Geistes , die auf den Altar gehoben werden , um die verführte und verblendete Menge in immer regem Taumel zu erhalten . « Der Journalist hatte sich erhoben , und drohte mit der Rolle Zeitungsblätter , wie entrüstet , dem Sprecher , der ruhig in seiner Rede fortfuhr : » Es thut wahrlich Noth , daß wir den Himmel bitten , daß er uns demüthige , damit die Welt wieder glauben lerne ; denn wo keine Andacht , keine Verehrung mehr herrscht , wo dreiste Klügelei jede Autorität wegspottete , darf , kann man wohl da etwas anders erwarten , als Elend , Verderben , tiefe Erniedrigung ? In meiner Jugendzeit vereinigte sich Schule und Erziehung , jene Einheit zu befestigen , in der das Leben seinen Stützpunkt findet ; es wurde vor allen Dingen ein guter ökonomischer Haushalt mit dem Leben gelehrt , daß man nicht zu frühe mit der Lebenslust fertig werden möchte ; auf der hohen Schule zeigte man dem Jünglinge die Wissenschaft und Kunst in ihrer spröden jungfräulichen Herbigkeit , und ließ erst nach und nach ihre Süße ahnen ; Strenge und Arbeit waren Gesetz - die großen Poeten und Philosophen thronten , gleich Königen , unzugänglich für den großen Haufen , im Heiligthum ihrer Studierstube , und dort reichten sie dem demüthig nach Belehrung dürstenden Schüler kostbare goldene Aepfel in silbernen Schalen dar . « » Ach ja - freilich wohl ! « nahm der Baron das Wort mit gerührter Freudigkeit - » damals - damals hatten wir ja unsern großen einzigen Dichter noch - er war der Mann unsrer Liebe und Verehrung . Damals ging am Hofe der Fürsten ein feines Gespräch um . Ich weiß es ja noch , und wenn ich daran denke , muß ich noch lächeln - damals , als der Treffliche seinen Faust geschrieben hatte , der alle deutschen Gauen in Flammen setzte , schrieb ich ihm im Namen von fünfzig engverbrüderten Jünglingen , er möchte doch den Mephistopheles die tolle Wette nicht gewinnen lassen ; demüthig baten wir darum , denn es sey zu herrlich anzuschauen , wie der himmlischteuflische Kampf vom genialen Meister siegend zum Lichte hinaufgeführt werde . Was erfolgte ? - nach einigen Wochen lief ein eigenhändiges Schreiben vom Dichter ein , worin er uns scherzhaft versicherte , daß er uns zu Liebe in einer so bösen Sache nichts entscheiden könne , und daß er es für ' s Gerathenste halte , wenn ein jeder Leser nach seiner Eigenthümlichkeit sich das Ende selbst hinzu dächte . Und so ist es auch geblieben - der Herrliche hat sein Schauspiel nicht beendet . « » Kann es wohl etwas Trostloseres geben , als den Werther ? « rief der Journalist heftig ; » ist es wohl möglich , die Verirrung so weit zu treiben , den Leuten glauben machen zu wollen , solch ein Charakter sey edel , stark , wahr ? Ich finde nur Einen Gesichtspunkt , in welchem betrachtet dieses Produkt Leben und Wahrheit einigermaßen erhält , nämlich der Leser muß annehmen , der junge Mann tödte sich nicht aus Liebes-Verzweiflung , diese hat meinetwegen auch einen großen Theil an seinem Tode , sondern der eigentliche Grund desselben sey die bewußt gewordene Ohnmacht , das uns allen vor Augen stehende ewige Räthsel unseres Daseyns zu lösen . Aus innerem Zwiespalt und Lebensüberdruß flüchtet er in ' s Nichts . So nur kann ich Seelengröße und Selbstmord vereinigt denken , und von dieser Seite angesehen , gewinnt die Fabel Bedeutung , indem durch sie jene Stürme angedeutet worden sind , die bald darauf durch alle Länder dahinbrausen sollten , und die zu beschwören die heutige Welt berufen scheint . Das gewöhnlich angenommene Motiv des