gefühlvoll geschienen hatten , galten der Einsamkeit , welche sie hinderte , ihre Vorzüge zu zeigen , die , wie sie meinte , hier keinen würdigen Schauplatz hätten , und für die Reize ihrer Lage , für die Freuden des Gefühls , der Einfachheit , hatte sie keinen Sinn . Das kluge Mädchen war mir nun ganz zuwider geworden ; ich lachte über meine Menschenkenntniß , meine Eitelkeit und reis ' te bald geheilt hinweg . - Aber , ist es denn gleichwohl nicht traurig , Barton , daß da , wo wir die schönste Wahrheit zu umfassen glauben , oft nur eine häßliche Lüge , ihr Gaukelspiel mit uns treibt ? Und dürft ' ich denn so streng mit ihr rechten , da mein eigenes Herz , nicht rein von Betrug gegen sie war ? - Denn , laß uns ehrlich sein , Barton , leider ist es wahr , daß die meisten Weiber alles aus Eitelkeit thun , daß die Reden der Geistreichen , wie das Schweigen der Geistlosen nur darauf berechnet ist , und daß all ' ihr süßes Wesen gegen uns , was wir für Liebe nehmen , größtentheils nur eitle , selbstsüchtige Zwecke zum Grund hat , aber , Freund ! was thun wir ? Sechster Brief Amanda an Julien Ich habe eine angenehme Entdeckung gemacht , die ich Dir mittheilen will , und die gewiß ein freudiges Bild in Dir auffrischen wird , wie sie es bei mir gethan hat . Seit einiger Zeit gieng ich fast täglich , an dem einen Ufer des Flusses spazieren , wo ich die Aussicht auf einen Garten vor Augen hatte , der mir nach und nach merkwürdig wurde . Täglich sah ich einen jungen Mann emsig darinnen beschäftigt ; er grub , pflanzte , begoß , verrichtete alle Arbeiten eines Gärtners , aber alles mit einem eigenthümlichen , leichten und anständigen Wesen . Nur des Sonntags sah ' ich einen kleinen Kreis von gutgebildeten Menschen in dem Garten , um welchen Kinder spielten , und der stets aus denselben Personen zu bestehen schien . Ich betrachtete nun den Garten aufmerksamer , und fand ihn , bei aller Hinsicht auf Nutzen , so artig eingerichtet , daß sein Anblick mir wohl that . Der größere Theil desselben , der zierlich mit Blumen , die bis zu mir herüber dufteten , eingefaßt , und mit schmalen , reinlichen Gängen durchschnitten war , diente zum Küchengarten , und alle Gewächse darinnen , schienen wohlgepflegt und von edler Art. Vorn nach dem Fluße zu , stand dichtes Buschwerk mit Blumen-Ranken überblüht , und eine Laube , die so schattig , duftend und behaglich dastand , daß sie mich oft , wenn es heiß war , fast unwiderstehlich zu sich hinüber zog . Weiter hinten , lag ein Baumgarten mit frischem , reinlichem Gras und schönen Fruchtbäumen , den ein einziger schmaler Weg durchlief , und der sich an das Haus anschloß , das eben so anspruchlos , geordnet und nett wie das übrige , aus der Umarmung blühender Obstbäume hervorsah . - Du weißt , welchen Reiz eine gute Einrichtung für jedes weibliche Auge hat , wie uns hier selten das Kleinste entgeht , und wir immer nach der Schöpferin dieses Kunstwerks spähen , und Du wirst es also sehr natürlich finden , daß ich mich bald näher nach den Besitzern des Hauses erkundigte . Und höre nun , die kleine rührende Geschichte , die Du eher wissen mußt , als das , wie es gekommen ist , daß ich jetzt in der Laube sitze , zu der ich mich so oft hinüber sehnte , und aus ihrer Umschattung an Dich schreibe . Charlotte war die Tochter eines sehr reichen Beamten , der aber durch den Krieg , den größten Theil seines Vermögens und seine Stelle verlor , und mit seiner Familie in einer Eingeschränktheit leben mußte , die gegen die vorigen Zeiten , Dürftigkeit war . Charlotte lebte eine Zeitlang , bei Verwandten in der Residenz . Sie war äusserst reizend , und alle die Annehmlichkeiten für die Gesellschaft , welche ihre vormalige Lage zu fodern schien , waren ihr in einem ungewöhnlichen , hohen Grade eigen . Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit ; jedermann warb um ihren Umgang , und ein sehr reicher , vornehmer Mann , um ihre Hand . Die Verwandten wünschten Glück , die Eltern waren erfreut , aber der Mann war bei seinem unermeßlichen Reichthum , unermeßlich arm ; er war roh , von dumpfen , eingeschränktem Geist , und von widrigem Aeußern . Lieben konnte ihn Charlotte nie , und ihn bloß als ein Mittel , sich eine glänzende Lage zu versichern , zu betrachten , widersprach ihrem Gefühl ; sie schlug also seine Anträge , ganz bestimmt , und unwiderruflich aus , was man ihr auch dagegen einwenden mochte . Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu ihren Eltern zurück , in deren Hause sie einen jungen Offizier fand , der wegen einer sehr gefährlichen Augenkrankheit , den Dienst hatte verlassen müssen , und sich jetzt durch die Hülfe eines geschickten Arztes , wieder herzustellen hoffte . Es war ein sehr vorzüglicher , junger Mann , voller Talente und Geschicklichkeiten , aber fast ohne Vermögen . Charlotte übernahm die Pflege des Kranken ; ihr Herz zerschmolz in Wehmuth , wenn sie sein Geschick bedachte , das ihn , in der schönsten Blüthe des Lebens und der Wirksamkeit , zur Unthätigkeit verdammte , und sie überließ sich gern den schönen Regungen ihres Gefühls . Aber vielleicht dachte sie , wenn sie die Augen ihres Freundes mit der heilenden Binde verhüllte , und sich ungestöhrt dem Anschauen , seiner schönen , sprechenden Züge überließ , so oft an die Binde des Liebesgottes , bis er ihr endlich selbst den magischen Schleier um die Augen schlang . Genug , aus der Wohlthäterin des schönen Kranken , ward sie seine Geliebte . Sie liebten sich zärtlich , treu , über alles , und nach einiger Zeit verheirathete sie sich mit ihm , was man ihr auch hier wiederum dagegen sagen mochte . Die Augen des jungen Mannes wurden besser , aber blieben schwach , und den Dienst konnte er nicht wieder antreten . Mit dem Ueberrest seines kleinen Vermögens , welches die Kur , beinah ganz aufgezehrt hatte , kauften sie sich in diesem Städtchen ein kleines Eigenthum . Charlotte richtete alles in dem Sinn ein , wie es ihr für ihre Lage zu passen schien ; es fiel ihr nie ein , einen ihrer vorigen vornehmen Bekannten sehen , oder benutzen zu wollen . Sie vermied allen zwecklosen Umgang , erhielt sich und ihren Mann durch ihre Thätigkeit , sah ' mit jedem Jahr ein neues Pfand ihrer Liebe und war glücklich . - Und gerade deshalb , thut der Anblick ihrer kleinen Einrichtung so wohl , weil Wille und Kraft darinnen unverkennbar ist . Täglich sieht man Weiber unter der Last einer sorgenvollen Haushaltung beinah erliegen und sich aufopfern , und es thut einem weh , ist sogar widrig . Denn diese haben blos die Umstände dahin gebracht , sie sind , was sie sind mit Unmuth und Schwäche , und träumen sich eine andre Lage , als ein hohes Glück , das sie nur nicht erreichen können . Aber hier ist Leben , Geist , Bewußtsein und Klugheit , und dies erfrischt jeden , der es sieht ; und ermuntert ihn , in seiner Lage und nach seiner Neigung eben