, die Kosten ihrer Beerdigung tragen zu müssen . Wie sie wieder einmal vergeblich versucht hatte , ihrem Zureden Eingang zu verschaffen , sagte sie mir ohne Umschweife , daß mein ihr bei meiner Ankunft übergebner Geldvorrath erschöpft sey , und ich mir neue Mittel des Unterhalts verschaffen oder mich nach einer andern Wohnung umsehen müsse . Vor acht Tagen noch hätte diese Behandlung meinen Stolz aufs heftigste empört , jetzt empfand ich sie blos wie eine schnellere Beförderung zum Grabe und sagte gleichgültig : sobald ich ihre Mühe nicht mehr bezahlen könnte , wollte ich sie davon freisprechen . Damit war diese Frau aber nicht befriedigt ; sie schlug mir , wie sie schon oft gethan hatte , vor , meine Freunde von meinem Zustand zu benachrichtigen . Aber da berührte sie die eiternde Wunde meines Herzens - ich drückte mein Gesicht in das Kissen und antwortete nicht mehr . Nun fragte die Wittwe , ob ich denn gar keinen Gegenstand zum Verkaufen besäße , und deutete auf einen Ring , den ich nie von dem Finger gelegt . Es war das einzige Andenken von meiner Mutter , das ich erhalten . Bis jetzt war mir der Werth desselben nicht deutlich geworden , ich hatte ihn , seit ich hier schmachtete , noch niemals bemerkt , doch nun besann ich mich plötzlich , woher er mir kam , und mit Härte befahl ich der Frau , zu schweigen , mir zu sagen , wenn der letzte Schilling meines Geldes ausgegeben sey , wo ich denn lieber auf der Thürschwelle sterben , als ihr einen Augenblick zur Last fallen wolle . Beleidigt verließ sie mich und unterbrach den ganzen Tag über meine Einsamkeit nicht mehr . Erst dieser Vorgang erinnerte mich an das , was mir bisher als das geringere Uebel entgangen war , an die gänzliche Armuth , die mich bedrohte . Allein , meine Lebensgeister zu einiger Thätigkeit zu spannen vermochte der Gedanke nicht , im Gegentheil diente er als neuer Beweis , daß ich dem Tode verfallen sey , und davon überzeugte mich die leidenvolle Unruhe in meinem Innern , der nagende Schmerz in allen Gebeinen , der sich meiner bemächtigte , die ich beide für die sichern Vorboten der Auflösung hielt . Kaum nahm ich wahr , daß die Nacht dem qualvollen Tag gefolgt war ; glühende Funken kreuzten vor meinen Augen umher , die Dumpfheit meines Jammers ging in gänzliche Vergessenheit über , und die Krisis , die ich für den Tod gehalten , löste sich auf in einen heilbringenden Schlaf . Meine ungeschwächte Jugend hatte gesiegt ; die Dumpfheit selbst , welche meine Verzweiflung übertäubte , war vielleicht wohlthätig für meine Nerven gewesen , die gänzliche Entäußerung von Speise hatte den Gang der Natur ohne Störung gelassen - genug , ich erwachte mit hellem Bewußtseyn meines Unglücks , aber auch meiner Rettung vor dem sehnlich gewünschten Tod . Der Gedanke , Gott zu danken , erwachte nicht mit dem rückkehrenden Leben , bittere Angst um die Zukunft nahm von meinem Gemüthe Besitz , und mein noch schwacher Kopf arbeitete angestrengt , einen Weg zu ersinnen , der mich in einer Welt , die ich so feindselig hatte kennen lernen , zu einer Freistätte führte . Bei diesem Nachsinnen hatte ich gar nicht die Augen geöffnet , um zu sehen , wer so leise in meine Thür trat und sich meinem Bett näherte , ein lauter Ausruf schmerzlichen Erstaunens schreckte mich auf . - » Miß Mortimer ! « rief ich , und der Anblick dieser gütigen , verkannten Freundin weckte Erinnerungen in mir auf , die mein verstocktes Herz mit Fühllosigkeit umeisten . Sie vermochte nicht zu sprechen , schluchzend hielt sie mich in ihren Armen . » Miß Mortimer , was wollen Sie hier ? « fragte ich kalt und machte mich von ihr los . - » Was ich will , Ellen ? das ist sehr ungütig , zu fragen , was ich will ! Konnte ich erfahren , daß Sie litten , ohne zu Ihnen zu eilen ? Kann ich Sie nicht trösten , oder doch trauern mit Ihnen ? « - » Ich traure nicht und bedarf keinen Trost . Lassen Sie mich ! « - » Nicht so , mein theures Kind ! Es ist Ihnen nicht auferlegt , fühllos zu seyn . Wir wollen weinen über die harte Schule , in die Sie Gott geführt , aber nicht an seiner Barmherzigkeit zweifeln . « - » Barmherzigkeit ? die zeigt er mir nicht . Er hat mich ohne Mitleid zur Erde getreten , und ich will liegen bleiben , bis diese Erde mich verschließt . « - Der Schmerz über meine trostlose Seelenstimmung benahm Miß Mortimer lange die Fähigkeit zu sprechen ; dann bat sie mich liebevoll , mehr Milde zu zeigen , und bei meinem Starrsinn rief sie mit aufgehobnen Händen gen Himmel : » O du Gott des Friedens , senke doch Sanftheit in dieses Herz , das du gewiß zu deinem Tempel geschaffen hast ! Ich vermag hier nichts . « - Sie hatte sich halb abgewandt , wie sie dieses Gebet sprach , aber ich sah ihre weißen , abgezehrten Hände , die sie emporhielt , und hörte ihre Seufzer , ich erinnerte mich des hinfälligen Zustandes , in dem ich sie das letzte Mal getroffen , ich vermuthete , daß sie ihr Krankenzimmer nur verlassen , um mich aufzusuchen , um mir Hülfe zu bringen . Zu solchen Bemühungen konnte nur Wohlwollen antreiben ; gänzlich verlassen , dem ganzen Menschengeschlecht unwerth war ich also doch nicht , ich fing an Güte für möglich zu halten , aber , noch ohnmächtig gegen das Gift in meiner Seele kämpfend , wies ich ihr Anerbieten , mich zu sich zu nehmen , oder mich in diesem elenden Schlupfwinkel zu pflegen , halsstarrig zurück . Miß Mortimer ward innig betrübt , allein ihr wahrhaft christliches Gemüth hatte nicht , um Dankbarkeit zu ärnten , sich zum Liebesdienst erboten ; meine Härte schreckte sie deshalb nicht ab . Wie ich im Schimmer des Glücks glänzend ihre Liebe abwies , glaubte sie ihr Leben höher schätzen zu müssen , als die Verpflichtung , ohnmächtiger Zeuge meiner Thorheit zu seyn ; nun vom Blitz des Unheils mein stolzes Haupt gebeugt war , ertrug sie den Ausbruch meines feindseligen Geistes mit unerschöpflicher Geduld . Da sie sah , daß ihre Bitten , ihr in ihre Wohnung zu folgen , so wie die , ihre Pflege unter meinem traurigen Obdach anzunehmen , vergeblich seyn , ließ sie ab und entfernte sich , ohne mir ein bestimmtes Lebewohl zu sagen . Sie hatte meinen starren Sinn nicht beugen können ; allein die Eisrinde meines Herzens war erschüttert , so daß ich ihr , wie sie mit schwankendem Schritte mein Zimmer verließ , sehnsuchtsvoll nachsah . Indem sie die Thür öffnete , schlüpfte der arme Fidel zu mir herein , er sprang an mein Bett herauf und drückte mir seine Freude , mich wiederzusehen , mit eben der stillen Innigkeit aus , die ihn einst meiner Mutter so lieb gemacht hatte . - Wird es der Seelenforscher begreifen , wird der Moralist mir verzeihen , daß die Liebkosungen dieses treuen Thieres endlich vermochten , was die Stimme der Freundschaft , die Vorstellungen frommer Vernunft nicht bewerkstelligen konnten ? - Mein starrer Sinn brach bei den Bildern meiner Kindheit , die Fidel mir herbeirief , die Bitterkeit meines Herzens ward hinweggeschwemmt von den Thränen , die ich über dieses Thier vergoß . Miß Mortimer blieb nicht lange von mir entfernt , sie brachte mir nach kurzer Abwesenheit einige