eine Stunde däucht , dünkt87 dem Andern ein Augenblick , dem Dritten ein Tag , dem Vierten ein Jahrhundert . Ich denke man könnte eben so gut sagen , sie ist es , für den nämlich , dem sie es däucht ; denn daß sie einem andern mehr oder weniger ist als mir , gibt ihm kein Recht zu fordern , daß es mir auch so seyn soll . Ich bin nun bereits - laß sehen ! - zwanzig ..... fünfundzwanzig ... achtundzwanzig ... wahrlich , beim großen Poseidon ! einunddreißig Tage hier , und ich versichre dich , heute am Morgen des zweiunddreißigsten , ist mir ich hätte die achtundzwanzig nur geträumt und sey erst vor drei Tagen in Aegina angekommen . Was für ein Zauber kann das seyn , fragst du , der den kaltblütigen Aristipp zu einem solchen Schwärmer zu machen vermag ? - Komm und siehe ! - Du bist zu nahe bei mir , um zu erwarten , daß ich Stunden , die ich besser anwenden kann , Stunden die für mich nur Augenblicke und gleichwohl , dem Sonnenzeiger nach , volle Stunden von dreitausend und sechshundert Pulsschlägen sind , dazu verschwenden werde , dich mit schönen Beschreibungen , wie wohl mir ' s hier geht , zu unterhalten . Komm herüber , lieber Kleombrotus ; was hast du in Athen zu versäumen ? oder kannst du nicht , wenn du es recht anfängst , für das , was du versäumst , überall Ersatz finden ? Was wir in unserm Cirkel zu Athen philosophiren nennen , ist eine sehr gute Sache ; nur zu viel ist nicht gut . Auch Aegina wird von den Musen besucht ; du wirst sie mitten unter uns , oder uns mitten unter ihnen finden ; und ( was bei euch nicht immer der Fall ist ) Arm in Arm mit den Grazien , und von Amorn mit Blumenketten gebunden . Du bedarfst einer kleinen Unterbrechung deiner gewöhnlichen Studien , die du mit einem so enthusiastischen Eifer betreibst , daß dein Magen und Unterleib , und ( unter uns gesagt ) dein Kopf selbst in Gefahr dabei gerathen . Auch darf ich dir nicht verhalten , daß mir vor dem feinen Netz ein wenig bange ist , womit die weise Aspasia dich zu umspinnen sucht . Fahre nicht auf , Lieber , und mache kein solches Gesicht an mich , als ob ich den Tempel zu Delphi beraubt , oder die Geheimnisse der Eleusinischen Göttinnen verrathen hätte ! Aspasia ist unläugbar eine Frau von vieler und langer Erfahrung ; von hohem Geist , großer Menschenkenntniß und feiner Lebensart , eine Meisterin in der Kunst zu reden und zu überreden ; wahrlich , der klügste unter den dermaligen Demagogen zu Athen müßte noch lange bei ihr in die Schule gehen , bis er ihr alle die feinen Kunstgriffe abgelernt hätte , womit sie vor dreißig Jahren den Mann , der Griechenland regierte , zu regieren wußte . Kurz , ich weiß alles , was du mir zur Rechtfertigung der hohen Meinung , die du von ihr gefaßt hast , sagen kannst . Aber was du nicht weißt , nicht siehst , nicht eher bis es zu spät ist sehen wirst , ist , daß die Freundschaft , die sie dir zeigt , nicht ganz so uneigennützig ist , als du dir einbildest . Denke nicht , sie habe immer so exemplarisch gelebt , wie sie jetzt zu leben scheint , da sie als Wittwe von zwei Athenischen Demagogen ihren sechzigsten Sommer herannahen sieht . - » Ihren sechzigsten Sommer ? rufst du aus ; das ist unmöglich , wenn sie nicht von Heben oder Auroren das Geheimniß , niemals alt zu werden , zum Geschenk erhalten hat . « - Das Geheimniß liegt in einem halben Duzend Alabasterbüchschen auf ihrem Putztische , mein Freund . Glaube mir , ich kenne diesen Schlag von Weibern , und die Art , wie sie sich für die Mühe , ihre jungen Freunde zu bilden und in die Welt einzuführen , bezahlt zu machen pflegen , und ich könnte dir ein Lied davon singen , wiewohl mich keine von ihnen je gefangen hat . Mit dir ist ' s ein anderes , mein lieber Enthusiast . Du bist ( mit Erlaubniß zu sagen ) eine unschuldige schwärmerische Motte , die dem Lichte zufliegt , weil sie von seinem Schein entzückt ist , und nicht eher erfährt daß es auch brennt , bis sie mit versengten Flügeln am Boden zappelt . Lass ' dich warnen , Freund Kleombrotus ; und wenn du jetzt , wie ich nicht zweifeln will , mit gewarnten Augen Entdeckungen machst , die dir meine Meinung von den Absichten der weisen Dame bestätigen , so eile dich von ihr loszuwinden , und komm ' zu mir herüber . Solltest du einen Vorwand dazu nöthig zu haben glauben , so brauchst du ja nur ein Geschäft auf einer der Aegeischen Inseln vorzuschützen , und du begleitest mich dann auf der Reise , die ich in kurzem antreten werde , um die beträchtlichsten und berühmtesten derselben , Delos , Naxos , Samos , Chios und Lesbos zu besuchen . Fremde , wie wir , haben ohnehin den Cekropiden keine Rechenschaft zu geben , wenn wir ihr schönes , öltriefendes , veilchenbekränztes Athen wieder zu verlassen für gut finden ; wiewohl sie keinen Begriff davon zu haben scheinen , wie man auch anderswo , wo man nicht um zwei oder drei Obolen von Sardellen , Gerstenbrot und Knoblauch lebt , ein menschliches Leben führen könne . 17. An Antisthenes zu Athen.88 Wie ich höre , wird die unvermuthete Verlängerung meines Aufenthalts zu Aegina von meinen Freunden in Athen nicht gebilliget . Man erwartete , daß ich mit Eurybates , den ich dahin begleitet hatte , wiederkommen würde , und die Auskunft , die er über die Ursache meines Zurückbleibens gab , wiewohl ich nicht zweifle , daß sie mit der Wahrheit übereinstimmt , scheint seiner Absicht , mich dadurch zu rechtfertigen , nicht entsprochen zu haben . Du hast , wie ich hoffe , nicht vergessen , Antisthenes , daß die Strenge deiner Grundsätze das Zutrauen , das du mir schon in der ersten Stunde unsres Zusammentreffens zu Olympia einflößtest , seit dieser Zeit so wenig vermindern konnte , daß sie vielmehr der Grund ist , warum ich mich immer , vor allen andern Freunden des ehrwürdigen Sokrates , vorzüglich an dich angeschlossen habe . Ich weiß sehr wohl , daß meine Jugend und eine gewisse mir angeborne Sorglosigkeit , die ziemlich nahe an Leichtsinn gränzen mag , zuweilen der Zucht eines strengen Freundes bedarf : indessen , wie bescheiden einer auch von sich selbst denkt , kann es ihm doch nicht gleichgültig seyn , wenn sein Charakter ( vorausgesetzt er habe einen ) von denen verkannt wird , mit welchen er am meisten umgeht ; und ich gestehe gern , daß die Gerechtigkeit , die du mir widerfahren lässest , indem du nicht verlangst , daß ich etwas anders als das Beste wozu mich die individuelle Form meiner Natur fähig macht , in meinem Leben darstelle , im Grunde die wahre Ursache meiner Anhänglichkeit an dich ist , und daß die Strenge deiner Moral mich längst von dir entfernt hätte , wenn sie nicht durch eine billige Schätzung meines wirklichen Werths gemildert würde . Ich weiß nicht , warum unser Meister , den ich ( wie du mir bezeugen kannst ) höchlich ehre und liebe , für gut befunden hat , mich immer in einer gewissen Entfernung von sich zu halten . Hat mir etwa sein Dämonion einen