und erröthete über und über . Oder eigentlich stattlich genug . Denn die Frau Doctorinn und ich brachten sie in einer Kutsche nach Hause . In einer Kutsche ! Warum ? - Er fing an , zu erblassen . Je , sie lag ja in einer Ohnmacht , die arme Frau ! dass man geschworen hätte , sie wachte vor dem jüngsten Tage nicht wieder auf . Grosser Gott ! - Vielleicht der Vorbote von einer Krankheit , von einer tödtlichen Krankheit ! Ach , hat sich etwas ! - Er warf den Kopf in den Nacken . - Sie denkt Ihnen an keine Krankheit . Sie war kaum wieder zu Hause ; so war sie flink , wie ein Vogel . Ist das wahr ? Ist das sicher ? Wird denn Schlicht Sie belügen ? - Aber sagen muss ich Ihnen noch , mein lieber , lieber junger Herr , was ich für eine grosse , für eine ausnehmende Freude gehabt habe . Du ? - Ihr Vater hat in Ausdrücken von Ihnen gesprochen ; in Ausdrücken ! - Er nahm hier einen pathetischen Ton an . - » Mein Sohn hat so rechtschaffen gehandelt - mein Sohn hat sich so brav bewiesen - mein Sohn hat die Grossmuth gehabt . « - - Sehn Sie , mein lieber , lieber junger Herr ! So hatt ' ich noch in meinem Leben von Ihnen nicht reden hören . Herr Stark hätte sich gern ein wenig geschämt , wenn er vor Vergnügen dazu hätte kommen können . Er sah den Nebel , der über seiner Zukunft lag , sich schon ziemlich erheitern , sah den liebsten seiner Wünsche zur Hoffnung werden , und bestürmte nun den alten Schlicht mit einer Menge von Fragen , die aber grösstentheils ohne Antwort blieben . - Wenn ich doch nur wüsste , sagte er endlich , was in aller Welt die Witwe hieher gebracht , was sie gewollt hat ? O , was das betrifft ; damit kann ich aus dem Munde des alten Herrn Ihnen dienen . Sie ist in Verlegenheit wegen eines gewissen Horn , der ihr zusetzt . Horn ? rief Herr Stark , und trat mit Heftigkeit gegen den Boden . - Ha ! der elende , nichtswürdige Geizhals ! So hat er mir doch das Wort nicht gehalten , das ich so mühsam , mit so vielem Zureden , von ihm erpresste ! - Ich Thor ! Warum bezahlt ' ich auch den Bettel nicht gleich ? - Und was beschliesst denn mein Vater ? Was will er thun ? Er reisst die Witwe heraus ; ganz gewiss ! - Ich werde schon hören , sobald er von der Börse zurückkömmt . Bleibt er dort lange ? Was meinst du ? Ich denke . Er schien ein Geschäft von Wichtigkeit vorzuhaben . Er eilte sehr . So will ich zu meiner Mutter hinunter . Vielleicht weiss sie mehr , lieber Alter , als du . Oder , wenn auch sie nichts weiss - dann zum Schwager , zur Schwester , zur Witwe selbst ! Halt ! halt ! rief Monsieur Schlicht , indem er ihn noch glücklich bei dem einen Rockschoss erwischte : so haben wir nicht gewettet , junger Herr ; so kommen Sie mir nicht fort ! - Erst Nachricht , ob die Activa der Witwe ihre Passiva - - Nur decken , meinst du ? - Es bleibt noch Capital-Conto . Nicht wenig . Schön ! - Und die Zeit , wann sie realisirt haben wird ? Drei , vier Monate längstens . Vortrefflich ! - Aber nun mögt ' ich noch einige Umstände wissen ; als erstens - - Fort war Herr Stark . Fort ist er ! brummte Monsieur Schlicht , und sah mit Kopsschütteln hinter ihm her . - Das ist mir denn doch wahrlich zu bunt . Dahinter liegt mehr verborgen . - Junger Herr ! junger Herr ! Sie haben der Witwe zu tief