Erfrischungen , die meinen Gewohnheiten und dem Bedürfniß meiner jetzigen Schwäche angemeßner waren , wie die ekeln Gemengsel , die mir meine wohlwollende Wirthin in den ersten Tagen meiner Krankheit angeboten hatte . Wie sie eintrat , verbarg ich meine Thränen , aber ihrer erneuerten Bitte , sie in ihre friedliche Hütte zu begleiten , konnte ich nicht mehr widerstehen . Mit einem erschütternden Gefühl rückkehrenden Seelenlebens - denn ich glaube , daß der Herzensschmerz , welchen ich fühlte , wirklich daher entstand , daß die Lebensgeister die im Jammer vertrockneten Canäle wieder zu durchströmen begannen - hörte ich ihre sanften Worte an . Sie wolle sich nicht zu meinem Schmerze drängen , sagte sie , sie wolle mich nicht einmal einladen , um der Mahlzeit willen mein kleines Zimmer zu verlassen , es würde ihr genügen , zu wissen , daß ich in ihrer Nähe sey , daß ich sie finden könnte , sobald ich ihrer bedürfe . Das Geständniß meines Unrechts drängte sich auf meine Lippen , allein dieses Geständniß , das in meinen glücklichen Tagen als Selbstüberwindung Werth gehabt hätte , konnte im Munde der Zerschlagnen , Wohlthaten Bedürftigen , wie demüthiges Werben um Versöhnung aussehen - ich versagte mir die Seligkeit der Reue und rief , Miß Mortimers Hände an meine Brust drückend : » Meine einzige , meine beste Freundin ! « Und sie , die ganz Liebe , ganz Großmuth war , ließ sich mit diesen Worten genügen . Nach wenigen Tagen , in denen mich Miß Mortimer mit der zärtlichsten Sorgfalt pflegte , fühlte ich meine Kräfte so weit hergestellt , daß sie es wagte , mich in ihre Wohnung überzuführen . Es war ein eben so schöner Morgen , als an dem Tag , wo ich ihr meinen ersten Besuch gemacht hatte : eben so glänzend strömte das Sonnenlicht über das üppige Grün der Wiesen , eben so schwebten die Schiffe , deren blendend weiße Segel die erquickendsten Lüfte schwellten , auf dem silbernen Strom , nur das dunklere Laub der Bäume und die Färbung ihrer Früchte verrieth die Höhe des Sommers . Meine Freundin versuchte es , mich auf dieses fröhliche , lebendige Schauspiel aufmerksam zu machen , aber es erheiterte mich nicht - kalt wendete ich mein Auge von ihm ab und dachte , wozu einer Welt , wo Unrecht , Gram und Leiden ihre Herrschaft verbreitet hätten , dieser reizende Schmuck gegeben seyn möchte . Von allen Siegen der Ergebung in eine höhere Leitung , eines kräftigen Verstandes über das schwache Gemüth ist keiner lohnender , als wenn wir in jeder Lage fähig sind , das Gute , das uns der Augenblick bietet , zu genießen . Für mich , die ich noch immer mit Gott haderte über den Weg , den es ihm gefiel mich zu führen , prangte die Natur umsonst in ihrer schönsten Pracht , ich stieß die Freude von mir , die sie dem ergebnen Herzen meiner Freundin zu genießen gab . Bei unsrer Ankunft in Miß Mortimers Wohnung begrüßte sie mich mit der innigsten Zärtlichkeit als Mitglied ihres Haushalts , sie führte mich sogleich in das mir bestimmte Gemach , das angenehmste dieses bescheidnen Hauses . Sehr niedliches , wenn gleich höchst einfaches Geräth bot mir jede Bequemlichkeit dar . Grüne Wände , schneeweiße Vorhänge , ausgesuchte Reinlichkeit verbreiteten Heiterkeit , und der Anblick der umliegenden Gärten durch ein großes mit Jasmin umranktes Fenster wiegte die Seele zur Ruhe ein . Ich fand eine kleine Zahl wohlausgewählter Bücher , und in den Schiebfächern eines Schrankes einen großen Theil meiner Wäsche und nützlichsten Kleidungsstücke , welche Miß Mortimers Bemühung , von den mit meines