Werther ' schen Mordes ist aber so siegwartisch schwindsüchtig-weichlich , daß sich im Ernst kein poetisch kräftiges Gemüth darein verlieben kann . « Ottfried war hinzugetreten und rief : » Wenn Sie doch , Theuerster , nicht von Poesie reden wollten , deren Wesen und Gehalt Sie nun einmal durchaus nicht begriffen haben ! Wie ein schöner Park nicht dazu dienen kann , eine Stadt zu befestigen und Thürme und Mauern entbehrlich zu machen , eben so wenig sollte ein Politiker von Poesie reden ; genug , daß man ihm zugibt , daß seine Kanonen , Mörser , Säbelklingen und Deputirten-Kammern , sammt allem kriegerischen Löschpapier nothwendige Uebel sind , da sollte man sich doch zufrieden geben , und uns unsern Theil lassen . « - - » Schon wieder ein großer Irrthum , « rief der Zurechtgewiesene ; » nur die höchste Einseitigkeit kann das Leben und seine Erscheinungen in starre Klassen theilen wollen . Dieses ist die Quelle so vielen Streits und Elends unsrer Tage , daß nämlich ein Theil der Menge sich ausschließt und behauptet , die Sache gehe ihn nichts an . Jeder und alle müssen vereint wirken , wenn die Aufgabe genügend gelöst werden soll . « - » Thun Sie , was Sie wollen , « sagte Ottfried empfindlich ; » nur kann ich es nicht leiden , daß unser großer Dichter getadelt wird , und von Leuten , die nicht werth sind , ihm die Schuhriemen aufzulösen . « - » Mit einer einseitigen Bewunderung , « nahm der Journalist das Wort , » kommen wir heutzutage nicht weit . Das Repräsentiren einzelner Geister hat aufgehört , und an die Stelle ist die begeisterte Wirksamkeit Aller getreten ; die Gesammtheit hat Stimme erhalten , und in dieser findet die Poesie , wenn sie sich aussprechen will , ihr würdiges Organ . Fragen wir doch , was denn jener große Geist , dem es vergönnt war , in so mancherlei Beziehungen auf ' s Ganze zu wirken , was er denn Treffliches geleistet ? Wo sind die löblichen Einrichtungen , die der Staat ihm , seinem ersten Staatsmanne , verdankt , was hat eine Generation , die bittend zu ihm hinaufsah , von ihm zur Förderung und Feststellung der edelsten und schönsten Menschenrechte gewonnen ? Auf welche Weise wucherte er mit dem Schatze , der in erläuterter Wissenschaft und Kunst ihm anvertraut worden ? Die Antwort ist : um sein eigenes Selbst zu verherrlichen , um seinem Haupte die Krone aufzusetzen , that er Alles , was er that . Selber der Fürst seines Fürsten , übte er die heilloseste Geistesdespotie über seine ganze Zeit aus , die zu schwach und verweichlicht war , um dieses Joch zu fühlen und abzuschütteln . « Eine Pause entstand , während welcher Ottfried sich , im höchsten Grade verstimmt , abgewendet hatte ; endlich sagte er : » Es hört ja aller Streit sogleich auf , wenn man die Poesie als eine milchende Kuh betrachtet , und dafür sieht unsere Zeit freilich alles Edle und Große an . « Zum Glück trat jetzt der junge August herein ; er kam aus der Residenz und brachte Nachrichten und politische Blätter mit . Der Journalist eilte auf ihn zu ; der Geistliche wollte den Zeitpunkt benutzen , und mit seiner kleinen Braut einige herzliche Worte wechseln , doch sie fand Gelegenheit , ihm zu entschlüpfen und der Gruppe zuzufliegen , die sich um ihren Bruder bildete . Der Pastor nahm mit einer Miene der Resignation eine Priese und that einen mächtigen Zug aus der Kaffeetasse . Den nächsten Tag hatte Eduard dazu bestimmt , an dem Bilde fortzuarbeiten ; er nahm es hervor und erschrack davor , wie vor einer Erscheinung . Aus bleichen schroffen Zügen