schon so früh da ? liebe mütterliche Frau ? « sprach sie zur Frau von Willnangen , die sie zum erstenmal , seit sie krank ward , wieder erkannte . » Ich habe wohl lange geschlafen , und bin doch noch müde , « setzte sie hinzu . Ein mattes Lächeln glitt über ihr Gesicht , von neuem schlief sie ein , aber die krampfhafte Anspannung in ihren Zügen , die Fieberröthe auf ihren Wangen waren verschwunden ; sie lag bleich und schön , gleich einem Marmorbilde jetzt da , und athmete zwar matt aber ruhig . Noch ehe die Sonne aufging , wagte es der Arzt , für die Erhaltung ihres Lebens zu bürgen , wenn man seinen Vorschriften pünktlich Folge zu leisten verspräche . Ein Arzt , der solch ein Wort mit fester Zuversicht aussprechen darf , wenn von der Rettung eines heiß geliebten Wesens die Rede ist , steht in dem Momente wie ein göttergleiches Wesen vor uns da . Auch bedarf es wohl solcher Augenblicke , um ihn für die vielen bittern Stunden zu trösten , in welchen er die Ohnmacht alles menschlichen Wissens anerkennen muß , und die dennoch von seinem wohlthätigen hohen Beruf sich nicht trennen lassen . Ernesto und Frau von Willnangen , Auguste und Annette , alle drängten sich im freudigsten Tumult um den Retter Gabrielens , alle wußten ihrem Dank , ihrem Entzücken keine Worte zu geben . Es war , als habe er jedem von ihnen neues Leben geschenkt , indem er jene tröstenden Worte aussprach : Ihr unaussprechliches Glück kennt nur , wer in einem einzigen entzückenden Momente den unausweichlich geglaubten Verlust eines über alles geliebten Wesens von sich abgewendet sah . « » Ach ! wenn ich nur dieß einemal nicht träume , « rief zwischendurch Annette ; » aber es ist doch gewiß wahr , ich sah ihn fortfliegen , gewiß ich sah es , « setzte sie dann ganz leise vor sich hinzu , gleichsam um sich selbst zu beruhigen . » Was sahst du denn fortfliegen ? Annettchen , « fragte Ernesto , aber sie erwiederte ihm , » daß es in dieser Stunde noch nicht gut sey , davon zu sprechen . Er ist noch nicht weit , « setzte sie , betrübt und vorsichtig um sich her blickend , hinzu , » ich sah ihn auf das Haus der Frau von Felsberg sich senken , deren Kinder so krank sind . « Und damit nahm sie wieder ihren Platz auf der Erde neben dem Bette ein , legte das Gesicht auf Gabrielens Decke , und wandte kein Auge mehr von ihr ab . Viele Tage vergingen , ehe Gabriele ihren Freunden anders , als mit unaussprechlich freundlichen Blicken , ihre liebevolle Pflege verdanken konnte , Wochen schwanden hin , ehe sie es vermochte , sich nur wenige Stunden ausser dem Bette zu halten . In den Armen der Liebe von einer schweren Krankheit zu genesen , ist eine unbeschreiblich rührende , heilige Freude , die für alle erlittene Schmerzen reichlich Entschädigung beut . Das Gefühl des neu erwachenden Lebens verschönt alle Gegenwart , und jeder alte Schmerz wird wenigstens fürs erste zurückgeschoben , daß wir nicht gleich seiner gedenken . Wir selbst sind liebender , als im gewöhnlichen Gange des Lebens , und auch von unsern Freunden mehr geliebt . Die nahe Gefahr des Verlustes , der furchtbare Gedanke des Scheidens für das ganze irdische Daseyn hat uns ihnen theurer gemacht ; ihnen ist zu Muthe , als hätten sie zuvor unsern Werth nicht genugsam anerkannt , als hätten sie deshalb ein Unrecht gegen uns gut zu machen , und müßten sich dankbar dafür erweisen , daß wir noch länger unter ihnen weilen wollen . Wir hingegen , mit Sinnen , in der Einsamkeit des Krankenzimmers neugestärkt , wir wissen nicht , wie wir genugsam ihrer großen Liebe uns erkenntlich beweisen sollen , und jeder kleine Dienst , den sie in unsrer Schwäche uns leisten , hat , als Zeuge ihrer treusten Anhänglichkeit , für uns unschätzbaren Werth . Und so war es auch mit Gabrielen . Sie fühlte sich durch die liebevolle Pflege ihrer Freunde höchst beglückt , und die Ereignisse , welche sie auf das Krankenlager geworfen hatten , waren in der ersten Zeit ihres Genesens fast spurlos aus ihrem Gemüthe verlöscht . Nur mit der allmähligen Erneuerung ihrer Kräfte regte sich eben so allmählig der alte Schmerz wieder auf , und verflocht sich in den Gang ihres Lebens , jemehr sich dieses der Außenwelt wieder zuwendete . Allmählig war es jetzt völlig Frühling geworden . Draußen im Garten schwärmten die Vögelchen schon gar lustig , zwischen röthlichen Blüthen ihren kleinen Haushalt beschickend , und die Sonne schien warm und lockend durch die immer blühenden Rosen auf Gabrielens Fenster . Auch Ottokars Pflanzen trieben wieder Knospen , und Gabriele stand oft vor ihnen , versunken in stilles Nachdenken , aus welchem nur die angestrengtesten Bemühungen ihrer Freunde sie zu ziehen vermochten . Eines Morgens hatte sie bis zur Erschöpfung ihrer wenigen Kräfte bei ihnen verweilt , und sank darauf in den tiefen Schlummer der Ermattung . Ernesto mit Augusten , welche eben zugegen waren , zogen sich in das Nebenzimmer zurück , um sie nicht durch ihre Gegenwart im Schlafe zu stören . Auch Annette mußte mit , denn das treue Kind war durch ihre große Liebe zu Gabrielen allen werth geworden , und wurde mehr wie ein zur Familie gehörendes Mitglied derselben , als wie eine um Lohn dienende Kammerjungfer betrachtet . » Jetzt ist es heller lichter Tag , und für dein Fräulein ist Gottlob alle Gefahr verschwunden , « sing Ernesto an , » jetzt sage uns , liebe Annette ! was sahst du fliegen in jener ängstlichen und frohen Nacht , die wir mit dem Arzte durchwachten ? « Feuerroth warf Annette einen ängstlichen Blick auf das Fenster und flüsterte dann schnell und leise : » Wen anders als den Todesengel . « » Den Todesengel ? « erwiederte Ernesto lächelnd ; » den sahst du fliegen ? und wie sah er denn aus , dieser Schreckensengel ? « » Ach schrecklich genug , « antwortete Annette , » mir graust es noch , wenn ich daran denke , wie er aussah , und doch war er so sehr schön , wie ich noch nichts gesehen habe , kein Mensch auf Erden kann so aussehen . Er ist kein Kind , wie die andern Engel , die in der Kirche und in der gnädigen Gräfin ihrem Zimmer abgemalt sind . Er sah aus wie eine sehr schöne Frau , die pechschwarzen Locken hingen ihm zu beiden Seiten des todtenbleichen Gesichts lang herab . Dabei sah er recht gräßlich , recht grausam ernsthaft aus und über alle maßen traurig und herzlich betrübt , und doch war es auch , als ob er mitleidig wäre und sich recht gerne tröstlich bezeugen wolle . So flog er mit den breiten dunkeln Flügeln über das Bette meines Fräuleins , bald in weiten Kreisen rings darum her , bald zwischen den Vorhängen unter dem Betthimmel durch . Ich wollte immer die Vorhänge zuziehen , aber dann dachte ich , er kömmt doch wohl hindurch , und ich sähe nicht , wie er sie zu Tode küsse , denn im Kusse hätte er ihre Seele genommen , das weiß ich gewiß . « » Liebe Annette ! mir schaudert jetzt am hellen Tage bei deiner Erzählung , unmöglich kannst du das gesehen haben , du mußtest ja vor Angst und Schrecken bei dem Anblicke von Sinnen kommen , « wandte Auguste ein . » Ich wäre auch