Stelle , wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest ! Siehst du , daß ich wohl auch durch die Schulen gelaufen bin und lateinische Brocken einmischen kann , trotz einem ? - Aber du hungerst , armer Kater , und diesem Bedürfnis muß zuerst abgeholfen werden , komm nur mit mir . « Der junge Ponto hüpfte fröhlich vorauf , ich folgte niedergeschlagen , ganz zerknirscht über seine Reden , die mir in meiner hungrigen Stimmung viel Wahres zu enthalten schienen . Doch wie erschrak ich , als - ( Mak . Bl . ) - für den Herausgeber dieser Blätter das angenehmste Ereignis von der Welt , daß er das ganze merkwürdige Gespräch Kreislers mit dem kleinen Geheimen Rat brühwarm wieder erfuhr . Dadurch wurde er in den Stand gesetzt , dir , geliebter Leser , wenigstens ein paar Bilder aus der frühern Jugendzeit des seltnen Mannes , dessen Biographie er aufzuschreiben gewissermaßen genötigt , vor die Augen zu bringen , und er vermeint , daß , was Zeichnung und Kolorit betrifft , diese Bilder wohl für charakteristisch und bedeutsam genug gelten können . Wenigstens mag man nach dem , was Kreisler von Tante Füßchen und ihrer Laute erzählt , nicht daran zweifeln , daß die Musik mit all ihrer wunderbaren Wehmut , mit all ihrem Himmelsentzücken recht in die Brust des Knaben mit tausend Adern verwuchs , und nicht zum Verwundern mag ' s darum auch sein , daß eben dieser Brust , wird sie nur leise verwundet , gleich heißes Herzblut entquillt . Auf zwei Momente aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters war bemeldeter Herausgeber besonders begierig , ja , wie man zu sagen pflegt , ganz versessen . Nämlich , auf welche Weise Meister Abraham in die Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes , und welche Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und umstempelte zum Kapellmeister , welches er hätte von Haus aus sein sollen , wiewohl man der ewigen Macht trauen darf , die jeden zu rechter Zeit an die rechte Stelle setzt . Manches ist darüber ausgemittelt worden , welches du , o Leser , sogleich erfahren sollst . Fürs erste ist gar nicht daran zu zweifeln , daß zu Göniönesmühl , wo Johannes Kreisler geboren und erzogen wurde , es einen Mann gab , der in seinem ganzen Wesen , in allem , was er unternahm , seltsam und eigentümlich erschien . Überhaupt ist das Städtlein Göniönesmühl seit jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge gewesen , und Kreisler wuchs auf , umgeben von den seltsamsten Figuren , die einen desto stärkern Eindruck auf ihn machen mußten , als er wenigstens während der Knabenzeit mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte . Jener Mann trug aber mit einem bekannten Humoristen gleichen Namen , denn er hieß Abraham Liscov und war ein Orgelbauer , welches Metier er bisweilen tief verachtete , zu anderer Zeit aber hoch in den Himmel erhob , so daß man nicht recht wußte , was er eigentlich wollte . So wie Kreisler erzählt , wurde in der Familie von dem Herrn Liscov immer mit hoher Bewunderung gesprochen . Man nannte ihn den geschicktesten Künstler , den es geben könne , und bedauerte nur , daß seine tollen Grillen , seine ausgelassenen Einfälle ihn von jedermann entfernt hielten . Als einen besondern Glücksfall rühmte dieser , jener , daß Herr Liscov wirklich dagewesen und seinen Flügel neu befiedert und gestimmt habe . Eben von Liscovs phantastischen Streichen wurde dann auch manches erzählt , welches auf den kleinen Johannes ganz besonders wirkte , so daß er sich von dem Mann , ohne ihn zu kennen , ein ganz bestimmtes Bild entwarf , sich nach ihm sehnte und , als der Oheim versicherte , Herr Liscov würde vielleicht kommen und den schadhaften Flügel reparieren , jeden Morgen fragte , ob Herr Liscov denn nicht endlich erscheinen werde . Dieses Interesse des Knaben für den unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur höchsten unstaunenden Ehrfurcht , als er in der Hauptkirche , die der Oheim in der Regel nicht zu besuchen pflegte , zum erstenmal die mächtigen