schlimmen Streich bei ihm gespielt ? oder entdeckte sein Scharfblick einige Aehnlichkeit zwischen mir und einem seiner ehmaligen Lieblinge , von welchem er sich in seinen Erwartungen am Ende übel betrogen fand ? Oder ist ihm irgend ein Zug in meiner Physiognomie zuwider ? Was es auch sey , genug ich fühle mich , ohne meine Schuld , wie mich dünkt , zurückgehalten , so offen gegen ihn zu seyn als ich wünschte , und wende mich daher lieber an dich , um durch deine Vermittlung bei ihm gerechtfertigt zu werden , wenn es mir gelingen sollte , mich zuvor bei dir selbst zu rechtfertigen . Meine Sokratischen Freunde - oder wie soll ich sie nennen ? - scheinen , wenn sie über mich Gericht halten , zu vergessen , daß jeder Mensch , außer dem allgemeinen Maß der Menschheit , noch sein eigenes hat , womit er gemessen werden muß , wenn man das , was sich für ihn schickt oder nicht schickt , richtig beurtheilen will . Ich bin weder ein Athener , noch Thebaner , noch Megarer , weder eines Steinmetzen , noch Gerbers , noch Wurstmachers Sohn ; sondern ein Cyrener aus einer Familie , die unter ihren Mitbürgern in Ansehen steht und sehr begütert ist . Ich bin , diesen Umständen gemäß , nach Cyrenischer Weise erzogen worden ; und es wäre daher nicht ganz billig , eben dieselben Anlagen und Gewohnheiten in Rücksicht auf manche Dinge , die zum menschlichen Leben gehören , von mir zu fordern , als von einem in Dürftigkeit und Schmutz aufgewachsenen und an Entbehrungen aller Art gewöhnten Jüngling . Indessen habe ich zu Athen Jahre und Tage lang gezeigt , daß ich eben so gut von zwei oder drei Obolen des Tags leben kann als ein anderer ; nur sehe ich nicht , warum ich überall und immer so leben soll , oder warum ein kurzer Caputrock ohne Unterkleid für das einzige und ausschließliche Costume der Philosophie gelten müßte . Ich achte mich bei Linsenbrei und Salzfisch für keinen bessern , und bei einer Mahlzeit für achtzig oder hundert Drachmen für keinen schlechtern Menschen als ich sonst bin ; und wenn ich es dahin bringe , daß ich auf jede Weise leben kann , im Ueberfluß ohne Uebermuth und Ausschweifung , in Einschränkung auf das Unentbehrlichste ohne Störung meiner guten Laune oder Abwürdigung meines Charakters , so denke ich , alles , was ein vernünftiger Mensch in diesem Stücke von sich selbst fordern kann , erreicht zu haben . - Doch dieß ist nicht der Hauptpunkt . Die große Frage ist : was für einen Zweck habe ich mir überhaupt für mein künftiges Leben vorgesteckt ? und hier ist meine Antwort . Ich bin ein freigeborner Mensch , und , trotz unserm barbarischen Völkerrecht , als ein solcher sollte jeder Mensch betrachtet und behandelt werden . Daß ich ein geborner Bürger in Cyrene bin , macht mich nicht zum Sklaven von Cyrene ; ich bin auch als Bürger der allgemeinen menschlichen Gesellschaft geboren , und in dieser großen Kosmopolis ist Cyrene nur ein einzelnes Haus . Da mir der Zufall Vermögen genug für meine Bedürfnisse zugeworfen hat , warum sollt ' ich dieß nicht als eine Erlaubniß ansehen , in Erwählung einer Lebensart und Beschäftigung bloß meinem innern Naturtriebe zu folgen ? In meinen Augen ist es noch mehr als Erlaubniß ; es ist ein Wink , ein Gebot des Schicksals , mich zu der edelsten Lebensart zu bestimmen ; und die edelste , für mich wenigstens ( denn von mir ist jetzt bloß die Rede ) ist nach meiner Ueberzeugung , als Weltbürger zu leben , das heißt , ohne Einschränkung auf