gewiß dabei von Sinnen gekommen , « erwiederte Annette , » wenn nicht die weit größre Angst um mein Fräulein mich aufrecht erhalten hätte . Er flog ihr immer näher und näher , zuletzt schwebte er so dicht über sie hin , daß ich jeden Augenblick dachte : jetzt wird er sie küssen , und dann ist sie todt . Ich lag auf der Erde neben ihr , und rückte recht mit Bedacht mein Gesicht dicht neben ihrem Gesicht , und dachte immer daran , wie ich es so machen könne , daß er mich an der Stelle meines Fräuleins küssen solle , oder doch wenigstens mit ihr zugleich . Herr Gott ! ich begreife gar nicht , wie Sie alle ihn nur nicht gesehen haben , wie Sie alle nur nicht das ängstliche Schwirren in der Luft hörten , wenn er so über meinem armen Fräulein hin und her flog . « » Und wo blieb er denn zuletzt , wo flog er hin ? « fragte Ernesto . » Er flog durch das Fenster hinaus , « war die Antwort , » wie er durch die Scheiben kam , kann ich nicht beschreiben , er drang hindurch wie der Mondschein , und schwebte noch lange von außen um die Fenster her . Endlich , Gottlob ! endlich flog er ganz fort ! Hoch durch die Luft , dicht neben dem Monde hin , ich sah es recht deutlich , wie die dunkeln Flügel durch die weißen Wolken neben dem Monde , wie durch einen Silberflor hindurch schimmerten . Auf einmal senkte er sich nieder ; mir stand das Herz still vor Angst ; aber er flog weiter und ließ sich zuletzt auf dem Hause der Frau von Felsberg herab . Sehen sie wohl dort das grüne Thürmchen mit dem weißen Balkon rings herum ? man sieht es fast in der ganzen Stadt . Das Thürmchen steht oben auf dem Hause der Frau von Felsberg . Ach Gott ! und ihre lieben kranken Kinderchen sind auch beide in derselben Nacht gestorben . Ich habe schon so viel um sie geweint , « setzte Annette schluchzend hinzu , indem die hellen Thränen ihr über die Wangen liefen . Eine lange Pause entstand , Auguste vermochte es nicht vor Grausen ein Wort aufzubringen , und auch Ernesto fühlte von der treuherzigen Erzählung der jungen Engelseherin sich befangner , als ihm lieb zu seyn schien . Endlich wollte er einiges über die ängstliche Wallung sagen , in der sie sich alle während jener Nacht befunden , dann sprach er davon , daß Annette aufgeregter und überwachter seyn mußte , als jeder von ihnen , weil sie allein , vom Anfange der Krankheit Gabrielens an , bis zu jenem entscheidenden Moment , sich keine Stunde ruhigen Schlummers gewährt hatte . Auch versuchte er , von den wunderlichen Bildern zu sprechen , die unsre Fantasie uns schon auf nächtlichen Reisen oft vorspiegelt , besonders , wenn wir mehrere Nächte hindurch fahren , ohne auszuruhen , aber die Worte standen ihm nicht so zu Gebote wie wohl sonst . » Am besten ist es , « sagte er endlich , » wir danken Gott , daß der Furchtbare dießmal vorüberzog ; sey es auf welche Weise es sey , sichtbar oder unsichtbar , grübeln wir weiter nicht darüber , und hüten wir uns , davon zu sprechen , denn solche Gespräche taugen überall nichts . Vor allen Dingen aber wünsche ich , daß unsre Kranke nie etwas von dieser Erscheinung erfahre . « So wie sich Gabriele stark genug dazu fühlte , trug man Sorge , sie aus ihrer verödeten Wohnung hinweg , in das Haus der Frau von Willnangen zu bringen , wo sie ihre völlige Genesung bequemer abwarten konnte . Ottokars Name war seit seiner Abreise noch von keinem von ihnen genannt worden , und Frau von Willnangen sah nicht ohne Besorgniß dem Augenblick entgegen , wo dieses zum erstenmal geschehen würde . Bei aller