Phocion ! Welcher Frieden , welche Unschuld liegt in diesem Gemüthe , das in der Freude , sich seinen Gefühlen überlassen zu dürfen , sich über alle Folgen derselben kindlich täuschend , auch nicht von fern vermuthet , welche Leiden sie über mich häufet ! Wenn sie , am Lager ihres Gemahls beschäftigt , mit der Sorgfalt einer Tochter ihm jeden Dienst leistet , jedem Wunsche zuvorkommt , und nach mancher unruhigen Stunde sich dann ermüdet mir gegenüber setzt , ihr Blick mit unaussprechlicher Milde auf mir ruht , und ich an der stillen Zufriedenheit , die aus ihren Zügen strahlt , fühle , wie vergnügt sie meine Gegenwart macht , wie sie den Lohn ihrer Tugend , die Entschädigung für alle ihre Sorgen in einem freundlichen Gespräche mit mir findet ; wenn ich diese schöne Mischung von erhabenen Gesinnungen und kindlicher Einfalt , von stillem Muthe und zarter Weiblichkeit sehe , die sich in allen ihren Reden und Handlungen äußert ; wenn ich denke , was sie mir hätte werden können , und was sie nun ist - und dann im Gefühle , von ihr geliebt zu seyn , gelassen ausharren , und die Flammen unterdrücken soll , die alle Augenblicke aus meiner empörten Brust hervorzubrechen scheinen : das , Phocion ! geht über meine Kräfte . Ich fühle , ich kann es nicht langer mehr tragen , ich muß sie fliehen , wenn ich bei Sinnen , wenn ich mir selbst treu bleiben will . Demetrius scheint noch eine Absicht damit zu verbinden , daß er mich beständig um sich hält . Ich müßte mich sehr täuschen , wenn er nicht den Plan hat , mich zum Christenthum nicht zu überreden - aber wohl , mir es durch eine genauere Kenntniß seiner Lehren und Gebräuche angenehmer und werther zu machen . Ich habe keine Vorurtheile mehr dagegen , seit ich Larissens Denkart und die Lebensweise der Christen näher kennen gelernt habe . Ich achte sogar einige ihrer Sätze recht sehr - aber , einer der Ihrigen zu werden - so lange diese Sekte noch so vielen , nicht ganz gehobenen Vorwürfen ausgesetzt ist , so lange mein Vater lebt , der sie haßt , würde ich mich schwerlich entschließen . Es fehlt noch viel , bis ich volle Ueberzeugung habe : und wer kann einen solchen Schritt ohne diese thun ? Indessen habe ich einigen ihrer Ceremonien beigewohnt , manchmal mit Ehrfurcht , einige Male mit wahrer Rührung ; und Demetrius , wenn das sein Zweck ist , hat ihn in so weit erreicht . Aber auch hierin liegt eine neue , unvermeidliche Gefahr für mich . Larissen beten zu sehen , Zeuge der Erhebung ihres Gemüthes , der Verklärung ihres Wesens zu seyn , zu wissen , daß sie für mich betet , und kalt und gelassen bleiben , das ist schlechterdings unmöglich . Später oder früher muß die Maske fallen , die ich , widerstrebend und kämpfend , nicht länger zu tragen vermag . Und was kann , was wird für Larissen , für Demetrius , für mich daraus entstehen ? Ich muß fliehen , ich muß ! Sobald Demetrius so weit genesen ist , daß er dieser Unterredung fähig ist , bitte ich ihn ernst und dringend um meine Entlassung . Weigert er sie mir schlechterdings , dann ende ein Machtwort des Cäsars , das ich durch Tiridates schnell zu erhalten hoffe , den Kampf , der meine besten Kräfte verzehrt . 25. Calpurnia an Agathokles . Rom , im Sept . 