Blut der unerschrockenen Preußen . Nach vierstündigem Kampfe , der die Kräfte der menschlichen Natur zu übersteigen schien , folgte freilich Ermattung ; aber kein Schatten von Muthlosigkeit entweihete den unbefleckten Heldeneifer der nun schon sehr zusammen geschmolzenen hochherzigen Preußen , davon jeder mit dem Blute seines Kameraden oder von eigenem bespritzt war . « » Mein Herz blutete , daß so edle , so unerhörte Anstrengung nicht mit Erfolg gekrönt wurde ! Des Augenblickes , wo ich aufhörte , thätig mitzuwirken , bin ich mir nicht deutlich bewußt ; denn indem mein Arm zerschmettert wurde , traf mich ein Steinwurf am Kopfe . Ich sank und wurde wahrscheinlich mit den Füßen der vorwärts Drängenden bis in eine Vertiefung der Mauer des Ganges gestoßen und unter einen Haufen Todter geschoben . « » Hatten Sie kein eau de Cologne bei sich , Herr Neveu ? « fragte Onkel Dämmrig , ganz naiv . » Nein ! « sagte Lindenhain kurzweg . - » Das ist Schade ; in dergleichen Fällen ist es höchst bewährt . Stoße oder quetsche ich mich ; gleich eau de Cologne zur Hand , und geheilt bin ich . « - » Unter freiem Himmel , auf einem rüttelnden Wagen voll schwer Verwundeter , kam ich wieder zur schmerzlichsten Besinnung . Albertine , als ich sank , dacht ' ich dein ; als ich jetzt wieder auflebte , warst du , Liebe , mein erster Gedanke . ( Albertine legte hier ihr Haupt auf seine Schulter und schluchzte hörbar . ) Ich war ein Gefangener , mein Körper verstümmelt , und Bitsch war nicht genommen ! Für den Erfolg war mein Leben mir nicht zu theuer ; aber nun - o Gott ! « - » Beschwert von einem schwer Verwundeten , der im Sterben lag , mußte ich in der unbequemsten Stellung liegen . Der Wagen eilte unaufhaltsam vorwärts ; meine Schmerzen überwältigten mich ; in Bouquenon wurde ich , als ein dem Tode Geweihter , bei Seite gelegt ; ein Mitgefangener , leicht blessirter Landsmann bemerkte mein leises Athmen und sorgte dafür , daß ich untergebracht wurde . « » Dieses geschah nun glücklicherweise in dem Hause eines geschickten Wundarztes , der selbst , Krankheits wegen , die Französische Armee auf einige Zeit hatte verlassen müssen . Er untersuchte meine Wunden . Der Arm bis an den Ellenbogen war ohne Rettung verloren . Unerschüttert hörte ich diese Nachricht , die mich dienstunfähig machte , nicht ; denn selbst in der Dumpfheit des Sinnes , hatte ich Plane und Dispositionen gedacht , wie Preußen an dem Feinde Rache nehmen und ich mitwirken könne . Als er die Quetschung an meinem Kopf untersucht hatte , machte er Anstalt zu trepaniren , und erklärte , ohne diese Operation sei ich verloren , ob ihm meine Rettung durch sie ebenfalls auch ungewiß sei . « » O , mein Vater , so lassen Sie ihn ohne den Schmerz sterben ; ich will ihn pflegen ; ich will ihn retten ; überlassen Sie ihn mir , mein Vater , er soll genesen ! « « rief mit Wärme eine weibliche Stimme , und meinem Lager näherte sich ein schönes , junges Frauenzimmer . Sie legte ihre Hand an meine kranke Stirn , und bemühte sich , mir durch leises Streichen wohl zu thun . « Hier hob Albertine den Kopf von Lindenhains Schulter , und blickte ernsthaft und verlegen vor sich hin . Onkel Dämmrig machte ein loses Gesicht und murmelte ein bedenkliches : » ha , ha ! « Lindenhain fuhr fort : » » Adelaide ! was soll das ? « « sagte der Vater . » » Wie kommst du , kleiner Naseweiß , zu dieser Vorschnelligkeit ? « « - » » Aber , mein Vater , Sie versprechen ja seine