Verhalten zur unabläßlichen Bedingung . So war denn um so weniger an meine Rückkehr in das Haus meines Vaters zu denken , da obendrein die Herzogin sehr ernstlich darauf bestand , mich unter ihren Augen verpflegen zu lassen . Ein leichtes Erkältungsfieber , welches Prinzessin Mathilde von unserem nächtlichen Abentheuer davon getragen , zwang ohnehin die Herzogin , ihren hiesigen Aufenthalt auf unbestimmte Zeit zu verlängern , besonders da auch ihre eigne Gesundheit von der heftigen Gemüthsbewegung jenes Abends gelitten hatte . Sie fühlte sich matt und erschöpft , oder brauchte dies auch vielleicht nur zum Vorwande , um allen anderweitigen Festen auszuweichen , die man ihretwegen noch anordnen wollte . Auch meine eigne Genesung machte weit langsamere Fortschritte , als der Arzt anfangs gehofft hatte ; so blieb ich denn zwei volle Wochen hindurch in der Nähe der Herzogin , und diese Zeit ward zu einem Lichtpunct in meinem Leben , dessen Abglanz noch jezt das Dunkel meiner alten Tage erhellt . Wie durch einen Zauberschlag sah ich mich in eine , mir ganz neue Existenz versezt , alle meine Begriffe von mir und vom Leben erhielten eine andere Richtung , alles , was mich bis dahin theils ergözt , theils geblendet hatte , war , für den Moment wenigstens , wie vor meinen Augen verschwunden . Ohnerachtet der herablassenden Güte der Fürstin , fühlte ich mich doch in jeder Hinsicht ihr viel zu untergeordnet , als daß es mir hätte einfallen können , meine gewöhnliche glänzende Rolle in ihrem Beisein fortspielen zu wollen . Auch die ernste stille , beinahe furchtsame Bescheidenheit der ältern Prinzessin Ludovika , die nur wenige Jahre jünger als ich war , flößte mir eine Zurückhaltung ein , die ich sonst nicht kannte . Nicht etwa , daß ich ein verstelltes Betragen angenommen hätte , um in diesen Umgebungen anders zu erscheinen wie ich war , nein ! ich blieb offen und unverstellt wie immer , aus Charakter , nicht aus Tugend ; aber ich folgte nur meiner gewohnten Art , mich vom Augenblicke und von meinen Umgebungen hinreissen zu lassen . Mit der kleinen Mathilde , die leidenschaftlich an mir hieng , ward ich eben sowohl zum spielenden jauchzenden Kinde , als ich in Gegenwart der Herzogin und der Prinzessin Ludovika mir die bescheidne Haltung und das anspruchslose Betragen aneignete , durch welches diese Damen sich auszeichneten . Kein einziger meiner Verehrer hätte in dieser Umwandlung mich als Die wieder erkannt , die ich noch am Morgen vor dem Feuerwerke war , und doch bin ich überzeugt , nie wahrhaft liebenswürdiger gewesen zu sein , als während meines Aufenthalts in diesem Hause . Ich fühlte das wohl und freute mich darüber , aber ich war leider noch nicht klug genug , um mir daraus für mein künftiges Leben eine Lehre zu nehmen . Das Reisegefolge der Herzogin war so klein als der hohe Rang dieser Fürstin es nur immer erlauben mochte . Ausser dem , zur Bedienung nothwendigen Personal , bestand es nur aus einer Hofdame , die mit der Herzogin von Jugend auf zusammen gelebt hatte , aus der Hofmeisterin der Prinzessinnen , einem Kavalier und dem Leibarzte . Ersterer , Baron Reineck , ein Mann von mittlerem Alter , langte erst am Morgen nach dem Feuerwerke bei seiner Fürstin an . Ein ganz unerwarteter Zufall hatte ihm unterwegs eine geliebte , seit vielen Jahren nicht gesehene Schwester entgegen geführt , und die Herzogin erlaubte ihm gern , ein paar Tage mit dieser zuzubringen , um so eher , da Herr von Leuen , den sie zufällig an dem nehmlichen Orte traf , sich erbot , den Dienst seines Freundes Reineck während dessen