Vaters Verlassenschaft beschäftigten Personen zurückzuerhalten , geglückt war . Wie viel ich ihr zu danken hatte , fühlte ich wohl , aber dadurch ward mir meine Bedürftigkeit nur fühlbarer , und seufzend folgte ich meiner großmüthigen Freundin Ermahnung , der Ruhe zu pflegen . Ich bedurfte ihrer sehr , für meinen geschwächten Zustand war die Ueberfahrt nach der Nähe von Greenwich - und der erste Versuch , dem Leben wieder anzugehören , eine schwere Ermüdung . - Matt sank ich auf das Reinlichkeit duftende Bett , das nach jenem jämmerlichen Lager , auf dem mich mein Siechthum festgehalten , als die größte Wohlthat hätte erscheinen sollen , und überließ mich dem Schlaf . Der Abend sank , als ich bei den Tönen einer sanften Harmonie erwachte , die anfänglich wie ein Engelchor in der Luft zu verfließen schienen , bis ich , völlig vom Schlaf ermuntert , Miß Mortimers fromme Stimme erkannte , die ihr Abendlied sang . Keine andre Stimme hätte die kindliche Dankbarkeit , die siegreiche Freudigkeit ihrer Seele so ausdrücken können , wie die ihre , und so wenig ich seit dem Umsturz meines Glücks fähig war , Dinge außer mir zu beobachten , zog doch diese Stimme , wie sie , auf der mildesten Abendluft getragen , zu mir herauftönte , meine Aufmerksamkeit an . Welchen Schatz besitzt sie denn , dachte ich bei mir selbst , der sie vor Andern so froh macht ? Heute früh hörte ich sie ihren Morgen mit einem Lobgesang beginnen , und nach einem für Andrer Wohl in Mühe verlebten Tag geht sie unter Dankgebet der Nacht entgegen . Gewiß , ihr ist diese glückliche Stimmung angeboren , und außerdem - sie kannte ja nie eine beßre Lage , sie verlor nichts . Wohl ihr , daß Armuth und Beschränkung sie vor dem Betrug und der Härte der Menschen bewahrte ! - Der Gesang war beendet , die Stille um mich her überließ mich von neuem meinen quälenden Betrachtungen , und um ihnen zu entgehen , griff ich nach einem Buche , das neben mir auf dem Tische lag . Es war meiner Mutter Bibel . Vornan stand ihr Name , von ihrer eignen Hand geschrieben , dann der Tag meiner Geburt , endlich wurde mein Tauftag mit folgenden Worten erwähnt : » Diesen 11. Jenner 1775 habe ich Gott mein theures Kind gewidmet . Möge er dieses Opfer annehmen und reinigen , wenn es auch mit Feuer seyn müßte ! « - Diese Worte erinnerten mich an die nie ganz vergessnen von meiner Mutter letztem Segen , und ich rief mit innigem Schmerz : » O Mutter , hättest du vorausgesehen , wie verzehrend das Feuer seyn sollte , das du zu meiner Reinigung herabbetetest , du hättest nicht so geschrieben , denn dein Herz war mild gegen einen Jeden , es hätte sich ja meiner erbarmt . « - Nun schlug ich eine andre Seite des Buchs auf , welche , wie das Blatt zeigte , oft umgewendet seyn mußte ; mein Auge erblickte die unterstrichne Stelle : » Könnte wohl eine Mutter ihren Säugling , den Sohn ihres Schooses vergessen ? Ja sie kann es ; doch nie vergesse ich deiner . « - Ich erinnerte mich dunkel , diese Worte von meiner Mutter im Gebet oft gehört zu haben ; damals verband ich keinen Sinn mit ihnen , jetzt fielen sie mir auf , ich dachte nach , ob denn wohl ein so trostvoller Gedanke , den so viele Tausende der Millionen für wahr annähmen , der meiner Mutter Aufrichtung und Freudigkeit gegeben , ganz ohne Grund seyn könnte . Wenn er aber gegründet wäre , so würde ich ja nicht verlassen seyn ; warum denn mußte ich erfahren , was nur den Verlassensten bestimmt seyn konnte ? Diese Betrachtungen beschäftigten mich durch die ganze schlaflose Nacht . Nach und