wenn auch seitdem sein Blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete , so war es ihm doch , als tappe er in einem wüsten Labyrinth , wo der leitende Faden ihm fehlte , um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen . Freilich - ihm selbst öffnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun schon seit länger als vier Jahren verlassenen Heimath , denn nie , das hatte er sich vorgesetzt , wollte er sie betreten , so lange er fürchten mußte , ihr je wieder zu begegnen . Vielleicht aber würde er , an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstraßen nun gewöhnt , noch lange nicht daran gedacht haben , zurückzukehren , wenn nicht dumpfe Gerüchte von den kriegerischen Zurüstungen seines Vaterlandes sein Ohr erreicht , und die politischen Verhältnisse den Ausbruch baldiger Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt hätten . Da schien es ihm doch , als sei es besser , die im unnützen Wanderleben sich zersplitternden Kräfte dem Dienste seines Königs zu weihen , und seiner plötzlich aus ihrer Lethargie erwachten Einbildungskraft dünkte das Wirbeln der Trommeln , das Wiehern der Rosse , die energische Sprache der Kanonen , und das zu blutiger Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedürfnissen recht angemessenes Spiel . Er beschloß also , zurückzureisen , und sich um eine neue militairische Anstellung zu bewerben . Mancher Beneidenswerthe , sprach er leise zu sich selbst , kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden - mancher den heilenden Tod - - - mir wird das Schlachtfeld ihn gewähren . II Mit einem ganz eigenen Schauer von Wehmuth betrat er die Gränze seines Vaterlandes wieder . Stiller war es freilich in ihm geworden , seit er sie vor fünftehalb Jahren überschritten hatte , um das bittere Gefühl des Verschmähtseyns in weite Ferne zu tragen - heller aber nicht . In tausend schimmernden Farben ging ihm die Vergangenheit auf , und alle wie aus langem Schlummer erwachenden Erinnerungen seiner ersten , lebensfrohen Jugend mahnten ihn an den schmerzlichen Contrast zwischen einst und jetzt . Und doch , so heiter er auch damals in der Fülle sorglosen Leichtsinns seine Tage dahin scherzte , hätt ' er nicht zu ihr zurückkehren mögen , wenn es in seiner Kraft gestanden hätte , die Kluft hinwegzutilgen , die zwischen damals und seiner blüthenlosen , entblätterten Gegenwart lag . Denn in dem Schmerze abgewiesener Liebe , der , wie griechisches Feuer , unauslöschlich brennt , war ihm erst des Lebens tiefe Bedeutung aufgegangen , und in der kurzen , aber reichen Zeit seines Umgangs mit Erna hatte sich ihm ein nie vorher geahneter Himmel der reinsten Seligkeit erschlossen , so daß auch noch jetzt in seiner umnachteten Seele die Vorstellung des höchsten Glücks neben der Trauer lag , es verfehlt zu haben . Die Poststraße führte ihn über Bellevüe , wo er einst einen unvergeßlichen Wintertag an ihrer Seite verlebte . Damals starrte die Natur , in die Fesseln des Winters eingeengt , ihn frostig an ; aber einen warmen , seligen Lenz trug er im Busen , von der milden Sonne der Hoffnung verklärt . Jetzt lächelte ihm alles frisch und grün im Schmuck des hohen Sommers zu - doch in ihm , wie winterlich verödet ! - Er riß sich gewaltsam los von diesen herben Vergleichungen , und bemühte sich , an gleichgültige Dinge zu denken , um sein aufgewiegeltes Herz wieder zu der stumpfen Ruhe zurückzubringen , die nun einmal der wohlthätigste Gemüthszustand war , den das dürftige Geschick ihm gönnte . Denn ihm mangelte Neigung und Entschluß , um mit Bestimmtheit Pläne für seine Zukunft zu entwerfen , da dem