Levinus heute nicht den Gefallen , bei dem reinen Sein der Dinge zu bleiben , sondern fuhr fort : Bienenstöcke sieht sie zwischen den mächtigen Bäumen ! ... Das sind Kastanienbäume ! ... Sie kennt sie ! ... Die blühen schon ! Die rothen Pyramiden ! Und die Mandelbäume , die blühten gar schon ab ! ... Die Bienen umschwärmen sie ! ... Und immer , immer läutet die Glocke ... Nun sucht sie die Glocke ... sie hängt ja an einem Ast der Bäume , dicht vor der Hütte von Moos ! ... Onkel Levinus schien betroffen , daß sich in der Sphäre des reinen Siderismus heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten ... Es ist ja fast - wie in - Italien ! ... bemerkte inzwischen Terschka ... Italien ! ... Dies Wort genügte den Damen im Grunde noch mehr , als das reine Sein ... Was führte die Seherin nach Italien ? ... Paula konnte mit irdischen Augen bis nach Italien sehen ? ... Die Messe liest er nicht ! ... - sprach Paula nach einer Weile , während alles lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen Paula ' s nach Italien , sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte ... Mit ganz lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt : Wer ? ... Der Eremit ! antwortete Paula ... Sieht sie denn einen Eremiten ? fuhr der Onkel fort , mit scharfer Betonung , etwa in der Art , wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht ... Mit weißem Bart ! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams ... Ein heiliger Gesang wallt herauf ... Sie tragen Fahnen - Es ist eine Procession ! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu äußern . Vielleicht war auch er geneigt , eher an die Sphäre des reinen Seins , als an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis für die Rechtgläubigkeit des Himmels zu finden ... Sie sieht keine Bilder , keine Fahnen ... antwortete Paula ... Sie kommen in der Hand mit Büchern ... Größer sind sie als die Breviere ... viel größer ... Triumphirend blickte der Onkel um sich . Die Geistlichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt für das Jenseits ; denn ohne Zweifel waren diese großen Bücher , wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst , doch Schriften der Kirchenväter oder Missalien , die Paula in den Händen der rechtgläubigen , geisterhaften Gestalten sah ... Sie lesen in den Büchern ! ... fuhr die Schlafende fort ... Der Mann mit weißem Barte erklärt sie ... » Gott ist ein Geist « , spricht er , » und die ihn anbeten , müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten ! « Die sanfte Stimme ! ... Bonaventura stand athemlos . Sein Blick fiel auf Terschka , der ihm voll Erstaunen zuflüsterte : Ich glaube die Gegend zu kennen ... All die Blumen und die Käfer und die Bienen summen ! ... Wie grün ist das ! ... Smaragdgrün ! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Frühlingslauben sich wölben ... Aber das sind nun Eichen ! ... Tief unten ist alles so milde , so weich und sanft ... Wer ist der Redner ? fragte Onkel Levinus scharf ... Die Frauen erwarteten keine andere Antwort , als : Gott der Herr selbst ! Sie kennt ihn nicht ! ... sagte Paula ... Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches , das niemanden mehr bewegte als Bonaventura . Armgart ' s fortgesetztes Bitten lehnte er mit der Hand ab . Doch kaum sah Armgart dies Vorstrecken seiner Hand , so erhob sich das phantastische Mädchen , ergriff sie und wollte ihn dem Lager näher ziehen ... Bonaventura machte nun in der That ein Kreuz über die ganze Länge der in schwarzer Seide gekleideten , in rührender Halbbewußtlosigkeit daliegenden , fieberhaft angehauchten Gestalt der Gräfin und trat wieder zurück ... » Herr , wie so lange ! « sprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft . » Auf , schlage ihn , denn das ist der Tag , an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in seine Hand ! « Die Hand auf das Buch hält er ! ... Hält es hoch empor ! ... » Siehe , der Winter ist vergangen , der Regen ist weg und dahin ! « » Der Odem Gottes weht über die Lande ! « ... Sie kann jetzt nicht hören ... Die Frauen weinen ... Die Männer reichen sich die Hände ... Jetzt - jetzt - Ein Kelch - geht - um ... Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula ' s Vision ... Ein Kelch geht um ? Das mußte eine Versammlung von Ketzern sein ! ... Das war die gemeinsame Empfindung ... Sie trinken alle daraus ! fuhr Paula mit Bestimmtheit fort ... Einige der Frauen , die sich gesetzt hatten , erhoben sich ... Andere , die standen , mußten sich nach Sesseln umsehen . Die Geistlichen blickten fragend bald auf Bonaventura , bald auf den Onkel Levinus , der gewissermaßen für alle diese Dinge die Verantwortlichkeit zu übernehmen hatte ... Es ist , sagte Paula - nicht die Messe - In Bonaventura ' s Innerm war es , als fühlte er die Erde unter sich wanken ... Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus ... Das Buch ist die Bibel ! sagte Paula ... Der Schrecken vermehrte sich ... Der schöne Pokal ! ... Von rothem Krystall ! ... Wie Blut ? ... Ja er sagt : » Noch wird es in Strömen fließen , bis deine Burg , o Herr , Zion , deine Zinne , erobert ist ! « ... Er ergreift den Kelch ... Die Hand ist so weiß ... wie der Schnee der Alpen ... dort oben ... Längst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnißvollen Brief , den er empfangen , die Einladung , einst unter den Eichen von Castellungo zu erscheinen , dort ein neues Martyrium anzutreten , das der verbesserten Kirche ... Und wie dann Paula selbst ihre eigene schöne weiße Hand emporhielt und sein Ring , der Trauring seiner Mutter , zu aller Erstaunen an ihrem Ringfinger blitzte , konnte er sein Herz nicht länger bewältigen ... Aller Anwesenden uneingedenk , entsetzt über die Vergleichung der weißen Hand mit dem Alpenschnee und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beseelt , daß sein Vater nicht in die Abgründe der Lavinen stürzte , nicht in der schaudervollen Morgue des Sanct-Bernhard vermoderte , nicht auf dem Friedhof zu Sanct-Remy auf dem Wege nach Aosta begraben lag , wiederholte auch er die Frage : Wer ist der Redner ? Da schwieg anfangs Paula ... Dann aber , zum Zeichen , daß sie Bonaventura ' s Stimme wohl erkannt hatte , sagte sie , und sagte das wie vor Ueberraschung wonnig belebt : Du fragst sie ? Alle - des Du ' s staunend - sahen auf Bonaventura ... Schon aber sprach Paula weiter : Es ist kein Greis ! Weiß ist sein Haar , schneeweiß , aber seine Haltung noch wacker ... Wer es ist ? ... Er ähnelt - dir ! ... Bonaventura zitterte ... Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft ... doch überselig ... Paula fuhr fort : Seine Hütte gefällt ihr ... Drüben aber liegt das Schloß ... Die Fahne hat ihre Farben ... ihr Wappen ... Wessen ? fragte Terschka mit nicht mehr zurückzuhaltender Spannung ... Paula schwieg jetzt ... Der Ton dieser Stimme störte sie ... Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde selbst und sagte mit dieser stummen Geberde , die Schloßfahne trüge die Farben der Dorste-Camphausen selbst ... Dann ist es Schloß Castellungo ! sagte Terschka mit höchstem Erstaunen . Der Eremit ist ein Deutscher , namens Federigo ! Ich kenne ihn ! Eine religiöse Sekte , die von Comtesse Erdmuthe dort beschützt wird , hat sich jetzt , wie so oft , um ihn versammelt ! Ich wäre begierig , ob in diesem Augenblick , wo allerdings dort in dem schönen piemontesischen Thale der Frühling schon in vollster Blüte steht , in der That eine der von ihr geschützten Gottesverehrungen stattfände ! Erfahren kann ich das und werde mich darum bemühen ... Terschka näherte sich dem Ruhebett ... Paula aber betete jetzt ... Sie sprach Worte , die minder auffallend klangen ... Maria und die Heiligen fehlten nicht ... Endlich schwieg sie ganz ... Einen Reiz , sie noch aus ihrem beginnenden , nun wirklich naturgemäßen Schlummer wach zu rufen , konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein . Die Tante winkte , daß Paula der Ruhe bedürfte ... Die Frauen gingen zuerst ... Die Geistlichen folgten ... Onkel Levinus begann von Gräfin Erdmuthe und ihren Reformen ... Terschka entzog sich