arbeiten , so lange ich kann , aber wenn das aufhört , dann gönne mir meine Bitte , und erlöse mich von dem Übel dieses Daseins auf einmal ! 28. Mai . Herr Trappiel , Prediger in Marquardt , ist erblindet . Noch schaudert meine ganze Seele ! Der Mann , in der ärmsten Lage , der wie ein Tagelöhner arbeitete , dem jede Witterung gleichviel war – er ist blind . Ich höre es , erschrecke und schwimme mit meinem Wagen durch die Wasser des Sipunts nach Marquardt ... O Gott , sende ihm Hilfe ! Rühre den Patron des Orts ; er kann , gieb ihm wollen . 29. Mai starb der Geh . Rath Stelter ; im Zimmer des Königs , beim Vortrage , rührte ihn der Schlag . Er war Homme de fortune – aus einem Kammerdiener Geheimer Rath ! Doch hat er großes Lob der Geschicklichkeit und Applikation in seinem Posten . Madame und der Commerzienrath Damm kannten sich genau . 1787 um Neujahr trat die Fouquésche Familie mit dem Grafen Hordt in Unterhandlung wegen Rückkaufs von Sakrow . Es kam zu Stande . Auf Johannis war die Übergabe . Der Baron von Fouqué war reformirt ; Graf Schmettau auch . Die Baronesse lutherisch . Die ersten Jahre ging sie jährlich zweimal zur Communion , immer mit der Gemeinde , und immer nur als die erste von den Frauenspersonen . In den letzten Jahren war sie sehr freundschaftlich mit mir und den Meinigen . Sakrow von 1787 bis 1794 Sakrow von 1787 bis 1794 Der Graf Hordt hatte in Berlin eine reiche Wittwe geheiratet , die schon drei Männer und darunter einen Herrn v. H. gehabt hatte . Der Sohn dieser Dame , Lieutnant im Regiment Gensdarmes , sollte nun Sakrow bewirthschaften . Den sechsten Sonntag Trinitatis hielt ich in Sakrow Abendmahl . Herr v. H. , der nunmehrige Besitzer , war da und ich speiste wie gewöhnlich bei ihm . Ein Lieutnant , Hr . von Sobbe , vom Regiment Herzog Friedrich , ingleichen ein Frauenzimmer , waren auch da . Über Tisch kam eine Amme herein mit einem Kinde . » Es ist mein Sohn « , sagte er . Und nun hätte ich nur fragen dürfen : » Und die Mutter ? « Aber ich vermied alle Weitläufigkeit . Es war ein allerliebstes Kind . Das Frauenzimmer wird Mamsell genannt . Sonntag den 15. September war ich wieder in Sakrow . Traf niemand . Der Lieutnant war abermals des Morgens um acht Uhr weggefahren . Auch war der Graf Hordt zweimal dagewesen , einmal mit seiner Gemahlin . Nach mir hat er nicht gefragt . Des Morgens kommen sie an , besehen sich , essen zu Mittag , fahren wieder ab . Weihnachten 1787 . Den 29. Dezember taufte ich des Küsters Söhnlein . Herr von H. war Gevatter und schickte seinen Jäger . Er kam mit der Mamsell ins Küsterhaus , als wir uns eben zu Tische setzen wollten . Sie blieb , er ging weg ; dann kam er noch mal und ließ sie herausrufen . Sie kamen nicht wieder . ( 1788 . ) Neujahr . Der Herr Lieutnant war da , fuhr aber unter der Kirche ab . Sexagesima . Es fiel mir diesmal auf : gerade in der Minute , da ich an dem einen Ende hereinkam , fuhr der Dorfherr zum andern hinaus . Seit dem fünfundzwanzigsten Sonntag Trinitatis vorigen Jahres hatte ich ihn nicht gesehen . Elften Sonntag Trinitatis hielt ich Abendmahl . Dann ins Schloß . Nebst der Herrschaft war zu Tische Herr Jäger Sonnenberg aus Gatow , cum uxore . Den 4. August fuhr ich nach Döbritz . Unterdes war Herr von H. cum amasia hier gewesen . Den zweiten Advent hielt ich Abendmahl . Der Herr Inspektor Schübe speiste mit . Er communizierte mir die Memoiren d ' un comte suédois . Der schwedische Graf schließt mit folgenden Versen : Las d ' espérer et de me plaindre Des grands de la terre et du sort , C ' est ici que j ' attends la mort Sans la souhaiter , sans la craindre . Den 28. November