schrieb er dort folgende Verse in seine Schreibtafel : » O Täler weit , o Höhen , O schöner , grüner Wald , Du meiner Lust und Wehen Andächt ' ger Aufenthalt ! Da draußen , stets betrogen , Saust die geschäft ' ge Welt , Schlag noch einmal die Bogen Um mich , du grünes Zelt ! Wann es beginnt zu tagen , Die Erde dampft und blinkt , Die Vögel lustig schlagen , Daß dir dein Herz erklingt : Da mag vergehn , verwehen Das trübe Erdenleid , Da sollst du auferstehen In junger Herrlichkeit . Da steht im Wald geschrieben Ein stilles , ernstes Wort , Vom rechten Tun und Lieben , Und was des Menschen Hort . Ich habe treu gelesen Die Worte , schlicht und wahr , Und durch mein ganzes Wesen Ward ' s unaussprechlich klar . Bald werd ich dich verlassen , Fremd in der Fremde gehn , Auf buntbewegten Gassen Des Lebens Schauspiel sehn , Und mitten in dem Leben Wird deines Ernsts Gewalt , Mich Einsamen erheben , So wird mein Herz nicht alt . « Als der junge Tag sich aus den Morgenwolken hervorgearbeitet hatte , war Friedrich schon draußen zu Pferde . Julie winkte noch weit mit ihrem weißen Tuche aus dem Fenster nach . Zweites Buch Elftes Kapitel Es war schon Abend , als Friedrich in der Residenz ankam . Er war sehr schnell geritten , so daß Erwin fast nicht mehr nach konnte . Je einsamer draußen der Kreis der Felder ins Dunkel versank , je höher nach und nach die Türme der Stadt , wie Riesen , sich aus der Finsternis aufrichteten , desto lichter war es in seiner Seele geworden vor Freude und Erwartung . Er stieg im Wirtshause ab und eilte sogleich zu Rosas Wohnung . Wie schlug sein Herz , als er durch die dunklen Straßen schritt , als er endlich die hellbeleuchtete Treppe in ihrem Hause hinaufstieg . Er mochte keinen Bedienten fragen , er öffnete hastig die erste Tür . Das große , getäfelte Zimmer war leer , nur im Hintergrunde saß eine weibliche Gestalt in vornehmer Kleidung . Er glaubte sich verirrt zu haben und wollte sich entschuldigen . Aber das Mädchen vom Fenster kam sogleich auf ihn zu , führte sich selbst als Rosas Kammermädchen auf und versicherte sehr gleichgültig , die Gräfin sei auf den Maskenball gefahren . Diese Nachricht fiel wie ein Maifrost in seine Lust . Es war ihm vor Freude gar nicht eingefallen , daß er sie verfehlen könnte , und er hatte beinahe Lust zu zürnen , daß sie ihn nicht zu Hause erwartet habe . » Wo ist denn die kleine Marie ? « fragte er nach einer Weile wieder : » Oh , die ist lange aus den Diensten der Gräfin « , sagte das Mädchen mit gerümpftem Näschen und betrachtete ihn von oben bis unten mit einer schnippischen Miene . Friedrich glaubte , es gälte seiner staubigen Reisekleidung ; alles ärgerte ihn , er ließ den Affen stehn und ging , ohne seinen Namen zu hinterlassen , wieder fort . Verdrüßlich nahm er den Weg zu den Redoutensälen . Die Musik schallte lockend aus den hohen Bogenfenstern , die ihre Scheine weit unten über den einsamen Platz warfen . Ein alter Springbrunnen stand in der Mitte des Platzes , über den nur noch einzelne dunkle Gestalten hin und her irrten . Friedrich blieb lange an dem Brunnen stehen , der seltsam zwischen den Tönen von oben fortrauschte . Aber ein Polizeidiener , der , in seinen Mantel gehüllt , an der Ecke lauerte , verjagte ihn endlich durch die Aufmerksamkeit , mit der er ihn zu beobachten schien . Er ging ins Haus hinein , versah sich mit einem Domino und