irgend eine besondere Gesellschaft , mich den Menschen bloß als Mensch so gefällig und nützlich zu machen als mir möglich ist . In dieser Gesinnung und mit diesem Zweck ging ich aus Cyrene in die weite Welt , um vor allen Dingen die Menschen kennen zu lernen , unter denen ich leben will , und mir so viele Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu meinem und ihrem Nutzen und Vergnügen zu erwerben , als Fähigkeit , Zeit und Umstände nur immer gestatten werden . Der Ruf des weisen Sokrates zog mich zuerst nach Athen ; aber wahrlich nicht in der Meinung , mich einer Schule oder Secte zu verpflichten , oder einem einzelnen Menschen mehr Recht und Macht über mich einzuräumen , als ich ihm entweder freiwillig zu überlassen geneigt , oder jedem andern zuzugestehen schuldig bin . Ich kam als ein schon ziemlich gebildeter und keineswegs unwissender Jüngling nach Athen , und machte mir die Erlaubniß , welche Sokrates allen gutartigen und lehrbegierigen jungen Leuten gibt , ihn zu besuchen und um ihn zu seyn , so viel zu Nutze , als mir zu der Absicht , weiser und klüger in seinem Umgange zu werden , nöthig schien ; ohne darum andern nützlichen und angenehmen Verhältnissen auszuweichen , in welche ein junger Fremdling meiner Art in einer Stadt wie Athen zu kommen so viele Gelegenheit findet . Nach einem zweijährigen ununterbrochnen Aufenthalt in dieser ehmaligen Hauptstadt der gesitteten Welt , lockt mich das Bedürfniß einer kleinen Veränderung nach Aegina . Zufälligerweise treffe ich da eine junge Frau an , mit welcher ich schon vor zwei Jahren zu Korinth bekannt geworden war ; eine Frau , deren geringster Vorzug ist , daß Griechenland nie eine schönere gesehen hat . Sie ist die nächste Nachbarin des Landhauses , wo ich wohne . Sie versammelt öfters auserlesene Gesellschaft in dem ihrigen , und sie selbst ist die unterhaltendste Gesellschaft , die sich ein Mann , und wenn er Sokrates selbst wäre , nur immer wünschen könnte . Wir finden Geschmack an einander , wir sehen uns öfters , wir werden Freunde . Wohlgebrauchte Zeit fliegt schnell dahin . Eurybates , von dringenden Geschäften gerufen , geht nach Athen zurück ; Aristipp , der keine dringenden Geschäfte hat , bleibt zu Aegina . Was ist in diesem allen Anstößiges ? oder Aristipps , Aritades Sohns von Cyrene und Gesellschafters des weisen Sokrates , Unwürdiges ? - » Aber diese schöne Dame , die so viel Geschmack an dir gefunden hat , und für deren Freund du dich erklärst , ist eine Hetäre . « Nun ja , wie Korinne , wie Sappho , wie Aspasia von Milet , bevor Perikles sie zu seiner Gemahlin machte , eine Hetäre war ; eine Gesellschafterin ( das ist doch die Bedeutung des Wortes ? ) , mit welcher euer Solon selbst , der Erfinder des Namens , den Rest seines Lebens mit Freuden ausgelebt hätte . Was kümmern mich eure Namen ? Für mich ist sie das , wozu Natur und Ausbildung , und die verschwenderische Gunst aller Musen und Grazien sie gemacht haben . Ihresgleichen wird selbst in dem schönen Lande , wo sie das Licht zuerst erblickte , nur alle tausend Jahre geboren . Und ich , dessen einziges Geschäft ist , die Menschen und sich selbst in allen Verhältnissen , die er zu ihnen und sie zu ihm haben können , zu studiren , ich sollte eine solche Gelegenheit nicht benutzen ? Entschuldiget mich , lieben Freunde , wenn ich dießmal viel mehr meinem Genius folge , als euerm Urtheil oder Vorurtheil ! Es wird vermuthlich nicht das letztemal seyn . - Vor der Gefahr , daß mich diese Circe unauflöslich an sich fesseln , oder gar in - einen Gefährten des Ulysses verwandeln werde , seyd ohne Sorgen . In drei Tagen geht die schöne Lais nach Korinth zurück , und Aristipp tritt seine Reise nach den Cykladen an . 