in die Augen gesehen . Sie sind verliebt . - - Je nun - wenn er ' s denn einmal ist - was für ein Unglück ? - Eine hübsche , wackere Frau ist die Witwe ; das ist gewiss : und wenn sie ihm ansteht - - Sie hat viel Lebensart , muss ich sagen ; sie dankte mir gestern gar höflich ; sie nannte mich einen lieben Herrn Schlicht über den andern : - Also - wenn sie ihm ansteht - warum soll er sie nicht zur Frau nehmen ? Wer wird ' s ihm wehren ? - Immer zu , mein Herr Stark ! Immer zum Werk geschritten ! Das Junggesellenleben ist ein langweiliges Leben . - Haha ! - Da kann ich alter Kindernarre noch in meinen siebziger Jahren etwas zu tragen und zu hätscheln bekommen . - In Gottes Namen ! - Ich wollte , sie wären schon da , die kleinen niedlichen Püppchen , und könnten schon laufen . XXIX . Von der Mutter war wenig oder nichts zu erfahren ; und so eilte Herr Stark durch den Thorweg , den ihm Monsieur Schlicht öffnen musste - denn wenn er von vorne ging , konnt ' er dem Vater in den Wurf kommen - zur Schwester . Diese , die von seiner Reise gewusst hatte , schien über seine Rückkunst verwundert . Sie konnte sich ' s nicht versagen , den ungeduldigen Liebhaber mit seiner Leidenschaft ein wenig zu necken , sich eben so brennend-neugierig zu stellen , als er selbst brennend-verliebt war , und ihm auf seine Fragen über die Witwe lauter Gegenfragen über die Reise zurückzugeben . Doch am Ende brach ihr das mitleidige Schwesterherz ; und sie machte ihn durch die Entdeckung , dass , nach ihrem und ihres Mannes Dafürhalten , die Witwe wohl eben so verliebt sei als Er , über alle Beschreibung glücklich . Sie selbst war es in hohem Grade durch das stolze Gefühl , das immer ihrem Geschlechte so wohl thut , einen Mann in den Fesseln eines Weibes sich krümmen und winden zu sehn ; doch fühlte sie zugleich , wie alle wohldenkenden Damen , einen lebhaften Trieb , den Leiden des armen Schmachtenden , so schön und so lieblich anzuschaun sie auch waren , ein baldiges Ende zu machen . Sie versprach ihm mit Hand und Mund , dass sie nichts was in ihren Kräften stehe , unversucht lassen wolle , um das Schifflein seiner Liebe , wenn nur nicht Wind und Wetter allzusehr entgegen wären , glücklich in den Hafen zu steuren . Bei der Zuhausekunft des Doctors , kamen die drei Entwürfe zur Sprache , die Herr Stark auf die oberwähnten drei Fälle bei sich festgesetzt hatte . Der Doctor wollte durchaus , dass er sich vor allen Dingen mit dem Vater verständigen , und seine Geschäfte wieder antreten sollte , wo denn die Einwilligung zur Heirat mit der Witwe gewiss nicht fehlen würde . Herr Stark hingegen wollte vor allen Dingen der Gesinnung der Witwe versichert seyn , um zu wissen , ob er den Ort seines Aufenthalts nicht verändern müsse , und wie er sich gegen den Vater zu nehmen und zu erklären habe . In sein altes Verhältnis , sagte er , trete er für keinen Preis wieder zurück , was auch immer sein Schicksal seyn möge ; und die Billigung seiner Liebe betreffend , kenne er die unüberwindliche Beharrlichkeit des Vaters in seinen einmal gefassten Vorurtheilen . Der Doctor erzählte ihm jetzt , wie sehr das Vorurtheil gegen die Witwe bei dem Alten bereits erschüttert worden , und bestand noch einmal darauf , dass sein erster