von der einen Seite auf die hohe Achtung , welche sie für Haller unterhielt , von der anderen auf die Urtheile jüngerer Dichter , welche die Schweiz als das Land der Freiheit und des Ruhmes besungen hatten . Um keinen Preis hätte sie sich von einer Reise dahin abwendig machen lassen . Ich gestehe , daß , nachdem wir an Ort und Stelle angelangt waren , die Naturwunder der Schweiz einen starken Eindruck auf mich machten ; allein wenn dieser Eindruck zur Erhebung führte , so führte er zugleich zur Niedergeschlagenheit ; mit einem Worte : Er verwirrte das Gemüth und raubte die innere Freiheit , ohne welche es unmöglich ist , sich wohl zu befinden . Herrliche Einfassungen , eine üppige Vegetation und - was immer damit zusammenhängt - eine kräftige Animalität zeichnen die Schweiz vor allen Ländern Europa ' s aus ; hat sie aber das , was der gebildete Mensch unaufhörlich sucht - Menschen von höherer Entwickelung ? Ich möchte nicht gern darüber absprechen ; das aber kann ich mit Wahrheit behaupten , daß ich dergleichen in der Schweiz nicht gefunden habe . Eben deswegen ist mir dies Land immer als ein schöner Rahmen mit einem schlechten Bildniß erschienen . Ich habe nicht den Muth gehabt , dies jemals öffentlich zu sagen , weil ich mich auf den allgemeinsten Widerspruch gefaßt machen mußte ; allein deshalb würde ich , wenn es einmal gölte , mein Urtheil nicht minder standhaft vertheidigen . Worin die große Beschränktheit der Schweizer ihren letzten Grund hat , ob in ihrer Umgebung , oder in ihrer Verfassung , das mögen Andere entscheiden ; genug daß sie allgemein ist , und daß , wenn man sich mit der Schweizerheit selbst nicht identifiziren kann , eigentlich kein Interesse für diese Nation möglich ist . Selbst die Herzogin , so groß auch ihre Vorliebe für die Schweiz war , trat zuletzt mit dem Geständniß hervor , daß es ihr problematisch geworden sey , ob man die Schweizer zu den Menschen rechnen könnte , da sie immer und ewig auf demselben Punkt blieben , und die Entwickelung des übrigen Europa kaum im Widerschlage theilten . » Ich würde mich , « sagte sie , » auf das tödtlichste langweilen , wenn die todte Natur hier nicht den Ausschlag über die lebendige gäbe ; um jener willen muß man dieser etwas nachsehen ; es versteht sich ja auch von selbst , daß da , wo Adel ist , auch Gemeinheit seyn muß . « Nach meiner Zurückkunft in Deutschland hab ' ich , um meine Urtheile über die Schweizer zu berichtigen , ihre Geschichte studirt ; allein ich muß gestehen , daß mich mein Studium in diesen Urtheilen nur bestärkt hat . Und hier kann ich nicht umhin , die Bemerkung zu machen , daß die Vorurtheile über die Schweiz in dem gegenwärtigen Augenblick so allgemein sind , daß sie sich selbst über den neuesten Geschichtschreiber dieses Volks erstrecken . Wie dieser Mann zu seiner Reputation gelangt ist , begreife ich durchaus nicht . Seine Art zu komponiren hat für mich so viel Widerwärtiges , als ob ich mit entblößten Füßen über scharfe Kiesel laufen müßte . Ich bin so leicht nicht abzuschrecken , wenn es Belehrung gilt ; aber es ist mir nicht möglich , acht Blätter von ihm hintereinander zu lesen , ohne mich ermüdet zu fühlen , und ich fordere alle Leute von Geschmack und Bildung auf , mir zu sagen , ob es ihnen besser gelingt ? Ich will nicht sagen , daß die Affektation selbst bei der Abfassung den Vorsitz geführt habe , wiewohl ich nicht begreife , wie man ohne der Einfachheit den förmlichsten Abschied gegeben zu haben , so schreiben kann ; allein , wenn der Styl in historischen Compositionen auch noch so gleichgültig seyn sollte , so entsteht noch immer die Frage : Wo hier die historische Composition sey ? Dieser Mann muß auch nicht die allerentfernteste Idee von einem Kunstwerk haben . Alle guten Geschichtsbücher , die ich bisher gelesen habe , enthielten in der Darstellung selbst so viel Nothwendiges , daß mein Geist wider seinen Willen angezogen und fortgerissen wurde ; in der sogenannten Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft hingegen mag ich anfangen wo ich will , mein Interesse ist immer und ewig dasselbe , d.h. gleich null ; und wenn es nicht vorher ausgemacht ist , daß die Schwerkraft der Schweizer eben so wenig eine eigentliche Geschichte gestattet , als die der Felsenwände , wovon sie umgeben sind , so kann die Schuld nur an der Unfähigkeit des Geschichtschreibers liegen , der es nicht versteht , die Notizen zu Thatsachen zu erheben , und durch die abgemessene Zusammenstellung dieser Thatsachen ein anziehendes Ganze zu bilden . Doch was geht mich die Kritik an ? Ich bitte allen Grazien die Sünde ab , die ich hier begangen habe ; dabei versichere ich aber , daß ich sie nicht begangen haben würde , wenn ich es dem Deutschen verzeihen könnte , daß er sich in seinem Götzendienst immer gleich bleibt , nicht ahnend , daß er von allen Bestandtheilen des menschlichen Geschlechts zuletzt der einzige wahre Gott ist und allein Verehrung verdient . Wie es sich aber auch mit der Schweiz und ihren Bewohnern verhalten mag , immer bleibt es ausgemacht , daß man sich für Italien , als das Land der schönen Kunst , nicht besser vorbereiten kann , als durch einen längeren Aufenthalt in der Schweiz . Schwerlich giebt es zwei Länder , die sich in jeder Hinsicht noch mehr entgegen gesetzt wären . In der Schweiz sind die Menschen nichts ; in Italien hingegen sind sie alles . Mag das Weltgeschick die Bewohner dieses schönen Erdstrichs für den Augenblick noch so sehr niedergedrückt haben ; deshalb haben sie nicht aufgehört , die Herrn der Erde zu seyn ; ihr ganzes Wesen kündigt an , daß sie es gewesen sind , und daß es nur begünstigender Umstände bedarf , damit sie es von neuem werden . Auf keinem Erdfleck hat es seit drei bis vier Jahrhunderten so viel Revolutionen gegeben , als in Italien ; und ob man gleich , diesen langen Zeitraum hindurch , nie den rechten Punkt getroffen hat , so folgt doch daraus nicht , daß man ihn niemals treffen werde . Eine bessere politische Verfassung ist es , was den Völkern Italiens fehlt , und ist diese nur erst vorhanden , so wird sich die alte Größe ganz von selbst wieder herstellen . Mailand und Toskana ausgenommen , hat die Natur im Ganzen genommen sehr wenig für die Bewohner Italiens gethan ; aber gerade dieser Umstand ist es , dem die Italiäner diesen hohen Grad von Entwickelung zu verdanken haben , in dessen Besitz sie sich befinden . Wir gingen nach einem zweijährigen Aufenthalt in den verschiedenen Hauptstädten der Schweiz nach Italien . Da die Kunst der Magnet war , welcher uns zog , so eilten wir nach der Hauptstadt des Kirchenstaates , wo wir mehrere Jahre verweilen wollten . Unser Weg führte uns durch das Mailändische nach Florenz . Hier machten wir die Bekanntschaft der Gräfin Luisa Stolberg d ' Albania , Gemahlin des Prinzen Stuart , Prätendenten von England ; und mehr bedurfte es nicht , um uns auf der Stelle Fesseln anzulegen , die wir Mühe hatten wieder abzustreifen . Denn welche eigenthümliche Richtungen wir auch in unserer Ausbildung genommen hatten , so zeigte uns doch jetzt die Erfahrung , daß wir nicht die Einzigen unserer Gattung waren . Die Gräfin Luisa d ' Albania war Unseresgleichen ; auch hatten wir uns kaum kennen gelernt , als wir mit aller