Ueberzeugung , daß Gabrielens Krankheit mit der unerwarteten Erklärung der nahen Vermählung Ottokars Zusammenhang habe , war sie doch weit entfernt , nur eine Silbe von der wunderbaren Zusammenkunft zu ahnen , welche an jenem Abend zwischen beiden statt gefunden hatte . Sie wußte daher gar nicht , wie sie sich über Ottokar zu äußern habe , um Gabrielen nicht weh zu thun . Sie war uneins mit sich selbst , wie jeder , der es sich nicht verhehlen kann , daß er von der rechten Bahn abwich , und nun gern wieder gut machen möchte , was er sich gestehen muß verdorben zu haben , wenn es auch in der besten Absicht geschah . Die Verblendung , in welcher sie Gabrielens Neigung stets mehr entflammt hatte , statt sie zu mäßigen , war ihr jetzt unerklärlich . Sie begriff es nicht , wie ihre im Laufe eines langen Lebens erworbne Welterfahrenheit sie diesesmal so irre gehen ließ , aber eben so wenig begriff sie noch immer , wie Ottokar Aurelien wählen konnte , da Gabriele neben dieser stand . » Habe ich gefehlt , « sagte sie sich endlich selbst zum Trost , » so stürzte die herzlichste Liebe zu dem liebenswürdigen Kinde mich in den Irrthum ; mag denn diese Liebe , so lang ich lebe , auch streben , wieder gut zu machen , was sie übel gemacht hat . « Gabrielens Kräfte nahmen unter der treuen Pflege ihrer Freunde beinahe mit jedem Tage sichtbar zu . Ihre Jugend , ihr stilles , von jedem innren Vorwurf freies Gemüth , und auch des Frühlings allbelebende Kraft waren des Arztes mächtige Gehülfen . Es hatte fast den Anschein , als ob ihre physische Natur dieses heftigen Stoßes bedurft habe , um zur völligen Entwickelung zu gelangen , so auffallend war die Veränderung , welche jetzt in ihrem Aeußern vorging , und sie fast bis zum Unkenntlichwerden verschönte . Das kindlich runde Gesichtchen gewann jetzt den hohen , edlen Ausdruck vollendeter Jungfräulichkeit , ohne dadurch an jugendlichem Reize zu verlieren ; ihre mit jedem Tage höher erscheinende Gestalt entwickelte sich zu der edelsten Form , und ihrem ganzen Wesen fehlte nur noch der Glanz blühender Jugendfrische , um aller Augen zu entzücken . Mit Gabrielens wiederkehrender Gesundheit nahm aber auch der schweigende kalte Ernst zu , mit welchem sie jetzt alles um sich her zu betrachten schien . Eine nachdenkliche , untheilnehmende Stille in ihrem ganzen Benehmen beängstigte Frau von Willnangen weit mehr , als wenn sie sie traurig gesehen hätte . Ihr verging dabei völlig der Muth , endlich eine Erklärung des Vergangnen herbeizuführen , deren Nothwendigkeit sie anerkannte , obgleich sie vor den möglichen Folgen derselben zitterte . Sie wußte ja nicht , welche Art von Schmerzen sich mit dieser in dem armen getäuschten Herzen ihres Lieblings wieder aufs neue , vielleicht zerstörend regen würden . Vom ersten Moment der Krankheit an hatte sie ihren Pflegling vor allen fremden Besuchen gehütet , nicht allein aus Rücksicht auf ärztliche Vorschrift , sondern auch weil sie es gern vermeiden wollte , Ottokars gefürchteten Namen vor unberufnen Zeugen zum erstenmal in Gabrielens Gegenwart nennen zu hören . Im Anfange ward ihr dieses nicht schwer gemacht . Die übereilte , einer Flucht ähnliche Abreise der Gräfin Rosenberg hatte das Gerücht von der in ihrem Hause obwaltenden Gefahr der Ansteckung bis zum Ungeheuern vergrößert . Sogar ihre genausten Bekannten hüteten sich , ihm vorüber zu gehen , und wählten lieber Umwege , um nur nicht die verrufne Straße zu betreten . Doch mit der Zeit verschwand auch diese Furcht , und da Gabriele späterhin im Hause der Frau von Willnangen sich befand , so drängte sich bald die gewöhnliche Schaar von Besuchenden herbei , welche jedes Krankenzimmer für einen erwünschten Vereinigungspunkt anzusehen pflegt . Keiner von diesen gelangte indessen bis zu Gabrielen ; Auguste machte in einem Nebenzimmer die Honneurs , und entschuldigte ihre Freundin mit dem , ausdrücklich gegen Annahme aller Besuche gerichteten Verbote des Arztes . Man ließ diese Entschuldigung um so lieber gelten , ohne etwas dagegen einzuwenden , da sich eigentlich niemand für das Leben oder Sterben des jungen Mädchens wirklich interessirte , das bis jetzt eine so wenig bedeutende Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte . Nach vielen , in ihrem Krankenzimmer still verlebten Wochen wagte es Gabriele endlich , zum erstenmal ihre Freundinnen an einem warmen Frühlingsmorgen im eignen Wohnzimmer zu überraschen . Freudig erschrocken fuhren beide vom Sopha auf , als sie die schöne Gestalt am Arme Annettens hereinschweben sahen . Frau von Willnangen hätte sie kaum erkannt , so verändert stand Gabriele jetzt , zum erstenmal außer dem Halbdunkel des Krankenzimmers , im hellsten Strahl der Morgensonne vor ihr da . Das schöne Gesicht mit den blaßrothen Wangen sah wunderlieblich aus dem feinen Spitzenhäubchen hervor , unter welchem die lichthellen Locken sich einzeln um die blüthenweiße Stirn hervordrängten . Die dunkeln Augen strahlten in erneutem Jugendglanz , und das in den wenigen Wochen merklich zu kurz gewordne blendend weiße Morgenkleid zeigte die allerzierlichsten Füßchen . » Mein Kind , mein liebliches , schönes Kind ! « rief Frau von Willnangen , hingerissen von der himmlischen Erscheinung , und drückte unter freudigen Thränen sie an ihre Brust , während Auguste sie zum Sopha hinzog , und beide hernach in der Freude ihres Herzens tausend einander widersprechende Anstalten trafen , um es dem lieben Gast nur recht wohl und bequem zu machen . Endlich saßen sie in traulicher Gemüthlichkeit neben einander , als plötzlich die Thüre aufging , und Gräfin Eugenia mit dem ältesten Fräulein Silberhain unangemeldet hereintraten . » Nun da sieht man die liebe Kranke doch wieder ! Und wie groß geworden ! wie schön ! man möchte bald verleitet werden , sich ein Fieber von solchen Folgen zu wünschen . Sie sehen ja in der That aus , als könnten sie uns die neueste Kunde aus dem Lande der Seeligen bringen , « rief Gräfin Eugenia , indem sie die zu ihrem Empfange aufgestandne Gabriele umarmte . » Auch war meine Gabriele der Himmelsthüre nahe genug . Ein Glück für uns , daß sie bei Zeiten wieder umkehrte , um noch bei uns zu weilen , « erwiederte lächelnd Auguste . » Achten Sie es wirklich für ein Glück wenn der Engel zum Fluge in die ewige Heimath schon die Flügel entfaltet hat , und dann , aufs neue gefesselt von irdischen Banden , sie wieder zusammen legen muß ? « fragte Fräulein Silberhain ; » ach ! wir wissen vielleicht nicht , welch ein Unrecht wir thun , « fuhr sie fort , » wenn wir uns der anscheinenden Genesung unsrer Freunde freuen ! Was ist denn längeres Leben anders als längeres Harren . « » Liebe Silberhain , « fiel Eugenia ein , » Gabriele und wahrscheinlich die mehresten Leute harren doch recht gern , so lange als möglich , denn in den himmlischen Freudensaal kommen wir alle zeitig genug . Aber einer Reise nach Italien entsagen zu müssen , wenn schon beinahe der Wagen vor der Thüre steht , das ist ein Unglück , von dem ich gar nicht begreife , wie man es überlebt , ohne wenigstens vor Verdruß darüber den Verstand zu verlieren . Armes , armes Kind ! warum mußten Sie auch so ganz zur unrechten Zeit von dem bösen Fieber befallen werden ! Sie dauern mich ungeheuer , ach ! und hätten Sie nur , wie ich , die Glücklichen abfahren gesehen ! Ehegestern ging es fort , gleich am frühen Morgen nach dem Hochzeittage . Das junge Ehepaar fuhr allein , in einem ganz neuen , delizieusen , englischen Wagen ; den Platz in der Batarde der Gräfin , der Ihnen bestimmt war , nahm Aureliens Bella ein . Das ist pikant , nicht wahr ? gewiß niemand darf es Ihnen verdenken , wenn sie ein wenig mit dem Schicksal grollen , es spielt Ihnen warlich dießmal übel mit . « » Soll ich dich nicht auf dein Zimmer führen ? « fragte ängstlich Auguste ; aber Gabriele bestand darauf , da zu bleiben , versicherte , sich sehr wohl zu befinden , und bat die Gräfin Eugenia um nähere Nachricht von der Tante und Aurelien . » Von beiden bringe ich Ihnen tausend Abschiedsgrüße , « sprach Eugenia , » ich kam erst gestern Abend von Rosenhain wieder zu Hause , denn einem alten gegenseitigen Versprechen zu Folge , mußte ich Aurelien als Brautführerin zum Altar geleiten . Es war recht gut , daß ich gleich mitreisen konnte , da Sie zu Hause bleiben mußten , liebe Gabriele ! Die Gräfin und Aurelia hätten sich sonst in Rosenhain vielleicht zu oft allein gefühlt , denn Ottokar machte sich sehr selten . Geschäfte und Reiseanstalten hielten ihn fern von uns , sagte man . Ueberhaupt hat er , meiner Meinung nach , als Bräutigam an Amabilität nicht gewonnen ; vielleicht kommt das im Ehestande nach . So lange ich jetzt in Rosenhain mit ihm zusammen lebte , war er wenigstens - maussader als je - möchte ich sagen , wenn ich mich nicht hier vor den strafenden Blicken der Mamma Willnangen fürchtete , die von jeher diesem ihrem lieben Schooßkinde in allen seinen Arten und Unarten gefälligst nachzusehen gewohnt ist . « » Schelten Sie den Grafen nicht , weil er nicht leichtsinnig den wichtigsten Schritt seines Lebens vollbrachte , « sprach Fräulein Silberhain . » Ach ! wer müßte nicht in einem solchen Zeitpunkte sich und sein Gemüth in der tiefsten Stille zu heiligen suchen ! Lehrt uns nicht die schöne Geschichte vom jungen Tobias « - - - » Ob Ottokar so fromm ist , wie der junge Tobias , oder wie Sie , liebe Silberhain , ihn sich denken , weiß ich nicht ; « unterbrach Eugenia das Fräulein ! » aber langweilig genug war er wenigstens . Ich schiebe alles dieß einzig auf die Luft , die um jene Zeit im Rosenbergschen Hause höchst perniziö ' s gewesen seyn muß . Unsre liebe kleine Gabriele erkrankte ja auch am Verlobungs-Abend , und Ottokar muß ebenfalls zur nehmlichen Stunde von einem besondern Schwindel ergriffen worden seyn ; denn er plantirte beim Soupé nicht nur die Gesellschaft , - das hätte noch hingehen mögen , aber auch die zärtliche Braut , die neben einem leeren Stuhl sitzen mußte . Sein Lorenz erschien zwar , wie wir uns schon an der Tafel rangirten , mit einer sehr lahmen Entschuldigung seines Herrn , der plötzlich höchstwichtige Briefe erhalten haben sollte , aber der naseweise Mensch schnitt zu dieser Entschuldigung ein so pfiffig hämisches Gesicht , daß alle merken mußten , woran sie waren ; selbst die , welche nicht wie ich daran dachten , daß Mittwochs keine einzige Post hier eintrifft . « Frau von Willnangen verging fast vor Angst um Gabrielen bei diesem Gespräch , vergebens bemühte sie sich , ihm eine andere Wendung zu