sie als ein Angedenken schätzen , sonst kann ich mir Gold genug machen und feineres , als der Bergmann scheidet , ich werde nur freilich etwas stark , die chemische Arbeit macht mir Mühe . Übrigens Herr , ich rate , Ihr wollt den Jungen haben , den lasse ich Euch nicht , ich brauch einen zum Kräutersammeln und zum Stehlen der Leichen , wenn ich meine anatomischen Untersuchungen fortsetze . « - » Ich hätte ihn an Kindesstatt angenommen « , sagte Berthold , » aber ich möchte nicht gern Eure unzähligen Menschen wohltätige Versuche stören . « - Meister Sixt aber trat zwischen und sagte : » Mit aller Devotion , die ich gegen beide Signorias habe , kann doch aus Dero wohlwollenden Desseins nichts werden , da gedachter Jovane mir von hoher Hand anvertraut ist , ich denselben auch zum Farbenreiben wegen seiner Force wohl applizieren kann so ist es mir nicht möglich , Euch mit demselben ein Präsent zu machen . « - » Wenn Ihr mir den Jungen nicht überlaßt « , sagte Faust grimmig , » so schicke ich Euch zehn schwere Krankheiten über den Hals , Ihr sollt zugleich an Schwind - und Windsucht , an Heiß- und Wassersucht leiden . « - Da stellte sich der Knabe Anton mit drohender Faust vor den Doktor und rief : » Noch ein Wort , du alter Zauberer , so schlage ich dir die Zähne ein . « - » Das ist ein böser Bube « , sagte Frau Hildegard , » den leide ich nicht im Hause , geht ihr Herren , mein Sohn muß sich noch ausruhen . « - » Ihr habt recht « , sprach Faust , packte seinen großen Kasten auf Antons Schultern , » den kleinen Bösewicht will ich mir schon zähmen ! « So scheltend zogen die dreie fort und jetzt erst konnte die Mutter den Sohn recht herzlich küssen und ausfragen » Wie ist dir jetzt ? Wie war dir ? Glaubst du dich gesund ? Wird das lange dauern ? Ach ich habe kein Zutrauen zu dem grimmigen Doktor ; er hatte so etwas Entsetzliches , als er den Knaben forderte , als wäre er ein Teufel , der die Seele zum Lohn nimmt , wer weiß , was er noch von dir fordert ? « Aber Berthold wurde wieder müde , verschlief noch den Tag und wachte erst am Abend auf , beruhigte aber die besorgte Mutter gleich mit dem Ausruf : » Ich fühle gründlichen Schlaf , wie einen kräftigen Wein in allen Adern , mir war ' s im Traume , als erhielte ich mit jedem Augenblicke erfreuliche Nachricht über etwas , was mich lange bekümmert , auch kam es mir vor , als gingen die Uhren rückwärts , so wendeten sich auch die Jahreszeiten in umgekehrter Ordnung um mich her ; ich sah schöne Frauen mit Anteil und auch der Schmerz um Apollonien hatte sich gemindert ; ich fühle , daß ich ganz gesund werde , daß meine späteren Jahre für alles Versäumte mich schadlos halten ; geben wir Gott die Ehre , aber wir sind dem Faust großen Dank schuldig ! « - Die Mutter war so innig erfreut über seine veränderte Gesinnung , daß sie ihm wieder alle Bräute mit allem , was an ihnen zu loben , im Gespräche vorführte , auch hörte er ihr diesmal geduldig zu und bekannte , daß eine Heirat ihn sehr glücklich machen könnte , wenn er eine zweite Apollonia auf Erden fände . » Sieh nur um dich « , sagte die Mutter , » wähle , welche du willst , es schlägt dir kein Vater seine Tochter ab , die reichsten Geschlechter haben es mir unter der Hand durch arme Witwen sagen lassen , du brauchtest nur anzuklopfen und dir würde aufgetan ; ich wüßte keinen schönern Lohn für mich , als wenn ich am Ende meiner Tage ein Kind von dir auf meinen Armen wiegen könnte . « Der Bürgermeister versprach gerührt , das Heiraten in bessere Überlegung , als bisher , zu nehmen und Frau Hildegard ging froh von ihm und ließ eine für die Genesung des Sohnes seit lange angelobte , ewige Lampe vor dem Marienbilde am vordern Hausgiebel mit frommen Dankgebete anzünden . Die Stadt lief bei der seltsamen Erscheinung zusammen , erzählte sich von der Heilung des guten Bürgermeisters und brachte ihm unter Begleitung der kunstreichen Stadtpfeifer ein freudiges Lebehoch . Berthold war tief gerührt durch die Teilnahme der Menge , er hätte gern zu ihnen gesprochen , aber die Mutter Hildegard wollte es aus Sorge , er möchte sich erkälten , nicht dulden . Es war auch gut , denn sonst hätte er mitten durch den Jubel das Geschrei im Ratskeller gehört , was der trunkne Faust in demselben mit allerlei Katzen und Hunden anstellte , die er unter Gotteslästerungen marterte , wie er sich mit dem alten Sixt um Anton zankte und endlich von diesem zum Keller hinausgeworfen wurde und nun auf allen vieren , weil er sich sonst nicht halten konnte , zum Spott der Knaben über das Eis hinkroch , bis ihm einer in einer Seitengasse einen Schweinestall öffnete , wo er mit seinen grunzenden Glaubensgenossen eine selige Nacht verschlief . Zweite Geschichte Die Reise nach Augsburg Der Morgen war ein seliges Erwachen für den guten Berthold , die Mutter hatte es ihm schon im Schlafe angesehen , daß er sich wohl befinde , und war gleich heiter und gesprächig . Beide dachten auf schöne Gaben , die sie dem Faust verehren wollten , als die Nachricht kam , er habe sich in großem Zorn aus der Stadt fortbegeben , nachdem er am Morgen sein Nachtlager kennen gelernt , zugleich beschuldigten ihn die Leute vieler schändlicher Laster . » Wie kann ein Wohltäter der Menschen , mit der höchsten Weisheit und Gnade begabt , solch ein Saumatz sein ! « seufzte Frau Hildegard . Aber Berthold , der viel in Römern und Griechen gelesen hatte , suchte ihr deutlich zu machen , wie gerade die allgemeine , wissenschaftliche Ansicht , wenn sie allein herrschend würde , die sittlichen Grenzen des einzelnen Menschen auslösche ; er sehe so Mannigfaltiges , Widersprechendes geglaubt und geehrt , daß er nur den Geist achte , in welchem alles getrieben würde . Frau Hildegard schüttelte mit dem Kopfe und warnte Berthold gegen die Bücher , daß er es nicht auch einmal so treibe wie Faust , wenn er ganz gesund würde . Wirklich hatte schon Berthold am Dreikönigstage einen Lusten zum Dreikönigsschmaus beim Herrn Brix , als die beiden Töchter , die noch immer keinen Mann bekommen hatten , ihn besuchten und dazu einluden . Sie kamen ihm diesmal ganz anders vor , die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm , als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte . Hätten die beiden Jungfrauen durch seine Stirn sehen können , sie hätten diese Stimmung gewiß benutzt , denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben . Aber in ihrem ruschligen , schwatzhaften Wesen übersahen sie alle Neuigkeiten an dem reichen Berthold , wie er heimlich der einen an den Arm faßte und die andre zu seinem Schranke hinzerrte , wo Zeichnungen von Orden , zum Dreikönigsfeste brauchbar , durchsucht wurden . Ja er schalt nicht , als ihm Babeli einigen Festkuchen auf die saubern Pergamentbilder krümelte . Schon nahm er sein Barett , als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte . Es wurde ihr erzählt , sie