der Unzertrennlichkeit an einander hingen , welche gleichgestimmten Gemüthern eigen ist . Das Einzige , wodurch die Gräfin sich von uns unterschied , war ihre Religiosität ; da diese aber mit dem , was man kirchlichen Glauben nennt , durchaus nichts gemein hatte , so bildete sie auch keinen trennenden Unterschied . Es giebt offenbar Dinge , welche über alle Beschreibung hinaus sind ; und zu diesen Dingen gehört eine solche Religiosität , als die der Gräfin war . Ihrem Wesen nach , so weit ich dasselbe habe beobachten können , bestand sie in einem unablässigen Streben nach Harmonie mit dem Universum . In ihr war also alles begriffen , was Philosophie und Poesie genannt werden kann ; nicht etwa diejenige Philosophie , welche darauf ausgeht , einen dynamischen obersten Grundsatz für das All der Welterscheinungen aufzufinden , sondern diejenige , welche über alles , was Erscheinung ist , hinaus strebt , und sich in das Wesen der Dinge versenkt und mit Poesie einerlei ist . Wie die Gräfin zu dieser Entwickelung gelangt war , weiß ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben ; unstreitig aber hatte ihre Verbindung mit einem so prosaischen Prinzen , als ihr Gemahl war , das Meiste dazu beigetragen . Zwischen beiden fand eben das Verhältniß statt , welches mehrere Jahre hindurch die Herzogin gedrückt hatte ; und da die Unmöglichkeit einer Trennung aus staatsbürgerlichen Gründen für die Gräfin eine unwiderstehliche Gewalt erhalten hatte ; so war ihr nichts anderes übrig geblieben , als die freieren Sitten Italiens zu einer Verbindung zu benutzen , welche ihrem ins Unendliche hinstrebenden Geiste zwar eine Stütze gewährte , allein doch bei weitem mehr versprach als wirklich leistete . Der Mann , mit welchem die Gräfin in Verbindung stand , war der Graf Vittorio Alfieri d ' Asti , ein Piemontese , dessen Tragödien in Deutschland jetzt bekannter zu werden anfangen . Nie hab ' ich einen Sterblichen kennen gelernt , der mir das Bild , das ich mir immer von dem jüngeren Brutus , dem Mörder Cäsars , entworfen habe , getreuer repräsentirt hätte . Ich kann mit Wahrheit sagen , daß er ein Römer im höchsten Sinne des Worts war ; eine Natur , wie man sie in unseren Zeiten gar nicht mehr erwarten sollte . Eine lange , hagere Gestalt , bewegte er sich langsam , mit starrem , auf die Erde geheftetem Blick . Sein Gesicht war blaß , seine Lippen fein und geschlossen , seine Zähne weiß und scharf , seine Nase regelmäßig gebildet , seine Augen dunkelblau , seine Stirne groß , aber schön gewölbt . In seiner Miene lag neben unbegränztem Wohlwollen eine Wuth , die auch das Äußerste nicht scheuet ; und dies war so ganz der Charakter seines Gemüthes , in welchem die sanftesten Empfindungen neben den allerheftigsten bestanden . In seinem Geiste flossen die Geister des Tacitus , Macchiavelli und J. J. Rousseau zusammen . Wie in einem der edelsten Römer aus den besten Zeiten der Republik , war in ihm Alles auf das Politische hingerichtet . Er hatte keinen Begriff davon , wie die Poesie sich selbst Zweck seyn könnte ; und darum wollte er ihr einen politischen Zweck geben . Alle Monarchien der Welt zu stürzen , darauf arbeitete er in seinen Trauerspielen hin , und ohne diesen Zweck würde er es nicht haben über sich erhalten können , eine Feder anzusetzen . Gewissermaßen war dies der böse Dämon der ihn trieb ; aber er war weit davon entfernt , ihn dafür anzuerkennen , und würde wüthend geworden seyn , hätte man einen Versuch gemacht , ihm das Falsche seiner Idee zu zeigen . Was man gemeiniglich unter einem Aristokraten versteht , giebt nur eine schwache Idee von seinem