301 . Es ist schon so lange , mein verehrter Freund ! seit du nichts von mir , und ich nichts von dir gehört habe , daß ich kaum bestimmt sagen kann , ob du mich noch im Lande der Lebendigen vermuthest , oder schon im Elisium glaubst . Auch mir würde es so ergangen seyn , wenn nicht der öffentliche Ruf ersetzte , was unserer losen Freundschaftsverbindung fehlt , und ich nicht durch ihn erfahren hätte , daß du lebst , und dich im Kriege mit Ruhm auszeichnest . Der Ruf spricht mit Achtung von dir , und ich gestehe dir freimüthig , daß ich ihm mit Wohlgefallen horche , wenn er mir von dem Gastfreunde unseres Hauses angenehme und ehrenvolle Dinge erzählt . Doch hätte ich weder Lust noch Muth , deinen Geist , der , so gewissenhaft zwischen häuslicher und kriegerischer Pflicht getheilt , den Lohn für diese in jener suchte , und fand , auch nur einen Augenblick von so anziehenden Beschäftigungen abzurufen . Dieser wahrlich gewissenhaften Rücksicht mußt du es zuschreiben , wenn ich dich mit keiner Antwort auf deinen ersten und letzten Brief aus Nikomedien bemühen wollte . Du gingst , wie du mir schriebst , gleich zum Heere ab , und was sich dort mit dir zutrug , weißt du , und in Rom weiß man es auch . Jetzt aber fordert eine dringende Pflicht , die Pflicht der Freundschaft gegen eine edle unglückliche Frau , mich auf , alle anderen Betrachtungen aus den Augen zu setzen , und deinen Edelmuth , deine Redlichkeit anzusprechen , um von dir Hülfe , oder wenigstens Rath für deine Freundin zu erhalten . Es ist mir sehr unangenehm , daß die Art meines Anliegens mir nicht erlaubt , weder dein Geschlecht überhaupt , noch deine Liebe für einen sonst schätzbaren Mann zu schonen , gegen den ich eben klagen muß . Schließe aber daraus , welches Vertrauen ich auf dein strenges Pflichtgefühl , und deine vorurtheilslosen Ansichten setze , indem ich mich ohne weitere Umschweife in dieser Sache an dich wende . Du weißt , in welchem Verhältniß Sulpicia und Tiridates standen , als dieser im Frühlinge Rom verließ . Ihre Ansprüche an seine Treue waren vollgültig , durch ihre grenzenlose Liebe und tausend Aufopferungen wohlverdient , ihre Hoffnungen auf seine Hand rechtmäßig und gegründet , und durch heilige Eide versichert . So schied er von ihr , und ließ sie in häuslichen Verhältnissen zurück , über deren Schwierigkeit und Unannehmlichkeit er sich unmöglich tauschen konnte , und an denen doch eigentlich seine Verbindung mit ihr Schuld war . Ein alltägliches Geschöpf von Ehemann erniedrigt sie durch Verdacht und Auflauren , während ein harter Vater sie mit Vorwürfen quält , welche nur wirkliche Vergehungen rechtfertigen könnten , die aber in Sulpiciens Falle , wo blos das Herz - doch wozu brauche ich dir ein Verhältniß zu schildern , das du wohl kennst , und einst mit zu großer Strenge gerichtet hast ? Vielleicht denkst du jetzt auch über diesen Punkt milder , und spätere Erfahrungen mögen deine Ansichten verändert haben . Wie aber immer deine Denkart seyn mag , so glaube ich , wirst du doch darin vollkommen mit mir übereinstimmen , daß Treue , ausschließende Anhänglichkeit , und festes Verfolgen des abgeredeten Planes , Bedingungen sind , die , wenn sie gehalten werden , nicht großes Aufhebens , und wenn sie gebrochen werden , den allerstrengsten Tadel , ja gar keine Entschuldigung verdienen . Was soll also die unglückliche Sulpicia denken und fühlen , wenn sie von allen Seiten bestätigen hört , daß der leichtsinnige Tiridates , versunken in Asiens Wollüste , bestrickt von verführerischen Weibern , von Einer zur Andern gedankenlos flattert , und , von den Freuden des Hofes trunken , nicht Zeit hat , sich um so geringfügige Sachen zu bekümmern , als der Thron seiner