geben , oder doch wenigstens Gabrielen zum Fortgehen zu bewegen . Diese wollte keinen ihrer sie dazu einladenden Winke verstehen , und sowohl Fräulein Silberhains Lust am Fragen , als Eugeniens Lust am Antworten ließen die Unterhaltung nicht fallen , welcher Gabriele mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte . » Nie in meinem Leben habe ich eine einer wandelnden Leiche so ähnliche Gestalt gesehen , als Ottokar beim Antritt der Reise nach Rosenhain , « sprach Eugenia weiter . » Gewiß ! er war sehr krank , denn solche Todtenblässe , solche trübe , zugeschwollne Augen , solche Veränderung in allen Zügen finden sich über Nacht bei keinem Gesunden ein . Auch in Rosenhain wankte er so schattenähnlich umher , daß ich jeden Morgen zu hören fürchtete , er sey in der Nacht zum Tode erkrankt . Die Gräfin war deshalb in nicht geringerer Besorgniß als ich , allein er hielt sich aufrecht . Uebrigens , wie gesagt , war er am Tage kaum sichtbar , wichtige Arbeiten fesselten ihn in seinem Kabinete , wie es hieß , obgleich ich nicht begreife , was sein Hof jetzt gerade mit Italien , wohin er gesendet wird , so wichtiges zu verhandeln haben kann . Auch die Gräfin wunderte sich gewiß im Stillen darüber , aber sie kennen ihre Art , sich zu verbergen , und immer dasselbe Gesicht zu behalten . Mir schien es , die Wahrheit zu sagen , als ob die Depeschen , welche ihn so beschäftigten , von hier oder doch sehr aus der Nähe kämen , denn an Botentagen kam er gar nicht vom Fenster weg , bis er die grün lederne Brieftasche erblickte , und eilte immer , der Erste zu seyn , der sie aufschloß , um sein Päckchen herauszunehmen . Ich erkannte sogar einmal , kurz vor der Hochzeit , Ernestos Hand auf der Adresse eines seiner Briefe . « » Und Aurelia ? « fragte Gabriele . » Von der läßt sich wenig sagen , « erwiederte Eugenia , » Sie kennen ja das fröhliche Geschöpf . Sie sah nichts , sie merkte nichts , sogar nicht , daß der Hochzeittag von Woche zu Woche , endlich einen ganzen Monat hinaus verschoben ward . Ueber die Freude , einige Offiziere , die in der Nachbarschaft einquartirt waren , zu erobern und auszulachen , und über die noch größere , ein paar Landjunker zu mistifiziren , vergaß sie Italien und die Hochzeit mit sammt dem Bräutigam . « » Sie behandeln das junge Paar zu strenge , « sprach endlich Frau von Willnangen , » ich hoffe , sie lieben einander , und wenn gleich keine heftige Leidenschaft « - - » Wer leugnet denn , daß sie einander lieben ? « unterbrach sie Eugenia ziemlich eifrig , » keines von beiden ließ es an Beweisen davon fehlen . Aurelia neckte ihren Ottokar , so wie sie seiner ansichtig ward , und , Sie wissen es ja , nach dem alten Sprichwort liebt sich , was sich neckt . Ottokar gab hingegen seine Zärtlichkeit für seine Braut auf modernere Art zu erkennen . Es war , als ob er alle Modisten , Blumisten und Juweliere , auf zwanzig Meilen in die Runde , mit einem Zauberstabe regiere , so unerschöpflich war der Reichthum mannigfaltiger Geschenke , mit welchem er sie überschüttete . Jeder Morgen brachte ihr irgend eine elegante , oft sehr kostbare Kleinigkeit von ihm , Abends überraschte er sie durch Nachtmusiken , Feuerwerke , kleine ländliche Feten . Welche andere Beweise seiner Liebe konnte Aurelia sich wünschen ? zum Glück besitzt Graf Ottokar ein unerschöpfliches Genie für die Anordnung dergleichen Dinge an seinem Lorenz , aber gut war es doch , daß endlich der Hochzeittag dem allen ein Ende machte , denn die Erfindungen des