wie verwundert war er , als ich es ihm schenkte ! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen ; niemand erriet , woher ? Auch zeigte ich das künstliche und zierliche Besteck ; - da wurde die Hausfrau verdrießlich , daß sie leer ausgehen sollte . Nach einer Pause , um ihre Geduld zu prüfen , zog ich endlich den schönen Gewandstoff hervor ; das Rätsel war aufgelöst und jedermann in Deinem Lobe eifrig und fröhlich . Wenn ich also das Blatt noch umwende , so hab ich immer nur Lob und Dank da capo vorzutragen ; das ausgesuchte zierliche der Gaben war überraschend . Kunstkenner wurden herbeigerufen , die artigen Balgenden zu bewundern - genug , es entstand ein Fest , als wenn Du eben selbst wiedergekommen wärst . - Du kommst mir auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und überraschend , so daß man glauben sollte , von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt ; und Deine kleinen Abenteuer weißt Du so allerliebst zu drehen , daß man gern der eifersüchtigen Grillen sich begibt , die einem denn auch zuweilen anwandeln ; bloß um das artige Ende des Spaßes mit zu erleben . So war es mit der launigen Episode des Engländers , dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis für sein schönes sittliches Gefühl herbeiführen mußte . Ich bin Dir sehr dankbar für solche Mitteilungen , die freilich nicht jedem recht sein mögen ; möge Dein Vertrauen wachsen , das mir so viel zubringt , was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag ; auch ein belobendes Wort muß ich Dir hier sagen für die Art , wie Du Dich mit meinem gnädigsten Herrn verständigt hast . Er konnte nicht umhin , auch Dein diplomatisches Talent zu bewundern ; Du bist allerliebst , meine kleine Tänzerin , die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft . Und nun hoffe ich bald Nachricht , wie Du mit der guten Mutter lebst , wie Du ihrer pflegst , und welche schöne vergangne Zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen . Der lieben Meline Mützchen ist auch angekommen . Ich darf ' s nicht laut sagen , es steht aber niemand so gut als ihr . Freund Stollens Attention auf dem blauen Papier hat Dir doch Freude gemacht . Adieu , mein artig Kind ! Schreibe bald , daß ich wieder was zu übersetzen habe . An Goethe G. , 17. September Freundlicher Mann ! Du bist zu gut , Du nimmst alles , was ich Dir im heiteren Übermut biete , als wenn es noch so viel Wert habe ; aber ich fühl ' s recht in Deinem freundlichen Herabneigen , daß Du mir gut bist wie dem Kind , das Gras und Kräuter bringt und meint , es habe einen auserlesenen Strauß zusammengesucht ; dem lächelt man auch so zu und sagt : » Wie schön ist dein Strauß , wie angenehm duftet er , er soll mir blühen in meinem Garten , hier unter mein Fenster will ich ihn pflanzen ; « und doch sind es nur wurzellose Feldblumen , die bald welken . Ich aber sehe mit Lust , wie Du mich in Dich aufnimmst , wie Du diese einfachen Blumen , die am Abend schon welken müßten , ins Feuer der Unsterblichkeit hältst und mir zurückgibst . - Nennst Du das auch übersetzen , wenn der göttliche Genius die idealische Natur vom irdischen Menschen scheidet , sie läutert , sie enthüllt , sie sich selbst wieder anvertraut , und so die Aufgabe , selig zu werden , löst ? Ja , Goethe , so machst Du die Seufzer , die meine sehnende Liebe aushaucht zu Geistern , die mich auf der Straße der Seligkeit umschweben ; ach , und wohl auch meiner Unsterblichkeit weit voraneilen . Welch heiliges Abenteuer , das unter dem Schutze des Eros sich kühn und stolz aufschwingt , kann ein herrlicher Ziel erreichen , als ich in Dir erreicht habe ! Wo Du mir