nur außer sich Beschäftigung zu finden . Eine Zeitlang glitt man schweigend über den Wellen hin , es war , als sänftige das Wasser die unruhige Fröhlichkeit . Alexis , der alles nach alles mit machen mußte , hatte sich indeß auch eines Ruders bemächtigt , man achtete Anfangs nicht viel darauf , weil er sich auch hierbei gewandt zeigte . Doch das wilde Spiel des ganzen Tages hatte sein Blut unnatürlich angeregt , der Kopf war ihm schwer , die Arme schwächer als sonst , er lehnte sich zu weit hinaus , und schoß vorn herüber ins Wasser . Ein lauter Schrei aller Anwesenden durchdrang noch die Luft , als Adalbert schon seinen Rock abgeworfen hatte , und frisch in die Wellen untertauchte . Mit Gewalt mußte man Marien zurückhalten . sich ihm nicht nachzustürzen , Antonie aber lag kniend im Boden , beide Arme über den Bord des Kahnes ausgebreitet kein Laut drang aus ihrer Brust , sie schien nichts von sich zu wissen . Jetzt arbeitete sich Adelbert wieder herauf , den Knaben lebendig über sich haltend . Ein Augenblick , und er war im Kahn , der Knabe in den Händen der Frauen , die den kleinen Unbedacht mit ihren Shawls und Tüchern rieben und ihn hineinwickelten , um alle böse Folgen zu vermeiden . Antonie begriff indeß von allem nichts , als Adalberts jähen Sprung . Sie lag noch unbeweglich da , als der Kahn ans Land stieß . Da sie sich am vordern Rande des Schiffes befand , so reichte ihr Adalbert zuerst die Hand , um sie hinaus zu führen ; sie sah ihn mit dem süßesten Lächeln an , bist Du wirklich gerettet ? fragte sie . Seine Hand zitterte schon in der ihren , als er bewußtlos stammelte , nein Antonie , nein , ich bin von nun an rettungslos ! Der Mond hatte sich hinter einer dichten Wolke versteckt , es war ganz dunkel um sie , als sie das kleine Brettchen betraten , das nach dem Ufer führte , Antonie glitt aus , Adalbert faßte sie stärker in seine Arme . O Gott , Adalbert ! flüsterte Antonie , überwältigt von seiner Nähe . Du liebst mich noch , rief er wild , es ist nicht vorbei , ich fühle es an dem süßen Beben Deines himmlischen Leibes , sage mir es Antonie , sage es dem Himmel , daß Du mich liebst . Sie standen jetzt auf der Rhede ; ja , erwiederte sie gefaßt , ja ich sage Dir es und dem Himmel , daß ich Dich liebe ! Der Mond warf in diesem Augenblick einen leichten Strahl auf ihre Stirn . Göttlich Wesen ! rief Adalbert wie verzückt , ich gehöre Dir von jetzt bis in alle Ewigkeit ! Vierzehntes Kapitel Alexis war trotz aller Vorkehrungen am folgenden Tage dennoch bedeutend krank . Schon in der Nacht hatte er starkes Fieber , sprach und wimmerte ängstlich , und schreckte zusammen , als thue er aufs neue den ersetzlichen Fall . Der Köhler war abwesend , er hatte weiter nördlich hin eine Geschäftsreise unternommen , und den Knaben Mariens Pflege überlassen . Diese war nun aufs äußerste beunruhigt . Sie wich nicht von seiner Seite , und da er in der Fieberhitze nicht im Bette aushalten mochte , so lag er entweder auf ihrem Schoos , oder doch , den Kopf an ihre Brust gelehnt , auf einem Bänkchen , das sie mit Decken belegte und bald hier hin und dort hin trug , wie es die Unruhe des armen Kindes foderte . Alles Spielzeug hieß sie herbeischleppen , jede Zerstreuung mußte ihm augenblicklich werden . Er hatte nach Kinder Weise in Kisten und Kasten mancherlei hineingekramt , wonach man oft lange vergebens suchen mußte . Jetzt