sahen ihn in einem kranken Antlitz zwei erloschene Augen mit dem höchsten Ausdruck des Schmerzes an . War das das schöne achtzehnjährige Mädchen , waren das die Formen , denen er Anmuth und edle Größe nicht absprechen konnte . Sorgsam verdeckte er das Bild und ließ er sich nachtragen auf ' s Schloß . Er wurde in ' s bestimmte Gemach geführt , es war leer ; nach ein paar Sekunden erschien eine Kammerfrau und führte ihn zur Fürstin hinüber , diese empfing ihn freundlich und bedauerte , daß eine kleine Unpäßlichkeit das Fräulein verhindere , zu erscheinen . Unschlüssig , was er thun solle , ging unser Freund in den Saal zurück . Er setzte sich an ' s Bild , um daran zu ändern , doch je mehr er versuchte und übermalte , desto lebhafter fühlte er , wie er vom Urbilde sich entfernte ; mißmuthig legte er den Pinsel nieder . Tiefe Stille herrschte im Gemache ; Magdalenens Lieblings-Papagei hing im goldenen Käficht und sah ihn mit klugen Augen an , indem er sich langsam in seinem Ringe hin- und herbewegte , und zuweilen durch die warme Stille des Gemachs einen lauten Schrei that . Der Mittag lag auf den geöffneten hohen Fenstern , und nur von Zeit zu Zeit wölbte ein Luftzug die schweren rothseidenen Falten der niedergelassenen Vorhänge . Eduard stand am Pfeiler gelehnt und schaute auf die in der Schwüle daliegende Natur , dann verließ er den Saal , und betrat , in Gedanken vertieft , die daran stoßenden Gemächer . Immer weiter und weiter wandelnd , gelangte er in ein mit Sammetteppichen bekleidetes Eckzimmer , eine in der Tiefe des Gemachs ertönende Spieluhr zog ihn weiter , und endlich blieb er vor einem Bilde stehen , welches die Prinzessin darstellte , von einem vorzüglichen Künstler gemalt . Eine Uhr schlug in den inneren Gemächern , Eduard hörte nichts , jetzt wandte er sich aus seinen Träumen nach der Thüre um , da stand sie - Magdalena - groß , in weicher Stellung gebogen an die Thüre gelehnt . Einen Moment blieben sich beide stumm gegenüber ; Eduard konnte den Blick des großen blauen Auges , das mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf ihm ruhte , nicht ertragen , er erhob seine Stimme , um sie anzureden , da plötzlich stürzte mit einem kurzen , kaum hörbaren Laut das schöne Bild zusammen , und lag leblos da auf dem rothen Teppich des Bodens . Der dumpfe Ton , mit dem das Haupt auf dem Absatz der Schwelle niederschlug , hallte durch die tiefe Stille , und preßte dem erstarrten Jünglinge einen Schrei des Entsetzens aus ; er stürzte nieder , fing den Busen und das von den aufgelösten bleichen Locken umspielte Antlitz in seinen Armen auf , und schaute in trostlosem Schmerze auf die gebrochene Gestalt nieder . Endlich hob sich die leblose Brust wieder , ein langer , aus der Tiefe des gepreßten Herzens aufzitternder Seufzer brachte das entflohene Leben zurück , doch noch lag auf den geschlossenen Augen , auf den marmorgleichen Zügen der Ausdruck eines unendlichen Schmerzes . Die Bewegungen des Busens wurden heftiger und ließen den Ausbruch eines Krampfes fürchten ; in Besorgniß und Angst preßte Eduard seine heiße Hand ihr unter die Brust . Jetzt erwachte die Arme , und ein Strom von Thränen rann auf die weiße Atlasrobe herab ; der besorgte Jüngling leitete sie zu dem nächsten Armstuhl , dort lispelte sie einige Worte des Danks , und ein bittender Wink sprach den Wunsch aus , sich allein zu sehen . Er gehorchte augenblicklich , im Vorbeigehen hob er ein kleines einfaches Kreuz auf , welches sich von einer Kette am Busen des Fräuleins