einer Larve , und hoffte seine Rosa noch heute in dem Getümmel herauszufinden . Geblendet trat er aus der stillen Nacht in den plötzlichen Schwall von Tönen , Lichtern und Stimmen , der wie ein Zaubermeer mit rastlos beweglichen , klingenden Wogen über ihm zusammenschlug . Zwei große , hohe Säle , nur leicht voneinander geschieden , eröffneten die unermeßlichste Aussicht . Er stellte sich in das Bogentor zwischen beide , wo die doppelten Musikchöre aus beiden Sälen verworren ineinanderklangen . Zu beiden Seiten toste der seltsame , lustige Markt , fröhliche , reizende und ernste Bilder des Lebens zogen wechselnd vorüber , Girlanden von Lampen schmückten die Wände , unzählige Spiegel dazwischen spielten das Leben ins Unendliche , so daß man die Gestalten mit ihrem Widerspiel verwechselte , und das Auge verwirrt in der grenzenlosen Ferne dieser Aussicht sich verlor . Ihn schauderte mitten unter diesen Larven . Er stürzte sich selber mit in das Gewimmel , wo es am dichtesten war . Gewöhnliches Volk , Charaktermasken ohne Charakter vertraten auch hier , wie draußen im Leben , überall den Weg : gespreizte Spanier , papierne Ritter , Taminos , die über ihre Flöte stolperten , hin und wieder ein behender Harlekin , der sich durch die unbehülflichen Züge hindurchwand und nach allen Seiten peitschte . Eine höchst seltsame Maske zog indes seine Aufmerksamkeit auf sich . Es war ein Ritter in schwarzer , altdeutscher Tracht , die so genau und streng gehalten war , daß man glaubte , irgendein altes Bild sei aus seinem Rahmen ins Leben hinausgetreten . Die Gestalt war hoch und schlank , sein Wams reich mit Gold , der Hut mit hohen Federn geschmückt , die ganze Pracht doch so uralt , fremd und fast gespenstisch , daß jedem unheimlich zumute ward , an dem er vorüberstreifte . Er war übrigens galant und wußte zu leben . Friedrich sah ihn fast mit allen Schönen buhlen . Doch alle machten sich gleich nach den ersten Worten schnell wieder von ihm los , denn unter den Spitzen der Ritterärmel langten die Knochenhände eines Totengerippes hervor . Friedrich wollte eben den sonderbaren Gast weiter verfolgen , als sich die Bahn mit einem Janhagel junger Männer verstopfte , die auf einer Jagd begriffen schienen . Bald erblickte er auch das flüchtige Reh . Es war eine kleine , junge Zigeunerin , sehr nachlässig verhüllt , das schöne schwarze Haar mit bunten Bändern in lange Zöpfe geflochten . Sie hatte ein Tamburin , mit dem sie die Zudringlichsten so schalkisch abzuwehren wußte , daß ihr alles nur um desto lieber nachfolgte . Jede ihrer Bewegungen war zierlich , es war das niedlichste Figürchen , das Friedrich jemals gesehen . In diesem Augenblicke streiften zwei schöne , hohe weibliche Gestalten an ihm vorbei . Zwei männliche Masken drängten sich nach . » Es ist ganz sicher die Gräfin Rosa « , sagte die eine Maske mit düsterer Stimme . Friedrich traute seinen Ohren kaum . Er drängte sich ihnen schnell nach , aber das Gewimmel war zu groß , und sie blieben ihm immer eine Strecke voraus . Er sah , daß der schwarze Ritter den beiden weiblichen Masken begegnete , und der einen im Vorbeigehen etwas ins Ohr raunte , worüber sie höchst bestürzt schien und ihm eine Weile nachsah , während er längst schon wieder im Gedränge verschwunden war . Mehrere Parteien durchkreuzten sich unterdes von neuem , und Friedrich hatte Rosa aus dem Gesichte