Besserung nicht ; wozu den Greuel einer solchen Operation ? Unter den nemlichen Bedingungen will ich ihm wohl thun . Sie wollen ihn todt plagen . Nein , nein ! Er ist mein ! « « Der Vater gab lächelnd nach . Er war jetzt selbst abgeneigt , sich mit meinem Arm zu schaffen zu machen , bis alle Anzeigen eine schnelle Operation nothwendig machten . Ein hitziges Fieber war die Folge davon , wobei meine Kopfwunde sich sehr übel befand . Das schöne Mädchen hielt indeß Wort ; sie verließ ihren Kranken nicht . Und nie hätte ich der französischen Lebhaftigkeit so viel Ausdauer zugetraut , als dieses treffliche Mädchen hier bewieß . Sie bestand jede Probe . Nächte hindurch ließ sie mein krankes Haupt an ihrer Brust ruhen , ohne sich in den beschwerlichsten Stellungen auch nur zu rühren . Ihre sanfte Hand kühlte meine brennende Schläfe ; sie verband mit der herzlichsten Sorgsamkeit meine Kopfwunde , die sich unter ihrer Aufsicht sehr gut anließ , wie der Vater wohlgefällig bemerkte . Ich weiß , Albertine , du kannst nicht böse werden , daß ich diesem guten Mädchen von Herzen dankbar war , und aufrichtiges Wohlwollen für sie empfand . « » O nein , ich bin es ja auch nicht ! « sagte Albertine etwas kalt . Doch schwankte ihr Ton . Laurette lachte ihr unverwandt in ' s Gesicht . Der Onkel schnitt Gesichter nach seiner Weise , die spaßhaft seyn sollten . » Als mein Zustand erträglicher wurde , brachte Adelaide ihre Harfe in mein Zimmer . Sie durchschwebte die Saiten so leise und lieblich , daß die Melodie ätherisch dahin lispelte , wie von einer Aeolsharfe . Ihr Gesang war rein und kunstlos . « » Sobald ich aufrecht sitzen konnte , verlangte ich Schreibmaterialien , um dir , meine Albertine , Nachricht von deinem armen Invaliden zu geben . Adelaide brachte sie mir , mit einem so trüben Gesichtchen , als ich bei ihr noch nicht gesehen hatte . Hier , meine Albertine , wird deine ganze Großmuth aufgefordert werden ; ich schrieb , ich schrieb oft , und meine Briefe sind nicht zu dir gekommen . Das Geheimniß wird sich enthüllen . « Albertine antwortete wenig und unverständlich . Sie machte sich mit dem Thee , den eben der Bediente gebracht hatte , zu schaffen . Es war sichtbar , daß sie litte . » So wie meine Genesung fortrückte « - fuhr Lindenhain fort - » vermied Adelaide ganz unaffectirt , allein in meinem Zimmer zu bleiben . Eine ältliche Gouvernante , die mit ihr dem Hauswesen vorstand , war immer zugegen . Adelaide las uns vor , oder spielte und sang , oder beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit . Sie war immer gleich freundlich und sorgsam ; doch hatte sie offenbar etwas auf dem Herzen , das bei ihrer sonstigen Offenheit sie drückte . Einst , als sie mir den Thee reichte , blieb sie wie zerstreut in meiner Nähe stehen und spielte mit einem Stückchen Papier , welches sie absichtslos in den Fingern zu rollen schien . Als sie mich verließ , sank das Papier aus ihrer Hand auf meinen Tisch und sie entfernte sich , merklich erröthend . Es war beschrieben . Meine Neugier wurde rege . Ich las . Es enthielt folgende Worte : Ich habe von einem Ihrer Landsleute gehört , daß Sie verheirathet sind . Ist das wahr ? Adelaide . « ( Albertine , die bis jetzt wieder emsig strickte , stand auf , dem Onkel etwas zu reichen , so daß sie der Gesellschaft den Rücken zuwandte . ) » Adelaide kam diesen Tag erst zur Abendsuppe mit ihrem Vater und der Gouvernante in ' s Zimmer . Sie war verlegen , und wich meiner Nähe wie meinem Gespräch aus . Ich hatte sehr bald Anlaß Adelaidens Frage zu beantworten , indem der Vater von dem Glücke sprach , das er an der Seite seiner verstorbenen Gattin genossen hatte . Da nannte ich dich , meine Albertine , und ein Strom des reinsten Gefühls deines Werthes , meine Liebe , ergoß sich von meinen Lippen . « ( Albertine umarmte hier Lindenhain ; doch schien es mehr Ehrenhalber , als aus dem Herzen zu seyn . Laurette fragte gespannt : » Nun ? Und Ihre Adelaide ? « ) » Adelaide schien von der Wärme meiner Schilderung ergriffen . Sie lächelte und wechselte die Farbe ; bei den rührenden Situationen flossen ihre schönen Augen über . Sie wünschte sich deine Freundschaft , meine Albertine ! « ( » Hm ! Ich möchte sie wohl kennen ! « sagte Albertine nachlässig . ) » Sie ist deiner Freundschaft werth , Albertine ! Sie erhielt dir deinen Gatten ; ihre Pflege und Aufsicht hat alles gethan . « » Meinen Gatten erhielt sie mir ; aber auch sein Herz ? « Es mußte heraus . Albertine hielt sich nicht länger . Sie brach in Thränen aus , die sie gern verborgen und dem Hohne der Cousine nicht ausgesetzt hätte . Alle waren verlegen , und Lindenhain sagte schmerzlich : » ich darf nicht fortfahren , Albertine , wenn schon dies dich so erschüttert . Was ich noch zu sagen habe , setzt mich dann in die äußerste Verlegenheit ! « ( » Sieh nicht auf mich ; ich bin ein albernes Ding . Es wird sich geben . Zeige mir deine Achtung durch Wahrhaftigkeit ! « ) » Nach diesem Gespräche fand ich Adelaidens Benehmen offner , herzlicher , zutraulicher , und fast möcht ' ich ' s schwesterlich nennen . Sie sprach viel von meinem Vaterlande , von meiner Albertine , von dem Kummer unserer Trennung . Sie beschäftigte sich oft so unbefangen um mich her , als ob ich gar nicht zugegen gewesen wäre . Doch sahe ich sie im Ganzen seltener , da ich schon im Stande war , selbst wieder für meine Unterhaltung zu sorgen . Ich vermißte ihre Gesellschaft ; denn die unschuldsvolle , sich selbst unbewußte Seele des Mädchens war mir sehr werth geworden . « » Es war mir gar nicht gleichgültig , als wir von unsern Wunden hergestellte Gefangene tiefer in Frankreich hinein geschafft wurden . So sehr sonst meine Wünsche mich in ' s südliche Frankreich versetzt hatten , so ungern ging ich jetzt dahin ab . Dem commissair ordonateur stellte ich vor , daß meine Dienstunfähigkeit mich nicht länger zum Kriegsgefangenen qualifizire ; er gab mir aber den vielleicht schmeichelhaft seyn sollenden Bescheid : der Arm mache nicht allein den Feind gefährlich ; der Kopf wär ' s. Er wußte wohl nicht , daß die Unsrigen erst zur öffentlichen Wirksamkeit gelangen , wenn sie schon wieder ergrauen . « » Auf einem ziemlich anständigen Fuhrwerke traten wir unsere Reise nach der Gegend von Toulouse an . « » Und Ihr Abschied von Adelaiden ? « unterbrach ihn hier der Onkel . » Ich bin ganz verliebt in das allerliebste Mädchen . « » War herzlich und meiner Seits von Dankbarkeit überfließend . Wie hätte ich anders gekonnt ? « - fuhr Lindenhain fort . » Noch aus Bouquenon schrieb ich einen langen , umständlichen Brief an dich , meine Albertine , dem ich die kleine Summe beifügte , die mir , wie durch ein Wunder , erhalten war . Da ich in die Todtenlisten des Regiments eingetragen war , so darf ich mich nicht wundern , wenn Ihr , meine Theuren , weiter keine Schritte thatet , etwas von mir zu erfahren . « » Adelaide hatte sich