Schritt die Aussöhnung mit einem Vater seyn müsse , der von nun an gewiss auf einen ganz andern Fuss mit ihm leben werde . Die Rückkehr des alten Verhältnisses , meinte er , sei durchaus nicht zu fürchten , sobald nur nicht der Sohn selbst daran arbeite es wieder herzustellen . Ob der Vater ihn liebe ? sei nicht die Frage ; nur habe dieser Liebe bisher ein nothwendiger Zusatz gemangelt , und dieser Mangel sei die Ursache alles Verdrusses und aller Erbitterung geworden . - Herr Stark bestand darauf , dass der Doctor sich näher erklären sollte ; und dieser versprach es , wenn er zuvor das feierliche Wort erhielte , dass ihm seine Freimüthigkeit nicht sollte übelgedeutet werden . Dieses Wort ward gegeben . - Nun dann ! sagte der Doctor : der Liebe Ihres Vaters mangelte , was jetzt schon in hohem Grade da ist , und was Sie noch täglich zu vermehren in Ihrer Gewalt haben werden : Hochachtung für Sie . Wahr ! Mehr als zu wahr ! Er hat mich von jeher verachtet . Er hat von jeher gewünscht , Sie innigst hochachten zu können . - Fragen Sie jetzt Sich Selbst , in welchem Maasse Sie ihm das möglich machten ! Hab ' ich ihm Schande gemacht ? rief Herr Stark , indem er mit grosser Bewegung aufstand . Hab ' ich Lasterthaten begangen ? Ist von Schande die Rede ? Werden Sie den schon hochachten , der sich mit keinen Lasterthaten befleckt hat ? Gehört zur Hochachtung nicht mehr ? Herr Stark erinnerte sich der Freude des alten Schlicht über den Ton worin , sein Vater von ihm gesprochen hatte , ward besänftigt , und setzte sich wieder . - Ich habe Ihr Wort , dass Sie meine Freimüthigkeit mir verzeihen wollen ; und so lassen Sie mich ein für allemal , um Ihrer und Ihres Vaters Zufriedenheit willen , über diesen Punct meine geheimsten Gedanken sagen ! - Ihr Vater hielt Sie für keinen bösen , aber für einen schwachen , für einen auf sich selbst beschränkten , zur Sinnlichkeit , Weichlichkeit , Eitelkeit ganz sich hinneigenden Charakter . Nach dem , was er von Ihnen sah , von Ihnen hörte - denn Ihr Gutes verbargen Sie ja vor ihm - konnt ' er kaum anders , sondern musste Sie dafür halten . Er dachte Sie im vollen Gegensatz mit sich selbst ; und sich selbst konnt ' er doch wahrlich ! auch bei der strengsten Unparteilichkeit , mit keinen andern Augen ansehn , als womit alle Welt ihn ansieht : mit Augen der Billigung und der Achtung . Daher sein Ton gegen Sie : ein wirklich empfindlicher , ärgerlicher , kränkender Ton , der mir von jeher missfiel , den ich gegen meinen Sohn , wie ich auch immer von ihm urtheilen mögte , ewig nicht brauchen würde , auch freilich , weil mir Witz und Laune dazu versagt sind , nicht brauchen könnte ; der aber aus dem ganzen Geiste und Herzen des Alten zu natürlich hervorging , als dass die Abänderung desselben , solange er Sie in dem alten Lichte betrachtete , je gehofft werden durfte . - Ihm diesen Ton zu nehmen , war kein anderer Weg als ihm sein Urtheil von Ihnen au nehmen ; und dieses - er ergriff hier die Hand des Schwagers , und drückte sie ihm mit Wärme - dieses ist ihm genommen . Herr Stark hatte mit Ruhe gehört , und schwieg auch noch jetzt . Der Doctor bekannte ihm , dass er die ganze Geschichte der Aussöhnung mit Lyk , nebst Allem was darauf gefolgt sei , dem