sollte auch Teil nehmen . - » Auf einen Schmaus « , rief die Alte , » bei allen Heiligen nein , der Schneesturm brächte dir die Krankheit in die Glieder zurück , und heute schon so zu schwärmen , hieße Hundshaare auf eine kaum geschlossene Wunde legen . « - » Mutter « , sagte Berthold , » ich bin ganz gesund und was ist Gesundheit anders als der freie Gebrauch des Lebens . « - » Nein , nein « , sagte die Mutter , » du wirst schon unartig und bist kaum ein wenig aus den Windeln , daran sind die beiden Mädchen schuld ; es ist gar nicht schicklich , daß sie so den jungen Leuten auf die Stube laufen . « - » Ich bin über vierzig Jahre alt , liebe Mutter « , sagte Berthold bedeutend . - » Ach lieber Gott « , riefen die Mädchen , » wir sind noch älter « , und trippelten mit Gelächter davon ; wenn sie es recht bedacht , hätten sie lieber weinen mögen , aber sie waren drüber hinaus und längst mehr auf Zerstreuung und Putz , als auf Liebesabenteuer gerichtet . Nun fragte Berthold nach Anton , seinem Gesundheitsgenossen , aber die Mutter schimpfte heftig auf den Knaben , er habe sich nicht nur recht unbescheiden im Essen und Trinken aufgeführt , sondern auch die Nacht mit Faust im Keller vertrunken , sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt . Berthold wagte nicht , seinen Vorschlag laut werden zu lassen , ihn ins Haus an Kindesstatt zu nehmen . Mit Fingerling hatte Berthold ein ganz andres Verhältnis , jener glaubte ihm nie genug Dank für den Reichtum abstatten zu können , der durch den Schatz , eigentlich durch seine Anwendung über sie beide gekommen , er suchte Berthold an den Augen abzusehen , was ihm Freude mache . Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei seinen weißen Haaren etwas Jugendliches , er war wie ein alter Bedienter immer in einer Art Verschwörung mit Berthold gegen die Mutter . Nie hätte diese zugegeben , daß Berthold so viel Geld für seltne Handschriften , alte Waffenstücke und andre Altertümer ausgäbe , wenn sie die Preise gewußt hätte . Aber Fingerling brachte die Sachen ins Haus , als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt wären , und Frau Hildegard bedauerte nur immer den Raum , den sie einnähmen , nachdem das Haus durch die Erbschaft der Gräfin mit Gerät so dicht vollgestopft wäre . Bertholds Wonne war der Waffensaal , den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur dieser mit ihm betreten durfte . Da las er ihm vor aus den Heldenbüchern , jeder Hauptheld hatte da seine Rüstung , sein eigen benanntes Schwert und der Rosengarten war eigen künstlich mit gemachten Bäumen und Blumen , welche die natürlichen übertrafen und mit Bildern von Wachs ausgeführt , so daß er die Mitte des Saals einnahm , und daß die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren zusammensetzten , was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug . Als Berthold nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm , da wurde er an einem Februarsonntage gar unerwartet für Fingerling traurig . Er konnte sich der Tränen nicht erwehren , und Fingerling mußte lange in ihn dringen , ehe er ihm die Ursache sagte , endlich sprach er : » Du mußt mich recht verlachen , gutes altes Herz , aber unsre Chriemhilde scheint mir nicht mehr so lebendig wie sonst , und Siegfried wird so steif und unbehülflich in seinem Wesen , daß ich lieber einmal selbst ihn vorstellen möchte . Besonders verdrießlich erscheinen mir aber unsre hölzernen