Abwesenheit zu versehen . Diesen jungen Mann führte sein Weg ohnehin dem nehmlichen Ziele zu , da er Geschäfte halber einige Zeit in unsrer Stadt zu verweilen gedachte ; die Fürstin hatte ihn schon während des vergangenen Winters , den er zum Theil in ihrer Residenz verlebte , als einen sehr angenehmen Gesellschafter kennen gelernt , und sie war mit der Aussicht , ihn einige Tage zum Begleiter zu haben , vollkommen zufrieden . Auch jezt nach der Rückkehr des Barons Reineck erlaubte sie ihm nicht , eine andere Wohnung als die ihrige zu beziehen , und er mußte , ihrer Einladung zufolge , nach wie vor , zu den unsrigen gehören . Ich darf mich dieses Ausdrucks wohl bedienen , denn auch ich ward in jener glücklichen Zeit dem kleinen Kreise der Herzogin zugezählt . Wir alle , die wir zu diesem gehörten , versammelten uns jeden Abend im Zimmer der Fürstin , das um diese Zeit unter dem Vorwande des Unwohlseins der kleinen Prinzessin Mathilde , allen andern Besuchen verschlossen blieb . Welche Abende waren das ! Wie ungeduldig erwartete ich jedesmal die Stunde , wo die Herzogin von der Tafel zurückkam , zu der sie täglich einige der Ersten der Stadt einladen lies . Mit welcher Freude sah ich jedesmal die beiden himmellangen Heiducken in ihrer damals üblichen theatralisch-bunten Tracht in meinem Zimmer erscheinen , um mich in meinem Ruhebette zu ihrer Herrin herüber zu tragen . Die feinste Sitte war in diesem kleinen Abendzirkel vorherrschend , und dennoch blieb aller Zwang , jede von den Grossen dieser Erde sonst unzertrennlich geglaubte Etikette daraus verbannt . Es war der schönste Kommentar zu Tasso ' s freilich damals noch nicht niedergeschriebenem Ausspruch : Willst Du genau erfahren , was sich ziemt , so frage nur bei edlen Frauen an . Jeder von uns trug nach seiner Weise durch Scherz und Ernst , durch Kunst und Talent zur Unterhaltung bei , die Herzogin selbst aber schwebte über dem Ganzen gleich einem milden , alles belebenden Genius . Nie , weder früher noch später , sah ich eine Frau , die mit so anspruchsloser Grazie das Gespräch stets so zu lenken wußte , daß Alle Freude daran hatten ; nie sah ich eine , welche die schwere Kunst zuzuhören so verstanden hätte , wie sie . Sie war die erklärteste Feindin aller jener geselligen Neckereien , die so leicht in bittere Persönlichkeiten ausarten , und doch hatte der ungefesselteste Witz freies Spiel , so lange er nur ergötzen und nicht verwunden wollte . Niemand durfte in ihrer Nähe sich zurückgesezt fühlen , niemand bedrückt , niemand in seinen Rechten oder auch nur in seinen Empfindungen gekränkt . Ich staunte meine hohe Meisterin an ; sie war so himmelweit von jenen berühmten Frauen in Paris verschieden , die mein Vater als Muster aller weiblichen Vollkommenheit mir so oft beschrieben und angepriesen hatte . Zum erstenmal kam eine Ahnung davon in meine Seele , daß Jugend , Schönheit , Geist , blendender Witz und die Gabe , über jeden Stoff interessant reden zu können , noch lange nicht alles sind , was wir bedürfen , um liebenswürdig und allgeliebt zu seyn , und daß man mit weit weniger brillantnen Eigenschaften dennoch weit sicherer und dauernder dieses Ziel erreiche , wenn Herzensgüte , ächtes Wohlwollen und anspruchlose Natürlichkeit aus unserm ganzen Wesen denen entgegen leuchten , die uns nahen . Bernhard von Leuen stand in unserem kleinen geselligen Verein , als Seele desselben , der Herzogin würdig zur Seite . Man sah , er war ein Mann , der , unerachtet seiner Jugend , fest und sicher seinen Weg gieng , ohne je , gleich einem Irrenden , bald nach diesem , bald