Menschen , der nicht zurück blicken mag oder darf , leicht auch die Lust fehlt , seine Kräfte vorwärts zu richten , und er in ein müdes sich Gehenlassen , statt des Handelns , verfällt . Da scheuchte ihn plötzlich ein Zufall aus dieser hinbrütenden Halbbewußtlosigkeit auf . Ein Rad seines Wagens nämlich lief ab , und der im vollen Trab fahrende Postillon vermochte die Pferde erst anzuhalten , als der Wagen bereits umgefallen und zerbrochen war , und Alexander mehrere schmerzhafte , wenn gleich nicht gefährliche Verletzungen am Kopfe erhalten hatte . Sie waren gerade am Ende jenes Tannenwaldes , dessen unverwelkliches , mit Schnee vermischtes Grün ihn damals , als er Erna im Schlitten fuhr , symbolisch in seinem Innern zum Hoffen ermuntert hatte . Er beschloß , während Benedikt mit dem Postillon sich bemühte , den Wagen wieder aufzuhelfen und in einigermaßen fahrbaren Stand zu bringen , zu Fuß nach dem nah gelegenen Sorgenfrei zu gehen , um die Theilnahme seines Jugendfreundes , der es bewohnte , anzusprechen , und durch einen Verband mit Essig oder Wein das Schwellen der erhaltenen Quetschungen zu vermindern . Als er das heitere , wohlgebaute Haus auf seiner sanften Anhöhe erblickte , glühten eben die Fenster so feurig vom abendlichen Sonnenstrahl beglänzt , als wollten innere Flammen hervorlodern . Sanfte Lüfte säuselten in den blühenden Linden , die es wie ein dunkler Kranz umgaben , und trugen den lieblichen Duft , der ihm wie ein Gruß des Willkommens entgegen wehte , weit umher . Als er näher kam , bemerkte er allenthalben eine sorgsamere Cultur als vormals . Das ist der eigenthümliche Segen der Häuslichkeit , dachte er bei sich selbst . Der Mensch ist nicht geboren , um unstät und flüchtig durch die Welt zu pilgern . Hat er sich erst ein Asyl gegründet , das ihn schützt vor den Stürmen des Lebens , so gewinnt er es bald lieb , und schmückt es , wie das Kind seine Puppe . Er nimmt dann die engen Schranken , die ihn umbauen , unter der freundlichen Hülle nicht wahr , mit der sein Fleiß sie umgiebt , und dankbar - dankbarer als die Menschen - ist der Boden , den man mit Sorgfalt pflegt . - Unter hohen Blumenstauden , die sich von dem frischen , kurz gehaltenen Rasen eines freien Platzes erhoben , saß ein herrlicher Knabe und spielte . Eine Glorie von blonden Locken umwallte sein liebliches Gesicht , und mit großen braunen , sonnenklaren Augen schaute er ihm voll herzgewinnendem Vertrauens entgegen . Alexander konnte kein nur einigermaßen liebenswürdiges Kind sehen , ohne sich innig zu ihm hingezogen zu fühlen . Er beugte sich herab zu dem Kleinen , der etwas über drei Jahre alt schien , und küßte ihn auf die freie , offene Stirn , ihn fragend , ob sein Vater zu Hause sei ? Vater nicht , antwortete der Knabe , aber Mutter . Willst du hin ? Ich will dich zu ihr bringen . - Die gepflückten Blumen in seinem aufgeschürzten Gewand bergend , raffte er sich auf , ihm ohne Schüchternheit die kleine Hand bietend , um ihn nach dem Hause zu führen , dessen Flügelthüren offen standen . Außer der veränderten inneren Einrichtung , fiel ihm ein höherer Grad von Ordnung , als er je in diesem Hause wahrgenommen , beim Eintritt auf , und eine gewisse einfache , aber dem Auge wohlthuende Eleganz sprach ihn auf eine höchst angenehme Weise an , und verbürgte den richtigen Sinn seiner Bewohner für alles Edle und Schöne der äußeren Form . Der Kleine stieß eine nur angelehnte Thür auf , und Alexander trat in ein Zimmer , wo eine schlanke , jugendliche weibliche Gestalt neben einer grün umhangenen Wiege saß , einen Säugling auf dem Schoos haltend , der in süßer Behaglichkeit