mir ja der Güter höchstes , das Leben , und mein frischer Mut gerettet ; denn glaube nicht , daß ich um die versunkenen Schätze trauern würde . Der Inhalt meines Kästchens ist nicht die Basis meiner Sicherheit , mein eigner Inhalt ist es . Vier Sprachen , Musik und andre Früchte einer sorgfältigen Bildung sichern mir ein bequemes Fortkommen in der vornehmen Welt , in der bürgerlichen manche Geschicklichkeit , welche außer Europa noch neu sein dürfte , als die italienische Strohflechterei , die Perlweberei usw. Und für die ländlichen Verhältnisse habe ich in den letzten Jahren soviel Kenntnisse und Fertigkeiten erworben , um überall , wo nicht belehrend , doch nützlich zu sein . Mehr als dies sichert mich meine Ansicht von dem Leben und seinen Verhältnissen . Für mich gibt es keinen Standesunterschied , und ich kann auf jedem Platze zufrieden leben , wo ich nur im Inneren ich selber bleiben darf . Da sind wir nun bis nahe an das Ziel unsrer Reise gelangt . Die Küste der Neuen Welt liegt schon in blauer Ferne vor uns . Ein dünner Nebelschleier ist darübergebreitet , es ist der Schleier meiner Zukunft . Mit hochklopfendem Herzen blicke ich dahin , was birgt er mir ? Zu fürchten habe ich nichts , denn ich stehe allein . Wer nichts zu verlieren hat , kann nur gewinnen in dem ewigen Wechselspiele des Lebens . Aber was ist zu gewinnen , wenn man nichts zu wünschen weiß ? Ellison steht neben mir auf dem Verdeck und betrachtet mich mit glühenden Blicken , doch mein Auge wechselt ruhig zwischen dem Anblick der blauen Berge und der raschen Strömung des Delaware , an dessen Mündung wir Anker geworfen haben . Ein Teil unsrer Reisegesellschaft wird uns hier verlassen , wir aber steuern längs den Küsten hin , um in die Bai zu gelangen , welche hinauf nach Philadelphia führt . Von dort her schreibe ich Dir wieder . Für jetzt lebe wohl . Jetzt will ich , ohne Unterbrechung und Störung , die neuen Eindrücke in mir aufnehmen , welche mich umringen und erwarten . Psyche landet an Acheron ; wird sie die Lethe finden ? Gewiß ! Und alles will sie hineintauchen in die dunklen Wellen , nur nicht die Bilder ihrer Lieben und nicht Dein Bild , meine traute Adele . Bewahre Du das meinige , und versuche , mir zu schreiben , lebe wohl ! Lebe glücklich ! Lebt alle wohl ! Und Du , mein Frankreich , sei glücklich ! Tausend , tausend Lebewohl von Deiner Virginia . Zweiter Teil Virginia an Adele Philadelphia , im Dezember 1814 Sei gegrüßt , tausendmal gegrüßt aus der Neuen Welt , meine Adele ! Es ist ein eigenes Gefühl , mit den Einwohnern eines andern Weltteils zu reden , und es fällt mir auf Augenblicke ordentlich schwer aufs Herz , daß ich nun bei keiner Lebensverrichtung mehr denken kann , jetzt tut vielleicht Adele dasselbe . Wenn ich von Gegenstand zu Gegenstand , betrachtend , irre und dabei Deiner gedenke , so schläfst Du , und mein Bild begegnet Dir nur in Deinen Träumen . Wenn mir die Sonne strahlend aus dem Meere aufgeht und mich mit neuer Lebenslust durchströmt , rufe ich Dir sanften Schlummer zu , und wenn sie sinkt hinter die fernen blauen Gebirge , bringe ich ihr meinen Morgengruß für Dich . Oh , wie ist alles um uns her so verschieden ! und doch , denke ich , bleiben wir einig und unveränderlich . Göttliche Abkunft der Geister ! sie sind unabhängig von Raum und Zeit . Der Anblick meines neuen Vaterlandes ist mir gar fremd und wundersam gewesen . Die Küsten Europas sind meist unbewachsen und