zu werden . Mir wenigstens war es Anfangs unmöglich , mich zu sammeln . Nun aber ging die prächtige Musik an , und alles verschwand vor meinen Augen . Ach , herzliebste Mutter ! von einer solchen Musik hat sie gar keine Vorstellung ! Kann auch kein Mensch , der sie nicht gehört , eine davon bekommen . Mir war als sey mein Geist schon vom Körper befreit , und schwebe gerade hinauf zu dem Allgütigen . Nur manchmal wurde ich in meinem himmlischen Traume durch die Kommenden und Gehenden gestört . In einem solchen Augenblicke sah ich ein ganz schwarz gekleidetes , und ebenfalls verschleiertes Frauenzimmer hereintreten . Ihr Gang war ganz ungewöhnlich , mehr ein Schweben zu nennen , und schien von dem Augenblicke , da sie eintrat , mit der Musik im Einklange . Nicht weit unter unserm Stuhle kniete sie nieder , und war in dieser Stellung unaussprechlich schön ; so , daß ich mein Auge nicht mehr von ihr wenden konnte . Immer hoffte ich , sie werde , wie mehrere Frauenzimmer , den Schleier zurückschlagen , aber vergebens . Jetzt hatte sie ihr Gebet verrichtet , setzte sich ; und heftete , nach der Wendung ihres Kopfes zu urtheilen , ihren Blick unbeweglich auf den Hochaltar , der uns zur Linken war , und den ich bis dahin noch nicht beachtet hatte . Nun aber folgte mein Auge dem ihrigen , und - denke sie sich , herzliebste Mutter , um Gotteswillen mein Erstaunen ! erblickte mein eigenes Bild im Gewande der heiligen Jungfrau . Ich sah schnell wieder weg , und hätte vor Scham und Schrecken in die Erde sinken mögen . Aber jetzt sah ich auch die Fremde sinken , und bei diesem Anblicke kehrten alle meine Lebensgeister zurück . Ich wandte mich plötzlich um , machte mir Platz durch die Kinder , und eilte hinunter in die Kirche , der Fremden zu Hülfe . Sie schien völlig erstarrt , und ihre Augen waren geschlossen . In dem Augenblicke , wo wir sie in den ersten Wagen bringen wollten , lief ein Bedienter herbei , und ließ schnell einen andern vorfahren . Ohne ihn weiter deswegen zu befragen , brachten wir sie hinein , und ich setzte mich ihr zur Seite . Wir hielten vor einem prächtigen Hause , der Bediente eilte hinein , und gleich darauf liefen zwei junge Mädchen herbei , und schrien laut auf , als sie den Wagen öffneten , und das Frauenzimmer leblos in meinen Armen erblickten . Aber gerade dieses Geschrei schien sie zu erwecken . Sie schlug die Augen auf voll unaussprechlichen Schmerzens , blickte mich lange mit sprachlosem Erstaunen an , und schloß sie dann wieder , wie für immer . Wir eilten nun , sie in ihre Zimmer zu bringen . Sonderbar fiel es mir , ungeachtet meines Schreckens auf , daß sie alle Rosenwäldern glichen , und ich sah gleich darauf bestätigt , was ich oft unsern Vater behaupten hörte , daß der Rosenduft äusserst heilsam und der einzige , sogar im Uebermaasse , nicht schädliche sey . Die Fremde erholte sich augenblicklich , und winkte verneinend , als sie von einem Arzte sprechen hörte . Ich bat sie , etwas Stärkendes zu sich zu nehmen , und sie nickte bejahend . Hierauf entfernten sich die Mädchen , um es herbei zu holen , und wir blieben allein . Kennen Sie mich ? - fragte sie nach einigem Stillschweigen . O nein ! - sagte ich . Sind sie niemals im Schauspiele gewesen ? - Nein ! - sagt ' ich wieder ; aber in dem Augenblicke wurde mir Alles klar , und ich rief , mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend : Rosamunde ! Ja , ich bin Rosamunde - antwortete sie - aber warum - setzte sie mit einem forschenden Blicke hinzu - waren Sie niemals im Schauspiele ? Ich kann es wirklich nicht recht sagen ... es hat sich nicht so gefügt . Und Sie haben auch niemals einiges Verlangen darnach bezeigt ? Nein , niemals . Das muß doch irgend