hier an . Ich konnte vor Angst und Thränen kaum sprechen . Wir brachten Sie gleich in das nächste Zimmer und schickten eilends zum Doktor , der auch diese Tage immer hier blieb , während Sie im stärksten Fieber und dem ängstlichsten Schlaf dalagen und von nichts wußten , was um Sie vorging . In vorletzter Nacht ward der Doktor abgerufen . Er sagte , er müsse fort , versprach aber , heute vor Abend hier zu sein . Ich bin , so lange er fort ist , ganz trostlos gewesen . Ich glaubte gewiß , Sie müßten nun sterben . Ach Gott ! was wäre dann aus mir geworden . Sie beugte sich bei diesen Worten über Luisens Hand , die sie unter stillen Thränen küßte . Mariane hatte kaum geendet , als ein Wagen in den Hof fuhr , aus welchem Carl und der Doktor stiegen . Luise erfuhr nicht so bald , wer angekommen sei , als sie eine tiefe Beschämung fühlte , Jemand wiederzusehn , mit dem sie die letzten Tage auf dem Falkenstein verlebte . Sie war noch unschlüssig , ob sie nicht Carls Besuch abweisen sollte , als dieser schon hereintrat . Gottlob ! rief er , Sie eben . Aber lieber Himmel , wie sehn Sie aus ! Er blieb eine Weile schweigend vor ihr stehen . Ich möchte mir eine Kugel durch den Kopf jagen , fuhr er fort , wenn ich denke , daß ich an allem dem Schuld bin ! Und doch ist ' s so ; mein verfluchter Streit mit dem Werner hat Sie erst recht in ' s Elend gestürzt . Und dazu verließen wir Sie wie feige Buben . Sie hatten nun die Qual im Herzen und Angst und Gefahr von allen Seiten , da mußten Sie sich wohl an den Gott sei bei uns selber wenden . Denn daß Sie unschuldig sind , darauf verwette ich meine Seligkeit ! Lieber Carl , sagte Luise sehr erschüttert , lassen Sie das Vergangene ruhen . Es läßt mich aber nicht ruhen , fiel er heftig ein . Ich kann an nichts anders denken , und Sie , wenn Sie aufrichtig sein wollen , haben zuverlässig auch keinen andren Gedanken . Zu was sollen wir einander hintergehn und hin und her sprechen , während uns ganz andre Dinge im Sinne liegen . Ich kann mir wohl vorstellen , wie Sie sich innerlich abquälen und doch gegen alle , die um Sie sind , nichts äußern dürfen . Gewiß , Ihre Lage ist recht trostlos ! Der Doktor näherte sich jetzt , nachdem er draußen überall weitläuftige Erkundigungen eingezogen hatte . Nun es geht ja gut , sagte er , Luisens Hand ergreifend . Sein Blick ruhete dabei mit seltsam zurückgedrängter Neugier bald auf Carl , bald auf Luisen . Sie müssen nur Ihr Gemüth beruhigen , fuhr er fort , denn was sich da verletzt und zerstört , kann ich nicht ausheilen , und das hat einen ganz erstaunlichen Einfluß auf den Körper . Das ist wohl leicht gesagt , unterbrach ihn Carl , aber beruhige einer mal , wenn es so recht wurmt und sticht . Der Doktor zuckte die Achseln . Der Wille thut viel , sagte er , indem er den Mund etwas nach der Seite und die Augenbraunen zusammen zog , was er gewöhnlich that , wenn er gerührt war , und dennoch die äußre , mit seinen Geschäften verbundene , Ruhe behaupten wollte . Der Wille - wiederholte Carl , den hat erst alles recht zum Besten , Menschen , Umstände und so mancherlei in uns , was ich nicht nennen kann , was aber recht wie der Teufel hinterm Busche ' rausguckt und einen anpackt , daß man nicht wieder los kann . Das , dächte ich , hätten wir erst gestern gesehn . So ein gescheuter Mann , so fest und ruhig , und nun hin , daß es ein Erbarmen ist . Der Doktor winkte hier Carl bedeutend . Ja so ! sagte dieser , und trat einige Schritte zurück . Der Doktor redete hierauf noch einiges mit Luisen und setzte sich dann , eine Zeitschrift aus der Tasche ziehend , in ein Nebenzimmer , um zu lesen . Carl , sagte Luise , der jener Wink nicht entgangen war , ist es Julius , den Sie eben jetzt meinten ? Ich bitte Sie um Gotteswillen , sagen Sie mir die Wahrheit , ist er krank ? gefährlich krank ? Weiß der Himmel ! rief jener nach kurzem Besinnen , wie mir ' s bei Ihnen mit meinen Geheimnissen geht ! Wenn ich einmal unversehens anschlage , so kommen Sie gewiß gleich auf die rechte Spur und erfahren allemal was Sie nicht wissen sollen , denn ableugnen kann ich nicht , und auf solche Kunststückchen , Sie auf falsche Fährte zu locken , verstehe ich mich gar nicht . Also ist es so ! rief Luise ganz außer sich . O Gott , auch das noch ! Beunruhigen Sie sich nicht vor der Zeit , sagte Carl , das Schlimmste ist noch nicht da , ist vielleicht noch sehr entfernt ; aber wahr ist ' s , Julius leidet viel . Ich traf gestern den Doktor auf dem Falkenstein , wohin ihn Georg in der Herzensangst rufen ließ . Julius hat ein paarmal heftige Fieberanfälle gehabt und sieht sich kaum noch ähnlich . Ich erschrak , als ich zu ihm hineintrat . Er saß da , bleich und abgefallen , wie ein Schatten . Guter Carl , sagte er , als ich ihm die Hand gab , Du hast es immer ehrlich mit mir gemeint , in unsern Kinderspielen wie im Leben selbst ; ich danke Dir . Mir gingen diese Worte durch die Seele . Sie klangen wie ein Abschiedsgruß . Ich betrachtete ihn schweigend . So kurze Zeit , und diese Verändrung . Ich kam mir selber steinalt vor . Meine ganze Jugend sah ich mit ihm zu Grabe gehn . Du weißst doch , fuhr er fort , und die Welt weiß es wohl auch schon , was ich gefunden und verloren habe . Wollte Gott , rief ich , Du hättest nichts gefunden , so hättest Du auch nichts verloren ! Das mag ich nicht denken , sagte er , immer gleich sanft und ergeben , Gott wollte sicher alles ganz anders , aber ein jeder von uns bat , wie es so oft im Leben geschieht , den eignen Wünschen gefolgt , und nun kreuzt sich ' s so bunt durcheinander . Du gutes , treues Herz ! rief ich unaussprechlich gerührt , was hast Du denn dabei verschuldet ? So manche Ahndung , sagte er ernst , flog warnend an mir vorüber , ich habe sie überhört , und selbst das Netz geschürzt , worin ich nun gefangen liege . Ich fragte ihn , wie er das meine ; allein er schüttelte schweigend den Kopf , und sah vor sich hin , ohne weiter auf mich zu merken . Mir schossen die Thränen in die Augen , so oft ich ihn ansah . Deshalb ging ich hinunter in den Garten . Aber da war es nun vollends erst recht traurig . Das Laub ist in den wenigen Tagen ganz gelb geworden , vieles liegt vertrocknet auf dem Boden , dort in den langen Alleen rauschte es unter meinen Füßen , oder zitterte knisternd an den Zweigen . Ich ging rasch an dem Rasensitz vorüber , wo wir den Tag versammelt waren , als die Bergleute kamen , es war mir gar zu wehmüthig , an die kurze Freude zu denken ; aber wo ich ging und stand ward mir zu Muthe , als käme ich Nachts an einen Kirchhof . Ihre Blumentöpfe lagen meist vom Winde umgeworfen . Von dem einen Myrtenbaume hing die abgebrochne Krone am Bande , womit er angebunden war , und schlenkerte in der nassen Luft hin und her . Ich mochte nicht zu Ihren Fenstern aufsehn , und machte daß ich wieder in das Schloß zurückkam . Auf der Treppe begegnete ich dem Doktor . Ich befragte ihn über Julius . Er meinte , es sei in dem Augenblick vielleicht weniger Gefahr als man denke ; allein es arbeite so vieles in seinem Innren , was über den Ausgang nicht entscheiden lasse . Als ich am Abend mit Julius allein war , redete er sehr viel , und so schnell und heftig , wie ich es nie von ihm gehört hatte . Aber immer kam er auf den Vorgang im Walde zurück , und konnte sich nicht von den Erinnrungen losmachen , die ihn sichtlich ängsteten . Mir selbst ward ein paarmal ganz