verlangte er nach einem Beutelchen , worin , wie er sagte , schöne Dinge seien . Man fand es endlich im Garten auf dem schattigen Blumensitz . Alexis öffnete die Schnur , und schüttete unter mehrern bunten Steinchen , einigen Silberpfennigen und glänzenden Muscheln , die beiden zerbrochenen Ringe in Martens Schoos . Sie fuhr unwillkührlich zusammen , diese hier zu finden , da sie sie lange vergebens gesucht hatte . Das Kind , durch ihre Bewegung erschreckt , glaubte , sie wolle ihm die Kleinodien nehmen , und rief weinerlich , ich habe sie ja von der Erde aufgenommen , und wollte sie wieder mit Wachs zusammenkleben , wie der Onkel in Chambery , aber es ging ja nicht . Nein , nein guter Junge , erwiederte Marie , ihn auf die brennende Stirn küssend , es ging auch nicht , sei nur ruhig , und spiele fort . Höre mal , hub er nach einer Weile an , die Ringe hat die Antonie entzwei gemacht , es war recht unartig von ihr ! Sie hat es nicht gern gethan , entgegnete Marie . Ja , rief er heftig , ja , sie hat es mit Willen gethan , ich weiß es . Alexis ! drohete Marie sanft , so etwas mußt Du nicht sagen ! Es ist aber doch wahrhaftig wahr , schluchzte er , durch Krankheit und Widerspruch gereitzt , sie hat mir es ja selbst gesagt . Dir ? fragte Marie , Kind , wann denn ? I ! damals , entgegnete er , wie sie so häßlich war ! damals , - Nachts , - sein Auge flammte hell auf , er sprach entsetzlich schnell , sie setzte sich bei mir aufs Bett , und da schnarrte es so in ihrer Brust wie die große Hausuhr , und da träumte mir , - und , da sagte sie - ich weiß nicht recht , - ich glaube , - Adalbert gehört mir ! Er gehört mir ! ich laß ihn nun und nimmermehr , ich habe die Ringe zerbrochen , ich will alles zerbrechen , und dann kam was von Blut , von verschreiben , ich weiß nicht mehr , aber gesagt hat sie mirs gewiß . Das Schicksal hat mich ihr verschrieben , schrie Adalbert , der in einem Seitencabinet arbeitete , rette mich Marie , rette mich Engel ! rief er vor sie hinstürzend . Marien schwindelte es , sie dachte in die Erde zu sinken . Das Kind hatte sich ängstlich an ihren Hals geklammert , Adalbert umfaßte ihre beiden Knie und drückte sie unter heftigem Weinen an seine Brust . In dem Augenblicke trat Antonie in das Zimmer . Alexis lag mit halb offnen Augen , die Fieberhitze flimmerte zitternd über die zufallenden Wimpern und riß sie krampfhaft in die Höhe ; als er Antonien sah , sagte er furchtsam ; sieh mal , sieh mal , da ist die böse Hexe wieder ! Nicht doch , flüsterte Marie sanft , und wandte sein Köpfchen abwärts nach der Wand . Doch als Adalbert Antoniens Blicke begegnete , fuhr er mit beiden Händen vor die Augen und rief in unmäßigem Schmerz , ich bin unwiederbringlich verloren ! Marie winkte ihm , sich zu entfernen , er schwankte nach seinem Zimmer . Antonie , sagte sie darauf , Du hast grausame Gewalt geübt ! Mußtest Du ihn verderben , wenn Du ihn liebst ? und willst Du alles tödten , was seinem Herzen nahe war ? Antonie stand regungslos da . Marie weinte still . Das Kind war auf ihrem Schooße eingeschlafen . Jetzt trat Antonie zu ihr , reichte ihr die Hand , und sagte : Schwester , gieb ihn freiwillig auf , Dein darf er einmal nicht bleiben . Du bist fürchterlich , seufzte Marie . Aber täusche Dich nicht , Gott hat unsern Schwur angenommen , er allein kann den Eid lösen . Er hat auch meinen Schwur angenommen , entgegnete