und steht da , wie der rächende Engel , dem das Verderben von selbst in die Arme laufen müsse . Miranda ist die Einzige , die sich in seiner Nähe gleich bleibt , und welche die Achtung für seinen Stand , mit der eignen Würde zu behaupten weiß . Alle Andern sind verändert . und ich selbst schäme mich meiner Furcht . Mich hat er nicht gestört , sagte der Graf , ich kenne ihn lange und sehe gern über ihn weg . Diese Ruhe und lauernde Kälte ist ja nichts Neues bei den Heiligen der Welt , und mich befremdet nichts , was von dieser Seite kommt . Nun , sagte die Gräfinn , morgen werden Sie ihn ja sehen . Es ist eine Abendversammlung in Theresens Lustschloß . Jedermann hat Zutritt im Garten , und es werden viel lustige Masken und Aufzüge dort erscheinen , indessen Sie und wir Alle , die zum engern Ausschuß gehören , seine Heiligkeit umgeben müssen . Rodrich war unaussprechlich erfreut Miranda wiederzusehen , und hoffte , ihre ruhige Heiterkeit werde ihn vor jedem feindseligen Einflusse bewahren . - So trennte er sich heiter vom Grafen und erwartete in stiller geheimnißvollen Rührung den folgenden Abend . Der erleuchtete Garten glänzte ihm schon von fern entgegen . Hohe duftende Blumenranken verbanden die Gebüsche und trugen in vielfachen Bogen farbige Lampen . Statüen und Springbrunnen traten in dem spielenden Glanze recht freudig hervor . Ueberall hörte man unsichtbare Musik . Auf dem Strome wiegten sich die beleuchteten Schiffe wie bunte Flammen , unzählige Masken drängten sich durch einander , Gesang , Spiel und Tanz wechselten in den verschiednen Gegenden des Gartens ab , und mitten aus der allgemeinen Verwirrung strahlte das Schloß auf den hohen Terrassen wie ein fester Stern . Von dort aus übersah man das Ganze mit einem Blick , die seltsamsten Erscheinungen drängten sich daran vorüber , während im Innern alles die Ruhe einer abgeschloßnen Welt athmete . Rodrich trat in die glänzende Versammlung , deren leises Flistern und stilles Wesen seltsam gegen den äußern Lärm abstach , Wie er dem Cardinal vorgestellt ward , fühlte er sich keinesweges durch dessen Anblick überrascht . Er war fest überzeugt ihn wo gesehen zu haben . Dies Bild hatte ihm immer vorgeschwebt , und jedem Geistlichen lieh er in der Erinnerung diese Züge und diese schreckende Kälte . Er zog sich indessen sogleich zurück und fand sich bald zwischen Miranda und Elwiren an einem geöffneten Fenster , das nach der Wasserseite sah . Das lustige Spiel der Menge nahm sie hier gefangen . Sie weideten sich an dem Reichthum und der geschmackvollen Anordnung prächtiger Masken . Ein Triumph des Aurelian mit der strahlenden Zenobia und dem gedemüthigten Tetrikus zog mit allem ersinnlichen Pomp vorüber . Auf dem Strom schwamm dagegen ein künstliches Fahrzeug , das einen Neptun zwischen Tritonen und Nereiden zeigte . Ein neckender Proteus stand am Ufer und verwandelte Harlekin und Colombinen in Meerkälber und Ungeheuer , die er dann unter lautem Jubel den Strand entlang trieb . Alles drängte sich ihnen nach , während ein einsamer Sänger in wunderlicher alter Tracht aus dem Gebüsch trat und folgende Worte sang : Blumen süßes Angedenken , Blumen , meiner Liebsten Gabe , Seyd ein Bild der kurzen Freuden , Die mit euch verblühend schwanden . Seh ' euch todt nun vor mir liegen , Muß mit Wehmuth die betrachten , Deren reiches , frisches Leben Freudig meinen Sinn erlabte . Zaid nimmt die welken Blumen , Drückt sie gegen Mund und Wange , Will mit Thränen sie benetzen , Will mit Küssen sie erwarmen . Und der Thränen helle Perlen Glänzen in des Mondes Strahlen . Bebend so in Lichtes Wonne , Spielen sie viel tausend Farben . Blumen , wollt auch ihr mich täuschen Neu erblüh ' nd im mächt ' gen Glanze ? Wollt euch dem Gestirn verbünden , Das im Dunkel trüg ' risch waltet . Leben habt ihr mir gelogen ; Will nicht länger euch bewahren , Denn für solch ein falsches Leben Wähl ' ich ' s einsam zu verschmachten . Und er wirft die Liebespfänder Von dem steilen Meeresstrande Tief hinunter in die Fluten , Sie auf ewig zu begraben . Wie die Blumen dort verschwimmen , Gar vergessend aller Farben , Hat die Thrän auf ihren Blättern Bald zur Perle sich gestaltet . Perlen sind ja Liebesthränen , Denn , von Wehmuth süß umfangen , Ruht des Feuers ew ' ger Funke Mild verklärt im stillen Wasser . Ruhig athmeten die Wasser , Sonne glänzt ' im Liebeslichte , Und auf sanft bewegten Wellen Floß daher ein leichtes Schiffchen . Schön gebaut aus seltnem Holze , Reich geziert mit bunten Wimpeln , Deren roth und weiße Streifen Lieblich in der Sonne spielten . Auf den sammtnen Polstern ruhend , Unter seidnem Baldachine , Lacht in Jugend , Pracht und Schönheit Fatme , des Alhambras Zierde . Muntre Fischer ihr zu Füßen , Ihres Hofes edle Diener , Die , auf Fatmes Winken lauschend , Leicht geschürzte Netzchen hielten . Hell ertönten zu den Flöten Viele männlich schöne Stimmen , Und die Zauberkraft der Töne Drang hinunter in die Tiefe ; Und es folgten gern dem Rufe Grün und goldgesprengte Fische , Aus der Tiefe sich erhebend Zu des Meeres obern Spiegel . Doch der Ton war ihr Verderben , Denn auf Schiffesrand sich schwingend , Warf das Netz ein feiner Knabe , Leicht erspäh ' nd der Herrin Willen ; Nahm sie allzumahl gefangen , Die im frohen Liebesspiele Sich erlabend an den Klängen , In den seidnen Kerker liefen . Er , ihr Schrecken nicht beachtend , Öffnete behend die Schlinge , Und was sich zuerst ihm zeigte , War der schönsten Perle Schimmer . Lächelnd wandt ' er sich zur Herrin , Sprach mit höfisch feiner Sitte : Dir allein gebührt dies Kleinod , Sieh ' in ihm dein göttlich Bildniß . Fatme nahm entzückt die Perle , Drückte sie an glüh ' nde Lippen : Perle , mir vor allem theuer , Die so unverseh ' ns ich finde . Will in feines Gold dich fassen , Sollst das Haar mir glänzend zieren , Und du , holder Knabe , lese Meinen Dank in meinen Blicken . Schöne Perle , schöne Perle , Sieh mich weinend stehn am Ufer , Laß dich meine Klagen rühren , Folge meinem bangen Rufe . Du , des reichen Schmuckes Zierde , Bist nun meinem Blick entschwunden , Und ich Arme muß vergebens Dich am öden Strande suchen . Süßes Kleinod , kehre wieder , Zier ' aufs neu ' mir Haupt und Busen , Laß in deinem Glanz mich leuchten , Leben nur in deinem Ruhme ! Nein , du bist in Nacht geboren , Bist ein Kind der schlimmsten Mutter ; Trüg ' risch war dein sanftes Leuchten , Zu verlocken meine Jugend . Grausend steh ' ich hier alleine - Schäumend naht ihr , wilde Fluthen , Wollt auch mich hinunterreißen , Wie die Perl ' ihr habt verschlungen ! Ihr entgegen klingen Stimmen , Wie aus tiefem Meeresgrunde : » Holder Perle süßes Leben Blüht im stillen Heiligthume . Was der Tiefe ward entrissen , Kühn aus Tageslicht gerufen , Sinkt zurück in Liebesarme Scheu vor euren wilden Gluten . Steig hinunter in die Wasser , Kühle deines Herzens Wunden , Und im feuchten Schooße finde Neu erblüht die Wunderblume . « Alle drei blickten ihm schweigend nach , als Elwire