gelöst hatte ; betäubt und an allen Sinnen erregt , langte er auf seiner einsamen Stube an . Seiner Aufmerksamkeit entging es , daß alles im Hause wild durcheinander lief , daß Verwirrung und Bestürzung der Gemüther , selbst des Barons sich bemächtigt hatte ; die Thüre hinter sich abschließend , warf er sich auf sein Ruhebett , und Thränen quollen unwillkürlich aus seinem Auge . Wie ein zündender Strahl kam ihm jetzt der Gedanke , jenes kleine Bild auszuführen . Er arbeitete bis in den sinkenden Abend unausgesetzt , und als er es vollendet hatte , waren es Magdalenens Züge , die jene umschauende Gestalt zeigte ; sie war es - der hohe siegreiche Wuchs , die Fülle der hellen Locken , dem Nacken entflatternd , so eilte sie dahin , und in dem rückschauenden Auge lag jener wunderbar schmerzliche und doch beseligende Blick angedeutet , den sie auf ihn geheftet hatte . Ein tiefes Weh zog durch seine Brust , er preßte beide Hände gegen das Antlitz , und eine Stimme , leise , aber durch alle seine Pulse zuckend , klang : » Warum verfolgst du mich ? « Ja , er fühlte es , er liebte , liebte das Mädchen , das er mit so schneidender Kälte verfolgt - sich selbst marternd , hatte er ihren weichen Busen gemartert , ihr edles Herz zerfleischt . Ottfried ' s Worte vom Schmerz , jenes Liedchen , die bewußtlosen Träume und Bilder , die ihn bis jetzt verfolgt , endlich der fürchterliche Augenblick , wo er das angebetete Mädchen in der Qual ihres gebrochenen Herzens niederstürzen sah - Alles stürmte jetzt auf ihn ein , und wie ein Kind weinend , warf er sich in seinen Stuhl , und zitternd , im ungemessenen Ausbruche des ersten tiefen Gefühls , flogen seine Glieder . Immer und immer tönten die Worte : » Warum verfolgst du mich ? « Immer wieder traf jener Blick in sein Herz , immer von Neuem vernahm sein Ohr den dumpfen gebrochenen Laut , mir dem sie niederstürzte ; seine Marter erstieg den höchsten Gipfel . Die Nacht kam auf leisen Fittichen , die Sterne zogen hinauf , noch immer lag er im Sessel . Armes , armes , süßes Mädchen ! Du konntest in der gemißhandelten warmen Brust das Bohren des kalten Dolches nicht länger erdulden , es warf die Kälte des Freundes dich , eine Leiche , zu Leichen , dein schöner Leib schlug zu seinen Füßen nieder ! Wider deinen Willen sollte dein brechendes Auge das seinige öffnen . Wie kalt , wie arm , wie dürftig lagst du da , und dennoch gegen deine Engelglorie wie höflich , wie elend stand ich da in der Verzerrung meines Innern , ausgehöhlt von kalten Hohn gegen alles Edle und Schöne , was die Erde trägt . Ich Thor , erschlossen glaubte ich mir schon jede Erdenseligkeit , auf den Höhen des Lebens meinte ich gewandelt zu haben , und stehe als Neuling geblendet vor den ausfliegenden Thoren eines nie geahneten Paradieses . Sie liebt mich ! Du liebst sie ! O seltsames , schmerzliches Räthsel - habe ich nicht oft geträumt , zu lieben ? in süßer Trunkenheit suchten im Kusse sich die Lippen , Auge entzündete sich im Auge , und ein kurzer Schmerz drückte das Erwachen aus ; - hier aber greift der Schmerz zuerst in das Leben , vernichtend , entsetzlich ! o Magdalena , Magdalena ! - Sturmwolken trieben am Himmel hinauf und verhüllten den Glanz der Gestirne , ein Gewitter ließ sich in leisen , dumpfen Schlägen vernehmen , und gestaltlos feurige Scheine flogen am Horizonte hin . Eduard hatte seinen Blick fest auf ' s Schloß gerichtet , er suchte eifrig das Fenster des Gemachs , wo ihn heute das Schicksal erfaßt hatte , um sein ganzes Leben plötzlich