zugibst mit Lust : Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben . - O glaub es : nimmer trink ich mich satt an diesen Liebesergießungen ; ewig fühl ich von brausenden Stürmen mich zu Deinen Füßen getragen , und in diesem neuen Leben , in dem meine Glückssterne sich spiegeln , vor Wonne untergehn . Diese Tränen , die meine Schrift verblassen , die möcht ich wie Perlen aufreihen und geschmückt vor Dir erscheinen und Dir sagen : vergleiche ihr reines Wasser mit Deinen andern Schätzen , und dann solltest Du mein Herz schlagen hören wie am Abend , wo ich vor Dir kniete . Geheimnisse umschweben Liebende , sie hüllen sie in ihre Zauberschleier , aus denen sich schöne Träume entfalten . Du sitzest mit mir auf grünem Rasen und trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und gießest die Neige auf meine Stirn . Aus diesem Traum erwachte ich heut voll Freude , daß Du mir geneigt bist . Ich glaube , daß du teil an solchen Träumen hast ; daß Du liebst in solchen Augenblicken ; - wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken , wenn Du mir ' s nicht gäbst ! - Und wenn ich denn zum gewöhnlichen Tag erwache , dann ist mir alles so gleichgültig , und was mir auch geboten wird , - ich entbehre es gern ; ja ich möchte von allem geschieden sein , was man Glück nennt , und nur innerlich das Geheimnis , daß Dein Geist meine Liebe genießt , so wie meine Seele von Deiner Güte sich nährt . Ich soll Dir von der Mutter schreiben ; - nun , es ist wunderlich zwischen uns beschaffen , wir sind nicht mehr so gesprächig wie sonst , aber doch vergeht kein Tag , ohne daß ich die Mutter seh . Wie ich von der Reise kam , da mußt ich die Rolle des Erzählens übernehmen , und obschon ich lieber geschwiegen hätte , so war doch ihres Fragens kein Ende , und ihrer Begierde mir zuzuhören auch nicht . Es reizt mich unwiderstehlich , wenn sie mit großen Kinderaugen mich ansieht , in denen der genügendste Genuß funkelt . So löste sich meine Zunge und nach und nach manches vom Herzen , was man sonst nicht leicht wieder ausspricht . Am 2. Oktober Die Mutter ist listig , wie sie mich zum Erzählen bringt , so sagt sie : » Heute ist ein schöner Tag , heut geht der Wolfgang gewiß nach seinem Gartenhaus , es muß noch recht schön da sein , nicht wahr , es liegt im Tal ? « - » Nein , es liegt am Berg , und der Garten geht auch bergauf , hinter dem Haus da sind große Bäume von schönem Wuchs und reich belaubt . « - » So ! Und da bist Du abends mit ihm hingeschlendert aus dem römischen Haus ? « - » Ja , ich hab ' s Ihr ja schon zwanzigmal erzählt ; « - » so erzähl ' s noch einmal . Hattet ihr denn Licht im Haus ? « - » Nein , wir saßen vor der Tür auf der Bank , und der Mond schien hell . « - » Nun ! Und da ging ein kalter Wind ? « - » Nein , es war gar nicht kalt , es war warm , und die Luft ganz still und wir waren auch still . Die reifen Früchte fielen von den Bäumen , er sagte : da fällt schon wieder ein Apfel und rollt den Berg hinab ; da überflog mich ein Frostschauer ; - der Wolfgang sagte : Mäuschen , du frierst ' , und schlug mir seinen Mantel um , den zog ich dicht um mich , seine Hand hielt ich fest , und so verging die Zeit ; - wir standen beide zugleich auf und gingen Hand in Hand durch den einsamen Wiesengrund ; - jeder Schritt klang mir wieder im Herzen , in der lautlosen Stille , - der Mond kam hinter jedem Busch hervor und beleuchtete uns , - da blieb der Wolfgang stehen , lachte mich an im Mondglanz und sagte zu mir : Du bist mein süßes Herz ' , so führte er mich bis zu seiner Wohnung und das war alles . « - » Das waren goldne Minuten , die keiner mit Gold aufwiegen kann « , sagte die Mutter , » die sind nur dir beschert , und unter Tausenden wird ' s keiner begreifen , was dir für ein Glückslos zugefallen ist ; ich aber versteh es und genieße es , als wenn ich zwei schöne Stimmen sich singend Red und Antwort geben hörte über ihr verschwiegenstes Glück . « Da holte mir die Mutter Deinen Brief und ließ mich lesen , was Du über mich geschrieben hast , daß es Dir ein großer Genuß sei , meine Mitteilungen über Dich zu hören ; die Mutter meint , sie könne es nicht , es läg in meiner Art , zu erzählen , das Beste . Da hab ich Dir nun diesen schönen Abend beschrieben . Ich weiß ein Geheimnis : wenn zwei miteinander sind und der göttliche Genius waltet zwischen ihnen , das ist das höchste Glück . Adieu , mein lieber Freund . An Goethe Ach frage nur nicht , warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme , da ich Dir doch eigentlich nichts zu sagen habe ? - Ich weiß freilich noch nicht , womit ich ' s ausfüllen soll , aber das weiß ich , daß es doch zuletzt in Deine lieben Hände kommt . Drum hauch ich ' s an mit allem , was ich Dir aussprechen würde , ständ ich selbst vor Dir . Ich kann nicht kommen , drum soll der Brief mein ungeteiltes Herz zu Dir hinübertragen , erfüllt mit Genuß vergangner Tage , mit Hoffnung auf neue , mit Sehnsucht und Schmerz um Dich ; da weiß ich nun keinen Anfang und kein Ende . Von heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen , wie soll ich loskommen vom Wünschen , Sinnen und Wähnen ; wie soll ich Dir mein treues Herz , das sich von allem zu Dir allein hinüberwendet , aussprechen ? - Ich muß schweigen wie damals , als ich vor Dir stand , um Dich anzusehen . Ach , was hätt ich auch sagen sollen ? - Ich hatte nichts mehr zu verlangen1 . Gestern waren viele witzige Köpfe im Haus Brentano beisammen , da wurden unter andern gymnastischen Geistesübungen auch Rätsel aufgegeben , da waren sehr geschickte Einfälle , und wie die Reihe an mich kam , da wußt ich nichts . Wie ich in der Verlegenheit mich umsah , und kein Gesicht , das mir einen befreundeten , verständlichen Ausdruck hatte , da erfand ich dies Rätsel . » Warum die Menschen keine Geister sehen ? « - Keiner konnte es raten , ich sagte : » Weil sie sich vor Gespenster fürchten . « - » Wer ? - Die Menschen ? « » Nein , die Geister . « - Ja , so grausamlich kamen mir diese Gesichter vor und so fremd und unverständlich , aus denen nichts zu mir sprach wie aus Deinen geliebten Zügen , vor denen sich die Geister gewiß nicht fürchten ; nein , es ist Deine Schönheit , daß die Geister mit Deinen Mienen spielen , und dies ist der unwiderstehliche Reiz für den Liebenden , daß der Geist ewig Dein Gesicht umströmt . Sonntag , ganz allein im einsamen großen Haus , alles ist ausgefahren , geritten und gegangen , Deine Mutter ist vor dem Bockenheimer Tor im Garten , weil heute die Birnen geschüttelt werden von dem Baum , der bei Deiner Geburt gepflanzt wurde . Bettine An Bettine Du bist ein feines Kind , ich lese Deine lieben Briefe mit innigem Vergnügen und werde sie gewiß immer wieder lesen mit demselben Genuß . Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit und dem , was Dir Dein witziger Dämon eingibt , sind wahre Originalskizzen , die auch neben den ernsteren Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen , nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf , wenn ich Dir danke . Bewahre mir Dein Vertrauen und lasse es womöglich noch zunehmen . Du wirst mir immer sein und bleiben , was Du bist . Mit was kann man Dir auch vergelten als nur , daß man sich willig von allen Deinen guten Gaben bereichern läßt . Wieviel Du meiner Mutter