Töne der großen schönen Orgel vernahm , und als der Oheim ihm sagte , niemand anders als eben Herr Abraham Liscov habe dies herrliche Werk verfertigt . Von diesem Augenblick an verschwand auch das Bild , das Johannes sich von Herrn Liscov entworfen , und ein ganz anderes trat an seine Stelle . Herr Liscov mußte nach des Knaben Meinung ein großer schöner Mann sein , von stattlichem Ansehen , hell und stark sprechen und vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen mit breiten goldnen Tressen wie der Pate Kommerzienrat , der so gekleidet ging , und vor dessen reicher Tracht der kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte . Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand , kam ein kleiner hagerer Mann die Straße herab geschossen , in einem Roquelaur von hellgrünem Berkan , dessen offne Ärmelklappen seltsam im Winde auf und nieder flatterten . Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hütchen martialisch auf die weißgepuderte Frisur gedrückt , und ein zu langer Haarzopf schlängelte sich herab über den Rücken . Er trat hart auf , daß das Straßenpflaster dröhnte , und stieß auch bei jedem zweiten Schritt mit dem langen spanischen Rohr , das er in der Hand trug , heftig auf den Boden . Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam , warf er aus seinen funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu , ohne seinen Gruß zu erwidern . Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch alle Glieder , und zugleich war es ihm zumute , als müsse er über den Mann entsetzlich lachen und könne nur nicht dazu kommen , weil ihm die Brust so beengt . » Das war der Herr Liscov , « sprach der Oheim . » Das wußte ich ja , « erwiderte Johannes , und er mochte recht haben . Weder ein großer stattlicher Mann war Herr Liscov , noch trug er einen pflaumfarbnen Rock mit goldnen Tressen , wie der Pate Kommerzienrat , seltsam , ja wunderbar genug begab es sich aber , daß Herr Liscov ganz genau so aussah , wie der Knabe sich ihn früher gedacht hatte , ehe er das Orgelwerk vernommen . Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefühl erholt , das dem eines jähen Schrecks zu vergleichen , als Herr Liscov plötzlich stillstand , sich umdrehte , die Straße entlang hinanpolterte , bis vor das Fenster , dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte , davonrannte unter lautem Gelächter . » Ist das , « sprach der Oheim , » ist das wohl ein Betragen für einen gesetzten Mann , der in den Studiis nicht unerfahren , der als privilegierter Orgelbauer zu den Künstlern zu rechnen , und dem die Gesetze des Landes verstatten , einen Degen zu tragen ? Sollte man nicht vermeinen , er habe schon am lieben frühen Morgen zu tief ins Glas geguckt oder sei dem Tollhause entsprungen ? Aber ich weiß es , nun wird er herkommen und den Flügel in Ordnung bringen . « Der Oheim hatte recht . Schon andern Tages war Herr Liscov da , aber statt die Reparatur des Flügels vorzunehmen , verlangte er , der kleine Johannes sollte ihm vorspielen . Dieser wurde auf den mit Büchern bepackten Stuhl gesetzt , Herr Liscov ihm gegenüber am schmalen Ende des Flügels stützte beide Arme auf das Instrument und sah dem Kleinen starr ins Antlitz , welches ihn dermaßen außer Fassung brachte , daß die Menuetts , die Arien , die er aus dem alten Notenbuche abspielte , holpricht genug gingen . Herr Liscov blieb ernst , aber plötzlich rutschte der Knabe herab und versank unter des Flügels Gestell , worüber der Orgelbauer , der ihm mit einem Ruck die Fußbank unter den Füßen weggezogen , eine unmäßige Lache aufschlug . Beschämt rappelte sich der Knabe hervor , doch in dem Augenblick saß Herr Liscov auch schon vor dem Flügel , hatte einen Hammer hervorgezogen und hämmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los , als wolle er alles in tausend Stücken schlagen . » Herr Liscov , sind Sie von Sinnen ! « schrie der Onkel , aber der kleine Johannes , ganz entrüstet , ganz außer sich über des Orgelbauers Beginnen , stemmte