Genossen : es ist ein sehr schöner , bequemer Wagen . « Und so war sie auch schon den Hügel drunten ; Lucidor folgte sinnend und fand sie auf einer wohlgelegenen Bank sitzend , es war Lucindens Plätzchen . Sie lud ihn zu sich . Julie . Nun sitzen wir hier und gehen einander nichts an , das hat denn doch so sein sollen . Das kleine Quecksilber wollte Ihnen gar nicht anstehen . Nicht lieben konnten Sie ein solches Wesen , verhaßt war es Ihnen . Lucidors Verwunderung nahm zu . Julie . Aber freilich Lucinde ! Sie ist der Inbegriff aller Vollkommenheiten , und die niedliche Schwester war ein für allemal ausgestochen . Ich seh ' es , auf Ihren Lippen schwebt die Frage , wer uns so genau unterrichtet hat ? Lucidor . Es steckt ein Verrat dahinter ! - Julie . Jawohl ! ein Verräter ist im Spiele . Lucidor . Nennen Sie ihn . Julie . Der ist bald entlarvt . Sie selbst ! - Sie haben die löbliche oder unlöbliche Gewohnheit , mit sich selbst zu reden , und da will ich denn in unser aller Namen bekennen , daß wir Sie wechselsweise behorcht haben . Lucidor ( aufspringend ) . Eine saubere Gastfreundschaft , auf diese Weise den Fremden eine Falle zu stellen ! Julie . Keineswegs ; wir dachten nicht daran , Sie zu belauschen , so wenig als irgendeinen andern . Sie wissen , Ihr Bett steht in einem Verschlag der Wand , von der Gegenseite geht ein anderer herein , der gewöhnlich nur zu häuslicher Niederlage dient . Da hatten wir einige Tage vorher unsern Alten genötigt zu schlafen , weil wir für ihn in seiner abgelegenen Einsiedelei viele Sorge trugen ; nun fuhren Sie gleich den ersten Abend mit einem solchen leidenschaftlichen Monolog ins Zeug , dessen Inhalt er uns den andern Morgen angelegentlichst entdeckte . Lucidor hatte nicht Lust , sie zu unterbrechen . Er entfernte sich . Julie ( aufgestanden ihm folgend ) . Wie war uns mit dieser Erklärung gedient ! Denn ich gestehe gern : wenn Sie mir auch nicht gerade zuwider waren , so blieb doch der Zustand , der mich erwartete , mir keineswegs wünschenswert . Frau Oberamtmännin zu sein , welche schreckliche Lage ! Einen tüchtigen , braven Mann zu haben , der den Leuten Recht sprechen soll und vor lauter Recht nicht zur Gerechtigkeit kommen kann ! der es weder nach oben noch unten recht macht und , was das Schlimmste ist , sich selbst nicht . Ich weiß , was meine Mutter ausgestanden hat von der Unbestechlichkeit , Unerschütterlichkeit meines Vaters . Endlich , leider nach ihrem Tod , ging ihm eine gewisse Mildigkeit auf , er schien sich in die Welt zu finden , an ihr sich auszugleichen , die er sich bisher vergeblich bekämpft hatte . Lucidor ( höchst unzufrieden über den Vorfall , ärgerlich über die leichtsinnige Behandlung , stand still ) . Für den Scherz eines Abends mochte das hingehen , aber eine solche beschämende Mystifikation Tage und Nächte lang gegen einen unbefangenen Gast zu verüben , ist nicht verzeihlich . Julie . Wir alle haben uns in die Schuld geteilt , wir haben Sie alle behorcht ; ich aber allein büße die Schuld des Horchens . Lucidor . Alle ! desto unverzeihlicher ! Und wie konnten Sie mich den Tag über ohne Beschämung ansehen , den Sie des Nachts schmählich-unerlaubt überlisteten ? Doch ich sehe jetzt ganz deutlich mit einem Blick , daß Ihre Tagesanstalten nur darauf berechnet waren , mich zum besten zu haben . Eine löbliche Familie ! und wo bleibt die Gerechtigkeitsliebe Ihres Vaters ? - Und Lucinde ! - Julie . Und Lucinde ! - Was war das für ein Ton ! Nicht wahr , Sie wollten sagen : wie tief es Sie schmerzt , von Lucinden übel zu denken , Lucinden mit uns allen in eine Klasse zu werfen ? Lucidor . Lucinden begreif ' ich nicht . Julie . Sie wollen sagen : diese reine , edle Seele , dieses ruhig gefaßte Wesen , die Güte , das Wohlwollen selbst , diese Frau , wie sie sein sollte verbindet sich mit einer leichtsinnigen Gesellschaft , mit einer überhinfahrenden Schwester , einem verzogenen Jungen und gewissen geheimnisvollen Personen ! das ist unbegreiflich . Lucidor . Jawohl ist das unbegreiflich . Julie . So begreifen Sie es denn ! Lucinden wie uns allen waren die Hände gebunden . Hätten Sie die Verlegenheit bemerken können , wie sie sich kaum zurückhielt , Ihnen alles zu offenbaren , Sie würden sie doppelt und dreifach lieben , wenn nicht jede wahre Liebe an und für sich zehn- und hundertfach wäre ; auch versichere ich Sie , uns allen ist der Spaß am Ende zu lang geworden . Lucidor . Warum endigten Sie ihn nicht ? Julie . Das ist nun auch aufzuklären . Nachdem Ihr erster Monolog dem Vater bekannt geworden und er gar bald bemerken konnte , daß alle seine Kinder nichts gegen einen solchen Tausch einzuwenden hätten , so entschloß er sich , alsobald zu Ihrem Vater zu reisen . Die Wichtigkeit des Geschäfts war ihm bedenklich . Ein Vater allein fühlt den Respekt , den man einem Vater schuldig ist . - » Er muß es zuerst wissen « , sagte der meine , » um nicht etwan hinterdrein , wenn wir einig sind , eine ärgerlich-erzwungene Zustimmung zu geben . Ich kenne ihn genau , ich weiß , wie er einen Gedanken , eine Neigung , einen Vorsatz festhält , und es ist mir bange genug . Er hat sich Julien , seine Karten und Prospekte so zusammen gedacht , daß er sich schon vornahm , das alles zuletzt hierher zu stiften , wenn der Tag käme , wo das junge Paar sich hier niederließe und Ort und Stelle so leicht nicht verändern könnte : da wollt ' er alle Ferien uns zuwenden , und was er für Liebes und Gutes im Sinne hatte . Er muß zuerst erfahren , was die Natur uns für einen Streich gespielt , da noch nichts eigentlich erklärt , noch nichts entschieden ist . « Hierauf nahm er uns allen den feierlichsten Handschlag ab , daß wir Sie beobachten und , es geschehe , was da wolle , Sie hinhalten sollten . Wie sich die Rückreise verzögert , wie es Kunst , Mühe und Beharrlichkeit gekostet , Ihres Vaters Einwilligung zu erlangen , das mögen Sie von ihm selbst hören . Genug , die Sache ist abgetan , Lucinde ist Ihnen gegönnt . - Und so waren beide , vom ersten Sitze lebhaft sich entfernend , unterwegs anhaltend , immer fortsprechend und langsam weitergehend , über die Wiesen hin auf die Erhöhung gekommen an einen andern wohlgebahnten Kunstweg . Der Wagen fuhr schnell heran ; augenblicks machte sie ihren Nachbar aufmerksam auf ein seltsames Schauspiel . Die ganze Maschinerie , worauf sich der Bruder so viel zugute tat , war belebt und bewegt ; schon führten die Räder eine Menschenzahl auf und nieder , schon wogten die Schaukeln , Mastbäume wurden erklettert , und was man nicht alles für kühnen Schwung und Sprung über den Häuptern einer unzählbaren Menge gewagt sah ! Alles das hatte der Junker in Bewegung gesetzt , damit nach Tafel die Gäste fröhlich unterhalten würden . » Du fährst noch durchs untere Dorf « , rief Julie , » die Leute wollen mir wohl , und sie sollen sehen , wie wohl es mir geht . « Das Dorf war öde , die Jüngern sämtlich hatten schon den Lustplatz ereilt , alte Männer und Frauen zeigten sich , durch das Posthorn erregt , an Tür und Fenstern , alles grüßte , segnete , rief : » O das schöne Paar ! « Julie . Nun , da haben Sie ' s ! Wir hätten am Ende doch wohl zusammengepaßt ; es kann Sie noch reuen . Lucidor . Jetzt aber , liebe Schwägerin ! - Julie . Nicht wahr , jetzt » lieb « , da Sie mich los sind . Lucidor . Nur ein Wort ! Auf Ihnen lastet eine schwere Verantwortlichkeit ; was sollte der Händedruck , da Sie meine überschreckliche Stellung kannten und fühlen mußten ? So gründlich Boshaftes ist mir in der Welt noch nichts vorgekommen . Julie . Danken Sie Gott , nun wär ' s abgebüßt , alles ist verziehen . Ich wollte Sie nicht , das ist wahr , aber daß Sie mich ganz und gar nicht wollten , das verzeiht kein Mädchen , und dieser Händedruck war , merken Sie sich ' s ! für den Schalk . Ich gestehe , es war schalkischer als billig , und ich verzeihe mir nur , indem ich Ihnen vergebe , und so sei denn alles vergeben und vergessen ! Hier meine Hand . Er schlug ein , sie rief : » Da sind wir schon wieder ! in unserm Park schon wieder , und so geht ' s bald um die weite Welt und auch wohl zurück ; wir treffen uns wieder . « Sie waren vor dem Gartensaal schon angelangt , er schien leer ; die Gesellschaft hatte sich , im Unbehagen , die Tafelzeit überlang verschoben zu sehen , zum Spazieren bewegt . Antoni aber und Lucinde traten hervor . Julie warf sich aus dem Wagen ihrem Freund entgegen , sie dankte in einer herzlichen Umarmung und enthielt sich nicht der freudigsten Tränen . Des edlen Mannes Wange rötete sich , seine Züge traten entfaltet hervor , sein Auge blickte feucht , und ein schöner , bedeutender Jüngling erschien aus der Hülle . Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft , mit Gefühlen , die der schönste Traum nicht zu geben vermöchte . Zehntes Kapitel Vater und Sohn waren , von einem Reitknecht begleitet , durch eine angenehme Gegend gekommen , als dieser , im Angesicht einer hohen Mauer , die einen weiten Bezirk zu umschließen schien , stillehaltend , bedeutete , sie möchten nun zu Fuße sich dem großen Tore nähern , weil kein Pferd in diesen Kreis eingelassen würde . Sie zogen die Glocke , das Tor eröffnete sich , ohne daß eine Menschengestalt sichtbar geworden wäre , und sie gingen auf ein altes Gebäude los das zwischen uralten Stämmen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte . Wunderbar war es anzusehen , denn so alt es der Form nach schien , so war es doch , als wenn Maurer und Steinmetzen soeben erst abgegangen wären , dergestalt neu , vollständig und nett erschienen die Fugen wie die ausgearbeiteten Verzierungen . Der metallne , schwere Ring an einer wohlgeschnitzten Pforte lud sie ein zu klopfen , welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete ; auch diese Tür sprang auf , und sie fanden zunächst auf der Hausflur ein Frauenzimmer sitzen von mittlerem Alter , am Stickrahmen mit einer wohlgezeichneten Arbeit beschäftigt . Diese begrüßte sogleich die Ankommenden als schon gemeldet und begann ein heiteres Lied zu singen , worauf sogleich aus einer benachbarten Türe ein Frauenzimmer heraustrat , das man für die Beschließerin und tätige Haushälterin , nach den Anhängseln ihres Gürtels , ohne weiteres zu erkennen hatte . Auch diese freundlich grüßend führte die Fremden eine Treppe hinauf und eröffnete ihnen einen Saal , der sie ernsthaft ansprach , weit , hoch , ringsum getäfelt , oben drüber eine Reihenfolge historischer Schilderungen . Zwei Personen traten ihnen entgegen , ein jüngeres Frauenzimmer und ein ältlicher Mann . Jene hieß den Gast sogleich freimütig willkommen . » Sie sind « , sagte sie , » als einer der Unsern angemeldet . Wie soll ich Ihnen aber kurz und gut den Gegenwärtigen vorstellen ? Er ist unser Hausfreund im schönsten und weitesten Sinne , bei Tage der belehrende Gesellschafter , bei Nacht Astronom , und Arzt zu jeder Stunde . « » Und ich « , versetzte dieser freundlich , » empfehle Ihnen dieses Frauenzimmer als die bei Tage unermüdet Geschäftige , bei Nacht , wenn ' s not tut , gleich bei der Hand , und immerfort die heiterste Lebensbegleiterin . « Angela , so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende Schöne , verkündigte sodann die Ankunft Makariens ; ein grüner Vorhang zog sich auf , und eine ältliche wunderwürdige Dame ward auf einem Lehnsessel von zwei jungen , hübschen Mädchen hereingeschoben , wie von zwei andern ein runder Tisch mit erwünschtem Frühstück . In einem Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen Bänke waren Kissen gelegt , darauf setzten sich die obigen dreie , Makarie in ihrem Sessel gegen ihnen über . Felix verzehrte sein Frühstück stehend , im Saal umherwandelnd und die ritterlichen Bilder über dem Getäfel neugierig betrachtend . Makarie sprach zu Wilhelm als einem Vertrauten , sie schien sich in geistreicher Schilderung ihrer Verwandten zu erfreuen ; es war , als wenn sie die innere Natur eines jeden durch die ihn umgebende individuelle Maske durchschaute . Die Personen , welche Wilhelm kannte , standen wie verklärt vor seiner Seele , das einsichtige Wohlwollen der