nach erzeugten sie aber die Frage in mir : warum , wenn eine väterliche Macht unser Schicksal ordnet , auch wenn es uns mit Unglück niederdrückt , dennoch ordnet , warum habe ich nicht gesucht mich dieser Macht gefällig zu machen ? warum gedachte ich ihrer nie , da doch mein ganzes Wohl in ihren Händen ruhte ? - Sobald der Tag anbrach , griff ich wieder nach dem Buch , das meine Mutter getröstet , und suchte eine Antwort auf meine Frage und eine Entschuldigung meines Thuns . Die erste fand ich , je mehr ich las . Ich gewahrte , daß mein Leben den Bedingungen , unter welchen Gottes Friede verheißen wird , ganz entgegen gewesen sey ; dieses Buch gebot Entsagung für sich und Bemühung für Andre ; ich hatte einzig nach Genüssen gestrebt und für Andre nie das Geringste gethan . Mein leichtsinniger Verstand fragte ein paar Mal : was verbürgt dir denn , ob diese Vorschriften wirklich den Frieden Gottes versichern ? daß Gott wirklich dein Vater seyn wird , wenn du sein Kind bist ? Aber da sprach eine laute Stimme in mir und deutete auf die Schriftstellen , die meine Mutter getröstet , und auf die Freudigkeit , mit der meine fromme Retterin über Armuth , Schmerz und Ansicht des nahen Todes siegte . Sie sagte , daß der jetzige Zustand meiner Seele in seinem unermeßlichen Jammer mir Ahnungen höheren Glückes gewähre , als ich im Rausche meiner ehemaligen Freuden niemals gekannt hatte . Ich las fort und dachte nach und befragte Miß Mortimer , die , ohne mich in dem Gang meiner Seelen-Entwicklung zu stören , nur antwortete , nie den nothwendig erfolgenden Fortschritten meines Nachdenkens vorgriff . Doch Ruhe fand ich noch nicht . Mein Verstand war zu ungeübt , und die Erinnerungen an mein vergangnes Leben zu demüthigend , um mich ohne Kampf zu einer klaren Ansicht meiner selbst kommen zu lassen . Wie ich die Thorheit meines bisherigen Lebens zuerst einsehen lernte , wollte ich meine Selbstvorwürfe durch Scheingründe entkräften ; deren Ohnmacht im Innern empfindend , leitete ich oft Gespräche mit Miß Mortimer ein , welche einzelne Puncte meiner Zweifel erhellen sollten ; sie hörte mit unbeschränkter Geduld meine seichten und aus Widerstreben gegen eine bessere Ueberzeugung oft wiederholten Einwürfe an und achtete nicht auf die Unvernunft einer trostlosen Behauptung , mit der ich jeden Streit , in dem ich mir den Sieg nicht zuschreiben durfte , beschloß . Mein Dünkel mußte endlich unbedingt eingestehen , daß ich bisher ein unwürdiges , gedankenloses Daseyn geführt hatte , und daß es wohl Gottes Vaterliebe sey , die mir das Leben erhielt , um mir Zeit zu besserer Erkenntniß zu geben , und mir durch meine Freundin Mittel und Beispiel zu ihrer Erlangung zusendete . Dem trotzigen Untersuchen folgte ängstliche Anerkennung - ich wußte , daß ich den Weg des Rechten verfehlt hatte , ich sah das Ziel vor mir , aber die Mittel , mich auf der rechten Bahn dahin zu erhalten , waren mir noch unklar . Kleinliche Gebetsübungen , Bußen , Entsagungen , quälten mich eine Zeit lang , konnten aber im Beisammenleben mit meiner ehrwürdigen Freundin , deren Frömmigkeit diesen Zwangsmitteln so fremd war , nicht lange bestehen . Miß Mortimer blieb ihrem ersten Versprechen , meinem Aufenthalt bei ihr gar keinen Zwang aufzulegen , getreu ; sie forderte mich nie auf , mein Zimmer zu verlassen , aber das Zusammenseyn mit ihr ward mir lieber in dem Maas , wie meine Begriffe über Leben und Bestimmung sich läuterten . Ich fing an ihren Krankenbesuchen und ihren Andachtsübungen beizuwohnen , ich arbeitete