Väter , und die Ruhe eines Herzens ist , das sich ihm ganz und willenlos geopfert hat ? Wie zerrissen dies schöne , edle Herz ist , wird dir der beigeschlossene Brief zeigen , den ich aus Bajä von ihr erhielt , wo ihre niedrigen Peiniger sie eingeschlossen halten , um ihr den letzten Trost , den Umgang mit mir , zu entziehen . Serran ' s kleiner Geist fürchtet meinen Einfluß , darum hat er seine Frau aus Rom entfernt ; und Sextus Sulpicius sieht in mir nichts , als eine schlaue Mittlerin eines verbotenen Verhältnisses . Wie könnte auch seine grobgeschnitzte Seele , die an keine weibliche , ja an keine menschliche Tugend , als allenfalls den Patriotismus glaubt , sich zu dem Gedanken erheben , daß man einander wirklich lieben , und durch diese Liebe sich recht viel seyn kann ? Diese Lage allein wäre schon hinreichend für Sulpicien , das Mitleid und die Schonung der ganzen Welt aufzufordern , um wie viel mehr die allerzarteste Aufmerksamkeit desjenigen , für den , um dessentwillen sie so sehr leidet . Aber dieser leichtsinnige Königssohn vergißt ihrer im Arm asiatischer Hetären , und vermehrt ihre Qualen noch durch den scharfen Stachel , den seine Untreue , der Gedanke , so gewissenlos vergessen zu seyn , in ihr zerrissenes Herz drückt . Zwar will ich gern glauben , daß der immer vergrößernde Ruf auch hier Manches hinzugesetzt hat , was nicht so ganz wahr ist ; indessen , wenn ich auch die Hälfte abrechne , bleibt noch immer genug übrig , um Tiridates sehr strafbar erscheinen zu machen . Noch schreibt er ziemlich oft und ziemlich warm an Sulpicien ; aber was ist dies für ein Herz , das von Zweifel und Angst gefoltert wird , und in der sehr natürlichen Voraussetzung , daß der Prinz wohl so klug seyn wird , sich nicht selbst anzuklagen , seine Briefe schon mit ungünstigem Vorurtheil empfängt ? Da wird jedes kühlere Wort , jeder unvorsichtige Ausdruck eine neue Quelle des Argwohns . Bei einem Brief kommt so viel auf die Stimmung des Lesenden an , sie gibt die Musik zu den Worten . Was kann der todte Buchstabe , was kann ein treuer Freund zur Beruhigung sagen , wenn ein krankes Gemüth mit jener geflissentlichen Grausamkeit , die eben den bessern Seelen eigen ist , in jedem Worte einen Pfeil finden will , um ihn tiefer in seine Wunden zu drücken ? O wahrlich ! solche Gemüther sind sehr zu beklagen , sie sind ewig das Spiel und der Raub der rauhern stärkern Seelen . Bei dieser Lage der Sachen , bei der halben Ungewißheit , in der wir über Tiridates wahre Gesinnungen schweben , und bei der Unmöglichkeit , im Geringsten auf ihn wirken zu können , wende ich mich nun an dich , und hoffe von deiner Denkart , von deiner Achtung für Sulpicien , und hauptsächlich von deiner genauen Verbindung mit dem Prinzen , noch allein das Wenige , oder Viele , was sich in dieser Sache thun läßt . Zuerst ersuche ich dich um eine genaue Nachricht von Tiridates Lebensart und Gesinnungen , so weit du sie zu kennen vermagst . Für ' s Zweite überlasse ich deinem Gefühle , deiner Beurtheilung , die weitern Schritte zu bestimmen , die allenfalls noch hierin zu thun wären . Deine Denkart ist mir Bürge , daß ich meine Freundin hier nicht aussetze , daß nichts geschehen wird , worüber sie zu erröthen , ja , was sie nur von fern ungethan zu wünschen haben würde . Leite , führe du die Sache , wie du es für gut findest ; ich lege mit Zufriedenheit Sulpiciens Geschick und meine treue Sorge für sie in deine Hand , und erwarte , wo