starb zu Lentzke Frau Marie Luise , geb . von Schlegel , verehl . Baronesse von Fouqué , im neunundvierzigsten Jahre ihres Alters , nach einem sechswöchentlichen Krankenlager . ( 1789 . ) Den II. Januar . Wegen des außerordentlich vielen Schnees konnte ich ohne Lebensgefahr weder auf Weihnacht noch Neujahr nach Sakrow fahren . Heute wagte ich es , weil der Einwohner Weber gern seinen verstorbenen Sohn feierlich beerdigen lassen wollte . Ich predigte und begrub . Der Herr des Gutes war da . Ich ging nachher herauf , traf ihn cum annexis . 25. Januar . Der Weg war überaus beschwerlich . Ich fuhr einundeinehalbe Stunde . Er und sie waren da . Zwischen dem II. und 25. war das zweite Kind verstorben . Man überreichte mir eine kleine Summe Geld und sagte : » Für den verstorbenen Junker . « 8. März . Predigt über die Epistel . Er war nicht da , hat in Berlin abermals einen Sohn taufen lassen . – Schwerer Tag für mich . Bittre Kälte , dabei Ostwind . Ich fuhr also gegen den Wind und war schon seit 8 Uhr in der Arbeit und Kälte gewesen . Fünf Frauen und sechs Männer kamen zur Kirche . Mein Körper fror zusammen ; meine Seele war ganz niedergeschlagen . Fand nirgends ein freundlich Gesicht . – Auch du , Sakrow , so klein du bist , auch du bist seit 1776 herabgesunken . Die Exempel deiner Vorgesetzten haben dich verdorben . Unter Hordt war Sakrow fromm , denn er war zu der Zeit bigott . Unter Fouqué ward es leichtsinnig , endlich frech . Der Küster hatte oft nur drei Zuhörer . Das Verständniß der Baronin mit dem Grafen Schmettau wirkte schädlich auf die Sitten . Unter von H. ist alles frank und frei . 12. April . Ostertag . Achtundvierzig Zuhörer . Er hatte Fremde aus Berlin . Welch ' Exempel geben unsere Vorgesetzten ! Pfingsten . Der Herr Superintendent hat am Himmelfahrtstage mit außerordentlicher Lobeserhebung vom Könige und seiner Gottesfurcht gesprochen , da er einen seit zehn Jahren abgeschafften Fasttag wieder hergestellt hat . Was doch alles vorkommt ! Den 30. August , nachmittags 3 Uhr traute ich den Jäger Lindner . Es war wie Jahrmarkt und Puppenspiel . Der Roggenkranz hatte hunderte von Potsdamern nach Sakrow gezogen . Die Kirche war so voll , daß ich kaum mein Plätzchen vor dem Altare behielt ; Toben , Schreien der Kinder , Lachen über meine Worte , alles machte , daß ich mich kurz faßte . Die Braut war ein Affe ; sie zog sich die Handschuh an , anstatt sich die Hände zu geben . An eben dem Tage hat der Oberst von Winning auf Glienicke seinem Jäger die Hochzeit gemacht , auf eine anständige Art. Die Gemeinde war aufs Schloß invitiret . Er und sein Sohn führten den Bräutigam in den Saal , sie und die älteste Tochter die Braut . Es wurde ordentlich gesungen , geopfert , alles gespeiset . ( 1790 . ) Den ersten Epiphanias hielt ich Abendmahl . Der Herr Baron von H. ging auch mit , kniete sogar mit vor dem Altar . Im übrigen war er noch geiziger wie Graf Hordt . Zu Tische war der Herr Lieutnant von Öttinger mit . Mamsell war so beredt , wie die Hausfrau zu sein pflegt . Man nahm es mir recht im Ernst übel , daß ich meine Tochter nicht mitgebracht hatte , denn man hatte sie namentlich invitiret . 