18. Antwort des Antisthenes . Nach Empfang deines Briefes , mein junger Freund , glaubte ich nicht besser thun zu können , als wenn ich ihn dem Sokrates selbst zu lesen gäbe , für welchen er doch eigentlich geschrieben zu seyn schien . Nachdem er ihn , bei einigen Stellen lächelnd , bei andern den Kopf ein wenig wiegend , überlesen hatte , sagte er , indem er mir den Brief zurückgab : unser Freund Aristipp ist erstarkt , und kennt den Weg , den er gehen will , so gut , daß er weder eines Führers noch Wegweisers bedarf . Wenn Cyrene keine Ansprüche an ihn macht , wie sie wohl schwerlich machen wird , so sehe ich nicht , warum er nicht eben so wohl als ein Weltbürger sollte leben können , wie irgend ein Vogel in der Luft , der sich auf welchen Baum er will setzt , und sich übrigens nur vor Leimruthen und Schlingen in Acht zu nehmen hat . Mit uns Athenern ist es ein anderes . Wir andern sind zu Bürgern von Athen geboren , und hangen nur als Athenische Bürger mit der übrigen Welt zusammen . Oder was meinst du , Kritobul , ( fuhr er fort , sich auf einmal an diesen wendend ) , hältst du es für so leicht , dich von der Pflicht gegen Athen loszusagen ? Das kann und darf ich nicht , antwortete Kritobul , so lange ich in Athen lebe und Gutes von Athen empfange und erwarte . Sokrates . Solltest du nicht Pflichten gegen Athen haben , die dir gar nicht erlauben , ohne den Willen der Athener anderswo zu leben ? Kritobul ( stutzte und antwortete nach einigem Zögern ) : Wenn ich Vermögen genug hätte zu leben wo es mir am besten gefiele , und es gefiele mir an einem andern Orte besser , warum sollte ich an Athen gebunden seyn ? Sokrates . Von wem hast du dein Vermögen ? Kritobul . Das meiste ist von meinen Voreltern erworben ; einen Theil hab ' ich vielleicht mir selbst zu danken . Sokrates . Wie kommt es , daß die mißgünstigen und ungerechten Menschen , deren es so viele in der Welt gibt , Diebe , Straßenräuber oder andere Feinde , so gutherzig waren , deinen Voreltern und dir Zeit und Mittel zum Erwerben zu lassen , und , wenn ihr etwas erworben hattet , es euch nicht wegzunehmen ? Kritobul . Davor schützten uns die Gesetze und die bewaffnete Macht von Athen . Sokrates . Diesen hättet ihr also die Möglichkeit des Erwerbs und die Erhaltung eures Vermögens zu danken ? Kritobul . So scheint es . Sokrates . Nun möcht ' ich wohl wissen , was die Athener bewegen könnte , euch zu schützen , und um dazu immer bereit zu seyn , großen Aufwand zu machen , wenn ihr ihnen nichts dagegen thun solltet ? Kritobul . Auch fehlt sehr viel daß wir ihnen etwas schuldig blieben . Wir gehorchen ihren Gesetzen , wir steuern nach unserm Vermögen zu ihren gemeinsamen Ausgaben bei , ziehen in den Krieg oder rüsten eine Galeere aus , wenn sie uns dazu auffordern , und was dergleichen mehr ist . Sokrates . Denkst du aber nicht , die Athener haben damals , da sie es auf sich nahmen , euch bei dem Vermögen , das ihr unter dem Schutz ihrer Gesetze erwarbet , so viel in ihren Mächten ist , zu erhalten , darauf gerechnet , daß auch ihr euch den Pflichten nie entziehen würdet , die euch schon die natürliche Dankbarkeit gegen den Staat , als euern