umzugestalten . Die Zimmer waren dunkel , doch weit davon , wo die Gemächer der Prinzessin begannen , leuchtete noch ein einsames Licht durch rothe Vorhänge , wie ein feuriges Auge durch die Nacht , herüber . An diesem Lichte sitzt sie , in Träume versenkt , rief er bei sich , auch ihre Seele flieht der Schlaf , die süße Ruhe auf immerdar ! Auch ihr geht in Ahnungen dein erwachender Liebesmorgen auf . Das Wetter zog näher , und die schwülen Töne rollten jetzt dumpf die tiefe Leiter hinab , heller zuckten die breiten zerfließenden Strahlen . Die Gerüche der Blüthen unter dem Fenster , von der Schwüle entzündet , verbreiteten fast betäubende Düfte , die Luft selbst war ein heißer Athem , der sich vergeblich zu kühlen strebte an der Stirn , dem Busen des armen Jünglings . Die Erschütterung seines Wesens ging jetzt in tiefe Ermattung über ; er entschlief auf dem Ruhebette , und indeß die Gewitter sich über seinem Haupte entladeten , glaubte er im Traume finster drohende Stimmen über sich zu vernehmen . Er erblickte Gestalten über sich , die zusammentraten , um über ihn Gericht zu halten ; es erschien Emiliens Bild , dann schütterte ein ungeheures Krachen dicht neben ihm nieder , ein gelber Schein füllte das Gemach ! Entsetzen faßte ihn , er sah das Schloß in vollen Flammen stehn . Mit der Schnelligkeit des Sturmwindes flog er die wohlbekannten Wege hinauf , durchlief die Gemächer , welche von einem ungeheuern Angstruf widerhallten , und drang mitten in ' s Getümmel . Wehende Schleier , fliehende Gestalten , zugeschleuderte Thüren , qualmende Rauchwolken und züngelnde Flammen warfen sich ihm in den Weg ; durch sie alle fand sein Fuß den Weg - und dort , dort im rothen Gemach - dort lag sie noch auf dem Sessel , wo er sie verlassen , eine bleiche niedergeknickte Lilie , das Haupt in die Arme geschlossen , von der Glut der Flammen blaßroth angehaucht . Mit riesiger Kraft umfing er den schönen Leib , der süße Busen , von einem Gott mit dreifacher Glut durchströmt , küßte auffliegend seine heiße Wange , sein Auge trank Reize , die sein innerstes Mark berauschten , und der Wahnsinn der höchsten Leidenschaft spielte mit dem Moment des Todes . Nirgends ein Ausgang ! Flammen wie Säulen umstanden , zu einem Tempelrund geschlossen , das trunkene Paar - da war es ihm vergönnt , in einem Kusse zu sterben . - Geständniß und Erhörung krönten sich gegenseitig ; in dem Moment krachten die Balken der Decke zusammen , und unser Freund erwachte aus seinem Traum . Die abgekühlte nasse Luft strich durch ' s Gemach - der Mond , aus dem zerissenen Wolkenmeer sich erhebend , warf seinen Blick auf das ruhig daliegende Schloß und die friedliche Gegend . Als Eduard hinunter zur Familie kam , erfuhr er den Grund des gestrigen Aufruhrs , - Sophie war mit dem Journalisten entsprungen , und man mußte glauben , daß die Flüchtlinge ihren Weg nach der Residenz genommen ; doch war es eben so wahrscheinlich , der Zeitungsschreiber habe seine Beute mit in sein Vaterland , in die Schweiz , entführen wollen , wo , wie man wußte , seine Familie einige Besitzungen inne hatte . August war beauftragt worden , mit einigen Knechten den Flüchtlingen nachzusetzen , denn es ließ sich erwarten , daß das ungewöhnlich starke Gewitter in der Nacht ihre beschleunigte Reise bedeutend aufgehalten haben mußte . - Der Baron hatte anfangs lebhaft gezürnt , doch jetzt schien ihm die Hoffnung gewiß , die Entflohenen wieder einzuhaschen ; er saß in seinem Armstuhl am Fenster , und begrüßte unsern Freund mit