20. November . In der Berlinischen Zeitung hieß es heute : Seine K. M. haben den einzigen Sohn des verstorbenen Geheimen Legationsraths und Gesandten am dänischen Hofe , Herrn August Ferdinand von H. , Erbherrn auf Sakrow , aus ganz besonderen Gnaden und in Rücksicht der von seinen Voreltern dem königl . Hause geleisteten distinguirten Dienste in den Grafenstand allergnädigst erhoben . Der Großvater des Grafen mütterlicherseits war Heinrich Graf von Podiwils , erster Kabinettsminister , welche Würde er dreißig Jahre bis zu seinem Tode bekleidet hat . ( 1791 . ) Am Sonntag Reminiscere , den 20. März , war der Jäger Lindner betrunken und haselirte mit den beiden Frauensleuten rechts und links ganz unverschämt . Ich ärgerte mich gewaltig und schalt ihn . Der Jäger wollte mich später zur Rede setzen . Ich schrieb darüber an die Herrschaft . Den nächsten Sonntag kamen sie hierher und sagten : » daß sie die Leute , die den Lärm unterstützt , gerichtlich wollten bestrafen lassen . « Das ist geschehen . Den Jäger Lindner hat er ans Regiment abgeliefert , weil er in all den vorgekommenen Fällen als Urheber befunden worden ist . Sein Intimus Plage hat am Sonntage vor der Kirchthür etliche Stunden mit einem Zettel vor der Brust gestanden , rechts und links ein Gerichtsdiener . Meine Pfarre ist eine beschwerliche Pfarre . Sakrow ( nur Filial ) liegt eine Meile ab , auf einer Straße , die niemand bereiset als ich , was denn beim Schnee desto beschwerlicher fällt , noch dazu , da es durch die Haide geht , wo der Wind oft sehr zusammen deilt . Es ist in allem Betracht ein verdrießlich Filial , und doch muß ich es alle vierzehn Tage bereisen . Gott ! Du weißt es , wie ich dann den ganzen Tag über vom Morgen bis Abend fahren und reden muß , wie sauer es mir jetzt wird in der Hitze des Sommers , in der Kälte des Winters . Aber Du weißt es auch Gott , wie treu ich darin gewesen bin , auch für Sakrow , das mein Vorgänger nur sah , wenn die Herrschaften da waren . Und doch achten sie mich gering und versagen mir das Kleinste . Werd ' ich eine Wandlung erleben ? Nein . Bornstädt Bornstädt Nun weiß ich auf der Erde Ein einzig Plätzchen nur , Wo jegliche Beschwerde , Im Schoße der Natur , Wo jeder eitle Kummer Dir wie ein Traum zerfließt , Und dich der letzte Schlummer Im Bienenton begrüßt . Waiblinger Bornstädt und seine Feldmark bilden die Rückwand von Sanssouci . Beiden gemeinsam ist der Höhenzug , der zugleich sie trennt : ein langgestreckter Hügel , der in alten Topographien den Namen » der Galberg « führt . Am Südabhange dieses Höhenzuges entstanden die Terrassen von Sanssouci ; am Nordabhange liegt Bornstädt . Die neuen Orangeriehäuser , die auf dem Kamme des Hügels in langer Linie sich ausdehnen , gestatten einen Überblick über beide , hier über die Baum- und Villenpracht der königlichen Gärten , dort über die rohrbedeckten Hütten des märkischen Dorfes ; links steigt der Springbrunnen auf und glitzert siebenfarbig in der Sonne , rechts liegt ein See im Schilfgürtel und spiegelt das darüber hinziehende weiße Gewölk . Dieser Gegensatz von Kunst und Natur unterstützt beide in ihrer Wirkung . Wer hätte nicht an sich selbst erfahren , wie frei man aufatmet , wenn man aus der kunstgezogenen Linie auch des frischesten und natürlichsten Parkes endlich über Graben und Birkenbrücke hinweg in die weitgespannte Wiesenlandschaft eintritt , die ihn umschließt ! Mit diesem Reiz des Einfachen und Natürlichen berührt uns auch Bornstädt . Wie in einem grünen Korbe liegt es da . Aber das anmutige Bild , das es bietet , ist nicht bloß ein Produkt des Kontrastes ; zu gutem Teile ist es eine Wirkung der pittoresken Kirche , die in allen ihren Teilen deutlich erkennbar , mit Säulengang , Langschiff und Etagenturm , aus dem bunten Gemisch von Dächern und Obstbäumen emporwächst . Diese Kirche ist eine aus jener reichen Zahl von Gotteshäusern , womit König Friedrich Wilhelm IV. Potsdam gleichsam umstellte , dabei von dem in seiner Natur begründeten Doppelmotiv geleitet : den Gemeinden ein christliches Haus , sich selber einen künstlerischen Anblick zu