so zu handeln . - Ihr Mann fühlt ganz den Werth ihrer Liebe und Vortreflichkeit , ohne jedoch sich selbst deshalb gering zu schätzen ; denn er weiß , daß auch er sie liebt , wie keiner lieben würde , und daß ihm , den Verlust seiner Liebe , nichts in der Welt ersetzen könnte . Er war der junge Mann , den ich täglich mit so viel Eifer und Anmuth der Pflege seines Gartens obliegen sah , weil ihm seine noch immer schwachen Augen wenig andere Beschäftigungen verstatteten , und dies nun ein wichtiger Erwerbszweig , für sie geworden ist . Gewiß hat Dir diese kleine Zeichnung gefallen , und ich hoffe , Du wirst Dir alles , Personen , Haus , Garten , recht lebendig denken können ; aber ganz einheimisch wirst Du werden , wenn ich Dir sage , daß diese edelmüthige Frau , Charlotte M ..... ist , deren Vater , als er noch reich war , in unsrer Nachbarschaft wohnte , und die damals als ein liebenswürdiges Kind , mit ihren schönen Kleidern und lieblichem Wesen , oft das Ideal unsrer kindischen Nachahmungssucht war . Ich suchte Gelegenheit Charlotten zu sehen , und sie fand sich . Wir erkannten uns beide sogleich wieder , und sie hatte Scharfsinn genug , um mich richtig zu beurtheilen , und sich nicht von mir zurück zu ziehen , obgleich man mich reich nannte , und sie sonst die Reichen flieht . Und sie hat im Allgemeinen wohl Recht es zu thun ! Denn der Reichthum , der nur die Neigungen befreien , nur dem Menschen dienen sollte , ihn über kleine , enge Rücksichten wegzuheben , und ihm an Andern ein feineres , edleres Interesse nehmen zu lassen , eben weil er andere weniger braucht , wie ganz unerträglich ist er an denjenigen , die dennoch ganz in ihren Geistesbanden bleiben , sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben , sich gegen andere ganz verhärten , und es recht unableugbar zeigen , daß sie zu Sclaven gebohren sind ! Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang , wenn ich mich entschließen kann , die Einsamkeit , die mir unendlich lieb geworden ist , zu verlassen . Ach ! ich war einst zu berauscht , zu seelig , als daß ich das blos Angenehme des Lebens recht herzlich fühlen konnte . Doch , wenn ich mich selbst , wenn ich alles einzeln vergesse , und blos das Ganze in meiner Seele fühlen kann , dann habe ich den Muth , ohne Liebe hinauszugehen , in die lieberfüllte Natur , wo Luft und Stauden , Bäche und Vögel , alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen . Dann gebe ich mich ganz dahin , wo alles stille , große , harmonische Einfalt ist . Meine Sorgen klage ich den zärtlichen Lüften , mein Vertrauen weihe ich der ewigen Ordnung , mein Glück suche ich in dem allmächtigen Liebeshauch , der die Stauden und die Sonnen durchdringt . - Die Natur wirkt auf mich mit ihren großen Beziehungen , sie hebt mich empor mit ihren Flügeln , und wenn es süß ist , Ein verwandtes Herz zu verstehen , und sich von ihm verstanden zu fühlen ; so ist es heilig , sich ganz den Empfindungen hinzugeben , wo aller Menschen Herzen , nah ' oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen ! Siebenter Brief Amanda an Julien Ich habe mir seit Kurzem eine neue Wohnung gemiethet , welche mir durch ihre äußerst schöne romantische Lage schon längst gefiel , und es beschäftigt mich immer mehr , meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten , die ich schon lange im Sinne trage , und bisher nie , ungestöhrt ausführen konnte . Die Ungebundenheit meines