mit ihr an Kleidungsstücken für die Armen - aber wie verschieden war noch der Sinn , in dem sie dieses alles that , von dem meinen ! Sie erfüllte mit kindlichem Herzen ihren Beruf , so weit es ihre Kräfte erlaubten , das Beste des großen Haushalts ihres himmlischen Vaters zu befördern , ich strebte bänglich den gerechten Unwillen dieses Vaters zu versöhnen ; sie sprach Dankgebete aus , ich verehrte den beleidigten Herrn . Die nähere Bekanntschaft , die ich bei den Krankenbesuchen mit den Armen machte , trug nicht dazu bei , meinen Empfindungen Milde zu geben . Ich hatte bisher ihren Zustand nur aus Schauspielen und Romanen gekannt , Almosen gab ich nur von meinem Ueberfluß dem Bettelnden , der mein Auge beleidigt , mein Ohr ermüdet hatte , und mit dessen traurigem Anblick ich keinen Begriff , als den des schnell vergeßnen Ekels , verband . Nun fand ich unter dieser Menschenclasse Laster , Schuld , halsstarriges Unrecht , Undankbarkeit , wie unter dem übrigen Menschengeschlecht . Mein Mitleid verlor den Sinn der Liebe , es bedurfte einer Zeit , um mich zu belehren , daß Almosen nicht gegeben werden , um Tugend zu lohnen , sondern oft um das Laster , welches Folge des äußersten Bedürfnisses ist , zu entfernen ; daß wir aber nie vernachlässigen sollen , mit gleichem Eifer einen guten Gedanken in dem Armen zu erwecken , als einem seiner physischen Bedürfnisse zu steuern . Wie sich mir nach und nach die Ueberzeugung aufdrängte , daß so mancher der Unglücklichen , die meine Freundin , indem sie sich manche Bequemlichkeit versagte , dem Untergang entriß , durch den Leichtsinn , die Unbilligkeit Reicher , wie ich noch vor kurzem war , in physisches und moralisches Elend gestürzt wurden , fing ich an mit Schmerz auf die Zeit zu blicken , wo ich Mittel hatte , so vielen zu helfen , und theilnahmelos vor den Hülfsbedürftigen vorüberging . Eines Tages führte mich Miß Mortimer in ihr Gärtchen hinaus , die warme Herbstsonne zu genießen ; da bemerkte sie ein magres , barfüßiges kleines Mädchen , das seine braune Hand durch den Gartenzaun steckte und in echt bergschottischer Sprache ein Almosen erbat . Meine Freundin fragte nach den Umständen des Kindes , dessen Antworten aber durch seine fremde Mundart und große Schüchternheit ganz unverständlich wurden . Miß Mortimer nahm mein Anerbieten , lieber selbst die Wohnung des kleinen Mädchens zu besuchen , um sie in Stand zu setzen , von der Anwendung ihrer Gabe zu urtheilen , dankbar an , und so folgte ich diesem bis zu einem elenden Häuschen , das in einer der entlegensten Straßen von Greenwich lag . Wie mein Auge in der mich empfangenden Finsterniß die Gegenstände zu unterscheiden begann , erblickte ich auf einem elenden Lager eine abgemagerte Gestalt , deren Todtenblässe bei dem Anfall eines furchtbaren Hustens einer dunkeln Röthe wich , wobei sein glänzendes Auge und unruhiger Blick ein verzehrendes Fieber verkündigte . Ganz in den mephitischen Dunstkreis des niedern Zimmers gehüllt , saß eine Frau an dem niedern Heerd und bemühte sich das rauhe , matte Geschrei eines kleinen Kindes zu beschwichtigen . Bei meinem Anblick sprang sie auf , mir ihren Schemel - den einzigen Sitz in dieser Wohnung , anzubieten , und der Kranke versuchte mit schottischer Höflichkeit , sich im Bette zu erheben , um mich zu begrüßen . Unfähig zu dieser Anstrengung , forderte er die Hülfe seiner Frau , die nach dem kleinen Mädchen , meiner Führerin , rief , ihr den Säugling abzunehmen , damit sie freie Hände bekäme , ihren Gatten zu unterstützen . Der