auflösen . Und dann , von beiden Freunden geleitet , soll Juliane des schönsten Daseins sich zu erfreuen haben . Keine Lücke bleibe in ihrem Herzen , ihre Liebe bedürfende Seele sei ganz glücklich im Genuß . « ... » Gemach , mein guter Eduard ! gemach ! So gelassen wolltest du wirklich dreinsehen , wie der Freund seine Tage unter Prüfungen der Selbstüberwindung hinschleichen ließe , sein wärmstes Leben , sein lebendigstes Gefühl ertötete , und mit halb verschloßnem mißtrauendem Herzen keinen fröhlichen Augenblick verlebte ? Ich gestehe dir aufrichtig , diese heroische Tugend darf ich nicht zu der meinigen zählen . Wäre der Fall so , wie du ihn wähnst , so wäre , aufs schnellste entfliehen , für mich das ratsamste , und das , was ich gewiß zuerst tun würde . Aber es ist nichts von dem allen . Wahr ist es , Julianens Schönheit überraschte mich : sie ist ein anmutiges Wesen , mit immer neuen , immer lieblichen Bildern erfüllt ihre holde Gestalt die Phantasie , aber - « - » Ach , wenn du ihre Seele kenntest , so weich ! zugleich so voller Kraft und Liebe , ihren Charakter , die herrlichen Anlagen ! « - » Ich verkenne Julianen nicht . Wäre sie aber auch für mich bestimmt , ich zweifle , daß ich ganz glücklich sein würde . « - » Freund , wer mit diesem Engel nicht leben könnte , der - « - » Der verdient gar nicht zu leben , willst du sagen . Leicht wahr ! Ich spüre selbst so etwas ! Indessen ... versteh mich , mein lieber Freund ! Gräfin Juliane , Erbin eines großen Namens , eines großen Reichtums , aus den Händen der höchsten Kultur kommend , im Zirkel der feinen Welt schimmernd , der Anbetung von allen , die sie umgeben , gewohnt , und Florentin , der Arme , Einsame , Ausgestoßne , das Kind des Zufalls . « - » Wilder , seltsamer Mensch ! Warum nennst du dich so ? und warum dünkst du dich noch immer allein ? in unserer Mitte allein ? « - » Habe Geduld mit mir , ich darf mich nicht entwöhnen , allein zu sein ; muß ich nicht fort ? « - » Was treibt dich , ich beschwöre dich ? Vertraue dich nicht ohne Not dem eigensinnigen Glück , bleibe bei mir ! « - » Ich will ' s versuchen , lieber Freund , aber ich stehe nicht dafür , ich muß , ich muß doch endlich dahin , wo meine Bestimmung mich ruft . « - Eduard wollte noch etwas sagen , als die Müllerin zu ihnen herauskam . Juliane ließ ihnen sagen , sie möchten in ihr Zimmer kommen und ihr Gesellschaft leisten , sie könnte unmöglich schlafen . Alle , auch der Müller , den sie drum hatte bitten lassen , versammelten sich nun bei ihr ; sie war vom Bett aufgestanden , und saß in einem bequemen Stuhl beim Kaminfeuer ; die Kleider der Müllerin hatte sie noch an . In der erhellten Stube sah Florentin nun deutlich die Zerstörung auf Eduards Gesicht , und in seinem Wesen ; kaum daß diese sich etwas legte , da Julianens zärtlich beredter Blick sich nicht von ihm wandte und ihn um Verzeihung zu flehen schien . Sie rief ihn zu sich , und sprach leise und beruhigend mit ihm . Florentin war gewiß , daß etwas Ernsthaftes zwischen ihnen vorgegangen sein mußte , während er sie allein gelassen hatte . Es war ihm klar , daß es Eifersucht sei , was das schöne reine Verhältnis der Liebenden zerstöre . Eine ängstigende Unruh ' drückte sein Herz , da es ihm einfiel , daß er selbst vielleicht , unglücklicher-oder unvorsichtigerweise , Ursach ' dazu gegeben habe . Er überdachte noch einmal jedes Wort , das ihm Eduard vor der Tür gesagt hatte , er mußte ihn bewundern , daß er , bei einer Leidenschaft , die ihm selbst so fürchterlich und so zerreißend schien , mit soviel Feinheit und Aufopferung fühlte und sich äußerte . Sein Glaube an Eduards schöne edle Seele erhielt eine neue Bestätigung , die ihn mehr als jemals anzog ; auf diese Weise fühlte er sich von widersprechenden Gefühlen durchstürmt , und alles , was er in sich beschließen konnte war : bald , sehr bald