Pferde , kein gutes Haar ist mehr daran ; - ich möchte gern einmal selbst reiten , aber die Mutter darf es nicht wissen . « - Fingerling wollte ihn zur Ruhe ermahnen , weil sich das nicht so geheim treiben lasse , sonst sei er selbst , obgleich kein schulgerechter , doch ein geübter Reiter auf seinen Reisen geworden . Aber Berthold war nicht von der Sache abzubringen : » Ich kann mich nicht mehr beruhigen , seit ich Kraft in mir fühle « , sprach er , - » ich möchte , daß mir etwas Ritterliches begegne , wie dem Siegfried , ich tue in Gedanken tausend Streiche in die Luft . Deine Liebe zu mir ist groß , aber du liebtest mich gewiß noch höher , wenn ich erst etwas recht Ritterliches getan hätte : Ich möchte in Verzweiflung aufschreien , daß mich die Mutter von allem Reiten , Fahren , Ringen , Armbrustschießen , Schlittschuhlaufen , wie es andre gute Gesellen der Stadt treiben , aus Furcht wegen meiner Gesundheit abgehalten hat und ich muß mich tot grämen , nun ich gesund bin , aber des Lebens und seiner Gaben nicht zu brauchen weiß . « - Da sah Fingerling , daß die Sache ihm ernstlich ans Herz griff , er versprach alles zu tun , um diese seine Sehnsucht zu befriedigen , schlug ihm auch vor , in einem großen Schafstalle vor der Stadt auf dem Hofe , den Berthold kürzlich gekauft hatte , eine Reitbahn für sie beide einzurichten , auch ein Paar gutmütige Pferde zu den ersten Versuchen aus den Ackergespannen auszusuchen . - Da fiel ihm Berthold um den Hals und konnte kaum ruhen , bis die Sache ausgeführt war , ja er schlug vor , gleich nach dem Rathause zu gehen , wo von einem Komödienspiele , worin die Waiblinger sehr ausgezeichnet waren , ein trojanisches , hölzernes Pferd stehen geblieben , um Sitz und Haltung vorläufig zu üben . So taten auch die beiden Freunde , schützten Geschäfte vor und verschlossen sich im Rathaussaale , wo das hölzerne Pferd stand . Fingerling zeigte , so gut er es wußte , wie die Zügel und der Steigbügel zum Aufsteigen gefaßt sein wolle - mit einem Schwunge saß Berthold oben und freute sich der Höhe . » Nun gebt die Spornen , dann geht ' s fort « , rief Fingerling , » aber haltet die Zügel , daß es nicht durchgeht , nicht zu fest und nicht zu wenig . « Auch das tat Berthold , bemerkte aber plötzlich solche Bewegung in dem Rosse , daß er die Zügel immer stärker anzuhalten für nötig fand , was aber alles nicht half , denn unaufhaltsam stürzte der stolze , von der Sonne ausgetrocknete Holzbau zusammen , Berthold an die Erde , und aus dem hohlen Bauche sprang Anton schlaftrunken , sich die Augen reibend , hervor . Fingerling half erschrocken seinem lieben Berthold auf , fragte ihn sorglich , ob er sich Schaden getan , dieser aber hörte nicht auf ihn , sah Anton verwundert an und sprach : » Ist mir ' s doch wie ein bedeutsamer Traum , daß du aus meiner verunglückten Ritterfahrt so froh hervorgehst ; begegnest du mir vielleicht noch oft ? Wie kommst du hieher ? Du bist in der kurzen Zeit recht gewachsen ? « - Anton antwortete mit der Bitte , seinem Vater nichts zu sagen , er habe sich vom Lande heimlich in die Stadt geschlichen , um sich einmal bei der Ratskellerwirtin , die ihm sehr gnädig , satt zu essen , und da sei er nach Tische im trojanischen Rosse zur Ruhe übergegangen , zugleich dankte er , daß sie ihn erweckt hätten , er müsse noch sechs Meilen bis zum Dorfe zurückgehen . Berthold schenkte ihm etwas auf den Weg und Anton eilte fort . » Wir