Königsschmucke , Du Schönste ohne Schmuck und Kleid , damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der gedoppelten Liebe der Kunst und der Natur , allen zur Schau an mich reiße . Du verstehst mich noch nicht , Herzenskündige ; Odoardo wird Dir alles , alles erklären ; ich kann jetzt nicht , die Hand bebt mir von Lust . In neun Tagen bin ich bei Dir ; eine Ringmauer umfaßt uns , aber nicht ein Bett ; Fräulein Lenardo bist Du und ich Herr Hollin ; die Lichter sind angezündet , der Vorhang rauscht auf ; warum trauerst Du Maria Stuart , hat Dir die Liebe nichts verraten , kein Traum , keine Ahndung Dich umstrahlet ; der Retter ist Dir nah , wie freudig will er für Dich sterben , wie selig mit Dir leben ! Wie soll ich meinen Augen trauen ? der harte böse Neffe Paulets , der Mortimer ist mein Hollin ! Eilende Wolken ! Segler der Lüfte , wer mit euch wanderte , mit euch schiffte ! Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt , wozu er sonst nach seiner rückhaltenden Art schwerlich gelangt wäre . Maria erzählte ihm jetzt , welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen ; erzählte ihm von des Freundes Ankunft . Odoardo , freudig dieser Ankunft , schwor ihr bei allen Heiligen , die bösen Gerüchte seien falsche Verleumdung , alles sei Mißverständnis und lasse sich leicht heben ; er eile Hollin aufzusuchen , um ihn zu versöhnen . Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange Eingekerkerten bei der Rückkehr an die freie Luft Atem und Besinnung ; sie fiel sprachlos und bewußtlos in Odoardos Arme . In diesem Augenblicke eröffnete Hollin , der sich noch zu einem Versuche entschlossen , alles Rätselhafte in der Geschichte aufzuklären , ganz leise die Türe ; Odoardo war ängstlich beschäftigt , seine schöne Bürde zu ermuntern , er achtete nicht des Geräusches . Hollin starrte , wandte sich um , eilte fort und ließ die Türe offen , deren frischer Luftstrom die Ohnmächtige erweckte . Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe Hollins zu bringen , wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen , so wahr , so unschuldig schrieb , daß sie innig von seiner Treue überzeugt wurde ; ihre Freude war das letzte Aufleben , die Eßlust eines Todkranken . Dann eilte Odoardo in alle Wirtshäuser , seinen Freund aufzusuchen ; wo er wohnte , war er unter fremden Namen aufgeschrieben , und wie wir wissen , hatte er schon seit dem Morgen das Wirtshaus verlassen . Odoardo ahndete ein Unglück , aber er durchstrich die Stadt vergebens ; er begegnete Hollin nirgends . Hollin scheint indessen weit umher gewesen zu sein , sich an den verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen , wo er sich schreibend zu sammeln bemüht war ; was sollte er tun ? Die überall abgerissene Schrift in seinem Taschenbuch zeigte , daß er nirgends mit sich abschließen konnte . Wahrscheinlich nachdem er die Litanei in einer Kirche gehört , schrieb er hinein : Kyrie eleison , Christe eleison , ich habe euch vergeben , Halleluja dem Allerbarmer , er hat die fressende Wut eingedämmt . - Buhlerin , wie Du so leichtsinnig mit mir fromme alte Sitte gebrochen , so leicht wurde es Dir auch mit andern ; wie Du Deine Eltern betrogst , so betrogst Du mich . - Mußte ich Dich so wiederfinden , Odoardo , liebster Freund , ärgster Feind , in den schändlichen Armen . Odoardo , Du bist unschuldig ; eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel . Noch einmal will ich sie sehen , sie umarmen , dann fort , fort , über Land und Meer . Die Zeit der Aufführung kam heran , die Zuhörer sammelten sich . Maria ohne Argwohn kleidete sich fröhlich an ; Odoardo vermied es , ihr seine Besorgnisse mitzuteilen . Es begann eine rührende Symphonie , als Hollin unbemerkt im Dunkel in sein gemietetes Zimmer zurückkam und ohne Beihülfe andrer seine Theaterkleider anlegte . Wahrscheinlich während dieser Musik schrieb er zu seiner Beruhigung in die Schreibtafel : ... Was es für Töne sein mögen , die aus dem Innern hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens übertönen ? Nicht von außen kommen sie mir , es ist die Trauermusik vor einem Toten . Zuerst der Posaunenklang , in welchem die großen Orgelgeister erwachen , wie sie allmächtig die Kirchenwände erschüttern , daß die Betglocke leise anschlägt . In diesen lustwandeln Oboen und Klarinetten ; es schallen munter Geigen und Zimbeln dazwischen . Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im Gesange , empor getragen , aber der Atem geht ihr aus . Wie du so einsam trauerst , Maria , Mutter Gottes , um den verratenen Sohn ; kann denn dein Sohn nicht mehr trauern , daß du ihn geboren ! Warum durchbricht so selten der Strahl des Auferstandenen diese dunklen Fenster ? - Es ist tiefe Nacht übers ganze Land ausgegossen . - Da muß ich in der Finsternis an die blöden Augen schlagen ; ich sehe dann funkelndes Morgenlicht . - Sieh , wie die Mauern erbeben , Strahlen auf und nieder schweben , Kindlein mit goldnen Flüglein auf der Leiter herniedersteigen , die Himmelsscharen sich freundlich beugen , Luft , Luft , es öffnet sich jede Gruft , Mariens Auge die Himmelsbläue durchbricht ; freudig Erbeben , seliges Leben , ewiges Licht . Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten umgeblickt , ob Hollin nicht komme , und als der Vorhang aufging , selbst ein Kleid angelegt , das der Rolle bestimmt war . Maria rührte durch ihr Elend als Stuart ungemein ; sie war so ruhig , war so gewiß , daß Hollin seine Rolle spielen werde , und wirklich trat er unerwartet zu dem Auftritte heraus , wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte . Unser Freund , durch die Schönheit seines kräftigen Baues , durch den vorteilhaften alten Anzug gehoben , erregte allgemeines Aufsehen ; das Rollen seiner Augen wurde als erste Theaterverwirrung aufgenommen , man machte ihm mit Händeklatschen Mut , und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre , um den Dank für seinen Scherz in Empfang zu nehmen . Auch Maria war bei seinem Anblicken selig erstaunt , doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit , um ihre Rolle auszuspielen . Mit überirdischer Heiligkeit sprach er die Rede , von der hohen Wirkung des großen Kirchenfestes . Hollin schien nur gekommen , Marien noch einmal , zum letztenmal zu sehen , und nun sah er sie in aller Schönheit , in allem Glanze , mit dem ganzen Zauber der Kunst ; er fühlte erst jetzt alles Treffende seiner Rolle auf sich ; er glaubte eine höhere Macht in diesem wunderbaren Zufalle und überließ sich ihrer bösen Gewalt . - Am Schlusse seines Auftrittes verschwand er ; Odoardo wollte ihm nach , aber Lenardo stellte sich vor ihn und hinderte es , weil Hollin ihm geschrieben , er bäte sich aus , ihn während der Vorstellung gegen alle Anreden zu schützen ; er habe die Rolle so schnell gelernt , daß er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen müsse . - In dieser Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben : So ruhig heilig traurig konntest Du vor mir erscheinen , Maria , meinen Blick ertragen ? - Du spielst im Leben auch zur Schau ! - Mir ward in Deinem Blick so weh und bang ; die Engel und die Teufel alle , sie schienen von Dir loszulassen , mich zu umdrängen , mich zu fassen , die Liebe und die Rache rangen auf , die Allmacht riß mich fort : Soll durch den Tod sich Liebe lohnen , muß Liebe in dem Tode wohnen ! - Die Sterne gehn in ew ' ger Nacht , sie drängen unaufhaltsam fort , sie schweben in einem engen Raume ; das Leben kämpft und erlöscht im Leben ; bald ist die Bühne voll , es freuen alle sich des vielen Glänzens ; die eine Bahn von Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen ; sie wollen alle sich ersticken - verzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz , der seine Bahn an ihre Bahn geknüpft . Wohl dann , bin ich kein Held , ich sterbe doch als Held ! ich opfre mich , weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag . Auf ewig soll ich von euch scheiden . Noch einmal will ich ihn , den Saum des strahlenden Gewandes , küssen , das Deinen Mond , Maria , blau