lächelnd und lallend mit ihren braunen Locken spielte . Sie hatte ihr Haupt tief herab über das Kind gebeugt , daher konnte Alexander nicht sogleich ihre Züge erkennen ; aber das schöne Haar , und die über allen Ausdruck zierlichen Füßchen , welche in ihrer vermeinten unbeobachteten Einsamkeit etwas vorgestreckt auf einem Schemel ruhten , wirbelten im plötzlich erwachten Sturm einer unbändigen Leidenschaft die wunderbarsten Reminiscenzen aus seiner tiefsten Seele herauf . In diesem Augenblick rief der Knabe : Mutter , da ist ein fremder Mann ! Sie wandte das Gesicht zu ihm hin , und vom Blitz der schrecklichsten Gewisheit getroffen , blieb Alexander wie gelähmt vor ihr stehen , denn - heiliger Gott ! - es war Erna . III Sie schien vor dem Blick zu erbeben , den er auf sie schleuderte . Der brennendste Haß , die tiefste Geringschätzung , und eine Stimmung , in der es ihm nicht schwer geworden wäre , das blutigste Verbrechen zu begehen , spiegelte sich als Wiederschein der wilden Gährung , die in seinem Innern Statt fand , in seinem Antlitz ab . Doch - nur einige stumme Minuten ihr gegenüber , und er fand sich wieder . Wie schön war sie nicht in dieser schweigsamen , demüthigen Haltung , vor der Wuth erzitternd , die sein Anblick ausdrückte , und doch , vom Gefühl der Mutterwürde gestärkt , ihm furchtlos in das flammende Auge schauend . So rein und edel hatte selbst Raphael seine Madonna nie gedacht . Der rosige Duft kräftiger Jugendfrische auf ihren Wangen war einer sanft verklärenden Blässe gewichen , und die kindliche Heiterkeit , die sonst wohl ihre Züge anregte , einem stillen , seelenvollen Ernst , der aber durch die unaussprechlichste Güte gemildert ward . Schweigend waren die ersten Augenblicke des Wiedersehens ihnen vorübergegangen - jetzt aber faßte sich Alexander , und redete sie an . Verzeihen Sie , gnädige Frau - - denn so muß ich Sie jetzt wohl nennen , sagte er bitter , daß ein Unfall , der mich nicht weit von hier getroffen , mich ohne die Ahnung , daß ich Ihr Haus betrat , hierher führte . Ich glaubte meine ehemaligen Bekannten noch hier zu finden - allein ich habe mich geirrt , wie ich sehe . Nicht in dem , was Sie zu finden meinten , versetzte Erna . Sie sind bei Ihren ehemaligen Bekannten , denn Sie sind bei mir . Das möchte um so unangenehmer für uns beide seyn , erwiederte Alexander , unfähig , seiner herben Stimmung zu gebieten . Doch Erna nahm gelassen diese unartige Aeußerung hin , und rügte sie nicht . Sie bemerkte gerade jetzt , daß er verwundet und ihres Beistandes bedürftig sei . Eilig rief sie daher die Wärterin des Kindes , übergab ihr den Säugling , und bemühte sich mit der sanftesten Theilnahme , zu erforschen , wo es ihm weh thue , um ihm lindernd und nützlich zu seyn . Er war sehr erschöpft von dem inneren Aufruhr , den Haß und Neid , zwei ihm sonst so fremde Leidenschaften , bei der Vorstellung , daß Erna vermählt sei , in ihm erregt hatten . Gleichwohl wollte er doch , ohne alle Hülfe anzunehmen , seinen Weg zu Fuß nach der sehr nah gelegenen Stadt fortsetzen - allein Erna glaubte dies bei seinem psychisch und physisch gereizten Zustand nicht zugeben zu dürfen . Als nun ihre freundlichen Bitten finster von ihm abgewiesen wurden , und er fest auf seinem Vorsatze beharrte , öffnete sie die Thür eines Nebenzimmers . So gewähren sie es diesen , wenn auch nicht mir , daß ich für Ihre Erholung sorgen darf , sagte sie , und er erblickte jene Bilder wieder , die die Züge seiner Tante und der Frau von Willfried so treu bewahrt hatten - aber mit ganz anderem Ausdruck , als sie ihn einst erschütterten , wie er an