nach jenem zu greifen . Unerachtet seiner sehr vortheilhaften äussern Bildung und übrigen bedeutenden Vorzügen , lag in seinem Benehmen nicht die leiseste Spur eines Bestrebens , auffallen oder glänzen zu wollen . Der Grundton seines Wesens schien vielmehr eine gewisse ernste Ruhe zu sein , die ihm nie erlaubte , sich irgendwo vorzudrängen ; er lies lieber alles an sich kommen , und gieng niemals , auch nur um einen halben Schritt , der Bewunderung entgegen . Höflich gegen alle , besonders gegen Damen , blieb er doch stets von dem mitunter etwas faden Tone der damaligen jungen und alten Herren entfernt , und erzeugte uns die Ehre oder die Gerechtigkeit , uns wie vernünftige Wesen und nicht wie Kinder zu behandeln . Ohne geradezu witzig zu sein , war er die Zierde jeder bedeutenden Unterhaltung , denn er besaß die herrlichste Gabe des Worts , die mir je vorgekommen . So oft irgend ein hohes den Menschen ehrendes Gefühl ihn dazu begeisterte , riß der ihm eigne Zauber seiner Ueberredungskraft auch den Kältesten hin . Jeder fühlte , daß das Unwiderstehliche derselben nicht allein in der sorgsamen Wahl seiner Worte , und nicht in der eigenthümlichen Schönheit des vollen reinen Tons seiner Stimme lag ; es lag weit tiefer , denn was er sagte , war nicht blos das Erzeugniß seines hellen Verstandes , es kam recht aus dem Grunde seines schönen Herzens und mußte darum wieder zum Herzen gehen . Er war viel gereist ; das Schönste und Erhabenste , was diese Erde trägt , hatte er gesehen ; ein guter Genius hatte ihn gelehrt , es sich anzueignen für die Erweiterung seiner Kenntnisse sowohl , als fürs praktische Leben , und man sah es ihm an , daß er wohl wußte , was die Welt von ihm und er von der Welt zu fordern habe . Scheltet mich nicht , daß mein altes Herz sich noch jugendlich warm im Lobe meines Freundes , vielleicht zu wortreich , ergießt . Er war so wie ich ihn Euch beschreibe , ich sah nie seinesgleichen und werde es nie wieder sehen . Wenn er uns vorlas , was , dem Wunsch der Herzogin gemäs , täglich wenigstens eine Stunde lang geschah , wie hieng ich und wie hiengen wir alle dann mit ganzer Seele an seinen Lippen , an dem Ausdrucke seines edlen Gesichts . Durch ihn zuerst lernte ich deutsche Poesie und jenen hohen Wohllaut kennen , dessen unsere , von mir so lange verkannte Sprache fähig ist . Ihr habt nicht vergessen , daß ich bis dahin durch meinen Vater , ausser einigen italienischen und englischen Klassikern , nur hauptsächlich die französische Litteratur kennen gelernt hatte . Fast alle unsere deutschen Schriftsteller waren mir fremd geblieben , vor allen , die damals aus langer tiefer Nacht glorreich entstehende Poesie meines Vaterlandes . Die Herzogin sowohl , als Bernhard von Leuen , genossen meine freudige Ueberraschung mit jener wohlwollenden und wohlthuenden Empfindung , mit der wir einen Freund zum erstenmal ' an den schönsten Punct einer uns längst bekannten reitzenden Gegend führen , oder ihn vor ein ihm noch unbekannt gebliebenes herrliches Kunstwerk hinstellen , und in seinem Entzücken den Moment noch einmal durchleben , in welchem auch wir zum erstenmal ' an der Stelle standen , wo er jezt steht . Das alles ist dahin ! und mit einem sehr trüben Gefühle der Wandelbarkeit , des menschlichen Sinnes und aller Grösse und alles Ruhms auf Erden , muß ich es erleben , daß das Wirken jener Männer , deren Namen ewig unser Stolz sein sollte , eigentlich schon jezt an ihren undankbaren Enkeln verloren geht . Wie lange wird es dauern , so ist es ganz vergessen und verschollen , während wir aus Modesucht und