bieten fast überall einen offenen Landstrich dar ; hier ziehen sich die dunkeln Urwälder noch häufig bis an das Meer hin , die Küsten sind bewachsen , buschig , der Eindruck romantisch , aber ernst . Die Ufer des Delaware sind mit Städten und Ansiedelungen geschmückt , und überall herrscht Fleiß und Tätigkeit , doch vermißte ich jene Lebendigkeit sehr , welche mich an meiner heimischen Küste ergetzte . Philadelphia ist groß und schön , und die Regelmäßigkeit seiner Anlagen spricht sogleich deutlich den Geist der Ordnung und Gesetzlichkeit aus , welcher hier herrscht . Ellison hat mich in seine Familie eingeführt , in welcher ich mit patriarchalischem Wohlwollen empfangen wurde . Da ich meinen Aufenthalt wenigstens auf längere Zeit hier zu nehmen gedenke , so will ich Dich mit den Personen bekannt machen , mit welchen ich lebe . Ellison , der Vater , ist ein kleiner hagerer Mann mit klugen Augen , ein tätiger Kaufmann , und meist nur auf dem Comptoir einheimisch . In Geschäften mag er gern den Charakter als Quäker behaupten , ob er gleich sich sonst , in Kleidung und Sitte , nicht an ihre strengen Regeln hält und nur höchst selten ihre Versammlungen besucht . Seine Frau ist eine wohlbeleibte lebendige Matrone , welche die herrlichsten weiblichen Eigenschaften einzig durch eine zu starke Beimischung von Pedanterie verdunkelt . Sie ist wirtschaftlich , aber ein zuviel verbrannter Schwefelfaden entflammt ihren heftigsten Zorn , ein zu kurz geputztes Licht , ein nicht ganz gerade gezogenes Rouleau veranlassen ihre Ordnungsliebe zu den längsten Strafpredigten . Ihre Wäsche ist , nach löblicher Sitte , numeriert ; aber sie würde lieber nackt gehn als zu einer Schlafhaube Nr. 15 ein Hemde Nr. 14 anziehen oder Nr. 4 auf Nr. 2 folgen lassen . Neulich brach über ihre Tochter ein gewaltiges Ungewitter los , weil es sich entdeckte , daß sie in ihrer Tasche Nr. 9 ein Schnupftuch Nr. 10 trug . Sogleich wurde eine Revision ihrer Wäsche verhängt , es fand sich nun , daß auch die Strümpfe mit Nr. 10 bezeichnet waren , Sturm und starker Unwille brachen aus . Die arme Verbrecherin verteidigte sich vergebens damit , daß sie unversehens in eine Pfütze getreten und dabei vor Schreck ihr Tuch habe fallen lassen . Sie hätte sogleich auch das erst vor zwei Stunden angezogene Hemde wechseln und Tasche , Halstuch , Schlafhaube usw. ungebraucht in die Wäsche liefern sollen . Bei Gelegenheit des Beschmutzens erfolgte eine neue Predigt über die geziemende Ehrbarkeit , da es nicht wohl denkbar sei , daß , wenn man den Blick immer fest auf den Boden hefte , man eine Pfütze übersehen sollte . Das gute Mädchen , die einzige Tochter des Hauses , leidet vorzüglich von der Pedanterie ihrer Mutter . Es ist ein liebes , frohes Geschöpf von Deinem Alter , eine bildschöne Blonde namens Philippine . Sie freut sich am meisten über meine Anwesenheit , welche ihr manche Erleichterung verschafft . Ellison , der Sohn , hat mich ihr auf das angelegentlichste empfohlen ; sie liebt ihren Bruder über alles , und er verdient es in der Tat . Wenn ich ihn in diesen Umgebungen betrachte , so stellt er sich als eine schöne fremde Erscheinung dar , und man bemerkt nur an der Liebe , womit ihn alle umfassen und womit er allen begegnet , daß er Sohn des Hauses ist . Die ganze Familie macht die Bemerkung , daß er diesmal heiterer als jemals von seiner Reise heimgekehrt sei , und man scheint sich dabei , fast mit einer Art von Dankbarkeit , gegen mich zu neigen , was mich etwas verlegen macht . Seit einigen Tagen hat sich die Szene um etwas verändert und macht eine eigene Wirkung auf mich . Ich fand es , nachdem ich gehörig Bescheid zu wissen glaubte , für gut , eines Morgens mich mit dem Inhalte des bewußten Kästchens zu Vater Ellison auf das Comptoir zu begeben , um solchen bei seiner Ehrlichkeit und Industrie unterzubringen . Er war überrascht und nahm mich recht wohlbehaglich auf . Eine volle Stunde unterhielt er mich von den verschiedenen Fonds , in welchen die Gelder , mit ansehnlichem Vorteil , arbeiten könnten . Ich bat ihn , die Angelegenheit zwischen uns beruhen zu lassen , glaube aber schwerlich , daß er imstande gewesen ist , sein Wort pünktlich zu erfüllen . Seitdem ist sein gastfreundlicher Ton viel rücksichtlicher geworden . Sein anfängliches Ansehn von Wohlwollen ist in eine Art von Ehrerbietigkeit übergegangen , welches jedem bemerklich werden muß . Mutter Ellison überhäuft mich mit Liebkosungen und ist gegen ihre Gewohnheit sinnreich , mir Zerstreuungen zu verschaffen . Sie veranlaßt kleine Spazierfahrten mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und fordert die letztere täglich auf , hier und dorthin mit mir zu gehen , um mir dies und das zu zeigen . Philippine macht mit Entzücken von dieser neuen Freiheit Gebrauch und liebt mich aufrichtig , als die Schöpferin ihrer Freuden . Nur William Ellison ist nicht so heiter als bisher ; eine trübe Wolke lagert auf seiner Stirn , und ein fremdes Etwas scheint zwischen uns getreten zu sein . Gestern , als wir am Ufer des Delaware spazierenfuhren , blickte er lange schweigend dem Flusse entgegen . » So nachdenkend , William ? « sagte ich und legte die Hand auf seinen Arm . Er fuhr aus seinen Träumen auf , preßte meine Hand und sagte wie erst halb erwacht : » Wäre unser Washington dort untergegangen ! « - » Schön « , rief Philippine lachend , » dann könnten wir uns heute nicht der lieblichen Winterlandschaft erfreuen . « - » Doch « , sagte er nach seiner lakonischen Weise , » Virginia ist leicht , ich schwimme gut . « Wir ließen das Gespräch fallen . Guter William ! daß Virginia mehr gerettet als das nackte Leben , das scheint dir ein Hindernis deiner Wünsche ? Oh , wäre nichts als das , zartsinniger Mann , ich würde es freudig in den Fluß werfen und mich in deinen Arm . Aber es türmt sich eine andere Scheidewand zwischen uns auf , welche du nicht siehst , nicht ahndest , die ich selber hinwegschieben möchte , die aber nur stärker wird , sooft ich Hand daran legen will . Sieh , William ist so lieb und gut , ich achte ihn hoch , ich habe ihn so gern , ich kann mir stundenlang denken , wie glücklich eine Gattin mit ihm leben wird ; aber wenn mir dann einfällt , daß ich diese Gattin sein könnte , dann versinkt plötzlich , wie durch einen Zauberschlag , das ganze Gemälde , und Mucius ' Bild erscheint auf derselben Stelle und droht mir mit wehmütigem Lächeln . Ja , Mucius , ich bin dein ! du hast recht ! » Für die Ewigkeit ! « , so sprachen wir . Guter William , ich kann nimmer die Deine sein . Wenn ich meine ersten Schwüre bräche , welche Bürgschaft hättest du für die zweiten ? Das Leben hier sagt mir recht wohl zu , nur für die Länge mag es in der Stadt ein wenig langweilig werden . Die Gesellschaft der Freunde , woraus der größere Teil der Einwohner besteht , sind sehr brave , rechtliche Menschen , nur etwas zu pedantisch in ihren Sitten . Ich stimme den meisten ihrer Grundsätze und Einrichtungen mit inniger Überzeugung bei , kann aber durchaus nicht begreifen , warum der Geist der Fröhlichkeit damit unvereinbar sein sollte . Kann es dem höchsten Wesen wohlgefällig sein , auf lauter ernste oder traurige Gesichter zu blicken , und können Tanz und Spiel der wahren Tugend zuwider sein ? Daß doch des Menschen Wahn immer auf Übertreibungen fällt , er in seinem geistigen Stolze nicht auf die Winke seiner Lehrerin , der Natur , achtet ! Das höchste Glück , welches ich hier finde , ist die völlige Freiheit der Meinungen . Niemals hört man weder einen religiösen noch politischen Streit ; ein jeder sagt ohne Rückhalt sein Urteil und hört ruhig ein entgegengesetztes an . » Es ist möglich , daß du recht hast « , sagt der eine , » mir scheint es jedoch so , aber ich kann irren « ; der andre äußert sich ebenso , und kein Tropfen Wermut fällt in den Becher der Freundschaft . Diese Mäßigung ist um so bewundernswürdiger im gegenwärtigen Augenblick , wo der Krieg und die daraus entsprungenen Unglücksfälle die Gemüter mehr als gewöhnlich spannen . Nur unter diesem ruhigen Volke konnte die Freiheit ihren Sitz aufschlagen , ohne daß ihr Weg mit Blut bezeichnet wurde . Mir ist , als ob ich hier ausruhte von all dem Weh , welches mein armes Herz in den letzten Jahren unaufhörlich bestürmt hat , als ob ich nach langer Pilgerschaft Quarantäne hielte . Diese ist freilich nicht sehr ergetzlich , aber sie sichert die Gesundheit , und deshalb sei sie meinem Geiste willkommen . Zwar schüttelt er oft ungeduldig die Schwingen und will mich hinziehen und -tragen zu jener erhabenen Bundesstadt , wo sich das neue Kapitolium baut , zu Schutz und Hut der köstlichen Freiheit . Aber ach ! die Goten aus Albion haben Frevlerhände an die entstehenden Heiligtümer gelegt und weilen noch immer in der Nähe . Tief wird dies hier empfunden , doch hofft man , bald den Frieden hergestellt zu sehn und die empfangenen Wunden zu heilen . Wie aber auch Europa sich dagegen sträuben mag , die Neue Welt wird , in kurzem , zur riesenstarken Manneskraft gelangen , und wehe Europa , wenn sie jemals den Gedanken faßt , die Beleidigungen zu rächen , welche ihre Kindheit erfuhr . Nicht der Norden allein ist frei , auch im Süden schüttelt man die überseeischen Ketten ab . Wenige Jahre noch , und das Panier der Freiheit weht von der Hudsonsbai bis zur Magellanischen Meerenge , und unter seinem Schatten blühen Wissenschaften und Künste , aus allen übrigen Weltgegenden dahin verpflanzt . Das neue Jahr ist hier mit viel schönen Hoffnungen und tausend guten Wünschen begonnen worden . Ich hatte am ersten Tage desselben eine lange Unterredung mit William , welche unsern unsichern Standpunkt gegeneinander wieder einigermaßen festgestellt hat . Er schickte mir am Morgen , nach der Sitte meines Vaterlandes , einen großen Korb voll der auserlesensten Treibhausfrüchte und Blumen ; ich hatte ihm dagegen , sowie der übrigen Familie , einige künstliche Arbeiten verfertigt , welche hier noch neu waren und viel Bewunderung erregten . Sehr natürlich hatte er das Vorzüglichste erhalten . Er kam , mir mit vieler Freude zu danken . » Es ist für meine Verbindlichkeit und für meinen guten Willen sehr wenig « , sagte ich ablehnend , » ich wollte , ich könnte mehr für Sie tun . « - » Sie können nicht ? « fragte er . » Ach , Sie könnten unendlich viel gewähren , wenn ich nur wünschen dürfte . « - » Hören Sie , William « , sagte ich , » Sie haben sich mir zum Bruder erboten , so lassen Sie uns auch geschwisterliches Vertrauen bewahren . « - » Geschwisterliches ? « sagte er kleinlaut . » Ja « , fuhr ich fort , » als Schwester will ich jetzt mit Ihnen reden . Alles , was ich habe und besitze , habe ich durch Sie gerettet , und ich lege nur insofern einigen Wert darauf ; sonst weiß ich die Zufälligkeit der Erdengüter zu würdigen und schätze nichts als den Geist . Ich kenne den Ihrigen , der meinige ist ihm verwandt . « ( Er rückte mir freudig näher . ) » Es gibt aber der verwandten Geister mehr « , fuhr ich fort , » und die ersten Bande dürfen nicht durch spätere gelöset werden . « - » Frühere Bande ? « rief er erschrocken . » Nein , nein , unmöglich , wie hätten Sie da Ihr Vaterland so willig verlassen können , wie könnten Sie in der Fremde so heiter sein ! « - » Fremd ist mir der ganze Erdkreis « , sagte ich , » meine Heimat ist seit langer Zeit dort oben . « - » Tot ? « fragte er . - » Tot « , erwiderte ich , und nachdem ich mich etwas gefaßt hatte , erzählte ich ihm die Geschichte meines Herzens . Er hörte mich mit Teilnahme an , und oft glänzten Tränen in seinen Augen . Wir schwiegen beide lange , nachdem ich geendet , dann beugte er sich über meine Hand , und als er sich wieder emporrichtete , flog ein Schimmer von Freude über sein Gesicht . » Mit einem edlen Toten die Neigung dieses schönen Herzens zu teilen scheint mir ein seliges Los « , sagte er , » und in jenen Regionen des Lichts fordert man kein Eigentum mehr . « - » So will es auch mir oft scheinen « , antwortete ich , » doch widerspricht ein unerklärliches Gefühl augenblicklich dem Verstande . Lassen Sie mir Zeit , lieber William , ob vielleicht dieser Zwiespalt in meinem Innern sich löst , viel , viel Zeit , und mag es ausfallen , wie es wolle , wir müssen Freunde bleiben , fest und unzertrennlich für dieses Leben . « Ich hielt ihm die Hand hin , er schlug versichernd ein . Seitdem ist er wieder heiterer ; er hofft . Ich hege keine Hoffnung , aber ich fühle mich erleichtert und darf ganz vertraulich mit ihm umgehen . In meiner Brust herrscht tiefer Friede ; um die lieben Verlorenen fließt zwar manche einsame Träne , doch trocknet sie das Bewußtsein des Wiedersehens . An die übrige Vergangenheit werde ich nur selten erinnert und meide es fast , von meinem lieben Frankreich zu hören . Ach , wenn das Vaterhaus abgebrannt ist , dann überfällt uns Grauen , die Brandstätte zu sehn ; und wird schon gleich an derselben Stelle ein Palast aufgebaut , es ist die freundliche Wohnung nicht mehr , woran so schöne Erinnerungen haften . Nur von Dir möchte ich so gern Nachrichten haben und sehne mich vergebens danach ; der böse Krieg hemmt den freien Verkehr der Länder gar sehr . Sonst wäre auch William schon längst in See gegangen , um mir Kunde von Dir zu verschaffen und dies neben mir liegende , ungeheure Pack Geschriebenes sicher in Deine Hände zu befördern . Bis dahin muß ich schon fortfahren . Ein günstiges Geschick wird es wohl zu Deinen Händen bringen . O tätest Du doch ein Gleiches ! Ich kann mir das Leben und Treiben in Paris kaum mehr denken , es ist bei uns alles so ganz anders . Kein Schauspiel , keine Maskeraden , wenig kirchliches Gepränge , wenig Musik , aber viel Familienfeste , viel Teezirkel , häufiges Spazierengehen und -fahren . Die Gegend ist schön , der Winter gemäßigt , wie in dem südlichsten