Erna ' s Geburtstag sie zuerst sah , schauten sie ihm jetzt entgegen . Damals schien Unwille , Vorwurf des begangenen Unrechts und Verachtung in ihren stillen Blicken zu glühen - jetzt lächelten sie ihn beide mitleidig an , als wollten sie in tröstender Milde sagen : Alles ist vergeben , denn das bittere Leiden , das eine Folge deines Leichtsinns war , hat uns mit dir versöhnt . Er fühlte sich überwältigt . Weich geworden wie ein Kind , konnte er kaum der Rührung seines Herzens wehren , hervorzubrechen - auch Erna war tief bewegt . Wie Thau im Kelche einer Blume , so funkelten Thränen in ihren Augen - aber sie wandte sich hinweg und trocknete sie leise , ihm diesen Anblick entziehend , der ihn nur noch tiefer erschüttert hätte . Sie schien zu ahnen , ja sogar in gewisser Hinsicht zu theilen , was in ihm vorging . Indessen machte gerade dies innige Verstehen seiner Gefühle sie schüchterner als vorher , ihr Schranken anweisend , die das Bewußtseyn ihrer Pflichten sie zu überschreiten warnte . Sie ordnete alles an , was seine Pflege erforderte , aber sie legte nicht selbst Hand an , so weh es ihr auch that , ihrem Kammermädchen ein Geschäft überlassen zu müssen , das sie gewiß linder und schonender verwaltet hätte . Ihrem Zureden und Bitten nachgebend , hatte Alexander Platz auf einem Ruhebett genommen . Es fanden sich mehrere ziemlich tiefe Verletzungen am Kopfe - seine Schmerzen wurden heftiger , und durch ein Wundfieber noch vermehrt , das ihn von Zeit zu Zeit convulstvisch schüttelte . Erna suchte , von seinen Leiden sichtbar ergriffen , ihm durch Hausmittel momentan Erleichterung zu verschaffen , sandte aber sogleich einen Boten nach der Stadt , einen Chirurgus holen zu lassen , der ihn kunstmäßiger und wirksamer als weibliche Erfahrung zu behandeln im Stande sei . Duldsam und mild geworden , unterwarf sich Alexander jetzt allem , was sie verfügte . Es that ihm wohl , sie an seinem Lager sitzen zu sehen , denn aus ihrer Nähe quoll der heilendste Balsam , den es für sein bis zum Tode verwundetes Gemüth gab . Ihr gegenüber gewährte es ihm die feinste Schwelgerei der Sinne , so wie den höchsten Genuß der Seele , sich in ihr Anschauen zu vertiefen , und durstig nach so langem Entbehren jeden ihrer Blicke einzusaugen . Ruhe ist der Charakter der Gottheit - nur leise und unmerklich mit Leiden verschmolzen , thronte sie auf ihrer verklärten Stirn , und Reinheit des Sinnes strahlte in ihrem himmlischen Auge , das - ihn über irrdisches Sehnen erhebend - sanft seine stürmende Brust beruhigte . Er fand sie aber sehr verändert , wenn er sie mit dem Bilde verglich , das ihm von ihr gefolgt war während dieser Jahre der Trennung . Denn nicht mehr die blendende , blühende Schönheit , sondern ein dem Unsichtbaren näher als den Freuden der Welt angehörendes , durch ernste Selbstverläugnung geläutertes , durch stillen Schmerz vertieftes Wesen stand vor ihm in einer nicht mehr auf gemeiner Erde einheimischen Gestalt . Und doch schien ihre freundliche Demuth sie ohne Murren an den niedern Dienst des rauhen Lebens zu knüpfen , und eine fromme Ergebung , die aus allem hervorstrahlte , was sie that und sprach , sie mit den Mängeln des irrdischen Berufs zu versöhnen . Ob sie wohl glücklich im ehelichen Bunde ist ? fragte er sich selbst . Der Frieden , der auf ihrer Stirne thronte , bejahte scheinbar seine Frage - scheinbar nur , denn nicht der Glückliche allein , auch der kann ihn erringen , der durch Glauben an ewige Hoffnungen gestärkt , sich über alle Dornen seiner Bahn hienieden erhebt , ob er gleich ein mühseliges Leben des Entbehrens und der Entsagung führt . Es