bist , weißt Du selbst , ihre Briefe fließen in Lob und Liebe über . Fährst Du so fort , den flüchtigen Momenten guten Glückes lieblicher Denkmale der Erinnerung zu widmen : ich stehe Dir nicht dafür , daß ich mir ' s anmaßen könnte , solche geniale lebensvolle Entwürfe zur Ausführung zu benützen , wenn sie dann nur auch so warm und wahr ans Herz sprechen . Die Trauben an meinem Fenster , die schon vor ihrer Blüte und nun ein zweites Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren , schwellen ihrer vollen Reife entgegen , ich werde sie nicht brechen , ohne Deiner dabei zu gedenken , schreibe mir bald und liebe mich . G. An Goethe Am 11. November Mit nächstem Postwagen wirst Du einen Pack Musik erhalten , beinah alles vierstimmig , also für Dein Hausorchester eingerichtet . Ich hoffe , daß Du sie nicht schon besitzest ; bis jetzt ist es alles , was ich in dieser Art habhaft werden konnte . Gefällt sie Dir , so schick ich nach , was ich noch auftreiben kann ; auf meine Wahl mußt Du Dich nicht dabei verlassen , ich richte mich nur nach dem Ruf dieser Werke und kenne das wenigste . Musik imponiert mir nicht , auch kann ich sie nicht beurteilen ; ich verstehe den Eindruck nicht , den sie auf mich macht , ob sie mich rührt , ob sie mich begeistert ; nur das weiß ich , daß ich keine Antwort darauf habe , wenn ich gefragt werde , ob sie mir gefalle . Da könnte einer sagen , ich habe keinen Verstand davon , - das muß ich zugeben , allein ich ahne in ihr das Unermeßliche . Wie in den andern Künsten das Geheimnis der Dreifaltigkeit sich offenbart , wo die Natur einen Leib annimmt , den der Geist durchdringt und der mit dem Göttlichen in Verbindung ist ; so ist es in der Musik , als wenn die Natur sich hier nicht ins sinnlich Wahrnehmbare herabneige , sondern daß sie die Sinne reizt , daß sie sich mitempfinden ins Überirdische . Wenn man von einem Satz in der Musik spricht und wie der durchgeführt ist , oder von der Begleitung eines Instruments und von dem Verstand , mit dem es behandelt ist , da meine ich grade das Gegenteil , nämlich , daß der Satz den Musiker durchführt , daß der Satz sich so oft aufstellt , sich entwickelt , sich konzentriert , bis der Geist sich ganz in ihn gefügt hat . Und das tut wohl in der Musik ; ja alles , was den Erdenleib verleugnet , das tut wohl . Ich habe einen sehr ausgezeichneten Musiker zum Lehrer , wenn ich den frage , warum ? - so hat er nie ein » Weil « zur Antwort , und er muß gestehen , alles in der Musik ist himmlisches Gesetz , und dies überzeugt mich noch mehr , daß in der Berührung zwischen dem Göttlichen und Menschlichen keine Erläuterung stattfinde . Ich habe hier eine freundliche Bekanntschaft mit einer sehr musikalischen Natur ; wir sind oft zusammen in der Oper , da macht sie mich aufmerksam auf die einzelnen Teile , auf das Durchführen eines Satzes , auf das Einwirken der Instrumente ; da bin ich denn ganz perplex , wenn ich solchen Bemerkungen nachgehe ; das Element der Musik , in dem ich mich aufgenommen fühlte , stößt mich aus , und dafür erkenne ich ein gemachtes , dekoriertes , mit Geschmack behandeltes Thema . Ich bin nicht in einer Welt , die mich aus der Finsternis ins Licht geboren werden läßt , wie damals in Offenbach , wo ich in der Großmutter Garten auf grünem Rasen lag und in den sonnigen blauen Himmel sah , während im Nachbarsgarten Onkel Bernhards Kapelle die ganze Luft durchströmte und ich nichts wußte , nichts wollte , als meine Sinne der Musik vertrauen . Damals hatte ich kein Urteil , ich hörte keine Melodien heraus , es war kein Schmachten , kein Begeistern für Musik , ich fühlte mich in ihr , wie