Pflaster über dem einen Auge . Seine Sprache war so unverständlich , daß Ubaldo erst mit vielem Hin- und Herreden , die Bitte um ein Nachtlager , begreifen konnte . Nach mancherley Schwierigkeiten ward es ihm endlich zugestanden . Die Musik hatte aller Herzen für ihn gewonnen . ( Am folgenden Tage . ) Der Fremde ist noch hier . Ubaldo , bis zur Narrheit in sein Instrument verliebt , hat sich bey ihm in die Lehre gegeben . Es ist wahr , der sonderbare Mensch spielt zum Entzücken . Mir ist es unbegreiflich , wie er bey so außerordentlicher Geschicklichkeit , in dieses Elend gerathen konnte . Ubaldo hat mir verschiedenes von seinen überstandenen Abentheuern mitgetheilt . Aber das alles ist so romanhaft und zum Theil so unzusammenhängend , daß man , wie Ubaldo , schon ganz und gar eingenommen seyn muß , um es zu glauben . Sollte er von meinem Manne abgeschickt sollte Ubaldo verdächtig geworden seyn ? - Gott gebe es ! dann würde ich von diesem , mir jetzt so widrigen Menschen befreyt werden . Wenn er meine Briefe unterschlüge ! - Wenn dieß die Ursache Deines , meines Mannes Stillschweigens wäre . - O warum bin ich denn so ganz ohne Rath und ohne Schutz ! Warum kommt mein Mann nicht ? - Schon nach acht Tagen wollte er mich abholen . Sollte er krank seyn ? Sollte Ubaldo es verheelen ? - O Gott ! O Gott ! in der Gewalt dieses Menschen ! - Keiner von Euch weiß wo ich bin . Ich selbst kenne nicht einmal den eigentlichen Nahmen dieses Guthes . Welche Angst überfällt mich ! - Ach Niemand kann mir helfen ! ich selbst muß mich retten . Wenn ich dem Fremden diesen Brief übergäbe - Wenn ich ihn flehentlich bäte - Er hat ein menschliches Herz ; das verräth sein Instrument . Ach ich Unglückliche ! einem Landstreicher mich anvertrauen ! der vielleicht mit Ubaldo im genauesten Verständnisse , auf nichts als niedrige Ränke bedacht ist . Es wird dunkel um mich her ! Wer rettet mich aus dieser Finsterniß ! - Drey und funfzigster Brief Julie an Wilhelmine Da liegt der Brief ! Ich habe ihn gesiegelt ; aber noch weiß ich nicht , wie er in Deine Hände kommen soll . - Wenn ich nun gerade an meinen Mann schriebe - sollte sich der tückische Mensch wirklich unterstehn , den Brief zurückzubehalten ? - Aber , wenn er , seiner Schuld sich bewußt , ihn erbricht - sieht , daß ich ihn anklage , ihn anklagen muß - O Gott ! was soll ich thun ? - Der unglückliche Fremde scheint mich sprechen zu wollen . Sollte es eine Warnung , ein Wink zu meiner Rettung seyn ? - Nein , er ist kein böser Mensch ! das sagt mir mein Herz . Er will mir wohl , darauf könnte ich sterben . Ich kann mich ihm anvertrauen . Ja gewiß ! ich kann es thun . Voll Unruhe trat ich an mein Klavier . Alceste lag auf dem Pulte . Ohne an die Musik zu denken , spielte ich einige Blätter nach einander weg , und kam endlich an die herrliche Stelle : » noch lebt Admet in deinem Herzen . « Wahrscheinlich würde ich sie eben so sinnlos abgespielt haben ; wäre der Fremde nicht in dem Augenblicke mit seiner Klarinette eingefallen . Wie spielte er ! Mit einem Thränenstrome eilte ich zum Fenster . Er muß gesehen haben , daß ich weinte . Ich war außer mir . Nein , es ist unmöglich diesem Instrumente mehr Seele einzuhauchen . Gewiß er hat unglücklich geliebt . O da ist mehr als Kunst ! man fühlt es an seinem eignen Herzen . Ich bin entschlossen ! ich entdecke mich ihm . Nein ! ein Mann der liebt , der unglücklich liebt , ist wenigstens in dieser Zeit kein böser Mensch . Vier und funfzigster Brief Julie an Wilhelmine O was habe ich gethan , daß ich so unglücklich bin ! Ich glaubte mich zu retten ; und bin trostloser als jemals . Wäre ich bey Dir meine Wilhelmine ! wäre ich bey Dir ! Ich fürchte meinen Mann . Wer rettet mich ! Er ist es ! er selbst ! Antonelli ! Ach das habe ich nicht gewußt ! Daran habe ich nicht gedacht . Es hat mich tödtlich erschüttert . Sehr , sehr hat er mich geliebt ! und ich ? - o ich entfliehe ! Entdeckt ihn mein Mann ; er ist verlohren ! - Ich kann Dir nicht erzählen . Dieser Brief - er kommt doch nicht in Deine Hände . Ich müßte ihn selbst bringen . Ich schreibe nur um mich zu fassen , um mir selbst deutlich zu machen , was ich denke . Lange war ich so tödtlich betäubt , daß mir alles nur wie ein dunkler Traum erschien . Wie er da vor mich hinstürzte , die Kleider von sich riß , schwur : es solle ihn kein Wesen mehr von mir trennen , er kenne die Furcht nicht mehr , Allem sey er bereit zu widerstehen . O Gott ! in seinen Armen war ich ! an sein Herz hat er mich gedrückt ! mein Mund brennt noch von seinen Küssen ! - Ich bin verlohren ! ich bin verlohren ! Fünf und funfzigster Brief Olivier an Reinhold Nein , Mutter-Thränen , die trage ich nicht ! Er ist dahin ! Ja ! Antonelli ! Ich habe ihn getödtet . Warum wollte er tückisch mein Eigenthum rauben ? Ein Herz , für das ich tausend Leben gegeben haben würde . O dieses Herz ! nun ist es auch dahin ! - Ich kann das Leben nicht tragen . Komm schnell . Schreibe Wilhelminen . Ich gehe mit dem Könige . Ich will Dich noch sehen . Komm ohne Verzug . Ich reise . * * * Er gieng in die Schlacht , und eine Kugel brachte sein unglückliches Herz zur Ruhe . Julie ward von Wilhelminen und Reinholden schnell aus dem Trauerhause weggeführt . Nach einigen Jahren sah sie ihre Freundin mit dem edlen jungen Landmann verbunden , der schon lange Wilhelminens Herz besessen hatte . Sie selbst konnte sich zu keiner zweyten Verbindung entschließen . Jedesmal , wenn ihre Freunde davon sprachen , suchte Reinhold die Einsamkeit ; sie aber blickte lächelnd gen Himmel . Fußnoten 1 Antonelli