war ihm unmöglich , nach dem Namen ihres Gatten zu fragen . Wer es auch sei - hassen mußte er ihn , das fühlte er sehr bestimmt , hassen um so glühender , je mehr seine Beobachtungen ihn überzeugen würden , daß Erna ihn liebe . IV Sehr bald indessen riß ihn die Ankunft des glücklichen Gemahls aus dem ungewissen Grübeln , wer es wohl seyn könne , denn nachdem man den raschen Galop eines Pferdes vernommen , trat - Herr von Linovsky ins Haus . Aengstlich und athemlos , das bemerkte Alexander durch die offenstehende Thür des Nebenzimmers , eilte er auf Erna zu . Um Gotteswillen , was ist geschehen ? rief er ihr entgegen . Ich erfuhr unterwegs , daß du eilig nach einem Wundarzt geschickt habest - ich will doch nicht hoffen , daß dir oder den Kindern etwas zugestoßen ist ? Ruhig sagte Erna : Weder die Kinder noch ich bedürfen seines Beistandes , aber einen Freund von uns hat nicht weit von unserm Hause ein Unfall betroffen , der zwar , dem Himmel sei Dank , nicht bedeutend ist , aber dessen Behandlung denn doch meine wenigen medicinischen Kenntnisse übersteigt . Herr von Norbeck - sie zeigte , als sie seinen Namen nannte , durch die offene Thür nach dem Ruhebett im angränzenden Zimmer , auf welchem er lag - Herr von Norbeck wurde durch den Umsturz seines Wagens am Kopfe verletzt , und um seinen schmerzlichen Zustand sobald wie möglich gründlich zu lindern , hab ich , so schnell ich nur vermochte , nach ärztlicher Hülfe gesendet . Alexander sah Linovsky bei Erwähnung seines Namens erblassen , und es war , als träte eine unangenehme Erinnerung finster vor sein Gedächtnis . Auch dauerte es einige Minuten , während er sich mit Erna in leisem Gespräch in eine Fenstervertiefung zurückgezogen hatte , wohin sein Blick ihm nicht folgen konnte , bis er zu seinem Lager trat und ihm , als einen der Höflichkeit nicht gern dargebrachten Zoll , einige halb unverständliche Worte von dem Vergnügen , ihn wieder zu sehen und von der Freude , daß sein Haus gerade das nächste bei dem sich ereigneten Unfall gewesen sei , um ihm als Zufluchtsort dienen zu können , zumurmelte . Alexander stellte sich kränker als er war , um diese Gemeinplätze nur nicht beantworten zu müssen . In Linovsky ' s frostigen Mienen , und den feindseligen Blicken , mit denen er ihm gegenüber stand , spiegelte sich ein Theil seiner eigenen Gesinnung , und der herbeigerufene Wundarzt , der eben herein trat , unterbrach sehr willkommen die Spannung dieses nicht wohlthuenden Beisammenseyns . Erna hatte bereits Charpie und Leinwand zum Verband zurecht gelegt . Nachdem sie den Chirurgus sorglich gefragt , was er noch außerdem bedürfe , um dem Leidenden recht zu nützen , entfernte sie sich , vor dem Anblick der Sonde erschreckend , die er aus seiner Instrumententasche hervorzog . Sie warf , als sie , von Linovsky begleitet , hinweg ging , noch einen Blick so voll innigem Mitleids und rührender Theilnahme auf Alexander , daß dieser wie durch Tropfen eines himmlischen Elixirs seine gesunkenen Kräfte gehoben fühlte , und es ihm ein freudiges Spiel ward , sich nun den schmerzhaften Untersuchungen des Arztes zu unterwerfen . Der Wechsel so stürmender , die innerste Lebenskraft aufreibender Gemüthsbewegungen machte mehr noch als seine Wunden seinen körperlichen Zustand bedenklich . Ein heftiges Fieber wüthete in seinem Blute , und der Arzt erklärte , daß einige Tage der tiefsten Ruhe durchaus erst dem Versuch vorausgehen müßten , ihn nach einem anderen Aufenthalt zu bringen . Nicht gern ließ sich Alexander dies gefallen . Die widerwärtige Ueberzeugung , Linovsky unwillkommen zu seyn , die sein abstoßendes