umflattert ; noch einmal streb ich , mich dem Ring der Kette anzuschließen , die mich so lange hat umschlossen . Der Ring zerspringt ; es klingt der laute Beifallsjubel der künstlerischen Freunde ; Verzweiflung packt mich , Wut reißt geißelnd mich durch Meeresflut . Ha Kunst , du hast gesiegt ! Jetzt wirft mich Nordwind auf die öde Felsenspitze ; gefesselt lieg ich und kann nichts erfassen ; es schimmern über mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all ist fern . Noch liebevoll geb ich den wolkigen Gestalten Namen ; schließ Freundschaftsbündnis mit den dunklen Armen , deren schwarzer Ring durch alle Winde standhaft kämpft ; da mein ich schon , ich find ihn wieder , den verlornen Ring ; ich fass nach ihm mit beiden Armen , da schleudert er des Blitzstrahls zackig rollende Schlangen auf mich herab . Ich leb nicht mehr , da hallt ' s im Widerhall der Felsen : Soll durch den Tod die Liebe lohnen , wird Liebe in dem Tode wohnen ... « » Das verstehe ich nicht « , unterbrach die Gräfin den Erzähler . Den Grafen mußte heut alles ärgern , auch das fühllose Unterbrechen der Erzählung . » Es ist ja so klar : er zeigt durch den verhängnisvollen schwarzen Gewitterring die neue unechte Verbindung an , die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt wird . ... Sie erinnern sich wohl , daß Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen glücklichen , aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat , den Odoardo spielte ; Leicester wünscht Maria zu retten , doch ohne eigne Aufopferung ; er hat den Mortimer in Verdacht , daß er gegen Marien kundschafte , Mortimer gegen ihn ; eine Unterredung voll gegenseitigen Mißtrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit ausführen . Odoardo wurde beklommen und wußte nicht warum ; wäre er festeren Entschlusses gewesen , er hätte Hollin aufgesucht , als er eben in seinem Zimmer geschrieben : Gott segne euch mit allem , was ihr liebt ! erleuchte euch nimmer , daß ihr eure Fehler nicht seht , behüte euch vor jeder Erinnerung an mich in alle Ewigkeit ! Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schönheit . Maria übertraf alle Erwartung . Nach der unseligen Unterredung mit Elisabeth , trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf ; er schien mit dem Leben zu ringen , als er ausrief : Was ist mir alles Leben gegen dich Und meine Liebe ! Eh ' ich dir entsage , Eh ' nahe sich das Ende aller Tage . Maria rief wie aus eigner Seele : Gott , welche Sprache Herr , und welche Blicke ! - Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zurück stieß : es ist unwiderstehlich wahr und reizend gewesen . Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel , der sie beide trennte , in die Kulissen . Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die schreckliche Wahrheit solcher Darstellung . Alle waren beklommen , es schien etwas Grausenvolles sich zu entwickeln ; keiner wagte es , zum Nachbar zu sprechen ; allen klopfte das Herz . Maria fühlte sich so heiter in ihrer Rolle , weil sie dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden . In der Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse vorstehen , daß niemand mit ihm reden konnte . Nun kam die Unterredung zwischen ihm und Leicester : der schreckliche Verrat des letzteren ; sein Edelmut zog unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin . Mit welcher Verachtung wendete sich Hollin zu der Wache , die ihn fesseln will : Was willst du , feiler Sklav der Tyrannei , ich spotte deiner , ich bin frei ! Wie geschickt erwehrte er sich der Eindringenden und rief dann : Geliebte , nicht erretten kann ich dich , so will ich dir ein männlich Beispiel geben . Maria , Heil ' ge bitt für mich und nimm mich zu dir in dein himmlisch Leben . - Bei diesen Worten durchsticht sich Mortimer mit dem Dolche . - Laut riefen alle Beifall , riefen Bravo ; da ruft einer aus der Wache , der ihn aufheben will : Jesus , er zuckt fürchterlich und ist voll Blut . Entsetzen überfällt alle , lähmt alle ; nur Maria , in dem