Misverstand Handwerksburschen-Lieder aufsuchen und sie als Meisterwerke bewundern und sammeln . Wer in der jezigen leselustigen jungen Welt kennt noch Kleists Frühling anders , als höchstens vom Hörensagen , während jeder nur halb gebildete Engländer seinen Thomson beinahe auswendig weis , dessen Andenken neue Auflagen seiner Werke alljährlich erneuern . Sinkt nicht sogar Klopstock , der vor wenigen Jahren noch unter uns lebte , allmählig der Vergessenheit zu ? Man nennt ihn noch zuweilen aus Gewohnheit , oder aus einer Art von Pietät , aber wie Viele in der jungen Welt kennen mehr von ihm als den Namen ? So ists mit Hagedorn , mit Utz , mit Cronegk , mit Haller , mit Hölty , mit so vielen , die der Ausländer zu unsrer Schande bald besser kennen wird , als wir , während wir mit wahrem Heishunger auf die neuen Erzeugnisse der Zeit , auf Tageblätter und Taschenbücher uns werfen , die schon beim Entstehen den Keim der Vergänglichkeit in sich tragen , und auch nicht einmal verlangen , länger zu leben als der Augenblick , durch den und für den sie entstanden . Mit einem ganz unnennbaren Gefühle hörte ich einzelne Gesänge aus Klopstocks damals unlängst zuerst erschienenem Messias vorlesen , und die Bemerkungen von Leuen und der Herzogin über das eben Gehörte ergriffen mich nicht weniger wunderbar . So war ich es nicht gewohnt , dieser heiligen Gegenstände erwähnen zu hören ; vieles schien mir sogar unverständlich , sowohl was sie sagten , als was vorgelesen ward , und doch ergriff mich dabei eine mir selbst unerklärliche , nie zuvor von mir gekannte Rührung . Oft fühlte ich mich über mich selbst erhoben , und zum erstenmale drang ein erwärmender Strahl jenes Lichtes in mein Gemüth , das jezt der Trost meines Alters ist ; indem es die dunkle Bahn sanft erleuchtet , die ich bald werde zu wandeln haben . So sehr mein Geist und mein Gemüth durch alles dieses angeregt und angesprochen wurde , so muß ich indessen doch gestehen , daß ich nach Mädchenart es dennoch nicht unterlassen konnte , das innige Wohlgefallen zu bemerken , mit dem Bernhards Auge auf mir ruhte , so oft er sich unbeachtet glaubte . Ich sah es recht gut , wie er alle die schönsten , zartesten , ergreifendsten Stellen der Poeten , welche er besonders liebte und deshalb auswendig wußte , gerade mir allein durch Blick und Ton zuzueignen schien . Wäre mir hiebei noch irgend ein Zweifel übrig geblieben , so hätte manch heimliches Lächeln der Anwesenden , manche leicht hingeworfene Bemerkung mich in meinen Beobachtungen bestärken müssen . Er war durchaus kein homme aux petits soins , und doch konnte nichts Zarteres erdacht werden , als die . tausend kleinen , fast unmerklichen Aufmerksamkeiten , welche er mir stündlich erwies . Wie oft sah ich ihn erbleichen , wenn zuweilen der Schmerz in meinem Fuße plötzlich auf ein paar Minuten wiederkehrte , und ich mit einem nicht zu unterdrückenden Wehelaut zusammenzuckte ! Jene wahrsagende Stimme , die schon seit Anbeginn der Welt in jedem Mädchenherzen wohnt und bis ans Ende der Tage darin wohnen wird , sagte auch mir : ich sei geliebt , heiß geliebt von dem seltensten edelsten Manne , vor welchem alle meine übrigen Anbeter und Bewunderer sammt und sonders in traurige Unbedeutenheit zusammensanken . Auch Bernhard las in meinem Herzen , und ich versuchte es zwar nicht , ihm dieses zu wehren , aber ich gestand mir auch nicht , daß ich es ihm erlaube ; sondern ich lies es gleichsam wie achtlos geschehen . Beide waren wir nun überglücklich im seeligsten Empfinden des ersten , leisen , zarten Verstehens zweier in eins