geben das Reiten auf , nicht wahr ? « fragte Fingerling . » Nein « , antwortete Berthold , » ich habe gefühlt , daß ich recht dazu geschickt bin , denn die Besonnenheit hat mich keinen Augenblick verlassen ; aber dieses Vorfalls werde ich oft noch gedenken müssen . « Schon am andern Morgen hatte Fingerling alles zum Reiten auf dem Vorwerke eingerichtet . Der ehrliche alte Meier war sehr verwundert und erfreut über die Seltsamkeit des Herrn , wußte aber in allem gut zu raten , da er in seiner Jugend ein wackerer Reitersknecht gewesen war , und auch die künstlichen Aufzäumungen und Zügelbewegungen , samt der richtigen Anwendung des Sporns , wie es die Rennpferde verlangen , wohl verstand und sich darüber mitteilen konnte . Als nun der Bürgermeister zuerst an der Leine im Kreise ritt , da meinte er sich unwiderstehlich nach einer Seite niedergezogen , aber er blieb dennoch mutig sitzen . Als er abgestiegen , fand er sich in allen Gliedern seltsam zerschlagen , aber er ließ sich nichts merken , weder vor dem Freunde , noch vor der Mutter . Besonders unbequem war es ihm in den nächsten Tagen , wo er heimlich anfing , zu zweifeln , ob er zu solchen Beschwerden sich gewöhnen werde . Aber der Meier machte ihm mit seinem Lobe immer frische Lust , er rühmte seinen guten Anstand , er werde sicher ein guter Reiter werden . Bald war er seinem Gefährten Fingerling überlegen , auch waren ihm bald die geduldigen Ackerpferde zu gering , die Rennbahn zu enge . Es wurden ein Paar schöne Rennpferde von einem verarmten Ritter gegen einige Stücke Tuch eingetauscht und nun beschlossen , durch ein feierliches Vorbeireiten das Schelten der Mutter zu besänftigen . Demnach tat ihr Fingerling kund , daß an einem Sonntage ein fremder Ritter , der sehr viel kaufe , bei ihnen eintreffe , sie möchte ihm ein Mahl bereiten lassen . Das war alles geordnet und Frau Hildegard nur allein darum ärgerlich , daß ihr Sohn so lange ausbleibe , da sah sie einen stattlichen Rittermann , in voller Rüstung auf hohem Roß über den Markt traben und ging ihm feierlich an die Türe entgegen . Der Ritter ließ sein Pferd kunstreich traversieren , daß sie heimlich den Übermut des Menschengeschlechts bejammerte , auf glattem Pflaster so brotlose Künste zu machen , dann stieg er ab , - sie blickt ihm in den offnen Helm , sie stockt in ihrem Gruß , - es ist ihr lieber Sohn , der Bürgermeister , der ihr um den Hals fällt . Nun erst erschrak sie über seine Kühnheit , fürchtete , er würde ihr in allen Dingen ausschrammen , nachdem er solche gefährliche Kunst heimlich erlernt habe , und suchte ihn mit Scheltworten und Tränen von dieser brotlosen Kunst abzubringen . Aber Berthold hatte das alles voraus gesehen und sprach zu ihr , als er sich an den hochgeschmückten Tisch gesetzt hatte : » Seht Mutter , so ein Mahl habt Ihr mir nie bereiten lassen , wenn ich auch den ganzen Tag zum Besten der Stadt gearbeitet hatte ; so ehret Ihr selbst die brotlosen Künste des Ritters und wollet mich gegen etwas warnen , wozu mein Blut mich bestimmte , und woran mich nur Leibesschwäche so lange hinderte ich habe bisher vor Euch wie ein umgekehrtes Panzerhemde erscheinen müssen , tatenlos und gedankenvoll , den Stahl innerlich , die Polster äußerlich , meine Welt war die Vorzeit , denn was die Gegenwart brachte , konnte mich nur erschrecken , da ich sie in keiner Art zu bestreiten wußte . « - » Ach « , seufzte Frau Hildegard , » gewiß ist der