Wesen , und ich sage nicht zu viel , wenn ich behaupte , daß er die Repräsentation der Aristokratie in der höchsten Potenz war , gerade so , wie jeder alte Römer , nachdem die Universalherrschaft errungen war . Was er ewig bedauerte , war , in diesen elenden Zeiten geboren zu seyn , die keinen freien Aufflug durch Thaten gestatteten , und in dem Schreiben allein eine Entschädigung erlaubten . » Ich setze mich an den Schreibtisch , nur um meinem Unwillen Luft zu machen und meine Galle zu verdünnen , « sagte er mir mehr denn zehnmal , und ich glaubte es ihm , weil dies mit seinem ganzen Wesen zusammenhing . Ein höchst charakteristischer Zug von ihm war , daß er , um ungehinderter schreiben zu können , oder , wie er sich auszudrücken pflegte , per poter scemar la bile , seiner Schwester einen sehr wesentlichen Theil seines großen Vermögens abgetreten hatte . Man hätte glauben sollen , daß die Gräfin Luisa d ' Albania und der Graf Vittorio Alfieri mit so entgegengesetzten Eigenschaften sehr wenig für einander vorhanden gewesen wären . Allein , indem die Gräfin mit der unendlichen Liebe , die in ihr war , einen Gegenstand der Hochachtung suchte , mußte der Graf ihr theuer werden ; und indem dieser mit seinem gränzenlosen Unwillen gegen das Verderbniß seiner Zeiten doch Etwas lieben wollte , gab es für ihn keinen anderen Gegenstand , als ein Weib von Luisa ' s Gepräge . Beide bewunderten sich um so mehr , je weniger sie sich begriffen . War der Graf Brutus , so war die Gräfin Portia . Dies Verhältniß wurde zuerst durch unsere Dazwischenkunft abgeändert . Die Herzogin , welche einmal für allemal mit dem männlichen Geschlecht gebrochen hatte , schloß sich enger an Luisen an , weil sie in ihr die eigene Vollendung zu erblicken glaubte . Ich hingegen fühlte mich an Vittorio Alfieri angezogen , unstreitig weil er nach Moritz der einzige Mann war , den ich achten konnte . Mir entging die Schwärmerei nicht , die aus ihm wirkte , und um keinen Preis hätte ich die Seinige werden mögen ; allein , da die Phantasie zuletzt das Einzige ist , was ein Weib an einem Mann lieben kann , so huldigte ich in meiner Hinneigung zu dem Grafen , soll ich sagen der Schwäche meines Geschlechtes , oder dem ewigen Gesetz , unter welchem es steht ? Übrigens war niemals eine Verbindung unter vier Personen inniger und schuldloser , als die unsrige . Ich lernte nach und nach den Grafen ganz kennen . Selbst aus seinem besondern Antriebe zum Schreiben machte er mir kein Geheimniß , und es war warlich nicht seine Schuld , wenn ich seinen Tyrannenhaß nicht theilte . Diese Trauerspiele der Freiheit ( wie er seine Tragödien nannte ) , die einander so ähnlich sind , daß sie dem unbefangenen Auge nur als Variationen desselben Thema ' s erscheinen müssen , hatten alle nur einen und denselben Zweck , nämlich Verunglimpfung der Fürstenmacht . Aus der Emsigkeit und Anstrengung , womit der Graf arbeitete , hätte man schließen sollen , daß ihm die Kunst über Alles theuer wäre ; und doch war dies gar nicht der Fall . In ihm ordnete sich der Künstler dem Grafen , oder , wenn man lieber will , dem Aristokraten , auf das allerbestimmteste unter ; in der That so sehr , daß er sich selbst verachtet haben würde , wenn er in sich nur den Künstler gesehen hätte . Was ihn unaussprechlich verwundete , war die Unempfindlichkeit seiner Zeitgenossen gegen den Zweck seiner Schöpfungen . Errathen sollten sie ihn und zu einem unendlichen Fürstenhaß hingerissen werden ; und da weder das eine noch das andere erfolgte , indem die Zuschauer und Leser nur bei dem tragischen Schicksal seiner Helden verweilend , lieber