einem trüben Lächeln . » Das ist , « rief er , » ein Stückchen vom neuen Regime , so äußert sich diese interessante Wuth : wahrlich , ich werde noch müssen für meine alten Tage eine bezahlte Pflegerin annehmen , um nicht elend zu verkümmern , denn meine eigene Tochter läuft als Marketenderin in die Reihen der Unsinnigen . « Der Geistliche ging ebenfalls mit bekümmerter Miene im Gemach auf und ab , indem er von Zeit zu Zeit das Haupt schüttelte ; nach einer Pause begann er : » Höchst seltsam ! das Uebel fing so gering an , sie zupfte Charpie für die armen unterdrückten Freiheitler ; zwar bemerkte ich , daß allemal die Woche ein Pfund mehr von diesen heilsamen Fäden durch ihre artigen Finger zerzaust wurde , allein welcher prophetische Geist hätte dergleichen Dinge vorher sagen mögen ! « - » Trösten Sie sich , « rief der Baron seinem alten Freunde zu ; » besser , daß sie jetzt entlief , als daß sie als ihre Gattin sich in die weite Welt flüchtete , wo sie dann vielleicht noch gar ihre Perücke mitgenommen hätte , die sie nie hat leiden mögen . « Der Pastor sah seinen Freund und Gönner mit großen Augen an , erwiderte aber nichts , sondern sah wiederum mit bekümmerten Blicken hinaus auf die vorbeiführende Landstraße . Eduard ließ die beiden Alten bald allein , seine glühende Seele vernahm nur halb , was um ihn vorging , es trieb ihn die Sehnsucht in ' s Schloß . Die Fürstin ließ ihn vor sich und theilte ihm mit , daß Magdalena seit gestern sich unpäßlich fühle , und daher die heutige Malerstunde aufgegeben werden müsse . Eduard stand wie vernichtet , er entfernte sich mit einer stummen Verbeugung ; auf dem Zimmer angelangt , vertraute er seines Herzens Geheimniß einem Papier , welches Magdalenens Zofe zur heimlichen und sicheren Bestellung erhielt . Jetzt waren die Pforten des Tempels gesprengt , und Glanz und Segen überströmte den Glücklichen ; eine neue Sonne stieg am Horizonte empor , und verklärte sein verarmtes Leben . Am Abend erschien die treue Zofe , und leitete unsern Freund auf einem verborgenen Pfade in das Zimmer ihrer Gebieterin . Da saß sie , auf den Polstern des Divans hingegossen , das goldene Haar aufgelöst , in ein fast klösterliches weißes Gewand eingehüllt , dessen reiche Falten auf den Boden niederflossen , eine Thräne blinkte in ihrem Auge , als sie den Glücklichen hereintreten sah . Auf einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tische stand ein Kruzifix , von zwei hohen Wachskerzen eingefaßt , deren Flammen im Abendwinde spielten . » Magdalena , « rief Eduard und stürzte zu ihren Füßen , » wunderbares , heiliges Mädchen , warum hast Du mich nicht früher in deinen Himmel schauen lassen , warum gegen mich diese Kälte , diese Verachtung ? - Doch , ich Wahnsinniger , verdiente ich etwas Anderes ? War ich es nicht , der verblendet und verführt , dieses überreiche Herz von mir stieß , war ich es nicht , der den nichtswürdigsten Verläumdungen mein Ohr lieh ? « - » Eduard ! « flüsterte Magdalena und neigte sich zu dem Verzweifelnden herab , » keine Selbstanklage ! es ist genug , die Prüfungszeit ist vorüber , der Himmel wollte , daß ich auch den letzten bittersten Trank bis auf die Hefe leeren sollte ; ach , ich Elende , ich vermochte es nicht , meine Kraft brach , und ich zeigte Dir ein schwaches Herz . Ja , mein edler Freund , auch Du solltest mich verkennen , auch von Dir sollte ich verdammt werden , gleich wie die Welt mich verdammt und lästert ! Doch es ist vorbei , und meine Seele fliegt im jubelnden Gebete himmelwärts . « Sie beugte sich nieder , und der entzückte Jüngling , keines Wortes mächtig , umschloß mit glühenden Armen die jungfräulich Erbebende . Der Nachtwind spielte in den rauschenden Falten der Vorhänge , und drohte die Kerzen auf dem Tische zu verlöschen . Magdalena entzog sich dem Kusse des Freundes , die leidenschaftliche Glut des Moments glitt an der reinen Höhe ihres Wesens nieder . Hoch aufgerichtet , die Hand auf den Tisch gestützt , stand sie da , und staunend sah der Jüngling an ihr hinauf . » Eduard , « rief sie nach einer Pause mit einer ernsten feierlichen Stimme , » Eduard , folgen Sie nicht dem Erdgeiste , der uns beide umstricken will , der Augenblick ist heilig , er gießt die Weihe über zwei Menschenleben aus ! Eduard , bei dem Erkennungskusse , den unsere Seelen sich heute zugehaucht , bei dem Siegesfeste unserer Liebe ! - bei den ewigen Gestirnen , die ihre prophetischen Kreise in diesem Moment über unser Haupt beschreiben , und endlich bei diesem Bilde , das hier aufgerichtet zwischen uns steht - geloben Sie mir einen theuern Eid - geloben Sie mir , hinfort nur für Gott und die Freiheit zu leben ! Eduard ! Die Stimme unterdrückter Völker tönt an Ihr Ohr ! Die edelsten Rechte der Menschheit fordern Ihren Arm zum Vertheidiger , die unterdrückte Unschuld fleht zu Ihrem Männerherzen ; Sie sind ein Mann , in Ihre Rechte gehört das Schwert ; Feigheit wäre es , sich mit taubem Ohr wegzuwenden vom allgemeinen Jammer . Eduard , geloben Sie es mir , hinführo für Gott und die Freiheit zu leben , und wenn ein Dank eines Weibes Sie beglücken kann , so soll es der meinige . « Sie schwieg und mit einem seligen Lächeln blickte sie auf den Freund nieder . » Magdalena , « rief dieser , » mein früheres Leben sinkt in diesem Augenblick vor mir herab ; alles , was ich hoch und schön genannt , es hat seinen trügerischen Glanz verloren , die junge Sonne dieser Stunde gibt mich einem neuen Leben hin , führt mich in die Arme der reinsten Liebe , des Glaubens , der Tugend : soll ich da noch anstehen , ihren segensreichen Strahlen zu folgen , wohin sie mich auch immer rufen ? Ja , göttliches Mädchen , Dir will ich gehorchen , ein thatenloses armes Daseyn möge sich in ein kräftiges reges Wirken umgestalten , an Deiner Hand , durch Deine Leitung . Ich schwöre für Freiheit , Gott und mein Vaterland zu leben . « Magdalena war niedergesunken , das weiße , sie umfließende Gewand breitete sich in weiten Falten um sie herum , sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände , eine tiefe Pause herrschte im Gemach ; Eduard beugte sich zu ihr herab , sie leise , aber innig umfassend , wandte er das zarte , goldgelockte Oval sanft zu sich über . Mit niedergeschlagenen Augen und noch gefaltenen Händen duldete die schöne Gestalt den glühenden Verlobungskuß , den er ihr aufdrückte . Unser Freund verlebte jetzt paradiesische Tage ; es war ihm ein Bedürfniß , glückliche Menschen um sich zu sehen , und deßhalb bekümmerte es ihn , daß im Hause des Barons noch immer keine befriedigende Nachrichten wegen der Flüchtlinge eingelaufen waren . Es schien , als wenn ihre Spur sich plötzlich unter die Erde verloren hätte , denn im ganzen Umkreis des Schlosses sowohl als auf den Stationen der verschiedenen Straßen hatte man sie weder beherbergt , noch ihnen begegnet . Es neigte sich der dritte Tag schon zu Ende und ein paar abgeschickte Boten kamen ebenfalls unverrichteter Sache zurück , da zeigte sich August , der von seinen gewöhnlichen Streifereien im Forste