unschätzbaren Frau hatte die Schale losgelöst und den gesunden Kern veredelt und belebt . Nachdem nun diese angenehmen Gegenstände durch die freundlichste Behandlung erschöpft waren , sprach sie zu dem würdigen Gesellschafter : » Sie werden von der Gegenwart dieses neuen Freundes nicht wiederum Anlaß zu einer Entschuldigung finden und die versprochene Unterhaltung abermals verspäten ; er scheint von der Art , wohl auch daran teilzunehmen . « Jener aber versetzte darauf : » Sie wissen , welche Schwierigkeit es ist , sich über diese Gegenstände zu erklären , denn es ist von nichts wenigerem als von dem Mißbrauch fürtrefflicher und weit auslangender Mittel die Rede . « » Ich geb ' es zu « , versetzte Makarie , » denn man kommt in doppelte Verlegenheit . Spricht man von Mißbrauch , so scheint man die Würde des Mittels selbst anzutasten , denn es liegt ja immer noch in dem Mißbrauch verborgen ; spricht man von Mittel , so kann man kaum zugeben , daß seine Gründlichkeit und Würde irgendeinen Mißbrauch zulasse . Indessen , da wir unter uns sind , nichts festsetzen , nichts nach außen wirken , sondern nur uns aufklären wollen , so kann das Gespräch immer vorwärtsgehen . « » Doch müßten wir « , versetzte der bedächtige Mann , » vorher anfragen , ob unser neuer Freund auch Lust habe , an einer gewissermaßen abstrusen Materie teilzunehmen , und ob er nicht vorzöge , in seinem Zimmer einer nötigen Ruhe zu pflegen . Sollte wohl unsere Angelegenheit , außer dem Zusammenhange , ohne Kenntnis , wie wir darauf gelangt , von ihm gern und günstig aufgenommen werden ? « » Wenn ich das , was Sie gesagt haben , mir durch etwas Analoges erklären möchte , so scheint es ungefähr der Fall zu sein , wenn man die Heuchelei angreift und eines Angriffs auf die Religion beschuldigt werden kann . « » Wir können die Analogie gelten lassen « , versetzte der Hausfreund , » denn es ist auch hier von einem Komplex mehrerer bedeutender Menschen , von einer hohen Wissenschaft , von einer wichtigen Kunst und , daß ich kurz sei , von der Mathematik die Rede . « » Ich habe « , versetzte Wilhelm , » wenn ich auch über die fremdesten Gegenstände sprechen hörte , mir immer etwas daraus nehmen können : denn alles , was den einen Menschen interessiert , wird auch in dem andern einen Anklang finden . « » Vorausgesetzt « , sagte jener , » daß er sich eine gewisse Freiheit des Geistes erworben habe ; und da wir Ihnen dies zutrauen , so will ich von meiner Seite wenigstens Ihrem Verharren nichts entgegenstellen . « » Was aber fangen wir mit Felix an ? « fragte Makarie , » welcher , wie ich sehe , mit der Betrachtung jener Bilder schon fertig ist und einige Ungeduld merken läßt . « » Vergönnt mir , diesem Frauenzimmer etwas ins Ohr zu sagen « , versetzte Felix , raunte Angela etwas stille zu , die sich mit ihm entfernte , bald aber lächelnd zurückkam , da denn der Hausfreund folgendermaßen zu reden anfing . » In solchen Fällen , wo man irgend eine Mißbilligung , einen Tadel , auch nur ein Bedenken aussprechen soll , nehme ich nicht gern die Initiative ; ich suche mir eine Autorität , bei welcher ich mich beruhigen kann , indem ich finde , daß mir ein anderer zur Seite steht . Loben tu ' ich ohne Bedenken , denn warum soll ich verschweigen , wenn mir etwas zusagt ? sollte es auch meine Beschränktheit ausdrücken , so hab ' ich mich deren nicht zu schämen ; tadle ich aber , so kann mir begegnen , daß ich etwas Fürtreffliches abweise , und dadurch zieh ' ich mir die Mißbilligung anderer zu , die es besser verstehen ; ich muß mich zurücknehmen , wenn ich aufgeklärt werde . Deswegen bring ' ich hier einiges Geschriebene , sogar Übersetzungen mit : denn ich traue in solchen Dingen meiner Nation so wenig als mir selbst ; eine Zustimmung aus der Ferne und Fremde scheint mir mehr Sicherheit zu geben . « Er fing nunmehr nach erhaltener Erlaubnis folgendermaßen zu lesen an . - Wenn wir aber uns bewogen finden , diesen werten Mann nicht lesen zu lassen , so werden es unsere Gönner wahrscheinlich geneigt