einen Grund haben - wiederholte sie . - Ach ja ! - antwortete ich - den hatte es auch . Ich hörte , daß Frauenzimmer mit auf das Theater kommen , und das that mir gar zu leid ; denn sie müssen ja dort ganz anders scheinen , als sie sind . Und die Männer ? Ja , die sind ohnehin bei so vielen Gelegenheiten gezwungen , sich öffentlich zu zeigen , und sagen selbst , daß es ihnen ganz unmöglich sey , immer zu scheinen , was sie sind . Und das wäre der wahre und einzige Grund , der Sie abhielt ? Nein ! - sagt ich , und fühlte , daß ich sehr roth ward - es hatte auch noch einen anderen . Und der war ? Ich wußte , daß ich auch Sie dort sehen würde , und liebte Sie damals nicht , weil ich glaubte , daß Sie Herrn Stephani muthwillig unglücklich machten . Die Mägde kamen nun wieder herein , und ich konnte nicht fortfahren . Sie aber nahm ihnen das , was sie brachten , schnell ab , und winkte ihnen , uns zu verlassen . Sie liebten mich damals nicht - sagte sie nun - und jetzt ? Sehe ich wohl , daß Sie Recht hatten , und Herrn Stephani besser kannten , als wir Alle . Sie antwortete nichts , aber ihr Gesicht wurde noch bleicher . Nach einiger Zeit richtete sie sich auf , und sagte : meine Brust schmerzt mich . Man soll doch zum Arzte schicken . Ich eilte hinaus . Aber , denke Sie sich , herzliebste Mutter ! mein Entsetzen , als ich sie schwimmend im Blute , und einer Todten ähnlich wieder fand . Auf mein Geschrei stürzten die Mädchen herein , und gleich darauf kam auch der Arzt . Sie hatte einen Blutsturz bekommen , und war nur auf kurze Zeit noch zu retten . Die Mädchen wehklagten , und mir wollte die Angst den Athem benehmen . Doch war ich fest entschlossen , sie nicht mehr zu verlassen , und ließ dies auch der Frau Präsidentin mit allen Umständen wissen . Rosamunde lag den übrigen Theil des Tages , und die ganze darauf folgende Nacht in einem betäubenden Schlummer . Als die Sonne aufging , waren auch die Mädchen eingeschlafen ; aber Rosamunde wurde von ihr erweckt . Sie blickte um sich , sah mich allein an ihrem Bette , und zog meine Hand mit einem unbeschreiblich liebevollen Blick an ihr Herz . Ein Engel - sagte sie - steht mir im Tode bei ! so muß ich wohl schuldlos gelebt haben . O mein Gott ! - rief ich voll Angst ; denn ich fand jetzt , beim Tageslichte , alle ihre Züge bis zum Unkenntlichen verändert - wären Sie nur nicht in der Kirche gewesen ! Du hast Recht - antwortete sie - Ich sah dort , was ich nicht bin , und das schließt meine Augen auf ewig . Ich konnte nichts mehr antworten , und fing heftig an zu weinen . O weine nicht ! - sagte sie - Du mußt ewiglich lächeln . Worüber kannst du weinen ? - Sieh ich werde vom Leben genesen . Stelle mir die Rosen um mein Bett . Wecke Niemanden . Ich will leise entschlummern . Ich that , was sie sagte , und nahm sie , da sie sich aufgerichtet hatte , aber zu schwach war , sich zu erhalten , in meine Arme . So hielt ich sie wohl eine Stunde . Aber bei der tiefen Stille und der immer gleichen Stellung wurde auch ich vom Schlummer überfallen . Als ich erwachte , fand ich sie noch an meiner Brust gelehnt , und fest von meinen Armen umschlungen . Aber , ach Gott ! ich war allein erwacht , und ihr Auge nicht wieder zu öffnen . Herzliebste Mutter ! ich kann nicht weiter schreiben . Stephani an seine Verwandten . Rosamunde hat die Erde verlassen , und meine düstere Ahnung ist mir völlig enträthselt . Alle gingen in die Kirche , und ich versprach augenblicklich zu folgen . Zweimal war ich schon an der Thüre , und wurde jedesmal von einem unwiderstehlichen Gefühle zurückgehalten . Endlich ging ich dennoch ; gerade dieser Empfindung zum Trotze . Als ich in die Kirche trat , suchte mein Auge Gretchen vergebens . Es hieß : sie sey einer Unbekannten zu Hülfe geeilt und mit ihr aus der Kirche verschwunden . Ich wollte sogleich wieder davon ; aber in dem Augenblicke hört ' ich den Fürsten Befehl geben : daß man ihr folgen solle , und blieb nun , da er mir winkte , unbeweglich auf meiner Stelle . Bernhard und Mathilde brachen auf und erst jetzt erwacht ' ich aus meiner Betäubung . Als wir zu Hause kamen , fanden wir schon Nachricht von Margarethen . Es war Rosamunde , der sie zu Hülfe geeilt , und welche , nach der Aussage des Arztes , nur kurze Zeit noch zu leben hatte . Ich stürzte fort . Aber am Eingange kam mir der Arzt entgegen , betheuerte : die geringste Erschütterung müsse ihren Tod augenblicklich zur Folge haben , und mit seinem Willen solle , ausser denjenigen , welche schon bei ihr seyen , Niemand zugelassen werden . Sie selbst sind krank - sagte er - und ich beschwöre Sie , mir zu folgen ! Bei diesen Worten zog er mich fort , und übergab mich Bernharden und Mathilden . Nun überwältigte mich der Schmerz , und ich sank bewußtlos auf mein Lager . Die Stimme des Friedensengels weckte mich wieder . Margarethe stand , wie vormals , an meiner Seite , und reichte mir Trank . Plötzlich belebte mich die Kraft der Verzweiflung . Ich sprang auf , und stürzte ihr zu Füssen . Sag ' Himmlische ! - rief ich - daß sie mir verzieh , und mich nicht hassend verließ ! - O Gott ! - antwortete sie , und grosse Thränen rollten über das heilige Sonnengesicht - sie hat ja niemals aufgehört , Sie zu lieben ! Ein stechender Schmerz fuhr bei diesen Worten durch meine Brust ; aber mein Auge wurde heller . Ich sah Bernhard , Mathilde und den Fürsten . Man zwang mich , aufzustehen ; aber zur Ruhe war ich nicht wieder zu bringen . Rosamunde - glauben sie - werde morgen begraben . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Rosamunde ist an ihre Ruhestätte gebracht . Wir hatten sie sehr schön mit weissen Rosen geschmückt , und sie selbst glich einer Rose ohne Farbe . Herr Stephani sah uns stillschweigend zu . Als aber die Träger erschienen , und den Sarg aufheben wollten , wurde er plötzlich von einem schrecklichen Zorne ergriffen . Er warf sich über den Sarg her , und drohete Jedermann , der es wagen würde , sich zu nahen . Geht nur Alle wieder davon ! - rief er - Erst will ich wissen , ob sie todt ist ! Die Leute sahen sich bestürzt an ; und in der That wagte es Niemand , sich zu widersetzen . Während dieser Bestürzung hatte der Diener den Arzt herbei geholt ; welcher nun versuchte , Herrn Stephani zuzureden . Ich werde nachgeben - sagte er - sobald ich überzeugt bin ; aber das kann ich heute und morgen nicht werden . Sie ist an keiner ansteckenden Krankheit gestorben , und Niemand braucht dieses Haus zu bewachen . Ich werde allein bei ihr bleiben , und ist sie wirklich todt , sie dem Grabe überlassen . Aber überzeugt muß ich werden , wofern meine Sinne zusammen halten sollen . Der Arzt bemerkte nur noch , daß es einer ausdrücklichen Erlaubniß der Regierung bedürfe Die werde ich erhalten ! - antwortete Herr Stephani , und eilte , einige Zeilen aufzusetzen , während er bald ängstlich bald drohend nach dem Sarge hinblickte . Lassen Sie dieses - sagt ' er darauf - dem Fürsten übergeben , und man wird mir meine Bitte nicht abschlagen . Der Arzt gab nun den Leuten ein Zeichen , sich zu entfernen , und eilte , den Fürsten zu benachrichtigen . Jetzt befragte uns Herr Stephani auf das genaueste : was man nach Rosamundens Tode mit ihr vorgenommen habe , und wir mußten ihm alle Versuche , sie ins Leben zurückzurufen , auf das Umständlichste beschreiben . Er gestand , daß alles Mögliche geschehen sey . Doch - setzte er hinzu - es glückte damals nicht ; wer steht euch dafür , daß es