sich mit aller Gewalt gegen den Deckel des Instruments , so , daß er mit lautem Krachen zuschlug , und Herr Liscov schnell den Kopf zurückziehen mußte , um nicht getroffen zu werden . Dann rief er : » Ei , lieber Onkel , das ist nicht der geschickte Künstler , der die schöne Orgel gebaut hat , er kann es nicht sein , denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch , der sich beträgt wie ein ungezogner Bube ! « - Der Oheim verwunderte sich über die Dreistigkeit des Knaben ; aber Herr Liscov sah ihn lange starr an , sprach : » Er ist wohl ein kurioser Monsieur ! « öffnete leise und behutsam den Flügel , zog Instrumente hervor , begann seine Arbeit , die er in ein paar Stunden beendete , ohne ein einziges Wort zu sprechen . Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene Vorliebe für den Knaben . Beinahe täglich kam er ins Haus und wußte den Knaben bald für sich zu gewinnen , indem er ihm eine ganz neue bunte Welt erschloß , in der sich sein reger Geist mutiger und freier bewegen konnte . Eben nicht löblich war es , daß Liscov , vorzüglich als Johannes schon in Jahren mehr vorgerückt , den Knaben anregte zu den seltsamsten Foppereien , die oft gegen den Oheim selbst gerichtet waren , der freilich , beschränkten Verstandes und voll der lächerlichsten Eigenheiten , dazu reichen Anlaß bot . Gewiß ist es aber , daß , wenn Kreisler über die trostlose Verlassenheit in seinen Knabenjahren klagt , wenn er das zerrissene Wesen , das ihn oft in seiner innersten Natur verstört , jener Zeit zuschreibt , wohl das Verhältnis mit dem Oheim in Anschlag zu bringen ist . Er konnte den Mann , der Vaterstelle zu vertreten berufen , und der ihm mit seinem ganzen Tun und Wesen lächerlich erscheinen mußte , nicht achten . Liscov wollte den Johannes ganz an sich reißen , und es wäre ihm gelungen , hätte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gesträubt . Ein durchdringender Verstand , ein tiefes Gemüt , eine ungewöhnliche Erregbarkeit des Geistes , alles das waren anerkannte Vorzüge des Orgelbauers . Was man aber Humor zu nennen beliebte , war nicht jene seltne wunderbare Stimmung des Gemüts , die aus der tieferen Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen , aus dem Kampf der feindlichsten Prinzipe sich erzeugt , sondern nur das entschiedene Gefühl des Ungehörigen , gepaart mit dem Talent , es ins Leben zu schaffen , und der Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung . Dies war die Grundlage des verhöhnenden Spottes , den Liscov überall ausströmen ließ , der Schadenfreude , mit der er alles als ungehörig Erkannte rastlos verfolgte bis in die geheimsten Winkel . Eben diese schadenfrohe Verspottung verwundete des Knaben zartes Gemüt und stand dem innigsten Verhältnis , wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung väterliche Freund herbeigeführt haben würde , entgegen . Zu leugnen ist aber auch nicht , daß der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war , den Keim des tiefem Humors , der in des Knaben Innern lag , zu hegen und zu pflegen , der denn auch sattsam gedeihte und emporwuchs . - Herr Liscov pflegte viel von Johannes ' Vater zu erzählen , dessen vertrautester Freund er in seinen Jünglingsjahren gewesen , zum Nachteil des erziehenden Oheims , der merklich in den Schatten trat , wenn der Bruder in hellem Sonnenlicht erschien . So rühmte auch eines Tages der Orgelbauer den tiefen musikalischen Sinn des Vaters und verspottete die verkehrte Art , wie der Oheim dem Knaben die ersten Elemente der Musik beigebracht . Johannes , dessen ganze Seele durchdrungen war von dem Gedanken an den , der ihm der Nächste gewesen , und den er nie gekannt , wollte immer noch mehr hören . Da verstummte aber Liscov plötzlich und sah wie einer , dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die Seele tritt , starr zum Boden nieder . » Was ist Euch , Meister , « fragte Johannes , » was bewegt Euch so ? « - Liscov fuhr auf wie aus einem Traum und sprach lächelnd : » Weißt du noch , Johannes , wie ich dir die Fußbank wegzog unter den Beinen und du hinabschobst unter den Flügel , da du mir des Oheims abscheuliche Murkis und Menuetten vorspielen mußtest ? « » Ach , « erwiderte Johannes , » wie ich Euch zum ersten Male sah , daran mag ich gar nicht denken . Es machte Euch gerade Spaß , ein Kind zu betrüben . « » Und das Kind , « nahm Liscov das Wort , » war dafür tüchtig grob . - Doch nimmermehr hätt ' ich damals geglaubt , daß in Euch ein solch tüchtiger Musiker verborgen , und darum , Söhnlein , tu mir den Gefallen und spiele mir einen ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv . Ich will den Balg treten . « - Es ist hier nachzuholen , daß Liscov großen Geschmack fand an allerlei wunderlichen Spielereien und den Johannes damit sehr ergötzte . Schon als Johannes noch ein Kind , pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend etwas Seltsames mitzubringen . Empfing das Kind bald einen Apfel , der in hundert Stücke zerfiel , wenn er abgeschält wurde , oder irgendein seltsam geformtes Backwerk , so wurde der erwachsene Knabe bald mit diesem , bald mit jenem überraschenden Kunststück aus der natürlichen Magie erfreut , so half der Jüngling optische Maschinen bauen , sympathetische Tinten kochen u.s.w. An der Spitze der mechanischen Künsteleien , die der Orgelbauer für den Johannes verfertigte , stand aber ein Positiv mit achtfüßigem Gedackt , dessen Pfeifen von Papier geformt , das mithin jenem Kunstwerk des alten Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert , Eugenius Casparini geheißen , glich , welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu sehen . Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton , dessen Stärke und Anmut unwiderstehlich hinriß , und Johannes versichert noch , daß er niemals darauf spielen können , ohne in die tiefste Bewegung zu geraten , und daß ihm dabei manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell aufgegangen . - Auf diesem Positiv mußte Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen . Nachdem er , wie Liscov verlangt , ein paar Choräle gespielt , fiel er in den Hymnus : » Misericordias domini cantabo , « den er vor wenigen Tagen gesetzt . - Da Johannes geendet , so sprang Liscov auf , drückte ihn stürmisch an die Brust , rief laut lachend : » Hasenfuß , was foppst du mich mit deiner lamentablen Kantilena ? Wär ' ich nicht immer und ewig dein Kalkant gewesen , nichts Vernünftiges hättest du jemals herausgebracht . - Aber nun renne ich fort und lasse dich im Stich ganz und gar , und du magst dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen , der es mit dir so gut meint als ich ! « - Dabei standen ihm die hellen Tränen in den Augen . Er sprang zur Türe heraus , die er sehr heftig zuschlug . Dann steckte er aber nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich : » Es kann nun einmal nicht anders sein . - Adieu , Johannes ! - Wenn der Oheim seine rotgeblümte Gros-de-Tourweste vermißt , so sage nur , ich hätte sie gestohlen und ließe mir daraus einen Turban machen , um dem Großsultan vorgestellt zu werden ! - Adieu , Johannes ! « - Kein Mensch konnte begreifen , warum Herr Liscov so plötzlich die angenehme Stadt Göniönesmühl verlassen , warum er niemanden entdeckt , wohin er sich zu wenden entschlossen . Der Oheim sprach : » Längst hab ' ich vermutet , daß der unruhige Geist sich auf und davon machen würde , denn er hält es , unerachtet er schöne Orgeln verfertigt , doch nicht mit dem Spruch : Bleibe im Lande und nähre dich redlich ! - Es ist nur gut , daß unser Flügel imstande ; nach dem überspannten Menschen selbst frag ' ich nicht viel ! « - Anders dachte wohl Johannes , dem Liscov überall fehlte , und dem nun ganz Göniönesmühl ein totes düstres Gefängnis dünkte . So kam es , daß er den Rat des Orgelbauers befolgen und sich , in der Welt einen andern Kalkanten suchen wollte . Der Oheim meinte , da er seine Studien vollendet , könne er in der Residenz sich unter den Fittich des Geheimen Legationsrates