glücklichen Wahne , alles sei nur Täuschung , wagt es hinzublicken . Hollin winkte ihr sich zu nähern und sagte fest : Meine Augenblicke sind wenige , täuschende Kunst hat mich hingerafft ; Odoardo wird für dich sorgen , bleibe ihm treu ! - Odoardo hielt den Dolch fest , den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reißen wollte , er sah als geschickter Chirurge , daß er dann im Augenblicke sterbe ; wer will seinen Schmerz als Freund dabei fühlen ; fast fürchten wir uns vor der Stärke des eignen Mitgefühles ; Maria erwachte aus der ersten Betäubung , die sie neben ihm hingestreckt ; sie beschwor ihn , für sie , für sein Kind unter ihrem Herzen zu leben ; die Wunde schien nicht gefährlich ; es entwickelte sich der ganze schreckliche Irrtum , der ihn verwirrt hatte ; seine Liebe und Freundschaft kehrten aus der Ewigkeit zurück , wohin er sie schon verbannt hatte . Er ließ den Vorhang niederziehen , ließ alle Fremden entfernen , flehete bei Mariens Vater um Verzeihung , daß er die heiligen Rechte bürgerlicher Ordnung und göttlicher Einsetzung leichtsinnig gebrochen ; er wollte sich ihrer guten Folgen für Marie und ihr Kind nach seinem Tode noch erfreuen , ihnen sein Vermögen sichern . Ein Geistlicher , mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit , trauete ihn mit der bewußtlosen Maria durch die einfachen Worte : Was Gott zusammenfügt , soll der Mensch nicht trennen . - Amen ! sagten alle . Hollin rief aber : Ich habe es doch getan , Odoardo , edler Freund , sorge für sie - der Liebe Leben - ewig ! Bei diesen Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde ; das Blut strömte heftig , sein Kopf sank nieder , er war tot . Marie drückte ihm in der schrecklichen Fühllosigkeit des unsäglichen Schmerzes die Augen zu . Odoardo mußte sie gewaltsam von der Leiche wegreißen . Er grub seinem Freunde ein Grab außerhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande . Maria starb eine Woche später in der frühzeitigen Geburt mit dem Kinde zugleich . Auch sie begrub er außer der Kirchhofsmauer neben ihm , und das Kind zwischen ihnen und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe . Nachdem er alles , was er liebte , begraben , ging er in ein Kloster . Sein böses Schicksal ging nicht mit ihm ein ; er verlor Gedächtnis und Erinnerung , wurde froh wie ein Kind und las oft lächelnd die Briefe seines Freundes , als sei es ihm eine fremde Geschichte . « Bei den letzten Worten dieser Erzählung des Grafen stand der Prediger auf , entfernte sich langsam , indem er einen offenen Gang hinunterschritt . Die Gräfin sah ihm nach , lachte und fragte : » Er ist es doch wohl nicht gar selber , dieser Odoardo ? « - » Ehre den Schmerz « , antwortete der Graf . - » Ich weiß nicht , wie du mir heute vorkommst « , meinte die Gräfin , » ganz anders wie sonst ; ich bin meiner Natur gemäß lustig , hasse alle elende Sentimentalität ; es tut mir leid , daß Herr Hollin gestorben ; könnte ich ihn retten , so tät ich ' s , aber den schönen Nachmittag soll er mir nicht verleiden . « - Der Graf ging dem Prediger nach und brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefaßt zurück . Die Gräfin fragte ihn : da er den Ehestand so lebhaft verteidige , so müsse er wahrscheinlich recht glücklich verheiratet sein . - » Ich bin nicht verheiratet « , antwortete er , » aber ich bin versprochen , muß aber noch sechs Jahre auf meine Vermählung warten , und wer weiß , ob dann noch etwas daraus wird . Mein Leben ist sonderbar , aber vorwurfsfrei ; ein Kind von zehn Jahren , das Kind eines armen Handwerkers , gewann , als ich noch Hofmeister war , meine ganze Zuneigung : noch weiß sie nichts davon ; sie ehrt mich als Wohltäter und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich oft demütig zum Handkusse , während es mein ganzes Wesen beherrscht . Ich bin meiner selbst gewaltig ; ich bin gewiß , daß ich dem lieben Mädchen nichts von meinem Wohlwollen entziehe ; sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit erwählen , ihre Neigung mag sie frei