Lebens ; die Klarheit , mit der ich die Welt um mich erblicke ; die stille Wirksamkeit die ich übe , macht mich zufrieden , und wenn ichs recht bedenke ; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage , welche ich mir oft jugendlich träumte . Mein stilles Leben faßt weit mehr in sich , und gewährt mir ein mannigfaltigeres Dasein , als meine vormalige lebendigste Lage . - Ein schöner , freier Kreis , das fühle ich lebhaft in heitern Stunden , liegt vor mir da ; und indeß mir in meiner Sphäre nichts entgeht , nichts zu gering ist , ergreift meine Phantasie alle ferne schönen Beziehungen des Lebens . Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Götter mit Wilhelm ! Du glaubst nicht , wie innig er mir ergeben ist , und wie seine liebenswürdige Natur jede Mühe belohnt , die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann ! Er hatte manches von seiner kleinen Geschichte erfahren , und ich hielt es fürs Beste , ihm das Ganze , der Wahrheit gemäß , zu sagen . Er hörte es still und nachdenklich an , dann schlang er sich mit Innigkeit um meinen Arm , und sagte freudig gerührt : » O ! du warst mir schon längst Alles , warst mir , vom ersten Anblick an , da ich dich sah , mehr als Vater und Mutter ! « - Mit jedem Tag , wird er auch mir lieber , glaube ich , sein stilles und feuriges Gemüth besser zu verstehen , und wenn ich in sein schönes , bedeutendes Auge blicke , finde ich mich mit den liebsten Erinnerungen und Träumen umgeben . - Auch den Grafen sehe ich oft und seh ' ihn gerne . Wir leben ein ruhiges Leben , und ich bin so weit davon entfernt , Zärtlichkeit für ihn zu fühlen , daß ich auch diese Empfindung gar nicht bei ihm voraussetzen kann ; denn er ist zu vernünftig und zu erfahren , als ohne Hoffnung auf Erwiedrung zu lieben , und so finde ich in seinem Bestreben mir gefällig zu sein , weiter keine Bedeutung , als daß ihm meine Umgebung gefällt , und er meinen Umgang sucht , weil er ihm Vergnügen macht . - So lösen sich leise und natürlich alle Verwirrungen auf , wenn wir selbst ruhig sind , und nur der eigene gespannte und leidenschaftliche Zustand , macht alle unsere Verhältnisse schwer und verworren . - Weil er Albret so genau kannte , so weiß er viel von meinem vorigen Leben , vieles was ich selbst nicht wußte ; und ich höre mit seltsamer Empfindung manches von meiner eigenen Geschichte , die nun hinter mir versunken ist , so tief versunken , daß ich mich oft selbst kaum überzeugen kann , eine , der in seiner Erzählung spielende Person zu sein . - Vieles hat er mir von Biondina di Monforte erzählt , einer heissen , stolzen , grausamen Italienerin , die auf Albrets Gemüth den mächtig traurigsten Einfluß gehabt hat , und die von Uebermuth , Herrschsucht und Rache zu Handlungen getrieben wurde , die uns sanften , weichmüthigen Deutschen beinah ' unglaublich vorkamen . Sie galt in ihrer Blüthe für die erste Schönheit in Florenz , und auch im reifern Alter , wußte sie durch Kunst , Lebhaftigkeit des Geistes und Klugheit in der Welt den Rang zu behaupten , welcher für ihre Eitelkeit und Sinnlichkeit unentbehrlich geworden war , und ohne welchen sie sich höchst elend gefühlt haben würde . In ihrer Kindheit hatte sie unter sehr drückenden Verhältnissen gelebt , und so hatte sich Härte und Klugheit in ihrem Charakter ausgebildet . Sie liebte heftig , aber sie haßte noch heftiger . Einen Plan durchzusetzen , galt ihr mehr als Alles ; unerschütterlich