der Fisch sich im Wasser fühlt . - Wenn ich gefragt würde , ob ich damals zugehört habe , so könnte ich ' s nicht eigentlich wissen , es war nicht Zuhören , es war Sein in der Musik ; ich war viel zu tief versunken , als daß ich gehört hätte auf das , was ich vernahm . Ich hin dumm , Freund , ich kann nicht sagen , was ich weiß . Gewiß , Du würdest mir Recht geben , wenn ich mich deutlich aussprechen könnte , und auf andre Weise wirst Du am wenigsten sie verstehen lernen . - Verstehen , wie der Philister verstehet , der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt , daß man Talent nicht vom Genie unterscheidet . Talent überzeugt , aber Genie überzeugt nicht ; dem , dem es sich mitteilt , gibt es die Ahnung vom Ungemessenen , Unendlichen , während Talent eine genaue Grenze absteckt und so , weil es begriffen ist , auch behauptet wird . Das Unendliche im Endlichen , das Genie in jeder Kunst ist Musik . - In sich selbst aber ist sie die Seele , indem sie zärtlich rührt ; indem sie aber sich dieser Rührung bemächtigt , da ist sie Geist , der seine eigne Seele wärmt , nährt , trägt , wiedergebärt ; und darum vernehmen wir Musik , sonst würde das sinnliche Ohr sie nicht hören , sondern nur der Geist ; und so ist jede Kunst der Leib der Musik , die die Seele jeder Kunst ist ; und so ist Musik auch die Seele der Liebe , die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt ; denn sie ist das Berühren des Göttlichen mit dem Menschlichen , und auf jeden Fall ist das Göttliche die Leidenschaft , die das Menschliche verzehrt . Liebe spricht nichts für sich aus , als daß sie in Harmonie versunken ist ; Liebe ist flüssig , sie verfliegt in ihrem eignen Element ; Harmonie ist ihr Element . Am 17. November Lieber Goethe , halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut , wo ich mich befinde ; ich bin in der Karmeliterkirche , in einem verborgnen Winkel hinter einem großen Pfeiler ; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde , da scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der Weinblätter hier auf die Erde und an die weiße Wand , da seh ich , wie der Wind die bewegt und wie eins nach dem andern abfällt ; hier ist tiefe Einsamkeit , und die Menschen , die ich hier zur ungewöhnlichen Stunde treffe , die sind gewiß da , um an ihre Toten zu denken , die hier begraben sein mögen . Hier am Eingang ist die Gruft , wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister ; da steht ein Sarg über dem andern . Ich weiß nicht , was mich in diese große düstre Kirche lockt ; für die Toten beten ? - Soll ich sagen : » Lieber Gott im Himmel , heb doch diese Verstorbenen zu dir in den Himmel ? « - Die Liebe ist ein flüssig Element , sie löst Seele und Geist in sich auf , und das ist Seligkeit . - Wenn ich hier in die Kirche gehe , an der Gruft vorbei , die meine Eltern und Geschwister deckt , da falte ich die Hände , und das ist mein ganzes Gebet . Der Vater hat mich zärtlich geliebt , ich hatte eine große Gewalt über ihn ; oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und sagte : » Laß den Vater nicht los , bis er Ja sagt « , - da hing ich mich an seinen Hals und umklammerte ihn , da sagte er : » Du bist mein liebstes Kind , ich kann nicht versagen . « Der Mutter erinnere ich mich auch noch , ihrer großen Schönheit ; sie war so fein und doch so erhaben und glich nicht den gewöhnlichen Gesichtern ; Du sagtest von ihr , sie sei für die Engel geschaffen , die sollten mit ihr spielen . Deine Mutter hat mir erzählt , wie Du sie zum letztenmal gesehen , daß Du die Hände zusammenschlugst über ihre Schönheit , das war ein Jahr vor ihrem Tod ; da