Betragen ihm aufgedrungen hatte , beleidigte seinen Stolz , und machte , daß er trotz Erna ' s wohlthuender Nähe sich hinweg sehnte . Und selbst diese Nähe , die ihm den Pfeil des Schmerzes nur immer tiefer in die gespaltene Brust drückte , mußte sie ihm nicht , den Eindruck ihrer Liebenswürdigkeit immer unauslöschlicher machend , das Loos der Mücke , die das Licht umflattert , in seinem Schimmer sich wärmen will , und , von der gefährlichen Flamme in Asche verwandelt , dahin sinkt , als Sinnbild seines eigenen Schicksals , im Spiegel der Zukunft zeigen ? Alle seine Einwendungen wurden jedoch durch den Ausspruch des Arztes , daß er ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Zustandes nicht hinweg gebracht werden könne , widerlegt , und da Erna ihn mit der ihr eigenen , lieblichen , herzgewinnenden Weise bat , sich doch zu gedulden , und ihr die Freude zu gönnen , durch ihre Pflege zu seiner Erholung beitragen zu dürfen , auch Linovsky , nachdem er sich etwas gesammelt hatte , eine etwas wohlwollendere Außenseite zeigte , als vorher , so ergab er sich , wiewohl ein unglückweissagendes Gefühl in seiner Seele ihn mahnte , daß schleunige Flucht heilsamer für ihn als Bleiben sei . Denn immer neue , immer achtungswerthere und anziehendere Eigenschaften entfalteten sich in ihrem stillen Thun und Wirken , das er als Hausgenosse unbeobachtet übersehen konnte , und zwar nicht um dadurch glänzen zu wollen , sondern unwillkührlich wie die Blume ihren Duft ausströmt , verbreitete sie allenthalben , wohin ihr milder Einfluß drang , Ruhe , Anmuth und den Zauber gefälliger Ordnung . Es war ihm immer höchst lächerlich und widerlich gewesen , wenn er ein weibliches Geschöpf die häuslichen Geschäfte mit Geräusch und Anmaßung verrichten , und sich etwas darauf einbilden sah , eine gute Hausfrau zu seyn . Die meisten dieser dahin gehörigen Dinge sind denn auch so mechanisch , daß selbst der gewöhnlichste Verstand sie begreifen kann - warum sollte es der Eigenliebe schmeicheln , sie zu wissen ? Sie sind ferner so nothwendig , daß sie sich als materielle Basis des Lebens nicht entbehren lassen , und es gereicht den Frauen entweder zur Schande , oder doch gewiß zum Nachtheil , unerfahren in ihnen zu seyn . Aber die Fertigkeit , ihr Haus und die ihnen anvertraute Einnahme gut zu verwalten , giebt ihnen noch keinen Anspruch auf Bewunderung ; denn sie ist nur die Ausübung einer untergeordneten , wiewohl unerläßlichen Pflicht , der vor Allem der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt . Wie ganz anders als so viele Frauen , die er in dieser Hinsicht beobachtet hatte , erschien das leise , anspruchlose Walten Erna ' s , die die Seele ihres Hauses war . Mit ernster Güte wußte sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit und Ordnung anzuhalten . Sie war geliebt von allen , und zugleich gefürchtet , weil die Achtung , die sie einflößte , jeden nichts so sehr als die Möglichkeit , ihr zu misfallen , scheuen ließ . Mit sicherm , aber ruhigem Blick ging sie in jedes Detail der Haushaltung ein , sorgte für alles , dachte an alles , und fand auch die geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwerth , weil alles nützen kann , scheint es auch noch so unbedeutend . Dabei war sie stets gleicher Laune , seufzte und klagte nie über viele Geschäfte , oder gab durch Klirren der Schlüssel , Thürenzuwerfen und eine bis zum ängstlichen Abmühen getriebene Thätigkeit zu erkennen , wie viel auf ihr laste . Immer gut und sorgsam angezogen , immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung , immer ruhig und Zeit habend , obgleich nichts