lange her , ihn auch auszusprechen , so trifft Sie , theure Mutter , doch auch der Vorwurf , daß Sie , die Sie des Menschen Herz und die Welt , und meine und Hildegard ' s Unerfahrenheit wohl kannten , uns vor sieben Jahren nicht abgehalten haben , ein Bündniß einzugehen , das so wenig Aussicht auf eine baldige Erfüllung darbot . Aber wir leiden in diesem Augenblicke Alle gemeinsam , wir dürfen nicht mit einander rechten . Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach streben , dieses nothwendige Leid so viel als möglich zu mildern und so viel als möglich dem Auge der Welt zu entziehen . Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen . Gönnen Sie mir die Gunst , Sie bis dahin in meinem Schlosse zu behalten . Wir waren Freunde , ehe wir Verwandte zu werden hofften ; lassen Sie uns Freunde bleiben , da jene Hoffnung sich leider nicht erfüllt , und mein Herz wird bemüht sein , Sie und die geliebte Cäcilie , und hoffentlich einst auch Hildegard , mit mir und meiner Handlungsweise auszusöhnen . Lassen Sie mich Sie in Richten wiederfinden ! Aber was Sie auch beschließen , rechnen Sie auf mich wie auf Ihren Sohn , denn ich werde nicht aufhören , mich als Ihren Sohn zu fühlen . « Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden , ein Bote war schnell bei der Hand , und ohne weiteren Aufenthalt machte man sich darauf gegen Mittag zu dem beabsichtigten Besuche auf den Weg . Weil die ganze Familie seines Wirthes Theil an dem Ausfluge nehmen sollte , hatte man in dem viersitzigen Wagen nicht Plätze genug ; man nahm also ein Gig zu Hülfe , dessen Renatus und sein Freund sich bedienten . Der schöne Sommertag , die hübsche Hausfrau , die fröhlichen Kinder , die aus dem rasch dahin rollenden Wagen so neugierig und so ungeduldig wie flügge werdende Vögel aus ihrem Neste in die Welt hinaussahen und mit ihren Anrufen , Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses und bald auf jenes Wunder aufmerksam machten , belustigten Renatus . Es lag in der Unschuld dieser Kinder für ihn , der an die kecke Frühreife Valerio ' s gewohnt war und sonst mit Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte , etwas ungemein Reizendes ; und nur wenn es ihm einfiel , daß Hildegard jetzt unterwegs sei und daß die Gräfin in Richten nun seine Antwort bald erhalten werde , legte sich ein Schatten über seine Heiterkeit und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz , daß er aufathmen und sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne fahren mußte . Indeß sein Gefährte merkte nichts von dem dunkeln Boden , über dem die Fröhlichkeit des jungen Freiherrn aufwuchs , und man war im vollen Genusse des schönen Tages , des angenehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins , als ein schwerbeladener Lastwagen , der von der Höhe herunterkam , den Fahrenden nöthigte , scharf zur Rechten auszubiegen . Aber der Landweg war nur schmal , der Wagen mit Fässern und Kisten in der Mitte ungewöhnlich breit beladen , und wie der neben dem Wagen gehende Fuhrmann seine Pferde auch nach der linken Seite hinüberzerrte , die Räder des Frachtwagens und des Gig geriethen in einander , die Pferde des Frachtwagens zogen auf des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an - ein Knack , und das leichte , schwache Rad des Gig fiel in Stücken von der Achse . Es war ein unangenehmer Vorfall . Man war ein paar Meilen von dem Orte der Ausfahrt , ein paar Meilen von dem Gute entfernt , nach dem man sich begeben wollte . Einen besonderen Kutscher hatte man für den kleinen , nur zweisitzigen Wagen nicht innegehabt , und den Diener , der auf dem Wagen der Frauen und der Kinder saß , mochte man nach der eben gemachten Erfahrung nicht mit dem Pferde nach Hause senden , um ihn für alle Fälle zur Hand zu behalten . Man fing an , sich in der Gegend umzusehen ; man war kaum eine Viertelstunde von Marienfelde entfernt , und eben als der Besitzer des zerbrochenen Gefähres darauf dachte , sich dorthin zu wenden , um seinen Wagen unterzubringen , und wo möglich irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen , ward in der Entfernung zwischen den Feldern ein Reiter sichtbar , der , als er die beiden Wagen auf der Landstraße halten und einen derselben zerbrochen sah , mit seinem tüchtigen Pferde schnell herankam . Der Mann und sein Pferd sahen wie aus Einem Gusse aus , so fest saß er in seinem Sattel , so gut paßten der große , starke Reiter und sein Schimmelhengst zusammen . Es war ein schönes , ein erbeutetes Pferd ; und der Gutsbesitzer Steinert wußte sich etwas mit dem feurigem Andalusier , in dessen stark hervortretenden Adern unter der feinen Haut das arabische Blut ganz unverkennbar war . Es kam seiner Pferdezucht zu Statten . Steinert erkannte seinen adeligen Gutsnachbar schon aus ansehnlicher Ferne , und mit der weithin schallenden Stimme , welche in manchem Kampfe ermuthigend an seiner Leute Ohr und in ihr Herz gedrungen war , rief er : Guten Morgen , Herr von Brinken ! Haben Sie ein Unglück gehabt ? Steinert war während dessen nahe heran gekommen und erst jetzt erblickte er auch Renatus , der hinter dem Gig gestanden hatte . Ohne irgend an die Zurückweisung zu denken , welche er von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der Landstraße erfahren hatte , reichte er ihm die Hand hin , und mit einer Freundlichkeit , welche sein dunkel gebräuntes Gesicht angenehm erhellte , und seine Lippen unter dem dicken , bereits ergrauenden Schnurrbarte schön umspielte , rief er : Willkommen zu Hause , Herr von Arten ! Ich hörte schon , daß Sie zurückgekommen wären . Renatus konnte nicht anders , als die dargebotene Hand ergreifen und den Handschlag Steinert ' s erwiedern ; aber es fiel ihm auch jetzt noch auf , daß Steinert ihn völlig als seines Gleichen behandelte . Nicht einmal Herr Baron nannte er ihn , sondern Herr von Arten , ganz schlechtweg . Es war jedoch für Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht die Zeit . Denn Steinert war vom Pferde gestiegen , besah mit Kennerblick den Schaden an dem Wagen , und machte sofort den Herren den Vorschlag , mit ihm nach Marienfelde zu kommen , von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage für das Gig abschicken wolle , damit man dasselbe nur erst nach dem Dorfe bringen könne , und später stehe dann den Herren sein Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten . Man nahm das dankbar an . Ein scharfer Pfiff , den Steinert über die hohlen Hände that , rief einen seiner Arbeiter vom Felde herbei , den man bei dem Fuhrwerke zurückließ ; der Wagen , den Frau von Brinken und die Kinder inne hatten , setzte seinen Weg fort , und den Zügel seines Pferdes über den Arm nehmend , führte Steinert die beiden Edelleute den Weg nach seinem Hause zu . Es ist hier für uns auf dem Lande nichts mit diesen kleinen , zerbrechlichen Wagen , sagte er , als Herr von Brinken die Bemerkung machte , daß nicht nur das Rad zerbrochen sei , sondern daß auch das Gig selbst bei dem Zusammenstoße eine Beschädigung erlitten habe , welche es nöthig machen werde , es zur Herstellung nach der Hauptstadt zu schicken . - Soll denn etwas Fremdes bei uns eingebürgert werden , so lasse ich mir noch eher den englischen oder den vlaemischen zweirädrigen Transportkarren gefallen ; dessen Räder halten etwas aus , und unsere Pferde sind stark genug , ihn selbst die Höhen hinaufzuziehen , obschon er für die Ebene besser paßt . Ich habe mir , als ich aus dem Felde kam , ein paar solcher Karren versuchsweise zusammenschlagen lassen . Herr von Brinken wünschte , sie zu sehen ; Steinert war bereit , sie ihm zu zeigen . Er meinte , der Herr von Arten müsse diese Karren zur Genüge gesehen haben , und wie von selbst knüpfte sich daran die Frage , ob Renatus während der Feldzüge wohl Gelegenheit genommen habe , auf die verschiedene Art und Weise der Wirthschaft in den verschiedenen Gegenden und Ländern Acht zu geben . Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung , er sei darauf nicht vorbereitet gewesen . Schade ! sagte Steinert . Da man denn doch zuletzt jeder Sache eine gute Seite abgewinnen soll , so kann es nicht in Abrede gestellt werden , daß es uns und unsern Leuten vortheilhaft gewesen ist , uns auch einmal auf fremdem Boden und in fremder Wirthschaft umzuthun . Mir zum Beispiel sollen die mannigfachen Erfahrungen , die ich bei dem Hin- und Hermarschiren machen konnte , wie ich denke , nicht verloren gehen . Wie sich das von selbst versteht , kamen die beiden Männer von den Feldzügen im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen Erlebnisse zu sprechen , und man war mitten in den besten Kriegsgeschichten , als man auf dem Hofe in Marienfelde anlangte . Von dem einstigen Schlosse stand jetzt nur der Mittelbau , und selbst der Thurm war von demselben abgebrochen . Das Haus sah dadurch eigentlich plump und unschön aus , dafür aber stand links von dem Teiche die große Brennerei . Die Scheunen , die Ställe und die Insthäuser waren aus guten Ziegeln gebaut , und was der Krieg auch hier zerstört hatte , das war , wie die vielen neuen Dachsteine , Fensterläden , Thüren und Zäune verriethen , längst wieder vollständig hergestellt worden . Es war still auf dem Hofe , auch im Hause ließ sich Niemand sehen . Erst als der große Hund hell anschlug , guckte ein Mädchenkopf zum Fenster hinaus , und den Vater erblickend , trat die Tochter schnell zurück , um ihm entgegen zu eilen oder um der Mutter zu melden , daß er Fremde mit nach Hause bringe . Steinert war unterdessen mit den beiden Gästen in dem Flur seines Hauses angelangt , und Renatus , der nie zuvor in diesem Hause gewesen war , fühlte sich mit Ueberraschung in einer ganz vertrauten Umgebung . Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den Wänden , die Erntekränze jeden Jahres , wie Renatus sie in seines Vaters Amtshause hatte hangen sehen , als er noch ein Kind gewesen war ; hier wie dort stand sie der Hausthüre gegenüber , die große englische Stehuhr , das Erbstück der Steinert ' schen Familie , und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage von Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg . Und als dann aus dem Zimmer zur Linken das große , starke , kaum siebenzehn Jahre alte Mädchen , die blonden Zöpfe um das Haupt gewunden , zum Vorschein kam und sich mit unbefangener Freundlichkeit vor den Gästen verneigte , glaubte Renatus vollends , einer Verzauberung zu unterliegen , denn gerade so , aber gerade so , hatte , wie er sich zu erinnern meinte , einst Steinert ' s Schwester ausgesehen , als sie jung gewesen war . Und nun willkommen unter meinem Dache , mein lieber Herr von Arten und mein verehrter Herr Nachbar ! sagte Steinert , während er den Beiden die Hüte abnahm . Lassen Sie Sich ' s bei uns gefallen , bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen Ihr Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird ; treten Sie näher , ich bitte ! Nach dem Garten hinaus haben wir jetzt Schatten . Treten Sie näher ! - Und sich zur Tochter wendend , fragte er : Eveline , weiß die Mutter , daß ich zurückgekommen bin ? Eveline hatte nicht zu antworten nöthig , denn die Hausfrau erschien bereits in der Thüre , und der Tochter den Knaben hinreichend , den sie , um schneller fortzukommen , auf dem Arme getragen hatte , bewillkommte auch sie die Gäste mit guter Art. Als das Kind des Vaters ansichtig wurde , rief es ihn laut an und streckte , sich von der Schwester losmachend , die derben Arme nach ihm aus , so daß Steinert ihn zu sich und bei der Hand nahm . Der Bursche ist ein Nachschößling , sagte er lachend , während er ihn küßte und ihn mit Vaterfreude in die Höhe hob . Er ist unser ganz besonderes Friedenspfand , und weil er sich gleich bei seiner Geburt als einen tüchtigen Kerl erwiesen hat , habe ich ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht . Herr von Brinken , selbst ein zärtlicher Vater , freute sich des Jungen , der kaum zwei Jahre zählte und auf seinen Beinen schon wie eingewurzelt da stand . Wie heißt er denn ? fragte Renatus . Junge , wie heißt Du ? wiederholte der Vater . Sag ' s selber , aber deutlich , damit man Ehre mit Dir einlegt ! Gebhard Leberecht Steinert ! brachte der Kleine zwar noch mit schwerer Zunge , aber mit so dreister Entschlossenheit hervor , daß er die Erwachsenen alle lachen machte , und Renatus unwillkürlich ausrief : In Dir steckt ja der ganze Husar ! Steinert nickte mit dem Kopfe . Ja , für den Nothfall , Herr von Arten . Im Uebrigen haben wir des Krieges und ich für mein Theil des Soldatenwesens nun genug gehabt , und ich denke , meine Jungen sollen es nicht nöthig haben , sich lange mit dem Wehrstande abzugeben , sondern im Nährstande und ruhig bei der Arbeit bleiben können . Während sie noch sprachen , schlug die Uhr im Hausflur die Mittagsstunde und auf dem Hofe läutete die Glocke . Eveline , welche bald nach dem Eintritte der Mutter das Zimmer verlassen hatte , kehrte jetzt zurück . Ist angerichtet ? fragte Steinert , und auf die bejahende Antwort nöthigte er die Fremden , es sich auf gut Glück an seinem Tische gefallen zu lassen . Man nahm den Vorschlag dankbar an . Der Tisch war in dem großen Saale zu ebener Erde gedeckt , und seine Größe und Schwere zeigten , daß er hier seine feste Stelle haben mußte . Glänzendes , selbstgewebtes Leinenzeug bedeckte ihn ; man hatte den Gästen zu Ehren auch einen Blumenstrauß auf die Tafel gestellt , aber Silberzeug war nicht , wie sonst , vorhanden . Was man davon besessen hatte , und der Vorrath im Hause war ansehnlich genug gewesen , das war beim Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt worden , und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu anderen Dingen , als zum Ankaufe von Werthgegenständen , die sich nicht verzinsten . Die Wirthin , welche trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch wie das Leben selber aussah und durch die Geburt ihres Leberecht , auf den beide Eltern einen wahren Stolz besaßen , eher erfrischt als angegriffen worden war , die Wirthin und Steinert nahmen die Mitte des Tisches ein , die beiden Fremden saßen zu ihren Seiten , und außer den Kindern kamen einer nach dem andern noch einige junge Leute in ihren Arbeitsröcken , mit hohen Stiefeln in das Zimmer , die sich mit flüchtigem Gruße auf ihre Plätze setzten . Nur Einen von ihnen , einen hübschen , kräftigen Mann , der von Eveline mit einem Händedrucke begrüßt ward , stellte Steinert , ehe Jener sich neben der Tochter niederließ , als deren Verlobten vor , für den er sich hier in der Gegend schon seit längerer Zeit nach einem passenden Ankaufe umsehe . Renatus wurde es bei der Bemerkung plötzlich heiß . Der also ist ' s , dachte er , für den sie auf meine Güter spekuliren ! Und er konnte sich der alten , feindseligen Empfindung nicht erwehren . Aber Niemand ahnte , was in seiner Seele vorging , sie waren Alle munter und gut aufgelegt . Die Hausfrau hatte in der Eile noch rasch einen Fisch aus dem Teiche nehmen und herrichten lassen , eine süße Speise war eben so schnell bereitet worden , an Erdbeeren und Kirschen gab es eben jetzt Ueberfluß , und so war denn mit der tüchtigen alltäglichen Kost des Hauses ein vollständiges Mahl zu Stande gekommen , das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gästen darbot , und auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht . Eveline selbst war aufgestanden , ihn aus dem Wasserkübel herbeizuholen , und als Steinert die erste Flasche entkorkt und den goldig klaren Rheinwein in die Gläser gefüllt hatte , welche die Tochter herumgab , erhob er sich und sagte , sich zu Renatus wendend : Es ist das erste Mal , Herr von Arten , daß Einer von Ihnen auf meinem Grunde und Boden an meinem Tische sitzt , und ich freue mich darüber . Wir sind jetzt drei Jahre lang Kriegskameraden gewesen , lassen Sie uns nun auch künftig gute Nachbarn werden und stoßen Sie mit mir darauf an - er hielt das Glas mit dem funkelnden Weine hoch empor - daß wir hier zu Lande diesen Wein immer und immerdar für uns allein trinken ! Es hat Blut genug gekostet , ihn uns