verfolgte sie ihn , und wenn sie selbst dabei hätte zu Grunde gehen sollen . Wie viel weniger schonte sie das Leben , die Glückseligkeit Anderer ! Mehrere , die das Unglück hatten , sie zu beleidigen , mußten es mit ihrem Leben büßen , denn durch Schönheit , Rang , Reichthum und Einfluß war ihr Vieles möglich . - Frühzeitig , unumschränkte Gebieterin eines großen Vermögens , würden ihr die Männer durch ihre ewigen Schmeicheleien gleichgültig geworden sein , wenn nicht Vergnügen und Stolz , männlichen Umgang ihr zum Bedürfniß gemacht hätten . Was sie am meisten an einem Mann reizen konnte , war Verschwendung , Pracht , Leidenschaftlichkeit und blinde Ergebung in ihren Willen . Aber dabei verstand auch sie allen Leidenschaften der Männer , mit so viel Klugheit und Einsicht zu schmeicheln , daß selbst die , welche sich von ihr losgerissen hatten , ihr heimlich ergeben blieben , und sich von ihrer Meinung , ihren Willen noch lange abhängig fühlten . - Mit Albret hatte sie eine Zeitlang in den engsten Verständnissen gelebt , um ihrentwillen hatte er den größten Theil seines Vermögens verschwendet , und Verhältnisse zerrissen , für die er sonst viele Rücksichten gehabt hatte . Sie war die einzige , die er geliebt hatte , die ihm als eine seltene Ausnahme ihres Geschlechts groß erschien ; alle andere Weiber hielt er für kleinlich , kindisch , verächtlich , und diesen Gesinnungen gemäß , hatte er sie immer behandelt . Und als seine Leidenschaft für sie , weniger heftig brannte , da ward es das Ziel seines Stolzes , ihren Ränken mit noch größerer List und Gewandheit zu begegnen , und sich , selbst wider ihren Willen , wenigstens den Schein eines engen Verständnisses zu erhalten . Aber seine Bemühungen waren vergebens , und er mußte es geschehen lassen , daß sie einen Andern ihm vorzog , auf eine Art , die seinen Stolz eben so sehr , wie seine Leidenschaft kränkte . Nunmehr trat Haß und Begierde nach Rache ganz an die Stelle der Liebe ; bittre Verschlossenheit und verachtendes Mißtrauen , wozu er immer Anlage gehabt hatte , erfüllten nun ganz sein Gemüth . Doch auch gehaßt , blieb sie ihm stets der Mittelpunkt der Welt , die geheime Beherrscherin seiner Handlungen , das einzige Wesen , bei dem er sein Andenken erhalten , und sein Dasein für wichtig gehalten wissen wollte . Er wußte , wie sehr ihr Stolz durch den Anschein von Gleichgültigkeit zu verletzen war , nur mußte dieser Schein ganz die Gestalt der Wahrheit haben , wenn er ihren Scharfsinn täuschen wollte . - Er verheirathete sich mit mir , und es gelang ihm wirklich , ihre Empfindlichkeit rege zu machen . Das Aufsehen , welches er zu erregen , auf alle Weise bemüht war , reizte sie noch mehr , und es war die höchste Zeit , daß er sich entfernte , denn der Todesstreich , welcher den unglücklichen Marchese traf , war , wie es hernach klar geworden ist , Albret von ihrer Hand zugedacht . - Wie gut war es , Julie , daß ich meinen Argwohn gegen Albret , der sich doch nur auf eine bloße Vermuthung gründete , und durch nichts bestätigte , in meinem Herzen nicht lange Raum gab , und meinen Glauben an seine Menschlichkeit , so sehr sie auch durch seine Grundsätze leiden mochte , deshalb nicht ganz zurücknahm ! - Doch laß mich von diesen Gegenständen schweigen ! Es ist ein peinliches Gefühl , mit welchem ich auf jene Zeit der Verwirrung und der Mißverhältnisse zurücksehe . Die wunderbarste Beleuchtung , die seltsamste Mischung