wunderlich , wenn er mich mit beiden Händen faßte und ausrief : Carl , denke Dir ' s doch , denke Dir ' s , es war ja mein Bruder , auf den ich zielte ; Herr Jesus , wenn ich ihn getroffen hätte ! Ich fragte ihn darauf , wie ihm das Pistol auch sogleich in die Hand und er in den Wald gekommen sei . Ich weiß nicht , erwiederte er , wie ich mir selbst vorkomme , wenn ich an alles zurückdenke ! Werners Worte lagen mir immer im Sinn und befleckten und zerrissen mir alles , was mir bis dahin allein lieb war , weniger um das , worauf sie deuteten , als daß sie überall laut werden konnten . Mir war den ganzen Tag , als sei der Boden unter mir aufgewühlt , ich konnte nirgend fest auftreten . Nach langem Hin- und Hersinnen nahm ich mir vor , mit Fernando recht offen zu reden , und zu überlegen , was so unberufne Urtheile könne veranlaßt haben . Ich ging in dieser Absicht den Abend spät nach seinem Zimmer . Die Thür war angelehnt , er nicht darin , wohl aber der Maler , was mich befremdete , schlafend im Nebenzimmer . So wird Luise vielleicht noch wachen , dachte ich , und wandte mich dorthin . Sie wollte am andern Morgen verreisen , und ich muß die arme zagende Seele zuvor noch beruhigen . Allein auch hier fand ich die Thür , die nach dem Vorsaal geht , nur angelehnt . Ich trat hinein , alles war still , Luisens Kleider hingen über einem Stuhl , ihr Bett war noch unberührt , sie selbst nirgend zu finden . In dem Augenblick überfiel mich eine Angst , daß ich mich kaum aufrecht erhalten konnte . Ich stellte das Licht auf Luisens offnen Schreibtisch und lehnte mich an einen davor stehenden Stuhl , um Athem zu schöpfen . Meine Blicke fielen zufällig auf zerstreut liegende Papiere , deren Schriftzüge ich lange anstarrte , ohne zu wissen was ich las ; doch nach und nach traten die Worte wie Nachtgesichte vor mich hin und fuhren schneidend in mein Innres . Ich besann mich ; es waren fliegende Blätter aus Luisens Tagebuch , die vor mir lagen . Ihr Inhalt schüttelte mich wach . Ich erkannte damals , wie jetzt , die Qual , mit der sie rang , und beschloß , sie zu retten , gleichviel wie . Mit den Pistolen unter dem Arm , stürzte ich aus dem Hause . Im Hofe traf ich den Jäger , der aus dem Walde zurückkam . Ich fragte ihn , ob er dem Fremden begegnet sei . Ja wohl , sagte er , der muß was auf der Spur haben ; ich sah ihn , durch die Schonung kommend , rechts über den Graben setzen und dann den Weg nach dem Kloster nehmen . Nach dem Kloster ? fragte ich . Mich schüttelte es wie Fieberfrost . Sattle zwei Pferde ! rief ich , reite nach Harzgerode und erwarte dort Nachricht . Ich weiß nicht recht , warum ich das sagte ; ich dachte wohl an ein Unglück , an mögliche Flucht für Fernando ; deutlich war mir nichts , selbst nicht mein Wille . Am Eingang der Buchenallee , die zum Kloster führt , sprang mir Luisens Hund entgegen . Er lief hin und her , bald vor- bald rückwärts . Ich folgte ihm athemlos , mit klopfender Brust , wie ein Getriebener . Plötzlich stand ich vor Beiden . O erlaß mir - ich bitte Dich - - Er schwieg . Ach Gott , ich wußte ja das Uebrige und weinte aus Herzensgrunde mit ihm . Luise hatte nicht den Muth , die Augen aufzuschlagen . Carls Worte fielen schonungslos in ihre Seele . Seine treue Schilderung zeigte ihr die Dinge wie sie waren , und gestatteten durchaus kein Verkleiden der Wahrheit , die sie derb anfaßte , und zwang , ihr in das strenge Antlitz zu sehen . Hier stand es mit Flammenzügen , die keine Macht der Erde auslöschte , sie habe das Böse herauf beschworen , dadurch , daß sie sich seinen frühesten Lockungen zagend hingab . Jetzt , das fühlte sie , hatte es sie berührt , und alles was ihr lieb war , bis auf die