gewähren . Auch für Bornstädt wählte er die Basilikaform . Über die Zulässigkeit dieser Form , speziell für unser märkisches Flachland , ist viel hin und her gestritten worden , und es mag zugestanden werden , daß sie , samt dem daneben gestellten Kampanile , vorzugsweise ein coupiertes Terrain und nicht die Ebene zur Voraussetzung hat . Deshalb wirken diese Kirchen in den flachen und geradlinigen Straßen unserer Residenzen nicht eben allzu vorteilhaft , und der unvermittelt aufsteigende , weder durch Baumgruppen noch sich vorschiebende Bergkulissen in seiner Linie durchschnittene Etagenturm , tritt – an die Porzellantürme Chinas erinnernd – in einen gewissen Widerspruch mit unserem christlichen Gefühl . Mit unseren baulichen Traditionen gewiß ! Aber so unzweifelhaft dies zuzugestehen ist , so unzweifelhaft sind doch die Ausnahmen , und eine solche bietet Bornstädt . Es wird hier ein so malerischer Effekt erzielt , daß wir nicht wissen , wie derselbe überboten werden sollte . Der grüne Korb des Dorfes schafft eine glückliche Umrahmung und während das Hochaufragende des Etagenturms etwas von dem Poetisch-Symbolischen der alten Spitztürme bewahrt , wird doch zugleich dem feineren Sinn eine Form geboten , die mehr ist als der Zuckerhut unserer alten Schindelspitzen . Der Ruf dieser hat sich nur , faute de mieux , im Zeitalter der Laternen- und Butterglockentürme entwickeln können . Die Bornstädter Basilika samt Säulengang und Etagenturm ist ein Schmuck des Dorfes und der Landschaft ; aber was doch weit über die Kirche hinausgeht , das ist ihr Kirchhof , dem sich an Zahl berühmter Gräber vielleicht kein anderer Dorfkirchhof vergleichen kann . Wir haben viele Dorfkirchhöfe gesehen , die um ihres landschaftlichen oder überhaupt ihres poetischen Zaubers willen einen tieferen Eindruck auf uns gemacht haben ; wir haben andere besucht , die historisch den Bornstädter Kirchhof insoweit in Schatten stellen , als sie ein Grab haben , das mehr wiegt als alle Bornstädter Gräber zusammengenommen ; aber wir sind nirgends einem Dorfkirchhofe begegnet , der solche Fülle von Namen aufzuweisen hätte . Es hat dies einfach seinen Grund in der unmittelbaren Nähe von Sanssouci und seinen Dependenzien . Alle diese Schlösser und Villen sind hier eingepfarrt , und was in Sanssouci stirbt , das wird in Bornstädt begraben , – in den meisten Fällen königliche Diener aller Grade , näher und ferner stehende , solche , deren Dienst sie entweder direkt an Sanssouci band , oder solche , denen eine besondere Auszeichnung es gestattete , ein zurückliegendes Leben voll Tätigkeit an dieser Stätte voll Ruhe beschließen zu dürfen . So finden wir denn auf dem Bornstädter Kirchhofe Generale und Offiziere , Kammerherren und Kammerdiener , Geheime Räte und Geheime Kämmeriere , Hofärzte und Hofbaumeister , vor allem – Hofgärtner in Bataillonen . Der Kirchhof teilt sich in zwei Hälften , in einen alten und einen neuen . Jener liegt hoch , dieser tief . Der letztere ( der neue ) bietet kein besonderes Interesse . Der alte Kirchhof hat den freundlichen Charakter einer Obstbaumplantage . Die vom Winde abgewehten Früchte , reif und unreif , liegen in den geharkten Gängen oder zwischen den Gräbern der Dörfler , die in unmittelbarer Nähe der Kirche ihre letzte Rast gefunden haben . Erst im weiteren Umkreise beginnt der Fremdenzuzug , gewinnen die Gäste von Sanssouci her die Oberhand , bis wir am Rande des Gemäuers den Erbbegräbnissen begegnen . Wir haben also drei Zirkel zu verzeichnen : den Bornstädter- , den Sanssouci- und den Erbbegräbniszirkel . An einige Grabsteine des mittleren , also des Sanssoucizirkels , treten wir heran ; nicht an solche , die berühmte Namen tragen ( obschon ihrer kein Mangel ist ) , sondern an solche , die uns zeigen , wie wunderbar gemischt die Toten hier ruhen . Da ruht zu Füßen eines Säulenstumpfes Demoiselle Maria Theresia Calefice . Wer war sie ? Die Inschrift gibt keinen Anhalt : » Gott und Menschen lieben , Gutes ohne Selbstsucht thun , den Freund ehren , dem Dürftigen helfen – war ihres Lebens Geschäft . « Ein beneidenswertes Los . Dazu war sie in der bevorzugten Lage , diesem » Geschäft « zweiundachtzig Jahre lang obliegen zu können . Geboren 1713 , gestorben 1795 . Wir vermuten eine reponierte Sängerin . Nicht weit davon lesen wir : » Hier ruht in Gott Professor Samuel Rösel , geboren in Breslau 1769 , gestorben 1843 . » Tretet leise an sein Grab , ihr Männer von edlem Herzen , denn er war euch nahe verwandt . « Wer war er ? Ein gußeisernes Gitter , einfach und doch zugleich abweichend von allem Herkömmlichen , schließt die Ruhestätte ein ; um die rostbraunen Stäbe winden sich Vergißmeinnichtranken und zu Häupten steht eine Hagerose . Noch ein dritter Fremder an dieser Stelle : Heinrich Wilhelm Wagenführer , geboren zu Neuwied 1690 . Er wurde vom Rhein an die Havel verschlagen , wie es scheint zu seinem Glück . Der Grabstein nennt ihn mit Unbefangenheit » einen vornehmen Kauf- und Handelsmann zu Potsdam . « Diese Inschrift , mit den Daten , die sie begleiten , ist nicht leicht zu entziffern , denn ein alter Ulmenbaum , der zur Seite steht , hat sein Wurzelgeäst derart über den Grabstein hingezogen , daß es aussieht , als läge eine Riesenhand über dem Stein und mühe sich , diesen an seiner Grabesstelle festzuhalten . Gespenstisch am hellen , lichten Tag ! Wir gehen vorbei an allem , was unter Marmor und hochtönender Inschrift an dieser Stelle ruht , ebenso an den Erbbegräbnissen des dritten Zirkels und treten in eine nach links hin abgezweigte Parzelle dieses Totenackers ein , die den Namen des » Selloschen Friedhofs « führt . Die Sellos sind Sanssoucigärtner seit über hundert Jahren . Ihre Begräbnisstätte bildet eine Art vorspringendes Bastion ; ein niedriges Gitter trennt sie von dem Rest des Kirchhofs . Hier ruhen , außer der » Dynastie Sello « , mit ihnen verschwägerte oder befreundete Sanssoucimänner , die » Eigentlichsten « . Karl Timm , Geheimer Kämmerer , gestorben 1839 . Emil Illaire , Geheimer Kabinettsrat , gestorben 1866 . Peter Josef Lenné , Generaldirektor der königlichen Gärten , gestorben 1866 . Friedrich Ludwig Persius , Architekt des Königs , gestorben 1845 . Ferdinand von Arnim , Hofbaurat , gestorben 1866 . Denkmal an Denkmal hat diese Begräbnisstätte der Sellos zugleich zu einer Kunststätte umgeschaffen : Marmorreliefs in der Sprache griechischer und christlicher Symbolik sprechen zu uns ; hier weist der Engel des Friedens nach oben ; dort , aus dem weißen Marmorkreuz hervor , blickt das Dornenantlitz zu uns nieder , das zuerst auf dem Schweißtuche der heiligen Veronika stand . Nur die Sellos , die eigentlichen Herren des Platzes , haben den künstlerischen Schmuck verschmäht : einfache Feldsteinblöcke tragen ihre Namen und die Daten von Geburt und Tod . Sie haben den künstlerischen Schmuck verschmäht , nur nicht den , der ihnen zustand . Die alten Gärtner wollten in einem Garten schlafen . So viele Gräber , so viele Beete , – das Ganze verandaartig von Pfeilern und Balkenlagen umstellt . Die Pfeiler wieder hüllen sich in Efeu und wilden Wein , Linden und Nußbäume strecken von außen her ihre Zweige weit über die Balkenlagen fort , zwischen den Gräbern selbst aber stehen Taxus und Zypressen , und die brennende