lag der General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden ; die Mutter pflegte ihn , und er hatte sie so lieb , daß sie ihn nicht verlassen durfte . Sie spielte Schach mit ihm , er sagte : » Matt ! « Und sank zurück ins Bett ; sie ließ mich holen , weil er nach den Kindern verlangt hatte - ich trat mit ihr ans Bett , - da lag er blaß und still ; die Mutter rief ihn : » Mein General ! « Da öffnete er die Augen , reichte ihr lächelnd die Hand und sagte : » Meine Königin ! « - Und so war er gestorben . Ich seh die Mutter noch wie im Traum , daß sie vor dem Bett steht , die Hand dieses erblaßten Helden festhält und ihre Tränen leise aus den großen schwarzen Augen über ihr stilles Antlitz rollen . Damals hast Du sie zum letztenmal gesehen , und Du sagtest voraus , daß Du sie nicht wiedersehen würdest . Deine Mutter hat mir ' s erzählt , wie Du tief bewegt über sie warst . Wie ich Dich zum erstenmal sah , da sagtest Du : » Du gleichst deinem Vater , aber der Mutter gleichst du auch « , und dabei hast Du mich ans Herz gedrückt und warst tief gerührt , das war doch lange Jahre nachher . Adieu . Bettine Von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Städtigkeit hat Dir die Mutter schon Meldung getan ; alle Juden schreiben seitdem ; der Primas hat viel Vergnügen an ihrem Witz . - Alle Christen schreiben über Erziehung ; es kommt beinah alle Woche ein neuer Plan von einem neuverheirateten Erzieher heraus . Mich interessieren die neuen Schulen nicht so sehr als das Judeninstitut , in das ich oft gehe . An Bettine Weimar , den 2. Januar 1808 Sie haben , liebe kleine Freundin , die sehr grandiose Manier , uns Ihre Gaben recht in Masse zu senden . So hat mich Ihr letztes Paket gewissermaßen erschreckt , denn wenn ich nicht recht haushälterisch mit dem Inhalt umgehe , so erwürgt meine kleine Hauskapelle eher daran , als daß sie Vorteil davon ziehen sollte . Sie sehen also , meine Beste , wie man sich durch Großmut selbst dem Vorwurf aussetzen könne ; lassen Sie sich aber nicht irre machen . Zunächst soll Ihre Gesundheit von der ganzen Gesellschaft recht ernstlich getrunken und darauf das Confirma hoc Deus von Jomelli angestimmt werden , so herzlich und wohlgemeint , als nur jemals ein salvum fac Regem . Und nun gleich wieder eine Bitte , damir wir nicht aus der Übung kommen . Senden Sie mir doch die jüdischen Broschüren . Ich möchte doch sehen , wie sich die modernen Israeliten gegen die neue Städtigkeit gebärden , in der man sie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert . Mögen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplänen beilegen , so soll auch das unsern Dank vermehren . Ich sage nicht , wie es bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist , daß ich zu allen gefälligen Gegendiensten bereit sei , doch wenn etwas bei uns einmal reif wird , was Sie freuen könnte , so soll es auch zu Ihnen gelangen . Liebstes Kind , verzeih , daß ich mit fremder Hand schreiben mußte . Über Dein musikalisches Evangelium und über alles , was Du mir Liebes und Schönes schreibst , hätte ich Dir so heute nichts sagen können , aber laß Dich nicht stören in Deinem Eigensinn und in Deinen Launen , es ist mir viel wert , Dich zu haben , wie Du bist , und in meinem Herzen findest Du immer eine warme Aufnahme . Du bist ein wunderliches Kind , und bei Deiner Ansiedlung in Kirchen könntest Du leicht zu einer wunderlichen Heiligen werden , ich gebe Dir ' s zu bedenken . Goethe An Goethe Wer draußen auf der Taunusspitze wär und die Gegend und ganze liebe Natur von Schönheit zu Schönheit steigen und sinken sähe abends und morgens , während sein Herz so