verloren . Ermüdet flüchtete er sich endlich an ein abgelegenes Fenster , um auszuruhen . Er hatte noch nicht lange dort gestanden , als die eine von den weiblichen Masken eiligst ebenfalls auf das Fenster zukam . Er erkannte sogleich seine Rosa an der Gestalt . Die eine männliche Maske folgte ihr auf dem Fuße nach , sie schienen beide den Grafen nicht zu bemerken . » Nur einen einzigen Blick ! « bat die Maske dringend . Rosa zog ihre Larve weg und sah den Bittenden mit den wunderschönen Augen lächelnd an . Sie schien unruhig . Ihre Blicke durchschweiften den ganzen Saal und begegneten schon wieder dem schwarzen Ritter , der wie eine Totenfahne durch die bunten Reihen drang . » Ich will nach Hause - « sagte sie darauf ängstlich bittend , und Friedrich glaubte Tränen in ihren Augen zu bemerken . Sie bedeckte ihr Gesicht schnell wieder mit der Larve . Ihr unbekannter Begleiter bot ihr seinen Arm , drängte Friedrich , der gerade vor ihr stand , stolz aus dem Wege und bald hatten sich beide in dem Gewirre verloren . Der schwarze Ritter war indes bei dem Fenster angelangt . Er blieb vor Friedrich stehen und sah ihm scharf ins Gesicht . Dem Grafen grauste , so allein mit der wunderbaren Erscheinung zu stehn , denn hinter der Larve des Ritters schien alles hohl und dunkel , man sah keine Augen . » Wer bist du ? « fragte ihn Friedrich . » Der Tod von Basel « , antwortete der Ritter und wandte sich schnell fort . Die Stimme hatte etwas so Altbekanntes und Anklingendes aus längstvergangener Zeit , daß Friedrich lange sinnend stehen blieb . Er wollte ihm endlich nach , aber er sah ihn schon wieder im dicksten Haufen mit einer Schönen wie toll herumwalzen . Ein Getümmel von Lichtern draußen unter den Fenstern lenkte seine Aufmerksamkeit ab . Er blickte hinaus und sah bei dem Scheine einer Fackel , wie die männliche Maske Rosan nebst noch einer andern Dame in den Wagen hob . Der Wagen rollte darauf schnell fort , die Lichter verschwanden , und der Platz unten war auf einmal wieder still und finster . Er warf das Fenster zu und wandte sich in den glänzenden Saal zurück , um sich ebenfalls fortzubegeben . Der schwarze Ritter war nirgends mehr zu sehen . Nach einigem Herumschweifen traf er in der mit Blumen geschmückten Kredenz noch einmal auf die nur allzu gefällige Zigeunerin . Sie hatte die Larve abgenommen , trank Wein und blickte mit den muntern Augen reizend über das Glas weg . Friedrich erschrak , denn es war die kleine Marie . Er drückte seine Larve fester ins Gesicht und faßte das niedliche Mädchen bei der Hand . Sie zog sie verwundert zurück und zeichnete mit ihrem Finger ratend eine Menge Buchstaben in seine flache Hand , aber keiner paßte auf seinen Namen . Er zog sie an ein Tischchen und kaufte ihr Zucker und Naschwerk . Mit ungemeiner Zierlichkeit wußte das liebliche Kind alles mit ihm zu teilen , und blinzelte ihm dazwischen oft neugierig in die Augen . Unbesorgt um die Reize , die sie dabei enthüllte , riß sie einen Blumenstrauß von ihrem Busen und überreichte ihn lächelnd ihrem unbekannten , sonderbaren Wirte , der immerfort so stumm und kalt neben ihr saß . » Die Blumen sind ja alle schon verwelkt « , sagte Friedrich , zerzupfte den Strauß und warf die Stücke auf die Erde . Marie schlug ihn lachend auf die Hand und riß ihm die noch übrigen Blumen aus . Er bat endlich um die Erlaubnis , sie nach Hause begleiten