Frankreich . Bald wird er ganz von uns scheiden , und dann muß die Landschaft entzückend sein , wenn mit dem ernsten Grün der Zedern und Tannen sich das helle Laub des Platanus und der zahllosen Nußbäume mischt . Als ich hier ankam , hatte das Ganze schon ein falbes und bräunliches Ansehn . Ich freue mich wie ein Kind über das Aufkeimen der jungen Pflanzenwelt , immer war sie es , wohin ich mich flüchtete , wenn das Leben mich zu rauh berührte . Hier duftet mir heilender Balsam für jede Wunde , und der Odem des Friedens haucht durch die zarten Halme und Blüten . Überall in der belebten Natur zeigt sich das widrige Bild der kämpfenden Leidenschaften ; nur die Pflanzen blühen friedlich beisammen , liebend sich zueinander neigend und strebend , sich mit zarten Ranken zu umarmen . Darum sei mir gegrüßt , freundliche Blumenwelt , ihr säuselnden Bäume und ihr zarten Halme des Grases , zwischen welchen ich so oft stundenlang lagerte und mit inniger Lust den Wanderungen kleiner glänzender Käferchen , dem Spiel bunter Schmetterlinge zusah und mich und die übrige Welt vergaß . Nirgend auf dem Erdenrund kann Virginia unglücklich sein , wo sie frei und die Natur nur nicht ganz öde ist . Der Mensch macht so viel Anstalten , um glücklich zu sein , und er bedarf so wenig ! Noch keine Nachricht von Dir , und der Frühling ist schon in seiner vollen Pracht bei uns eingezogen . Man hat um meinetwillen ein sehr malerisch gelegenes Landhaus unweit der Stadt bezogen , und fast bin ich froh wie einst an der Durance . Den größten Teil des Tages bin ich mit meiner Philippine allein , weil der Vater nicht das Comptoir , die geschäftige Mutter nicht das Hauswesen verlassen mag . William besorgt die Befrachtung seines Schiffes , mit welchem er wieder nach Europa zu segeln gedenkt , da der Friede so gut als abgeschlossen ist . Nach Tische aber versammelt sich die ganze Familie , dann und an Feiertagen werden köstliche Spazierfahrten am Delaware oder am Schamuny gemacht und Besuche auf mancher freundlichen Pflanzung . Morgens schwärme ich oft mit Philippinen umher und kehre , wenn wir ermüden , auf dem Meierhofe eines ehrlichen Quäkers oder auf der kleinen Besitzung eines Negers ein , wo wir , ohne Unterschied , mit gleicher Herzlichkeit empfangen werden . Die schwarzen Pflanzer stehen an Betriebsamkeit den Weißen nicht nach und werden ihnen nach fünfzig Jahren vielleicht an Vermögen ziemlich nahekommen , da sie fleißig die Schulen zu besuchen anfangen und ihre Bildung in der Nähe der Städte merklich fortschreitet . Unfern Paris würde es wohl sehr auffallen , zwei junge Mädchen , im Morgenkleide und im Sonnenhute , durch Felder und Gehölze streifen zu sehen ; hier ist dies , Dank sei den schuldlosen Sitten des Landes , gar nichts Ungewöhnliches . Die treuherzigen Pennsylvanier grüßen uns überall mit freundlicher Unbefangenheit und reden uns mit dem vertraulichen Du an , welches ich so gern höre , weil ich es in meiner Kindheit so allgemein vernahm . Philippine hat sich mit leidenschaftlicher Liebe an mich gehängt , und ich umfasse das holde Mädchen mit schwesterlicher Zärtlichkeit , freilich nicht in dem Sinne , wie es die Familie zu erwarten scheint . Überhaupt ist dies die Kehrseite meines sonst so glücklichen Lebens , daß man etwas voraussetzt , wovon ich mich noch weit entfernt fühle . Der Vater ist voll Eifer für die Benutzung meines Vermögens , macht dabei so listige Anmerkungen , nennt mich