Gedanke , dem schwachen Mädchen das Kind anvertraut zu sehen , erschreckte mich ; unbedacht bot ich die Arme dar , es selbst zu übernehmen , und freudig überrascht reichte die Mutter mir es hin , als ich voll Entsetzen seinen Zustand erblickte . - Es war von Kinderblattern wie mit einer Eiterkruste überdeckt , seine Augen , seine Nase waren verschwunden , sein Mund nur an den rauhen Klagetönen kenntlich , in denen er stöhnte - ein pestartiger Geruch umgab das elende Wesen - die arme Mutter hatte ihm , den Vorurtheilen ihres Landes gemäß , um , wie sie sagte , das Gift vom Herzen zu treiben , so viele Wärme wie möglich verschafft , sie sich selbst die nothwendigste Nahrung entzogen , um durch geistige Mittel den Ausbruch der Blattern zu befördern . Der Abscheu , den ich gegen das Kind bezeigte , kränkte sie bitter , sie mahnte mich an die flüchtige Dauer der Schönheit , denn auch ihr Knabe sey vor wenigen Tagen noch lieblich gewesen , und zeigte einen so anständigen , vom Elend ungedemüthigten Geist , daß ich beschämt dastand , Kummer in der Hütte verbreitet zu haben , wohin Trost zu bringen , meine Absicht gewesen . Es gelang mir , sie zu begütigen . Nach mancher Verständigung erfuhr ich endlich , daß der wackre Mann ein Schotte sey , der in seinem Vaterlande ganz erträglich als Gärtner gelebt hatte ; die Hoffnung , in England sein Glück zu machen , wo schottische Gärtner gesucht werden , lockte ihn an . Da es ihm nicht gleich gelang , Arbeit zu finden , gerieth er in große Bedrängniß , bis er es wagte , einen edeln Landsmann anzusprechen , Herrn Maitland , durch dessen Vorwort Herr Percy ihn auf seinem Gute zu Richmond als Gärtner anstellte . - Bei diesem Namen fuhr ich zusammen ; aber schon zur Vorsicht gewöhnt , verrieth ich mich nicht , sondern fragte , ob sie Miß Percy gekannt hätten . Das nicht , sagte die Frau , denn sie wären den Tag in Dienst getreten , als die Herrschaft in die Stadt zog , und wenn Miß Percy zu kurzen Besuchen hinausgekommen sey , habe sie so viele bunte und fröhliche Leute um sich gehabt , daß ihr keine Zeit geblieben sey , auf armes Gesinde zu blicken . Aber an ihrem Unglück sey sie doch schuld , denn gegen das Frühjahr habe sie darauf bestanden , einige schöne ausländische Pflanzen unerläßlich an einem gewissen Tage , zur Zierde bei einem großen Fest , zur Blüthe gebracht zu sehen . Campell , der den Auftrag erhielt , besorgte sie Tag und Nacht in dem stark geheizten Wärmehaus ; sie hätte mehr wie einmal gesagt , wenn er schweißtriefend von da in Hemdärmeln durch Schnee und kalten Nebel zum Essen gekommen sey : » das bringt dir den Tod , du stirbst mit den Blumen , die gegen alle Natur getrieben werden . « So war ' s gekommen . Sein Athem ward ihm schwer und schwerer , seine Kräfte nahmen ab , aber gearbeitet mußte werden ; in dem feuchten Frühling stand er und grub an den nassen Morgen und in den kalten Abenden , und wie mein Vater ihn nicht mehr lohnen konnte , ward er abgedankt , und nun lag er auf dem langsamen Todbette , auf dem es seiner selbstsüchtigen Herrschaft jetzt an Mitteln gebrach , ihm Erleichterung zu geben . Meine Seele litt im furchtbaren Bewußtseyn veranlaßten unwiederruflichen Unglücks . Ich fragte , ob Campell einen Arzt habe . - Kopflose Frage ! Einen Arzt , wo es an Mitteln fehlte , sich Nahrung zu verschaffen ! » Ach « , rief Campell , » hätte ich nur Mittel , nach Schottland zurückzukehren ! dort würde ich bald wieder gesund . Die Luft ist dort so rein , man athmet so leicht ! « - Dahin sollt ihr