zu dürfen , und sie willigte mit einem freudigen Händedruck ein . Als er sie nun durch den Saal fortführte , war unterdes alles leer geworden . Die Lampen waren größtenteils verlöscht und warfen nur noch zuckende , falbe Scheine durch den Qualm und Staub , in welchen das ganze bunte Leben verraucht schien . Die Musikanten spielten wohl fort , aber nur noch einzelne Gestalten wankten auf und ab , demaskiert , nüchtern und übersatt . Mitten in dieser Zerstörung glaubte Friedrich mit einem flüchtigen Blicke Leontin totenblaß und mit verwirrtem Haar in einem fernen Winkel schlafen zu sehen . Er blieb erstaunt stehen , alles kam ihm wie ein Traum vor . Aber Marie drängte ihn schnell und ängstlich fort , als wäre es unheimlich , länger an dem Orte zu hausen . Als sie unten zusammen im Wagen saßen , sagte Marie zu Friedrich : » Ihre Stimme hat eine sonderbare Ähnlichkeit mit der eines Herrn , den ich sonst gekannt habe . « Friedrich antwortete nicht darauf . » Ach Gott ! « sagte sie bald nachher , » die Nacht ist heut gar so schwül und finster ! « Sie öffnete das Kutschenfenster , und er sah bei dem matten Schimmer einer Laterne , an der sie vorüberflogen , daß sie ernsthaft und in Gedanken versunken war . Sie fuhren lange durch eine Menge enger und finsterer Gäßchen , endlich rief Marie dem Kutscher zu , und sie hielten vor einem abgelegenen , kleinen Hause . Sie sprang schnell aus dem Wagen und in das Haus hinein . Ein Mädchen , das in Mariens Diensten zu sein schien , empfing sie an der Haustür . » Er ist mein , er ist mein ! « rief Marie kaum hörbar , aber aus Herzensgrunde , dem Mädchen im Vorübergehen zu und schlüpfte in ein Zimmer . Das Mädchen führte den Grafen mit prüfenden Blicken über ein kleines Treppchen zu einer andern Tür . » Warum « , sagte sie , » sind Sie gestern abend nicht schon zu uns gekommen , da Sie vorbeiritten und so freundlich heraufgrüßten ? Ich sollte wohl nichts sagen , aber seit acht Tagen spricht und träumt die arme Marie von nichts als von Ihnen , und wenn es lange gedauert hätte , wäre sie gewiß bald gestorben . « Friedrich wollte fragen , aber sie schob die Tür hinter ihm zu und war verschwunden . Er trat in eine fortlaufende Reihe schöner , geschmackvoller Zimmer . Ein prächtiges Ruhebett stand im Hintergrunde , der Fußboden war mit reichen Teppichen geschmückt , eine alabasterne Lampe erleuchtete das Ganze nur dämmernd . In dem letzten Zimmer sah er die niedliche Zigeunerin vor einem großen Wandspiegel stehen und ihre Haare flüchtig in Ordnung bringen . Als sie ihn in dem vordern Zimmer erblickte , kam sie sogleich herbeigesprungen und stürzte mit einer Hingebung in seine Arme , die keine Verstellung mit ihren gemeinen Künsten jemals erreicht . Der erstaunte Friedrich riß in diesem Augenblicke seinen Mantel und die Larve von sich . Wie vom Blitze berührt , sprang Marie bei diesem Anblicke auf , stürzte mit einem lauten Schrei auf das Ruhebett und drückte ihr mit beiden Händen bedecktes Gesicht tief in die Kissen . » Was ist das ! « sagte Friedrich , » sind deine Freunde Gespenster geworden ? Warum hast du mich geliebt , eh du mich kanntest , und fürchtest dich nun vor mir ? « Marie blieb in ihrer Stellung und ließ die eine Hand , die er gefaßt hatte , matt in der seinigen ; sie schien ganz vernichtet . Mit noch immer verstecktem Gesichte sagte sie leise und gepreßt : » Er war