fortzugehen . Während daß er in sich gekehrt , und in seine Gedanken verloren dasaß , waren die übrigen in einem allgemeinen Gespräch begriffen . Juliane erzählte : das Brausen des Waldes und des Wassers hätten sie entsetzlich zu fürchten gemacht , es wäre ihr nicht möglich gewesen einzuschlafen , obgleich sie die Augen fest verschlossen und sich die Decke über den Kopf gezogen habe , um nichts zu hören . » Als spräche des Waldes und des Wassers Geist drohend zu mir herüber « , sagte sie noch schaudernd , » so war mir ; jeden Augenblick fürchtete ich , sie würden mir in sichtbaren Gestalten erscheinen ; alle alten Romanzen und Balladen , die ich jemals gelesen habe , sind mir zu meinem Unglück grausend dabei eingefallen . Sie hätten es nur hören sollen , Florentin ! « - » O ich habe auch die Geister zusammen sprechen hören , aber mich nicht vor ihnen gefürchtet , mir klang es freundlich und vertraulich ; es sind mir freilich keine Balladen und Romanzen dabei eingefallen . « - » Wissen Sie uns keine Geistergeschichte zu erzählen ? « fragte sie den Müller , » in Gesellschaft mag ich sie gar gerne hören ; der Kreis wird gleich eng und vertraulich dabei . « - » O wir wissen genug « , sagte die Müllerin , da es der Mann ablehnte zu erzählen , » aber sie sind alle gar zu fürchterlich und erschrecklich , so daß ich es nicht wagen möchte , sie der gnädigen Gräfin jetzt zu erzählen . « - » Ich bin der Meinung unsrer guten Frau Wirtin « , fiel Eduard ein ; » es möchte Sie zu sehr beunruhigen , da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind . « - » Gut « , sagte Juliane , » wenigstens müssen Sie mir aber erlauben , Ihnen etwas zu erzählen ; es fällt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein , die weder schreckhaft noch fürchterlich und doch merkwürdig ist . « Sie setzten sich insgesamt um sie her , und versprachen ihr Aufmerksamkeit . Sie erzählte nun folgende Geschichte . Zwölftes Kapitel » Meine Tante Clementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin , von der sie sich oft monatelang nicht trennte . Diese Freundin war verheiratet , ihren Namen habe ich nicht erfahren , die Tante nannte sie nur immer Marquise . Sie lebte glücklich mit ihrem Gemahl , den sie sehr liebte , und von dem sie ebenso wieder geliebt ward . Sie waren schon fünf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen , wie sie beide es sehnlichst wünschten . Dem Marquis war es sehr wichtig einen Erben zu haben , weil der Besitz großer Güter an diese Bedingung geknüpft war . Die gute Dame fürchtete für die Liebe ihres Gemahls , und sparte weder Gelübde noch Gebete , um sich das ersehnte Glück von allen Heiligen zu erflehen . Sie wallfahrtete nach allen wundertätigen Bildern , und nach den gerühmten Bädern . Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete , war Zeuge ihres Grams , der endlich so tief wurzelte , daß man und nicht ohne Grund , anfing , für ihre Gesundheit besorgt zu werden : denn nicht allein , daß der Schmerz vergeblicher Erwartung sie nagte , sie ward auch größtenteils dadurch untergraben , daß sie unzählige Gebräuche des Aberglaubens anwandte , und von jeder guten Gevatterin oder jedem gewinnsüchtigen Betrüger sich Verordnungen und Arzneien geben ließ . Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich . Um diesen endlich zu entgehen , brauchte sie meistens die Mittel heimlich , oder unter mancherlei Vorwand . Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche , um sie aufzuheitern , meine Tante verließ sie in dieser Zeit fast gar nicht . In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche , die Marquise betete länger und eifriger als jemals und konnte sich , der häufigen Erinnerungen und Bitten ihrer Freundin ungeachtet , gar nicht losreißen . Sie gab vor , da diese sich über den vermehrten Eifer verwunderte , sie hätte viele Dankgebete zum Himmel zu schicken für die glückliche Errettung ihres Gemahls , der tags vorher von einer Reise zurückgekommen , auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt gewesen war . Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu stören , da sie sie an den Stufen des Altars und zu den Füßen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt , weinen und laut schluchzen hörte , denn sie wußte aus Erfahrung , daß sie durch eine Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde . Sie erwartete also , teils mit Geduld , teils mit ihrer eignen Andacht beschäftigt , bis die ihrer Freundin geendigt wäre . Da diese ihr doch endlich zu lang dünkte , rief sie ihr zu ; da sie aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb , so beugte sie sich zu ihr hinunter , hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne Bewußtsein , kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken . Mit Hülfe einiger zunächststehenden Menschen führte meine Tante sie aus der Kirche , und half sie in den Wagen heben , der vor der Kirchtür hielt . Sie hatten einen ziemlich großen Weg nach ihrem Hause zu fahren , währenddem gelang es ihr , sie durch alle Hülfe , die in dem Augenblick möglich war , wieder zu sich selbst zu bringen . Als sie wieder sprechen konnte , fragte sie die Tante um die Ursache ihrer sonderbaren Heftigkeit , und bat sie so dringend und unter so zärtlichen Liebkosungen , ihr Herz gegen sie zu öffnen , daß sie nicht länger widerstehen konnte . Sie vergoß in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Tränen , und nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten , erzählte sie ihr : sie hätte soeben einen Vorsatz ausgeführt , den sie schon seit länger als einem Jahre in ihrem Herzen gehegt habe , zu dessen wirklicher Ausführung sie noch niemals Kräfte genug in ihrer Seele gefühlt hätte ; aber heute nacht hätte sie diese in ihrem heißem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen . Sie hätte es glücklich vollbracht , doch sich so angestrengt , daß sie gleich darauf ihre Besinnung verloren habe . Dieselbe , an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen , möge es ihr vergeben , daß gleich darauf ihren Körper diese Schwäche befallen , und daß sie auch jetzt noch sich der Tränen nicht enthalten könne . - Meine Tante erwartete mit ungeduldiger Unruhe das Ende dieser Vorrede und das , wohin sie führen sollte . Endlich sammelte sich ihre Freundin und erzählte ihr : sie habe das Gelübde abgelegt , und würde es unverbrüchlich halten , sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu trennen , wenn sie länger als das nächste Jahr ohne Kinder bliebe ; ihr Gemahl sollte sich alsdann eine andere Gattin wählen , mit der er glücklicher wäre , sie selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten für sein Wohl in einem Kloster beschließen . - Sie kamen bei diesen Worten vor dem Hause an , und wurden aus dem Wagen gehoben , noch ehe meine Tante ein Wort über dieses traurige Gelübde hatte vorbringen können . Der Marquis kam ihnen entgegen , voll Besorgnis wegen ihres ungewöhnlich langen Ausbleibens . Die beiden Frauen sprachen kein Wort , er sah sie verwundert an , und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner Gemahlin und der bekümmerten Miene meiner Tante gleich wahr , daß ihnen etwas Außerordentliches müsse zugestoßen sein . Er führte sie ins nächste Zimmer , und ließ nicht eher ab , bis er die Ursache ihrer Bestürzung erfahren . Sie erlaubte es endlich meiner Tante , dem Marquis ihr Gelübde zu entdecken . Dieser suchte sich ungeachtet seines heftigen Schreckens zu fassen , und bat sie , sich zu beruhigen ; sie ließ aber nicht eher mit Tränen und Bitten nach , bis er ihr versprach , sie durch keine Gegenvorstellung , und keine heimliche Veranstaltung an der Ausführung ihres Gelübdes zu