viele Tage emsig mit meiner Reiseanstalt beschäftigt . Wie hatte das edle Mädchen für Alles gesorgt ! Was die sorgsamste Aufmerksamkeit auf alle kleine Bedürfnisse nur ersinnen kann , fand ich hier bei einander . In einer kleinen bonbonniere fand ich zwanzig Louisd ' or und diesen Ring von ihrem Haar , mit dem Zettelchen : pour la charmante Albertine ! - Hier , meine Albertine , ist er ; trag ' ihn diesem würdigen Mädchen zum Andenken ! « Alle machten jetzt große Augen , als Lindenhain den Ring hervorzog und ihn der sich halb weigernden Albertine an das Fingerchen schob . » Das ist ein stark Stück , das ! « sagte Onkel , die Hände reibend . Albertine , auf die aller Augen theils boshaft neugierig , theils mitleidig theilnehmend gerichtet waren , sprang auf , umarmte ihren Gatten weinend , und sagte unter Schluchzen : » Dein edles Zutrauen , mein Louis , reißt mich hin ; du erhebst mich über mich selbst ! Wie ehrst du mich ! Vergieb den Kampf in meinem Innern ! Ich habe gesiegt ; ja , ich hoffe , ich habe gesiegt ! « Kein Auge blieb trocken . Selbst Lauretten entwischte ein unwillkürliches : » recht brav ! « Doch wollte Ulmenhorst das Wort Drama nachtönen gehört haben . » Trage diesen Ring zum Zeichen dieser Stunde , meine gute , edle Albertine ! Mein Glaube an dich hat mich nicht getäuscht . - Doch , ich eile zum Schluß meiner Erzäh lung ! « » Mein neuer Aufenthalt war an sich viel reizender und gab meinen Beobachtungen reichen Stoff . Doch fehlte mir ein verwandtes Herz ; wenn ich es mit einem Worte sagen soll , eine Deutsche Natur , nach der ich mich nun schon mit aller Kraft sehnte . Der geringste unserer Landsleute interessirte mich deshalb innigst ; ich habe Denkarten unter ihnen getroffen , die den gebildetsten Ständen Ehre machen würden ; auch bemerkte ich mit Vergnügen , daß ihre Gradheit , ihre ehrliche Treuherzigkeit , ihr Fleiß von den Landesbewohnern auszeichnend bemerkt wurden . Einst kam ich von einem Spaziergange zu Hause ; da hieß es : ein junger , schöner Knabe habe nach mir gefragt ; er sei , um meiner zu warten , in die nahe Kirche eingetreten . Wer konnte hier nach mir fragen ! Nach einer halben Stunde erschien wirklich ein sauber gekleideter Knabe in Bediententracht , in dem ich , beim ersten Anklang seiner Sprache , Adelaiden erkannte . « » Nun , nun , den Braten merkt ' ich ! « sprach der Onkel . Alle andere schwiegen betroffen . » Um Gotteswillen ! « rief das Mädchen , » denken Sie nicht unrecht von mir ! Stoßen Sie mich nicht aus ! Ich bin eine Waise , bin emigrirt , und würde hülflos ohne ihren Schutz umher irren müssen ! « - Ich stand versteinert , und auf Ehre kann ich bezeugen , daß ich nichts weniger , als erfreut war . Sie bemerkte es , und erzählte mir schnell , daß bald nach meiner Abreise ihr armer Vater angeklagt , in ' s Gefängniß geschleppt und schnell guillotinirt worden sei , weil er durch seine Theilnahme an den Preußen verdächtig geworden wär . Ihr habe ein ähnliches Schicksal gedroht ; sie habe sich daher diese Kleidung zu verschaffen gewußt und sei mit einer Dame hierher gekommen . Jetzt wolle sie mein Bedienter seyn ; sie habe von einer Auswechselung der Gefangenen gehört ; sie müsse nun doch fort und wolle bei mir und Albertinen leben . « » Sie ist dir ganz nahe , Albertine ! Wirst du sie , willst du sie aufnehmen ? Dein Bruder , der Treffliche , der mich aufzusuchen reisete , führt sie dir zu ! « » Erstehen wir das große Himmelbette