wie aus einem Traum aufschreckte . Mein Gott ! meine Lieblingsromanze , wie kommt die hieher ? Sie sprang vom Fenster und Miranda sagte nach einigem Besinnen : Es ist sonderbar , vor kurzem ging es mir fast eben so . Diese Lieder haben einen innern Zusammenhang , ich kannte sie sehr frühe schon und habe sie sonst niemals gehört ! Rodrich wußte nicht , was er denken sollte . Er war Miranda gefolgt , die in die Halle trat , und ging neben ihr , ohne daß beide redeten , so heilig und still war es in ihrer Seele , und keiner bemerkte , daß der Weg immer einsamer ward , und sie plötzlich vor dem matt erleuchteten Pavllion der Prinzessinn standen . Sie traten hinein , und eine unbeschreibliche Wehmuth ergriff sie , als die vorigen Töne aufs neue vorüber rauschten . Sie mußten beide weinen , und in der seeligsten Rührung sanken sie einander in die Arme . Als sie aufblickten , stand der Sänger hinter ihnen , er hatte die Larve abgenommen und Rodrich rief voll Entzücken : Florio , mein Florio ; so mußte ich Dich wiederfinden ! Miranda hatte ihm die Hand gereicht , und sagte mit bewegter Stimme : Bist Du der Engel , der uns zusammenführte , so bewahre das Geheimniß , daß es ewig in unsrer Brust verschlossen bleibe ! - Sie eilte hinaus , und Rodrich zog den Wiedergefundenen eilig an sein Herz , das alle Seeligkeit der Welt auf einmal erfüllte . Komm nur , sagte er , jetzt kann ich noch alles nicht fassen , aber ich werde mich wiederfinden , und mein unaussprechliches Glück begreifen lernen . - Sie stießen hier auf Stephano , der einsam an einem Baum lehnte und weit über den Strom hinaus sah . Rodrich eilte auf ihn zu , schloß ihn stumm an die Brust , und ging unter Freudenthränen an Florio ' s Hand zurück in die Stadt . Zweiter Theil Erstes Buch Die Nacht fand beide Freunde in den seligsten Betrachtungen versenkt . Florio konnte sein Auge nicht von dem königlichen Jünglinge abwenden , der nun so anders , und doch nicht fremd , in seinen Armen lag . Ihm war , als träume er aufs neue , wie in so mancher wehmüthigen Stunde , den lang ' ersehnten , durch Klang und Worte heraufbeschwornen Augenblick des Wiederseh ' ns . Wie tausendmal hatte ihm die herrliche Gestalt so , grade so in alten Ritterliedern vorgeschwebt ! Ach und wie tausendmal kehrte er dann mit trüben Blicken in sich selbst zurück , und floh die trügerischen Bilder , die ihn von Land zu Land fortrissen , und das unbefriedigte Herz erschöpften ! Mit innrer Bangigkeit bog er sich jetzt über ihn hin , und drückte einen leisen Kuß auf seine Wange . Da war ihm , als flössen die reinen , kräftigen Züge milder in einander , und als blicke ihn aus den weichen Umrissen das kindische Gesichtchen seines Rodrichs wieder an . Wie mit Liebesarmen umfing ihn die Vergangenheit , und führte ihn zu der kleinen Hütte zurück , die so lange seine stillen Freuden umfaßte . Er mußte jener Nacht gedenken , wo er zuerst den Wunsch in sich aufkommen ließ , den geliebten Gespielen jenseit der Berge aufzusuchen , und wie dann das Verlangen so riesenmäßig aufschoß , daß es ihn , alle andere Gefühle erdrückend , vom Lager fort , zu den steinigen Klippen zog , die ihm den Weg in die weite unbekannte Welt eröffneten . Hier , den unersteiglichen Bergen gegenüber , erschrak er über sein Vorhaben . Er blickte fragend zu ihnen auf . Der Mond glänzte wie Gottes Auge über ihren verhüllten Gipfeln , hinter denen sich eine dunkle Wolke in Gestalt eines gewapneten Mannes mit doppeltem Antlitz erhob . Florio ' s Herz schlug ängstlich , er betrachtete die Wolke , die sich , immer mehr dehnend , zwei lange Arme über der Erde ausbreitete , und , wie mit langsam ernstem Tritt , aus der Tiefe heraufstieg . Das gewaltige Haupt bog sich über den Mond hin , so daß das Gesicht gen Osten bleich und zitternd über dem erschrockenen Jüngling schwebte . Er wollte zur Hütte zurück , allein in der Dunkelheit hatte er den Weg dahin verloren , und er irrte bang und traurig zwischen ödem Gestein umher . Endlich erfreuete ihn ein Licht ganz weit aus der Ferne . Er beflügelte seine Schritte , und kam bald auf ebnere Weg . Er fühlte wieder weichen Rasen unter seinen Füßen , und zuweilen wehete ihm der herrlichste Blumenduft entgegen . Indeß mußte er sich noch lange zwischen dichten Gebüschen hindurchwinden , ehe er dem Lichte näher kam . Da erblickte er plötzlich ein schönes Haus , von dessen untern Fenstern sich der Schimmer ergoß . Ein offnes halb verfallnes Gitterthor führte ihn zwischen hohen Blumenwänden zu einem Altan , über welchem die rankenden Stauden , wild durch einander gebogen , einen farbigen Schleier vor den Lichtschein zogen . Florio blieb betroffen stehn . Die Sage des verzauberten Gartens kam mit allen Schauern jener frühern Eindrücke wieder in sein Gedächtniß . Er blickte in einem seltsamen Gemisch von Furcht und kühnem Verlangen um sich her . Alles , was er in der Dämmerung unterscheiden konnte , sah wüst und traurig aus einer bessern Vergangenheit herauf . Sarois Klagen legten sich aufs neue wehmüthig an sein Herz , da setzte er sich auf einen umgestürzten Baum , und sah bekümmert zu den zerbrochenen Fenstern hinauf , hinter welchen herabgerollte Vorhänge ungehindert hin und her flatterten . Keines Menschen Hand hatte hier seit Jahren gewaltet , und dennoch brannte das Licht , und zeugte von nächtigen , unheimlichen Bewohnern . In der Todtenstille hörte Florio nichts , als das Flüstern der Blumen , die ihre Blätter in seinen Schooß schütteten . Eine unbeschreibliche Sehnsucht drängte ihn , den niedern Altan zu betreten ; aber , als wollten ihm die Zweige den Eingang verwehren , so bogen sie sich in einander , und er schwankte schon , ob er dem Winke folgen und umkehren solle , als ein langer Schatten hinter dem grünen Gewebe vorüber zog , und ein leises Rauschen , als striche der Wind über volle Saiten , hindurch drang . Ohne länger zu weilen , theilte er nun schnell die Ranken , und stand vor einer hohen Glasthüre , deren verblindete trübe Scheiben das schwach erhellte Zimmer wie in einen Nebel hüllten . Die wachsende Begier , irgend etwas zu entdecken , trieb seine Blicke unstät umher . Alles wogte und flimmerte ihm vor den Augen . Das Herz klopfte hörbar in seiner Brust , sonst war es still wie im Grabe . Plötzlich hörte er eine Uhr zwölf schlagen , und leise Flöten ein Sterbelied spielen . Unwillkührlich sank er auf die Knie nieder , und betete für die Erlösung der Seele . Als er sich wieder ausrichtete , bemerkte er unterhalb der Thür eine ausgehobene Scheibe ; er sah hindurch , in ein hellgraues Gemach , den Berggeist auf die Harfe gelehnt , unbeweglich vor einem verhangenen Ruhebette stehen , dessen Decke sich zu bewegen schien , als athmete jemand schwer und langsam unter ihr . Auf einem schwarzen Altar brannte die Lampe , und erhellte ein Cruzifix von weißem Marmor , über welchem das Bild der schönen Dame aus dem Traume hing , nur trug sie weder goldene Harfe noch Blumen , sondern einen feurigen Reif , in dessen Mitte eine röthliche Perle , wie eine blutige Thräne schwamm . Sie hatte ihn mit bittern Leidensmienen vom Finger gezogen , und schien bereit , ihn in das offne vor ihr liegende Meer zu werfen . Florio betrachtete das Bild mit steigender Wehmuth . Es waren die holden Züge , die ihn träumend so oft entzückten . Der schöne Mund lächelte ihn so vertraut und lebendig an , die ganze Gestalt schien immer dichter und gerundeter aus dem Bilde hervor zu treten , da hörte er tief aus gepreßter Brust seufzen , seine Blicke flogen zu dem Ruhebette , er breitete die Arme aus , er wollte die Scheidewand zersprengen , indem erlosch die Lampe , und er stürzte , halb sinnlos vor Schreck , aus dem Garten . Noch in diesem Augenblick faßte ihn derselbe Schauer , da jene Erinnerungen wieder erwachten , und dennoch wollte er sich nicht davon losmachen , sondern versenkte sich immer tiefer , mit geheimer ahndungsvoller Lust hinein , als Rodrich halb träumend zu ihm aufblickte , und leise wie im Schlafe fragte , warum ist er nicht bei dir geblieben , da ich euch doch bei einander sahe , und er es war , der dich zu mir führte ? Florio fühlte bebend , daß derselbe Gedanke sie beide erfüllte . Er wandte sich von dem schlaftrunkenen Freunde , und sang still zur Harfe : Wenn die Nacht , heraufbeschworen Von der Erde stillem Ruf , Nieder ihre Schleier senkend Zu verhüllen keusche Glut : Sterne bald als Liebesboten , Spielend auf der Tiefe Grund , Sich in duft ' ge Perlen tauchen Die entquellen innrer Lust : Alle Farben dann verschwimmen , Tragend auf bewegter Fluth Erd ' und Himmel im Vereine , Aufgelöst in sel ' gem Kuß : Dann zerspringen alle Bande , Freiheit athmet die Natur , Aus den Wolken , aus den Grüften Dringt ein geistig leiser Gruß . Was der Sonne kreisend Walten Frech getödtet , was der Sturm Trüber Zeiten längst verwehte , Paradieses Blüthenschmuck , Keimt aus wonnevollen Thränen Zieht heran in Wolkenduft . Frei gegeben sind die Spiele , Frei , im innern Heiligthum . Traum und Schatten zieh ' n im Fluge Durch die offne Menschenbrust , Grüßen froh die alte Heimath , Wecken ahndend heißen Wunsch . Wünsche sind geheime Seufzer Nach entfloh ' ner Götterlust ; Sehnsucht ist die heil ' ge Stimme Die zum Paradiese ruft . Der Morgen war indeß heraufgezogen , und trieb nach und nach Theresens muntre Gäste zur Stadt zurück . Auf den Straßen wimmelte es bald von bunten Masken , die schwirrend durch einander hinzogen , und ihr muthwilliges Spiel erst in den stillen Wohnsitzen dürftiger Genügsamkeit endeten . Rodrich war auf den wachsenden Lärm herbeigekommen , und lehnte an Florio ' s Seite im offnen Fenster . Er konnte sich weder des augenblicklichen Rausches noch der phantastischen Gestalten recht erfreuen . Der Tag war zu nahe , er wehete kühl herüber , die ganze Lust schien ihm ein mattes Spiel , die armen Sinne zu betrügen , die beim hellen Licht den engen Kreis bald wieder erkennen , und befangener als je darin athmen würden . Gedankenvoll lauschte er vorüberziehenden Klängen , die endlich vor dem eintönigen Treiben der nahen Werkstätte schwiegen , und mit ihrem Verschwinden fast jeden Zauber der Phantasie lösten . Rodrich blickte auf sich und seinen Freund , der ihm in gewohnter herkömmlicher Tracht nichts als den wohlgebildeten Jüngling dieser Welt zeigte . Der lange Sängermantel hing mit dem weißen Barte und der bleichen Larve neben ihm auf einem Sessel ; er spielte nachlässig mit dem reichen Faltenwurf des altväterischen