zerfliessender Gemüther . Wir fühlten es wohl , wir wußten es wohl , was wir eins dem andern waren , aber um die Welt hätten wir es noch nicht aussprechen mögen , denn die erste Liebe lernt nicht sobald Worte finden und kann sie auch entbehren . O wär ' ich länger in diesem Verhältnisse geblieben . Wie ganz anders hätte mein Leben sich gewendet . Doch die Prinzessin Mathilde genas wieder , die Herzogin sezte ihre Reise weiter fort und ich kehrte nach zwei kurzen , mit Flügelschnelle an mir vorüber geeilten Wochen , völlig hergestellt , in das Haus meines Vaters , zu meinen alten Umgebungen , zu meiner gewohnten Lebensweise zurück . Mir war , als erwache ich aus einem langen schönen Traume , doch auch dies Erwachen hatte sein Angenehmes , und ich weinte nicht wie Kaliban , um wieder einzuschlafen . Hatte ich doch auch in manchen Stunden die Trennung von meinem Vater und vielleicht auch eine gewisse Abhängigkeit vom Willen Anderer , deren ich nicht gewohnt war , wenn nicht schmerzlich , doch wenigstens unbequem gefühlt ; und war Er doch zurück geblieben , um , wie er gleich anfangs es angekündigt hatte , einige Geschäfte hier abzumachen . Bernhard von Leuen lies sich bei meinem Vater einführen , dessen Bekanntschaft er schon früher bei der Herzogin gemacht hatte , und von nun an besuchte er fast täglich unser Haus . Der gewohnte Kreis unsrer Hausfreunde und Bekannten empfieng mich mit lautem Jubel und tiefer Verehrung in seiner Mitte , als wäre ich eine Königin , die nach langer Abwesenheit in ihre Staaten wieder zurückkehrt . Der Ton in unserem Hause hatte sich während meiner kurzen Entfernung aus demselben nicht im mindesten verändert . Französirende Witzeleien , dreistes , oft zugleich auch unbefugtes Absprechen über jeden Gegenstand , rücksichtloses , unbarmherziges Verspotten , wenn nicht des Heiligsten selbst , doch dessen , was vielen für heilig gilt , war bei uns , nach wie vor , an der Tagesordnung . Stundenlang konnte die lebhafteste Unterhaltung sich um ein Nichts herumdrehen , hingegen besprachen auch zuweilen besser unterrichtete Männer , an deren Spitze mein Vater stand , sich klar und verständig , belehrend und gründlich über viele der bedeutendsten Gegenstände des Lebens , der Kunst , der Wissenschaft . Die mehresten unter dem jüngern Theile der Gesellschaft zogen sich von diesen Gesprächen verstummend zurück , nur Bernhard nahm stets mit höherem Interesse Theil daran . Ich hingegen mischte nach alter Gewohnheit mich in alles , es mochte Ernst sein oder Scherz , und fand oft ein ganz eignes Vergnügen darin , alles launenhaft durch einander zu wirren . Denn leider trat die alte Gewohnheit des Lebens bald wieder in ihre Rechte ; jeder Tag drängte die Erinnerung an jene bessere , nur zu kurze Zeit , die ich bei der Herzogin verlebt hatte , mehr in den Schatten zurück , und in den alten Umgebungen ward ich selbst wieder nur zu schnell , was ich früher gewesen war . Es wird Euch unglaublich dünken , wenn ich Euch sage , daß ich mit heimlicher Freude das Erschrecken bemerkte , mit welchem von Leuen mich im väterlichen Hause so ganz verschieden von dem fand , was ich in der Nähe und den Umgebungen der Fürstin gewesen war . Doch leider war ich thöricht und verwöhnt genug , die sichtbare Bewegung , in die er bei dieser Entdeckung getieth , für ein Zeichen bewundernder Ueberraschung anzusehen , und mein Betragen ward von nun an mit jedem Tage übermüthiger und kecker . Neben der Freude an meines Vaters Beifall riß theils die überlaute Bewunderung unsers Kreises mich hin , theils wollte ich vor Bernhards Augen