des Grafen von Gleichen , « sagte der Onkel lachend . » Das giebt eben so eine Geschichte . Auf meine Ehre ! « Albertinens Gemüth hatte sich aber nun einmal einen Schwung gegeben ; sie blieb sich gleich und sagte edelmüthig : sie solle ihr willkommen seyn ! Doch schien ihr der Ausweg nicht mißfällig , als ihre kluge Freundin Euler sagte : daß die Vorsehung wohl vielleicht ihrer Einsamkeit eine Gefährtin in Adelaiden bestimmt habe . - Alle , auch Lindenhain , stimmte diesem Gedanken von Herzen bei , außer Laurette , die sich höhnisch lächelnd auf die Lippen biß . Jede Erwartung führt etwas Bängliches mit sich . Es ist Albertinen nicht zu verdenken , wenn sie diese Nacht wenig schlief und sich ihrer nur zu geschäftigen Phantasie überließ . Doch konnte sie weder in ihres Gatten , noch in des wackern französischen Mädchens Betragen etwas Sträfliches ergrübeln ; und da sie denn nichts eingebüßt zu haben hoffte , erschien sie sich in ihrer eigenen Größe um so wohlgefälliger . Ganz frühe schon weckte sie ihren Louis , ihm das Geheimniß der ausgebliebenen Briefe abzufragen ; denn sie hatte einen dunklen Argwohn gefaßt , Adelaide könne sie unterschlagen haben . Ungern gestand ihr Louis , ihre eigene Schwägerin , ihres Bruders Frau , habe das Falsum begangen , sie los zu werden und sie mit ihrem Bruder zu entzweien . Sie hatte gehofft , Albertine werde als eine unabhängige Wittwe recht viel dumme Streiche machen und in Noth und Verwirrung gerathen . Die Briefe waren jederzeit unter der brüderlichen Addresse gekommen ; da hatte Frau Louise stets schlau gewußt , sie auf die Seite zu bringen , indem sie das Briefgeschäft in der nächsten Stadt durch ihre Boten besorgen ließ ; und was vermag nicht ein listiges Weib , das seines Gatten unumschränktes Vertrauen usurpirt ! eines Gatten , dessen Seele , rein von Betrug , am wenigsten die Schlange ahnet , die er an seinem Herzen erwärmt . Drei und zwanzigstes Kapitel Die durchwachte und durchphantasierte Nacht gab unserer Freundin ein etwas kränkliches Ansehen , welches ihren Gatten um so mehr in Verlegenheit setzte , da der guten Albertine wahrscheinlich heute ein kampfvoller Tag , Adelaidens Ankunft , bevorstand . Albertine gestand , daß ihr Herz , sie wisse nicht bestimmt , weshalb , heute unruhiger , als noch sonst je klopfe . » Ist sie sehr schön ? « fragte sie beim Frühstück , nachdem sie eine Zeit lang in Gedanken gesessen hatte . - » Mehr , als schön ; sie ist hübsch ! « sagte Lindenhain . » Die Schönheit , in so fern sie auf Regeln beruht , ist oft kalt . Hübsche Weiber gefallen immer . Du , meine Albertine , bist schön nach allen Erfordernissen der Kunst , und zugleich auch hübsch , durch den Geist , der so annehmlich aus jedem deiner von ihm belebten Züge spricht . « - Albertine seufzte , ohne zu antworten , lächelte ihm du bout des Levres zu , und sprang bei jedem schwer daher rollenden Wagen ans Fester . Louis bemerkte diese innere Unruhe der Geliebten nicht ohne Bekümmerniß . Was oft in Fällen der Art begegnet , geschah auch hier . Albertine hatte nach ängstlichem Lauschen und Harren und immer gespannter Aufmerksamkeit nach außen hin , den rechten Augenblick doch versäumt . Die Thüre ihres Zimmers ging rasch und weit auf ; und plötzlich herein traten der Bruder und seine schöne Begleiterin ; und dahin war Albertinens Fassung ! Die Wahrheit zu sagen , war in diesem seltsam entscheidenden Momente selbst Lindenhains festes männliches