zwar dem für seine Stellung bedenklichen Gespräch , blieb aber mit Armgart zurück , die ihn festhielt und sich von Castellungo erzählen ließ , über das eines Abends Benno und Thiebold so harmlos gesprochen hatten , dabei sogar Porzia ' s gedenkend , als einer Schülerin des Bruders Federigo und vielleicht einer künftigen Gattin Hedemann ' s. Die Möglichkeit , daß Paula nur eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte , lag nahe . Nur bewunderte Terschka , wie richtig alles zutraf , und Armgart ihrerseits staunte und grübelte , warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam . Sinnend und den Trauring betrachtend , den sie wieder zur Zurückgabe an den Domherrn an sich genommen hatte , ließ sie sich Castellungo so genau schildern , daß Terschka am Fenster hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flüstern mußte ... Sie kehrten lange nicht zu den Uebrigen zurück ... Und doch war inzwischen neuer Besuch gekommen ... Wenn Bonaventura annehmen wollte , daß der Trauring seiner Mutter es war , der diese Kette von Anschauungen veranlaßt hatte , wenn er im Bruder Federigo sich seinen Vater denken , in der an ihn gerichteten lateinischen Einladung eine Andeutung des väterlichen Unwillens finden wollte über die Wahl seines Berufes und einen Drang der Sehnsucht des väterlichen Herzens auf ein Wiedersehen , dem dann eine Erörterung über die Ehe als unauflösliches Sakrament der Kirche folgen mußte - so fehlte , um ihn in die höchste Verwirrung zu versetzen , nur das noch , was ihm jetzt geschah ... Der Regierungspräsident von Wittekind stand im grünen Zimmer und war eben erst angekommen ... Zuckte der Schmerz der gewissen Ueberzeugung in Bonaventura : Dein Vater lebt noch und entzog sich nur der Welt , weil unsere Kirche nicht scheidet - so stand er dem Manne gegenüber , der die Hand einer Frau besaß , die seine Mutter war und die vielleicht in Bigamie lebte ... Noch mehr ... Der Präsident sprach zum Onkel Levinus , zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt : Ich fürchtete ihre Aufregung und ließ drüben eines der geheizten Fremdenzimmer aufschließen ... Gehen Sie zu ihr und begrüßen Sie sie lieber erst unter vier Augen ! Wen ? konnte Bonaventura nicht mehr fragen ; denn schon bestätigte der Präsident dem Ahnenden : Ihre Mutter ! Sie ist gestern Abend angekommen ! Wir suchten Sie eben im Pfarrhause auf und hörten , daß Sie hier sind - Die Sehnsucht der vortrefflichen Frau kannte keine Grenzen mehr ! Wir fuhren hieher ! Sie verlangt nach Ihnen ! Machen Sie sie glücklich ! Bonaventura verließ das Zimmer , geführt von Tante Benigna und dem Onkel . 8. Bonaventura ' s Herz überfiel ein Krampf , der ihm die Unterstützung seiner Führer zur Nothwendigkeit machte ... Im Vorsaal stand einer der zur glänzenden Livree noch mit Emblemen der Trauer geschmückten Diener des Präsidenten ... Er stand bereit , ihn in das Zimmer zu geleiten , wo ihn seine Mutter erwartete ... Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ! hatte es einst in des Sohnes Brust gerufen ... Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort , aber es waren nur noch Stimmen der Erinnerung ... Seine Brust trug schon zu schwer an tausend , tausend Bürden des Lebens und des Urtheils , zu schwer , als daß ihm noch die alte rigorose Strenge verblieben wäre ... Auf Paula vorhin sich niederwerfen , sie durch Küsse aus den Banden der dämonischen Mächte wach rufen - wenn er das gekonnt hätte ! ... Alles hatte ihn gezogen , es zu wagen - nun durfte er doch in die friedenbringenden Arme eines Weibes sinken ... Mit überströmender Rührung war er dem Diener gefolgt , der ihn weiter auf den Corridor hinausführte ... Die andern Begleiter , die heilige Weihe des Augenblicks erkennend , ließen ihn allein vorschreiten ... Der Diener öffnete eine der Thüren , über denen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen ... Bewußtlos , nichts von der Umgebung , selbst nicht sogleich die Mutter ganz wiedererkennend , lag Bonaventura an einem Frauenherzen ... Er , der Mann , weinte wie ein Kind ... die Stätte durfte er geweiht nennen , wo er die Thränen über all die Empfindungen niederlegte , die seit dem immer höher und höher sich steigernden Reichthum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm ansammelten ... Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung ... Sie hatte solche Begrüßung nicht erwartet nach der Abneigung und dem strengen Urtheil , das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war . Sie wußte eben nicht , wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedürfniß sowol der Liebe , wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt , der uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet , daß nur ein geringstes Wegnehmen von der schweren Last des Vorraths in unserer dafür zu eng gewordenen Seele das Nachstürzen auch alles übrigen bedingt ... Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn ... Ihr Haar war noch dunkel ... Ihr Auge besaß eine energische Schärfe ... Beim Lächeln der Freude , das sich in die Rührung mischen durfte , zeigte ihr Mund noch wohlerhaltene Zähne ... Das Schwarz ihres Kleides stand ihr , wie wenn sie es auch zur Hebung ihrer reinen weißen Haut hätte gewählt haben können ... Die Finger waren wohlgerundet ... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeschlossen Sicheres ... Besaß sie etwas ursprünglich Kaltes , so wurde dies durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich ... Sieben Jahre ! ... begann sie ... Und du , mein Bona , mein Priester ! ... Und Domherr schon ! ... Und doch bist du immer , immer so kalt gewesen - deiner Mutter ? ! Schon war Bonaventura gefaßter ... Er setzte sich mit der Mutter auf ein kleines Kanapee ... Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes , behaglich enges Zimmerchen ... Umher blieb es still und ohne Störung ... In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter ! sagte Bonaventura niederblickend ... Nennst du dich alt , mein Sohn ! erwiderte die Mutter und streichelte die Wange des Erröthenden ... Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Thema der bisherigen » Kälte « wieder aus ... Vom Onkel Dechanten , von Frau von Gülpen , von der alten Renate , von Bonaventura ' s Hausstand , von Benno war die Rede ... Frau von Wittekind lebte in völlig neuen Verhältnissen , hoffte nun aber eine innigere Anknüpfung derselben wieder an das alte Vergangene ... Wird der Präsident auf seinen Posten zurückkehren ? fragte Bonaventura ... Nein , mein lieber Sohn ! sagte die Mutter . Die Güter , die der Vater hinterlassen hat , sind so umfangreich , die Bewirthschaftung ist in den letzten Jahren , wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Maß gingen , so vernachlässigt worden , daß es Wittekind ' s ganzer Kraft bedarf , um alles auf der gebührenden Höhe zu erhalten ... Dann gibt er eine glänzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf ! sagte Bonaventura . Oft hatte man geglaubt , gerade seine Hand würde stark genug sein , das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu übernehmen ... Wir haben darüber ernste Berathung gepflogen ! entgegnete die Mutter . Meinem Gemüthe widersprach schon lange die falsche Stellung , in die er seinem Glauben gegenüber gerieth ! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist anschließen , der in diesen Gegenden herrscht . Es liegt darin für mein Herz eine tiefe Beruhigung ! Soweit ich unsern Volksstamm kenne , wird es einige Mühe kosten , das gegen ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen ! sagte Bonaventura aufhorchend . Zumal , da Herr von Wittekind - Bonaventura konnte nicht » Vater « sagen - in dem Rufe steht , seine frühere Stellung ganz mit Ueberzeugung ausgefüllt zu haben ... Wohl ! sagte die Mutter . Wittekind ist eine praktische Natur , wie in gewissem Sinn es auch sein Vater war ... Er liebt den Ruhm , vielleicht nur den Ruhm als gerechte Belohnung seiner Thätigkeit . Doch gibt er , soweit es geht , in vielem mir nach . Schon lange litt ich unter seinem Eifer für Administration und Beamtenthum . Jetzt hat er eine entsprechende Beschäftigung und wird , soweit ich ihn kenne , mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn , die auch seinem Gemüth eine größere Ruhe geben muß . Denn ebenso gut und weich kann er sein , wie er großmüthig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war ... In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura ' s Vater , an seine Flucht , seinen Tod ... Als Bonaventura schwieg , nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf ... Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung , die , so schon nach der ersten Rührung des Wiedersehens kommend , überraschen konnte : Du bist reifer geworden , mein Bona ! Du hast die Welt schon in anderm Lichte gesehen , als damals , da der Eindruck meiner Wiederverheirathung dir so befremdlich war ! O , nenne mich keine Schuldige ! Beurtheile mich nicht so hart , wie der damalige Generalvicar , der gefangene Kirchenfürst , der Wittekind haßte , weil er zu den Organen der Regierung gehörte ! Als wir von der nahen Auflösung des Kronsyndikus hörten und da schon hierher reisen wollten , besuchten wir den strengen Mann in seiner Festungshaft . Er war von einem Spaziergang aus den Wällen zurückgekehrt und eben wollt ' er die Tabackspfeife , die er unbekümmert um den Brand , den er in der Christenheit angezündet hat , immer noch frohgemuth fortraucht , wieder füllen , als ihm der Vater - Wittekind und ich gemeldet wurden . Dieser Besuch mußte ihn nicht wenig überraschen . Ich hatte Sie in andern Beziehungen wiederzusehen erwartet , Herr Präsident ! sagte er , als er unserm Beileid staunend zugehört . Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung bringen , wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmächtigter der Regierung besuchen ! Wir benahmen ihm diese irrthümliche Voraussetzung und erklärten , daß wir Frieden zu schließen gedächten mit denen , mit welchen uns Geburt , Abstammung und gleiche Ueberzeugung in eine Reihe stellten . Er erwiderte : Es wird vielen so gehen , daß sie zur Erkenntniß kommen , und darum preis ' ich mein Loos und will es gern ertragen ! Ich bin zum Eckstein geworden ! Die Bauleute wollten mich verwerfen ; aber ein neues Gebäude wird über mir errichtet werden ! Ein segensreiches und vielleicht für ganz Deutschland ! Er entließ uns gütig . Deiner gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz mächtig überwallenden Prophezeiung , daß Gott dich zu großen Dingen erlesen hätte ... Schon wär ' es im Werke , dich als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken ... Du staunst darüber ? ... Das wußtest du nicht ? ... O , ich erkenne deine ganze Natur ... in deiner Bescheidenheit ! ... Mein Sohn ! Mein , mein Sohn ! ... So sei auch versöhnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein , wie der schöne Sonnenstrahl dort drüben glänzt über dem blendenden Schnee ! So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer Denk- , Rede- und Gefühlsweise stand für Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem Gedächtniß . Wie hatte sich bei ihr das Vergangene verwischt ! Ihm kam bei dem Bilde des Schnees , das sie brauchte , sofort die Erinnerung an den Tod seines Vaters ... Mit Bezüglichkeit wiederholte er : Ueber dem blendenden Schnee ! ... Erst allmählich verstand die Mutter diese Wiederholung und Betonung , seufzte dann tief auf und fuhr fort : Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge , daß ich an einen Abgrund erst geführt wurde durch die Umstände , nicht durch meine eigene Schuld ! Die Worte des heiligen Sakramentes der Ehe sagen : » Und er soll dein Herr sein ! « Dies Wort , mein lieber Sohn , ist nicht allein darum gesagt , daß die Gattin ihrem Gebieter gehorsame , es ist auch darum gesagt , daß der Gebieter ihr wirklich ein Herr sei ! Jede Frau hat das sehnsüchtige Bedürfniß , in ihrem Manne auch wirklich den Führer , den berathenden Freund , ja selbst in zweifelhaften und schwierigen Fällen einen befehlenden Herrn zu haben . Mir war das dein Vater nicht . Im Gegentheil , ich , ein älternloses Fräulein - Besitzthümer hatten ja die Wehrförders , mein Geschlecht , nicht und meine Erziehung war unvollständig - ich wurde der Gebieter für ihn ! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen , nur durch die Umstände , die ihn unfähig machten , das Ruder selbst zu führen . Diese Asselyns sind ein herrliches , edles Geschlecht gewesen ; es ist schmerzlich , daß dieser alte Friesenstamm aussterben muß - Benno kann doch nur den Namen fortführen . Franz , der Dechant , ist die Herzensgüte selbst , aber wie leichtsinnig ! In seiner Jugend war er fähig die Bahnen der Geistlichen zu wandeln , die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet haben . Der zweite , Max von Asselyn , Benno ' s Adoptivvater , war ein tapferer , ritterlicher Held , ein Offizier von seltener Bravour , aber ganz so abenteuerlich , wie dies in unserm träumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt . Was er unternahm , war befremdend . Bracht ' er wol aus dem Kampf , wie andere , gerechte und nach Sitte erworbene Beute mit ? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere , die dort unter Napoleon kämpfen mußten , mit mancherlei merkwürdigen Dingen heimkehren . Ein Wehrförder , Vetter von mir , brachte aus einem Kloster Bilder mit , aufgerollt wie Landkarten - er hat sie zu enormen Preisen verkaufen können . Max brachte entweder von einer Nonne oder einer - man sagt in seinen Armen gestorbenen - Geliebten einen Sohn mit - Benno , den er wenigstens sein nannte , wenn nicht in das Dunkel , das deinen Vetter umgibt , noch ein völlig anderer Lichtstrahl fällt und Max nicht einmal Benno ' s Vater ist . Der dritte Asselyn , Friedrich , mein Gatte , glich den andern nicht an Leichtsinn , aber an leichtem Sinn . Die Verlockung der Welt that ihm nichts , aber die Zerstreuung alles . Nichts wurde bei ihm zum festen Vorsatz ; eine Sorglosigkeit , die an sich ihm liebenswürdig stand , machte ihn zum harmlosesten Kostgänger der Schöpfung . Ja , mein Sohn , was Fritz sein nannte , gehörte sogleich auch allen . Jede Schuld , die ihn drückte , bezahlte er in dem Augenblick , wo er konnte , uneingedenk , daß ihn sein guter Wille in neue Verlegenheiten stürzte . Die drei Brüder thaten ihr geringes Erbe zusammen , damit es Max bewirthschaftete . Dieser verband sich dazu mit einem jungen Oekonomen , Hedemann , einem Bauernsohn . Die Nachwehen des Kriegs waren verderblich ; 1817 war ein Hungerjahr . Max starb . Die Verlassenschaft wurde von den beiden Brüdern verkauft und damit nur ein Käufer , der sich fand ( es war der jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefuß ) dazu erschien , borgten sie wieder selbst für diesen bei andern ! So geschah alles , um hier nichts zu haben und da nichts ! Nun gehört alles Unsrige hier den Münnichs . Wie gesagt , gute Menschen , diese Asselyns , aber - ! Sieh , dein Vater wurde Regierungsrath . Sein Gehalt war gering . Er verschwendete wol nichts , doch die Unregelmäßigkeit seiner Berechnungen stürzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere . Der jetzige englische Oberst von Hülleshoven , gleichfalls ein Sonderling , jünger als dein Vater , schloß sich ihm damals an , theilte ihm Liebhabereien mit , wie sie noch jetzt sein Bruder hier in den Thürmen dieses reichen Schlosses nach Wohlgefallen verfolgen kann ; denn hier bezahlen die reichen Dorstes seine Thorheiten . Dein Vater ging ebenso mit Begeisterung auf alles Neue ein ; er würde sich und seine Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohlthuender wirkenden Freund , als jene Hülleshovens waren . Dies war Friedrich von Wittekind . Bald wurde der der Zahlmeister des Hauses . Dein Vater verwies mich selbst an ihn , um mit ihm zu rechnen ! Wie sie beide Friedrich hießen , so wurden sie fast Eine Person ! Dein Vater war im Stande , eine Thür zu öffnen und zu sagen : Ah , ihr seid es ! Ihr rechnet ! Ich störe euch ? ... Wir saßen dann und rechneten in der That . Ehrgeizig war ich und mochte nicht , daß ein Makel auf unserm Hause haftete . Das , das , mein Sohn , ist