auch jetzt nicht glückt ? - Fort mit den Rosen ! - rief er , und warf sie heftig zur Seite - Weg mit dem Sarge ! Was soll sie darin ? Niemand weiß , ob sie todt ist ! Bei diesen Worten hatte er die Schnüre zerrissen , und den Körper herausgehoben . Er trug ihn ohne unsere Hülfe ins Bett , und wiederholte alle schon gemachten Versuche . Es war Nacht darüber geworden , und er hieß uns zur Ruhe gehen . Morgen - sagte er - wiederholen wir , was wir heute gethan , und ich nehme noch einen Arzt mit zu Hülfe . Der Diener und die Mädchen wollten ihn bereden , auch einige Ruhe zu geniessen ; aber er versicherte , daß das verlorne Mühe , und er fest entschlossen sey , nicht von der Stelle zu weichen . So mußten wir dann gehen ; beredeten uns aber im Nebenzimmer , abwechselnd zu wachen , und sahen ihn noch , die ganze Nacht , jene fruchtlosen Versuche wiederholen . Am Morgen fanden wir ihn endlich zu den Füssen des Leichnams liegen , und glaubten er schliefe . Als wir aber näher hinzu traten , sprang er plötzlich auf , und blickte wild und mißtrauisch um sich her . Gleich darauf befahl er den Leuten , einen andern Arzt , den er ihnen nannte , herbei zu holen . Sie wagten es nicht , ihm zu widersprechen ; konnten aber ihre Hoffnungslosigkeit nicht bergen . Der Arzt kam , und der ganze Tag wurde nun mit Wiederholung der schon gemachten Versuche , und mehrerer andern hingebracht . Sie waren abermals fruchtlos , und Herr Stephani erklärte endlich : daß er sich dem Begräbnisse nicht mehr widersetzen , sobald nämlich Rosamunde am folgenden Tage geöffnet , und ihr Herz ihm übergeben seyn werde . Dieses geschah wirklich , und nun sah er wieder stillschweigend alle nöthigen Vorkehrungen machen . Wir zitterten dennoch vor dem Begräbnisse ; aber zu unserm Erstaunen sahen wir ihn schweigend dem Zuge folgen , und eine Fassung behaupten , welche uns Allen unmöglich wurde . Alle Rosenbüsche Rosamundens sind auf ihr Grab gepflanzt , und statt eines Leichensteins ist sie mit einem Rosenwalde bedeckt . Sie liegt dicht neben ihrer Schwester , wie sie es ausdrücklich verlangt hat . Herzliebste Mutter ! wie mag einem wohl seyn , wenn man so eben gestorben ist ? - Steigt der Geist dann gleich in die reinen hohen Lüfte , oder verweilt man noch an der Erde , wo man so viele geliebten Menschen im Kummer und schweren Sorgen zurückläßt ? - Schwebt Rosamunde noch um ihre Rosen ? - Ich sah diese Frage in Herrn Stephani ' s Auge ; aber er folgte still , da wir vom Grabe zurückkehrten . Nur als von Rosamundens Bilde gesprochen wurde , erklärte er mit Heftigkeit : daß er es als sein Eigenthum zurücknehme , und bei der geringsten Schwierigkeit jede dafür verlangte Summe bezahlen werde . Es ist ihm aber auf Befehl des Fürsten unentgeldlich ausgeliefert , und die übrige sehr ansehnliche Verlassenschaft theils unter Rosamundens Leute getheilt , theils ihren in Deutschland noch lebenden Eltern übermacht worden . Ungeachtet Herrn Stephani ' s äusserlicher Ruhe fürchten wir dennoch , ihn allein zu lassen . Aber ausser mir und Fränzchen will er Niemanden um sich dulden . Er spricht selten ; aber dann immer mit einer sonderbaren Heftigkeit , welche man , während er schweigt , gar nicht erwarten sollte . Der Arzt sagt : er müsse reisen ; aber ist nicht im Stande , ihn zu bereden . Nur wenn er Rosamundens Gemälde betrachtet , wird er heiterer , und gestern hat er angefangen , es in einen grossen Blumenkranz zu fassen . Fränzchen und ich trugen herbei , was wir nur konnten . Da lächelte er und ordnete die Blumen so schön , daß sie dadurch noch tausendmal schöner wurden . Sie sind nun schon untermalt , und nimmermehr hätt ' ich geglaubt , daß sich Blumen so täuschend darstellen liessen . Herzliebste