Antonie , auch den seinen , durch welchen er mein ist ! Meineid dringt nicht auf zu Gott , sagte Marie , den halten die Engel mit ihren Schwingen zurück , er fällt auf die Erde nieder ! da aber , da säet er unabsehbares Elend ! Sie verbarg ihr Gesicht in des Knaben Locken , den Blicken der Schwester zu entgehn ! Diese sank vor ihr auf die Knie , und mit aufgehobenen Händen sagte sie : ich beschwöre Dich bei allem Heiligen , gieb ihn freiwillig auf ! Geh ! erwiederte Marie gefaßt , Gott wird zwischen uns richten ! Er hat gesprochen , stammelte jene , in der höchsten Seelenangst , - zerbrachen nicht die Ringe in meiner Hand ? - Ach ! stöhnte Marie , - die Ringe lagen jetzt , ein bei Seite geworfenes Spielzeug , neben dem kranken Kinde . Nun , rief sie , so möge uns des Ewigen Hand aus diesem Labyrinthe führen ! Sie hörten jetzt ein Geräusch im Vorzimmer . Antonie stand auf , die Baronin trat eilig herein . Was geht hier vor ? fragte sie mit ihrer gewohnten Heftigkeit ; Alexis todtkrank , ihr beide in Thränen , Adalbert und der Chevalier wie zwei Rasenden an mir vorbei , die Treppe hinunter , zum Hause hinaus , was habt Ihr ? was ist geschehn ? Adalbert und der Chevalier ? rief Antonie , die es wie ein Ahndungsblitz durchzuckte , das hat etwas zu bedeuten ! Freilich , Ihr Kinder , sagte die Baronin , aber was denn , was denn ? Ich weiß nicht , entgegnete Antonie , schon halb zur Thür hinaus , als ihr der Herzog in den Weg trat , und sie schweigend in das Zimmer hineinführte . Niemand hatte jetzt den Muth zu einer Frage , oder auch nur zu einer verrathenden Bewegung . Der Knabe ist krank , sagte er , freundlich zu Marien gewandt . Sie bejahete es leise . Er betrachtete sie lange ; sieh Pauline , rief er nach einer Weile , gleicht sie nicht der Mutter zum sprechen , grade jetzt , jetzt in diesem Augenblick ! Marie streckte ihm die Arme entgegen , ihr Herz ertrug den Kampf nicht länger , sie weinte an seiner Brust auf doppelte Weise zerrissen Sagt mir um Gottes Willen , rief die Baronin , was ist es denn , was Euch so außer Euch setzt ? Daß sie ein Opfer wird , wie die Mutter , entgegnete er heftig losbrechend , das ist es , daß die Teufelskünste , die Aberwitz und freche Klügelei zum Spielwerk machten , ihr das Herz brechen , daß die tollen Fratzen uns noch lange nicht Elend genug bereitet haben , daß - o ich möchte rasend werden ! - Wo ist Adalbert , was ist es mit ihm und dem Chevalier ? fragte Marie . Bleibe ruhig , mein Kind erwiederte der Herzog , ihn führt , ihn schützt die Ehre , sie rettet ihn und uns vielleicht . Antonie machte eine rasche Bewegung nach der Thür . Nicht von der Stelle , rief der Herzog , sie zurückhaltend . Verwirrungen anzetteln mögen die Weiber , lösen können sie nur Männer . Marie faltete ihre Hände zum beten . Recht mein Kind , sagte er , da suche Du Hülfe , der Weg ist Dir offen geblieben . Antonie sank wie zerschmettert auf den Boden , und beide Arme gen Himmel gebreitet , rief sie , führe Du meine Sache ! O ! verdammet mich nicht , wimmerte sie , des Herzogs Knie umfassend , Ihr wißt es alle nicht , was mich treibt ! Die Baronin hatte die Ungewißheit nicht länger ertragen können , sie war hinausgeeilt , und kam nach einigen Augenblicken mit dem Arzt zurück , der ihr , von allem unterrichtet , das Nöthige mitgetheilt hatte . Der Doktor reichte dem Herzog ein zusammengefaltetes Blatt . Gottlob ! rief dieser , so ist er fort ! Fort ? wiederholten beide Schwestern . Mein Gott , Du bist gewaltig ! seufzte Marie , beide Hände auf das kranke Herz legend . Der Marquis kam jetzt auch herzu . Sie haben sich herrlich geschlagen , sagte er dem Herzog halb laut , der Chevalier ist durch die Schulter geschossen , Adalbert hat einen Streifschuß am rechten Arm unbedeutend , und keinesweges geeignet , ihn an seiner Reise zu hindern . Der Chevalier , ohne zum Tode zu sein , wird das Bett hüten , und Adalberts Flucht hat einen Grund vor der Welt , der Anstand ist behauptet . Und die Ehre , fiel der Herzog ein , hat uns alle gerettet , indem sie heilig geachtet ward . - Marie , fuhr er zu dieser gewendet fort , Dein Mann ward vom Chevalier beleidigt , welcher Rechte auf Antonien zu haben glaubt , und gestern etwas Zweideutiges beim Heraustreten aus dem Kahne will gehört haben . Worte , mein Kind , sind innere Waffen , welche die äußeren herausfordern . Adalbert faßte die Gelegenheit begierig auf , den tollen Gaukeleien ein Ende zu machen . Er mußte mir versprechen , überlebe er den Ausgang , nach Rußland zu flüchten . Es ist geschehn . Jetzt fordere ich Haltung und Ruhe von allen . Das Uebrige wird sich finden . Funfzehntes Kapitel Marie und der Arzt blieben die ganze Nacht über bei dem kranken Alexis ; und obgleich das Kind nach Mitternacht ruhiger schien , so wollte ihn die sorgsame Pflegerin doch nicht verlassen . Ihre Haltung war die edelste , ihr Wesen klar und bestimmt . Der kleine Unmuth , die ungezügelte Trauer , der sie sich wohl bei geringfügigern Ereignissen hinzugeben pflegte , schien in die schwankende Kindeszeit zurückgesunken , der sie plötzlich entwachsen war . Sie redete gefaßt mit dem Arzt über mancherlei , nur erwähnte sie Adalberts nicht mit einer Silbe . Antoniens wunderbare Natur schien sie sich klar machen zu wollen . Sie kam immer auf diese zurück . Es ist eigen , sagte sie einmal , daß wir einander so verschieden und doch so ähnlich sind . Auch im Aeußern ist das auffallend . Man sagt , Zwillinge gleichen sich oft zum Verwechseln . Bei uns ist das nur zum Theil der Fall ! So im Tone der Stimme , im Gange , in der Handschrist , die gleichwohl schon mehr durch das Innere bedingt wird , und in diesem ist das verwandtliche Begegnen außerordentlich ! Sie schwieg einige Augenblicke betrübt . Ich erinnere mich , fuhr sie fort , daß wir in den frühesten Kinderjahren oft plötzlich zugleich über ein Spielzeug herfielen , daß wir so lange darüber weinten und zankten , bis es beiden genommen ward ! - Wie oft spielen Kinder so ihr ganzes kommendes Schicksal im voraus ! Der Arzt faßte sie gerührt bei der Hand : rechnen Sie darauf , sagte er , daß Gott einem Jeden giebt oder vielmehr läßt , was von je her sein eigen zu sein bestimmt war . Das thue ich auch , Herr Doktor , entgegnete Marie , wie könnte ich sonst wohl noch leben ! Sie redeten hierauf ruhig weiter , und er , um sie zu zerstreuen , erzählte ihr manch merkwürdiges Beispiel der eben erwähnten Familienähnlichkeiten , welche sich in einer langen Reihe von Jahren durch ein ganzes Geschlecht dergestalt wiederholen , daß man alle des gleichen Namens durch einen hervorklingenden Grundton wiedererkenne . Oftmals , fuhr er fort , ist die Aehnlichkeit nicht so durchgehend , sie springt über , wie von Großeltern auf Enkelkinder , anderer Seits wird sie auch wohl durch