nicht Hülfe , - denn wer weiß , ob du die gewähren kannst ? - doch wenigstens Trost und Beruhigung für sie von deinem Herzen . Mein Vater und meine Brüder , die alle recht wohl und vergnügt sind , grüßen dich herzlich durch mich . Solltest du zu antworten nöthig finden , so sey auch so gütig , mir den Ort deines Aufenthalts zu bemerken . Nicht immer wissen wir in Rom genau die Standörter unserer Armeen , und nicht immer ist ein Legat so glücklich , im Hause seines Feldherrn zu leben , und alle seine Leiden und Freuden mit ihm zu theilen . Leb ' wohl . 26. Sulpicia an Calpurnien . ( Im vorigen eingeschlossen . ) Bajä , im Sept . 301 . Mit unsäglicher Mühe und Aufopferungen , die mich mehr kosten , als ich zu sagen im Stande bin - denn es gilt hier nicht Geld , oder Geldeswerth , sondern Grundsätze und Gefühle , deren Unterdrückung mein innerstes Leben angreift - habe ich einen Sclaven auf unserm Landgute , gewonnen , der sich endlich erboten hat , dir diesen Brief zu bringen . Allmächtige Götter ! Zu welchen Erniedrigungen zwingt mich die verächtliche Gesinnung Anderer , und die Nothwehr , die ja auch dem schwächsten Wurm gegen seinen Peiniger erlaubt ist ! Bestechung , Verlockung von der dem Gebieter geschworenen Treue muß ich mir zu Schulden kommen lassen . Ich , die ich jeden Winkelzug , jede Unredlichkeit , als meiner Natur widernd , hasse , ich muß die Betrüger überlisten , weil ich sonst - o Götter , Götter ! welche Lage ! - weil ich sonst verzweifeln müßte . Sterben ? Kleinigkeit ! Tag und Nacht sind die Pforten des Todes geöffnet , und wer zu sterben weiß , braucht nicht zu dienen . - Aber sterben wollen , und keines Augenblicks , keiner Bewegung Herr seyn , sich auf jedem Schritt beobachtet , bei jedem Laut behorcht fühlen , zu wissen , daß alle Schränke und Kisten durchsucht , und alle Mittel zur Flucht nicht allein aus diesem Aufenthalte , sondern auch aus dem Leben genommen sind ; das zu wissen , und mit der Wuth der Ohnmacht seine Ketten zu schütteln , ohne sie zerreißen zu können : das ist die schrecklichste Lage , in der ein Sterblicher sich befinden kann ! Man hat in Rom erkundschaftet , daß ich durch dich Briefe aus Asien bekam , daß jene unselige Verbindung durch die vorigen Maßregeln noch nicht abgebrochen war , und man schritt nun zum Aeußersten . Man schleppte mich in diese Einsamkeit , man hält mich wie eine Verbrecherin , und man macht sich ein Geschäft daraus , mir das Leben zu verbittern . Ja , was der Mensch dem Menschen thun kann , ist das Höchste und Niedrigste . Die größte Erdenseligkeit und die schrecklichste Verzweiflung häuft er auf seines Gleichen . Ja , die höchste Erdenseligkeit und die tiefste Verzweiflung ! Vom Schicksal verfolgt , gemißhandelt , flüchtet das zerrissene Herz an den Busen der Liebe , und dort , in ihren weichen Armen , von ihren Thränen benetzt , von ihrem Hauche neu belebt , weiß es nichts mehr von den Tücken des Schicksals , und ist selig in dem Gedanken , treu und wahrhaft geliebt zu seyn . Nein , der Sterbliche ist nicht zu beklagen , der ein geliebtes Herz ganz besitzt , und in dem seligen Bewußtseyn ruht , was auch sein Loos sey , wie weit Zeit und Raum ihn von diesem Herzen scheiden , es fühlt für ihn , es schlägt nur für ihn , es achtet kein Opfer , keine Gefahr , um den Geliebten glücklich zu machen . Laß dann die ganze Natur , laß die Götter sich wider ihn verschwören , er achtet ihrer Wuth nicht , er liebt - und wird geliebt . O , ich Rasende ! daß ich damals klagte , da nichts als eine Verkettung von Umständen ein geliebtes Wesen schuldlos aus meinen Armen riß ! Damals wähnte ich unglücklich zu seyn , und was hin ich jetzt ? Sie war Frevel , diese unzeitige , unmäßige Klage ; Kleinigkeit , Spiel waren die Leiden , die ich damals fühlte , gegen die Martern , die mich jetzt verzehren . Damals war ich geliebt , damals schlug ein Herz treu und ausschließend für mich . O ihr Götter ! Nehmt , nehmt mir Alles , was noch an meinem Loose wünschenswerth seyn mag , und gebt mir jene Schmerzen wieder ! Gebt mir sie wieder , die Zeit , wo ich euch durch voreilige Bitten bestürmte , ich fordere euch heraus , mich unglücklich zu machen , so lange ich geliebt bin . Aber ich bin nicht geliebt , ich bin nicht geliebt ! O mit brennendem Schmerz reißt dieser Gedanke an meinem Herzen : ich bin nicht geliebt ! Was in diesen Worten liegt , drückt keine Sprache aus , nur die Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fühlt die Qualen , die sie enthalten . Zwei Tage trug sich dies Herz mit täuschenden Hoffnungen , jene Nachrichten könnten Verleumdung seyn , eine wohlausgesonnene List meiner Peiniger . Die bitterste Erfahrung , ganz unzweifelhafte Beweise haben mir gezeigt , daß Alles , was man mir sagte , Wahrheit , und mein Unglück entschieden sey . Ein gewisser Marcius Alpinus aus Nikomedien , eines von jenen kaltvernünftigen Wesen , die nichts tiefer verachten und bespötteln als Gefühl , hat an einen seiner Freunde geschrieben , und von diesem erhielt mein Bruder Septimius den Brief . Asiatische Hetären , zwar verheirathete Matronen und vom ersten Range , nichts desto weniger aber an Gesinnung und Betragen den Verworfensten ihres Geschlechtes gleich , theilen sich in ein Herz , das ich einst in einem dunkeln verworrenen Traume mein zu nennen wähnte . Treue , Schwur , Ehre , Ruhm und Thron verschwinden aus den verblendeten Augen , die nur mit wollüstiger Trunkenheit an schönen Formen hangen ; und gleichgültig opfert man das Glück eines längst vergessenen Herzens am Altare einer frechen Schönheit . O wer gibt mir Dumpfheit , Wahnsinn , Vernichtung ! Ich will ja nicht leben , ich will ja ein zweckloses Daseyn nicht länger hinschleppen . Liebst du mich , Calpurnia ! hast du in der großen Welt nicht auch jede bessere Empfindung verlernt , so besorge mir nur einen einzigen wohlthätigen Tropfen , nur Einen , der genug ist , mein Leben auszulöschen ! 27. Agathokles an Calpurnien . Nisibis , im Oct . 301 . Dein Brief , meine edle Freundin ! hat mir ein wahrhaft großes und ein dreifaches Vergnügen gemacht . Er hat mich wieder in die schöne Zeit zurückgezaubert , wo ich in Rom in deines Vaters Hause mit dir und den Deinigen so angenehme Tage verlebte , deren größter Reiz in deinem heitern geistvollen Umgang bestand . Er hat mir Nachricht von lieben Entfernten gegeben , deren Andenken mir unvergeßlich bleiben wird ; und endlich hat er mir das erhebende Gefühl gewährt , mich von einer edlen Seele mit Achtung und Zutrauen behandelt zu sehen . Innig danke ich dir für jede dieser angenehmen Empfindungen , vorzüglich aber für die letzte , die zu verdienen und zu rechtfertigen mein thätigstes Bestreben seyn soll . Du weißt , meine Freundin ! du wiederholst es sogar in deinem Briefe , daß die Verbindung zwischen Sulpicien und dem Prinzen mir nie , weder vernünftig , noch rechtmäßig schien . Indessen , so dachte ich mir den Ausgang nicht , obwohl