oft sein liebes Töchterchen und gibt mir zu verstehen , daß ich einst um das Dreifache reich sein würde . Die geschäftige Mutter schürt noch emsiger zu und spricht oft schon weitläufig über künftige häusliche Einrichtungen . Der arme William ist dabei auf Kohlen und wendet all seinen Fleiß an , solche Gespräche abzubrechen , weshalb er manches unwillige Gesicht von der Mutter erhält , wenn er den Fluß ihrer Rede unterbricht . Es ist ein kleiner Sturm zu befürchten . William hat schon erklärt , daß er nächstens in See gehe , aber man rechnet darauf , er werde zuvor noch eine Verbindung mit mir unauflöslich machen . Was wird man aber sagen , wenn man sieht , daß dies nicht der Fall ist ? was , wenn man erfährt , daß ich eine große Reise nach Washington und von da zu den Seen und dem Niagara zu machen gedenke ? William , welcher gern auf alles eingeht , was mir Freude macht , hat zu dieser Reise schon im stillen die besten Anstalten getroffen . Er gibt mir seinen eigenen Bedienten mit , einen treuen und erfahrenen Menschen , welcher schon einen großen Strich jener Gegenden durchreist ist , dann zwei ehrliche Schwarze , auf welche er sich verlassen kann , Vater und Sohn . Der Vater , John , war in seiner früheren Jugend als Sklave in Virginien , entlief damals seinem strengen Herrn und geriet zu den Wilden , welche ihn aufnahmen . Er war sechs Jahr unter ihnen und lernte ihre Sprache und ihre Sitten vollkommen . Im Kriege zog der Stamm , bei welchem er sich befand , den Engländern zu Hülfe , wurde aber in einem Gefechte mit den Amerikanern zerstreut , und John geriet auf seinem Irrwege nach Pennsylvanien , wo die menschenfreundliche Begegnung ihm so wohl gefiel , daß er dort seinen Aufenthalt nahm . Er fand bald Arbeit , erwarb sich nach und nach ein kleines Eigentum , heiratete eine freie Schwarze und ist jetzt Vater von fünf Kindern , drei Söhne und zwei Töchter , welche alle verheiratet sind , bis auf die jüngste Tochter , welche mich , sowie einer ihrer Brüder , ebenfalls begleiten wird . Seine Hütte und sein kleines Feld grenzen nahe an Ellisons Landhaus , deshalb kennt ihn William seit seiner frühesten Jugend und wird von dem Alten , fast mehr als seine eigenen Kinder , geliebt . Überhaupt ist Anhänglichkeit und unerschütterliche Treue ein vorzüglicher Charakterzug dieser guten , bis jetzt so unterdrückten Menschengattung . Wer nur irgend Wohlwollen und Aufmerksamkeit gegen sie blicken läßt , kann ihrer innigen Liebe versichert sein . Ich habe oft auf unsern Morgenstreifereien die kleinen schwarzen Buben geherzt und mit dem Alten freundlich geredet , aber dafür könnte ich auch mit ihm bis zu den Huronen reisen , er würde jede Gefahr von mir abwenden und mich nur mit seinem letzten Lebenshauche verlassen . Zittre daher nicht , liebe Adele , vor den Schrecknissen , welche diese Reise für mich haben könnte . Das Land ist so wüst nicht mehr , als du es vielleicht noch aus früheren Reisebeschreibungen kennst . Es gehen regelmäßig Landkutschen von hier auf Baltimore und Washington , Landstraßen und Wirtshäuser sind nach allen Richtungen angelegt , und wo diese in der Gegend der Seen aufhören , da geht für mich der romantische Teil der Reise erst recht an . Ein leichtes Fuhrwerk ist bald gekauft , ja selbst für eine Fußreise habe ich hinreichende Kraft und Lust . Wenn Du diesen Brief erhältst , welchen William heilig gelobt hat nach zwei Monaten in Deine Hände zu liefern , dann