von Licht und tiefen Schatten , ruht auf jenen Tagen , und nur dann kann ich ruhig sein , wenn ich das alles vergesse , wenn ich mich überzeuge , daß alles dies tief hinter mir versunken ist , und ich nun frei und einfach mein Leben fortführen kann . Seit einiger Zeit ist unser kleiner Kreis durch die Gesellschaft eines jungen Mannes vermehrt worden , der für mehrere Künste ausgezeichnete Talente besitzt , und sich Antonio nennt . Seine seltne Kunst im Portraitmalen machte hier Aufsehen , und ich ließ mich auf Wilhelms unabläßiges Bitten , für diesen von ihm malen ; und da Wilhelm selbst für die Malerei viel Anlage und Lust bezeigt ; so beschloß ich , diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorbei zu lassen . Auf diese Weise ist er uns näher bekannt geworden , und wir haben bald einstimmig entschieden , daß seine Manier im Umgang , für uns eben so angenehm ist , wie in Gemälden , und daß er eben so viel Charakter , als Talente besitzt . - Er hat in seinen frühern Lebensjahren mit vielen Unannehmlichkeiten zu kämpfen gehabt , sich aber unter allen unverrückt , zu dem gebildet , was er ist , und weil ihm seine Verhältnisse bald in die Einsamkeit , bald unter viele Menschen geführt haben ; so hat er beides gebildet , Charakter und Talente ; denn jener bildet sich in der Einsamkeit , diese mehr in der Gesellschaft . - Endlich ist ihm der Genuß eines freieren Daseins geworden , und er , der still und verborgen unter dem Druck der Umstände fortgeblüht hat , steht nun vollendet da , wie die Schneeblume , sobald der Schnee zerschmolzen ist . - Er lebt jetzt im ganzen Sinn des Worts ; die Welt gefällt ihm , und an allem kann er eine schöne poetische Seite finden . Das Einzige was ihn bisweilen unzufrieden macht , so hoch es ihm wieder in andern Augenblicken beseeligt , ist seine Liebe zu den Künsten . - Vieles , und auch das quält den Künstler , daß er sein Werk , was er schaffen will , nicht mit Einemmal vollendet hinstellen kann , sondern erst das Mechanische überwinden , tausend kleine Schritte thun , geduldig den immer wiederkehrenden Abschnitt von Tag und Nacht durchgehen muß , und so seine heißgefaßte Idee , das schnell gebohrne Kind seines Geistes , langsam , wie eine irrdische Pflanze durch die Zeit wachsen sieht , da er sie schon vollendet , als ein himmlisches Kind der Unendlichkeit , in seinem Geiste trug . Lebe nun wohl , ich weiß Du wirst Dich über meine jetzige Stimmung freuen . Doch , Julie , wenn Du glauben wolltest , daß mein Gemüth immer so ruhig wäre , wie es vielleicht der Ton dieses Briefes sein mag , so würdest Du Dich sehr irren . - Sehr oft überfällt mich eine dunkle , quälende Unruhe ; ich fühle mich unzufrieden , fremd mit mir selbst , und es ist mir , als gäb ' es für mich noch viele Räthsel im Leben , die der Auflösung bedürften , als müßte ich ahndungsvoll noch irgend eine Begebenheit erwarten . - Und ich weiß es wohl was es ist - ich werde ihn wiedersehn , das ist mir fast gewiß - aber wenn ? und wo ? und muß ich dies , obgleich es in manchen Momenten mir als das süsseste Glück , der hellste Punkt meines Lebens erscheint , muß ich es nicht fürchten ? - Ach ! die Seelen der Liebenden , finden sich nie wieder ! Einmal getrennt , sind sie es auf immer . - Ihr haltet noch das Bild des Geliebten fest , und erstaunt ein fremdes Wesen wieder zu finden , die Zeit verändert euch und ihn , und das eigensinnige Herz verblutet sich da , wo einst der Gegenwart himmlische Rosen blüthen , vergebens an den Dornen der Erinnerung . Achter Brief Eduard an Barton Es ist tiefe Nacht . - Der Mond malt die Umrisse der Fenster bloß auf den Boden hin . Ich tauchte mich in die nächtliche Luft , die lieblich kühlend mir entgegen quoll , und eine dunkle Unruh überfiel mich , als ich an dem nächtlichen Himmel die wechselnde Gestalt der bleichen Wolken , das sonderbar gebrochne Licht des Mondes betrachtete . - Aber es war die zärtliche Schwärmerei nicht mehr , die wohl einst in glücklicher Zeit mich in solchen Stunden , mit Sehnsucht und Wehmuth ergriff - es war vielmehr das lästige Gefühl eines beschränkten Wissens , das in gewissen Momenten den Menschen so mächtig ergreift . - Ich dachte mir , wie die frühen Generationen der Sterblichen schon auf die Erscheinung der Himmelskörper geachtet hätten , wie sie in stillen Nächten ihren Gang beobachtet , und mit der süssen Hoffnung einst ganz mit ihnen bekannt zu werden erfüllt , ihnen ihre geheimnißvolle stille Ordnung abgelauscht hätten - bis dann die Menschen sich auf einmal vor der Gränze fanden , wo jede Spur verschwindet . Keiner stieg in den Stern hinauf , keiner stieg herab . Sie durften nicht fragen : warum befolgt ihr diesen Gang , diese ewige , gesetzmäßige Gleichförmigkeit ? - Von ihrer eignen Schwere festgehalten , bleiben die Menschen an die Erde gefesselt , und nur auf den Schwingen der Phantasie können sie dieselbe verlassen . - Die Wolken flogen auseinander , und mit siegreichem Glanz standen die Sterne in ihrer blauen , unermeßlichen Klarheit da . - Dort oben also , ewiges Licht , und abwärts nur Dünste und zweifelhafter Schein ? - Warum wirkt ihr auf mich , warum beunruhigt ihr mich , ihr geheimnißvollen Wesen , deren Natur ich vielleicht nie zu ergründen vermag ? - Wenn Du diese traurigen Gedanken gelesen hast , mein lieber Freund , so wirst Du mir es vielleicht kaum glauben , daß ich unmittelbar vorher , von der zärtlichen Unterhaltung , einer schönen Geliebten , nach Hause gekommen war . Und doch ist es so ; aber meine Liebe , ist wie sie selbst , nur der Gegenwart geheiligt , aber auch in dieser gleich ihr , unendlich beglückend . Ich will Dir nicht leugnen , daß jenes Abentheuer , mit dem schönen Waldmädchen mich doch im Grunde gewaltig verstimmt hatte . Die Ueberzeugung , daß nur meine Umgebung allein , so vielen Reiz für sie gehabt hatte , war mir sehr empfindlich , und ich kam mir in manchen Augenblicken recht gedemüthigt vor . - Denn gewiß dünkt es doch einem jeden schön , - und ist es auch - um seiner Persönlichkeit willen geliebt oder geehrt zu werden , und so gern auch Viele sich im Nothfall hinter die Schutzwehr ihres Ranges oder ihres Reichthums verstecken , so schmeichelt ihnen doch nichts mehr , als wenn sie glauben , man übersehe dies alles , und achte nur ihr eigenthümliches Verdienst . Und wie unangenehm würden Manche , die so zuversichtlich alle Huldigung auf Rechnung ihres persönlichen Werths schreiben , überrascht werden , wenn ihnen ihre artigen Umgebungen , denen eigentlich die andern schmeicheln , auf einmal genommen würden , und sie nun mit einemmale alles um sich her verändert sähen ! Ich war menschenscheu geworden und vergrub mich eine Zeitlang in Arbeiten , in denen mein Vater mir es nicht fehlen ließ , bis ich mein Selbstgefühl wieder so sehr gestärkt fand , daß ich wieder heiter und empfänglich in die muntre Welt , die