erklären , nie soll ein Vorwurf von mir sie bestimmen ; in dieser Überzeugung trage ich keine Scheu , meine Leidenschaft zu bekennen ; nur ihre Verheimlichung gegen andre würde sie zum Verbrechen machen . « - » Aber lieber Herr Prediger , ist es Ihnen nicht drückend , so lange ganz allein zu wirtschaften , die Hoffnung auf Kinder so weit hinaus zu setzen ? « fragte der Graf . - » Mein werter Graf , von meinem Pfarrhause seh ich die Wohnung eines katholischen Pfarrers , Ihres Predigers ; der Mann hat für sein ganzes Leben all den Freuden entsagen können , um seinem heiligen Willen zu folgen , und ich könnte nicht einmal sechs Jahre aufopfern ; der Mensch kann sehr viel , was unsrem weichlichen Zeitalter unmöglich scheint ; der Krieg hat gar manchem diese Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien , die sich jetzt so allgemein verbreitet , führt denselben Beweis für die mögliche Aufopferung aller Kräfte zu einem heilig verpflichteten Dienste . Kinder fehlen mir nicht , ich habe deren viele , ohne die gute Sitte zu verletzen ; mir ist eine wunderbare Kraft verliehen , die mir ganz bewußt ist ; wo ich glückliche Ehen sehe , die der Kinder ermangeln , da blicke ich die Frauen an und erfülle sie mit guter Hoffnung ; diese Wirkung ist in mir ohne alle sündliche Neigung ; ja meist mir ganz unbewußt geschieht diese geistige Durchdringung . Lachen Sie nicht gnädige Gräfin , wer weiß , ob Sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen müssen . « - Der Graf fand den Scherz nicht ganz angenehm ; die Gräfin dagegen ließ sich in lustige Betrachtungen über die wunderlichen Verwandtschaften ein , die aus solchen geistigen Blicken entständen ; sie erklärte Leidenschaften und Freundschaften , die oft eben so plötzlich als überraschend sind , aus solcher geistigen Verwandtschaft . Der Prediger gab ihr recht und fügte noch hinzu , daß gerade darin das tief Ergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren , und dieses Wunsches liege , der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht , ihn retten zu können , wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln , daß in so seltenen Fällen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht ; in den meisten Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz geschieden , und sucht sich nur in Täuschungen zu verbinden . - » Sie scheinen viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben , erzählen Sie uns noch etwas davon ; wenn ich so ins lässige Zuhören gekommen , da mag ich den ganzen Abend nicht mehr reden ; auch schloß Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernsthaft ; Sie müssen es durch etwas Lustiges aus Ihrem eignen Leben wieder gut machen . « Zehntes Kapitel Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank » Der Wunsch einer schönen Gräfin ist einem armen Landprediger Befehl « , sagte Frank , setzte sich , und erzählte recht lebhaft nach einer Pause . - » Ganz flüchtig muß ich Ihnen den Umriß meines früheren Lebens zeichnen ; Sie werden sich meine Eigentümlichkeit in ein paar Vorfällen daraus besser erklären . Mein Vater war Landprediger , meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne Beherrscherin des Hauses , welches sie an mir , ihrem einzigen Kinde , bis an ihr Lebensende bewährte . Mein Vater starb , nachdem er mich durch guten Unterricht zur Universität wohl vorbereitet hatte ; diesen einzigen Einfluß auf mich gestattete ihm meine Mutter , sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der Gegend umher begleiten ; immer fürchtete sie , ich möchte verführt werden . Noch ist es mir unerklärlich , was ich unter dem Worte verführen mir gedacht habe ; es schauderte mir aber dabei und davor , als wäre es ein Spießen und Brandmarken zu gleicher Zeit . Mein Vater starb , als ich zur Universität abgehen wollte , und meine Mutter , die bis dahin nicht über ihren Garten hinausgekommen und immer mit verbundenem Kopfe umher geschlichen war , entschloß sich aus Sorge vor meiner Verführung , sich reisefertig zu machen und