Gewandes , als es unversehens herunterfiel , und wie ein Vorhang zusammenrollte . In dem Augenblick war es Rodrich , als wären alle Träume dieser Nacht versunken . Vergebens suchte er die erwachten Bilder der Kindheit , vergebens die Geliebte in seiner Brust . Miranda war wieder die große herrliche Fürstin , zu der er kaum aufzublicken wagte . Jener einzige unbegreifliche Moment des Entzückens lag weit , weit hinter ihm . Wie ein Blitz hatte ihn diese Seligkeit berührt . Jetzt war alles anders . Die gewohnte Ordnung behauptete ihr Recht . Der gemeßne Gang des Lebens schritt langsam fort , und er stand wie gestern und alle vorhergehende Tage , in den beschränkten , durch fremde Güte erschaffnen Umgebungen , Mirandas Pallast gegenüber . Kaum wagte er es , die schöne Erinnerung festzuhalten , die so unschuldig zu ihm herübersah . Er hatte sich dem Zauber hingeben , er hatte die Welt einen Augenblick vergessen können , ach , und er würde gern gestorben seyn , um noch einmal so selig zu leben , aber der Wahn zerrann , wie leise er ihn auch anfaßte . Was war er , und was konnte er wollen ? Das süße Geheimniß seines Glückes war ihm ein kränkender Vorwurf . Frei und festgestaltet sollte es in vollem Glanze des Tages leuchten , in jedem Auge wollte er den Wiederschein desselben lesen . Miranda ' s Name sollte nicht blos wie ein geistiger Hauch durch sein Innres ziehen , er wollte ihn laut aussprechen , allen Lüften zurufen können ! O , er fühlte sich gedrückter als je , seit ihn die heiligste Liebe einen Augenblick über sich selbst erhob . Wie er sich nun immer fester und fester an jede Widerwärtigkeit seines Lebens hing , und sie so lange betrachtete , bis er , aufs höchste gereizt , die Augen vor den Erscheinungen des wiederkehrenden Tages schloß , rauschte noch der letzte Trupp herumschwärmender Masken die Gasse herauf . Unter tollen Gaukeleien schwirrten sie an den Häusern vorüber , und ehe es Rodrich bemerken konnte , hatte ihm eine derselben ein zusammengerolltes Blättchen in die Hand gesteckt . Er öffnete es schnell , und Florio , der wie ein gutes Kind in des Freundes Hoffnungen und Wünschen lebte , und schon längst die getrübten Augen mit Wehmuth betrachtete , sah zutraulich über seine Schulter , und beide lasen folgende Worte : » Ich wünsche Ihnen Glück . Der Krieg ist entschieden . In wenigen Tagen ist alles aufgebrochen . Ein neues Licht geht über Ihnen auf , denn eine reiche Natur fodert gewaltsam große und mannigfache Gegenstände , um die immer brennende Frage zu beantworten , sonst erschöpft sich der gereizte Wille in zwecklosen Ausbrüchen , die oft den werdenden Helden in ihren engen Schranken begraben . Lösen Sie die Fesseln . Das Schicksal gab Ihnen viel , machen Sie sich alles zu eigen . Es ist Weisheit , das Höchste aufs Spiel zu setzen , um das Höchste zu gewinnen . Das Schwerdt werde eine Flamme in Ihrer Hand , vor der sich Freund und Feind beuge . Schwanken Sie nie , denn es giebt auf Erden nichts Herrlicheres , als einen Thron frei zu machen und das erkannte Recht behaupten . « Rodrich faltete das Blatt , ohne etwas Bestimmtes zu denken . Der ernste Zuruf erschütterte ihn ! Es war , als dränge ihn das Schicksal mit Gewalt zu einem unbekannten Ziele . Tausend verworrene Ahnungen trieben ihn unsicher umher . Endlich lösten sich die innern Nebel . Er glaubte Miranda ' s Stimme in jenen Worten , ohnerachtet ihrer strengen Heftigkeit , nicht zu verkennen . Durch sie ward ihm des Himmels Wille