verhindern . Nun erfolgte eine Szene von zärtlichen Vorwürfen , von Liebe , Großmut und Aufopferung , die man sich wohl leicht vorstellen kann . Die Nacht war unterdessen beinahe verstrichen , die Marquise fühlte sich sehr ermüdet , und bat meine Tante sie nach ihrem Zimmer zu begleiten , weil sie trotz ihrer Müdigkeit nicht würde schlafen können , und sie ihr noch einiges sagen wollte . Ihr Gemahl führte sie die Treppe hinauf , ein Gitter verschloß einen ziemlich langen Gang , an dessen Ende das Schlafzimmer der Dame lag . Der Marquis zog an der Klingel , die Kammerfrau trat aus dem Zimmer , um zu öffnen , er wollte eben wieder die Treppe hinuntergehen , als die Marquise ausrief : Ach seht ! seht hin ! was kömmt da für ein englisch schönes Kind . Man sah hin durch das Gitter , wo sie hinzeigte , sah aber nichts als die Kammerfrau , die mit einem Licht in der Hand den Gang herunterkam , und die Gittertür aufschloß . - Was hast du da für ein schönes Kind ? fragte sie sie hastig . Die Kammerfrau sah sie an , ohne zu antworten . O seht doch das Engelskind ! rief die Marquise wieder , tat einige Schritte vorwärts , und beugte sich freundlich , wie zu einem Kinde herab . Entsetzen und Erstaunen bemeisterte sich der Anwesenden , denn sie sahen kein Kind . Die Marquise ging mit offnen Armen noch einige Schritte , als wollte sie etwas umfassen , wankte , und sank mit einem lauten Schrei nieder . Sie ward zu Bette gebracht . Als sie wieder zu sich selbst kam , fragte sie , ängstlich die Antwort erwartend , ob denn die andern nicht das Kind am Fuße des Bettes stehen sähen ? Da man nun an der Stelle , die sie bezeichnete , nicht das geringste wahrnahm , und sie am Achselzucken und am bedauernden Zureden der andern merkte , daß man sie für krank hielt , und als ob ihr nicht geglaubt würde , daß sie wirklich das sähe , was sie zu sehen vorgab , beschrieb sie mit der größten Genauigkeit und ganz gelassen die Gestalt des Kindes , das sie zu ihren Füßen an das Bett gelehnt stehen sah . Es schien ihr in einem Alter von drei Jahren , trug ein leichtes weißes Gewand , Arme und Füße waren nackt , um den Leib hatte es einen blauen Gürtel von hellglänzendem Zeuge , dessen Enden hinter ihm niederflatterten . Das Köpfchen sei mit himmlischen blonden Locken , wie mit den zartesten Strahlen umgeben , das mit den kindlichen Wangen , dem frischen Munde und den lachenden blauen Augen wie ein wundersüßes Engelsköpfchen aussehe . Das ganze Figürchen umschwebe hinreißende Anmut ; kurz , sie beschrieb es so umständlich , daß man gar nicht mehr zweifeln durfte , sie sähe es in der Tat vor sich ; da sie es aber anfangs hätte umarmen wollen , wäre es zurückgewichen , daher sei ihr Schreck und die Ohnmacht gekommen , denn es hätte sie überzeugt , daß sie eine Erscheinung sehe . Ihre Freunde durften keinen Widerspruch wagen , aus Besorgnis sie aufzubringen , und man geriet in große Verlegenheit . Der Arzt wurde herbeigeholt , er fand sie in heftiger Wallung , sonst aber keine Spur von irgendeiner Krankheit . Er verordnete vorzüglich Ruhe . Sie wollte versuchen zu schlafen , rief aber in dem Augenblick : O seht doch , wie es sich freundlich gegen mich neigt , und nun geht es , das liebe Gesichtchen immer zu mir gewendet , zurück . Seht , dort setzt es sich im Winkel nieder , es winkt mir mit den Händchen , ich solle schlafen ! - Man bat sie , die Augen zu verschließen , damit sie Ruhe fände . Die Bettvorhänge wurden niedergelassen , und nachdem sie etwas Kühlendes getrunken hatte , schlief sie ein . Bei ihrem Erwachen , nachdem sie einige Stunden ruhig geschlafen hatte und es unterdessen völlig Tag geworden war , hoffte man , ihre Erscheinung würde verschwunden sein ; aber zum Erstaunen blieb diese , wie in der Nacht . Kaum erwachte sie , so zog sie die Vorhänge zurück und sah auch sogleich das Kind mit muntern