ein höchst gefahrvoller Zustand für ein weibliches Herz ! Ein Weib ist bedürftig der Liebe , gewiß ! Aber ebenso sehr will sie auch die Werthschätzung der Menschen . Und noch mehr , sie will Hochachtung empfinden vor ihrem Mann . Die geregelte Ordnung ist für ihren Sinn etwas Unerläßliches . Ich gestehe , daß ich wohlthuend berührt wurde , wenn ich Wittekind nur eintreten sah , ihn , der damals nicht viel hatte , der mit seinem damals geizigen Vater in Kampf lebte und selbst kaum das Nöthigste erhielt , während , wie nur leider jetzt zu erwiesen ist , die größten Summen auch schon damals fortgingen , um die Folgen des frühern Leichtsinns jenes Gewaltthätigen zu verdecken ; die jetzt offen liegenden Papiere seines Nachlasses gewähren grauenhafte Einblicke in seine moralischen Verschuldungen ... Kurz , mein Sohn , die Augenblicke , die ich im Anfang meiner Ehe , dich unterm Herzen , dann dich auf meinen Armen tragend , auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte , wo du geboren und getauft wurdest - Gott , noch immer steht mir der damalige Pfarrer Leo Perl , ein getaufter Jude , vor Augen ! - diese Augenblicke , sag ' ich , waren die glücklichsten meiner Ehe ! Als diese Besitzung in andere Hände kam , ich immer in der Stadt bleiben mußte , dein Vater aus Schulden , Wuchernoth nicht mehr herauskam , wurd ' ich moralisch das Weib seines Freundes , der ihm helfend zur Seite stand . Alles war Wittekind , alles entschied der . Der rechnete , der sorgte ... Reisen , die dein Vater machen mußte - Dienstreisen , weil er die damalige Regulirung der Klöster , die Einziehung herrenlos gewordener geistlicher Bibliotheken und Archive unter sich hatte - wiesen mich auf Monate ganz an Wittekind . » Laß dir doch von Fritz geben ! « hieß es in den Briefen ... Guter Sohn , Asselyn erkannte diesen gefährlichen Zustand erst , als es zu spät war . Ich hatte mich an den Freund , der Freund hatte sich an mich gewöhnt . Nimm an , mein Sohn , du säßest im Beichtstuhl und hörtest das Bekenntniß einer beladenen Seele ... Denn eine Last trag ' ich allerdings , eine schwere Last , eine kummervolle , die mir die Ruhe meiner Nächte raubt ! ... Ach , Asselyn entfernte sich ohne Zweifel doch nur deshalb - - um den Freund und die Gattin glücklich zu machen . Fast muß ich ja glauben , daß der Gute , um uns in unserm Bund nicht zu hindern , sich selbst den Tod gegeben hat ! Die vielleicht noch größere Strafe , der Mutter zu sagen : Und wenn der Vater noch lebte ? Wenn ihn soeben Gräfin Paula im Thal von Castellungo als Eremiten und den Freund glücklicher Hirten und Ackerbauer gesehen hätte ? ... Bonaventura besaß nicht den Muth , diese Strafe der Mutter aufzuerlegen , so sehr ihn die klare , schneidende , vernunftbewußte Selbstrechtfertigung der noch jetzt anmuthigen Frau herausforderte , so sehr ihm wieder jetzt der Vater entgegentrat in der ganzen Liebenswürdigkeit seines träumerischen , von dieser Gattin gewiß nie verstandenen und sicher so nicht , wie verdient , beglückten Sinnes ... Doch auch die Schwäche besaß er nicht , der Mutter die Vorstellung etwa von einem Selbstmord des Vaters ganz auszureden . Und sie schien es sogar gern zu hören , daß sein Vater , wenn auch durch Selbstmord - wirklich todt war . Meinst du nicht ? fragte sie halb zagend , halb zuversichtlich ... Ich glaube es ! war seine Antwort ... Die Mutter stand auf . Ihre Haltung schien sagen zu wollen : So müssen wir uns Fassung geben , eine Genugthuung durch die Religion ! Die umsichtige Frau bat den Sohn , doch einige Tage auf Schloß Neuhof zuzubringen , sich inniger dem Präsidenten anzuschließen , ihre Aussöhnung mit dem Geist der Gegend zu bewirken , die Opferspenden zu vermitteln , die auch sie bereit wären überall zu geben , wo dadurch ihr guter Wille in das rechte Licht träte ... Endlich sagte sie noch : Wittekind wird mannichfachen Rath und Beistand in seinen verwickelten Angelegenheiten bedürfen . Er war zweifelhaft , ob er sich deshalb an Benno wenden sollte ! Ich rieth ihm dazu ! Dein Urtheil zöge er aber vor ,