auf dem Balle - dieselbe Gestalt - dieselbe Maske . « - » Du hast dich in mir geirrt « , sagte Friedrich , und setzte sich neben sie auf das Bett , » viel schwerer und furchtbarer irrst du dich am Leben , leichtsinniges Mädchen ! Wie der schwarze Ritter heute auf dem Balle , tritt überall ein freier , wilder Gast ungeladen in das Fest . Er ist so lustig aufgeschmückt und ein rüstiger Tänzer , aber seine Augen sind leer und hohl , und seine Hände totenkalt , und du mußt sterben , wenn er dich in die Arme nimmt , denn dein Buhle ist der Teufel . « - Marie , seltsam erschüttert von diesen Worten , die sie nur halb vernahm , richtete sich auf . Er hob sie auf seinen Schoß , wo sie still sitzen blieb , während er sprach . Ihre Augen und Mienen kamen ihm in diesem Augenblicke wieder so unschuldig und kindisch vor , wie ehemals . » Was ist aus dir geworden , arme Marie ! « fuhr er gerührt fort . » Als ich das erstemal auf die schöne grüne Waldeswiese hinunterkam , wo dein stilles Jägerhaus stand , wie du fröhlich auf dem Rehe saßest und sangst - der Himmel war so heiter , der Wald stand frisch und rauschte im Winde , von allen Bergen bliesen die Jäger auf ihren Hörnern - das war eine schöne Zeit ! - Ich habe einmal an einem kalten , stürmischen Herbsttage ein Frauenzimmer draußen im Felde sitzen gesehen , die war verrückt geworden , weil sie ihr Liebhaber , der sich lange mit ihr herumgeherzt , verlassen hatte . Er hatte ihr versprochen , noch an demselben Tage wiederzukommen . Sie ging nun seit vielen Jahren alle Tage auf das Feld und sah immerfort auf die Landstraße hinaus . Sie hatte noch immer das Kleid an , das sie damals getragen hatte , das war schon zerrissen und seitdem ganz altmodisch geworden . Sie zupfte immer an dem Ärmel und sang ein altes Lied zum Rasendwerden . « - Marie stand bei diesen Worten schnell auf und ging an den Tisch . Friedrich sah auf einmal Blut über ihre Hand hervorrinnen . Alles dieses geschah in einem Augenblicke . » Was hast du vor ? « rief Friedrich , der unterdes herbeigesprungen war . » Was soll mir das Leben ! « antwortete sie mit verhaltener , trostloser Stimme . Er sah , daß sie sich mit einem Federmesser gerade am gefährlichsten Flecke unterhalb der Hand verwundet hatte . » Pfui « , sagte Friedrich , » wie bist du seitdem unbändig geworden ! « Das Mädchen wurde blaß , als sie das Blut erblickte , das häufig über den weißen Arm floß . Er zog sie an das Bett hin und riß schnell ein Band aus ihren Haaren . Sie kniete vor ihm hin und ließ sich gutwillig von ihm das Blut stillen und die Wunde verbinden . Das heftige Mädchen war währenddessen ruhiger geworden . Sie lehnte den Kopf an seine Kniee und brach in einen Strom von Tränen aus . Da wurden sie durch Mariens Kammermädchen unterbrochen , die plötzlich in die Stube stürzte und mit Verwirrung vorbrachte , daß soeben der Herr auf dem Wege hierher sei . » O Gott ! « rief Marie sich aufraffend , » wie unglücklich bin ich ! « Das Mädchen aber schob den Grafen , ohne sich weiter auf Erklärungen einzulassen , eiligst aus dem Zimmer und dem Hause und schloß die Tür hinter ihm ab . Draußen auf der Straße , die leer und öde war , begegnete er bald zwei männlichen , in dunkle Mäntel dicht verhüllten Gestalten , die durch die neblige Nacht an den Häusern vorbeistrichen . Der eine von ihnen zog einen Schlüssel hervor , eröffnete leise Mariens