freundlichen Gebärden auf sich zukommen . Sie unterhielt sich nun auf die vertraulichste und liebreichste Weise mit ihm , und versicherte , es gäbe ihr durch sehr ausdrucksvolle Mienen verständliche Antwort . Sie gebot ihm , sich vom Bett zu entfernen ; es ging zurück ; drauf winkte sie ihm wieder , und es kam näher ; dann gebot sie ihm , ihr etwas zu reichen , da machte es , wie sie versicherte , eine Gebärde mit Kopf und Schultern , als wollte es ihr zu verstehen geben , dies sei über seine Macht . Sie stand auf , ging im Zimmer herum , das Kind lief beständig vor ihr her , immer rückwärts , das Gesicht zu ihr gewendet . Man war in der schrecklichsten Besorgnis wegen dieser bleibenden Erscheinung ; man hielt es für eine völlige Zerrüttung der Sinne und der Gesundheit ; und man drang einigemal in sie , sich den Händen eines Arztes zu übergeben . Sie war aber nicht zu bewegen Arznei zu nehmen , weil sie sich so wohl fühlte , als sie seit lange nicht gewohnt war . In der Tat blühte sie zum Erstaunen aller Bekannten , in kurzer Zeit , ordentlich neu auf . Sie ward wieder munter , sie konnte wieder gehörig Speisen zu sich nehmen und ruhig schlafen , sie nahm wieder an der Gesellschaft frohen Anteil , und schien sogar ihres traurigen Gelübdes nicht mehr zu gedenken . Ein paarmal sprach sie nur mit ihrem Gemahl davon , aber mit der größten Geistesruhe ; sie versicherte ihn , sie verlasse sich völlig auf sein Versprechen , ihr in der Erfüllung nicht entgegen zu sein . Die Erscheinung des Kindes verließ sie keinen Augenblick . Es begleitete sie bis an die Gittertüre , so oft sie ausging ; sobald die Tür zugemacht war , sah sie es den Gang wieder zurück nach ihrem Zimmer schweben ; wenn sie wiederkam , fand sie es ebenso am Gitter ihr entgegenkommen . Dabei war es , wie sie vorgab , immer traurig , wenn sie es verließ , und vergnügt , wenn sie es wiedersah . Bei Nacht trug es eine Kerze in der Hand , und am Tage einen Blumenkranz . Außer jenem Bezirk hatte es sie nie verfolgt . Man beredete sie ein anderes Zimmer zu beziehen , dazu war sie aber auch nicht zu bewegen . Sie weinte , wenn sie nur daran dachte , es von sich zu stoßen , und der Marquis ließ es sich endlich gefallen , weil er hoffte , sie würde doch nun ihrer Vision zu Gefallen nicht ins Kloster gehen . Sie liebte die kleine Gestalt mit wahrer mütterlicher Leidenschaft ; sie ward oft in Gesellschaften unruhig , und sehnte sich nach dem Kinde hin , wenn sie es einige Stunden verlassen hatte . Man hörte sie in ihrem Zimmer mit ihm sprechen . Sie hatte ein kleines Bett dem ihrigen gegenüber stellen lassen , darein legte es sich , wenn sie es ihm sagte , auch sah sie es des Nachts , wenn sie von ungefähr aufwachte , drin liegen , aber es erwachte in demselben Moment mit ihr . Ebenso machte sie ihm in einer Ecke des Zimmers eine Spielanstalt , mit einem kleinen Tisch und Stühlchen , sie sah es sich dazu niedersetzen ; die Spielsachen berührte es aber nicht , es spielte nur mit den Blumen , die es in der Hand hielt , oder es saß still ihr gegenüber und lächelte sie mit großen Augen an . Nur wenn Sie es fassen wollte , dann ward sie erinnert , daß es eine bloße Täuschung sei , dann wich das Luftbild von ihren Händen zurück , und ließ sich ebensowenig ergreifen , als die farbige Gestalt des Regenbogens . Nach einiger Zeit ereignete sich etwas , welches das Wunderbare dieser Erscheinung zugleich erklärte und vergrößerte . Die Marquise fühlte nämlich deutliche Zeichen , daß sie guter Hoffnung sei . Die Freude des Ehepaars war ohne Grenzen , als sie dessen endlich gewiß waren . Im Taumel der Freude , ihr Gebet erhört , und sich des trostlosen Gelübdes entbunden zu sehen , eilte sie nach demselben Altare , vor welchem sie es damals abgelegt hatte , und gelobte nun an der Stelle ihr Kind , statt ihrer , dem Kloster zu weihen ! Der