wieder zu gewinnen ! Der freie deutsche Rhein und der Friede ! - Hoch , hoch ! erklang es von allen Seiten . Die Mutter , der künftige Tochtermann , die Wirthschafter , von denen auch zwei in dem letzten Feldzuge mitgewesen waren , erhoben sich und kamen zu dem Hausherrn und zu den Gästen , mit ihnen anzustoßen . Eveline , welche die eigentliche Wärterin des Jüngsten machte , war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Leberecht herbeigeholt , damit er sein Hoch auch mitrufen und seines Tröpfchens Wein nicht entbehren solle ; und als Steinert ihm sein Glas hinhielt , that der Bursche einen langen Zug und wollte sich zu des Vaters Freude das Glas , das er mit beiden Händen fest umklammert hatte , nicht entreißen lassen . Die Zufriedenheit , der Lebensmuth , die Herzensgüte leuchteten jedem Mitgliede des Hauses aus den Augen . Man mußte mit diesen Menschen fröhlich werden , man konnte der kleinen Verstöße gegen die höhere Gesellschaftssitte und ihren sogenannten Ton gar nicht gedenken . Es war Alles anders , als Renatus es in seinem Hause gewohnt war , Alles derber , naturwüchsiger , aber es schien dafür auch Alles auf eine lange , gesunde Dauer angelegt und berechnet zu sein , und während Steinert ' s männlich schöner Freimuth und seine Würdigkeit des jungen Freiherrn Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen , meinte er zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle Lachen der Hausfrau und ihrer Tochter , doch immer die schweren Pendelschläge der alten englischen Uhr zu hören , und es klang ihm , als riefen sie immerfort : Sie kommen empor und Du herab ! Er suchte den Gedanken zu verscheuchen , aber es gelang ihm nicht . Das Landleben , die Einsamkeit machen mich schwermüthig , und Hildegard ' s krankhafte Melancholie hat mich angesteckt und schwarzsehend gemacht , sagte er sich endlich . Es ist Zeit , daß ich unter Menschen und in die Welt und in das Leben zurückkehre ! - Und doch entging es ihm nicht , wie Steinert , als man von der Tafel aufgestanden war und die Wirthschafter sich entfernen wollten , sie zurückhielt , mit Jedem von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm , wie sie alle voll Eifer und voll Theilnahme bei der Sache waren und dann still geschäftig ihres Weges gingen . Darin war freilich auch ein Leben , und Steinert ' s Welt war unter diesen Menschen , die er heranbildete , während sie seine Angelegenheiten in seinem Dienste förderten . Aber , dachte Renatus , man muß nichts Höheres kennen , um sich darin zu befriedigen , man muß sich nicht als einer bevorzugten Kaste angehörend empfinden , um seine Untergebenen als seines Gleichen behandeln zu können , und man muß als ein Arbeiter geboren sein , um vorauszusetzen , daß Jedweder für die Arbeit auf der Welt sei . Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von Brinken in den Hof gekommen und Steinert hatte den Befehl gegeben , das Pferd , wenn man es gefüttert haben werde , vor einen seiner kleinen Wagen vorzulegen . Während man noch damit beschäftigt war , erkundigte Steinert sich bei dem jungen Freiherrn , was er denn wegen seiner Wirthschaft beschlossen habe ; und von dem klugen und ehrlichen Gesichte des Mannes , wie von seiner unverkennbaren Theilnahme doch allmählich überwunden , sagte Renatus : Es sind mir Rath- und Vorschläge der verschiedensten Arten zugekommen , noch aber bin ich unentschieden . Sie kennen ja die Güter . Anfangs der nächsten Woche bin ich bestimmt in Richten . Kommen Sie herüber , sehen Sie Sich die Güter und die Wirthschaft einmal an . Ich möchte Ihre Meinung hören , ehe ich mich endgültig entscheide . Steinert lächelte . Der verstorbene Freiherr stand ihm in diesem Augenblicke leibhaftig vor Augen . Es war die alte , fürstliche Weise des Edelmannes , zu befehlen , wo er zu bitten nicht für angemessen fand , und sich einzubilden , daß er demjenigen eine Ehre erweise , dessen Meinung er zu hören fordere , um dann mit der eigenen , weit geringeren Einsicht über jene zu Gericht zu sitzen . Aber er ließ den jungen Mann seine üble Angewohnheit nicht entgelten , und von einer gewissen Anhänglichkeit an das Arten ' sche Geschlecht , von der Liebe für die Güter , welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre Kraft und Arbeit zugewendet hatten , wie von dem Gedanken an seinen eigenen Vortheil gleichmäßig bestimmt , versprach Steinert dem Freiherrn , wenn es seine Zeit erlaube , an einem festgesetzten Tage nach Richten zu kommen , obschon , wie er sagte , dies kaum nöthig sei . Denn , fügte er hinzu , ich weiß , Sie haben meinen Freund Tremann in der Stadt gesprochen , und seine Ansicht ist auch die meinige . Sie haben keine Wahl , Herr von Arten ! Sie können die Güter nicht wohl mehr halten ! Verkaufen müssen Sie ! Wir wollen aber einmal sehen , ob wir über Rothenfeld nicht Handels einig werden können . Das Gut ist groß , es ließe sich sehr wohl in zwei hübsche Theile theilen . Den einen Theil möchte mein künftiger Schwiegersohn gern übernehmen , der eigenes Vermögen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen Herde sehnt , und auf dem andern könnte man allmählich zu bauen beginnen , damit mein Sohn bei seiner Heimkehr doch auch Dach und Fach vorfindet . Die Kinder sind arbeitsam , fortkommen werden sie , wenn ' s auch Anfangs Mühe kosten wird , und wir behielten sie doch gern in unserer Nähe ! Der Wagen , welcher die Gäste weiterbefördern sollte , war nun vorgefahren . Die ganze Familie begleitete sie vor die Thüre hinaus . Steinert selbst sah nach , ob Alles in Ordnung , ob von dem kleinen Gepäck der beiden Edelleute nichts vergessen worden sei . Man sagte ihnen herzlich Lebewohl , die Hausfrau bat , bald wieder , wo möglich auf der Rückfahrt vorzusprechen , auch Leberecht blieb ihnen sein Adieu und seinen schönen Gruß mit der Hand nicht schuldig , und Renatus wie dem Herrn von Brinken die Rechte schüttelnd , rief Steinert ihnen noch ein » Auf Wiedersehen ! « nach . Renatus aber trug jetzt nach demselben kein Begehren mehr . Sein eben erst erwachtes Wohlgefallen an dem früheren Diener seines Hauses war schnell vorübergegangen . Sein Verlangen , aus dieser Gegend fortzukommen , war lebhafter als je . Ein wackerer Mann , sagte Herr von Brinken , nachdem sie den Hof verlassen hatten , und es war hübsch , wie er sich durch Ihren Besuch geehrt fand . Ich liebe es an solchen Leuten , wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen , und , wie er es that , besonders vor denjenigen , welche ihnen dienen , daran denken . Alles Berechnung ! entgegnete der junge Freiherr mit wegwerfendem Tone . Er speculirt auf Rothenfeld und möchte mein Zutrauen gewinnen . Er ist übrigens ein tüchtiger Wirth , bemerkte darauf Herr von Brinken . Ja , es scheint ihm wohl zu gehen , er hat Glück , versetzte Renatus , während der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte . Der junge Freiherr rauchte nicht . Herr von Brinken paffte seinen Taback an . Er hatte manche bürgerliche Gewohnheiten angenommen , seit er während des Krieges selbst zu wirthschaften angefangen hatte , weil es ihm an Wirthschaftern gemangelt . Sie fuhren gegen den Wind , es dauerte lange , bis der Schwamm Feuer fangen wollte , bis die Pfeife brannte , und den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem Behagen genießend , wiederholte Herr von Brinken : Ein tüchtiger Wirth ! Wenn Sie verkaufen wollen , Arten , so werden Sie mit dem Steinert vielleicht am besten fahren . Denn was aus einem Gute zu machen ist , das weiß er daraus zu machen . Er wird nicht leicht zurückgehen , wenn er ein Angebot gethan hat , und wird zahlen , was er kann . Renatus antwortete darauf nicht . Es war auch von der ganzen Angelegenheit weiter nicht die Rede . Achtes Capitel Noch vor der von ihm festgesetzten Zeit langte der Freiherr in Richten wieder an . Er hatte nirgends rechte Ruhe . Vittoria empfing ihn , wie immer , mit der größten Zärtlichkeit ; sie und Valerio hatten es kein Hehl , daß sie sich der Entfernung Hildegard ' s erfreuten , und Renatus