aufnehmen , denn was oben gegen das Verweilen Wilhelms bei dieser Unterhaltung gesagt worden , gilt noch mehr in dem Falle , in welchem wir uns befinden . Unsere Freunde haben einen Roman in die Hand genommen , und wenn dieser hie und da schon mehr als billig didaktisch geworden , so finden wir doch geraten , die Geduld unserer Wohlwollenden nicht noch weiter auf die Probe zu stellen . Die Papiere , die uns vorliegen , gedenken wir an einem andern Orte abdrucken zu lassen und fahren diesmal im Geschichtlichen ohne weiteres fort , da wir selbst ungeduldig sind , das obwaltende Rätsel endlich aufgeklärt zu sehen . Enthalten können wir uns aber doch nicht , ferner einiges zu erwähnen , was noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur Sprache kam . Wilhelm , nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehört , äußerte ganz unbewunden : » Hier vernehme ich von großen Naturgaben , Fähigkeiten und Fertigkeiten , und doch zuletzt , bei ihrer Anwendung , manches Bedenken . Sollte ich mich darüber ins Kurze fassen , so würde ich ausrufen : Große Gedanken und ein reines Herz , das ist ' s , was wir uns von Gott erbitten sollten ! « Diesen verständigen Worten Beifall gebend , löste die Versammlung sich auf ; der Astronom aber versprach , Wilhelmen in dieser herrlichen , klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen . Nach einigen Stunden ließ der Astronom seinen Gast die Treppen zur Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die völlig freie Fläche eines runden , hohen Turmes heraustreten . Die heiterste Nacht , von allen Sternen leuchtend und funkelnd , umgab den Schauenden , welcher zum erstenmale das hohe Himmelsgewölbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte . Denn im gemeinen Leben , abgerechnet die ungünstige Witterung , die uns so oft den Glanzraum des Äthers verbirgt , hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel , auswärts bald Wälder und Felsen , am meisten aber überall die inneren Beunruhigungen des Gemüts , die , uns alle Umwelt mehr als Nebel und Mißwetter zu verdüstern , sich hin und her bewegen . Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu . Das Ungeheure hört auf , erhaben zu sein , es überreicht unsre Fassungskraft , es droht , uns zu vernichten . » Was bin ich denn gegen das All ? « sprach er zu seinem Geiste ; » wie kann ich ihm gegenüber , wie kann ich in seiner Mitte stehen ? « Nach einem kurzen Überdenken jedoch fuhr er fort : » Das Resultat unsres heutigen Abends löst ja auch das Rätsel des gegenwärtigen Augenblicks . Wie kann sich der Mensch gegen das Unendliche stellen , als wenn er alle geistigen Kräfte , die nach vielen Seiten hingezogen werden , in seinem Innersten , Tiefsten versammelt , wenn er sich fragt : Darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken , sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes , um einen reinen Mittelpunkt kreisend , hervortut ? Und selbst wenn es dir schwer würde , diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden , so würdest du ihn daran erkennen , daß eine wohlwollende , wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt . Wer soll , wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken , ohne gewissermaßen irre zu werden , da er meistens finden wird , daß sein Wollen richtig , sein Tun falsch , sein Begehren tadelhaft und sein Erlangen dennoch erwünscht gewesen ? Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen , und haben sie dich nicht jederzeit anders gefunden ? sie aber sind immer dieselbigen und sagen immer dasselbige : Wir bezeichnen , wiederholen sie : durch unsern gesetzmäßigen Gang Tag und Stunde ; frage dich auch , wie verhältst du dich zu Tag und Stunde ? - Und so kann ich denn diesmal antworten : Des gegenwärtigen Verhältnisses hab ' ich mich nicht zu schämen , meine Absicht ist , einen edlen Familienkreis in allen seinen Gliedern erwünscht verbunden herzustellen ; der Weg ist bezeichnet . Ich soll erforschen , was edle Seelen auseinanderhält , soll Hindernisse wegräumen , von welcher Art sie auch seien . Dies darfst du vor diesen himmlischen Heerscharen bekennen ; achteten sie deiner , sie würden zwar über deine Beschränktheit lächeln , aber sie ehrten gewiß deinen Vorsatz und begünstigten dessen Erfüllung . « Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich , umherzusehen , da fiel ihm Jupiter in die Augen , das Glücksgestirn , so herrlich leuchtend als je ; er nahm das Omen als günstig auf und verharrte freudig in diesem Anschauen eine Zeitlang . Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und ließ ihn eben dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender Größe , begleitet von seinen Monden , als ein himmlisches Wunder anschauen . Als unser Freund lange darin versunken geblieben , wendete er sich um und sprach zu dem Sternfreunde : » Ich weiß nicht , ob ich Ihnen danken soll , daß Sie mir dieses Gestirn so über alles Maß näher gerückt . Als ich es vorhin sah , stand es im Verhältnis zu dem übrigen Unzähligen des Himmels und zu mir selbst ; jetzt aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor , und ich weiß nicht , ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte . Sie werden mich einengen , mich beängstigen . « So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter , und es kam bei dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache . Auf einiges Erwidern des Kunstverständigen versetzte Wilhelm : » Ich begreife recht gut , daß es euch Himmelskundigen die größte Freude gewähren muß , das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen , wie ich hier den Planeten sah und sehe . Aber erlauben Sie mir , es auszusprechen : ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden , daß diese Mittel , wodurch wir unsern Sinnen zu Hülfe kommen , keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen ausüben . Wer durch Brillen sieht , hält sich für klüger , als er ist , denn sein äußerer Sinn wird dadurch mit seiner innern Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt ; es gehört eine höhere Kultur dazu , deren nur vorzügliche Menschen fähig sind , ihr Inneres , Wahres mit diesem von außen herangerückten Falschen einigermaßen auszugleichen . Sooft ich durch eine Brille sehe , bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht ; ich sehe mehr , als ich sehen sollte , die schärfer gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern , und ich lege die Gläser geschwind wieder weg , wenn meine Neugierde , wie dieses oder jenes in der Ferne beschaffen sein möchte , befriedigt ist . « Auf einige scherzhafte Bemerkungen des Astronomen fuhr Wilhelm fort : » Wir werden diese Gläser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus der Welt bannen , aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig , zu erforschen und zu wissen , woher sich manches in die Menschheit eingeschlichen hat , worüber man sich beklagt . So bin ich z.B. überzeugt , daß die Gewohnheit , Annäherungsbrillen zu tragen , an dem Dünkel unserer jungen Leute hauptsächlich schuld hat . « Unter diesen Gesprächen war die Nacht weit vorgerückt , worauf der im Wachen bewährte Mann seinem jungen Freunde den Vorschlag tat , sich auf dem Feldbette niederzulegen und einige Zeit zu schlafen , um alsdann mit frischerem Blick die dem Aufgang der Sonne voreilende Venus , welche eben heute in ihrem vollendeten Glanze zu erscheinen verspräche , zu schauen und zu begrüßen . Wilhelm , der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter erhalten hatte , fühlte auf diese Anmutung des wohlwollenden , vorsorglichen Mannes sich wirklich erschöpft , er legte sich nieder und war augenblicklich in den tiefsten Schlaf gesunken . Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum Fenster ; dort staunte , starrte er einen Augenblick dann rief er enthusiastisch : » Welche Herrlichkeit ! welch ein Wunder ! « Andere Worte des Entzückens folgten , aber ihm blieb der Anblick immer ein Wunder , ein großes Wunder . » Daß Ihnen dieses liebenswürdige Gestirn , das heute in Fülle und Herrlichkeit wie selten erscheint , überraschend entgegentreten würde , konnt ' ich voraussehen , aber das darf ich wohl aussprechen , ohne kalt gescholten zu werden : kein Wunder seh ' ich , durchaus kein Wunder ! « » Wie könnten Sie auch ? « versetzte Wilhelm , » da ich es mitbringe , da ich es in mir trage , da ich nicht weiß , wie mir geschieht . Lassen Sie mich noch immer stumm und staunend hinblicken , sodann vernehmen Sie ! « Nach einer Pause fuhr er fort : » Ich lag sanft , aber tief eingeschlafen , da fand ich mich in den gestrigen Saal versetzt , aber allein . Der grüne Vorhang ging auf , Makariens Sessel bewegte sich hervor , von selbst wie ein belebtes Wesen ; er glänzte golden , ihre Kleider schienen priesterlich , ihr Anblick leuchtete sanft , ich war im Begriff , mich niederzuwerfen . Wolken entwickelten sich um ihre Füße , steigend hoben sie flügelartig die heilige Gestalt empor , an der Stelle ihres herrlichen Angesichtes sah ich zuletzt , zwischen sich teilendem Gewölk , einen Stern blinken , der immer aufwärts getragen wurde und durch das eröffnete Deckengewölb sich mit dem ganzen Sternhimmel vereinigte , der sich immer zu verbreiten und alles zu umschließen schien . In dem Augenblick wecken Sie mich auf ; schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster , den Stern noch lebhaft in meinem Auge , und wie ich nun hinblicke - der Morgenstern , von gleicher Schönheit , obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender Herrlichkeit , wirklich vor mir ! Dieser wirkliche , da droben schwebende Stern setzt sich an die Stelle des geträumten , er zehrt auf , was an dem erscheinenden Herrliches war , aber ich schaue doch fort und fort , und Sie schauen ja mit mir , was eigentlich vor meinen Augen zugleich mit dem Nebel des Schlafes hätte verschwinden sollen . « Der Astronom rief aus : » Wunder , ja Wunder ! Sie wissen selbst nicht , welche wundersame Rede Sie führten . Möge uns nur dies nicht auf den Abschied der Herrlichen hindeuten , welcher früher oder später eine solche Apotheose beschieden ist . « Den andern Morgen eilte Wilhelm , um seinen Felix aufzusuchen , der sich früh ganz in der Stille weggeschlichen hatte , nach dem Garten , den er zu seiner Verwunderung durch eine Anzahl Mädchen bearbeitet sah ; alle , wo nicht schön , doch keine häßlich , keine , die das zwanzigste Jahr erreicht zu haben schien . Sie waren verschiedentlich gekleidet , als verschiedenen Ortschaften angehörig , tätig , heiter grüßend und fortarbeitend . Ihm begegnete Angela , welche die Arbeit anzuordnen und zu beurteilen auf und ab ging ; ihr ließ der Gast seine Verwunderung über eine so hübsche , lebenstätige Kolonie vermerken . » Diese « , versetzte sie , » stirbt nicht aus , ändert sich , aber bleibt immer dieselbe . Denn mit dem zwanzigsten Jahr treten diese , so wie die sämtlichen Bewohnerinnen unserer Stiftung , ins tätige Leben , meistens in den Ehestand . Alle jungen Männer der Nachbarschaft , die sich eine wackere Gattin wünschen , sind aufmerksam auf dasjenige , was sich bei uns entwickelt . Auch sind unsre Zöglinge hier nicht etwan eingesperrt , sie haben sich schon auf manchem Jahrmarkte umgesehen , sind gesehen worden , gewünscht und verlobt ; und so warten denn mehrere Familien schon aufmerksam , wenn bei uns wieder Platz wird , um die Ihrigen einzuführen . « Nachdem diese Angelegenheit besprochen war , konnte der Gast seiner neuen Freundin den Wunsch nicht bergen , das gestern abend Vorgelesene nochmals durchzusehen . » Den Hauptsinn der Unterhaltung habe ich gefaßt « , sagte er ; » nun möcht ' ich aber auch das einzelne wovon die Rede war , näher kennen lernen . « » Diesen Wunsch « , versetzte jene , » zu befriedigen , finde ich mich glücklicherweise sogleich in dem Falle ; das Verhältnis , das Ihnen so schnell zu unserm Innersten gegeben ward , berechtigt mich , Ihnen zu sagen , daß jene Papiere schon in meinen Händen und von mir nebst andern Blättern sorgfältig aufgehoben werden . Meine Herrin « ,