ich Tiridates ziemlich genau zu kennen glaubte . Seit wir in Asien sind , haben wir uns beinahe nicht mehr gesehen , die Reise und ein paar Tage nach unserer Ankunft in Nikomedien ausgenommen . Wir schreiben uns zuweilen , aber meistens nur über Angelegenheiten des Kriegs , oder andere Geschäfte . Ich weiß also nichts Bestimmtes über seine Lebensweise und seinen Umgang . Gerüchte , Sagen laufen freilich hin und her , über auf sie kann ich kein Urtheil bauen . Auch würdest du , meine Freundin ! nicht mit dem zufrieden seyn , was ich dir vom Hörensagen berichten könnte . Sey aber versichert , daß ich Alles thun werde , was in meiner Macht steht , um hierüber Gewißheit zu erlangen , und daß ich dann so handeln werde , wie es mein bester Wille , die Umstände , dein edles Zutrauen und Sulpiciens Lage nur immer von mir fordern können . Uebrigens bitte ich dich zu bedenken , daß Tiridates sich durch Geburt , Schicksal und persönliche Annehmlichkeiten genug auszeichnet , um von der müßigen Menge bemerkt , besprochen , beneidet , getadelt zu werden ; wie auch , daß ein liebenswürdiger Prinz an einem üppigen Hofe manchen Versuchungen und Fallstricken ausgesetzt seyn muß . Vieles , was geschehen konnte , wird dann als gethan vorausgesetzt , und erzählt ; Vieles , was verworfenen Menschen wahrscheinlich ist , von ihnen als wahr verkündet , und die Welt urtheilt schnell , leichtsinnig und lieblos . Schon , daß er immer in Nikomedien seyn soll , ist Verläumdung . Er befindet sich größtentheils bei dem Heere des Cäsar Galerius , wo er sich durch persönliche Tapferkeit und Feldherrn-Talente gleich rühmlich auszeichnet . Glaube nicht , daß ich Tiridates hierdurch entschuldigen will . Ich weiß nichts , und kann also nichts , weder für noch wider ihn , behaupten ; bis ich aber etwas mit Gewißheit erfahre , könnten diese Betrachtungen vielleicht beitragen , Sulpicien zu beruhigen , und zu verhüten , daß diese unglückliche Frau sich nicht vergeblich in Gram verzehre . Wenn sie wissen darf , daß du mir geschrieben hast , so sage ihr , daß mein Herz innig mit ihr fühlt , sie tief betrauert , und , selbst unglücklich , ihr Leiden wohl zu begreifen , und zu theilen versteht . Marcus Alpinus ist mir übrigens aus früheren Zeiten als ein Mann bekannt , der mit einem durchdringenden Verstande , durch den Umgang der großen verderbten Welt , durch Wollüste aller Art und eine herzlose Kälte endlich dahin gekommen ist , an keine Tugend mehr zu glauben , und nichts für würdig und schätzbar zu halten , als was unsere Sinne auf irgend eine Art in angenehme Bewegung zu setzen vermag . Sein Urtheil wird immer richtig seyn , denn er ist sehr verständig ; seine Ansichten aber sind es gewiß selten . Noch habe ich einen Punkt zu berühren , den ich , so ungerne ich über dergleichen Dinge spreche , unmöglich übergehen kann . Du scheinst , meine edle Freundin ! von meinem Schicksale unterrichtet zu seyn ; aber ich fürchte , es war nieder nur der Ruf , oder etwas dem ähnliches , der dir nicht ganz getreu berichtet hat . Ja , ich habe Larissen , die Freundin , die Geliebte meiner Jugend gefunden . Ein seltsames Verhängniß hat sie als die Gemahlin meines Feldherrn mir wieder gezeigt . Es würde thöricht seyn , und deines Verstandes spotten heissen , wenn ich behaupten wollte , sie sey mir gleichgültig . Nein , Calpurnia ich liebe sie noch , wie ich sie in meiner ersten Jugend liebte . Aber diese Neigung ist nicht , wie bei Sulpicien und