sein mögen , merken doch bald , wenn es nicht ganz geheuer um sie her ist , und mögen sie mich nun Ariman oder das böse Prinzip , Satan oder Herrn Urian nennen , sie kennen mich in allen Völkern und Sprachen . Es ist doch eine schöne Sache um das dicier hic est , darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr . Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht , mich zu verherrlichen , und , wenn ich ' s nicht schon wäre , mich ewig zu machen ? In meiner Dissertatio de rebus diabolicis sage ich unter anderm hierüber folgendes : » § 8. Die Idee , das moralische Verderben in einer Person darzustellen , mußte sich daher den Dichtern bald aufdrängen ; diese waren , wie es in Deutschland meistens der Fall war , philosophisch gebildet , doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten , dicken Sorte , die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände hinzugleiten weiß , daher kam es , daß auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen , das sie nicht mit Gewandtheit auftreten ließ ; sie stolperten auf die Bühne und von der Bühne , machten sich breit in Philosophemen , die der Zehendste nicht sogleich verstand , und drehten und wandten sich , als sollten sie auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen . Daher kam es , daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet waren . Betrachten wir z.B. Klingers Satan . Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde herzuleiern ! Klingemanns Teufel ! glaubt man nicht , er habe ihn nur geschwind aus dem Puppenspiel von der Straße geholt , ihm die Glieder ausgereckt , bis er die rechte Größe hatte , und ihn dann in die Szene gesetzt ? man begreift nicht , wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte verführen lassen ! « Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme , die hier aufzuführen der Raum nicht erlaubt . Sie alle haben mir von jeher viel Spaß gemacht , und ich kam mir oft vor , wie der Polichinello des italienischen Lustspiels ; ich war bei diesen Leuten eine stehende Figur , die , wenn auch etwas anders aufgeputzt , doch immer wieder die Hörner herausstreckte , und unter welche man zu besserer Kenntnis ein » Ecce homo « , sehet , das ist der Teufel , schrieb . Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen , sagt ein Sprichwort , folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein . » Ein jeder gibt , wie er ' s kann « , fuhr ich in der Dissertation fort , » und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte , so gaben sie auch ihre Teufel . Daher kommt es , daß Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht . Jener Abadonna ist ein gefallener Engel , dem das höllische Feuer die Flügel versengte , der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig ausnehmen soll . Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt , mir wenigstens kömmt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor , wie ein Elegant , der wegen Unarten aus den Salons verwiesen , sich in den Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und darum unanständig jammert . « So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus , und ich gebe noch heute zu , daß die Auffassung wie jeder Idee , so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über das Böse richten muß ; dies alles aber entschuldiget keineswegs jenen berühmten Mann , der , kraft seines umfassenden Genies , nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit , in welcher er lebt , sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte , es entschuldigt ihn nicht darin , daß er einen so schlechten Teufel zur Welt gebracht hat . Der Goethische Mephistopheles ist eigentlich nichts anders , als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes . Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt , für die Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen , die Hörner hat er unter dem Baret verborgen - siehe da den Teufel des großen Dichters ! Man wird mir einwenden , das gerade ist ja die große Kunst des Mannes , daß er tausend Fäden zu spinnen weiß , durch die er seine kühnen Gedanken , seine hohen überschwenglichen Ideen an das Volksleben , an die Volkspoesie knüpft . - Halt Freund ! ist es eines Mannes , der , wie sie sagen , so hoch über seinem Gegenstand steht , und sich nie von ihm beherrschen läßt , ist es eines solchen Dichters würdig , daß er sich in diese Fesseln der Popularität schmiegt ; sollte nicht der königliche Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen ? Verzeihe , Wertester , erhalte ich zur Antwort , du vergissest , daß unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt , würde ein solcher nicht in Gefahr sein , daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder zur Erde stürzte ? Siehe ! der Meister hat dies besser bedacht ; er hat aus jenen tausend Fäden , von welchen ich dir sagte , eine Strickleiter geflochten , auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen . Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche , gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus , der aus den Federn der kleinen Poeten strömt . Ein wässeriges Bild ! entgegne ich , und zugleich eine Sottise ; befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen ? und will der Meister warten , bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und Eselein , seine Pfauen und Kamele , Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen ? Will er vielleicht wie jener Patriarch die Erfindung des Weines sich zuschreiben , sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine Schenke schreiben , hier allein ist Echter zu haben , wie Maria Farina auf sein Kölnisches Wasser , so für alle Schäden gut ist ? Aber , um wieder auf Mephistopheles zu kommen ; gerade dadurch , daß er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab , hat Goethe offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen . Er wird zwar viele Leser herbeiziehen , dieser Mephisto , viele Tausende werden ausrufen : » Wie herrlich ! das ist der Teufel wie er leibt und lebt . « Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich wenig , sie sind vergnügt , daß es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt , die ihrer Sphäre angemessen ist . » Aber erkennst du denn nicht « , wird man mir sagen » erkennst du nicht die herrliche , tiefe Ironie , die gerade in diesem Mephistopheles liegt ? « Ironie ? und welche ? ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei , als den gemeinen » Ritter von dem Pferdefuß « , wie er in jeder Spinnstube beschrieben wird . Man erlaube mir , dieses Bild noch näher zu beleuchten . Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist , der beschworen werden kann , der sich nach magischen Gesetzen richten muß : » Gesteh ich ' s nur , daß ich hinausspaziere , verbietet mir ein kleines Hindernis der Drudenfuß auf Eurer Schwelle « ; und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten » Bedarf ich eines Rattenzahns « , daher befiehlt : » der Herr der Ratten und der Mäuse , der Fliegen , Frösche , Wanzen , Läuse « in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante , welche ihn bannte , zu benagen . Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten , ohne daß der Doktor Faust dreimal » Herein ! « ruft . In andere Zimmer , wie z.B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich ohne diese Erlaubnis . Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers : » Gewöhnlich glaubt der Mensch , wenn er nur Worte hört , Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen ! « Doch weiter . Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen . Die in der Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen , aber sie sah keinen Pferdefuß , und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren , mache ich eine unanständige Gebärde . » Mein Freund , das lerne wohl verstehen , Das ist die Art , mit Hexen umzugehen . « Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt . Das Gehen behagt mir nicht , ich sage daher zum Doktor : » Verlangst du nicht nach einem Besenstiele ? Ich wünschte mir den allerderbsten Bock . « Auch hier » Zeichnet mich kein Knieband aus , Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus . « Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen , tanze ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten , die man nur durch Gedankenstriche » Der hatt ein - - - - - So - es war , gefiel mir ' s doch « anzudeuten wagt . Ich bin , selbst in Fausts Augen , ein widerwärtiger , hämischer Geselle , der » - - kalt und frech Ihn vor sich selbst erniedrigt - « Ich bin ohne Zweifel von häßlicher , unangenehmer Gestalt und Gesicht , zurückstoßend , was man , mit mildem Ausdruck markiert , intrikant und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt . Daher sagt Gretchen von mir : » Der Mensch , den du da bei dir hast , Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt . Es hat mir in meinem Leben So nichts einen Stich ins Herz gegeben Als des Menschen widrig Gesicht . - Seine Gegenwart bewegt mir das Blut , Ich hab vor dem Menschen ein heimlich Grauen . - - Kommt er einmal zur Tür herein Sieht er immer so spöttisch drein Und halb ergrimmt . - Es steht ihm an der Stirn geschrieben , Daß er nicht mag eine Seele lieben « etc. Daher sage ich auch nachher : » Und die Physiognomie versteht sie meisterlich , In meiner Gegenwart wird ihr , sie weiß nicht wie , Mein Mäskchen da weissagt verborgnen Sinn , Sie fühlt , daß ich ganz sicher ein Genie , Vielleicht wohl gar der Teufel bin . « Soll dies bei Gretchen Ahnung sein ? Ist sie befangen in der Nähe eines Wesens , das , wie man sagt , ihren Gott verleugnet ? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch , eine schwüle Luft , die ihr meine Nähe ängstlich macht ? Ist es kindlicher Sinn , der den Teufel früher ahnet , als der schon gefallene Mensch , wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk scheuen , wenn sie ihn auch nicht sehen ? Nein - es ist nur allein mein Gesicht , mein Mäskchen , mein lauernder Blick , mein höhnisches Lächeln , das sie ängstlich macht , so ängstlich , daß sie sagt : » - Wo er nur mag zu uns treten , mein ich sogar , ich liebte dich nicht mehr - « Wozu nun dies ? warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden , das jedermann Mißtrauen einflößt , das zurückschreckt , statt daß die Sünde , nach den gewöhnlichsten Begriffen , sich lockend , reizend sehen läßt ? Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem genialen Retsch gesehen ! Gewiß , selbst der Teufel muß an einem solchen Kunstwerk Freude haben . Ein paar Striche , ein paar Pünktchen bilden das liebliche , sinnige Gesicht des kindlichen , keuschen Gretchens , Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr , welche Würde noch in dem gefallenen Göttersohn ! Aber der Maler folgt der Idee des Dichters , und siehe , ein Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern . Die unangenehmen Formen des dürren Körpers , das ausgedörrte Gesicht , die häßliche Nase , die tiefliegenden Augen , die verzerrten Mundwinkel - hinweg von diesem Bild , das mich schon so oft geärgert hat.8 Und warum diese häßliche Gestalt ? frage ich noch einmal . Darum , antworte ich , weil Goethe , der so hoch über seinem Werk schwebende Dichter , seinen Satan anthropomorphisiert ; um den gefallenen Engel würdig genug darzustellen , kleidet er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen Menschen . Die Sünde hat seinen Körper häßlich , mager , unangenehm gemacht . In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt und es zur Fratze entstellt , aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche Flamme des Neides , der Gier ; der Mund ist widrig , hämisch wie der eines Elenden , der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus Übersättigung den Mund darüber rümpft ; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe , weil ihr vor diesen Zügen schaudert . So hat der Dichter , weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte , einen schlechten Teufel gemalt . Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe , der Teufel könne nun einmal nicht anders aussehen , er könne sein Gesicht , seine Gestalt nicht verwandeln ? Nein , man lese : » Auch die Kultur , die alle Welt beleckt , Hat auf den Teufel sich erstreckt ; Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen , Wo siehst du Hörner , Schweif und Klauen ? Du nennst mich Herr Baron , so ist die Sache gut , Ich bin ein Kavalier , wie andre Kavaliere ; « Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein » Mäskchen « nennen ; folglich kann er sich eine Maske geben , kann sich verwandeln ; aber wie gesagt , der Dichter hat sich begnügt , das nordische Phantom dennoch beizubehalten , nur daß er mich von » Hörnern , Schweif und Klauen « dispensiert . Dies ist das Bild des Mephistopheles , dies ist Goethes Teufel , jenes nordische Phantom soll mich vorstellen ; darf nun ein vom Dichter so hoch gestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur , die sich schon durch ihre Maske verdächtig macht , ins Verderben geführt werden ? darf jener große Geist , der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt , darf er durch einen gewöhnlichen » Bruder Lüderlich « , als welchen sich Mephisto ausweist , herabgezogen werden ? Und - muß nicht diese Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun ? Doch ich schweige ; an geschehenen Dingen ist nichts zu ändern , und meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen : » Söhnchen ! Diabole ! Bedenke , daß ein großer Dichter ein großes Publikum haben , und um ein großes Publikum zu bekommen , so populär als möglich sein muß . « Siebzehntes Kapitel Der Besuch Bei diesem allem bleibt » Faust « ein erhabenes Gedicht , und Goethe einer der ersten Geister seiner Zeit , und man darf sich daher nicht wundern , daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte , diesen Mann einmal zu sehen . Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen können , ja wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war , stand ich auf dem Sprung , ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles nächtlicherweile zu erscheinen , und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen ; aber eine gewisse Gutmütigkeit , die man zuweilen an mir gefunden hat , hielt mich immer wieder ab , dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen . Ich entschloß mich daher , als Doctor legens , ein ehrsamer Titel auf Reisen , ihn zu besuchen , und als solcher kam ich in Weimar an . Es ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere ; kömmt ein ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt , so ist sein erstes , daß er in der Schenke den Hausknecht fragt : » Wann kann man den Löwen sehen , Bursche ? « » Mein Herr « , antwortet der Gefragte , » die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben , der Löwe aber ist am besten aufgelegt , wenn er das Futter im Leib hat , daher rate ich , um jene Zeit hinzugehen . « Geradeso erging es mir in Weimar ; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinüber . Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst gedrungen , und er machte auf der großen Tour durch Europa dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen . In dem Gasthof , wo wir abgestiegen waren , fragten wir sogleich , um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten ? Wir waren in Reisekleidern , die besonders bei meinem Gefährten etwas unscheinbar geworden waren ; der Wirt musterte uns daher mit mißtrauischen Blicken und fragte , ehe er noch unsere Frage beantwortete , ob wir auch Fracks bei uns hätten ? Wir waren glücklicherweise beide damit versehen , und unser Wirt versprach , uns sogleich anmelden zu lassen . » Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner , um fünf Uhr angenommen werden , um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen . Zweifle auch gar nicht , daß Sie angenommen werden , denn wenn man , wie der Herr hier , eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kömmt , wäre es doch unbarmherzig , einen ungesehen wieder fortzuschicken . « Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit ; doch wir ließen den guten Mann auf dem Glauben , der junge Philadelphier komme recta nach Weimar , und gehe von da wieder heim ; übrigens hatte er richtig prophezeit : Doctor legens Supfer , wie ich mich nannte , und Forthill aus Amerika , waren auf fünf Uhr bestellt . Endlich schlug die Stunde , wir machten uns auf den Weg . Der Dichter wohnt sehr schön . Eine sanfte , geschmackvolle , mit Statüen dekorierte Treppe führt zu ihm ; eine tiefe , geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang , den wir betraten ; schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer . Behagliche Eleganz , Zierlichkeit und Feinheit , verbunden mit Würde , zeichneten dieses Zimmer aus . Mein junger Gefährte betrachtete staunend diese Wände , diese Bilder , diese Meubles . So hatte er sich wohl das » Stübchen des Dichters « nicht vorgestellt . Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen . Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht ; sein Herz pochte hörbar , sein Auge war starr an die Türe geheftet , durch welche der Gefeierte eintreten mußte . Ich hatte indes Muße genug , über den großen Mann nachzudenken . Wieviel weiter , sagte ich mir , wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt . Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die höchste Stufe erreicht , die dem Menschen , nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge , offensteht . Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen . Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen , bis endlich der Stuhl , der zunächst am Throne steht , sie in seine Arme aufnahm . Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft . - Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen , auf welcher ihm noch keiner voranging , noch keiner gefolgt ist ; er hat bewiesen , daß der Mensch kann , was er will ; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie , von einem Geist , der sein Zeitalter gebildet , es stufenweise zu dem Höheren geführt habe - das Zeitalter hat ihn gebildet . Ich kann mir noch wohl denken , welch heilloses Leben » Werther « in das liebe Deutschland machte . Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen ; die Zahl der Werther war Legion . Aber was war hierin Goethes Verdienst ? Hatte es wirklich nur daran gefehlt , daß er das Hörnchen an den Mund setzte , und bei dem ersten Ton , den er angab , mußte Pfaffe und Laie , Nönnchen und Dämchen in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veits-Tanz beginnen ? Wie heißt dieses große schöpferische Geheimnis ? Alles zu rechter Zeit . Der » Siegwart « hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer , für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht , da kommt Goethe . Die Türe ging auf - er kam . Dreimal bückten wir uns tief , und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln . Ein schöner , stattlicher Greis ! Augen so klar und helle , wie die eines Jünglings , die Stirne voll Hoheit , der Mund voll Würde und Anmut ; er war angetan mit einem feinen schwarzen Kleid , und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern . - Doch er ließ uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen ; mit der feinen Wendung eines Weltmannes , der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht , lud er uns zum Sitzen ein . Was war ich doch für ein Esel gewesen , in dieser so gewöhnlichen Maske zu ihm zu gehen . Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben . Amerikaner , die , wie unser Wirt meinte , ihm zulieb auf die See gingen , gewiß wenige ; daher kam es auch , daß er sich meist mit meinem Gefährten unterhielt . Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben . Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können , wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen , wie man in den Kapanen von Louisiana über ihn und seinen » Wilhelm Meister « sich unterhalte ? - So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil , und mein glücklicherer Gefährte durfte den großen Mann unterhalten . Wie falsch sind aber oft die Begriffe , die man sich von der Unterhaltung mit einem großen Manne macht ! Ist er als witziger Kopf bekannt , so wähnt man , wenn man ihn zum erstenmal besucht , einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen . Man schmeichelt ihm , man glaubt , er müsse dann Witzfunken von sich strahlen , wie die schwarzen Katzen , wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt ; ist er ein Romandichter , so spitzt man sich auf eine interessante Novelle , die der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln werde ; ist er gar ein Dramatiker , so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit , den wir dann ganz warm unseren Bekannten wieder vorsetzen können . Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe , einer der , sozusagen , in allen Sätteln gerecht ist - wie interessant , wie belehrend muß die Unterhaltung werden ; wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen , um ihm zu genügen . Der Amerikaner dachte auch so , ehe er neben Goethe saß ; sein Ich fuhr , wie das des guten Walt , als er zum Flitte kam9 , ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern , und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher , um darin ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben , das er ihm zutragen , und vorlegen könnte zum Imbiß . Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters , damit ihm kein Wörtchen entfalle , wie der Kanditat auf den strengen Examinator , er knickte seinen Hut zusammen , und zerpflückte einen glacierten Handschuh in kleine Stücke . Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herz fallen , als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm herabstieg , und mit ihm sprach , wie Hans und Kunz in der Kneipe . Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika , und indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft , der Dünste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete , zeigte er uns , daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei , denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter , Romanist und Novellist , Lustspiel- und Trauerspieldichter , Biograph ( sein eigener ) und Übersetzer - nein , er war auch sogar Meteorolog ! Wer darf sich rühmen , so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens eingedrungen zu sein ? Wer kann von sich sagen , daß er mit jedem seine Sprache , d.h. nicht seinen vaterländischen Dialekt , sondern das , was ihm gerade geläufig und wert sein möchte , sprechen könne . Ich glaube , wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte , er hätte sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen , oder nach einer Sekundenuhr berechnet , wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite schmoren müsse . Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir , und siehe - das Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf , die Schleusen seiner Beredsamkeit öffneten sich - er beschrieb den feinen weichen Regen von Kanada , er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen , und pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia . Es war mir am Ende , als wäre ich gar nicht bei Goethe , sondern in einem Wirtshaus unter guten alten Gesellen , und es würde bei einer Flasche Bier über das Wetter gesprochen , so menschlich , so kordial war unser Diskurs ; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation , daß man sich angewöhnt - nicht gut zu sprechen , sondern gut zu hören . Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu sprechen , wenn man dabei ein Gesicht macht , als lausche man aufmerksam auf seine Honigworte , so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden , daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte . Dies wußte der vielerfahrene Dichter , und statt uns von seinem Reichtum ein Scherflein abzugeben , zog er es vor , mit uns Witterungsbeobachtungen anzustellen . Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten , gab er das Zeichen zum Aufstehen , die Stühle wurden gerückt , die Hüte genommen , und wir schickten uns an , unsere Abschiedskomplimente zu machen . Der gute Mann ahnete nicht , daß er den Teufel zitiere , als er großmütig wünschte , mich auch ferner bei sich zu sehen , ich sagte ihm zu , und werde es zu seiner Zeit schon noch halten , denn wahrhaftig , ich habe seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt . Noch einen - zwei Bücklinge , wir gingen . - Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner nach dem Gasthof ; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner Wange , zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund , er schien höchst zufrieden mit dem Besuch . Auf unserem Zimmer angekommen warf er sich heroisch auf einen Stuhl , und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen . Der Kork fuhr mit einem Freudenschuß an die Decke , der Amerikaner füllte zwei Gläser , bot mir das eine , und stieß an auf das Wohlsein jenes großen Dichters . » Ist es nicht etwas Erfreuliches « , sagte er , » zu finden , so hoch erhabene Männer seien wie unsereiner ? War mir doch angst und bange vor einem Genie , das dreißig Bände geschrieben ; ich darf gestehen , bei dem Sturm , der uns auf offener See erfaßte , war mir nicht so bange , und wie herablassend war er , wie vernünftig hat er mit uns diskurriert , welche Freude hatte er an mir , wie ich aus dem neuen Lande kam ! « Er schenkte sich dabei fleißig ein , und trank auf seine und des Dichters Gesundheit , und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt , sank er endlich mit dem Entschluß , Amerikas Goethe zu werden , dem Schlaf in die Arme . Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen . Dieser Wein ist von allen Getränken der Erde der , welcher mir am meisten behagt , sein leichter flüchtiger Geist , der so wenig irdische Schwere mit sich führt , macht ihn würdig , von Geistern , wenn sie in menschlichen Körpern die Erde besuchen , gekostet zu werden . Ich mußte lächeln , wenn ich auf den seligen Schläfer blickte ; wie leicht ist es doch für einen großen Menschen , die andern Menschen glücklich zu machen ; er darf sich nur stellen , als wären sie ihm so ziemlich gleich , und sie kommen beinahe vom Verstand . Dies war mein Besuch bei Goethe , und wahrhaftig , ich bereute nicht , bei ihm gewesen zu sein , denn : » Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern , Und hüte mich mit ihm zu brechen , Es ist gar hübsch von einem großen Herrn , So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen . « IV Der Festtag im Fegefeuer Eine Skizze Das größte Glück der Geschichtsschreiber ist , daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten protestieren können . Welt und Zeit . I Achtzehntes Kapitel Beschreibung des Festes . Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit , welcher zwar nicht mich selbst betrifft , den ich mir aber aufzeichnete , weil er mir sehr interessant war , und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges Interesse sein möchte