Kammerdieners wollten doch nicht mehr recht zureichen , um die geistigen und körperlichen Abwesenheiten seines Herrn zu bedecken . « So plauderte Eugenia ungestört fort . Frau von Willnangen , sowohl als Auguste , hatten es aufgeben müssen , sie unterbrechen zu wollen . Ihnen blieb nichts weiter übrig , als den Eindruck zu beobachten , welchen ihre Erzählung auf Gabrielen machte , besonders da die Erzählerin vom Fräulein Silberhain durch noch dringendere Fragen angeregt , sich anschickte , die eigentliche Hochzeitfeier auf das Umständlichste zu beschreiben . » Die Trauung geschah in der Dorfkirche , und zwar sehr früh am Morgen . Beinah mit Sonnenaufgang , denn so hatte es Ottokar gewollt , « sprach Eugenia . » Und da er zum erstenmal etwas wollte , « fügte sie hinzu , » so staunte man zwar ein wenig über dieses Ansinnen , ließ es aber dennoch gelten , obgleich Aurelia hoch und theuer versicherte , daß sie und wir alle die abscheulichste Migräne vom frühen Aufstehen davon tragen würden . « Nun ließ sich Eugenia auf eine sehr genaue Beschreibung des prächtigen Negligees von Brüßler Spitzen ein , welches die Braut an dem festlichen Morgen getragen hatte , auch der kleinsten Garnierung desselben geschah ehrenvolle Erwähnung , ehe das Betragen des Brautpaars während der Trauung zur Sprache kommen konnte . Eugenia lobte Aureliens sich durchaus gleichbleibende Fassung und ihren vornehmen , man möchte sagen königlichen Anstand während der Zeremonie , indessen Ottokar bei der endlosen , langweiligen Vorbereitungs-Rede des Pfarres todtenbleich hin- und herschwankte , bis der Moment kam , das feierliche Ja auszusprechen . Da war es denn doch , « erzählte Eugenia weiter , » als ob es ihm einfiel , daß sein Benehmen nicht ganz das eines Menschen sey , der sich am Ziele lang ersehnter Wünsche sieht , und daß es deshalb allen Gegenwärtigen als höchst befremdend auffallen müsse . Er nahm sich ordentlich mit einem Ruck zusammen , « sprach sie , » stand plötzlich aufrecht da , und sein Gesicht belebte sich zu einem Ausdruck , den wir , so lange er in Rosenhain war , an ihm vermißt hatten . Ich muß gestehen , es gab einen Augenblick , während welchem er wieder recht schön war , als er mit glänzenden , himmelwärts gewendeten Augen zum Gewölbe der Kirche aufblickte , und dann , nach einer fast unmerklich kleinen Pause , das verhängnißvolle Ja laut und vernehmlich von sich hören ließ . Aber dieß Wörtchen mußte auch wie ein Zauberspruch auf ihn gewirkt haben , denn auf dem Wege aus der Kirche war der steinerne Mann mit einemmal wieder lebendig geworden . So wie wir zu Hause angelangt waren , drückte er zum erstenmal seine Braut an seine Brust , wenigstens sahen wir es zum erstenmal . » Aurelia ! « fing er höchst feierlich , ich glaube gar mit Thränen in den Augen an , und hätte wahrscheinlich ein Supplement zu des Pfarrers Rede geliefert , aber Aurelia machte sich bei Zeiten los , versicherte , todtmüde zu seyn , und eilte in ihr Zimmer . Gleich darauf schickte sie uns ihre Jungfer mit dem Bedeuten , daß sie nicht eher als bei der Tafel sichtbar werden könne , weil sie durchaus vom frühen Aufstehen ruhen müsse , um nicht den ganzen Tag unwohl zu seyn . Ich gestehe es , wir sowohl als der eben aufgethaute Bräutigam blieben bei dieser Erklärung mit recht langen Gesichtern stehen . » Und wie äußerte sich denn der Bräutigam bei dieser Laune seiner Braut ? « fragte jetzt Frau von Willnangen . » Er sagte das klügste , was sich unter solchen Umständen sagen ließ