heiligsten Erinnrungen befleckt . Der arme Julius , hub Carl auf ' s neue an , hat nun seit dem nirgend Ruhe . Er sagte mir einmal , was ihn am meisten quäle , sei , daß er nicht wisse , wo er mit den eignen Gedanken hin solle . In der Vergangenheit sei ihm alles zusammengestürzt , die vertrautesten Bilder sehen ihn fremd an , er suche und suche , und finde weder Kindheit noch Jugend . Die Zukunft aber stehe wie ein bleiches Gespenst da ; ihn schaudre wenn er darauf hinblicke . Ich sprach ihm Muth ein , und sagte , es könne ja noch alles besser werden . Was soll werden ? fragte er ; es ist ja nichts da , was werden könnte ! Das ist mein Elend , daß nichts , nichts von allem dem wirklich ist , worin ich lebte , und ich nur wie eine dunkle Wolke an Luisens Himmel hinziehe . Es muß wohl so sein , wie er sagt , denn recht von Herzen ging es ihm , mir ward fast wie ihm dabei zu Muth . Der Doktor war indeß , mit einem Licht in der Hand , vor die tausendmal gesehenen und besprochnen Schildereien getreten . Julius Bild , als Knabe gemalt , sprang in voller Beleuchtung hervor . Das Kind sah sinnend und sehr ernst aus großen etwas tief liegenden Augen hervor . Schlichtes Haar , nur an den Spitzen gekräuselt , theilte sich auf der Stirn , so daß diese , fast frei werdend , eine Falte über den Augenbrauen sehen ließ , die dem Gesichtchen etwas Ungewöhnliches , überaus Hohes , gab . Nur um den Mund schwebte ein kindliches Lächeln , das man fast schmerzlich nennen konnte , so wehmüthig fühlte man sich davon ergriffen . Ganz erstaunt getroffen , sagte der Doktor halbleise zu Marianen , die mit ihrer Arbeit zunächst dem Bilde saß ; nicht wahr ? zum sprechen . Luise hielt sich nicht länger . Ja , ja , es spricht ! rief sie . Du liebes , frommes Kind , öffne nur den verschloßnen Mund , und nenne mein Leid und das Deine ! Der Doktor wandte sich erschrocken zu ihr . Er glaubte sie zu sehr im Gespräch mit Carl vertieft , um auf jene rücksichtslos gesprochnen Worte zu achten . Luise begegnete seinen Blicken , die sich voll gutmüthiger Theilnahme auf sie richteten . Lassen Sie immerhin Ihr Gefühl laut werden , mein alter Freund , sagte sie gerührt , das Schweigen ist nun gebrochen ; ach ! und es liegt ja auch ohnehin alles so hell am Tage , mein Unglück und mein Vergehn ! Der Doktor ward lebhaft von der großen Störung eines ruhig bürgerlichen Verhältnisses ergriffen , das früher unter seinen Augen entstanden und in seiner Gegenwart bestätigt war . Diese Störung mehr als das persönliche Leid in ' s Auge fassend , sagte er mit finsterm Ernst : mein Gott , wer hätte dies vor einem halben Jahre denken sollen , als wir alle das letztemal hier versammelt waren . Ich ahndete es lange , erwiederte der alte Geistliche , der von den Andren unbemerkt schon eine Weile im Zimmer war . Mir stellten sich recht wider Willen unheimliche Ahndungen in den Weg , und im entscheidenden Augenblick ging ich zum erstenmal im Leben zagend an meinen Beruf . Tod und Leben begegneten einander so wunderbar auf demselben Wege Die befangnen Sinne faßten alles unsicher auf , Niemand verstand sich selbst , der Schmerz riß Alle im Taumel fort . So im Streit mit Gottes Willen und den eignen Wünschen soll der Mensch nicht über sich bestimmen wollen . Die Liebe sollte siegen , aber der Tod mit seinen Qualen drängte sie zurück . Carl stand mit gefalteten Händen vor dem Greise . Reden Sie nicht mehr vom Tode , sagte er erschüttert , ich habe ihn seit gestern immer vor Augen , und das ängstet mich entsetzlich . Der Alte sah den frischen lebenslustigen Jüngling an , nahm seine Hand und sagte : nun , so wollen wir vom Engel des Friedens reden , der alle bösen Träume und auch den Tod