Marquis war mit diesem Gelübde beinahe so unzufrieden , als mit dem vorigen , doch mußte er es geschehen lassen . Einen Knaben hoffte er mit Golde loszukaufen . Neun Monate nach dem Tage der ersten Erscheinung ward sie glücklich von einer Tochter entbunden . Während ihrer Niederkunft sah sie die Erscheinung an ihrem Lager unbeweglich stehen , in dem Augenblick aber , daß ihr Kind zur Welt kam , war jene verschwunden , und sie hat sie niemals wiedergesehen . « Juliane endigte hier ihre Erzählung , und ihre Zuhörer dankten ihr einstimmig für das Vergnügen , das diese ihnen gemacht hatte . - » Wenn ich mir jemals wünschen könnte , eine Erscheinung zu sehen « , sagte der Müller , » so wäre es eine solche ! « - » Behüte mich Gott und alle heiligen Engel vor Geistern ! « rief seine Frau , indem sie andächtig ein Kreuz machte ; » sie mögen auch sein , oder Gestalt haben , was und wie sie wollen ! sie bedeuten gar zu selten etwas Gutes . « - » Eine sehr niedliche Geschichte ! « sagte Eduard ; » besonders gefällt mir ' s , daß sie so wunderbar , und doch so einfach , so wahrscheinlich ist ; man versteht sie vollkommen , ohne durch eine besondere prosaische Auflösung gestört zu werden , wie es sonst bei wirklich erlebten Wundern gewöhnlich der Fall ist . « - » Und Sie sagen gar nichts dazu , Florentin ? « fragte Juliane ; » Sie sehen so gedankenvoll aus , haben Sie etwa gar nicht zugehört ? « - » Ich habe wohl zuhören müssen « , sagte dieser , » die Geschichte zwang mich ordentlich zur Aufmerksamkeit . Mir war , als wären mir sowohl die Begebenheiten , als die Menschen darin nicht fremd ; unwillkürlich schob sich mir bei jedem eine bekannte Person unter ; so wie man , wenn man ein Schauspiel liest , sich die Schauspieler denken muß , von denen man es einst hat spielen sehen . Und was ich sonst nicht leicht fühle , mich hat ein leises Grauen dabei überfahren . « - » Grauen ? « fragte Juliane , » diese Wirkung hatte sie doch auf mich gar nicht , da mich sonst schon bei dem bloßen Gedanken an eine Geistergeschichte schaudert ; man sollte es aber schon an Ihnen gewohnt sein , daß die Dinge allezeit auf Sie ganz anders wirken , als auf andere ehrliche Leute . - Doch sehen Sie , der Tag bricht an « , fuhr sie fort , » nun dächte ich , während unser guter Herr Wirt Anstalten trifft , daß der Bote aufs Schloß geht , und die Frau Müllerin uns noch ein Frühstück bereitet , so singen Sie etwas , Florentin ! Ich kann nicht verhehlen , ich bin voller Unruhe und Ungeduld , Musik wird am ersten fähig sein , diese zu täuschen . « Der Müller und seine Frau gingen hinaus , um zu tun , was sie verlangt hatte . » Nun fangen Sie an « , sagte Juliane , » die Gitarre werden Sie nicht brauchen können , sie hat wahrscheinlich sehr von der Nässe gelitten . « - » Es tut nicht viel « , sagte Florentin , » sie wird noch immer gut genug sein , Takt und Tonart ungefähr drauf zu bemerken , mehr braucht es nicht . Doch was verlangen Sie für ein Lied ? « - » Singen Sie , was Sie wollen , nur etwas Neues und Kluges ! « - Nach einem kurzen Besinnen sang er folgende Strophen : » Mein Lied , was kann es Neues euch verkünden ? Und welche Weisheit , Freunde , fordert ihr ? Der Hohen meine Jugend zu verbünden , Dies , wie ihr wißt , gelang noch niemals mir . Noch Neu , noch Alt wußt ' ich je zu ergründen ; Das Schicksal gönn ' im Alter Weisheit mir . Wir irren alle , denn wir müssen irren , Gelassen mag die Zeit den Knäul entwirren . Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund , Gar schroffe Klippen führen drüber hin , Die furchtbar hängen über ' m finstern Schlund ; Wer strauchelt , dem ist sichrer Tod Gewinn ! Ein Müder wankt an Geist und Gliedern wund Daher , schaut bang hinab , kalt graust der Sinn : Am Felsen spielt ein Kind , sorglos bemühet Ein Blümchen pflückend , das am Abgrund blühet . Oft mühten sinnreich Dichter sich und Weise , Das Leben mit dem Leben zu vergleichen . Am glücklichsten geschah ' s im Bild der Reise ! Ein Tor eröffnet Armen sich , wie Reichen ; Früh ausgewandert auf gewohntem Gleise Sieht er die Dämmrung kaum dem Licht entweichen , So treibt der Wahn , ihm dürf ' s allein gelingen , Rastlos in nie erreichte Fern ' zu dringen . Es türmen Felsen sich in seinen Wegen , Des Mittags Strahlen glühn auf seinem Haupt , In Wüsten Sands muß sich der Fuß bewegen , Ein Ungewitter naht , der Sturmwind schnaubt , Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen ? Es seufzt nach Ruh ' , wem stolzer Mut geraubt ; In später Nacht , doch tausendfält ' ger Not Kömmt er ans Ziel - und dieses ist - der Tod ! Der Jüngling tritt , von Ahndung fortgezogen , Zur Schwelle hin , die in das Leben führt . An seiner Schulter tönt der goldne Bogen Der Göttin , so die Welt ihm hold verziert , Der Phantasie , die ihn auf kühnen Wogen Sanft fortreißt , ihn mit bunten Bildern rührt . Wenn er dann so nach schönen Träumen hascht , Wird unbewußt vom Glück er überrascht . Gebt acht , gebt acht , Gelegenheit ist flüchtig , Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen . Obgleich zu nützen sie ein jeder tüchtig , Dem ' s klug gelang , sie nicht entfliehn zu lassen , So ist dem Würdigen sie nie so wichtig , Daß er von ihr sich mag bestimmen lassen . Doch was hilft Mut , was mächtiges Bestreben Dem Schiff , das tollen Stürmen preisgegeben ? So mancher hat gefunden , was zu suchen Er gleichwohl nicht verstand , was zu gewinnen Vergebens er , und mühvoll wird versuchen ; Mißlingen droht dem treulichsten Beginnen . Wie viele hört man dann ihr Los verfluchen Und klagen : Glück ! o mußtest du zerrinnen ? Was traut ihr müßig auf des Glückes Gunst ? Natur sei Vorbild , Leben eine Kunst ! Wer hebt des Künstlers Mut in Kampf und Leiden Als ferne Ahndung hoher heil ' ger Liebe ? Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden Als eignes Glück der süßen zarten Liebe ? Wo ist ein Port für Hohn und böses Neiden , Als in den Armen frommer , treuer Liebe ? Und wird des Helden Stirn in Myrtenkränzen Der Nachwelt schöner nicht , als Lorbeer glänzen ? « Florentin war von seinem eignen Gesange nach und nach so begeistert , daß ihm Reime und Gedanken je mehr je leichter zuflossen , und die beiden wären es nicht müde geworden , zuzuhören , wenn er auch noch länger fortgesungen hätte . Die Müllerin unterbrach aber seinen Gesang und ihre Aufmerksamkeit , indem sie das Frühstück hereinbrachte . Zu gleicher Zeit kam auch der Bote mit der Nachricht zurück , der Wagen und die Bediente der Gräfin würden in weniger als einer Stunde anlangen . Er hatte am jenseitigen Ufer einen Reitknecht vom Schloß zu Pferde angetroffen , der ihn bei seiner Überfahrt erwartete . Dieser hatte ihn gefragt , ob er nicht etwa drei Herren in Jagdkleidern gesehen hätte , denen zwei Hunde gehörten , die er vor der Tür der Mühle liegen sähe ? Da er nun gleich gesagt , daß sie alle drei in der Mühle eingekehret seien , und dort übernachtet hätten , und daß er eben abgeschickt sei , um den Wagen vom Schloß zu holen , so habe ihm der Reitknecht befohlen , nur wieder zurückzugehen , und der Herrschaft zu sagen , daß er sogleich den Wagen , der im Dorfe warte , nach der Mühle schicken würde . Juliane hatte wieder ihre Kräfte gesammelt ; die Nachricht , daß sie in kurzer Zeit abgeholt würde , machte sie völlig heiter und gut gelaunt . Um Eduards Stirn schwebte eine Wolke , die Julianens ganze Heiterkeit nicht völlig zerstreuen konnte . So oft sie ihre Ungeduld , nach Hause zu ihren Eltern zu kommen , äußerte , stieg sein Unmut beinah bis zur Bitterkeit . - » Mein geliebter Freund « , sagte Juliane , » es hilft Ihnen zu nichts , daß Sie Ihre Vorwürfe nicht aussprechen , sie sind sichtbar auf Ihre Stirn geschrieben ; aber wie sie auch