Mutter ! Sie weiß , daß ich ihr Alles sage , und so will ich ihr auch Etwas nicht verhelen , was mich in diesen Tagen beunruhigt hat . Wenn ich es mir selbst läugnen wollte , so würd ' ich es doch wissen , daß , als ich Rosamunde so todt in meinen Armen hielt , das Herz mir vor Schmerz fast brechen wollte , und ich willig mein Leben für das ihrige hingegeben hätte . Aber jetzt nun , da ich sehe , daß Alles von diesem Tode spricht , und Niemand mehr an das Bild in der Kirche denkt , herzliebste Mutter ! ach Gott ! ich kann es mir auch nicht läugnen , daß mich das freut . Wo hätt ' ich bleiben , wohin mich verbergen sollen ? wäre nicht alle Aufmerksamkeit auf Rosamunde gerichtet worden . So freuest du dich also doch wohl über ihren Tod - dacht ' ich dann , und wurde von einer unbeschreiblichen Angst überfallen . Aber , herzliebste Mutter ! ich betheure es ihr vor dem allwissenden Gott ! daß ich mich nicht über Rosamundens Tod freue . Frage sie doch den Herrn Pfarrer : woher es kommt , daß ich das weiß , und doch unruhig bin ? Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Ich danke ihr tausendmal für ihre schleunige Antwort . Der Herr Pfarrer hat mir ins Herz gesehen . Ach , es ist so , wie er sagt ! Schon oft bin ich erröthet , nicht weil ich etwas Böses gethan hatte , oder thun wollte ; sondern weil ich mir lebhaft vorstellte , daß ich es gethan haben könnte . O wie schön , wie unaussprechlich schön sind die Worte : nur fleckenlos genießt sich ganz das Herz ! Mit Freudenthränen und mit gefalteten Händen hab ' ich sie mir unzähligemale wiederholt . Mir war , als sey diese himmlische Wahrheit erst jetzt gefunden , die Menschen auf ewig durch sie geadelt , und ihres göttlichen Ursprunges vergewissert . Sie klingen mir , wie Triumphgesang . So ruf ' ich sie Morgens der Sonne entgegen , so wiederhol ' ich sie , wenn die Sterne mir leuchten . Mein ganzes Daseyn enträthseln sie mir , und ich brauche nichts mehr , als sie , um Alles zu begreifen , was mir dunkel war . Es sind Zauberworte . Versuch ' sie es nur , herzliebste Mutter ! Sprech ' sie sie laut aus , und , was sie auch ängstigt , plötzlich wird ein himmlischer Friede über sie kommen , im tiefen Blau des Himmels wird sie Engel lächeln sehen , und ein nie gehörter Wohllaut wird in ihr Ohr dringen . Herzliebste Mutter ; an diesen himmlischen Worten müssen einst die Geister sich selbst und den Grad ihrer Seligkeit erkennen . Ruft einer dem andern zu : nur fleckenlos genießt sich ganz das Herz ! und er ist auf derselben Stufe der Bildung , der Seligkeit , so wird jener ihm dasselbe antworten . Sie fliegen dann auf einander zu , und dringen , mit vereinten Kräften und gestärkten Augen , in Räume des Lichts , welche sie vorher nicht erblickten . O , geliebte Mutter ! ich verliere mich in dieser seligen Vorstellung , und was ich empfinde , ist nicht mehr zu beschreiben . Stephani an seine Verwandten . Sie war nicht mehr zu erwecken . Auf ihrem Grabe blühen jetzt Rosen . Sie liebte mich ! Unglückseliger ! und ich konnte es in ihrem Auge nicht mehr lesen ! - Der Anblick der Himmlischen tödtete sie , und da ich scheinbar ihres Werthes nicht achtete , verachtete sie ihn , und wollte nicht mehr seyn , da sie das Höchste nicht war . Aber , ach ! hat sie nun aufgehört zu empfinden ? - Kann sie das Ewige , wie das Irdische verwerfen ? - und ist es gewiß , daß ein Quell der Vergessenheit dort rinnt ? - Rosamunde ! Rosamunde ! warum eiltest du hinweg und verschmähtest , was dir ewig gehörte ? - Wenn es Verwandschaft der Geister giebt , warum glaubtest du nicht an Verwandschaft der Körper ? - Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Der Fürst war gestern bei uns und fragte mich bitter : ob