recht glänzend und liebenswürdig mich zeigen , und so überbot ich denn mit jedem Tage mich selbst bis zur höchsten Anstrengung meiner geistigen Kräfte . Ich witzelte mit Jenem , neckte mich mit diesem , entschied überall , oft über Dinge , von denen ich nichts wissen konnte , und lachte mich selbst zuerst aus , wenn ich dabei in grobe Irrthümer verfiel , was wohl zuweilen vorkam . Ich war nicht verblendet genug , den tiefen leidenschaftlichen Schmerz zu übersehen , der jezt Bernhards schöne Züge nur zu oft umdüsterte , doch ein paar an ihn gerichtete freundliche Worte , wenn er sich dessen am wenigsten versah , ein unbedeutender Vorzug , den ich unerbeten und zuvorkommend ihm vor den Uebrigen einräumte , verfehlten es nie , diesen schmerzlichen Ausdruck seines Gesichts in den der innigsten Liebe umzuwandeln . So glaubte ich , in seinem momentanen Trübsinne nur die Wirkung einer Eifersucht zu sehen , die mir nicht anders als schmeichelhaft sein konnte . Ich fühlte , wie er mit ganzer Seele an mir hieng , und hatte eine wahrhaft kindische Freude daran , ihn nach Belieben an einem seidenen Faden flattern zu lassen . Ich glaubte weder , daß er diese leichte Fessel zerreissen , noch daß sie ihm drückend werden könne , denn er schien sie so gern zu tragen , und ich hatte keine Mutter , keinen Freund ; gütig und weise genug , um mich aufmerksam darauf zu machen , wie sehr dieser Misbrauch der Gewalt , die ein freundliches Geschick mir über das edelste Gemüth gegeben , seiner und meiner unwürdig sei . Indessen verband ich mit diesem wunderlichen Betragen auch noch ganz insgeheim die Absicht , meinem Freunde dadurch mehr gesellige Leichtigkeit anzubilden , das Einzige , was ihm in meinen Augen noch zur Vollkommenheit fehlte . Bei dem grosartigeren , ernster gehaltenen Tone , der in den Umgebungen der Herzogin vorherrschend war , hatte ich an ihm nicht das geringste auszusetzen gefunden ; doch in meinem eigenen Kreise erschien er mir jezt oft nicht gewandt genug , und ich war zuweilen in meinem Herzen recht trostlos darüber , wenn ich ihn in dieser Hinsicht von übrigens ganz unbedeutenden Gesellen übertroffen zu sehen glaubte . Ich selbst war ja vor allen Dingen brillant , und alles , was zu mir gehören wollte , mußte es auch sein . Bernhard schien indessen wenig geneigt , sich hierin meinen Wünschen zu fügen , und dem wesenlosen Schimmer nachzujagen , den ich an ihm vermißte . Wie er von jeher gewesen , so blieb er , und wenn die Gecken um ihn her ihr loses Spiel ihm ein wenig zu nahe trieben , so wußte er , schroff und imponirend genug , sich vor ihren Augen zu erheben , um sie in gehöriger Entfernung von sich abzuhalten . Dies war es nun wohl nicht , was ich eigentlich gewollt hatte , doch konnte es mich nicht verdriessen ; ich ward nur heimlich um so stolzer auf meinen Freund . Bernhard bemerkte meine Zufriedenheit in solchen Augenblicken , wenn gleich ich sie mir selbst kaum gestand , und diese Entdeckung gab ihm sogar einst den Muth , einen günstigen Augenblick zu benutzen , um mir über das Schaale und Zwecklose unsers Treibens recht ernstliche und eindringende Vorstellungen zu machen . Wie können Sie , theures Fräulein , sprach er zu mir , wie können Sie , die Sie so reich begabt sind , an der geistigen Armuth dieser Leute Freude finden ? Wie ist es möglich , daß der Wirbel dieser Geselligkeit Sie so hinreißt ? Ich selbst , glauben Sie es nur , ich selbst könnte in diesem nichtigen Treiben , dem Sie viel zu nachsichtig sich hingeben , Sie verkennen , wenn jene ersten schönen Tage , die ich in Ihrer Nähe verlebte , mir nicht noch in zu heller Glorie vorschwebten . Nie werde ich jener Zeit vergessen , lassen Sie sie wiederkehren , Sie können es , sobald Sie es wollen , sein Sie nur wieder Sie selbst ! Das bin ich allemal , erwiederte ich ihm lachend , ein fröhliches Geschöpf , das wohl zuweilen recht ernsthaft sein mag , das sich aber auch herzlich gerne amüsirt , und zum Amüsiren schicken die Thoren sich am besten . Sich amüsirt , wiederholte Leuen , ein ganz klein wenig erbittert , was heißt denn amüsiren ? Das Leben zu vergessen suchen , von den Tagen einen dem andern , in nichts sagendem und nichts wollendem Spiel so rasch als möglich nachjagen , damit nur von Keinem eine Spur übrig bleibe , damit man nur gar nicht zur Besinnung komme . O Fräulein , Sie , die Sie so glücklich sein könnten , indem Sie andere beglücken , rief er mit hohem Erröthen ; hingerissen von seinem Gefühl , und ergriff dabei meine Hand . Theure , theure Anna , mögen Sie des Lebens immer , immer sich freuen , das Köstlichste , das es bieten kann , möge es zu Ihrem Ergötzen stets bereit sein ; möchten alle Ihre Tage eine ununterbrochene Kette Ihrer würdigen Freuden werden und - hier stockte er ein wenig , dann sezte er in gelassenem Tone hinzu : doch amüsiren ? Liebes Fräulein , überlassen Sie diesen nüchternen Rausch allen denen , die nicht minder tief unter Ihnen stehen , als jene Menschen , denen Sie es erlauben , Sie , ihrer Unbedeutenheit unerachtet , zu umflattern . Sehen Sie , von Leuen , erwiederte ich freundlich , wenn gleich innerlich nicht ganz zufrieden , sehen Sie , indem Sie auf das unschuldige Amüsiren schelten , sind Sie selbst höchst amüsant , denn Sie nehmen für Ernst , was gar nicht so gemeint ist , und eben das ist ja erst der rechte Spaß . Werden Sie denn nie lernen , Ihre Freunde auch unter der Maske zu erkennen ? Aber wenn sie tagtäglich immer und ewig in der Maske einher gehen ? erwiederte er . Ich fiel ihm rasch ein . Im Karneval thut man das , und die Jugend ist das Karneval des Lebens . Sein Sie doch zufrieden , daß Sie zu den sehr Wenigen gezählt werden , in deren Nähe man die Maske gern und recht oft ein wenig lüftet . Und nun , Herr Griesgram , kommen Sie an den Flügel , mir Amiets Klagen von unserem Lieblinge Kleist zu akkompagniren . Ich verspreche Ihnen dagegen , den ganzen Abend recht artig zu sein , wenn nehmlich nichts dazwischen kommt , das mich anderes Sinnes machen könnte . Bernhard folgte mir willig , mit jenen aus Liebe und Zorn zusammengeseztem Ausdrucke in seinen Zügen , den wir so gern als den sichersten Beweis unserer unumschränkten Herrschaft anzusehen uns gewöhnen , und ich sang heimlich triumphirend ihm vor : Sie fliehet fort , es ist um mich geschehen , ein weiter Raum trennt Lalage von mir . Von nun an fielen beinahe alle Tage ähnliche Scenen zwischen uns beiden vor , die von Leuen oft ziemlich künstlich herbeizuführen wußte . Oft sah ich das offne Geständnis seiner Liebe auf seinen Lippen schweben , mein Herz klopfte ihm entgegen , aber ein ganz eignes Gemisch von Stolz , Verlegenheit und mädchenhafter Scheu , verbunden mit dem lebendigsten Bewustsein dessen , was ich selbst für ihn empfand , bewogen mich jedesmal , ihm auf irgend eine Art zu entgehen , und wäre es auch nur durch die erste beste Posse gewesen , die mir eben durch den Sinn fuhr . Mein Vater freute sich unserer gegenseitigen , täglich wachsenden Neigung zu einander , die seinem Scharfblicke nicht entgieng ; doch hielt er es für das Gerathenste , nichts , weder dafür noch dagegen , zu unternehmen . In unserem geselligen Kreise begann