mit Dir beschäftigt wär wie meins , der würde freilich auch besser sagen können , was er zu sagen hat . Ich möchte so gern vertraulich mit Dir sprechen , und Du verlangst ja auch , ich soll Eigensinn und Laune Dir preisgeben . Du kennst mein Herz , Du weißt , daß alles Sehnsucht ist , Wille , Gedanke und Ahnung ; Du wohnst unter Geistern , sie geben Dir göttliche Wahrheit . Du mußt mich ernähren , Du gibst alles zum Voraus , was ich nicht zu fordern verstehe . Mein Geist hat einen kleinen Umfang , meine Liebe einen großen , Du mußt sie ins Gleichgewicht bringen . Die Liebe kann nicht ruhig werden , als wenn der Geist ihr gewachsen ist ; Du bist meiner Liebe gewachsen ; Du bist mild , freundlich , nachsichtig ; lasse mich ' s fühlen , wenn mein Herz sich nicht im Takt wiegt , ich versteh Deine leisen Winke . Ein Blick von Deinen Augen in die meinen , ein Kuß von Dir auf meinen Mund belehrt mich über alles ; was könnte dem auch wohl noch erfreulich scheinen zu lernen , der wie ich , hiervon Erfahrung hat . - Ich bin entfernt von Dir , die Meinen sind mir fremd geworden , da muß ich immer in Gedanken auf jene Stunde zurückkehren , wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner Arme hieltest , da fang ich an zu weinen ; aber die Tränen trocknen mir unversehens wieder : er liebt ja herüber in diese verborgene Stille , denke ich , und sollte ich mit meinem ewigen ungestörten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen ? Ach vernimm es doch , was Dir mein Herz zu sagen hat , es fließt über von leisen Seufzern , alle flüstern Dir zu : mein einzig Glück auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir . O lieber Freund , gib mir doch ein Zeichen2 , Du seist meiner gewärtig . Du schreibst , daß Du meine Gesundheit trinken willst , ach ich gönne sie Dir , lasse keinen Tropfen übrig , möchte ich mich selber doch so in Dich ergießen und Dir wohl bekommen . Deine Mutter erzählte mir , wie Du kurz , nachdem Du den Werther geschrieben , im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedrückt worden , darin geschrieben war : » Ils ne te comprendront point , Jean Jacques . « Sie behauptet , ich aber könne immer zu jedem sagen : » Tu ne me comprendras point , Jean Jacques « , denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht mißverstehen , oder Dich gelten lassen wollen ? - Sie sagt aber , Du Goethe , verstündest mich , und ich gelte alles bei Dir . Die Erziehungsplane und Judenbroschüren werd ich mit nächstem Posttag senden . Obschon Du nicht zu allen gefälligen Gegendiensten bereit bist , aber doch mir schicken willst , was reif ist ; so denke doch , daß meine Liebe Dir brennende Strahlen zusendet , um jede Regung für mich zu süßer Reife zu bringen . Bettine An Goethe Was soll ich Dir denn schreiben , da ich traurig bin und nichts neues Freundliches zu sagen weiß ? Lieber möcht ich Dir gleich das weiße Blatt schicken , statt daß ich ' s erst mit Buchstaben beschreibe , die doch immer nicht sagen , was ich will , Du fülltest es zu Deinem Zeitvertreib aus , machtest mich überglücklich und schicktest es an mich zurück , wenn ich denn den blauen Umschlag sehe und riß ihn auf : neugierig eilig , wie die Sehnsucht immer der Seligkeit gewärtig ist , und ich lese nun , was mich aus Deinem Mund einst entzückte : Lieb Kind , mein artig Herz , mein einzig Liebchen , klein Mäuschen , die süßen Worte , mit denen Du mich verwöhntest , so freundlich mich beschwichtigend ; - ach ! mehr wollt ich nicht , alles hätt ich wieder , sogar Dein Lispeln würde ich mitlesen , mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3 . - Da ich noch an Deinem Arm