Alten erzählt habe , und schilderte ihm die grosse Rührung desselben nicht ohne eigene Rührung . - Treten Sie ihm jetzt unter die Augen , und Sie werden einen ganz andern Blick von ihm sehen . Reden Sie jetzt mit ihm , und Sie werden einen ganz , andern Ton von ihm hören . - Wahrlich , Herr Bruder ! wenn Sie auch alle die kleinen - Schwachheiten will ich nur sagen - beibehielten , die er sonst an Ihnen bespöttelte : er würde sie nicht mehr bespötteln ; er würde sie immer noch weg wünschen , aber sie dem uneigennützigen , grossmüthigen , edelthätigen Manne , den er jetzt in Ihnen erkennt , mit Freuden , zu Gute halten . Nur Annäherung , Aussöhnung , Vertrauen ! - und ich schwöre Ihnen , Sie gelten ihm künftig mehr , als wir Alle ; Sie führen ihm jede Gattinn , die Sie wollen , als seine Tochter zu ; Sie sind Herr aller Ihrer Handlungen , solange Sie in dem Geiste , wie seit Lyks Tode , handeln ; Sie haben an ihm keinen Tadler und Sittenrichter mehr ; nur einen liebenden Freund , einen zärtlichen Vater . So gern Herr Stark dieses Alles nicht bloss als Liebhaber , sondern auch als Sohn hörte , dessen Gefühle der Natur und der Pflicht nie völlig erstorben waren , so nahm er es doch mehr für angenehme Vorspiegelung , als für wirkliche Hoffnung . Er beharrte darauf , dass sein erster Schritt seyn müsse , von der Gesinnung der Witwe gewiss zu werden , um bei dem Versuche der Aussöhnung mit dem Vater sogleich seine Liebe erklären zu können : weil diese Aussöhnung , wenn man hinterher seine Liebe verwürfe , von keiner Dauer , und wenn die Witwe selbst ihm ihre Hand verweigerte , von keinem Nutzen seyn würde . Er sei in dem letztern Falle nun einmal entschlossen , seinen Aufenthalt zu verändern . - Man stritt noch eine Weile hin und her ; aber jeder blieb , wie gewöhnlich , bei seiner eigenen Ansicht : bis die Doctorinn , die sich ihrer Wirthschaft wegen hatte entfernen müssen , wieder hereintrat , und Mann und Bruder zu Tische abrief . Sie sagte ihnen , dass sie den Kindern besonders habe decken lassen , und dass sie drei allein seyn würden , um mit voller Freiheit zusammen zu rathschlagen . Der Streit zwischen dem Doctor und Herrn Stark ward ihr jetzt zur Beurtheilung vorgelegt , und sie entschied , nach kurzem Besinnen , für beide und wider beide . - Ihr könnt euch nur darum nicht vereinigen , sagte sie , weil Ihr Männer , das heisst , weil Ihr Starrköpfe seid , die , wie sie einmal ein Ding gesehen und gefasst haben , es immer sehen und immer fassen . - Mein Gott ! so werft doch Euer beider Meinungen in Eine zusammen , und Ihr seid ja fertig . Wie zusammen ? fragten hier beide . Wie geht das an ? Ja , wenn wir Weiber nicht wären ! - Ihr holden Friedensstifterinnen ! sagte der Doctor , und lachte . Das sind wir , mein Herr ; das sind wir . Davon sollen Sie gleich die Probe sehen . - Du , Bruder , willst vorher der Liebe deiner Witwe gewiss seyn , ehe du mit dem Vater sprichst . Nicht ? Allerdings . Und du , Herr Gemahl , willst den Bruder vorher mit dem Vater einverstanden wissen , eh ' er mit der Witwe Richtigkeit macht ? Nicht anders . Nun , was zankt Ihr Euch denn ? Da giebt ' s ja gar keine Schwierigkeiten . Das geht ja ganz vortrefflich zusammen . - Ich schaffe dem Bruder die