man um diese Zeit ebenfalls , mich als die Braut des Herrn von Leuen zu betrachten , obgleich ich jede darauf hinzielende Anspielung nur mit einem stolzen Lächeln beantwortete . Uebrigens hörte ich alles an , was man über diesen Gegenstand sagen mochte , ohne sonderlich weiter darüber zu denken . Meine Zukunft breitete sich unabsehbar vor mir aus , ich war glücklich in der Gegenwart , der Augenblick erfüllte mich so ganz , daß ich alles gehen lies , wie es gieng , ohne Sorge und ohne Vorbedacht . Bernhards mit jedem Tage zunehmender Ernst , verbunden mit manchem andern Zuge in seinem Benehmen hätte bei einzelnen Gelegenheiten mir wohl einen grossen Kampf in seinem Gemüthe andeuten können , doch ich bemerkte nichts davon , oder glaubte nicht daran , und so kam dann der verhängnisvolle Abend herbei , der über meine Zukunft entschied , ohne daß ich Verblendete seine Nähe vorahnend empfunden hätte . Ist es denn nicht immer so ? Spielen wir nicht immer , achtlos wie Kinder , am Rande eines Abgrundes , während wir der Hand ausweichen oder sie wohl gar unsanft zurückstossen , die uns vor dem Fall bewahren möchte , weil sie nicht vermeiden kann , uns zuweilen etwas unsanft zu ergreifen . Unsre gewohnte Gesellschaft war eben eines Abends zahlreicher als gewöhnlich versammelt , und das sehr animirte Gespräch drehte sich rasch um einen Gegenstand , welcher damals die ganze hiesige elegante Welt auf das allerlebhafteste beschäftigte . Es galt einem , nach mehrjährigem Aufenthalte im Auslande eben wieder in der Heimath frisch angelangten jungen Manne . Er hatte sich lange in Paris , sogar auch ein paar Monate in Rom aufgehalten , und eignete sich folglich auf das vollkommenste dazu , in seiner Vaterstadt den Ton anzugeben , was damals für Seinesgleichen weit leichter war als jezt . In unseren Tagen geht alle Welt auf Reisen , und dies macht uns gegen Weitgereiste viel gleichgültiger , die in meiner Jugend weit mehr galten . Wer Paris , diese damals allgemein anerkannte Königin aller Städte , gesehen hatte , erhielt schon allein dadurch ein gewaltiges Uebergewicht in der Gesellschaft , und wer nun vollends in Rom gewesen war und vom Pantoffel des Papstes etwas zu erzählen wußte , den betrachtete man sogar mit einer eignen Art von ehrfurchtsvoller Scheu als Einen , der Grosses unternommen und vollbracht hatte . Der junge Wiesenau , so hieß der Vielgereiste , benuzte im vollsten Maße den Vorzug , den dieses Vorurtheil seiner Zeitgenossen ihm gewährte . Nichts von allem , was er bei uns antraf , konnte , so wie es eben war , vor seinen Augen Gnade finden ; er verdammte alles , nannte alles lächerlich , zum Erbarmen , Ekipagen und Hausgeräth , Kleidung und Frisur . Dafür aber war er auch eben so unerschöpflich als bereitwillig im Angeben der neuesten Pariser Moden , und gieng dabei in die kleinsten Details ein , ohne zu ermüden . Unsre sämmtlichen jungen Herren wollten verzwèifeln , weil die , Tag und Nacht arbeitenden Handwerker mit aller möglichen Anstrengung dennoch nicht im Stande waren , alles gleich so herbei zu zaubern , wie Wiesenau es hatte ; denn der Scepter der Mode regierte vor dreißig bis vierzig Jahren weit despotischer als jezt , und wer im Schnitte der Kleidung oder in der Form seiner Umgebungen nur im geringsten von ihrem neuesten Gesetze abwich , der durfte kaum es wagen , sich sehen zu lassen , wenn er nicht schon früher auf Eleganz und Modernität Verzicht geleistet hatte . Daß auch unter den Damen dies gereiste Wunder gewaltiges Aufsehen erregen mußte , versteht sich wohl von selbst . Glückseelig war die