Liebe der Verbenen spinnt ihr Rot in das dunkelgrüne Gezweig . Aus der Selloschen Begräbnisparzelle sind wir auf den eigentlichen Kirchhof zurückgeschritten . Noch ein Denkmal verbleibt uns , an das wir heranzutreten haben : ein wunderliches Gebilde , das , in übermütigem Widerspruch mit Marmorkreuz und Friedensengel , den Ernst dieser Stunde wie ein groteskes Satyrspiel beschließt . Es ist dies das Grabdenkmal des bekannten Freiherrn Paul Jakob von Gundling , der Witz und Wüstheit , Wein- und Wissensdurst , niedere Gesinnung und stupende Gelehrsamkeit in sich vereinigte , und der , in seiner Doppeleigenschaft als Trinker und Hofnarr , in einem Weinfaß begraben wurde . In der Bornstädter Kirche selbst , in der Nähe des Altars . Über seinem Grabe ließ König Friedrich Wilhelm I. einen Stein errichten , der trotz des zweifachen Neubaus , den die Kirche seitdem erfuhr , derselben erhalten blieb . Dies Epitaphium , ein Kuriosum ersten Ranges , bildet immer noch die Hauptsehenswürdigkeit der Kirche . Hübsche Basiliken gibt es viele ; ein solches Denkmal gibt es nur einmal . Ehe wir eine Beschreibung desselben versuchen , begleiten wir den Freiherrn durch seine letzten Tage , auf seinem letzten Gange . Wir benutzen dabei , mit geringen Abweichungen , einen zeitgenössischen Bericht : » von Gundling wurde vor Ostern des Jahres 1731 krank und starb den II. April auf seiner Stube im königlichen Schlosse zu Potsdam . Sein Körper ward sogleich auf einem Brette nach dem Witwenhause der Lakaienfrauen getragen und hier von den Wundärzten geöffnet . In seinem Magen fand man ein Loch . Sein Leichenbegängnis war äußerst lustig und seinem geführten Lebenswandel völlig angemessen . Schon vor zehn Jahren hatte ihm der König seinen Sarg in Form eines Weinfasses verfertigen lassen . Es war schwarz angestrichen und auf dem obern Teile mit einem weißen Kreuze geschmückt , welches nach allen vier Seiten herunterging . Es wird erzählt , daß Gundling sich schon bei Lebzeiten öfters in diesen Sarg gelegt und zur Ergötzung des Hofes ein Glas Wein darin getrunken habe . Nachdem er tot war , legte man ihn in seinem rotsamtenen , mit blauen Aufschlägen besetzten Kleide , desgleichen mit roten seidenen Strümpfen und einer großen Staatsperücke , in dasselbe hinein . Umher stellte man zwölf Gueridons mit brennenden weißen Wachskerzen . In dieser Parade ward er jedermann öffentlich gezeigt . Besonders kamen viele Fremde nach Potsdam , um ihn zu sehen . Nachdem der Kastellan des Schlosses vom Könige den Befehl erhalten hatte , alles zum Begräbnis Erforderliche zu besorgen , ward dem Verstorbenen die Kirche zu Bornstädt als Ruhestätte bestimmt . Zur Leichenbegleitung wurden mehr als fünfzig Offiziere , Generale , Obersten und andere angesehene Kriegsbediente , die Geistlichen , die Potsdamer Schule , die königlichen Kabinettssekretäre , Kammerdiener , Küchen- und Kellereibediente eingeladen . Hierzu kam noch der Rat und die Bürgerschaft der Stadt , welche sich sämtlich , mit schwarzen Mänteln angetan , bei dieser Handlung einfinden mußten . Alle diese Begleiter waren bereit und willig , Gundling die letzte Ehre zu erweisen , bis auf die lutherischen und reformierten Geistlichen , die zu erscheinen sich weigerten . Da sie um die Ursache befragt wurden , schützten sie die Gestalt des Sarges vor , welche nicht erlaube , daß sie dabei ohne Anstoß erscheinen könnten . Man fand nicht für gut , sie weiter zu nötigen , und ließ sie weg . Nun stellte sich aber ein zweiter Umstand dar , welcher neue Schwierigkeiten hervorbrachte . Da die Geistlichkeit , von der ein lutherisches Mitglied die Parentation