war zum Oefteren genöthigt , die übermüthige Laune des jungen Burschen zurückzuweisen , der sich darin gefiel , Hildegard in allen ersinnlichen tragikomischen Stellungen zu zeichnen , und ihre Mienen wie ihre Ausdrucksweise mit der Meisterschaft nachzuahmen , die ihm von früh auf eigenthümlich gewesen war . Die Gräfin hatte trotz des Schreibens von Renatus die Vorkehrungen für ihre Abreise von Richten gemacht ; indeß da dieser eben unerwartet zeitig von seinem Ausfluge heimkehrte , fand er sie und Cäcilie noch im Schlosse . Er begab sich , sobald er Vittoria begrüßt hatte , zu ihr . Sie schrieb grade an die entfernte Tochter . Cäcilie saß am Fenster und machte einen Hut zurecht , den sie auf der bevorstehenden Reise zu tragen dachte . Als Renatus gemeldet wurde , entfuhr ihren Lippen ein freudiger Ausruf . Sie stand auf , um ihm , wie sie das gewohnt war , entgegen zu gehen , aber ein Blick der Mutter bannte sie an ihren Platz und hieß sie schweigen . Renatus bemerkte das im Eintreten . Sie thun mir Unrecht , liebe Mutter ! war alles , was er sagte , nachdem er ehrerbietig ihre Hand geküßt und sich auf dem Sessel zu ihrer Seite niedergelassen hatte . Die Gräfin war eine gefaßte und viel erfahrene Frau , in diesem Augenblicke konnte sie jedoch den rechten Ton nicht finden . Das Herzeleid ihrer Tochter hatte sie sehr tief erschüttert und trotz dem Briefe des jungen Freiherrn drückte es sie , daß sie Richten noch nicht hatte verlassen können . Ich hatte gehofft , sagte sie , gehofft und gewünscht , uns diese Begegnung und dieses Wiedersehen ersparen zu können ; indeß Sie wissen es , ich habe keine Wohnung in Berlin , und ich kann die Antwort meiner Cousine Welding , bei der ich abzusteigen und zu bleiben denke , bis ich eine passende Wohnung für uns gefunden haben werde , vor acht bis zehn Tagen nicht erhalten . Es lag in dieser Mittheilung der Gräfin das stillschweigende Geständniß ihrer beschränkten Vermögensverhältnisse . Obwohl Renatus diese von jeher kannte , kränkte es die Gräfin , derselben gerade jetzt gedenken zu müssen , und es nahm sie gegen den jungen Freiherrn ein , daß er ihr auch diese Mißempfindung verursachte . Renatus ließ sich jedoch durch die geflissentliche Kälte und Zurückhaltung der Gräfin nicht beirren . Seine im Grunde gute Natur machte sich in diesem Falle , wie überall , wo er sich nicht durch fremde Ansprüche beeinträchtigt und deßhalb zur Abwehr und Vertheidigung gezwungen glaubte , liebenswürdig geltend . Sie thun , liebe Mutter , sprach er , als hätten Sie mein Schreiben nicht erhalten . Ist es denn nicht genug , daß ich sehen muß , wie sehr das beklagenswerthe Erlebniß , das uns Allen nicht zu ersparen war , Sie angegriffen hat , daß Cäcilie sich von mir wendet ? Glauben Sie , daß ich mit leichtem Herzen vor Ihnen stehe , daß es mich nichts kostet , Sie nach Hildegard zu fragen ? Die Augen wurden ihm feucht . Er seufzte , reichte der Gräfin seine Hand hin und sagte bittend : Bestrafen Sie mich nicht dafür , daß ich mit zwanzig Jahren mich selbst nicht besser kannte , nicht weiser war . Ich glaubte in jenem Augenblicke , nach innerster Nothwendigkeit zu handeln , ich handle jetzt nach reifster Ueberlegung , und - liege ich denn auf Rosen ? Die Gräfin schwieg , aber sie entzog ihm ihre Hand nicht . Sie hatte den andern Arm auf die Lehne des Sopha ' s gestützt und verbarg ihr Gesicht in ihrem Tuche . Die zerstörten Hoffnungen ihres ältesten Kindes machten ihre Augen fließen . Die Mutter in Thränen , Renatus so unglücklich zu sehen , das konnte Cäcilie nicht ertragen . Sie stand auf , knieete vor der Mutter auf dem Ruhekissen nieder und sagte , während sie zärtlich ihre Arme um sie schlang : Liebe Mutter , sieh ihn doch nur an , er weint ! - Und da die Gräfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach , rief Cäcilie mit jener anmuthigen Zuversicht , welche die Kinder so unwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das Alter nicht verläßt : Komm , Renatus , komm , umarme die Mutter ! Sieh ihn