gelangen , rief ich lebhaft und reichte ihm meinen Beutel , ohne zu bedenken , daß es nicht mein Eigenthum sey , was ich gab , daß ich dieses wenige Geld , wie alles , was ich genoß , meiner Freundin verdanke , die es ihrem Bedürfnisse entzog . Meine nächste Sorge war um einen Arzt . In einem nahen Kramladen bezeichnete man mir die Wohnung eines Herrn Sidney , zu der ich eilte ; ich fand einen wohlgebildeten , anständigen jungen Mann , der mich höflich , aber mit sichtbarer Befremdung über meine Erscheinung anhörte . Obgleich ich durch die Erzählung von Campells Schicksal schmerzlicher , wie je , an meine vergangne Thorheit erinnert war , entging mir der günstige Eindruck nicht , den meine Gestalt auf ihn machte , ich empfand eine Genugthuung , die ich mir den nächsten Augenblick als eine Sünde vorwarf und , meine Kappe tief ins Gesicht ziehend , ihn auf den Weg zu Campells Wohnung begleitete . Der Arzt untersuchte den Zustand des Kranken , und mit der bittersten Seelenpein hörte ich seine mir mit wenigen leisen Worten gegebne Erklärung , daß für ihn keine Heilung mehr möglich sey . Ich mußte an die offne Thür treten , um nicht niederzusinken unter der Last meines Bewußtseyns . » Wer ist dieser Engel ? « hörte ich Herrn Sidney fragen . - Engel ! das leichtsinnige Geschöpf , das zur Mörderin ward ! - Ich wollte hinzutreten und durch Nennung meines Namens allen den Abscheu auf mich ziehen , den ich verdiente , aber der Muth fehlte mir , und die Worte starben auf meinen Lippen . Der Zustand des Kindes war weniger hoffnungslos ; zweckmäßigere Behandlung half der Natur die Heftigkeit des Uebels ertragen , seine Augen öffneten sich wieder dem Lichte , und Leben und Gesundheit wurden ihm wieder geschenkt . Die Tage seines Vaters waren aber gezählt . Wie ich nach kurzer Zeit eines Abends ihm einige Labung darreichte , sank er zurück und hauchte ohne Todeskampf seinen Geist aus . Jetzt machten mir die kleinen Kunstfertigkeiten , mit denen ich ehemals wenige müßige Augenblicke ausgefüllt hatte , wirkliche Freude . Ich verfertigte mancherlei Kleinigkeiten , deren Verkauf mir die Mittel verschafften , die Rückreise von Campells Hinterlaßnen nach Schottland zu bewerkstelligen . So schmerzvoll dieser Vorfall war , trug er doch dazu bei , mich einen trostvolleren Blick in meine Zukunft werfen zu lassen . Ich hatte die Folgen meines selbstsüchtigen Lebens gesehen , hatte aber auch das Glück genossen , einen kleinen Theil davon wieder gut zu machen . Der Werth meiner Zeit ward mir anschaulicher . Die Entwicklung meiner geringen Geschicklichkeiten wurden mir wichtig , jedes kleine Gelingen gab mir Momente von Freude , die - wie jede reine Freude - je mehr und mehr den Sinn des Dankes zu Gott anzunehmen begann . Seit mir Herr Sidney an des armen Campells Krankenbett bekannt geworden war , hatte er sich die Erlaubniß verschafft , Miß Mortimer zu besuchen , und sein angenehmes Betragen machte ihn zum willkommnen Gaste . Bei wiederholten Gesprächen zeigte sich eine Denkungsart bei ihm , welche mir bewies , daß seine Grundsätze bei aller ihrer Rechtlichkeit nicht aus den religiösen Begriffen entsproßten , in welchen ich meine Beruhigungen suchte , in denen sie aber noch nicht fest genug begründet waren , um sie ohne Bekehrungseifer behaupten zu können . Ich ließ mich in Streitigkeiten mit ihm ein , bei denen ich nicht immer der siegende , aber nie der nachgebende Theil war ; Sidney blieb immer Herr seines Gleichmuths und brachte mich am meisten um den meinen durch die Herzlichkeit ,