Tiridates , hoffnungsvoll und gegenseitig . Larissa behandelt den Freund ihrer Jugend , der ihr Zutrauen nicht verwirkt hat , mit Achtung und Freundschaft ; aber Larissa und Demetrius sind Christen , ihre Religion weiht die Ehe zu einem unauflöslichen Bande , das nichts als der Tod trennen kann . Du siehst also , daß ich keine Hoffnung nähren darf . Bedaure mich , meine Freundin ! aber spotte meiner nicht . Nur der Glückliche kann dies ertragen . Deinen nächsten Brief , wenn du mir die Freude gönnen willst , mich etwas von dir , den Deinigen und unserer unglücklichen Freundin wissen zu lassen , sende nach Nikomedien an meinen Vater . Er weiß immer am ersten und zuverläßigsten , wo ich mich befinde . Vielleicht bin ich sogar bis dahin selbst dort . Der heiße Wunsch , einem Verhältnisse zu entfliehen , das sich weder mit meiner Ruhe , noch meiner Ueberzeugung verträgt , und die Nothwendigkeit , selbst mit Tiridates zu sprechen , wird mich ohne Zweifel bald dahin rufen . Nimm noch einmal den wärmsten Dank für dein Vertrauen , und die Versicherung , und die Versicherung , daß an jedem Orte , und in allen Verhältnissen Nachrichten von dir und den Deinigen meinem Herzen eine höchst willkommene Erscheinung seyn werden . 28. Larissa an Junia Marcella . Nisibis , im Oct . 301 . So ist denn keine irdische Freude von Bestand , und der Himmel , der sie uns , kaum empfunden , wieder entzieht , scheint uns immerfort zu ermahnen , daß wir hier nicht in unserer Heimath sind . Freundliche Gestalten begegnen dem Pilger , die schnell an ihm vorübergleiten , liebliche Gegenden eröffnen sich ihm , in denen er so gern verweilen möchte - umsonst ! das Schicksal treibt ihn fort , sein Bleiben ist hienieden nicht , und fern , fern von den reizenden Umgebungen , muß er durch ein dunkles grauenvolles Thal , um jenseits die sonnige Höhe zu erklimmen , von deren Gipfel der Kranz der Vollendung strahlt . Ja , meine Junia ! der kurze Frühlingsschimmer meines Glückes ist verschwunden . Trübe Wolken steigen herauf , und verfinstern den freundlichen Tag , in dessen holdem Lichte mein wundes Herz sich zu erholen anfing . Was noch aus mir werden soll , weiß nur Gott : aber , daß er es weiß , daß ich seiner Vaterhuld mein Schicksal getrost überlassen darf , das ist für jetzt , und wird wohl für immer meine einzige Beruhigung seyn . Demetrius fing an , sich nach und nach zu erholen . Er konnte das Bett wieder verlassen , und entwarf bereits mit seinen Offizieren weitere Plane für den Rest dieses , und den Anfang des nächsten Feldzuges . Ich überließ mich sanften Hoffnungen von der Dauer meines Glückes , als auf einmal ein Befehl des Diocletian erschien , der meinem Gemahl in unsanften Ausdrücken die allzugewagte Stürmung von Nisibis vorwarf , und es ihm zum Fehler anrechnete , diese That , bei so weniger Hoffnung auf glücklichen Erfolg gewagt , und so viele Leute geopfert zu haben . Wenn du indessen wüßtest , wie es mit uns stand , wie das Heer von Unmuth , Krankheit und Mangel aufgerieben , weit mehr dadurch verlor , als durch den blutigsten Sturm , wie geflissentlich man es ohne Hülfe ließ , wie - doch wozu dies Alles wiederholen , was ich dir doch nicht so umständlich beschreiben kann , und was jetzt nichts mehr nützt ? Genug , mein Mann wurde des Befehls über seine Armee enthoben . Seine hohen Jahre , seine Krankheit dienten zum bessern Vorwand , und Marcius Alpinus , der ein Liebling des Galerius , und vorher Tribun bei