halten sollte , nicht erschien , so war man verlegen , wer dies Geschäft nun übernehmen würde . Nachdem man hin und her gesonnen hatte , verfiel man endlich auf des Verstorbenen Erzfeind , auf David Faßmann . Dieser übernahm es und hielt wirklich die Leichenrede . Nach Schluß derselben wurden Lieder gesungen und alle Glocken geläutet . Der bis dahin offen gestandene Sarg ward zugemacht , ein Bahrtuch darüber geworfen , und so ging es in bester Ordnung und unter fortgesetztem Läuten bis vor den Schlagbaum von Potsdam hinaus . Hier blieb die Prozession zurück , und nur wenige folgten der Leiche , die auf einen Wagen gesetzt und nach Bornstädt gefahren wurde . Hier wurde sie abgeladen und inmitten der Kirche eingesenkt . – Ein großer , zierlich ausgehauener Leichenstein erhielt folgende Inschrift : Allhier liegt begraben der weyland Hoch- und Wohlgeborne Herr , Herr Jakob Paul Freiherr von Gundling , Sr. K. Majestät in Preußen Hochbestallt gewesener Ober-Ceremonienmeister , Kammerherr , Geh . Ober-Appellations- , Kriegs- , Hof- , Kammer-Rath , Präsident der K. Societät der Wissenschaften , Hof- und Kammergerichtsrath , auch Historiographus etc. , welcher von Allen , die ihn gekannt haben , wegen seiner Gelehrsamkeit bewundert , wegen seiner Redlichkeit gepriesen , wegen seines Umgangs geliebt und wegen seines Todes beklagt worden . Anno 1731 . Darunter befindet sich groß und in sauberer Ausführung das freiherrliche Wappen . « So etwa der zeitgenössische Bericht . Des Wappens auf dem Leichensteine wird nur in aller Kürze Erwähnung getan , und doch ist dasselbe von besonderem Interesse . Es zeigt , daß des Königs Geneigtheit , an Gundling seinen Spott zu üben , auch über den Tod des letztern fortdauerte . Hatte er schon früher durch Erteilung eines freiherrlichen Wappens , auf dem die angebrachten drei Pfauenfedern die Eitelkeit des Freiherrn geißeln sollten , seinem Humor die Zügel schießen lassen , so ging er jetzt , wo es sich um die Ausmeißelung eines Grabsteins für Gundling handelte , noch über den früheren Sarkasmus hinaus , und das Grabsteinwappen erhielt zwei neue Schildhalter : eine Minerva und einen aufrecht stehenden Hasen . Die Hieroglyphensprache des Grabsteins sollte ausdrücken : er war klug , eitel , feige . Dieser interessante Stein lag ursprünglich im Kirchenschiff ; jetzt ist er senkrecht in die Frontwand eingemauert und wirkt völlig wie ein errichtetes Denkmal . Wenn der weiße Marmor so vieler Gräber draußen längst zerfallen sein und kein rotdunkles Verbenenbeet den Verandabegräbnisplatz der Sellos mehr schmücken wird , wird dies wunderliche Wappendenkmal , mit den Pfauenfedern und dem aufrechtstehenden Hasen , noch immer zu unsern Enkeln sprechen , und das Märchen von » Gundling und dem Weinfaßsarge « wird dann wundersam klingen wie ein grotesk-heiteres Gegenstück zu den Geschichten vom Oger . Wer war er Wer war er ? Ein Kapitel in Briefen aus aller Welt Enden In dem vorstehenden Bornstädtkapitel ist auf Seite 237 des verstorbenen Professors Samuel Rösel Erwähnung geschehen und an die Nennung seines Namens die Frage geknüpft worden : Wer war er ? Diese Frage , so wenig passend sie sein mochte , namentlich um des Tones willen , in dem ich sie stellte , hat wenigstens das eine Gute gehabt , mir eine Fülle von Zuschriften einzutragen , aus denen ich nunmehr imstande bin , ein Lebensbild Rösels zusammenzustellen . Den Reigen dieser Zuschriften eröffnete ein » Hinterwäldler « , wie er sich selber am Schlusse seines , den Poststempel St. Louis ( am Mississippi ) tragenden Briefes nennt . Es heißt darin wörtlich : » Oh , mein lieber Herr Fontane , röten sich nicht Ihre Wangen über solche Unwissenheit ? Professor Rösel war ein hervorragender Mann der Berliner Akademie , eine wohlbekannte sehr beliebte Persönlichkeit , Anfang der dreißiger Jahre in den Familien Schadow , Spener , Link gern gesehen , wo er durch Satire , Komik und ausgezeichnete Geselligkeit alles zu erheitern wußte . Und nun fragen Sie : wer war er ? Sie haben sich durch diese Frage eine arge Blöße gegeben , und wenn ich Sie nicht um Ihrer im letzten Kriege bewiesenen Vaterlandsliebe willen schätzte , so würden Sie sich eine öffentliche Rüge zugezogen haben . Nehmen Sie das nicht übel Ihrem Sie hochschätzenden Hinterwäldler . « Ich nahm diesen Brief anfänglich leicht und glaubte mich mit meinem » Wer war er ? « immer noch in gutem Recht . Aber allmählich sollt ' ich doch meines Irrtums gewahr werden . Der St. Louis-Brief kam durch mich selber in die Öffentlichkeit und ich mußte mich alsbald überzeugen , daß alle Welt auf die Seite Rösels und seines hinterwäldlerischen Advokaten und nicht auf die meinige trat . In der National-Zeitung erschien ein kleiner Artikel Adolf Stahrs , dem ich nachstehendes entnehme . » Der Tadel vom Mississippi her ist doch nicht ganz unberechtigt . Fontane hätte die Pflicht gehabt , sich besser umzutun und nach einem Manne zu forschen , der noch zu Anfang der vierziger Jahre eine sehr bekannte Berliner Persönlichkeit war . Gottlob Samuel Rösel , Landschaftsmaler und Professor an der Zeichenakademie in Berlin , zählte zu seiner Zeit unter den tüchtigsten Künstlern seines Fachs , und Zelter nennt seine drei im Jahre 1804 ausgestellten Land schaften in dem über die Ausstellung jenes Jahres an Goethe berichtenden Briefe , neben den Landschaften von Hackert , Lütke , Genelli und Weitsch mit großem Lobe . Der kleine , etwas verwachsene , aber sehr geistreiche und sarkastische Mann war ein intimer Genosse des Zelterschen Kreises , war mit Hegel befreundet , und vor allen Dingen ein großer Verehrer Goethes . Es hätte Fontane nicht unbekannt sein dürfen , daß der größte deutsche Dichter das Andenken des Künstlers Rösel durch zwei seiner anmutigen kleinen Gedichte der Nachwelt zu überliefern für wert gehalten hat . Der Künstler hatte den Großmeister der deutschen Dichtung zu dessen Geburtstage wiederholt mit sinnigen Zeichnungen , unter denen Götz von Berlichingens Burg Jaxthausen , Tassos Geburtshaus in Sorrent und eine Zeichnung des Hofes von Goethes Vaterhause in Frankfurt , beschenkt , und Goethe dankte ihm dafür in mehreren Gedichten , von denen das eine : › an Professor Rösel ‹ mit den Worten beginnt : Rösels Pinsel , Rösels Kiel Sollen wir mit Lorbeer kränzen ; Denn er tat von je so viel Zeit und Raum uns zu ergänzen . Näheres über die Beziehungen Rösels zu Goethe findet man an verschiedenen Stellen des Goethe-Zelter schen Briefwechsels , sowie in den Anmerkungen , welche Herr Geh . Rat von Löper und Dr. Strehlke ihrer vortrefflichen Ausgabe Goethes an den betreffenden Stellen ( T. III , S. 169 , 170 bis 171 ) beigegeben haben . « Und nun war das Eis gebrochen , und Rösel-Briefe kamen von allen Seiten . » Es wäre leicht gewesen « , schrieb mir ein Unbekannter , » sich über Rösel zu informieren , und der Hinterwäldler hat es mit seinem Vorwurf doch eigentlich getroffen . Rösel war geistreich , witzig , spöttisch , von gediegenem Wissen und vor allem ein kreuzbraver Mann . Friedrich Wilhelm IV. , welcher ihn lange gekannt und geliebt hatte , nahm den alten , alleinstehenden und schließlich etwas geistesschwach gewordenen Mann nach Charlottenhof hinüber , und ließ ihn daselbst mehrere Jahre lang in der Familie des