Bettlern nie ganz bequem machen , « sagte Oswald , » damit sie auch Lust bekommen , sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen . « Darum ward jeder Winkel im Hause zu Schlafstellen benutzt . Unter dem Dache des Hauses bewahrte man angekaufte Vorräthe von Wolle , Hanf , Nutzholz und dergleichen . Sobald Alles und Jedes vorbereitet war , nahmen die Vorgesetzten ein Namensverzeichniß auf von denjenigen Personen im Dorfe , welche nicht ohne Unterstützung von der Gemeinde leben konnten . Das war bald gemacht . Man kannte diese Leute nur allzugut . Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene Wohnungen ; Andere aber zogen ohne Obdach umher , dem Bettel nach , von Stall zu Stall . Diejenigen nun , welche keine eigenen Wohnungen besaßen , wurden aufgefangen und ins Spital gebracht . Sie gingen willig , denn der kalte Winter war vor der Thür . Diejenigen , welche zwar eine Stube hatten , aber mit andern armen Leuten gedrängt beisammen wohnten , so daß Alt und Jung , Leute beiderlei Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mußten , wurden ohne Umstände ins Spital geführt . Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen , die darin nachweisen konnten , daß sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten . Also waren sämmtliche Arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen zerfallen . Die , welche eigene Wohnungen hatten , hießen Häusler ; die , welche ins Spital kamen , hießen Spittler . Beide aber wurden als Genossen der gemeinen Armenanstalt betrachtet , ohne Unterschied . Wo Kinder waren , ließ man sie gern bei ihren Aeltern . War aber die Behausung derselben zu klein , oder waren die Aeltern ruchlos und unsittlich oder im Spital : so suchte man die Kinder bei guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen , nicht bei armen Leuten um Geld , auch nicht bei reichen Leuten , sondern bei solchen , die durch ihre Rechtschaffenheit bekannt waren . Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der Armenanstalt , und die Pflegeältern , wenn sie es verlangten , auch geringe Entschädigung . Aber die Wenigsten , die Kinder zu sich genommen hatten , forderten Entschädigung . Sie thaten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus Frömmigkeit . Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater . Er hatte zween böse , muthwillige naschhafte Knaben , die Keiner annehmen wollte , zu sich ins Haus genommen , und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden . Auf diese Weise brachte man die Kinder an , und sie sahen nicht täglich mehr das böse Beispiel ihrer Aeltern , und lernten arbeitsam und gottesfürchtig werden , da sie sonst nur zum Betteln , Stehlen und müßigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren . Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also vertheilte und Jeglichem sein rechtes Obdach gab , ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein Hauptgrundsatz aufgestellt , nämlich : Wer nicht im Stande ist , sich selbst zu erhalten , und von Keinem versorgt wird , den muß die Gemeinde versorgen . Wen aber die Gemeinde versorgen muß , den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu bevogten , damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne . Das war nicht anders als recht und billig . Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund oder Vogt gesetzt . Dieser Vogt hatte über Nahrung , Kleidung , Vermögen , Schulden und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu thun ; mußte über Ordnung und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen , die ihnen gegeben ward . Dabei verfuhr man sehr streng . Denn da auch die Häusler ihre Nahrung aus der Spitalküche bekamen , wo , wie in der theuren Zeit , die Sparsuppe gemeinschaftlich gekocht wurde , und sie Kleider und Geräth von der Armenpflege erhielten , so mußten sie auch für die Armenanstalt arbeiten , und damit ihr Brod und was ihnen sonst zukam , wieder abverdienen . Was sie außer der aufgetragenen Arbeit durch größern Fleiß verdienten , ward ihnen bezahlt . Sowohl dies Geld , als das , was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten , bekamen sie nicht in die Hände , sondern wurde in die Ersparnißkasse für sie gelegt . Denn Leute , die zu ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen , brauchten kein baares Geld ; sie mußten aber erst sparen und haushalten lernen . Jeder Vogt mußte dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben . Denn der Herr Pfarrer war der rechte Oberaufseher aller Vögte ; er war der Pfleger aller Armen und führte darüber ein eigenes Buch . Fand er gegen einen Vogt zu klagen , so daß derselbe sein menschenfreundliches Amt übel versah , so ward der Unwürdige von den Ortsvorstehern geradezu abgesetzt . Diese beständige , unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes . Denn weil das Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging , war es weniger mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet . Jeder that das Wenige gern und unentgeldlich aus christlichem Gemüth . Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer unter den Vormündern , wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete , die ihm anvertrauten Personen durch Rath und Anweisung und Beihülfe emporzubringen . So hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen Freund , Vater und Fürsprecher und Schutzengel gefunden , dem sie lebenslänglich dankbar wurde . Nun aber war die Frage : woher Nahrung und Kleider für die Armen nehmen ? Der Zins des Armenguts reicht nicht zu . Oswald aber sagte : » Es wäre wohl böse , wenn die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brod verdienen könnten . Alle zusammen , Häusler und Spittler , Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige große Haushaltung , und müssen Einer für Alle , Alle für Einen arbeiten . Die Häusler müssen in der Woche arbeiten , was ihnen aufgegeben wird ; die Spittler müssen des Tages acht Stunden arbeiten , mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage . « Und so ging es . Wer nicht arbeiten wollte , der ward ins finstere Loch des Thurms gesperrt ; da saß er und bekam zum Getränk kaltes Wasser , und zur Nahrung geschwellte Erdäpfel , kalt und ohne Salz , welche die Andern nicht hatten essen mögen . Das war Keinem angenehm . Wer aber arbeitete , hatte täglich warme Speisen , Suppe , Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch . Wer , außer den acht Arbeitsstunden , noch fleißiger sein wollte , konnte sich damit Geld verdienen . Seine verfertigte Waare ward für ihn verkauft , und das erlösete Geld für ihn als ein kleines Kapital in die Ersparnißkasse an Zins gethan . So sammelten sie sich ein kleines Vermögen . - Wer fluchte oder schwor , unzüchtig redete , Unordnung trieb , kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit . Wer aber fein still und ehrbarlich lebte , der hatte Hoffnung , seinen Zustand zu verbessern . Er konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden . Denn aus den bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher über die Arbeiten und das Betragen der Andern , über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafstätten und Kleider erwählt . Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister , der selbst ein Spittler war . Der Spitalmeister , so wie die Köchinnen , hatten den Vortheil , nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden . Was sie neben ihren Amtsgeschäften verdienen konnten , das war ihr Eigenthum und kam in die Ersparnißkasse . Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages für die Gemeinschaft mitzuarbeiten ; die übrigen Stunden waren ihnen erlaubt , für ihren Vortheil fleißig zu sein . Die Köchinnen hatten es eben so . Elsbeth führte die Oberaufsicht der Spitalküche . Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen . Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht über Wäsche , Kleidung und Geräth der Spittler . - Also wurden sämmtliche Spittler zwischen Furcht der Strafe und Hoffnung des Nutzens gestellt und zu ihrem eigenen Besten hingeleitet . Und Arbeit gab es für die Armenhaushaltung vollauf im ganzen Jahr . Vor allen Dingen mußten Spittler und Häusler gemeinschaftlich nicht nur die Gärten und Felder des Spitals bestellen , das Getreide , Kohl , Rüben , Bohnen , Salat , Erdäpfel , Flachs , Hanf , Oelpflanzen u.s.w. bauen , sondern auch gemeinschaftlich ihr von der Gemeinde empfangenes Pachtland bearbeiten . Doch behielt jeder Besitzer den Nutzen von seinem Stückchen Gemeinlandes , also daß er , nach Abzug dessen , was er ebenfalls der Armenanstalt noch für Nahrung , Kleidung und Obdach schuldig geblieben , das Uebrige verkaufen lassen konnte von seinem Vogt ; der Gewinn kam in die Ersparnißkasse . Ferner mußten die Männer Straßen verbessern ; Brunnen reinigen ; feuchte , moosige Stellen des Waldes durch Abzugsgraben trocken legen ; für das Spital und die Häusler Holz fällen und spalten ; im Walde leere Stellen mit jungen Tannen , Buchen und Eichen besetzen , und sonst allerlei Maurer- und Zimmermannsarbeit zur Ausbesserung des Spitals oder der Häuslerwohnungen verrichten . Bei schlechtem Wetter oder im Winter hatten die Männer noch weit mehr zu thun . Da mußten die , welche mit Drehbank , Hobel und Säge etwas umzugehen wußten , Haus- und Küchen- und Feldgeräth aller Art verfertigen . Andere lernten aus Wollen- und Leingarn ein ländliches Halbtuch weben , das sehr dauerhaft war , oder aus Hanf- und Flachsgarn Leinwand verfertigen . Immer waren einige Webstühle Winters und Sommers in Bewegung . Die Weiber , selbst die Kinder der Häusler und Spittler , mußten , wenn es an Leuten mangelte , bei der Feldarbeit helfen ; außerdem bei dem Reinigen und Ausbessern der Wäsche und Kleider sämmtlicher Häusler und Spittler thätig sein ; Wolle , Hanf und Flachs spinnen , oder für die Weber spulen ; Strümpfe und Kappen stricken , Bettzeug und Hemden nähen , und dergleichen mehr . Alle arbeiteten für Einen , und Einer für Alle . Die Leute befanden sich dabei so gut , daß nachher noch ein paar Familien freiwillig zur Armenanstalt übergingen , da sie vorher aus Furcht erklärt hatten , sie könnten sich ohne allen Bettel und ohne Unterstützung von der Gemeinde erhalten . Diese Einrichtung war darum sehr vorteilhaft , weil die Verwaltung nun keine Unkosten verursachte . Denn der Spittlermeister , die Unteraufseher und Köchinnen , die Mägde , Holzspalter u.s.w. kosteten nichts . Es waren Spittler . Der Pfarrer , die Vormünder , Oswald und Elsbeth nahmen für ihre Liebeswerke keinen Lohn . Der brave Schulmeister , Johannes Heiter , führte unentgeldlich die Buchhaltung und Rechnung über Einnahme , Ausgabe und erspartes Vermögen der Spittler und Häusler mit ungemeiner Pünktlichkeit . Ferner : die ganze Wirtschaft erhielt sich selbst . Die Leute pflanzten und kochten ihre Nahrung selber ; spannen , woben und schneiderten ihre Kleider selber aus selbstgezogenem Hanf und Flachs ; verfertigten ihre Tische , Bänke , Stühle und Holzteller , Schränke u.s.w. selber ; besserten Zimmer , Gebäude und Geräthe selber aus . Es wurde bald mehr Nahrung gewonnen , mehr Garn und Tuch und allerlei Geräth verfertigt , als verbraucht . Das wurde verkauft zum Nutzen der Anstalt , und für das Geld wieder eingekauft , was man an Wolle , Eisen u.s.w. nöthig hatte . Die fleißigern Häusler verdienten noch außer den gesetzlichen Arbeitsstunden durch mancherlei Arbeit oder Taglohn ein schönes Stück Geld . Das ward ihnen an Zins gelegt oder angewandt , um ihnen zur Vervollkommnung ihrer Nebenarbeiten das fehlende Werkzeug und rohe Stoffe zu verschaffen . Schon im zweiten Jahre brauchte man den Zins vom Armenfond nicht mehr ganz . Weil die Leute bei einfacher Kost viel arbeiteten und Männer und Weiber ohnedem fast beständig getrennt lebten , verging ihnen die Ueppigkeit von selbst . Zudem war ein Gemeindsgesetz : es konnte Keiner heirathen , als der , welcher sich außer der Armenanstalt , ohne Hülfe der Gemeinde , ernähren konnte . Das Beste , was man noch rühmen mußte , war die Gottesfurcht , welche allmälig bei diesen einst verwilderten Leuten immer mehr Eingang fand . Und auch das war ein Verdienst des Herrn Pfarrers . Denn alle Wochen hielt er einigemal mit den Spittlern die