ich schon herumwandere , den Unglücklichen zu helfen . - Ich erschrak vor seinem Ton , und wußte nicht , was ich antworten sollte . Aber die Frau Präsidentin antwortete für mich , schilderte ihm Herrn Stephani ' s Zustand , und setzte hinzu : daß dieser wohl unglücklicher , als Viele jetzt wäre , und Niemanden , als Fränzchen und mich um sich dulde . Ein sonderbarer Unglücklicher ! - fuhr er mit noch grösserer Bitterkeit fort - da ihm das Beste immer zu Gebote steht , und was nicht für ihn sterben kann , für ihn lebt . Wir sahen , daß ihn jedes Wort mehr aufbringen würde , und schwiegen . Er trat ans Fenster und erblickte ein Paar Hyazinthen , welche die schönsten sind , die ich in meinem Leben gezogen habe , und eben deswegen für ihn bestimmt waren . Wem gehören die Blumen ? - fragte er . - Ihnen gnädigster Herr ! - sagt ' ich nun schnell - Schon gestern wollt ' ich sie bringen ..... Und brachtest sie nicht - fiel er ein - Natürlich ! wie hättest du gekonnt ! - Die Thränen traten mir vor Schmerz und Verlegenheit in die Augen . Ich glaubte aber doch nicht , daß man es meiner Stimme anhören würde , und fragte ihn : darf ich sie ' heute nicht bringen ? - Aber die Worte klangen doch schon wie Weinen , und er sah nun auch die Thränen auf meinem Gesichte . - Bringe sie , wann du willst ! - antwortete er finster - Blumen mit Thränen werden mich nicht glücklicher machen . - Hierauf wandte er sich schnell von mir , und verließ uns . Nun konnt ' ich aber das Weinen nicht mehr zurückhalten , fiel der Frau Präsidentin um den Hals und rief : Ach , was muß ich nun thun ? - Ziehe dich schnell an - sagte sie - und bring ' ihm die Blumen . Aber weine nicht mehr ! sonst wird man es sehen . Ja ! man sah es schon . Und wievielmale ich mich auch wusch , sah man es doch . Endlich kleidete ich mich recht schön an , dachte , es wird schon von der Luft vergehen , und steckte auch meine Haare mit der goldenen Nadel , die ich vom Fürsten bekommen hatte , zusammen . Als ich aber die Blumen Herrn Stephani ' s Zimmer vorbei trug , jammerte es mich , daß er sie nicht einmal gesehen ; da er doch - dacht ' ich - besser als wir Alle weiß , wie schön sie sind . Ich stand wohl still , ging aber nicht hinein ; denn ich hätt ' es dem Fürsten sagen müssen . Auch fiel mir nun bei , daß Herr Stephani einmal sagte : die Hyacinthen seyen zu gradlinicht , und darum nicht malerisch schön . Jetzt eilt ' ich , was ich konnte . Aber beim Eingange überfiel mich ein Zittern , und ich wußte nicht , was ich sagen sollte . Indem wurde die Thüre geöffnet , und ich mußte hineintreten . Der Fürst saß an einem grossen Tische mit Papieren , in tiefen Gedanken . Er sah gar nicht nach mir her , und nun konnt ' ich vor Zittern die Blumen nicht mehr halten . Ich setzte sie ihm schnell zu Füssen ; denn sonst wären sie gefallen . Nun sah er die Blumen und auch mich . Du zitterst - sagte er - Wovor zitterst du ? - Gnädigster Herr - antwortete ich - Ihr Unwille schmerzt mich tief in der Seele , und ich zittre , ihn durch etwas zu vermehren . Er stand schnell auf , und wandte sich finster zur Seite . Dann sagte er plötzlich : was macht Stephani ? Er malt . Dein Bild ? O nein ! an Rosamundens Bilde . Was kann er daran malen ? - Es ist ja vollendet . Einen grossen Blumenkranz rund um das Bild . Und dem siehst du so zu ? O ja ! es ist das Einzige , was ihn erheitert . Fränzchen und ich haben aus zwei Gärten die schönsten Blumen zusammengetragen , und - was ich Anfangs nicht glaubte - das Bild ist schöner dadurch geworden . Und dabei erheitert sich dein Auge , und man sieht , daß es dich freuet . Grosser Gott ! warum sollt ' es mich denn nicht freuen ? O Mädchen ! - rief er nun , und schloß meine Hand fest in