Haustür und schlüpfte hinein . Desselben Stimme , die er jetzt im Vorbeigehen flüchtig gehört hatte , glaubte er vom heutigen Maskenballe auffallend wiederzuerkennen . Da hierauf alles auf der Gasse ruhig wurde , eilte er endlich voller Gedanken seiner Wohnung zu . Oben in seiner Stube fand er Erwin , den Kopf auf den Arm gestützt , eingeschlummert . Die Lampe auf dem Tische war fast ausgebrannt und dämmerte nur noch schwach über das Zimmer . Der gute Junge hatte durchaus seinen Herrn erwarten wollen , und sprang verwirrt auf , als Friedrich hereintrat . Draußen rasselten die Wagen noch immerfort , Läufer schweiften mit ihren Windlichtern an den dunklen Häusern vorüber , in Osten standen schon Morgenstreifen am Himmel . Erwin sagte , daß er sich in der großen Stadt fürchte ; das Gerassel der Wagen wäre ihm vorgekommen wie ein unaufhörlicher Sturmwind , die nächtliche Stadt wie ein dunkler eingeschlafener Riese . Er hat wohl recht , es ist manchmal fürchterlich , dachte Friedrich , denn ihm war bei diesen Worten , als hätte dieser Riese Marie und seine Rosa erdrückt , und der Sturmwind ginge über ihre Gräber . » Bete « , sagte er zu dem Knaben , » und leg dich ruhig schlafen ! « Erwin gehorchte , Friedrich aber blieb noch auf . Seine Seele war von den buntwechselnden Erscheinungen dieser Nacht mit einer unbeschreiblichen Wehmut erfüllt , und er schrieb heute noch folgendes Gedicht auf : Der armen Schönheit Lebenslauf Die arme Schönheit irrt auf Erden , So lieblich Wetter draußen ist , Möcht gern recht viel gesehen werden , Weil jeder sie so freundlich grüßt . Und wer die arme Schönheit schauet , Sich wie auf großes Glück besinnt , Die Seele fühlt sich recht erbauet , Wie wenn der Frühling neu beginnt . Da sieht sie viele schöne Knaben , Die reiten unten durch den Wind , Möcht manchen gern im Arme haben , Hüt dich , hüt dich , du armes Kind ! Da ziehn manch redliche Gesellen , Die sagen : » Hast nicht Geld noch Haus , Wir fürchten deine Augen helle , Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus . « Von andern tut sie sich wegdrehen , Weil keiner ihr so wohl gefällt , Die müssen traurig weitergehen , Und zögen gern ans End der Welt . Da sagt sie : » Was hilft mir mein Sehen , Ich wünscht , ich wäre lieber blind , Da alle furchtsam von mir gehen , Weil gar so schön mein Augen sind . « - Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse , In schöne Kleider putzt sie sich , Die Fenster glühn , sie winkt vom Schlosse , Die Sonne blinkt , das blendet dich . Die Augen , die so furchtsam waren , Die haben jetzt so freien Lauf , Fort ist das Kränzlein aus den Haaren , Und hohe Federn stehn darauf . Das Kränzlein ist herausgerissen , Ganz ohne Scheu sie mich anlacht ; Geh du vorbei : sie wird dich grüßen , Winkt dir zu einer schönen Nacht . - Da sieht sie die Gesellen wieder , Die fahren unten auf dem Fluß , Es singen laut die lust ' gen Brüder ; So furchtbar schallt des einen Gruß : » Was bist du für ' ne schöne Leiche ! So wüste ist mir meine Brust , Wie bist du nun so arm , du Reiche , Ich hab an dir nicht weiter Lust ! « Der Wilde hat ihr so gefallen , Laut schrie sie auf bei seinem Gruß , Vom Schloß möcht sie hinunterfallen Und unten ruhn im kühlen Fluß . - Sie blieb nicht länger mehr da oben , Weil alles anders worden war , Von Schmerz ist ihr das Herz erhoben , Da ward ' s so kalt , doch himmlisch klar ; Da legt sie ab die goldnen Spangen , Den falschen Putz und Ziererei , Aus dem verstockten Herzen drangen Die alten Tränen wieder frei . Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen , Da mußte die Verliebte gehn , Wie rauscht der Fluß ! die Hunde bellen , Die Fenster fern erleuchtet stehn . Nun bist du frei von deinen Sünden , Die Lieb zog triumphierend ein , Du wirst noch hohe Gnade finden , Die Seele geht in Hafen ein . - Der Liebste war ein Jäger worden , Der Morgen schien so rosenrot , Da blies er lustig auf dem Horne , Blies immerfort in seiner Not . Zwölftes Kapitel Rosa saß des Morgens an der Toilette ; ihr Kammermädchen mußte ihr weitläufig von dem fremden Herrn erzählen , der gestern nach ihr gefragt hatte . Sie zerbrach sich vergebens den Kopf , wer es wohl gewesen sein möchte , denn Friedrich erwartete sie nicht so schnell . Vielmehr glaubte sie , er werde darauf bestehen , daß sie die Residenz verlasse und das machte ihr manchen Kummer . Die junge Gräfin Romana , eine Verwandte von ihr , in deren Hause sie wohnte , saß neben ihr am Flügel und schwelgte tosend in den Tänzen von der gestrigen Redoute . » Wie ihr andern nur « , sagte sie , » alle Lust so gelassen ertragen und aus dem Tanze schnurstracks ins Bett springen könnt und der schönen Welt so auf einmal ein Ende machen ! Ich bin immer so ganz durchklungen , als sollte die Musik niemals aufhören . « Bald darauf fand sie Rosas Augen so süß verschlafen , daß sie schnell zu ihr hinsprang und sie küßte . Sie setzte sich neben sie hin und half sie von allen Seiten schmücken , setzte ihr bald einen Hut , bald Blumen auf , und riß ebensooft alles wieder herunter , wie ein verliebter Knabe , der nicht weiß , wie er sich sein Liebchen würdig genug aufputzen soll . » Ich weiß gar nicht , was wir uns putzen « , sagte das schöne Weib endlich und lehnte den schwarzgelockten Kopf schwermütig auf den blendendweißen Arm , » was wir uns kümmern und noch Herzweh haben nach den Männern : solches schmutziges , abgearbeitetes , unverschämtes Volk , steifleinene Helden , die sich spreizen und in allem Ernste glauben , daß sie uns beherrschen , während wir sie auslachen , fleißige Staatsbürger und ehrliche Ehestandskandidaten , die , ganz beschwitzt von der Berufsarbeit und das Schurzfell noch um den Leib , mit aller Wut ihrer Inbrunst von der Werkstatt zum Garten der Liebe springen , und denen die Liebe ansteht wie eine umgekehrt aufgesetzte Perücke . « - Rosa besah sich im Spiegel und lachte . - » Wenn ich bedenke « , fuhr die Gräfin fort , » wie ich mir sonst als kleines Mädchen einen Liebhaber vorgestellt habe : wunderschön , stark , voll Tapferkeit , wild , und doch wieder so milde , wenn er bei mir war . Ich weiß noch , unser Schloß lag sehr hoch zwischen einsamen Wäldern , ein schöner Garten war daneben , unten ging ein Strom vorüber . Alle Morgen , wenn ich in den Garten kam , hörte ich draußen in den Bergen ein Waldhorn blasen , bald nahe , bald weit , dazwischen sah ich oft einen Reiter plötzlich fern zwischen den Bäumen erscheinen und schnell wieder verschwinden . Gott ! mit welchen Augen schaute ich da in die Wälder und den blauen , weiten Himmel hinaus ! Aber ich durfte , solange meine Mutter lebte , niemals allein aus dem Garten . Ein einziges Mal , an einem prächtigen Abende , da der Jäger draußen wieder blies , wagte ich es und schlich