verjagt . Er sei uns hier und dort nahe . Alle schwiegen . Luisen faßte ein leiser , wonniger Schauer . Der Friedensengel neigte sich zu ihr und küßte ihre wunde Brust . Dort und hier ? dachte sie . Was birgt das dunkle Jenseit ? Sollen dort Blumen blühen , die mir hier fremd waren ? Ist der Himmel nicht der ewig Eine ? Still dämmernd brach ein neuer Morgen in ihre Seele herein . Sie fühlte eine unaussprechliche Sehnsucht nach Julius , der versöhnend aus der Ferne winkte und das feuchte Auge voll Schmerz und Liebe auf sie heftete . Dahin , dahin , dachte sie , führt der Weg zum Himmel . Haben Sie gelesen ? fragte der Prediger , auf Julius Brief zeigend . Ja , ach ja , erwiederte Luise . Und soll ich - fragte er weiter , soll ich - Nein , unterbrach sie ihn , ich will selbst schreiben , diesen Abend noch , gleich . Das ist recht , fiel Carl ein , das kann vieles wieder gut machen ! O ! ich hoffte es immer . Hm - sagte der Doktor kopfschüttelnd , und wandte sich ab . Der Riß ist einmal geschehn . Alle Theile sind aus ihren Fugen gesprengt , es hält schwer , so etwas wieder einzurichten . Ich weiß nicht , hub der Prediger an , was Ihre Worte bewirken sollen ; aber rufen Sie einen stillen Sinn ans Licht , und den Willen , der zugleich demüthig ist und kühn , so machen Sie vieles gut . Luise drückte ihm schweigend die Hand . Bald darauf äußerte sie den Wunsch , allein zu sein , worauf sie Carl dringend bat , ihm ihre Aufträge nach dem Falkenstein mitzugeben , da er noch diese Nacht den Weg dahin antrete , und alsdann zum Onkel gehe , um dort den Klugen die Köpfe zurecht zu setzen . Die Baronin , setzte er hinzu , habe ihm gleich nach des Malers Rückkehr den fatalen Vorfall gemeldet . Ihre Worte haben wohl traurig , aber doch spitz und vornehm geklungen , weshalb er auch gleich hingewollt , zuerst aber doch zusehen müssen , wie die Dinge eigentlich stehen . Nun werde er wohl Rede und Antwort geben und die Seitenhiebe pariren können . Er ermahnte Luisen noch einmal , alles anzuwenden , das Geschehene ungeschehen zu machen und die Dinge ins vorige Geleis zu bringen . Was mich anbetrifft , setzte er treuherzig hinzu , ich werde keine Mühe sparen , wobei er ihr zuversichtlich die Hand schüttelte und den Andren folgte . Sie war nicht so bald allein , als sie mit möglichster Anstrengung das Bett verließ und zum Schreibtisch eilte . Ihr Herz klopfte ängstlich , als sie die Feder ergriff . Voll Reue und Vertrauen wollte sie sich dem einzigen Wesen hingeben , das sie auf dieser Welt über alles liebte . Wahr , wie vor Gott , im Bekenntniß ihrer Schuld an die treueste Brust sinken und den verhaltnen Schmerz und die Kämpfe der zagenden Seele laut werden lassen . Demüthig barg sie ihr Gesicht in die gefaltnen Hände und betete noch einmal still . Als sie aufsah , fielen ihre Augen zufällig auf ein Packet ineinander geworfener Papiere . Die Worte zogen sie unwillkührlich an . Es war ihr Tagebuch , welches Mariane in der Nacht ihrer Abreise vom Falkenstein gedankenlos mit andern Sachen zusammengerafft und hier in den offen gefundnen Schreibtisch geworfen hatte . Ach ! jene Blätter , die Julius den Todesstoß gaben , lagen obenauf . Der bange Ruf aus jener Zeit riß sie fort . Sie las gleich zuerst : » Was bedeutet die Angst , die mich bei des Fremden Anblick , ja bei seinem Nahmen , befällt ! Alte Sagen sprechen viel vom Basilisken , dessen Blick vergiftend die fremde Brust berührt . Ich spüre etwas Aehnliches . Der seine zieht mein Herz zusammen . Und warum ? Julius liebt ihn , er ist sein Freund . Was geht mich alles andre an ! Und dennoch ! Mir ist so bang , so wehmüthig ! Ich möchte weinen über die schöne stille Zeit , die so rasch verflossen