versäumt ward , schien eine weise , jedoch nicht pedantische Ueberlegung alle ihre Handlungen zu ordnen , so daß wie Glieder einer Kette , eine regelmäßig und still in die andere griff . Auch als Mutter , ein Verhältnis , das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich auszudenken vermochte , stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen , die er kannte , und selbst vor denen , die er vorzüglich in dieser Würde ehrte , da , die himmlische , sich selbst vergessende Liebe , mit der sie die Kinder ihres Herzens umsing , mit jenem Ernst verbindend , der aus der Festigkeit des Willens : nur ihr wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend , und sie eben deshalb keineswegs verziehend , hervorgeht . Otto , der älteste Knabe , war nicht allein von der Natur begünstigt , sondern durch den reinen Einfluß des mütterlichen Wirkens bereits zu einer Höhe der Liebenswürdigkeit und Ausbildung gebracht , die selten schon in diesem zarten Alter sich zeigt . Gehorsam , als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht , Bescheidenheit Genügsamkeit , Selbstbeherrschung - alle jene Tugenden , die den , der sie besitzt , um so lieblicher zieren , je öfterer der Mensch sie in sich und Anderen vermißt , waren die sorgsam gepflegten Keime , die Erna in seine junge Seele gepflanzt hatte , und jede Beschäftigung mit ihm , der sie stets wie ihr Schatten umgab , entwickelte seine noch mit Nacht umhüllten Begriffe , und prägte durch Lehre und Beispiel gleich kräftig das Gute und Schöne in sein kindliches Herz . V Weniger klar ließ sich erkennen , was sie als Gattin war - oder vielleicht raubten ihm die Leidenschaften , die stets in ihm in Bewegung geriethen , wenn er sie von dieser Seite betrachtete , die nöthige Unbefangenheit des Urtheils , um sie in einer Beziehung zu durchschauen , welche ihm die schmerzlichste von allen war . Sie begegnete Linovsky mit einer Achtung , die sich durch ein immerwährendes Bestreben , seine Zufriedenheit zu erlangen , ausdrückte . Aber wenn diese auch offenbar das höchste Ziel ihrer Wünsche schien , so mischte sich doch kein gleichsam unwillkührlich entschlüpftes Zeichen eines innig liebend ihm zugewandten Gefühls in die gefällige Milde und Aufmerksamkeit , mit der sie , ihn als ihren Herrn und Gebieter ehrend , sich ganz nach seinen Winken und Willen richtete . Zog sie wirklich aus der verhängnisvollen Urne des Schicksals , oder vielmehr aus eigner Wahl ein Loos nach ihrem Herzen , so mußte Ruhe , fast möcht er sagen Kälte , der Grundton ihres Wesens seyn , das fern von aller Exaltation einer leidenschaftlichen Gluth sich nur innerhalb der Gränzlinie gemäßigter Empfindung regte . Ihre Vernunft , so wie ihre Pflicht unterwarfen sie Linovsky unbedingt , und sich ihm ganz unterordnend , war er ihr in der Würde des Hausvaters stets die erste Instanz , die über ihre Handlungen entschied - aber als Gemahl und Vater ihrer Kinder genoß er - oder verbarg sie ihm aus Schonung die Aeußerungen einer wärmeren Gesinnung ? - nur jenes allgemeine , freundliche Wohlwollen , das ihre reine Seele für alles beseelte , was sie umgab . Ob sie nun ihren Mann wirklich liebe , und ob überall in die reiche Mitgift , die sie von der Natur empfangen , auch die Fähigkeit mit einbegriffen sei , mit ganzer , voller , glühender Seele lieben zu können - er wußte es nicht - aber das fühlte er bestimmt , ihn würde als Erna ' s oft beneideter Gatte dies an sich verdienstliche Streben nach Pflichterfüllung , ohne jenen Grad der Herzenswärme , der die eigentliche Weihe eines liebenden Bundes ist , nicht befriedigt haben . Dem Anschein