unbemerkt in den Wald hinaus . Ich ging nun zum ersten Male allein durch die dunkelgrünen Gänge , zwischen Felsen und über eingeschlossene Wiesen voll bunter Blumen , alte , seltsame Geschichten , die mir die Amme oft erzählte , fielen mir dabei ein ; viele Vögel sangen ringsumher , das Waldhorn rief immerfort , noch niemals hatte ich so große Lust empfunden . Doch wie ich im Beschauen so versunken ging und staunte , hatt ich den rechten Weg verloren , auch wurde es schon dunkel . Ich irrt und rief , doch niemand gab mir Antwort . Die Nacht bedeckte indes Wälder und Berge , die nun wie dunkle Riesen auf mich sahen , nur die Bäume rührten sich so schaurig , sonst war es still im großen Walde . - Ist das nicht recht romantisch ? « unterbrach sich hier die Gräfin selbst , laut auflachend . - » Ermüdet « , fuhr sie wieder weiter fort , » setzte ich mich endlich auf die Erde nieder und weinte bitterlich . Da hört ich plötzlich hinter mir ein Geräusch , ein Reh bricht aus dem Dickicht hervor und hinterdrein der Reiter . - Es war ein wilder Knabe , der Mond schien ihm hell ins Gesicht ; wie schön und herrlich er anzusehen war , kann ich mit Worten nicht beschreiben . Er stutzte , als er mich erblickte , und staunend standen wir so voreinander . Erst lange darauf fragte er mich , wie ich hierhergekommen und wohin ich wollte ? Ich konnte vor Verwirrung nicht antworten , sondern stand still vor ihm und sah ihn an . Da hob er mich schnell vor sich auf sein Roß , umschlang mich fest mit einem Arme , und ritt so mit mir davon . Ich fragte nicht : wohin ? denn Lust und Furcht war so gemischt in seinem wunderbaren Anblick , daß ich weder wünschte , noch wagte von ihm zu scheiden . Unterwegs bat er mich freundlich um ein Andenken . Ich zog stillschweigend meinen Ring vom Finger und gab ihn ihm . So waren wir , nach kurzem Reiten auf unbekannten Wegen , zu meiner Verwunderung auf einmal vor unser Schloß gekommen . Der Jäger setzte mich hier ab , küßte mich und kehrte schnell wieder in den Wald zurück . Aber mir scheint gar , du glaubst mir wirklich alles das Zeug da « , sagte hier die Gräfin , da sie Rosa über der Erzählung ihren ganzen Putz vergessen und mit großen Augen zuhorchen sah . - » Und ist es denn nicht wahr ? « fragte Rosa . - » So , so « , erwiderte die Gräfin , » es ist eigentlich mein Lebenslauf in der Knospe . Willst du weiter hören , mein Püppchen ? Der Sommer , die bunten Vögel und die Waldhornsklänge zogen nun fort , aber das Bild des schönen Jägers blieb heimlich bei mir den langen Winter hindurch . - Es war an einem von jenen wundervollen Vorfrühlingstagen , wo die ersten Lerchen wieder in der lauen Luft Schwirren , ich Stand mit meiner Mutter an dem Abhange des Gartens , der Fluß unten war von dem geschmolzenen Schnee ausgetreten und die Gegend weit und breit wie ein großer See zu sehen . Da erblickte ich plötzlich meinen Jäger wieder gegenüber auf der Höhe . Ich erschrak vor Freude , daß ich am ganzen Leibe zitterte . Er bemerkte mich und hielt meinen Ring an seiner Hand gerade auf mich zu , daß der Stein im Sonnenscheine funkelnd , wunderbar über das Tal herüberblitzte . - Er schien zu uns herüber zu wollen , aber das Wasser hinderte ihn . So ritt er auf verschiedenen Umwegen und kam an einen tiefen Schlund , vor dem das Pferd sich zögernd bäumte . Endlich wagte es den Sprung , sprang zu kurz und er