mich hier umgiebt , treten konnte . Mitten im bunten Getümmel begegnete ich bald darauf einem Mädchen , deren Umgang im Kurzen das Ziel meines Bestrebens ward . Ich fand sie in den besten Gesellschaften , und überall , wo Vergnügen , Geschmack und Lebhaftigkeit wohnte , und durfte sie bald , so oft sie nur selbst wollte , in dem geschmackvollsten Zimmer , und der niedlichsten Umgebung allein sehen . Dir zu schildern , was sie eigentlich ist , vermag ich nicht , obgleich ich sie in manchen Augenblicken ganz zu verstehen glaube , aber wie es auch sei , so viel ist gewiß , daß mich ihr Wesen , so oft ich sie sehe , ganz froh und glücklich macht . Ich möchte sagen , daß sie von allen Freuden des Lebens nur das feinste und flüchtigste , wie den bunten Staub auf den Schmetterlingsflügeln , abstreift , und über alles Tiefe , Nachdenkliche , im Leben leicht und ahndungslos hinwegschlüpft , wie ein Zephir nur die Spitzen der Blumen berührt . Für mich ist sie sehr poetisch , obgleich sie selbst nichts davon wissen will , denn die Poesie , sagt sie , ist ein Traum aus einer andern Welt , und ich schlafe nicht ; ich wache . - Uebrigens mein Lieber , bemühe ich mich auch eben nicht sonderlich , mein Urtheil über sie recht ins volle Licht zu setzen , und sie unter irgend eine schulgerechte Regel bringen zu wollen . Denn schon oft sind mir die meisten Urtheile der Männer über Weiber recht herzlich zuwider gewesen . Fast ein jeder hat sein System , und hält nun , wie an einer Silberprobe jedes weibliche Geschöpf , das ihm im Leben begegnet ; er künstelt an dem unschuldigen Wesen , um es in sein System zu passen , und nennt es dann verschroben , wann es seiner Eigenthümlichkeit nach anders ist , als er sich es dachte . - Ich bin zufrieden , daß es mir vergönnt ist , in den Spiegel dieses heitern , empfänglichen Gemüths zu schauen , welches alle Strahlen der Welt auffaßt , und in den lieblichsten Farben zurückstrahlt so , daß mir nun vieles , was mir sonst öd ' und todt war , mit frischen Reizen in die Seele herein scheint . - Wir hatten uns schon oft und viel gesehen , ohne sonderlich auf einander zu achten , als mir mit einemmale die Augen aufzugehen schienen . Ich war in der reinsten Stimmung , das Leben erschien mir unbedeutend und wichtig zugleich ; ich nahm mir vor , nichts Bedeutendes zu erwarten , und die Freude frisch zu ergreifen , wo sie mir entgegen lächeln würde . Und so hatte ich den entschiedensten Sinn für ihre Liebenswürdigkeit . Wir wurden sehr schnell bekannt , und ich konnte ihr frei meine Neigung entdecken . Sie antwortete nicht darauf , blieb in ihrem Betragen unverändert , und schien es gar nicht zu achten . Aber einst , als ich allein bei ihr war , und sie mir mehr als gewöhnlich reizend erschien , nahm sie eine frische Granatblüthe von ihrer Brust , und gab sie mir . Diese Blüthen sind der Gegenliebe geweiht , sagte sie , und blickte mich mit feuriger Schwärmerei an . - In diesem Styl ist alles was sie thut , leicht , willkührlich und fein , nur daß es von Blick und Geberde begleitet sein muß , und , wie sie selbst sich schöner sehen , als beschreiben läßt . Sonderbar ist es , daß mich ihr Gesang , - denn sie übt ' diese Kunst wie manche andere mit glücklichem Erfolg - stets in meiner Zufriedenheit stöhrt . - Auf seinen Flügeln trägt mich der Gesang dann in ein anderes , fernes Land , wo liebliche Gestalten verworren vor mir scherzen . Und gebe ich mich