verwünschte Ehrenhalt bei dir gewesen , den ich so oft mit Geld und Gaben von dir fortgekauft habe . « - » Der Ehrenhalt ? « fragte Berthold , » weiß ich doch nichts von dem Manne , was bringt er , was will er mit mir , ist er abgesandt von den Kronenwächtern ? Seid ruhig Mutter , ich diene ihnen nicht , die Tränen der Mutter , der Tod des Vaters , auch Martins Tod , haben mich von ihnen geschieden . Meine Wünsche sind beschränkter , ich will nur als ein guter Bürger gerüstet und wehrhaft gegen Gefahren sein , ich will mich selbst um mein Handelsgeschäft kümmern , denn unser guter Fingerling ist zwar munter , wie ein junger Geselle , aber gar alt , er soll mich in Augsburg mit unsern Handelsfreunden bekannt machen , und darum hindert mich nicht , daß ich mit ihm gen Augsburg reite , wo der ehrwürdige , ritterliche , in allen Künsten versuchte Kaiser Maximilian einen Reichstag ausgeschrieben hat , der alle Handelsleute aus Schwaben zusammenführen wird . « - Frau Hildegard schlug in Verzweiflung die Hände über den Kopf zusammen und rief zu Gott um Rat , wie sie sich benehmen solle , ob sie den jungen Menschen in solche gefährliche , verführerische Stadt hinziehen lassen dürfe . » Die Verführung ist so groß « , sagte sie , » so ein junger Mensch ist zutulich und neugierig und wenn die Leute hören , daß er nicht ohne Mittel , da drängen sich alle an ihn , er wird ausgezogen und noch wohl gar verlacht . « - Da trat Fingerling mit kluger Rede zwischen , versprach die Fahrt mitzumachen , den Herrn Bürgermeister wie seinen Augapfel zu bewachen , versicherte , die Reise sei notwendig , weil sonst alle Webstühle still ständen , und trank auf die glückliche Heimkehr . So war die Erlaubnis zur Reise der sorglichen Mutter über den Kopf weggenommen . Als die Zeit nahete , verwunderte sie sich , daß sie es erlaubt habe , dennoch sorgte sie fleißig für das Reisegerät und packte außer der Wäsche eine ganze Apotheke und eine halbe Küche in die Mantelsäcke , und konnte immer noch nicht mit ihren Anstalten fertig werden , nachdem schon Maximilian mit seinem prachtvollen Einzuge fertig geworden war . Endlich war der Ritt angeordnet , der Bürgermeister hatte einem Ratmann die Geschäfte übertragen , der Buchhalter sorgte für das Haus , die Pferde standen bepackt vor dem Hause , dennoch ließ sich Frau Hildegard nicht abhalten , dem Sohne noch einmal alle Warnungen einzuprägen , die sie in der ganzen Zeit gesammelt hatte , und zum Schluß suchte sie ihn noch mit der Ahndung zu rühren , als ob sie ihn nicht wieder sähe . Obgleich er diese Ahndung schon oft gehört hatte , so beschwerte sie doch sein Herz und er ritt die erste Strecke gar nachdenkend in seinem Reisemantel . Endlich wurde es ihm leichter ums Herz , er genoß der ersten Freiheit seines Lebens , und der keusche Frühling blickte mit tausend Blüten , wie mit neugierigen Augen in die geheime Sehnsucht , die ihm seit der Genesung jedes artige Jüngferchen zu einer Apollonia erhob , daß er jede ehrfurchtsvoll , aber oft anblicken mußte . Die Gesundheit hatte das Samenkorn , das bis dahin in ihm wie im Sarge geruhet , schnell zum Keimen gebracht , es sprengte das Steingewölbe , das ihn bisher umgab ; er war , er fühlte sich frei und zu etwas bestimmt . Und wie herrlich glänzte ihm das Schwabenland , überall Züge von Reisenden ; hier Kaufleute , die neben ihren Frachtwagen einhergingen , dort Landsknechte , die einen Hauptmann suchten ; Pilger , die zu dem wundertätigen Bilde der schönen Maria in Regensburg zogen und Frauen und Männer , wie sie gingen und standen , mit ihrem Gesange fortrissen , denn es war das erste Bild unter den Deutschen , in welchem die geheime Gewalt des Heiligen mit der offenkundigen der Schönheit verbunden war . Hätte Fingerling nicht Einspruch getan , der gute Berthold wäre mit zu dem Bilde gezogen , aber der lebendige Trieb nach lebendiger Schönheit wuchs in dieser Annäherung . In reger Geistestätigkeit , von allem angesprochen , doch ohne sonderbare Reisevorfälle , kamen die beiden Reisenden in die Nähe Augsburgs , hatten schon mit einiger Beklemmung die weite Stadt mit ihren vielen Türmen von einer Anhöhe überschaut , als Kaiser Maximilian bei der Wertachbrücke , der Kurfürst Joachim von Brandenburg auf der einen Seite , auf der andern Markgraf Kasimir , der schöne Verlobte , dessen hoher Braut entgegen ritten und dem Bürgermeister den Weg verrannten . Aus dem Gerede der voreilenden Menschen , mehr noch aus der Ähnlichkeit mit vielen Holzschnitten erkannte Berthold den Kaiser schon in der Ferne und wurde gezwungen , ihn recht in der Nähe zu betrachten , weil er von der Menge , die nicht weichen wollte , an das Geländer der Wertachbrücke angedrängt wurde . Er freute sich , wie viel milder der Kaiser aus des höchsten Weltkünstlers Hand gekommen , als aus der Hand der Maler ; der Kaiser hatte wohl recht , einmal zu sagen : » Jeder , der eine lange Nase zu pinseln weiß , meint , er habe mein Bild gemacht . « Der Kaiser trug über seinem , mit Gold eingelegten Panzer einen roten , mit großen Perlen und grünen Edelsteinen gestickten Waffenrock , auf seinem Helme den zweiköpfigen Adler , der in der Krone wie in einem Neste seine Jungen ausbrütete - ein Zeichen , daß er diesmal die Nachfolge im Reiche für seinen Sohn Karl vermitteln wollte . Er ritt ein ganz weißes Roß mit leibfarbenen Nüstern und Augenwinkeln in goldnem Zaumzeuge , ein Pantherfell seine Satteldecke , das mit schweren , goldnen , betroddelten Gitterbändern um den Leib des Pferdes angezogen war . Der Kurfürst Joachim war dagegen einfach in einem Marderpelz gekleidet , sein Roß war schön , aber etwas scheu , so daß er sich manchmal von der Seite des Kaisers abwandte . Der Bräutigam , Herr Kasimir , ließ sich in einem leibfarbenen , seidenen , mit Hermelin aufgeschlagenen , mit Silber gesticktem kurzen Mantel sehen , einen grünen Kranz auf dem Haupte , aber seine Schönheit , seine Freudigkeit war sein bester Kranz , so daß ihm jeder die schöne Braut gönnte , der das unzählige Volk , wogegen alle Hartschierer zu schwach , mit Freudengeschrei entgegen jauchzte , sie recht in der Nähe zu sehen . Sie war in ihrem Wagen so nahe an Berthold gedrängt , daß er wie einer der Fürsten zu ihrer Begrüßung entgegen geritten schien . Er sah die steigende Röte ihrer Wangen unter dem Kranze von Edelsteinen ; das Klopfen ihres Herzens bebte in dem Blumenstrauße , der auf der reichen Silberwoge ihres Busens unterzusinken schien . Berthold hörte deutlich , daß sie nach Herrn Kasimir fragte , den sie bis dahin nur im Bilde gesehen , das auf ihrem Herzen an goldner Kette hing , und Berthold meinte , sie frage ihn und zeigte nach der andern Seite des Wagens , der nach beiden Seiten offen , nur oben mit goldnem Teppich gedeckt war . » Auf der andern Seite wartet seine Hoheit ! « sprach er ; er wußte es genau , denn ein Nachbar hatte es ihm kurz