Vermischungen gänzlich unterbrochen , und tritt erst nach mehrern Stufenfolgen gewissermaaßen fremd als etwas Neues auf , ob wir gleich nur das Alte darin erkennen sollten . So ist auch die Individualität der Volksstämme allein zu begreifen . Mir fällt bei dem , was sie zuvor über Geschlechtsvermischungen sagten , ein , entgegnete Marie , daß die Reinerhaltung des Adels , die Ahnenproben , und alles was dahin gehört , wohl auf der Vorliebe für jene Eigenthümlichkeit beruhen . Und war der alte , einfache Grund wahrhaft gut , so mögen wir uns auch wohl hüten , etwas Fremdes darauf zu verpflanzen . Man muß hierbei , nahm jener das Wort , viel auf die Kraft der Naturen rechnen . Es sichtet sich alles nach und nach , was im Kampf der Zeiten übereinander geworfen wurde . Und fast immer finden wir in jeder Familie irgend eine versöhnende Erscheinung , welche , das Alte und Neue zusammenfassend , den übergetretenen Lebensstrom , auf eine oder die andere Weise , in seine Schranken zurückführt . Wie oft , daß ein Kind in Verwirrung und Schmerz geboren , bewußtlos Friede und Freude über sein Haus mit auf die Welt bringt . Er dachte hierbei an Marien , welche ihm immer wie ein versöhnender Engel erschienen war . Sie aber deutete es anders , und blickte ernst und nachdenklich vor sich hin , dann reichte sie dem Arzt unter flüchtigem Erröthen die Hand , und ging , da der Tag bereits angebrochen und Alexis fest eingeschlafen war , in ihr Zimmer zurück . Nichts glich der wehmüthigen Theilnahme , der innigen Zärtlichkeit , mit welcher die Baronin ihrem unglücklichen Kinde , wie sie Marien nannte , entgegen kam . Alles was sie selbst jemals erfahren und gelitten hatte , alle trübe Tage und Stunden , wanden sich wieder aus dem alten Abgrund der Zeit herauf . So vieles hatte sie eingebüßt , so vieles heldenmüthig entbehrt , nichts Großes mehr vom Schicksal verlangt , in das Unabwendbare hatte sie sich schnell gefunden , aber Familienfrieden , behagliches Theilen der letzten Lebensfreuden mit den theuern Verwandten , darauf hatte sie gerechnet , das , dachte sie , sei nicht zu viel gefodert , und nun war alles zerrissen , was sich so natürlich , so von selbst , zusammengefügt . Sie war von dem letztem Schlage wie zerschmettert . Doch konnte sie nicht lange in einem Zustande verharren der sie zu allem tauglichen unfähig , zu jeder wohlthätigen Erheiterung Anderer ungeschickt machte . Sie gewann Kraft , sich aus einer Kette abspannender Erinnerungen und trüber Weltansichten herauszureißen . Das alte Gleichgewicht war bald wieder in ihr hergestellt . Sie faßte die Gegenwart klar auf , und arbeitete einer bessern Zukunft dadurch entgegen , daß sie sich mit dem Arzte vereinte , Antoniens widerstrebendes Gemüth dem Gesetz und der Nothwendigkeit zu unterwerfen . Erneuen , das wußte sie wohl , lassen sich Menschen nicht . Wegzuwischen , anders zu machen , war hier nichts , das Alte mußte bleiben . Die Leidenschaft stumpft sich indeß an dem Unmöglichen ab , oder sie wendet sich gegen die Brust , die sie hegt . Die Natur mußte zeigen , zu was sie hier Muth habe , zum Besiegen oder Zerstören ! Antonien ward daher die Unmöglichkeit , jemals zu Adalberts Besitz zu gelangen , hell und anschaulich auseinander gelegt . Du kannst ihn , sagte die Tante , bis ans Ende der Welt , aus der Welt treiben , aber was gewinnst Du dabei ? Antonie schwieg . Gehört