nach eine glückliche Frau , geehrt , geliebt von einem allgemein geachteten Manne , dessen bedeutender Rang ( er war Nachfolger des * schen Gesandten geworden ) ihr eine ausgezeichnete Stelle im bürgerlichen Leben anwies , dessen eigenes Vermögen , verbunden mit dem ihrigen , alle Sorgen des Lebens wie mit goldenem Zauberstab verbannte - rings um sich eine paradiesische Umgebung , als Mutter zweier , wie aus einer Schaar von Engeln entlehnter Kinder , und an Augusten eine Freundin habend , die im verjährten Besitz ihres vollen Vertrauens mit fast mütterlicher Liebe an ihr hing , und als Hausgenossin ihr stets zur Seite war - jung und schön , und überall gefeiert - was konnte ihr zu wünschen übrig bleiben ? Und doch mischte sich zuweilen der Schatten einer rührenden Schwermuth in die sanft gemäßigte Heiterkeit ihres Wesens , nie in eine Klage ausbrechend , aber doch im stillen Sinnen , im feucht verklärten Schimmer des umwölkten Auges , im leisen Seufzer sich verrathend , der ihren Busen hob . Sie schien in solchen Momenten der Erde , auf der sie wandelte , nicht mehr zu gehören , und scheuchte sie dann ein Geräusch , eine plötzliche Anrede , oder sonst irgend ein Anspruch des Lebens aus den Träumen empor , in die sie nur allzugern versank , so bedurft ' es eines Augenblicks , ehe sie sich wieder fand , und der weichere Ton ihrer Stimme , das Bittende ihres Blicks , die verdoppelte freundlich sich aufopfernde Milde ihres Benehmens flehte gleichsam um Vergebung , daß ihr Geist schon losgerissen von allen irrdischen Banden , in unbekannte Regionen sich verloren hatte . Auguste , welche am Tage seiner Ankunft abwesend gewesen war , schien Alexandern , so wie er ihr , ein feindseliges Andenken bewahrt zu haben . Da der Familienkreis sich sehr oft theilnehmend um sein Schmerzenslager versammelte , und man sich bemühte , die Pflichten der Gastfreiheit in ihrem ganzen Umfang zu erfüllen , so konnte auch sie sich nicht ausschließen . Doch ihr streng fortdauernder Ernst , ihm gegenüber , wurde durch kein Zeichen irgend eines wohlwollenden Antheils gemildert , und auch er bemerkte , ohne sich weiter um sie zu bekümmern , mit einem stummen Vergnügen , das fast der Schadenfreude glich , die Verwüstungen , die der Zahn der Zeit während der Jahre , seitdem er sie nicht gesehen , in ihrer früher schon verblühten Gestalt hervorgebracht hatte . Endlich , nach mehreren Tagen , erlaubte ihm der Arzt , wieder in die Luft zu gehen , und sich hinaussehnend in den frischen duftigen Sommermorgen , benutzte Alexander auf der Stelle diese Erweiterung der ihm bisher so eng gezogenen Gränzlinie seines Verhaltens . Langsam wandelte er auf Benedikt gestützt ( denn er fühlte sich sehr matt ) im Garten umher , bis die süßen Töne eines einfachen Liedes , das Erna ohne alle Begleitung sang , ihn - um keinen Laut desselben zu verlieren - dem Hause wieder näherte . Die nach dem Garten gehenden Fenster waren durch Rebengewinde halb verschleiert . Eins derselben stand offen - aus ihm drang der himmlische Wohllaut , der durch das Ohr geradezu den Weg zu seiner Seele fand . Leise schlich er heran , um unbemerkt die Sängerin zu hören , vielleicht gar sie zu sehen . Aber wie theuer büßte er dies Verlangen ! Versteckt vom dunkeln Grün der Weinranken erreichte sie allerdings sein suchendes Auge , aber in einer Situation , die , alle seine Gefühle stürmisch aufregend , ihn in einen Abgrund voller Flammen stieß . Sie befand sich in ihrem Schlafgemach . Im nachläßigen Morgenkleide , das sich wie eine Hülle frisch gefallenen Schnees um sie anschmiegte , jede Form verrathend , ohne jedoch die