und so widrig gestört ist ! Kann die Natur auch lügen , oder sich in sich selbst widersprechen ? Wozu all die Schönheit und Fülle und Herrlichkeit des Geistes , wenn alles ein Gaukelspiel ist und die Sünde und Arglist im Hinterhalt lauern ! Ich war auch wohl nur eine Thörin ! Das Fremde berührte mich vielleicht nur fremd . Ich werde mich versöhnen lernen . Nein , nein , es ist vergebens ! Ich finde nirgend Ruhe . Es peinigt mich die innre Unsicherheit und die wechselnden Eindrücke , die mich hin und her werfen zwischen Haß und Wohlwollen . Zuweilen besänftigt mich die leise , schmeichelnde Stimme , es wird still in mir , ich vergesse mich selbst und höre aufmerksam auf die Begebenheiten eines reichen Lebens . Dann fährt das Lächeln , das höhnende Lächeln , schneidend durch mich hin ; ich erschrecke und fliehe wie vor dem bösen Feind . Haß und Liebe ! - O hätte die erfahrne Frau doch nie gesprochen ! Dies also , dies war die Todesangst ? Und er weiß es , was mich quält und sieht vornehm darüber hin ! Ich wußt ' es nicht , ach nein , ich wußt ' es nicht , darum mein Gott laß mich ' s auch bald vergessen ! Ich glaubte , es solle besser werden , die vielen Menschen um mich her werden mich zerstreuen ; Ja wohl zerstreuen ! das haben sie gethan . Weniger gesammelt als je , verliere ich mich in bangen unsichern Ahndungen . Anfangs war mir leichter , ich konnte freier reden zu allen denen die nicht wußten wie mir zu Sinne ist . Jetzt aber , jetzt - ! O Gott im Himmel , du siehst die Angst die mich aus allen Sinnen drängt . Fremd , verlegen , sitze ich in dem bunten Kreise , ohne Muth mich selbst zu behaupten , ohne Kraft , heimlichen Angriffen zu widerstehn . Wie gebannt liege ich in den Schlingen , die eine freche Hand über mich zusammenzieht . Zuweilen mahnt mich noch ein innrer Ruf , ich reiße mich aus der eignen Erniedrigung empor , ich stemme mich gegen die Gewalt , die auf mich eindringt , ach , und wenn dann mein scheuer Blick den seinen streift , der so kalt und hoch über mich hinfährt , dann sinke ich wie ein Kind zusammen , und beweine mein Elend und meine Thorheit . Es ist gewiß , seit er mich haßt , fühl ' ich doppelt was mir ewig ein Geheimniß bleiben sollte . Wüßt ' ich nur , wohin ich fliehen , an welche treue Brust ich mich verbergen könnte . Julius geht so still , so ruhig neben mir hin . Mein Julius - ach Gott bewahre mich vor dem Frevel , Dein reines Herz mit diesem Mißton zu verletzen ! Die Baronin drängt sich wohl an mich , aber sie weiß nicht was sie thut . Ein Spiel , mein Kind , sagte sie diesen Morgen , ein freches Spiel treibt er mit ihnen . O fühlt sie ' s nicht , wie das die wunde Seele vollends zerreißt ! Soll ich denn mit Gewalt verachten , was ich mit unsäglicher Qual und Verzweiflung liebe ? Es ist geschehen ! Der Schleier ist zerrissen ! Das innre Gift und meine Thränen nagten unaufhörlich an dem luftigen Gewebe . Was es verdeckte , liegt nun offen dar . Es ist laut geworden ihm und mir , was tief in Nacht das Licht scheuete . Was ist die Kraft , was der Stolz edler Naturen , wenn fremde Mächte so mit uns spielen ! In sein Herz legte ich alle meine Sorgen nieder ! Mir war so wohl , so unaussprechlich wohl . Der Friede lachte mir nach langem Streit . Ich war mit allem ausgesöhnt , ich scheuete Niemand , auch Julius nicht . Ach , ich hätte ihn umfangen und mit voller Wahrheit an meine Brust drücken mögen ! Kann der Himmel auch die Hölle bergen ? Um ein paar vorüberfliegende Sonnenblicke zu erhaschen , gab ich Ruhe und Glück , ja das Leben selbst hin . Denn ist das ein Leben zu nennen , was unaufhörlich das Leben zerreißt ? Wie Grabesnacht sehen mich meine Umgebungen an , und drüber hinaus