er dir darum mehr , wenn er Euch beide flieht ? fuhr die Baronin fort , was hilft es Dir denn , ein Band locker und lose auseinander zu halten , das Du niemals zerreißen kannst ? An Dir ist es also , den fremden Mann aufzugeben , und Deine eingebildeten Rechte bescheiden fahren zu lassen ! Fremder Mann ! rief Antonie , Gott ! Gott ! Hier brennt sein Bild , sagte sie , die Hand der Baronin auf ihre Brust drückend , meine Tante , Sie wissens ja , Sie sagten es selbst , Sie konnten nicht von einander lassen , die unglücklichen Eltern ! Wie soll ich denn von ihm lassen ! Schieben , rühren Sie nicht an seinem Bilde , Sie drücken es sonst so tief hinein , daß ich schreien muß ! Es schnitt mir ja von Kindheit an blutige Wunden ins Herz , wie soll ich es denn jetzt wegwerfen können ! Wie fodern nur überall Menschen grade das Unmenschlichste ! Lassen Sie dem Schicksal ungehindert seinen Lauf , ich bitte Sie ! Die Baronin ging nach jedem neuen Versuche trostloser von dem krankhaft verwirrten Mädchen zurück . Es stärkte sich ihr wohl das Herz an Mariens ruhigem Walten , an ihrem milden Thun mit Alexis , der unter ihrer Pflege wieder aufblühete , und sie Stundenlang auf ihren Spatziergängen begleitete , aber sie sah in dem allen keinen Ausweg , und zitterte vor irgend einem entscheidenden Schlage ! Ueberall begriff sie die Fassung ihres zarten , so leicht zu verletzenden Kindes , nicht , die keine Anstrengung , keine Gattung nützlicher Thätigkeit verschmähete , niemals klagte , niemals Adalberts Namen nannte , und jeden Fremden in schicklicher Entfernung zu halten wußte . Zwar hatte sich die Präsidentin bald genug eingestellt , erst leise angechlagen , dann dreister nach dem eigentlichen Grund des seltsamen Duells nachgegraben , auf die unbesonnene Heftigkeit der Männer gescholten , es lächerlich gefunden , daß solche , welchen das Verhältniß verbiete , die Waffen für das Vaterland zu führen , und die es gewissermaßen entwaffnet habe , nun ihre Blutgier gegen einander richten , und dies aus Ursachen - wobei sie lauernd inne hielt , - denen wohl dieselben lähmenden Verhältnisse , die ewige , nie zu erschöpfende , Politik zum Grunde liege . Marie entgegnete ihr indeß gelassen , daß sie das ernste Ereigniß nicht lächerlich finden könne , andern möge es so erscheinen , es sei hiermit , wie überall mit jedem enthusiastischen Aufwallen , das den Gleichgültigen immer zum Spotte reize . Dann aber ließ sie sich auf nichts weiter ein , und die Präsidentin verzweifelte an der strengen Entschlossenheit des sonst so geschmeidigen , fast unterwürfigen Wesens . Sie tadelte deshalb Marien , und meinte , sie habe doch im Grunde viel von Antoniens starrem Trotz . Viktorine hingegen hob die gekränkte Frau auf alle Weise heraus , und suchte an dieser ihre ganze Liebesfähigkeit , und den Schatz weiblicher Tugenden an den Tag legen zu wollen . Mit der Miene einer barmherzigen Schwester stattete sie der Leidenden unabläßig Leidensbesuche ab , kam und ging zu jeder Stunde , verschmähete jede andere gesellige Mittheilung , hatte tausend leise Aufmerksamkeiten , und war von einer Aufopferung welche die Welt nicht unbeachtet , nicht unerkannt , lassen konnte . Gleichwohl war sie nicht zu bereden , Antonien ein einzigesmal in ihrer Abgeschlossenheit aufzusuchen . Die Unglückliche litt zeither an einem unerträglichen Herzkrampf , der sie oft halbe Tage lang