vorher erzählt . - » Dank , Dank , Ihre kurfürstliche Liebden « , sagte die Braut , Fräulein Susanna von Bayern , die ihn für den Kurfürsten Joachim hielt und sich jetzt an der Schönheit Kasimirs weidete , indem sie bescheiden die Augen mit einem Wadel von Pfauenfedern deckte . Der Bräutigam beugte vor ihr ein Knie , nachdem er vom Pferde gestiegen , die Braut reichte ihm den Mund , dann lockte sie der Kaiser auseinander , indem er in den Wagen stieg und ihnen sagte , sie würden einander noch lange genug sehen , auch sprach er : » Nicht wahr , liebe Tochter , wir haben gut gewählt , wir gedenken heut bei euch beiden , daß wir auch einmal jung waren und freiten , und in der Welt wie in einem Baum voll reifer Kirschen gegen die Sonne gedeckt zu sitzen glaubten , aber die Kirschenzeit ist kurz , am Ende beißt man mit stumpfen Zähnen die Kerne auf , die man erst weggeworfen , und die Jahre vergehen wie die Tage , sonst war mir die Sonne zu warm und jetzt zu kalt . « Er winkte zum Fortfahren und die schöne Braut reichte Berthold die Hand , als einem Verwandten , dem sie sich freute verbunden zu sein . Der Kaiser blickte sie befremdet an und fragte : » Wäre dies wohl einer meiner lieben Vettern aus Bayern , den ich noch nicht kenne ? « - » Ich meine , es sei Herr Joachim , kurfürstliche Gnaden von Brandenburg , unser künftiger lieber Herr Vetter ! « » Wir irren , liebe Tochter « , antwortete der Kaiser , » dort reiten Seine Liebden von Brandenburg . Wer seid Ihr , guter Herr ? « fragte er Berthold . Und Berthold antwortete noch freundlicher , von dem Händedruck erwärmt : » Der glücklichste Bürgermeister aus Waiblingen . « - » Nun du ehrlicher Schwabe « , sprach Maximilian , » Gott segne dir den Händedruck meiner schönen Schwestertochter bei deiner Frau ! « In dem Augenblicke bewegte sich der Wagen fort und Berthold versank in ein stummes Nachsehen , nicht allein , weil er gewünscht hätte , der Augenblick möchte immer und ewig währen , sondern auch , weil es ihn recht kränkte , daß er noch keine Frau besitze . Aber kaum waren die sechs Prachtwagen , die dreihundert bayrischen Ritter mit ihren Reisigen und Trabanten vorüber , so riß der unglaubliche Volksstrom den Bürgermeister aus den Gedanken und mit sich fort nach dem Felde an der Stadt . Jedermann wollte der Trauung in der Ulrichskirche beiwohnen , nur Berthold wußte nichts von der Ursache dieser Eile und widersetzte sich dem Drange , um Fingerling zu erwarten , der unbemerkt schon früher von ihm fortgetrieben war . Den Fußgängern widerstand er auf seinem starken Rennpferde , aber die Reiter , die nachfolgten , zogen ihn unwiderstehlich dem Tore zu , umsonst lavierte er von einer Seite zur andern , wie ein Schiff , das mit halbem Winde fährt , die Volksmenge trieb ihn fort , wie ein höheres Geschick . Am Tore stieg der Drang aufs höchste , denn die kaiserlichen Trabanten hinderten den Eintritt , damit Julia Peutinger , das geehrte vierzehnjährige Kind des Stadtschreibers , ihre lateinische Rede an der Spitze vieler hundert weiß gekleideter Jungfrauen Augsburgs ungestört vor der Braut halten konnte . Kaum war die Rede geendet , das Kind im Wagen der Braut aufgenommen , die vornehmsten Jungfrauen in die nächsten Häuser zur Sicherheit gebracht , während der Brautzug hereinfuhr , so schloß sich das Tor mit vieler Gewalt und die neugierige Menge war wie ein Feind ausgeschlossen . Gleich verbreitete sich der gute Rat unter dieser