kannst Du denken , daß ich an dem großen Wasserfalle sitze , wohin mein Herz mich mit einer unwiderstehlichen Sehnsucht zieht , wie den Wilden , welcher dorthin geht , um den Großen Geist anzubeten . Vor der Abschiedsstunde graut mir recht von Herzen . Soll ich den armen William ohne Hoffnung ziehen lassen ? und kann ich ihm Hoffnung geben ? Soeben war er hier und meldete mir , daß sein Schiff segelfertig liege und der Wind sich günstig zu wenden scheine . Meine Augen wurden feucht , der Gedanke , den Freund , den Beschützer meines Lebens zu verlieren , drang schmerzlich auf mich ein . Er trocknete schnell meine Tränen mit seinem Tuche ab und drückte dies an seine Lippen . » Du sollst mich begleiten und mich stärken « , rief er , » wenn die Niedergeschlagenheit zu mächtig werden will ! « - » Guter William « , sagte ich , und meine Tränen flossen stärker , » ich wünschte , ich könnte Ihnen mehr geben . « - » Sie wünschen es und können nicht ? « sagte er erblassend . » Jetzt noch nicht . « - » Wann aber ? « - » Wenn wir beide unsre Reise beendigt haben . « - » Was kann da verändert sein ? « - » Viel , o viel , lieber William ! Das Leben steht ja nie still , und in vier , fünf Monden verändert sich die Erde so sehr . « - » Auch das Herz ? auch das Herz , Virginia ? « rief er heftig . » O welche Aussicht eröffnen Sie mir ! « - » Sie kennen die seltsame Lage meines Herzens « , sagte ich , » ich habe Ihnen niemals meine Gefühle verhehlt , und auch jetzt mag ich Ihnen einen fast mir selbst lächerlichen Gedanken nicht bergen . Es scheint mir nämlich , als könne nur am Fall des Niagara der Zwiespalt sich lösen , welcher in meiner Seele sich erhoben hat , seit ich unter Ihrem Schutze lebe . « - » Ach , es ist nur der Wunsch nach weiter Entfernung von mir « , sagte er mit traurigem Kopfschütteln . » Nein , nein ! « rief ich , » ich verlasse Sie mit Schmerz , aber ein unerklärliches Etwas reißt mich fort . Am Niagara ! tönt es in meinen Träumen ; und wie andre Pilger sich gen Osten wenden , so scheint mir im Westen die Sonne der Verheißung zu glänzen . Ihr Weg geht dem Osten zu , o möchte die freundliche Morgenröte auch Ihrem Herzen Hoffnung schimmern ! « - » Ich lasse die Hoffnung hier zurück « , erwiderte er . » Ach , das Meer zieht mich nicht mehr an , wie ehemals , mit seinem ewigen Wechsel ! Wäre es nicht , um Ihnen Nachrichten zu verschaffen , ich würde schon diese Reise nicht mehr unternehmen ; es wird die letzte sein . Der stille Reiz des heimatlichen Lebens spricht mächtig zu meinem Herzen , mein Sinn strebt nicht mehr in die Weite hinaus . Was ist der Lohn des Weltumseglers ? des Welteroberers ? Ruhm , kalter Ruhm . Aber auch Glück ? Nein , das Glück wird ewig vor ihm fliehen , es wohnt nur in der stillen Hütte , wo ein treues Weib ihm lächelt und muntre Kinder um ihn spielen . « - » Wohl , wohl ! « sagte ich gerührt , » auch ich kannte den seligen Frieden der begrenzten Heimat , und mein Herz sehnt sich dahin zurück , wie nach dem Paradiese der Unschuldswelt . Aber ein feindseliges Geschick vernichtete mein Eden , und wie die Trümmer einer zerstörten Welt muß ich irren durch den Raum , bis ich meinen Pol finde und meine Bahn . « - » Sie glaubten hier die Ruhe zu finden « , sagte er mit halbem Vorwurf . » Was glaubt , was hofft nicht der Mensch ! « erwiderte ich . » Auch fand ich viel . Schon fühle ich mich im Vorhof des Heiligtums , die Balsamdüfte der Paradiesesblüten wehen