dem Mitleid als dem Unwillen Raum gaben , so wurde der Graf bisweilen zu einer Verzweifelung getrieben , worin es keinen anderen Trost für ihn gab , als die Idee eines unbegränzten Ruhmes , der seiner in besseren Zeiten harrete . Mit unbeschreiblicher Wollust erfüllte ihn dagegen alles , was die Wahrheit seiner Grundidee auch nur von fernher bestätigte . Die Nordamerikanische Revolution war für ihn eine Erscheinung von unberechenbarer Wirksamkeit für den gesellschaftlichen Zustand von Europa ; und so bestimmt sah er durch sie alle Thronen umgestürzt , daß er in einem Washington den Heiland der Welt verehrte . Was ihn zu seiner eigenen Gattung machte , war diese innige Vereinigung des Schönen mit dem Politischen , die sein Wesen so einzig bestimmte . Ob die Idee , von welcher er ausging , probehältig war , oder nicht , das kann und mag ich nicht bestimmen ; das weiß ich aber , daß sie in ihm eine philanthropische war . Giebt es für die wahre Größe keinen anderen Maaßstab , als die Ideen , womit ein Individuum sich unablässig beschäftigt ; so stand Vittorio Alfieri in einer Größe da , welche die Mehrzahl gigantisch zu nennen gezwungen ist . Und welche Kindlichkeit bei dieser Größe ! Eben der Mann , dessen Kopf in politischer Hinsicht einem Vulkan glich , war durchaus unfähig , irgend ein Individuum zu kränken , selbst dann nicht , wenn er es verachten mußte . Er selbst sprach hierüber , als über einen ewigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinem Kopf , und war nur allzuoft ungewiß , ob er sich für einen Thersites oder Achilles halten sollte ; dies rührte aber nur daher , daß er in seinem Unwillen und Haß die Liebe verkannte , welche die Quelle derselben war . In sich selbst war er ein Ganzes , wie die Natur es selten hervorbringt ; allein , indem er sich nicht als ein solches erschien , konnte er , anstatt sich seiner Individualität zu freuen , sich nur zerreiben und vor der Zeit zerstören . Bewundernswürdig waren seine Affektionen in Beziehung auf einzelne Zweige der Kunst . Wäre er blos Künstler gewesen , so würde die Kunst für ihn eine einige gewesen seyn ; denn er hätte in den Künstlern nur immer die Poeten sehen können . Weil er aber Graf und Künstler zugleich war , so schied er die Poesie von allen übrigen Künsten , und mehrere derselben berührten ihn gar nicht . So waren z.B. Malerei und Bildhauerei durchaus nicht für ihn vorhanden , oder ihm wohl gar verhaßt , weil sie der staatsbürgerlichen Größe dienten . Die Musik hingegen liebte er sehr , ob gleich auch nicht um ihr selbst willen , sondern weil sie ihn in einen Zustand versetzte , worin seine herrschende Stimmung sich in Harmonie auflösete . Überall war der Adel seiner Natur auf eine ganz eigenthümliche Weise mit demjenigen verschwistert , den er seiner Geburt verdankte , und was er am wenigsten ins Reine bringen konnte , war : wie viel von seinem Wesen er sich selbst und wie viel er dem gesellschaftlichen Zustand verdankte ? Nichts wollte er dem letzteren zu verdanken haben , und vielleicht hätte er nie eine Tragödie geschrieben , wenn ihm zeitig genug klar geworden wäre , auf welchen Bedingungen seine ganze geistige Natur beruhete , oder , mit anderen Worten , wenn er sich als Aristokraten hätte zur Anschauung bringen können . Sobald ich den Grafen genauer kennen gelernt hatte , verzieh ich ihm Alles , weil ich in ihm nur den verfehlten Monarchen sah . Ich konnte ihm nicht werden , was die Gräfin d ' Albania ihm gewesen war und noch war ; dazu fehlte es mir an Einbildungskraft . Allein , indem ich mich zwischen beiden in die Mitte stellte , nahm ich der eisernen