mich dahin zu begleiten ; ich hatte keine Vermutung , welches Aufsehen das auf der Universität machen könnte ; ich meinte , das sei der regelmäßige Gebrauch , und war daher nicht wenig überrascht , als ich das unglaubliche Schreien hinter mir her hörte , da meine Mutter mich bis an die Türe des Kollegiums brachte und mich wieder von da abholte . Nichts konnte sie von dieser Lieblingsidee , mich zu begleiten , abbringen , als die Furcht , daß ich mich deswegen mit einigen der alten Spottvögel schlagen müsse ; deswegen allein blieb sie zu Hause , doch ihre Leidenschaft zu mir verwandelte sich in dem einsamen Warten , in der Besorgnis um mich in Wahnsinn , oft warf sie sich Nachts über mein Bette , ob ich auch nicht heimlich ausgegangen sei . In solchem Kummer verging sie wie ein Schatten und ließ mich nach einem halben Jahre ganz selbst überlassen auf einer der lustigsten Universitäten . Doch konnte erst allmählich meinem Wesen jene Rückhaltung genommen werden ; ich tat alles dazu , besuchte Fechtboden und Gesellschaften , nur vor dem Verführen blieb mir der eingeprägte Schauder , der mich jedesmal ergriff , so oft ich aus einer gewöhnlichen jugendlichen Eitelkeit mir vornahm , mit meinen Kameraden gleiche Schuld zu übernehmen . Ich bin fest überzeugt , wenn ein Mensch unter drei Augenblicken nur zweie tugendhaft ist , so kann er ein Heiliger werden , denn alles Laster hat eine eigene Umständlichkeit , daß die beiden tugendhaften Augenblicke notwendig zwischentreten müssen . Sie haben mich gekannt , Herr Graf ; ich war in allen übrigen Verhältnissen ein ganz fertiger Student . « ... » Viel mehr als ich « , sagte der Graf . ... » Eine Verbindung mit einem Frauenzimmer schien mir indessen ganz notwendig zu meiner Ausbildung ; ich wollte also gleich mein Glück bei der Frau eines Professors versuchen , weil es die einzige angesehene Frau in der Stadt , mit der ich bekannt geworden , und die für leichtsinnig ausgeschrien war . Es schwärmte damals ein wunderlicher Glücksritter umher , der für Männer und Frauen eine sehr lächerliche Verbindung stiftete , weil keiner recht wußte warum , oder wozu sie dienen sollte ; ein paar symbolische Zeichen machten das ganze Geheimnis ; an unserm Orte förderte er physikalische Versuche aller Art , insbesondre die sogenannte Phantasmagorie , wodurch in einem dunklen Zimmer allerlei Gegenstände , vermöge einer sehr vollkommnen Zauberlaterne , in überraschender Abwechselung dargestellt wurden . Ich benutzte schüchtern diese Gelegenheit vollkommener Dunkelheit , wo meine Verlegenheit nicht sichtbar wurde , ihr Zärtlichkeiten zu sagen ; ließ meine Hand leise in die ihre gleiten und sie hielt sie fest ; ich war ganz sicher , daß mir hier ein leichter Sieg bereitet sei . Überlegen Sie auch , ob ich so ganz falsch schloß ; denn unter den acht Kindern , die diese Niobe in einer durchdachten physischen Erziehung schön und kräftig aufzog , wurden dreie fremden Vätern zugeschrieben ; der Mann selbst war dessen nicht in Abrede ; er sagte , ehe seine Praxis so ausgebreitet worden , habe er seiner Frau leben können ; jetzt müsse er sein Glück dem größeren Wirkungskreise aufopfern und seiner Frau die Freiheit lassen . Ich besuchte sie den andern Tag ; sie drückte mir wieder freundlich die Hand , und ich begann ihr einige Zärtlichkeiten zu sagen . Sie wußte auf halbem Wege , was ich wollte , sagte es mir und versicherte dabei , so gut ich ihr gefiele , denn sie hätte mich lieb wie ihren eigenen Sohn , das könne sie mir nicht zu Gefallen tun . Sie erklärte mir , daß ihre Liebe nur dem ausgezeichneten , ausgebildetsten Geiste gehöre ; denn wie sie ihren Kindern Fülle der Gesundheit geben könne , so sollten sie vom Malme den vollkommensten Geist erhalten ; darauf nannte sie die Väter ihrer drei jüngsten Kinder , ich erstaunte die Namen dreier ausgezeichneter Männer zu hören , denen sie zum Teil weit nachgereist war , um zu ihrer Bekanntschaft zu gelangen . Sie schwor mir , daß keiner darunter so schön , so reizend ihr gewesen wäre als ich , aber ihre ganze Seele hätte an ihnen gehangen ; ich sollte mich erst in irgend einem herrlichen Talente ausgezeichnet bewähren , dann möchte ich zu ihr heimkehren und sie werde mir zu Füßen fallen . Dieses ganz offene Geständnis löste alle Verlegenheit , die mich drückte , und indem es eine Neugierde bezwang , erweckte es die andre , von einer so besonderen Frau mehr zu vernehmen , die eine ganz ausgearbeitete Metaphysik ohne alles literarische Geschrei mit sich herumtrug . Jedes Chor , fuhr sie fort , das sich selbst überlassen bleibt , läßt unmerklich den Ton sinken ; der bloße Antrieb , die physische Neigung im Menschen wirkt eben so zum Schlechteren ; ohne eine höhere Gesinnung können ganze Nationen darin verdummen , und Kriege sind eben darum den Völkern notwendig , weil erst in der Not den meisten Menschen die Talente groß und liebenswert erscheinen . Mir ist die Ehrfurcht gegen Geistesherrlichkeit gegeben , daß ich ohne Zwang ganz frei von je mich den Talenten ergeben ; seinem umfassenden Geiste dankt es mein Mann , daß ich ihn erwählte : ich schwöre Ihnen , es ist einzig die Schuld der Mutter , die von der gewöhnlichen Rasse gesunde Dümmlinge in die Welt setzet , welche ohne Idee des Höheren geboren , auch in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens vor jeder Götternatur verschwinden ; sicher hat sie sich durch einen unwürdigen Mann täuschen lassen , und Liebe genannt , was bloße Tierheit in ihr war . Liebe ist ein höchst gemißbrauchter Ausdruck , die Liebe ist ganz geistig und die tiefste Demut vor einer andern Natur ; ihr Organ ist die Sinnlichkeit , mehr nichts , und nun fragen Sie sich selbst , ob Sie , der Sie noch zu gar keiner Eigentümlichkeit in sich gelangt , noch prunken mit Scheinwissen und Kleidern , noch nicht wissen , was Sie wollen , und von keiner Begeisterung getrieben sind , ob Sie es wohl eigentlich wagen durften , einer Frau wie mir Liebesanträge zu machen . Acht Wochenbetten habe ich als Heldin bestanden , und das ist wahrlich so viel , als acht Hauptschlachten ; wenigstens nähere ich mich demselben mit den Empfindungen eines Helden : ich höre die Trompeten , der Kampf ist schwer und schmerzlich , aber das Höchste , was ich tun kann . Wie aber der Krieg nicht des Kriegers wegen , so ist auch die Geburt nicht der Geburt wegen ; nicht daß sich das Gleiche vom Gleichen entwickele , da wäre unser Leben unwürdig , aber das Höhere soll erreicht werden ; - junger Mann , fühlen Sie davon etwas in sich , das Verachten Ihrer Zeit hilft Ihnen nicht durch , erst müssen Sie diese Zeit verstehen : Wahrlich , meine Kinder werden mich weit übertreffen . - Bei diesen Worten stand sie auf , küßte mich , als wollte sie mich an ihre Brust legen , und sagte : Ich muß in meine Holländerei , ich muß mein Kind stillen . Kommen Sie bald wieder ; ich möchte Sie einer Freundin empfehlen , da Sie bald von der Universität abgehen , wo Sie als Lehrer ihrer Nichten wahre Weltweisheit und Lebensphilosophie in dem Umgange der gebildetsten Menschen lernen könnten . - Ich kam sehr nachdenklich nach Hause . In der ganzen Stadt ging bald das leichtsinnige Gerede , ich sei der glückliche Liebhaber der Frau : so wenig ist an den meisten ähnlichen Gerüchten unter Studenten , und alle gingen dem Fußsteige , den ich gemacht hatte , nach , wie es auch den Studenten eigen , und hatten so wenig davon als ich , den sie beneideten . Nach einem Jahre ihres entfernten freundschaftlichen Umganges , sehnte ich mich von ihr und von meinen griechischen Philosophen fort ; ich war zwei Jahre beschäftigt gewesen , alle Knoten zu lösen , welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschürzt haben , und fand am Ende , daß ihr ganzes künstliches Netz , worin sie so manchen Fisch gefangen , nichts als ein ganz ordinärer Bindfaden sei . « » Nun , nun « , sagte der Graf , » das beste Gemälde ist ja , in allzu großer Nähe betrachtet , nichts als eine Sammlung von bunten Flecken . « » Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin , die Gräfin Limonie