zieht es wie ein buntes Spiel , das nicht zu mir gehört . O Erinnrungen , könnte ich euch ersticken , daß ihr nicht mit euren Zauberklängen die Sinne wach erhieltet ! Aber immer , immer werde ich die Stimme hören , die bald schmeichelnd , bald drohend mein Ohr berührte . Sie riß mich fort ; ich mußte folgen ! Ich muß auch jetzt - O Julius , Julius ! das herbste Gift ward Dir durch mich bereitet . Jetzt mußt Du alles wissen , das ist das härteste von allem , ich darf Dich nicht mehr schonen . Ach schonungslos zerriß ich ja Dich wie mich ! - « Luise legte das Blatt still vor sich hin . Das also , dachte sie , hat Julius gelesen ; so unverstellt lag die Wahrheit da , daß ihm kein Zweifel , ach nicht eine arme Hoffnung übrig blieb . Was kann ich ihm jetzt noch sagen , als daß wir Beide untergehn und einer wie der Andre das Leben beweinen müssen ! Sie blieb lange Zeit nachdenkend , als Carl auf ' s neue zu ihr hereintrat und sie ungeduldig fragte , ob sie geschrieben habe und ihn nun mit ihren Befehlen beehren wolle , da er im Begriff sei , abzureisen . Grüßen Sie Julius , lieber Carl , erwiederte sie verlegen , sagen Sie ihm , wie Sie mich gefunden haben ; ich kann heute nicht schreiben , mir ist alles noch so verworren , ich brauche Zeit . Also nicht ? unterbrach sie Carl ; das ist Schade ! Ich habe mich so gefreut ! Und Julius weiß nun nichts von Ihnen ; denn was soll ich ihm sagen , als daß Sie betrübt sind und nicht schreiben mögen ? Guter Mensch , erwiederte Luise , ihm dankbar die Hand reichend , Julius weiß wohl mehr von mir , als Sie und ich ihm sagen können . Aber beruhigen Sie sich , er soll dennoch bald von mir hören , recht bald . Gewiß ? fragte Carl . Gewiß , sagte sie , worauf er sich voll neuer Hoffnungen von ihr trennte . Am andern Morgen sprach Luise noch einige Augenblicke den Doktor , der , ohne sie nach ihrem Wohlsein zu fragen , viel von der eignen Schlaflosigkeit und den beunruhigenden Gedanken erzählte , die er seit den traurigen Begebenheiten nicht los werden könne . Und wie er sich unaufhörlich der verstorbenen Mutter erinnere , die , nur in der Zukunft lebend , alles so wohl darin begründet glaubte , daß sie ohne Sorgen diese Welt verließ . Luise drängte ihn über diese Betrachtungen mit der Bitte hinaus , ihr oft und bald Nachricht von Julius zu geben . Er zuckte bei diesen Worten unsicher die Schultern , und meinte , darüber lasse sich jetzt noch nichts Bestimmtes sagen , die Natur sei noch in der Arbeit , sie müsse erst selbst den Weg angeben , wo man ihr näher treten könne . Indeß zog er aus einer Brieftasche eine Pergament-Tafel , auf welcher er gewöhnlich alle bevorstehende Geschäfte , Krankenbesuche , Aufträge u.s.w. anzeigte , um auch jetzt Luisens Wunsch anzumerken und dem überhäuften Gedächtniß zu Hülfe zu kommen . Das früher Aufgeschriebene laut , und durch Nachsinnen unterbrochen , noch einmal überlesend , nannte er - Kloster Augustin . - Luise machte eine rasche Bewegung . Dort war Fernando . Eine flammende Röthe überzog ihr Gesicht , doch erstarb die Frage auf ihren Lippen . Hm - sagte der Doktor , ihre Erschütterung flüchtig beachtend , da steht es gut . Es war nur eine Streifwunde in der rechten Seite unter den Rippen weg . Die Mönche greifen uns in ' s Handwerk , und da es sogenannte Heilige sind , darf man nichts sagen . Hier , wo es nun nicht viel auf sich hatte , ging es mit der natürlichen Heilkunde wohl so ab , sonst haben dergleichen Pfuschereien schon manchem sein Grab bereitet . Der Herr Graf , fuhr er fort , indem er die Brieftasche schloß , und wieder zu sich steckte , der Herr Graf forderten mich auf , als ich auf dem Falkenstein war , dem Kranken einen Besuch zu machen .