Herz nicht ganz in seinem Gleichgewichte . Wäre Albertine nicht so ganz mit sich selbst beschäftigt gewesen , würde ihr das Schwankende und Ungewisse in ihres Gatten Benehmen nicht entgangen seyn ; die ganze Scene bekam dadurch einen Anstrich von Steifheit und Zwang , welcher der Unbefangensten unter allen , Adelaiden , schmerzlich auffiel ; ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen ; sie reichte ihrem Freunde die Hand und sagte mit unwiderstehlichem Ausdruck : » O mein Gott ! ich bin hier nicht willkommen ! Albertine nimmt mich nicht auf ! « Albertinens vortreffliches Herz fühlte sich schnell in die Lage des verlassenen Mädchens hinein , deren Thränen bis in ihr weiches Gemüth lebendig eindrangen . Mit unverkennbarer Gutmüthigkeit drückte sie Adelaiden an ihre Brust und hieß sie von Herzen willkommen . » Die freudige Überraschung macht Ihren Freund stumm ! « sagte sie , und zog Lindenhain zur Umarmung herbei . Er hatte sich indeß gefaßt , umarmte Adelaiden mit brüderlicher Herzlichkeit , und segnete sein Geschick , daß diese wirklich erste Umarmung des schönen Mädchens in Gegenwart und auf Geheiß seiner Gattin geschah . Adelaide war keine der gemeinen Französischen Schönheiten , die dem sinnlichen Mann durch dreisten Blick und ein impertinentes Näschen gefallen . Sie hatte bei sehr sprechenden schönen Augen regelmäßige Züge , eine schöne Farbe , schöne Zähne , eine gefallende Mittelgestalt , die , wenn nicht engelschön , doch höchst elegant und graziös war . Albertine hatte das alles im ersten Augenblick weg , und kam sich bei der Vergleichung , die sie in der Geschwindigkeit anstellte , ganz bescheidentlich wie gar nichts , wie ein kleines Landputchen vor . Adelaide fühlte den untersuchenden Blick Albertinens mit einiger Verlegenheit , und ihn von sich abzuwenden , reichte sie ihr die Hand , und fragte : » Sie weisen mich also nicht von sich , schöne Frau ? Sie wollen meine Beschützerin seyn ? « Lindenhain hatte , weiß Gott , warum , gar keinen Muth , sich in das Gespräch mit einzulassen ; er saß zerstreut da , und als Albertine mit der Antwort zu zögern schien , trat eilig der Bruder dazwischen , und gab in seiner Schwester Seele die bindendsten Zusicherungen , welchen Albertine gleich , ohne Zwang und unbedingt zustimmte . Aber keiner fand die neue Hausgenossin so sehr nach seinem Geschmack , als Onkel Dämmrig . Er suchte in der Eile den ganzen Vorrath seines veralterten Französischen zusammen , sich in den galantesten Floskeln du bon vieux tems mit ihr zu unterhalten , wobei er die Nasentöne recht nationell zu accentuiren , nicht vergaß . Es war eine Freude zu sehen , wie jung er wurde , wie er die Ohren spitzte und sich zusammen nahm . Adelaide war die Höflichkeit und Gefälligkeit selbst ; sie lieh sich allem und allen . Nur in Lauretten schien ihr sonst so biegsamer Sinn nicht eingehen zu können . Laurette gab ihr zweideutige Seitenblicke und an Seitenhieben ließ sie es auch nicht fehlen . Durch sie wurde die Konversation genirt , weil sie durchaus ihr fehlerhaftes Französisch unter dem Vorwand nicht wollte hören lassen , daß sie , eine Deutsche , es lächerlich finde , mitten in Deutschland Französisch zu sprechen ; es sei höflicher , wenn die fremd angekommenen sich bequemten . Adelaide that ' s mit leichter Art , und lachte dann selbst über ihr gebrochnes Deutsch . Laurette beschwerte sich über die Unzulänglichkeit des weiblichen Umgangs für gebildete