heimgekehrt war , mit besonders heiterer Miene . Er winkte Eduarden zu sich , und flüsterte ihm in ' s Ohr , daß er sich jetzt getraue , die Schwester zu finden , er wüßte gar wohl , wo man sie verborgen habe , und wenn Eduard die Entdeckungsreise mitmachen wolle , so stehe er ihm für den besten Erfolg und außerdem für vielen Spaß . Unser Freund entschloß sich , dem jungen Kadetten zu willfahren ; es wurden noch an demselben Nachmittag Anstalten ingeheim getroffen , der Pastor , der von der neuen Hoffnung etwas erlauscht hatte , schloß sich den beiden Jünglingen an , und so gingen sie in den benachbarten Forst . Unterwegs that der lebhafte August sein Geheimniß kund , er hatte es nämlich vor dem Vater verbergen müssen , daß er auf seinen Gängen im Walde ein hübsches Bauermädchen entdeckt habe , mit welcher es dem bildschönen lustigen Jägerburschen eben nicht schwer geworden war , ein Liebesverständniß anzuknüpfen . » Es war damit , « erzählte er , » ganz so , wie es in jenem Liedchen von der schönen Müllerin heißt , sie kam auch , in des Morgens Frische ihr liebes Angesicht zu baden , indeß ich hinter dem nächsten Baum auf meine Flinte gelehnt dastand , und ihr zusah . Ich werde es nie vergessen , wie ich damals den ersten Kuß von einem Mädchen erhielt , wie ich mit meinen Lippen ihre vom Bade nassen und kalten Wangen erwärmte , und ihre volle kleine Gestalt mit meinem Arm umschloß ; es ist wahrlich schade , daß ich sie euch nicht zeigen kann , doch pflegt sie mit ihrem Vater erst später nach Hause zu kommen . Von ihr nun hab ' ich es erfahren , daß meine gute Schwester hier im Walde sich verbirgt , und der Journalist mit seinen Freunden in der Residenz correspondirt , um einen Wagen herkommen zu lassen , in welchem es ihm dann leicht möglich wird , die nahe Gränze zu erreichen , ohne die Stadt und die bekannten Wege zu passiren . So gut als gewiß ist es , daß heute der Wagen angelangt ist , und wenn er nun aus dem Walde eilen will , so muß er hier vorüber und läuft uns dann gerade in die Arme . Es gilt also nur , ein Stündchen hier zu warten , wozu der freundliche , schöne , von Sonnenschein und Vogelgesang belebte Waldplatz ohnedieß einladet . Aber was geschieht da unserm Pastor ? « Der Prediger war während des Gesprächs vorausgeeilt , an einen kleinen Abhang gerathen und trotz seiner großen Vorsicht hingestürzt , jedoch ziemlich glücklich bei nachgleitenden Rockschößen auf dem Sande in die Tiefe niedergefahren ; als Eduard und August dem verschwindenden Manne nacheilten , fanden sie ihn schon unten angelangt und zwei Bauerburschen beschäftigt , die ehrwürdigen Amtskleider auszuklopfen und auszustäuben . Jetzt war man im Thale , wo die geschwätzige Mühle ihre Räder mit einem heimlichen Rauschen trieb , als erzähle sie den jungen Waldbäumen uralte wundersame Mährchen ; das Häuslein selbst lehnte so schmeichelnd zärtlich mit seinen grünen umsponnenen Fenstern an der hellen Felswand , daß den beiden Jünglingen das Herz aufging und sie ihre Arme dagegen ausbreiteten . Der Kadet warf sich an die Brust seines älteren Freundes , und zog ihn auf die kleine Bank nieder , auf der er mit seiner Marie so oft gesessen hatte ; indeß ließ sich der Pastor von seinen beiden klopfenden und stäubenden Dienern in ein nahes Gebüsch führen , wo neue Reinigungsversuche mit frischen Baumzweigen vorgenommen werden sollten . Der Abend war entzückend schön ; das Gold der niederflammenden Sonne lag im matten Purpurglanz auf dem klaren Spiegel des Baches , hier und da zogen