kund , und seine früheren stolzen Hoffnungen gerechtfertigt . Zu sich hinauf wollte sie ihn heben , durch die innere Kraft seines Willens ! Was lag darin auch Unerhörtes ? Sagt nicht die Geschichte aller Völker , daß von jeher ein kühner Flug die armselige Stufenleiter zwerghafter Wünsche hinter sich ließ ? Das Außerordentliche tritt die gemeine Ordnung nieder , und eine neue Folgereihe beginnt von dem lichten Punkt , den ein kräftiger Geist über der Erde heraufführt . Der Krieg bahnt dahin den Weg . Hier verschwinden hergebrachte Verhältnisse vor der überwiegenden Gewalt einer großen Seele , die sich in Feuerströmen ergießend , alles wie Gottes Zorn mit sich fortreißt . Darauf deuteten auch die Worte des Briefes , und doppelt war der Sinn zu nehmen , in welchem der Thron befreit werden sollte . Mußte die königliche Natur nicht fühlen , daß sie zum Herrschen geboren , daß sie bestimmt sey , das Wohl der Menschen , wenigstens über die zu verbreiten , die ihr so nahe gerückt waren ? Und sagte ihm jene Umarmung nicht , daß er es sey , den sie würdig hielt , ihr zur Seite zu stehen ? Er schlug das Blatt noch einmal auseinander , und las immer und immer wieder , was ein leidenschaftliches Verlangen schon bei weitem früher in sein Inneres grub . Während dieser Betrachtungen hatte er Miranda oftmals laut genannt . Wie , sagte endlich Florio , jene Heilige , zu deren Füßen ich dich gestern fand , hätte diese Worte zu dir geredet ? Warum nicht , fiel Rodrich schnell ein , glaubst du , sie sey nicht reich genug , alle Herrlichkeiten der Welt zu umfassen ? Ein Auge , das in die Himmel dringt , will ihren Glanz auf Erden erblicken , und soll sie den heiligen Zorn weniger als die Liebe verstehen ? Kann sie den Frieden ohne den Krieg wünschen ? oder glaubst du , sie gehöre zu den engherzigen Gemüthern , die meinen , mit einem frommen Wunsche die ewige Seligkeit herbei zu rufen ? Das nicht , unterbrach ihn Florio , sie hätte , dasselbe fühlend , doch anders gesprochen . Ich weiß es nicht , warum der Klang dieser Worte ein Mißlaut in Miranda ' s Munde wäre ! Aber in dieser Beziehung fällt er widrig in mein Ohr , und zieht mir das Herz ängstlich zusammen , ach und sie kann es ja nur zu den herrlichsten Gefühlen eröffnen . Hat sie dich so schnell entzündet ? fragte Rodrich lächelnd . Ich begreife es wohl , fuhr er fort , daß du sie nur auf deine Weise verstehen , und jedes strenge Wort in ihrem Munde für einen Frevel halten mußt . Die kühnen , männlich gesinnten Frauen , passen in deinen Himmel nicht , du frommer Sänger ! O , sagte Florio , des Himmels Braut trug der Welt den Sohn mit dem Schwerdte entgegen , aber die Palme blühete in ihrer Hand , und der Friede strahlte aus ihren Augen ! Sie ist mir nicht fremd geblieben , was rechter Art ist , offenbart sich dem Sänger von selbst . Hier stürzte Stephano wie ein freigelassener Löwe herein . Es ist Krieg , rief er mit gepreßter Stimme . Die Marsch-Ordre ist da , wir beide sind des Grafen Adjutanten . Ich bitte dich , komm , den Jubel der Regimenter zu sehen ! Die ganze Stadt ist schon in Bewegung , jedes Herz zittert vor Freude . In der Nacht ist der Courier gekommen . Man sagt laut , der Fürst sey empört , über die frechen Anforderungen des Feindes . Alles theilt sein Gefühl . Jung und Alt strömt herbei . Niemand will zurückbleiben , von allen Seiten erschallen Kriegslieder . Herr Gott im Himmel , rief er mit zusammengeschlagenen Händen , so habe ich es doch endlich erlebt ! Es