ersten und größten Wohlthäter , auferlegt ? Kritobul . Ich denke in der That , das haben sie . Sokrates . Und wenn nun , z.B. dem Kritobul die Lust ankäme , seinem Vaterlande die Pflicht aufzukünden , könnt ' er das , ohne sich als einen undankbaren und gegen sein Vaterland ungerechten Menschen darzustellen ? Kritobul . Ich sehe , daß ich Unrecht hatte , Sokrates . Sokrates . Ueberlege die Sache noch weiter mit dir selbst , und sage mir deine Meinung , wenn wir uns wiedersehen . So viel , Aristipp , den Punkt der Weltbürgerschaft betreffend . Ueber den andern Hauptpunkt deiner Rechtfertigung habe ich dir noch weniger zu sagen ; denn natürlicher Weise hängt es gänzlich von dir ab , ob du lieber in der Gesellschaft einer schönen und dich angenehm unterhaltenden Hetäre , oder im Umgang mit Sokrates und seinen Freunden leben willst . 19. Aristipp an Ebendenselben . Ich liebe den Lakonism89 im Reden und Schreiben , guter Antisthenes - das will sagen , ich liebe ihn zuweilen , wo Zeit , Ort , Personen und andere Umstände seinen Gebrauch erfordern oder schicklich machen . Ich will mich also , da ich jetzt wirklich so wenig Zeit zu verlieren habe als irgend ein Spartanischer Ephor90 , in der Antwort , die ich euch schuldig zu seyn glaube , so kurz als möglich fassen . Ich gestehe , daß ich mich nicht so leicht überwunden gegeben hätte als Kritobul . Da mir aber die Abwesenheit nicht gestattete , ihm zu Hülfe zu kommen , oder an seinen Platz zu treten , so habe ich über den mitgetheilten Dialog eine Art von Selbstgespräch angestellt , wovon Folgendes das Resultat ist . Die Natur , meine und aller Dinge Mutter , weiß nichts von Cyrene und Athen . Sie machte mich zum Menschen , nicht zum Bürger : aber , um ein Mensch zu seyn , mußt ' ich von jemand gezeugt und irgendwo geboren werden . Das Schicksal wollte , daß es zu Cyrene und von einem Cyrenischen Bürger geschehen sollte . Aber man wird nicht Mensch um Bürger zu seyn , sondern man wird Bürger damit man Mensch seyn könne , d.i. damit man alles das sichrer und besser seyn und werden könne , was der Mensch , seinen Naturanlagen nach , seyn und werden soll . Der Mensch ist also nicht , wie man gemeiniglich zu glauben scheint , dem Bürger , sondern der Bürger dem Menschen untergeordnet . Hingegen steht die Pflicht des Bürgers gegen den Staat , und des Staats gegen den Bürger in genauem Gleichgewicht . Sobald meine Voreltern Bürger von Cyrene wurden , übernahm diese Stadt die Pflicht , sie und ihre Nachkommen bei ihren wesentlichsten Menschenrechten und bei ihrem Eigenthum zu schützen , und wir sind ihr für die Erfüllung dieser ihrer Pflicht keinen Dank schuldig : wir übernahmen dagegen die Leistung der Bürgerpflichten gegen sie , und sie ist uns eben so wenig Dank dafür schuldig ; jeder Theil that was ihm oblag . Der Vertrag aber , den wir darüber mit einander eingingen , war nichts weniger als unbedingt . Cyrene versprach uns zu schützen insofern sie es könnte ; denn gegen den großen König oder eine andere überlegene Macht vermag sie nichts . Wir hingegen behielten uns das Recht vor , mit allem was unser ist auszuwandern , falls wir unter einem andern Schutze sichrer und glücklicher leben zu können vermeinen würden ; ein Vorbehalt , der überhaupt zu unsrer Sicherheit nöthig ist , weil zwar Cyrene uns zu Erfüllung unsrer Pflichten mit Gewalt anhalten kann , wir hingegen nicht vermögend sind , sie hinwieder zu dem , was sie uns