unfähig machte , ein Wort herauszubringen . Die Baronin lag deshalb Viktorinen oftmals an , ihre Güte zwischen beiden Schwestern zu theilen , doch sie entschuldigte sich anfangs unter frostiger Zurückhaltung , endlich aber sagte sie , nicht ohne entstellende Bitterkeit : ich war immer von strengen Sitten , geprüfter Auswahl meiner Freunde , und gestehn Sie mir , würde eine junge Frau , in den Tagen der guten Gesellschaft , Fräulein Antonien ungestraft in Paris haben sehen können ? Sie können es sich nicht verbergen , daß der Schein , trotz aller klugen Maaßregeln ihrer Familie , gegen sie ist , und ich gestehe Ihnen , ich liebe meinen Ruf zu sehr , um ihm durch übel angebrachte Nachgiebigkeit schaden zu wollen . Die Baronin stutzte , doch machte sie eine so stolze als abwehrende Bewegung mit dem Kopfe , und sagte mit gezwungener Haltung : dagegen läßt sich nichts einwenden , das hat die Sitte sanktionirt . Doch kaum hatte sich Viktorine entfernt , als sie mit losbrechender Heftigkeit ausrief , wie grausam und wie ungeschickt sind diese unsichern Geschöpfe , die niemals wissen , wie sie mit sich und der Welt stehn , die ohne jene edle Haltung starker , reiner Naturen das elende Spiel fremder Fingerzeige sind , die kalten Blutes warme Herzen todt drücken , weil sie ihrer Meinung nach zu rasch schlagen , und die sich besinnen werden , ob sie eine Mücke in einer regnigen Mainacht aus dem Fenster setzen sollen , wenn grade ein Bewunderer dabei steht ! O ich kenne sie auswendig , diese Frauen von sogenannten Grundsätzen , sie waren mir immer ein Greuel ! weil sie leise , leise einen Tropfen Gift nach dem andern in den Ruf eines vielleicht bethörten Geschöpfes schütten , und dessen Fall dadurch beschleunigen , weil sie selbst die Liebe , die sie nicht kennen , durch geistige Buhlerei verkrüppeln , zu der ihnen das komponirte Wesen einen Freibrief auswirken half . Denn ich habe sie ja gesehen , diese selbe Frauen , wie sie ihr studirtes Mienenspiel und die kleinen Mittel ihrer armen Natur in Bewegung setzen , wenn es gilt , einen Mann zu bestricken , den sie nicht lieben , nicht achten , der grade da und Mode ist . Maske ist ihr ganzes Wesen , an der ich mich stets getrieben fühle , zu rücken , und sie wegzuschieben . Die Welt sieht das auch ein , denn es ist ja zum Sprachgebrauch geworden , von solchen , die eben nichts anders thun als figuriren , gemeinhin zu sagen , sie behaupten ihre Rolle gut in der Welt , sie fallen nie aus ihrer Rolle ! Wie anders ist es mit jenen hellen , durchsichtigen Engelsseelen , die an dem Unrecht hingehn , ohne Scheu vor Befleckung , oder die Starken , die überwunden haben , und mild und gütig auf die hinblicken , die noch im Kampf begriffen sind . Unter allen weiblichen Tugenden ist sanfte Duldung die schönste . Sie küßte hier Marien auf die Stirn , welche sich zärtlich an sie schmiegte , wie immer , Liebe und freundliches Anerkennen bei der mütterlichen Freundin findend . So standen alle Theile zu einander , so hatte ein jeder Monate lang das Leben hingehalten , Sorgen und Bekümmerniß in sich verschlossen , gehofft und gefürchtet , als endlich Briefe von Adalbert einliefen . Es waren fliegende Blätter an den Herzog addressirt , ohne Datum , ohne Ort des Auffenthalts . Ihr Inhalt war folgender . » Zu wem unter Euch Allen soll ich reden ? ich bin Euch Allen verschuldet ! Ich kann an keinen ohne