vollkommenste Gewissheit von dem Ja der Witwe , ohne gleichwohl dieses Ja ausdrücklich zu fordern ; und der Bruder , wenn er diese Gewissheit hat , gönnt dem Vater vorher das Wort , eh ' er der Witwe seine Anträge macht . Dann wird er ja hören , und nachdem er hört , kann er handeln . Der Vater darf nicht klagen , dass der Sohn ihn vernachlässiget habe , und der Sohn darf nicht fürchten , dass er von einer oder der andern Seite in Verlegenheit komme . - Lässt sich etwas Leichters , etwas Einfacheres denken ? Aber ich sehe nicht ab , sagte der Doctor , wie du , ohne förmlichen Antrag , des Ja der Witwe gewiss werden kannst . Armer Mann ! Das siehst du wirklich nicht ab ? - Sage mir doch : wie nanntest du jüngst ein Gesicht , woran du gewiss vorher weisst , dass dein Kranker dir sterben werde ? Ein hippokratisches etwa ? So ungefähr . Ja , so klangs . - Nun , die Freiheit der armen Mädchen und Witwen , wenn sie im Abfahren begriffen ist , hat eben ein solches hip - hip - wie heisst es ? Hippokratisches Gesicht . Richtig ! - Und darauf verstehn nun wir Weiber - wir klugen , mein ' ich - uns eben so gut , als Ihr Euch , Ihr gelehrten Herrn Doctoren , auf jenes . - Heute Abend , Bruder , hast du von der Witwe volle Gewissheit , ohne dass ich gleichwohl das Mindeste mit ihr richtig mache . Aber , Schwester , sagte Herr Stark , wenn du deine Gute gegen mich vollenden wolltest - ich wünschte von dir noch Eines . Und was ? Dass du , ehe ich mit dem Vater spräche , auch seine Gesinnung in Absicht dieser Heirat - nicht eben geradezu , nur von weitem , ganz von weitem - erforschtest . Ach , das würde mir die Unterredung mit ihm so unaussprechlich erleichtern . Kann geschehn ! sagte die Schwester . Er soll ja sein Vorurtheil gegen die Witwe schon halb verloren haben ? Das hat er . Schon mehr als halb . - Aber , lieber Mann , wie ist ' s denn mit dir ? Du wirst doch auch etwas thun . Was in meinen Kräften steht - gerne . Ich bin des Unfriedens in der Familie schon so überdrüssig ! - Morgen , weisst du , ist Sonntag , und der Vater isst hier zu Mittage . - Wie , wenn du ihn da in dein Zimmer nähmst , und ihn zur väterlichen , freudigen Wiederannahme des Bruders zu stimmen suchtest ? wenn du ihm den Bruder von seinem letzten Geschenke so gerührt schildertest , so dankbar , so gut - Dass er ihn selbst wieder zurücksehnte ? Nun ja ! Mit Vergnügen . - Aber dann wird er sogleich , wenn er den Bruder gesund glaubt , ihn rufen lassen , oder wenn er ihn noch für krank hält , zu ihm , hinaufgehn und ihn umarmen . Er umarmt nicht so leicht . - Nein , nein ! sagte Herr Stark . Verschone mich , Schwester ! - Auch hast du mir ja versprochen - - Wahr ! Ihn der Heirat wegen erst auszuholen . Und dazu will Zeit seyn . So Schlag auf Schlag geht das nicht . - Und doch mögt ' ich so ungern , dass der Sonntag , wo wir ihn hier allein haben , und wo er gemeiniglich so vergnügt ist , für die Hauptunterredung verloren ginge . - Halt ! Du warst ja auf dem Lande , Bruder ? Bei einem Freunde ? Nun freilich . Besinne dich ! Du warst nicht , sondern du bist auf dem Lande . Mein Mann hat dir zu der Reise gerathen , und heute oder gestern - mag es doch heute seyn , heute nach Mittage ! - bist du von hier gefahren . Indessen