begeben und vollends ausbrüten lassen . - Es geschah so ! - In diesem Augenblick ärgert sich gegenwärtiger Biograph über alle Maßen , denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt , von dem er dir , geliebter Leser , zu erzählen versprochen , nämlich wie Johannes Kreisler den wohlerworbnen Posten eines Legationsrates verlor und gewissermaßen aus der Residenz verwiesen wurde , wird er gewahr , daß alle Nachrichten , die ihm darüber zu Gebote stehen , ärmlich , dürftig , seicht , unzusammenhängend sind . - Es genügt indessen am Ende wohl , zu sagen , daß bald , nachdem Kreisler in die Stelle seines verstorbenen Oheims getreten und Legationsrat geworden , ehe man sich ' s versah , ein gewaltiger gekrönter Koloß den Fürsten in der Residenz heimsuchte und ihn als seinen besten Freund so innig und herzlich in seine eiserne Arme schloß , daß der Fürst darüber den besten Teil seines Lebensatems verlor . Der Gewaltige hatte in seinem Tun und Wesen etwas ganz Unwiderstehliches , und so kam es , daß seine Wünsche befriedigt werden mußten , sollte auch , wie es wirklich geschah , darüber alles in Not und Verwirrung geraten . Manche fanden die Freundschaft des Gewaltigen etwas verfänglich , wollten sich wohl gar dagegen auflehnen , gerieten aber selbst darüber in das verfängliche Dilemma , entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft anzuerkennen oder außerhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen , um vielleicht den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken . Kreisler befand sich unter diesen . Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche Unschuld konserviert , und ebendeshalb gab es Augenblicke , in denen er nicht wußte , wozu sich entschließen . Eben in einem solchen Augenblick erkundigte er sich bei einer hübschen Frau in tiefer Trauer , was sie überhaupt von Legationsräten halte . Sie erwiderte vieles in zierlichen artigen Worten , am Ende kam aber so viel heraus , daß sie von einem Legationsrat gar nicht viel halten könne , sobald er sich auf enthusiastische Weise mit der Kunst beschäftige , ohne sich ihr ganz zuzuwenden . » Vortrefflichste der Witwen , « sprach darauf Kreisler , » ich reiße aus ! « Als er bereits Reisestiefeln angezogen und mit dem Hut in der Hand sich empfehlen wollte , nicht ohne Rührung und gehörigen Abschiedsschmerz , steckte ihm die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem Großherzog , der das Ländchen des Fürsten Irenäus verspeist , in die Tasche . Kaum ist es nötig , hinzuzufügen , daß die Dame in Trauer niemand anders war , als die Rätin Benzon , die eben des Rates verlustig geworden , da der Gemahl verstorben . Merkwürdigerweise trug es sich zu , daß die Benzon eben zu der Zeit , als - ( M. f. f. ) - Ponto gerade zu auf das Brot und Würste feilhaltende Mädchen loshüpfte , die mich , da ich freundlich bei ihr zulangte , beinahe totgeschlagen . » Mein Pudel Ponto , mein Pudel Ponto , was tust du , nimm dich in acht , hüte dich vor der herzlosen Barbarin , vor dem rachedürstenden Wurstprinzip ! « - So rief ich hinter Ponto her , ohne auf mich zu achten , setzte er aber seinen Weg fort , und ich folgte in der Ferne , um , sollte er in Gefahr geraten , mich gleich aus dem Staube machen zu können . - Vor dem Tisch angekommen , richtete sich Ponto auf den Hinterfüßen in die Höhe und tänzelte in den zierlichsten Sprüngen um das Mädchen her , die sich darüber gar sehr erfreute . Sie rief ihn an sich , er kam , legte den Kopf in ihren Schoß , sprang wieder auf , bellte lustig , hüpfte wieder um den Tisch , schnupperte bescheiden und sah dem Mädchen freundlich in die Augen . » Willst du ein Würstchen , artiger Pudel ? « So fragte das Mädchen , und als nun Ponto , anmutig schwänzelnd , laut aufjauchzte , nahm sie zu meinem nicht geringen Erstaunen eine der schönsten größten Würste und reichte sie dem Ponto dar . Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett und eilte dann zu mir mit der Wurst , die er mit den freundlichen Worten hinlegte : » Da iß , erquicke dich , Bester ! « Nachdem ich die Wurst verzehrt , lud mich Ponto ein , ihm zu folgen , er wolle mich zurückführen zum Meister Abraham . Wir gingen langsam nebeneinander her , so daß es uns nicht schwer fiel , wandelnd vernünftige Gespräche zu führen . » Ich seh ' es wohl ein , « ( so begann ich die Unterredung ) » daß du , geliebter Ponto , es viel besser verstehst , in der Welt fortzukommen , als ich . Nimmermehr würd ' es mir gelungen sein , das Herz jener Barbarin zu rühren , welches dir so ungemein leicht wurde . Doch verzeih ! - In deinem ganzen Benehmen gegen die Wurstverkäuferin lag doch etwas , wogegen mein innerer mir angeborner Sinn sich auflehnt . Eine gewisse unterwürfige Schmeichelei , ein Verleugnen des Selbstgefühls , der edleren Natur - nein ! guter Pudel , nicht entschließen könnte ich mich , so freundlich zu tun , so mich außer Atem zu setzen mit angreifenden Manoeuvres , so recht demütig zu betteln , wie du es tatest . Bei dem stärksten Hunger , oder wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt , begnüge ich mich , hinter dem Meister auf den Stuhl zu springen und meine Wünsche durch ein sanftes Knurren anzudeuten . Und selbst dies ist mehr Erinnerung an die übernommene Pflicht , für meine Bedürfnisse zu sorgen , als Bitte um eine Wohltat . « Ponto lachte laut auf , als ich dies gesprochen , und begann denn : » O Murr , mein guter Kater , du magst ein tüchtiger Literatus sein und dich wacker auf Dinge verstehen , von denen ich gar keine Ahnung habe , aber von dem eigentlichen Leben weißt du gar nichts und würdest verderben , da dir alle Weltklugheit gänzlich abgeht . - Fürs erste würdest du vielleicht anders geurteilt haben , ehe du die Wurst genossen , denn hungrige Leute sind viel artiger und fügsamer als satte , dann aber bist du rücksichts meiner sogenannten Unterwürfigkeit in großem Irrtum . Du weißt ja , daß das Tanzen und Springen mir großes Vergnügen macht , so daß ich es oft auf meine eigene Hand unternehme . Treibe ich nun , eigentlich nur zu meiner Motion , meine Künste vor den Menschen , so macht es mir ungemeinen Spaß , daß die Toren glauben , ich täte es aus besonderen Wohlgefallen an ihrer Person und nur , ihnen Lust und Freude zu erregen . Ja , sie glauben das , sollte auch eine andere Absicht ganz klar sein . Du hast , Geliebter , das lebendige Beispiel davon soeben erfahren . Mußte das Mädchen nicht gleich einsehen , daß es mir nur um eine Wurst zu tun war , und doch geriet sie in volle Freude , daß ich ihr , der Unbekannten , meine Künste vormachte , als einer Person , die dergleichen zu schätzen vermögend , und eben in dieser Freude tat sie das , was ich bezweckte . Der Lebenskluge muß es verstehen , allem , was er bloß seinetwegen tut , den Anschein zu geben , als täte er es um anderer willen , die sich dann hoch verpflichtet glauben und willig sind zu allem , was man bezweckte . Mancher erscheint gefällig , dienstfertig , bescheiden , nur den Wünschen anderer lebend und hat nichts im Auge als sein liebes Ich , dem die andern dienstbar sind , ohne es zu wissen . Das , was du also unterwürfige Schmeichelei zu nennen beliebst , ist nichts als weltkluges Benehmen , das in der Erkenntnis und der foppenden Benutzung der Torheit anderer seine eigentlichste Basis findet . « » O Ponto , « erwiderte ich , » du bist ein Weltmann , das ist gewiß , und ich wiederhole , daß du dich auf das Leben besser verstehst als ich , aber demunerachtet kann ich kaum glauben , daß deine seltsamen Künste dir selbst Vergnügen machen sollten . Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststück durch Mark und Bein gegangen , als du in meiner Gegenwart deinem Herrn ein schönes Stück Braten apportiertest , es sauber zwischen den Zähnen haltend , und nicht eher einen Bissen davon genossest , bis dein Herr dir die Erlaubnis zuwinkte . « » Sage mir doch , « fragte Ponto , » sage mir doch , guter Murr , was sich nachher begab ! « » Beide , « erwiderte ich , » dein Herr und Meister Abraham , lobten dich über alle Maßen und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin , den du mit erstaunlichem Appetit verzehrtest . « » Nun , « fuhr Ponto fort , » nun also , bester Kater , glaubst du wohl , daß , hätt ' ich apportierend das kleine Stück Braten gefressen , daß ich dann eine solch reichliche Portion und überhaupt Braten erhalten ? Lerne , o unerfahrner Jüngling , daß man kleine Opfer nicht scheuen darf , um Großes zu erreichen . Mich wundert ' s , daß bei deiner starken Lektüre dir nicht bekannt worden , was es heißt , die Wurst nach der Speckseite werfen . - Pfote aufs Herz , muß ich dir gestehen , daß , träf ' ich einsam im Winkel einen ganzen schönen Braten an , ich ihn ganz gewiß verzehren würde , ohne auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten , könnt ' ich das nur unbelauscht vollbringen . Es liegt nun einmal in der Natur , daß man im Winkel ganz anders handelt als auf offner Straße . - Übrigens ist es auch ein aus tiefer Weltkenntnis geschöpfter Grundsatz , daß es ratsam ist , in Kleinigkeiten ehrlich zu sein . « Ich schwieg einige Augenblicke , über Pontos geäußerte Grundsätze nachdenkend , mir fiel ein , irgendwo gelesen zu haben , ein jeder müsse so handeln , daß seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten könne , oder wie er wünsche , daß alle rücksichts seiner handeln möchten , und bemühte mich vergebens , dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in Übereinstimmung zu bringen . Mir kam in den Sinn , daß alle Freundschaft , die mir Ponto in dem Augenblick erzeigte , wohl auch gar zu meinem Schaden , nur seinen eignen Vorteil bezwecken könne , und ich äußerte dies unverhohlen . » Kleiner Schäker , « rief Ponto lachend , » von dir ist gar nicht die Rede ! - Du kannst mir keinen Vorteil gewähren , keinen Schaden verursachen . Um deine toten Wissenschaften beneide ich dich nicht , dein Treiben ist nicht das meinige , und solltest du dir es etwa beikommen lassen , feindliche Gesinnungen gegen mich zu äußern , so bin ich dir an Stärke und Gewandtheit überlegen . Ein Sprung , ein tüchtiger Biß meiner scharfen Zähne würde dir auf der Stelle den Garaus machen . « Mich wandelte eine große Furcht an vor meinem eignen Freunde , die sich vermehrte , als ein großer schwarzer Pudel ihn freundlich nach gewöhnlicher Art begrüßte und beide , mich mit glühenden Augen anblickend , leise miteinander sprachen . Die Ohren angekniffen , drückte ich mich an die Seite , doch bald sprang Ponto , den der Schwarze verlassen , wieder auf mich zu und rief : » Komm nur , mein Guter ! « » Ach Himmel , « fragte ich in der Bestürzung , » wer war denn der ernste Mann , der vielleicht ebenso weltklug als du ? « » Ich glaube gar , « erwiderte Ponto , » du fürchtest dich vor meinem guten Oheim , dem Pudel Skaramuz ? Ein Kater bist du schon und willst nun gar ein Hase werden . - « » Aber « , sprach ich , » warum warf der Oheim mir solche glühende Blicke zu , und was flüstertet ihr so heimlich , so verdächtig miteinander ? - « - » Nicht verhehlen , « erwiderte Ponto , » nicht verhehlen will ich ' s dir , mein guter Murr , daß mein alter Oheim etwas mürrisch ist und , wie es denn nun bei alten Leuten gewöhnlich der Fall , an verjährten Vorurteilen hängt . Er wunderte sich über unser Beisammensein , da die Ungleichheit unsers Standes jede Annäherung verbieten müsse . Ich versicherte , daß du ein junger Mann von vieler Bildung und angenehmem Wesen wärst , der mich bisweilen sehr belustige . Da meinte er , denn könne ich mich wohl dann und wann einsam mit dir unterhalten , nur solle ich ' s mir nicht etwa einfallen lassen , dich mitzubringen in eine Pudelassemblee , da du nun und nimmermehr assembleefähig werden könntest , schon deiner kleinen Ohren halber , die nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten und von tüchtigen großgeohrten Pudeln durchaus für unanständig geachtet würden . - Ich versprach das . « Hätt ' ich schon damals etwas gewußt