Schmerz , ohne Vorwurf , denken ! Marie ! Antonie ! Wo ist hier ein Ausweg ! War das ganze vorige Leben nicht da ? Sagt , ich bitte Euch , ist Wahrheit in den Augenblick , den ich nicht weggeben , den ich nicht erlebt haben möchte ? Es ist mir wie im Traum ! - ich hatte einen Traum - O Gott ! Träume greifen vor und zurück , welches ist nun das rechte ? Warum treibe ich mich in so heftiger Eil von Ort zu Ort ? Wohin will ich denn ? was soll ich in einer ganz fremden Welt ! Ich ängstige die Postmeister , verleite die Postillone ihre Pferde todtzujagen , stürze mich bis in die Nacht unter unbekannte Gegenstände hin , reiße dann die Menschen unbarmherzig aus ihrem Schlaf , gönne Niemand Ruhe , weil ich sie selbst nirgend finde , setze nach kurzer Frist alles wieder in Bewegung , und schleppe mich heute wie gestern trostlos in der Irre umher . Wozu nur das ? Ich sehe dem allem kein Ende ? Es muß anders werden ! Gestern fand ich in einer Stadt französische Kriegsgefangene . Es waren Leute von meinem Regiment dabei . Sie erkannten mich gleich ! ich glaubte Musik zu hören , als das Wort , Camerad , über ihre Lippen flog . Ist denn der Mann noch etwas anderes als Soldat ! Sie fragten mich wo ich hinwolle ? Ich stand beschämt unter ihnen . Weiß ich es selbst ! weiß es irgend eine Seele ? Ich möchte nach Frankreich zurück ! Der - sche Gesandte bot mir es an , mir die nöthige Erlaubniß auszuwirken , es gehn viel Emigrirte von hier dahin ab . Ich will wieder Kriegsdienste nehmen ! Es muß anders werden ! Marie ! meine Marie , weinst Du ? Gott im Himmel ! warum hast Du mich so elend gemacht ! Vergieb mir Engel ! aber ich kann , ich darf nicht zu Dir zurück ! « Marie faltete die Blätter zitternd zusammen , nachdem sie sie gelesen und händigte sie dem Herzoge wieder ein . Es ist im Grunde gut , sagte dieser , unruhig in ihr Auge blickend , daß sich die alte Kriegslust wieder in ihm regt ; so schlägt doch etwas Bestimmtes den widerwärtigen Streit nieder , er nimmt sich zusammen , er richtet sich an großen Beispielen auf , und die gesunde Natur heilt sich nach und nach aus . Meinst Du nicht mein Kind ? Marie drückte ihm die Hand , und weinte still in ihr Taschentuch . Sieh , fuhr er fort , wir können ja nun auch nach Frankreich zurück . Wir sind ihm dann näher . Ich muß es Dir nur sagen , Dein Vater und ich haben seit Kurzem daran gearbeitet . Was sollen wir Kräfte und Mittel im Auslande verschleudern ? Wir haben ohnehin genug eingebüßt ; mit der Wiedererstattung daheim sieht es freilich mißlich aus , indeß hat der Marquis Hoffnung , sein Stammhaus an der Rhone wieder zu erlangen , und haben wir erst festen Fuß gefaßt , so findet sich auch manches andere zu thun und zu erlangen . Sein Stammhaus , sagte Marie , die Flammen haben es ja verschüttet . Er denkt es wieder aufzubauen , entgegnete der Herzog , laß ihn sich daran wagen , es beschäftigt ihn und lenkt ihn von thörigen Grübeleien ab . Sein Stammhaus - wiederholte Marie noch einmal . Sie hielt einen Augenblick inne , dann sagte sie mit fester Stimme , mein Vater , ich kann nicht zweifeln , Gott habe zwischen mir und Antonien entschieden , die Natur läßt sich nicht irren , sie hat ihr einfaches Wort gesprochen , Adalbert ist durch sie an mich gebunden , er ist Vater . - Der Herzog sah sie überrascht und zugleich mit Ehrfurcht an , küßte ihre Stirn , und sagte , meine Tochter , bewahre das