bleibst du bei deiner Schwester , und kannst wieder zur Stadt kommen , sobald du willst . Schlicht soll Bescheid darum wissen . Ich glücklicher Mann ! sagte der Doctor . Was für eine Frau ich doch habe ! Nicht wahr ? - Eine kluge , eine herrliche Frau ! - Von einer Erfindungskraft ! einer Geistesgewandtheit ! Bosheit ! Bosheit ! rief sie . Nichts weiter ! - Da will er mich nun verführen , dass ich ihm einmal sagen soll , was eine Frau doch so ungerne sagt : Mann ! du hast Recht . Die süsse Miene , womit sie jetzt aufstand , versprach einen Kuss , und der Doctor fuhr sich schon mit der Serviette über die Lippen ; aber plötzlich wandte sie sich gegen die Thüre , befahl den Pudding zu bringen , und setzte sich ganz ehrbar wieder an ihre Stelle . XXX . Komm ' ich nicht ein wenig zu oft ? sagte die Doctorinn , indem sie einen Augenblick an der Zimmerthüre der Witwe stillstand . Werden Sie Sich nicht bald meine Besuche verbitten ? O meine Freundiun ! mir Ihre Besuche verbitten ! Ich , die ich mich lieber niemal von Ihnen trennte ! - Sie thun mir da eine Frage - - Die übler klingt , als gemeint ist . Weiss ich ' s nicht schon , dass Sie mich recht gerne ertragen ? Ertragen ! - Nun kommen Sie mir vor Mitternacht nicht von dannen . Ich Arme ! Da wär ' ich ja schrecklich gestraft . - - Man nahm jetzt Platz , und die Doctorinn wollte so eben auf ihr Hauptthema einlenken ; als ein Lehrling aus der Lykischen Handlung hereintrat , und den alten Mann von gestern ansagte , der Madam Lyk aus dem Wagen gehoben habe . Der Doctorinn schoss auf der Stelle das Blatt . Schlicht ? rief sie aus . Der kömmt nicht anders , als wenn er geschickt wird . Was kann der wollen ? Er will , sagte der Lehrling , und schielte seitwärts die Doctorinn an , Madam Lyk unter vier Augen sprechen . Nicht unter sechsen ? Ei mein Gott ! da muss ich ja fort . Das ist übel . - Doch wenn Sie erlauben , Freundinn ; so schleich ' ich mich hier in dies Seitenzimmer , und wahrlich ! wahrlich ! ich will dort recht fromm seyn . Ich will an ' s Fenster und nicht an die Thüre treten . Wie Sie mich quälen ! sagte die Witwe . Bleiben Sie doch ! Was für Geheimnisse kann er denn haben ? Wer weiss ? Er mag wohl einmal auch nicht geschickt seyn . Er ist noch Junggeselle . Leichtfertige Freundinn ! - Sie trat jetzt mit vieler Höflichkeit in die Thüre , und nöthigte den Alten herein , der sogleich durch die Heiterkeit seines Gesichts die gute Beschaffenheit seiner Botschaft ankündigte , und die Doctorinn in ihrer Ahnung bestärkte . Sieh da , sagte diese : lieber , guter alter Vater ! Bist du ' s denn wirklich ? - Ach mein Himmel ! Und geputzt wie ein Bräutigam , oder wie ein Brautwerber . Was stellt das vor ? Der alte Schlicht lachte herzlich . - Wirklich , so galant hab ' ich dich in meinem Leben nicht gesehen . Man hat gut galant seyn , liebe Frau Doctorinn , wenn man Gönner hat , die auf einen was halten . - Er sah hier , wie verstohlen , auf seine neue atlassne Weste , und von der Weste wieder auf seine Wohlthäterinn ; mit einem Ausdruck von Dank und Liebe , der ein noch älteres Gesicht , als das seinige , hätte verjüngen können . - Die Weste war ein Angebinde der Doctorinn an seinem letzten Geburtstage gewesen , und er trug sie , um