Nothwendigkeit , in welcher er dastand , das Lästige , das bis dahin von ihr unzertrennlich gewesen war . Er selbst fühlte sich durch mich nicht wenig erleichtert ; und ob er gleich nicht angeben konnte , worin diese Erleichterung bestand , so lag es doch nur allzusehr am Tage , daß er in seinem Wirken durch mich an Freiheit gewonnen hatte . Wir kamen täglich zusammen , bald bei der Gräfin d ' Albania , bald bei der Herzogin . Des Grafen Sache war , uns seine Compositionen mitzutheilen . Was er seine Poesie nannte , war freilich sehr wenig für uns vorhanden ; allein wir fanden dabei dennoch unsere Rechnung auf eine doppelte Weise . Einmal konnten wir nicht umhin , über das reiche Gemüth eines Mannes zu erstaunen , der , unbekümmert um die gewöhnlichen Hülfsmittel der tragischen Kunst , seinen Personen eine solche innere Stärke gab , daß die Handlung sich mit gleichem Interesse zum Ziele fortbewegte , ohne daß mehr als vier bis fünf Werkzeuge dazu beitrugen ; und in der That werden seine Tragödien von dieser Seite immer bewundernswürdig bleiben . Zweitens wurden während der Vorlesung alle die schauerlichen Gefühle in uns geweckt , welche den religiösen so nahe verwandt und doch so wesentlich von ihnen verschieden sind ; wir glaubten uns von lauter Gespenstern umgeben , und ich erinnere mich auf das bestimmteste , daß , als der Graf an einem stürmischen Herbstabend seinen Orestes vorlas , die Herzogin sich fest an ihre Freundin anklammerte und starren Blicks auf den Grafen hinschaute , als wollte sie begreifen , wie eine Elektra oder Clytemnestra sich in seinem Gehirn hätte entwickeln können . Dergleichen Vorlesungen endigten sich in der Regel mit einem Streit über die tragische Kunst . Der Graf sprach gern über diesen Gegenstand , weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte ; allein da sich , wie ich schon oben bemerkt habe , der Künstler in ihm dem Grafen so wesentlich unterordnete , so war über diesen Punkt kein Einverständniß mit ihm möglich ; der eigenthümliche Zweck seiner Tragödien verhinderte die Vortrefflichkeit derselben , ohne daß es möglich war , ihn davon zu überzeugen . Ich hatte schon damals eine Ahnung davon , daß die wahre Tragödie das Gemüth des Zuschauers oder Lesers nicht martern , sondern erheben müsse , und ohne Rückhalt äußerte ich diese Ahnung ; allein der Graf war hierüber durchaus entgegengesetzter Meinung , und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen verabscheute , so bestand er doch auf Erzeugung eines großen Unwillens , indem er sich einbildete , daß das Gemüth nur durch Gefühle , nicht durch Ideen , erhoben werden könnte . Dies war ein Punkt , auf welchem er standhaft beharrete ; und auf welchem er freilich beharren mußte , wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen wollte . Überhaupt war es mehr die Individualität des Grafen , als seine Kunst , was an ihm beschäftigen konnte . Am reinsten sprach sich diese Individualität in seinen Sonnetten aus , welche vielleicht die schönsten sind , die Italien aufweisen kann . Hätte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt , so hätte er es schwerlich jemals darauf angelegt , durch die letztere unsterblich zu werden . Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen , als die Herzogin sich nach Rom zu sehnen begann . Die Gräfin d ' Albania versprach uns dahin zu begleiten ; der Graf Vittorio Alfieri hingegen , welcher seine Mirrha angefangen hatte , wollte sich nach Siena begeben , um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen Freistaat ungehinderter nachhängen zu können . Es wurde die Verabredung genommen , daß der Graf uns , während des nächsten Winters , in Rom auf einen Monat besuchen sollte , und daß wir gegen den nächstfolgenden Winter wieder in Florenz zusammentreffen wollten . Ein florentinischer Maler hatte die Gefälligkeit , uns begleiten zu wollen . Die Reise ging vor sich , wir kamen wohlbehalten in Rom an , und wurden , von der liebenswürdigen Gräfin eingeführt , allenthalben unserem Stande gemäß empfangen . Obgleich der ausschließende Zweck unseres Aufenthalts in Rom die Kunst und nahmentlich die Malerei war ; so konnten wir doch nicht umhin , auch auf die Menschen einzugehen , von welchen wir uns umgeben sahen . Man nennt die Römer schlau und fein ; allein man vergißt , daß sie mit diesen Eigenschaften eine Unschuld verbinden , welche erst dann aufhört , wenn eine gewisse Rohheit Forderungen an sie macht , die sie nicht befriedigen können , ohne ihrem Wesen zu entsagen . Einem vielseitig ausgebildeten Menschen muß , allen meinen Erfahrungen zufolge , in Rom sehr wohl zu Muthe seyn , weil er allenthalben auf seines Gleichen stößt . Dem vornehmeren Theil der Römer besonders ist ein Entwickelungsgrad eigen , wie man ihn , außerhalb des Kirchenstaates , schwerlich auf irgend einem Erdfleck antrifft . Je unbestimmter und schwankender die gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien , besonders aber im Kirchenstaate , sind , desto stärker ist die Aufforderung , welche jeder Einzelne hat , in diesem Kampfe aller gegen alle seine Existenz zu sichern . Daher die Feinheit , womit man sich gegenseitig behandelt . Schon von der frühesten Jugend an nimmt das Studium menschlicher Kräfte und Eigenthümlichkeiten seinen Anfang ; es ist also kein Wunder , wenn man es hierin zu einem hohen Grade der Vollendung bringt . Das Verhältniß der Kirche zum Staate , oder vielmehr das Verhältniß des Mittelpunkts der Theokratie zu der Welt trägt nicht wenig dazu bei , dem Geiste der Römer eine Gewandtheit zu geben , wie man sie sonst nirgend findet ; eine Gewandtheit , die , obgleich ursprünglich nur in den ersten Repräsentanten der Kirche vorhanden , von diesen selbst auf die untersten Volksklassen übergeht . Mit Vergnügen erinnere ich mich einer Unterredung mit dem berühmten Cesarotti , der , als von dem Charakter der Römer unter uns die Rede war , mir Folgendes zur Aufhellung desselben sagte : » Unser ganzes gegenwärtiges Wesen besteht aus drei Elementen , die , wie verschiedenartig sie auch scheinen mögen , den innigsten Zusammenhang unter einander haben . Das erste ist die Messerträgerei ; eine Folge des unvollkommenen gesellschaftlichen Zustandes , in welchem wir leben . Das zweite ist unsere Religiosität , welche mit unserer physischen Trägheit in enger Verbindung steht , und durch nichts so sehr gehalten wird , als durch den Umstand , daß von Rom aus aller kirchlicher Impuls geschieht . Das dritte ist unsere Kunst , wodurch wir , abgesehen von der Kraft selbst , welche sie möglich macht , nichts weiter beabsichtigen , als Sicherstellung unserer Eigenthümlichkeit . Man zerstöre eines dieser Elemente in uns , so sind die beiden anderen zugleich zerstört . Auf den ersten Anblick sollte man freilich glauben , daß die Messerträgerei dem hohen Aufschwunge , welcher in das Gebiet der Kunst führet , nicht gerade nothwendig sey . Ich will auch nicht im Allgemeinen behaupten , daß ohne Messerträgerei keine Kunst statt finden könne . Aber etwas anderes ist Kunst überhaupt , und etwas anderes römische Kunst insbesondere . Die letztere kann nur dadurch möglich werden , daß das Gemüth dem Geiste eine Erhebung giebt , wie sie nun einmal erforderlich ist , um das Außerordentliche zu Stande zu bringen . Hätten wir eine regelmäßige , nur für den Kirchenstaat vorhandene Regierung , beschäftigte sich diese Regierung nur mit der Beglückung der Unterthanen , und fände Jeder im Ackerbau , in der Ausübung irgend eines Handwerks , in Fabrikarbeit und dergleichen , was zur Leibesnahrung und Nothdurft gehört ; so wären wir gewiß eben so moralisirt , als die Bürger anderer Staaten . Da wir keine solche Regierung haben , und auch alle übrige Bedingungen geradezu wegfallen ; so sind wir nicht moralisirt , aber wir sind Römer , und , was man auch zu unserem Nachtheil im Auslande sagen mag , unseren großen Vorfahren bei weitem mehr verwandt , als die Kurzsichtigkeit es begreifen kann . Was unsere Vorfahren durch eine mit physischer Gewalt verbundene List vollzogen , das vollziehen wir durch die reine List . Die römische Universalmonarchie hat deshalb noch nicht aufgehört , weil es keine römische Imperatoren mehr giebt ; die Bande , durch welche die Welt an Rom gefesselt ist , sind nur geistiger geworden . Wollen Sie leugnen , daß dies große Eigenschaften von Seiten der Römer voraussetze ? Der würde ein Thor seyn , der unseren gesellschaftlichen Zustand als Muster empfehlen wollte ; wer ihm aber alle Kraft abspricht , der versündigt sich an der Wahrheit . Das staatsbürgerliche Elend , das hier vielleicht größer ist , als in irgend einem anderen europäischen Staate , muß vorhanden seyn , damit es einzelnen Menschen gelinge , über die ganze Menschheit hervorzuragen . Das Wesen eines Römers ist auf ein ungemeines Maaß von Kraft berechnet . Wer im Besitze desselben ist , der emergirt , und muß als ein Repräsentant der Römerheit betrachtet werden ; wer es nicht ist - nun der gehört zum Pöbel , zu den Lastträgern der Gesellschaft . Von einem höheren Standpunkt aus betrachtet , ist die Kraft immer dieselbe , und der Unterschied besteht nur in der temporellen Richtung , die sie genommen hat . Dasselbe Individuum , daß Sie heute als Bildhauer oder Maler in seiner Werkstätte bewundern , ist vielleicht nach acht Tagen ein Cardinal , und als solcher nicht minder bewundernswerth . Jene Universalität , welche zu jedem ausgezeichneten Lebensgeschäft geschickt macht , finden Sie nur in dem Römer ; und man möchte sagen , sie sey ihm angeboren , so bestimmt geht sie aus seinem ganzen Wesen hervor . Anderwärts zerquetschen staatsbürgerliche Klemmen tausend und aber tausend Kräfte ; hier ist dies nicht der Fall , weil die Idee des Rechts uns fremd ist , und wir gewissermaßen fortgesetzt im Zustande der Natur leben . Wer dem anderen ein Bein unterschlagen kann , hat auch die Befugniß dazu , und niemand frägt , ob er ungroßmüthig gehandelt habe . Jeder will der Erste seyn ; jeder sich zum Mittelpunkt machen . Er thue es auf seine Gefahr ; gelingen kann es ihm immer nur in sofern , als er allen Übrigen zusammengenommen gewachsen ist . Möglich , daß unser Wesen in der Folgezeit sehr bedeutend abgeändert wird ; aber so lange Rom das Centrum der Theokratie bleibt , wird es auch Römer geben , und überall begreife ich nicht , was den Römer aus der Welt verbannen könnte , da sein Wesen nicht an eine einzelne Form gebunden , sondern immer in der Kraft gegründet ist . Es ist vielleicht sogar wünschenswerth , daß irgend eine Revolution erfolge , die uns aus dem Schwerpunkt hebe , worin wir gegenwärtig stehen . Ich fürchte sie nicht , und überlasse es kurzsichtigen Thoren ihren Eintritt zu bejammern . Die Stützen meines Muthes sind diese sieben unfruchtbaren Hügel , welche so viele Jahrhunderte hindurch unendlich mehr stützten . « Ich habe hier