Abendandacht ; dazu kamen auch die Häusler . Da sprach er dann viel Heilsames und Lehrreiches über ihren Seelenzustand , und zeigte ihnen , wie durch Gottes- und Menschenliebe in der Welt , wie in der Ewigkeit , das reinste Glück des Herzens gefunden werde . Diese Erbauungsstunden fruchteten zur Besserung weit mehr noch , als die Drohungen und Strafen der Obrigkeit . Uebrigens stand jedem Spittler und Häusler vollkommen frei , die Anstalten zu verlassen , wenn er wollte . Er mußte nur zeigen , wie er sich selbstständig und auf ehrliche Weise durch die Welt bringen könne und wolle . Und es war Gesetz , daß , wenn Jemand die Anstalt verlassen und sich über ein Jahr lang ohne Bettelei , ohne fremde Unterstützung , durch eigenen , häuslichen Fleiß erhalten und gutes Lob und Zeugniß erworben hatte , daß er sodann den freien Gebrauch seines kleinen , in der Ersparnißkasse befindlichen Vermögens empfing . Natürlich hatte er dann auch keinen Vogt mehr , und war gehalten wie jeder andere Bürger . Was die Goldenthaler Armenanstalten vorzüglich von andern dergleichen ruhmvoll und segensvoll unterschied , war : daß die armen Leute gezwungen wurden , Alles , was sie zur Nahrung , Kleidung und Bequemlichkeit gebrauchten , durchaus selbst zu machen . Es sorgte Niemand für sie ; sie mußten für sich selbst sorgen und arbeiten . Hier war keine stillsitzende Lebensart , hier keine ungewisse , leichte Fabrikarbeit , wodurch arme Leute zu schwerer Arbeit nachher untauglich werden , hier gab es keinen leichten Verdienst , wo junge Mädchen und Knaben bald eben so viel Geld gewinnen können , als die Alten , was dann zur Ueppigkeit , zu frühen Heirathen und zur Vermehrung des Lumpengesindels beiträgt . Hier mußte Jeder seine Kraft für das anstrengen , was ihm lebenslänglich wohlthat , wenn er es konnte ; er mußte graben , hacken , säen , pflanzen , dreschen , zimmern , hobeln , spinnen , weben , schneidern . 28. Probieren geht über Studieren . Es war auch in Goldenthal , wie an andern Orten . Sobald irgend ein verständiger Mann etwas Neues auf die Bahn brachte , um damit etwas offenbar Schädliches abzuschaffen , machte sich Jeder ein Geschäft daraus , es zu verhindern . Dann ward Jeder ein Bedenklichkeitskrämer und hatte Zweifel feil ; dann schüttelte Jeder den Kopf , zuckte die Achseln und sang das berühmte Lied aller feigen und trägen Memmen : Laß es sein , es ist zu schwer ; Es geht nun und nimmermehr . Oswald wußte das wohl , und war aus Erfahrung und Schaden klug geworden Hätte er seinen Goldenthalern den ganzen langen Plan von den Armenanstalten , wie er sie im Sinn hatte , vorher bekannt gemacht , so würde Jedermann erschrocken gewesen sein , sich in der Betrachtung desselben verwirrt , ihn geradezu verworfen und dabei gerufen haben : Laß es sein , es ist zu schwer ; Es geht nun und nimmermehr . Oswald aber dachte : Probieren geht über Studieren . Er hatte selbst seinen ehrsamen Beisitzern nichts vom ganzen Umfang des Plans erzählt ; denn es waren zwar wohlwollende , brave Männer , aber ängstliche , schüchterne Leute . Darum sagte er nie mehr , als immer stückweis etwas , das eben ausgeführt werden sollte . Erst wurden die Armen und Bettler mit ihren Kindern aufgezeichnet und in Häusler und Spittler eingetheilt . Nun das ging . Dann wurde für jede Familie ein Vogt ernannt , und ihm vom Herrn Pfarrer erklärt , was er zu thun habe . Das kam endlich auch zu Stande . Dann schaffte man Hobel , Aexte , Sägen , auch Spinn-und Spulräder , Wollenkarden und ein paar Webstühle aus dem Armengut an . Das war keine Hexerei ; eben so wenig der Ankauf von Wolle , das Hanf- und Flachssäen , das Einführen der Spinnerei und die Einrichtung der Spitalküche . So ward allmälig Eins ums Andere ins Werk gesetzt ; man fand jedes Einzelne nicht zu schwer ; so kam das Ganze zu Stande , und die hohe Regierung genehmigte den Plan mit großermunterndem Lobe . Man hat hintennach erfahren , daß selbst in der Regierung einige Herren den Plan für unausführbar gehalten und bespöttelt hatten , da derselbe schon , ohne daß sie es wußten , ins Werk gesetzt war . Die meisten Sprünge machten anfangs die Spittler ; sie wollten nicht in den engen Zellen schlafen . Man sagte ihnen aber : Arbeitet fleißig , so könnet ihr euch Wohnungen miethen oder Häuser bauen . Sie wollten aber nicht arbeiten , da kamen sie tagelang ins finstere Loch bei kalter , schmaler Kost . Das gefiel ihnen noch weniger . Einige versuchten , ihr Loos durch Gehorsam zu verbessern , und ergaben sich in ihr Schicksal , zumal in den Wintertagen , wo es auf der Landstraße auch nicht angenehm zu reisen und zu schlafen war . Als sie einmal bessere Kost und bessere Behandlung genossen und die Arbeit gelernt hatten , und als sie schon in der Ersparnißkasse einige Gulden Eigenthum für ihre alten Tage oder für ihre Kinder besaßen , blieben sie gern da . Denn sie wollten das kleine an Zins gelegte Vermögen nicht im Stich lassen , und wurden begierig , es zu vermehren . - Andere aber liefen davon und in die weite Welt hinaus , um müßig zu gehen und zu betteln . Nun , dann war ' s ihr eigener Schade ; die Gemeinde hatte nur den Nutzen , sie nicht mehr erhalten zu müssen . Einige von den Weggelaufenen kamen nie wieder zum Vorschein . Das war für Goldenthal kein Unglück . Andere wurden , als Bettler , von den Polizeibedienten des Landes aufgefangen und wieder zurückgebracht . Die besuchten zuerst das finstere Loch , und dann kamen sie wieder an die gemeine Arbeit , wie zuvor . - Binnen drei Vierteljahren war es mit allen Widerspenstigen in der Ordnung , und es gab keinen bettelnden Goldenthaler mehr , außer einige Weggelaufene in fremden Ländern . Die Häuslerfamilien wollten sich anfangs auch auf die Hinterfüße stellen , und den Dreck und Unflath vertheidigen , worin sie zu leben gewohnt waren . Und sie klagten und schrien bitterlich über die Hartherzigkeit der Goldenthaler , die ihnen nicht mehr unentgeltlich wollten zu essen und zu trinken , und ihnen nicht einmal Geld in die Hände geben . Allein der Hunger und das finstere Loch machten zuletzt auch die Sprödesten geschmeidig , und die Goldenthaler blieben dabei : wer essen will , soll arbeiten ; wer es gut haben will , soll gut thun . Die Verwaltung des Spitals war vorzeiten kostbarer gewesen . Jetzt kostete sie nichts . Nicht der Pfarrer , nicht Oswald , nicht Elsbeth wollten sich am Armengut bereichern . Die Spittler selbst mußten die angewiesenen Haus- und Unteraufsichtsgeschäfte verrichten . Ward ihnen solch ein Aemtlein vertraut , war es Belohnung ihres Wohlverhaltens ; ward es ihnen genommen , war es Strafe . Einer lauerte dem Andern dabei auf den Dienst . Die Spital-Gärten und Güter gaben Nahrung genug , und auch was die armen Familien am ehemaligen Weidland zum Antheil empfangen hatten , wurde abträglicher , weil es gemeinschaftlich angebaut und besorgt ward . Die Unfleißigen bezahlten dem Spital mit dem , was sie auf dem Pachtland ärnteten , ihre Kost und Kleidung , und was sie noch erübrigten , ward in Geld verwandelt und für sie ein Schatz in der Ersparnißkasse . Die Männer im Spital stellten sich anfangs zum Hobeln und Sägen , zum Wollekrämpeln und Weben ungeschickt genug an . Aber sie mußten lernen . Ein Meister aus der Stadt brachte das Ding bald ins Geleis ; der war ein verständiger Mann und großer Verehrer und Freund des Herrn Pfarrers . So kostete die Bekleidung der Armen dem Spitalgut wenig , und die Anschaffung von Bänken , Stühlen , Bettgestellen , Schränken und andern Geräthschaften , wie auch Ausbesserung am Hause , fast nichts . Die Spittler mußten auch für die Häusler Geräth machen ; so ward jede Familie damit wohl versehen und gewöhnte sich an einige Bequemlichkeiten . So wie das Armengut und Spital dabei gewann , weil so viele Hände nur für Kost und Kleidung arbeiteten , so gewannen auch die Häusler und Spittler dabei an Vermögen und Eigenthum . Denn was sie außer den acht üblichen Stunden mehr arbeiteten , konnten sie zu ihrem Nutzen in Geld verwandeln und in der Ersparnißkasse an Zins legen ; eben so , was sie von den Erzeugnissen ihres Pachtlandes erübrigen und verkaufen lassen konnten . Das war kein geringer Vortheil . Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und Vermehren ihres Eigentums , weil sie die Zeit voraussahen , da sie ganz unabhängig leben und einen gewissen Wohlstand zu genießen im Stande waren . Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher , welche selbst Spittler waren . Denn Alles , was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten konnten und verkaufbar war , das wurde zu ihrem Nutzen verkauft . Darum war Jedermann beflissen , sich wohl zu halten , um zu einer solchen Stelle zu gelangen . Und diejenigen , welche das Aemtlein hatten , nahmen sich wohl in Acht , etwas von den ihnen übertragenen Pflichten zu versäumen . Der kleinste Fehler konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen , auf welchen Viele hofften . Es gab zuletzt in der Armenanstalt Goldenthals recht geschickte Arbeiter . Nicht nur die Bauern im Dorfe , sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften von den hier verfertigten Waaren , oder ließen hier arbeiten . Und wenn so ein geschickter Arbeiter spürte , er verdiene mehr , wenn er für sich allein arbeite , verließ er das Spital und miethete sich Wohnung im Dorf oder in der Stadt und lebte für sich selber . Das feuerte nun wieder die Andern an , ebenfalls recht geschickt zu werden . Im Dorfe war natürlich Jedermann froh , nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt oder in Häusern und Gärten nächtlicher Weise bestohlen zu sein . Jeder schickte mit Freuden , statt der Almosen , etwas ins Spital , wenn es irgend in demselben an etwas fehlte . Allein es zeigte sich noch ein anderer Vortheil für das Dorf , an den vorher Niemand gedacht hatte . Nämlich , hatte es im Sommer an Feldarbeit gemangelt , so waren andere Arbeiten im Freien vorgenommen worden . Und so war ' s gekommen , daß alle Gassen des Dorfes , wo man sonst bei schlechtem Wetter im Koth bis über die Knöchel waten mußte , mit Steinen besetzt wurden ; daß der Bach im Dorfe , der sonst überlief und große Pfützen bildete , mit Gemäuer eingefaßt stand ; daß die Feldwege und Fußstege ohne Löcher waren ; daß die Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten , die nicht mit jungen Setzlingen den erfreulichsten Nachwuchs zeigte . Weit umher im Lande sah man keinen Wald in besserer Ordnung , und kein säuberlicheres Dorf als Goldenthal . Es kamen sogar große Herren von der Regierung und besichtigten die Goldenthaler Anstalten und Einrichtungen , und hätten dergleichen gern überall gehabt . Allein sie sahen sich in andern Dörfern oft vergebens nach dem edeln Pfarrer Roderich , nach dem menschenfreundlichen Oswald und seiner eifrigen Gehülfin Elsbeth um . Dennoch ward es auch anderswo mit Abänderungen und mit Glück versucht . Und daran that man Recht . Probiren geht über Studieren . Und wo man mit eifriger Menschenliebe was Rechtes will , da geschieht auch was Rechtes . 29. Wieder etwas Neues . » Was hat auch der Oswald wieder ? « fragten sich die Bauern unter einander . Denn wenn alle Leute Feierabend hatten , lief er noch mit dem Schulmeister und einigen jungen Burschen in den Feldern herum . Die schleppten sich mit Ketten , steckten lange Stangen in die Erde , und Oswald sah immer über einen kleinen , langbeinigen Tisch nach den Stecken , und konnte sich nicht satt daran sehen . Und der Schulmeister Heiter that es auch gern . Und an den Stecken war doch nichts zu sehen . Das ging beinahe ein Jahr lang so . Und da die Bauern hörten , daß Oswald das Land und alle Felder vermessen und alle Wege und Stege in einen Plan bringen lasse , ward Vielen bange . Denn es ging wieder die Rede vom Krieg und sie dachten , der Oswald könne dem Feind das Land verrathen wollen . Es verhielt sich aber folgendermaßen : Oswald verstand das Feldmessen und hatte Bücher , die davon handelten . Und er hatte seinen Liebling , den Johannes Heiter , auch in dieser Kunst unterrichtet , nebst andern Bauernburschen , die Kopf dazu besaßen . Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren , kam er auf den Einfall , nach und nach in den Nebenstunden alle Güter , Wege und Stege des ganzen Gemeindsbezirks zu vermessen und daraus eine große Karte zu machen . Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stück Land , jeden Steg , jeden Hag , jedes Haus . Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert groß . Und die große Karte , wie sie fertig war , wurde im Gemeindshause aufgehängt . Da liefen nun tagtäglich Bauern hin und beschauten den Plan , und wunderten sich sehr . Denn sie fanden sich bald zurecht , und Jeder erkannte seinen Acker , seinen Garten , seine Wiese . Und was das Beste war : in jedem Stück Feld oder Acker stand die Größe desselben , genau bis auf einen halben Schuh , geschrieben . Nun erst wußte Jeder recht eigentlich , wie groß seine Aecker und Wiesen waren , und er schrieb sich die Zahlen sorgfältig ab . Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit ; denn bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschätzt , und Mancher zu wenig angegeben , Mancher zu viel . Das war allerdings nun ein großer Nutzen . Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten , wenn sie den Plan betrachteten : » Das ist noch nicht der größte Nutzen ; ich weiß noch einen bessern . « Wenn sie ihn darum fragten , antwortete er : » Habet ihr ' s bis Lichtmeß nicht errathen , so will ich es euch dann sagen . « Sie erriethen es aber nicht . Als nun Lichtmeß kam und die Gemeinde wegen verschiedener Angelegenheiten versammelt war , trat Oswald , nachdem man alles abgethan hatte , hervor und sprach : » Ihr Alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeindsbezirk , wie ihn der Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schülern genau und zierlich verfertiget hat . Ihr Männer , liebe Mitbürger , Jedermann hat dabei seine besondern Gedanken gehabt , und auch ich die meinigen . Und diese will ich euch offenbaren . « » Wenn ich die Felder übersah , die wir im Schweiße unsers Angesichts bauen , nicht ohne Segen von Gott dem Herrn , so that es mir oft weh im Herzen , daß die Arbeit uns so viel Mühe macht , und es that mir oft weh im Herzen , daß dabei Vieles nicht so gut angebaut ist , und folglich auch nicht so viel abträgt , als wohl sein sollte . Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan , und siehe , da wurden auch die Augen meines Geistes eröffnet , und ich erkannte einen Hauptfehler in unserer Feldwirthschaft . « » Ihr Männer , liebe Mitbürger , es liegt nun sonnenklar am Tage , wenn ihr euch unter einander verstehet , so werden eure meisten Güter mit geringerem Aufwand von Zeit und Unkosten besser besorgt werden und abträglicher sein können , als bisher . « Da riefen viele Bauern : » Dazu wollen wir uns ohne Mühe mit einander verstehen , wenn es nicht einmal so viel kostet , als sonst ! « Oswald sprach : » Ich wünsche Glück dazu . Ich will euch sagen , was bisher viel Unkosten verursacht hat , die ihr nun sparen könnet , wenn ihr wollet . Das ist die Zeit ! - Jeder von euch hat nämlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder zusammengekauft , wie es kam . Da hat er ein Stück am Berg liegen , ein anderes hinterm Wald , ein anderes wieder jenseits der Brücke , ein anderes neben der Landstraße , wieder ein anderes am Bach , und noch ein anderes beim Steinbruch . Da muß er nun Viertelstunden weit unnütz umherlaufen von einem Stück zum andern , eben so die Knechte und Mägde , eben so die Fuhre mit dem Dünger . Da wird ein Theil des Tages bloß mit Gängen und Läufen verloren , wo man hätte arbeiten können . Da werden Magd und Knecht für Hin- und Hergehen bezahlt , was doch nichts einträgt . Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet , und das Land um so weniger mit größtem Fleiß bearbeitet , weil es an der nöthigen Zeit gebricht . Mancher scheut sich , noch etwas Land zu kaufen , weil er das seinige kaum recht in Ordnung besorgen kann ; und doch hat er nicht viel . Aber das Umherziehen von einem Stück zum andern nimmt die Zeit weg . Lägen alle seine Felder beisammen und wäre ein Ganzes , er könnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch einmal so viel Land besorgen , als er jetzt hat , und um so viel reicher sein .