die seinige - deine Stunde ist noch nicht gekommen ! Wer wird der Mann seyn , durch welchen du die Liebe begreifst ? Da er jetzt wieder gütig aussah , bekam ich auch wieder Muth , und sagte : da sey Gott vor , gnädiger Herr ! daß ich die Liebe jemals durch den Haß begreife . O , glauben Sie es mir ! diese ausschliessende Liebe , welche mit dem Hasse so genau verbunden ist , den geliebten Gegenstand so absondern , ja , ohne es zu wissen , verzehren , vernichten will , ist nichts , als eine Ausgeburt der Verderbtheit der Menschen . Liebt Gott so ? - Liebten göttliche Menschen so ? Kann der Mensch durch diese dürftige , eingeschränkte , und eben deswegen sich selbst zerstörende Liebe , das werden , was er werden soll ? - So gewiß nicht , gnädigster Herr ! als ein Mensch nicht das ganze lebendige Weltall in sich schließt . Ach diese Liebe ist eine Krankheit , welche tausend und tausend Menschen elend macht , eben weil sie sie für die höchste Gesundheit halten . Sag ' , was du willst - antwortete er - das Aehnliche wird sich ewig suchen , verbinden und eben dadurch von dem Uebrigen absondern . Und durch diese Absonderung - fiel ich schnell ein - so lange in Dürftigkeit schmachten , bis es wieder mit dem Ganzen verbunden wird . Der ewige Kreislauf der Dinge ! dem auch du unterworfen bist . Und darum sag ' ich : deine Stunde ist noch nicht gekommen . Käme sie jemals auf diese Weise , so würde ich elender , als Andere seyn ; da ich jetzt schon weiß : daß ich elender machen würde . Vielleicht - sagte er , und sah mich durchdringend dabei an - ist es nur diese Furcht , welche sie verzögert . Nein ! - antwortete ich - aber sagen Sie selbst , gnädiger Herr ! wenn ich jemals einen Mann wählte , würden Sie diese Wahl billigen ? - Kaum hatte ich die Worte gesagt , als es mich schmerzlich gereuete ; denn sein ganzes Gesicht wurde mit einer düstern Wolke umzogen , und er antwortete mit dumpfer Stimme : ich könnte sie billigen , und das Leben fortschleppen , weil ich müßte . Ach , ich hatte sein edles Herz verwundet ! darum rief ich nun schnell : O , mein theuerster Wohlthäter ! so sagen Sie dann nicht , daß jene Stunde einst kommen werde ! Sie wird nicht kommen ! Denn - mag es ein Fehler an mir seyn - der Leidendste beschäftigt mich immer am meisten , und ich bin vielleicht eben deswegen nicht würdig , daß ein Mann sich mir ganz hingebe . Das werden auch Sie endlich begreifen und empfinden , und ein zärtlicheres Herz mit Ihrem grossen Herzen beglücken . Du versüssest den Wermuth , so gut du kannst . Aber wie , wenn ich dich auf eine Probe stellte , der du unterlägest ? - Stellen Sie mich , auf welche Sie wollen ! gnädigster Herr ! Kenn ' ich mich nicht , so ist es gut , daß ich mich kennen lerne . Wie , wenn Stephani dich vergässe , wie er Rosamunde vergaß ? - ein Mädchen fände , welches an Schönheit dir gleich käme , seine Liebe endlich erwidert sähe , sich auf immer verbände , glücklich wäre , glücklich ohne dich ? - O ! - rief ich , fiel vor ihm nieder , und die Thränen stürzten mir stromweise von den Wangen - Wo ist das Mädchen ? Führen Sie es her , und ich schmücke es als Braut mit dem Besten , was ich habe ! Stehe auf ! - sagte er nun mit ganz verändertem Gesichte - ziehe hin ! Du gehörst nicht mehr zu uns , und wenn wir es glaubten , so waren wir Thoren ! Ach , so konnt ' ich ihn nicht verlassen ! Ich ging furchtsam zu den Blumen , hob sie von der Erde , und stellte sie vor ihn hin . Gnädigster Herr ! - sagt ' ich dann leise - mit diesen Worten werden Sie mich nicht entlassen ! - Was hab ' ich gethan , daß ich nicht mehr zu Ihnen gehöre ? - Darf ich Ihnen nicht mehr Rechenschaft geben von meinem Leben , und werden Sie keinen Theil mehr daran nehmen ?