seiner Sendung Ehre zu machen , heute zum ersten male . Die Doctorinn , von seiner Pantomime gerührt , schlug ihm sanft auf die Schulter . - Aber ist es denn wahr , lieber Alter , dass du mit Madam Lyk ganz allein seyn willst ? dass ich hier fort muss ? Wie so ? Wie so ? Der Handlungsbursche , der dich hier anmeldete , sagte - - Ach , der Handlungsbursche ist - - Bei einem Haare hätt ' er ein Kraftwort herausgestossen ; aber zum Glück besann er sich noch , übersetzte den Narren , den er im Sinne hatte , in : nicht recht klug , und versicherte , dass die Frau Doctorinn sein ganzes Anbringen hören dürfe ; sie komme selbst darin vor . - Mit grosser Ernsthaftigkeit hielt er dann seinen Vortrag . - Sein Principal , sagte er , der Herr Stark , bedaure ganz ungemein , dass er gestern , wegen zunehmender Gehörschwäche , die eigentliche Absicht des von Madame ihm gegönnten angenehmen Besuchs nicht verstanden , sondern diesen Besuch für eine blosse überflüssige Höflichkeit genommen habe . Er sei nachher durch seine Frau Tochter , die hier anwesende Frau Doctorinn Herbst - die bei dieser Gelegenheit einen sehr herzlichen Blick erhielt - über jene Absicht näher belehrt worden ; und da er nun ihn , den Monsieur Schlicht , theils als einen Handlungskundigen , theils als einen treuen und verschwiegnen Diener , aus vieljähriger Erfahrung kenne : so habe der Herr Principal eben ihm den Auftrag gegeben , der Madame die Versicherung seiner vollkommenen Bereitwilligkeit au ihren Diensten zu überbringen , auch demnächst sich in das Comtoir des Herrn Horn zu verfügen , um sofort die etwanige Schuld bei diesem ungestümen , dem Herrn Stark von der schlechten Seite schon wohlbekannten Manne durch Wechsel oder baar , wie er selbst es wollen würde , zu tilgen . Übrigens bitte sein Herr Principal , wenn ähnliche Fälle mit noch andern Gläubigern eintreten sollten , dass Madame sich nur gleich an Ihn wenden , und ihn überhaupt wie ihren Curator betrachten wolle , als wozu er sich mit Vergnügen erbiete . Zugleich wünsche er , mit allem Dank verschont zu bleiben , weil er durch den Herrn Sohn sehr wohl unterrichtet sei , dass er in keinem Falle bei der Unterstützung von Madame etwas wage , und sich also bei dieser kleinen Gefälligkeit eigentlich gar kein Verdienst um sie beimessen könne . - Er , Monsieur Schlicht , ersuche jetzt um beliebige genaue Angabe der ganzen Hornischen Forderung , damit er dem noch übrigen Theile seines Auftrages genügen , und dem Herrn Principal die ganze Sache als völlig abgemacht berichten könne . - - Kaum hatte Monsieur Schlicht mit vielem Wohlbehagen seinen Vortrag geendigt : so ergriff die Doctorinn die Hand der Witwe , und fragte , nicht ohne töchterlichen Stolz im Herzen : Hatt ' ich nun Unrecht ? O meine Freundinn ! - Eine solche Grossmuth an einer Fremden , an einer fast gänzlich Unbekannten ! - Aber ich weiss ja , wem ich diese Hülfe zu danken habe . Wem ? Wem ? - indem sie sich vor ihrer Umarmung zurückbeugte . - Meinem Vater ; sonst keinem ! Er hat die edelste Tochter . - Kennen Sie die ? - Eine Schwätzerinn ist ' s , die nichts auf dem Herzen behalten kann ; die dem Alten Alles vorplaudern muss was sie weiss , und die ihm denn auch gesagt hat , was sie von der unangenehmen