seiner Leibwache gewesen war , ist schon auf dem Wege , seine Stelle einzunehmen . Wie das meinen Mann schmerzt , wie es ihn , den kaum Genesenen , von Neuem niederwirft , sein Gemüth bitter , seine Stimmung reizbar macht , kannst du dir vorstellen ; und daß Alles , was ihn umgibt , und ich zuerst darunter sehr leiden muß , ist wohl eben so natürlich . Er hat auch sogleich seinen völligen Abschied begehrt , er will einem Staate nicht langer dienen , der ihn so mißkennt . Der Vorwand , unter dem ihm das Commando genommen worden , dient ihm eben so , seine Entlassung zu fordern , und wir werden uns in wenig Tagen auf den Weg nach unserer Villa am Ufer des Bosphorus begeben . So wird es mir denn also von den Umständen selbst sehr leicht gemacht , deinen Rath zu befolgen , und mich von Agathokles zu trennen . Es ist auch in Rücksicht dieses Verhältnisses schon eine Zeit her nicht mehr Alles , wie es war , wie es seyn sollte . Ich sah schon vorher mit Schmerz , daß Agathokles meine schöne friedliche Stimmung nicht theilte . Eine unruhige Heftigkeit lag in seinem Wesen . Sein Blick , den er selten offen auf mich richtete , hing oft verstohlen mit wilder Gluth an mir , und sank scheu nieder , wenn ihn mein Auge traf . Ich sah ihn bei meiner unverhehlten Herzlichkeit bald feurig auflodern , bald sie mit starrer Kälte aufnehmen . Jetzt schien er mich mit heißer Liebe zu suchen , jetzt geflissentlich zu vermeiden ; kurz , er war ungleich , launisch , möchte ich sagen , und der stille Frieden entfloh durch dies Betragen auch endlich aus meiner Brust . Ich glaubte indessen nichts darin zu sehen , als die längst gemachte Bemerkung , daß es den Männern so gar nicht möglich ist , eine ruhige sanfte Neigung zu nähren , und sich mit den Rechten und Empfindungen der Freundschaft zu begnügen , wenn ihnen der volle ausschließende Besitz versagt ist , und es that mir weh , sogar einen Agathokles nicht frei von den Schwachen seines Geschlechtes zu finden . Aber seit einigen Tagen bemerkte ich , daß er mehrere Briefe aus Rom und Nikomedien erhielt , und sie sehr angelegentlich beantwortete ; auch schien er mir noch düsterer und tiefsinniger als vorher . Einer dieser Briefe nach Rom war an eine gewisse Calpurnia . Das erfuhr ich zufällig . Calpurnia heißt die schöne Tochter des Lucius Piso , bei welchem Agathokles in Rom gewohnt hat , von deren unwiderstehlichen Reizen ich schon öfters von unverdächtigen Zeugen sprechen gehört habe . Gestern kündigte er uns an , daß ihn Tiridates nach Nikomedien beschieden habe , und er Nisibis noch vor uns verlassen müsse . Wie das zusammenhängt , sehe ich wohl nicht ein , aber daß es zusammenhängt , das fühle ich , und erkenne es bestimmt aus tausend Kleinigkeiten , die ich wohl zu vereinbaren wußte . Ich läugne dir nicht , daß es mich tief schmerzt , nicht allein , daß Agathokles sich , wie es scheint , freiwillig von uns entfernt , und die kurze Zeit unsers Beisammenseyns noch abkürzt , sondern daß er mir , mir , deren Herz so offen vor ihm lag , mir , der Jugendgespielin , der innigsten Freundin ein Geheimniß aus den Schritten macht , die er thut . Zwei Tage werde ich noch mit ihm zubringen , vielleicht die letzten in meinem Leben ! Es ist sehr ungewiß , ob ich ihn je wieder sehen werde , und die kurze Zeit meines Glücks wird mir wie ein Traum vorkommen , aus dem ein unfreundlicher Morgen mich weckte . Und doch soll ich wünschen , von ihm getrennt zu seyn ! Doch soll ich die