wird ein großer Tag über diesem Lande aufgehen . Es ist , als blitzte Eine Flamme aus aller Augen , sogar die Weiber , fuhr er fort , fühlen was ein Vaterland sey ! Sogar die Weiber , wiederholte Rodrich , den Stephano ' s Glut unwillkührlich erkaltete , ich verstehe dich nicht wohl , es gab eine Zeit , wo du mit Alexis über den Wahn so einseitiger Anhänglichkeit strittest , und diese Mißgeburt veralteter Zeiten , als längst abgefallen und verwittert ansahest . Ich erinnere mich genau , von dir gehört zu haben , daß jetzt weder von dem Menschen noch dem Staate , als Individuen , die Rede sey . sondern daß die allgemeinen Strebungen das Ganze umfaßten , und das Leben daher weniger in hervorleuchtenden Momenten , als in einem gleichmäßigen Fortschreiten still in einander greifender Kräfte bestehe . Diese weltbürgerliche Gesinnungen halten dennoch wohl die Probe bei ähnlichen Veranlassungen nicht aus , das gleichgefühlte Recht des Eigenthums drängt jeden zu Vertheidigung und Rache . - Ich bin zu befangen , erwiederte Stephano , um mich jetzt vor dir behaupten zu können , und ich gestehe dir auch , daß mir alles , was ich sonst dachte und sprach , in diesem Augenblick sehr schaal und leer erscheint . Ich mag gar nicht untersuchen , was mich jetzt so über allen Ausdruck bewegt , was , wie tausend zuckende Blitze meine Brust durchfährt , und mich in freudiger Wuth fortreißt , so daß ich nirgend Ruhe finde , und selbst Hand an mich legen möchte , um die innern Vulkane auszuströmen . Wer kann jetzt motiviren und klügeln ? Es mag seyn , daß die bloße Kampflust mich und Alle treibt , daß die große Reibung gesammter Kräfte die innern Schwingen hebt , und Vaterlandsliebe und Eigenthumsrecht weit überflügelt , es mag auch anders seyn , ich weiß nichts , gar nichts , als daß ich endlich einmal messen und prüfen will , was ich vermag . Der Schneckengang nüchterner Thätigkeit trennte ja alle freie Bewegung , Niemand weiß was er soll und kann , so lange die ungeübte Kraft wie ein blödes Kind in die Welt hineinsieht , und jede kühne Regung gefangen hält . Jene erschöpfenden Definitionen fallen von selbst , sobald das rechte Leben anhebt . Die alten Helden , sagte Florio mit bescheidener Stimme , die noch einen Glauben und eine Liebe kannten , wußten , meine ich , trotz aller wilden Streitlust , dennoch warum sie fochten , und ich dächte , wer das Recht und die Wahrheit nicht von Angesicht zu Angesicht schauete , der könne nie auf Sieg hoffen . Stephano , der in seiner Freude den Jüngling bis dahin nicht bemerkt hatte , ward seltsam durch die Milde seiner Stimme getroffen ; er betrachtete ihn aufmerksam , dann sagte er , den Kopf in beide Hände stützend , ich mag jetzt über nichts streiten , Gott weiß es , wie verworren und wild es in meiner Brust tobt . Sie sollten mit uns gehen , fuhr er nach einer Weile , Florio die Hand reichend , fort ; ihr Anblick müßte jedem wohlthun , und die unruhigen Begierden sänftigen . Ich folge meinem Rodrich überall , erwiederte dieser , wohin sein Schicksal ihn führt . Rodrich , den die letzten Worte wieder in seine gewohnte bessere Stimmung hinüberzogen , drückte ihn gerührt an sein Herz , indem er sagte , jetzt , mein guter Junge , darfst du mich nicht begleiten , das verbietet die hergebrachte Ordnung . Manches rohe Wort könnte dich treffen , was mich und dich kränken würde . Aber nahe wollen wir einander dennoch bleiben , und ich will zu dir wie zu meinem guten Engel flüchten , wenn das Leben