Lage ihrer Freundinn und von der Absicht des gestrigen verunglückten Besuches wusste . - Das ist Alles gewesen ; ich versichere Sie . Kein Wort von Fürsprache , von Aufmunterung Ihnen zu helfen ; kein Gedanke daran ! Das hätte die Freundinn herabgesetzt , und den Vater beleidigt . Der handelt nicht , wie es ihm Andre eingeben ; der handelt nach seinem eigenen Herzen . Ich höre Sie mit einer Bewunderung - einer Empfindung - - Lassen wir das ! - Und nun umarmte sie die Witwe mit wahrer , herzlicher Freundschaft . - Mein guter Schlicht , der nie viel Zeit hat , wartet auf Antwort ; und ich denke doch , Sie werden ihn durch keine abschlägige kränken ? Die Witwe bat jetzt Monsieur Schlicht , seinem Herrn Principal ihre innige Verehrung , ihre tiefe Rührung über den unverdienten Beweis seiner Gewogenheit zu versichern ; aber zugleich ihm zu sagen , dass der Gehorsam gegen den einen Theil seines Befehls ihr den Gehorsam gegen den andern unmöglich mache . - Ich werde Sie Selbst , lieber Herr Schlicht , mit einigen Zeilen von meiner Hand beschweren , die Sie ihm zu überreichen die Güte haben werden . Den persönlichen Dank behalt ' ich mir vor . - Sie erlauben doch , beste Freundinn ? - mit einer Wendung gegen das Seitenzimmer . Gehen Sie , gehen Sie nur ! Sie thun etwas sehr Überflüssiges ; aber ich weiss , Sie würden es doch nicht lassen . - Die Doctorinn nutzte die Augenblicke , da sie mit Schlicht allein war , um ihn von Allerlei zu unterrichten , was ihm zu wissen Noth that : von dem Wechsel , den ihr Mann an Horn ausgestellt hatte , um die Witwe ausser Gefahr zu setzen ; von ihrem Wunsche , dass der Vater davon nichts merke , und also nicht ihr Mann quitirt werde , sondern die Witwe ; von ihrer Absicht , den Bruder noch einige Tage vorgeblich auf ' s Land zu schicken , bis ein gewisser Entwurf gereift sei , der ihn von seiner Grille , nach Br ... zu gehen , unfehlbar zurückbringen werde ; endlich von der aufhörenden Nothwendigkeit , das Wohlbefinden des Bruders und seine Abfahrt auf ' s Land , die aber erst diesen Nachmittag müsste geschehen seyn , vor dem Vater geheim zu halten . - Monsieur Schlicht , mit seiner gewöhnlichen Gefälligkeit , versprach , sich das Alles zu merken , und fand die Anschläge seiner lieben Frau Doctorinn ganz vortrefflich . Madam Lyk trat mit einem Briefchen und einem Zettelchen in der Hand , auf welchem die Hornische Schuldforderung verzeichnet war , wieder herein , und gleich nach ihr erschien ein Mädchen mit einer Flasche süssen Weins und mit Gläsern . Die Doctorinn verbat , indem sie ihren Widerwillen gegen starke Getränke ; Monsieur Schlicht , indem er seine Geschäfte zu Hause vorschützte , wo er noch so Manches zu thun habe , dass die Stelle ihm unter den Füssen brenne . Die Witwe , die sich ihm für seine Mühe so gern erkenntlich bewiesen hätte , bot alle ihre Beredtsamkeit gegen ihn auf , und schon gerieth er mit der seinigen sehr in ' s Stocken ; aber die Doctorinn , um mit der Witwe allein zu seyn , schlug sich auf seine Seite , und half ihm durch . - Ich kenne , sagte sie , meinen lieben , guten Schlicht : er thut Alles was ihm obliegt , mit grosser Treue , mit grossem Eifer ; und da ihm das Haus meines Vaters zur Aufsicht übergeben ist ,