schuldig ist , zu zwingen . Was mich selbst persönlich betrifft , so sehe ich meine Menschheit , oder , was mir ebendasselbe ist , meine Weltbürgerschaft , für mein Höchstes und Alles an . Die Cyrener können mir , wenn es ihnen beliebt ( was vielleicht bald genug begegnen wird ) alles nehmen was ich zu Cyrene habe ; so lange sie mir erlauben ein freier Mensch zu seyn , werde ich mich nicht über sie beklagen . Meine guten Dienste , glaube ich , mit gehöriger Einschränkung , jeder besondern Gesellschaft , deren Schutz ich genieße , so wie allen Menschen mit denen ich lebe , schuldig zu seyn . Träte jemals ein besonderer Fall ein , wo ich meinem Vaterlande nützlich seyn könnte , so würde ich mich schon als Weltbürger dazu verbunden halten , insofern nicht etwa eine höhere Pflicht , z.B. nicht Unrecht zu thun , dabei ins Gedränge käme . Denn wenn etwa den Cyrenern einmal die Lust ankäme Sicilien zu erobern91 , so würde ich mich eben so wenig schuldig glauben , ihnen meinen Kopf oder Arm oder auch nur eine Drachme aus meinem Beutel dazu herzugeben , als ihnen den Mond erobern zu helfen . Auch verlangt man zu Cyrene nichts dergleichen von mir . Fordert Athen von ihren Bürgern mehr , so ist das ihre Sache , und geht mich , denke ich , nichts an . So viel über den ersten Punkt deiner Antwort , ehrenwerther Antisthenes . Den zweiten , an welchem Sokrates schwerlich Antheil hat , glaube ich nur auf eine einzige anständige Art beantworten zu können , und diese ist , daß ich gar nichts darüber sage . 20. An Kleonidas . In der Voraussetzung daß ich dir dadurch einiges Vergnügen mache , fahre ich in meinem , wiewohl nur uneigentlich so genannten , Aeginischen Tagebuche fort : denn es wäre deiner Gefälligkeit zu viel zugemuthet , wenn ich dich mit den abgeschiedenen Schatten aller Tage , die ich hier verlebt habe , in Bekanntschaft setzen wollte , in der Meinung , daß sie für dich eben so viel Interesse haben müßten , als sie in ihrem Leben für mich hatten . Von meinen glücklichsten Tagen und Stunden pfleg ' ich gar nicht zu sprechen ; ich betrachte sie als eine Art von heiligen Dingen , auf welchen , wie auf den Körben der Kanephoren an den Eleusinien92 , der Schleier des Geheimnisses liegen muß . Wird er weggezogen , so erblicken uneingeweihte Augen , wie in jenen mysteriösen Körben , nichts als - Honigkuchen , Granatkörner , Bohnen und Salz . Skopas ist nun mit seiner Venus-Lesbia ( vorerst nur aus gebranntem Thon , wie sich von selbst versteht ) fertig , und hat sein Möglichstes gethan , den Stolz der undankbaren Lais durch eine gefährliche Nebenbuhlerin zu kränken , die bei dem großen Haufen der Angaffer schon allein durch ihre vollständige Naktheit keinen geringen Vortheil über sie erhält . Die junge Sklavin aus Lesbos , die ihm ( nicht ungern , wie es schien ) zum Modell dabei diente , ist wirklich in ihren individuellen Formen von einer so seltenen Schönheit , daß es wohl , so lange uns ein allgemein anerkannter Kanon der Schönheit fehlt , unmöglich seyn dürfte , das Problem , welche von beiden Bildsäulen die schönere sey , rein aufzulösen . Meine Vorliebe für die erste beweist bloß für meinen eigenen Geschmack . Mehrere Anbeter der schönen Lais , die man in der Meinung ließ , sie wäre das Modell zu beiden , streiten für die zweite , und Lais scheint sich so wenig dadurch beleidigt zu finden , daß sie , unter der Bedingung , das Exemplar , das aus Marmor gemacht werden soll , für sich zu behalten , so großmüthig gewesen ist , dem in sein eignes Werk verliebten neuen Pygmalion ein Geschenk - mit dem Urbilde zu machen . Da du dir , sagte sie scherzend zu Skopas , schwerlich Hoffnung machen darfst , daß Amor das Wunder , das er einst zu Pygmalions Gunsten that , dir zu Liebe wiederholen werde , so nimm meine Lesbia dafür , und bilde dir ein , sie sey dein eigenes , für dich von ihm belebtes Kunstwerk selbst . - Die Wahrheit ist , daß der arme Skopas , wofern die allzureizende Sklavin nicht ein Mittel gefunden hätte , das gestörte Gleichgewicht seines äußern und innern Menschen ( nach der Sokratischen Maxime , deren du dich aus einem meiner Briefe erinnern wirst ) bald möglichst wieder herzustellen , schwerlich jemals mit seiner Arbeit fertig geworden wäre ; so mächtig wirkte das zauberisch anziehende Lächeln , womit die gefällige Nymphe , um die ihr aufgetragene Rolle der Göttin mit der gewissenhaftesten Treue zu spielen , ihn unter der Arbeit anzusehen für ihre Schuldigkeit hielt . Skopas arbeitete nun immer besser je ruhiger er arbeitete , und wer weiß , ob er nicht am Ende das Modell selbst für das unter seinen Händen unvermerkt zum Ideal veredelte Nachbild ohne Aufgeld zurückgegeben hätte , wenn Lais zum Tausche geneigt gewesen wäre . Man behauptet allgemein , sagte sie in ihrem gewohnten scherzhaften Ton , ein Künstler , der etwas Vollkommenes hervorbringen wolle , müsse mit Liebe arbeiten : aber Skopas hat noch mehr gethan , er hat mit Begierde gearbeitet93 ; und vermuthlich ist dieß die Ursache , warum er in dieser Venus sein Urbild und sich selbst übertroffen hat . Dem wackern Skopas muß ich es zum Ruhme nachsagen , daß er sich bei den kleinen Spöttereien der schönen Lais ziemlich artig benahm ; vielleicht weil er sie als Wirkungen einer geheimen Eifersucht betrachtete , und sich also schmeicheln konnte , eine Art von Triumph über sie erhalten zu haben . Uebrigens hatte er Ursache mit seiner Reise nach Aegina sehr zufrieden zu seyn ; denn er wurde - außer der reizenden Lesbierin , in welcher er nun ein treffliches Modell eigenthümlich und ausschließlich besitzt - noch mit baaren Dariken königlich belohnt . Diese großherzige Freigebigkeit , und , um dem Kinde seinen rechten Namen zu geben , eine ungezügelte Neigung zum Verschwenden überhaupt , ist ein so starker Zug im Charakter meiner schönen Freundin , daß ich sehr besorge , er werde in der Folge , und nur zu bald , eine Aenderung in dem Plane , dessen ich bereits erwähnt habe , nöthig machen . Ich hielt es für eine Pflicht der Freundschaft , ihr , da wir einsmals allein waren , mit einigem Ernst davon zu sprechen . Ich sehe nur zu wohl , war ihre Antwort , daß deine Warnung nichts weniger als überflüssig ist ; aber ich kann weder meine Art zu leben noch meine Sinnesart ändern . Ich . Noch nie fühlte ich so lebhaft als in diesem Augenblick , beste Laiska , daß meine Liebe zu dir Freundschaft ist . Ich würde mich selbst hassen , wenn ich der selbstsüchtigen Anmaßung fähig wäre , die Glückseligkeit die du zu geben fähig bist , zu meinem ausschließlichen Eigenthum machen zu wollen . Aber daß das , was nur die edelsten oder ganz besonders von den Göttern und dir begünstigten Sterblichen zu genießen würdig sind , jemals wenn auch einen noch so hohen Marktpreis haben sollte , dieß nur zu denken , ist mir , in bloßer Rücksicht auf dich selbst , unerträglich . Sie . So weit , lieber Aristipp