Geister . » Die Weiber im Allgemeinen « - sprach sie - » haben eine so erbärmliche kleine Ansicht der Welt , werden so breit über Dinge , die der Gebildetere liegen oder ganz fallen läßt , sind entweder zu gespannt , oder vegetiren in der traurigsten Schlaffheit ; wie soll man mit ihnen auskommen ? « Adelaide nahm die Parthie ihres Geschlechts , und behauptete , es sei demselben nicht zu verargen , wenn seine Ansicht der Welt und ihrer Verhältnisse nicht die Kraft und Eindringlichkeit des männlichen Blicks habe . » Bedenken Sie doch , Mademoiselle , in welchem Licht uns die Welt erscheinen muß , da unser Geist nur zu den infiniment petits gebildet wird , und wie jedes rechtliche Weib , das seinem Gatten oder seiner Familie nützlich werden will , sich zu den unedelsten Details des Hauswesens verstehen muß . Wer so sehen muß , der wird doch gewiß zuletzt ein moralischer Myops . « Laurette hatte , wie alle dickhäutige und erdfahle Weiber thun , jedes feinere Kolorit im Verdachte des Schminkens ; sie ließ es sich auf unfeine Art merken , daß sie die Fremde für geschminkt hielt . Adelaide antwortete ganz unbeleidigt : » Und warum nicht , Mademoiselle ? Hätte die Natur mir von der Seite einen Mangel gelassen , würde ich ihm ohne Bedenken nachhelfen , weil ich es für Weibespflicht halte , meine Erscheinung so hübsch als möglich seyn zu lassen , und weil ich das Rothauflegen , in so fern es der Gesundheit unschädlich gemacht wird , für nicht sträflicher halte , als jedes andere Mittel , wodurch wir den Sinnen schmeicheln wollen . Erlaubte ich mir aber je eine moralische Schminke , wollte ich mehr scheinen , als seyn ; ich würde meinen Beschützern nie wieder in die gütigen Augen blicken können . Legen Sie äußerlich immer ein wenig auf , Mademoiselle ; es würde Ihnen recht gut kleiden . « Unter dergleichen und andern noch erheiterndern Gesprächen wurde Onkel ganz begeistert , und fing wirklich schon an , der Gesellschaft in entferntere Zimmer nachzuschurren . Adelaide und Ferdinand von Rehthal , Albertinens Bruder , hatten allen neues , rascheres Leben mitgetheilt ; nur Albert allein schien nicht ganz zwangfrei . Unbeobachtet war er still und düster , und in seiner Seele schien etwas zu arbeiten , das die Zeit erst daraus loswinden sollte . Vier und zwanzigstes Kapitel Lindenhain machte zuerst die Bemerkung , daß es Zeit werde , an einen bestimmten Lebensplan zu denken , und er schlug Albertinen vor : sie wollten mit dem kleinen Kreis der Freunde gemeinschaftlich darüber zu Rathe gehen . » Aber - wie ist ' s mir denn ? Albert hat sich ja in einigen Tagen nicht sehen lassen ; er wird doch nicht krank seyn ? « Die Weiber begreifen mit ihrem richtigen Takte sehr schnell . Albertine fühlte , daß etwas vor sei , wobei sie einbüßen würden . Sie redete Lindenhain zu , Albert um sein Ausbleiben zu befragen . » Wo steckst du Albert ? Stelle dich ein ; du sollst der Konferenz beiwohnen , die wir halten wollen , unsern gemeinschaftlichen Lebensplan zu entwerfen ; denn daß unser Bleiben nicht hier ist und seyn kann , weißt du . Wir wollen fort , Dich aber , der Du uns unentbehrlich bist , nicht zurücklassen . Siehe zu , wie Du das einrichtest . Es hoffet auf Dich und harret Dein der Deine Lindenhain « An Lindenhain ! » O , daß Du so gut bist , daß Albertine so gut ist , daß ihr alle so vortrefflich seid ! und ich doch einen Lebensplan entwerfen muß , der mich weit aus Eurem Kreise rückt ! Höre mich an , Lindenhain , zürne mir nicht , und gieb mir Freundesrath ! Durch Henrietten weiß ich , daß Albertine Dir alle Folgen Deines vermeinten Todes mitgetheilt hat . Ich lernte sie kennen und hielt sie für ein Mädchen der Familie , bei der sie lebte . Mein Loos war mit dem ersten Worte , das sie sprach , geworfen . Sie wird Dir ' s gesagt haben , daß mein Betragen ihr die Geheimnisse meines Herzens auch nicht von fern ahnen ließ . Es war nachher , als ich in ihr Deine Wittwe erkannte , nicht strafbar , sie zu lieben . Strafbar aber wäre es , die Gattin meines Freundes zu lieben ; und würd ' ich , müßt ' ich das nicht , wenn ich mit jedem Tage neue Blüthen dieses trefflichen Geistes , dieser herrlichen Natur sich vor mir entwickeln sähe . Lindenhain , ich war berechtigt zu hoffen ; sie war die Meine , erschienst Du nicht . Fühlst Du die Glut , zu der diese Hoffnung meine Liebe anfachte ? Freilich habe ich sie tief in mein innerstes Herz zurückgedrängt ; aber wird sie in jeder Minute sich nicht vordrängen wollen ? Soll ich den Kampf in jeder Minute neu beginnen müssen ? Werde ich in jedem Augenblick , indeß so viel Liebenswürdigkeit vor mir her waltet , die Kraft haben , meine Gefühle mit Erfolg zu bekämpfen ? Ich kenne mich selbst nicht genug ; ich weiß nicht , was noch aus mir werden kann , darum laß mich Euch fliehen , wenigstens auf einige Jahre , weil ich Eurer Achtung noch werth bin , während es noch in meiner Gewalt steht ; im kurzen würde es vielleicht nicht mehr . Wer aufhören könnte , Albertinen zu lieben , hat nie die Liebe gekannt . Gehab Dich wohl ! Dein Albert . « » An Albert ! « » Sei nicht wunderlich , du Guter ! Ich weiß alles ; und eben , weil ich alles weiß , mußt Du , sollst Du bleiben . Ich kenne Dich und kenne Albertinen ; und eben weil ich Euch Beide kenne , sollst Du und mußt Du bleiben , und mit uns leben , wie immer . Ich sage Dir , so wenig das den Verliebten eingeht ; durch täglichen Gebrauch stumpft sich der Stachel ab , den die Abwesenheit und die , über die Verliebten waltende , Phantasie bis zum Unleidlichen schärft . Ich sage Dir , bleib bei uns ! Du bist keines schlechten Streiches fähig und Albertine eben so wenig . Die feine Grenzlinie , welche ihr feiner Sinn zwischen dem Gatten und dem Freunde zieht , wird Dir einleuchten und Dich streng in Deinen Gränzen beschränken . Albertinens unverhaltene Äußerung ihrer herzlichen Zuneigung zu Deinem Freunde , wird Dir keinen Augenblick der Verirrung gestatten . Wenn Albertinens lieblicher Reiz Dich entzückt , wirst Du daneben auch ihre kleinen Fehler bemerken ; sie ist ein lieber Engel , der bestimmt ist , meinem Leben Glanz zu geben und Klarheit ; aber sie ist auch ein Weib . Dessen wird Dich der tägliche Umgang belehren . Albert , so wie ich Euch kenne , wäre es Neid , erbärmliche Mißgunst , wenn ich das schöne , freundliche Verhältniß , darin ihr ohne mich standet , zerreißen sollte . Lerne Dich selbst kennen und schätzen ; Du bist nicht der , der in der Flucht seine Sicherheit suchen müßte . Denke Dir meinen Freund so , wie ich ihn mir denke . Unzerreißbar sei der Bund der Freundschaft mit Deinem Lindenhain . « Albert gab sich nur nach langem Kampfe . Er wollte immer nicht zugeben , daß die Abwesenheit der Liebe günstiger , als das Beieinanderleben sei . Madame Euler sagte , als sie gefragt wurde , lächelnd : so viel sie davon erfahren , glaubte sie , der Hauptmann habe Recht . - Jetzt machten