Freude über den blauen Himmel sein . Die bösen Wölkchen , die sich von der Terrasse in Solitüde sehen ließen , brauchten lange Zeit bis sie in dem kleinen Gevierte von Himmelsluft , das man von diesem Hinterhofe aus überschauen konnte , gesehen oder auch nur geahnt wurden . Ein Besuch fand sich hier oben , seit der alte Urgroßvater in das große Kunstwerk der Weltenuhr blickte und keine irdischen Zeitmesser mehr zu regieren brauchte , selten ein . Bei Herrn Murray nebenan war es so still , wie es bei Hackert gewesen war . Schmelzing , der für Dichter , Schauspieler , Advokaten und die Polizei Copiaturen fertigte , war auch nicht mehr da . Der war oft verliebt zu ihr gekommen und hatte sie mit seinen Zärtlichkeiten belästigen wollen , ihr aber mit seinen Schreiberärmeln nur ihre Arbeiten » verwuschelt . « Einen Gast , der sich auch um die Mittagszeit zuweilen einfand , den grauen Herrn Bartusch , ließ sie kalt und um so spröder an , als sie in ihren spärlichen Finanzen Ordnung hielt und sich vor ihm nicht zu demüthigen brauchte . Gestern erst hatte sie ihm gesagt , er möchte sie mit seinen Besuchen , die immer mit soliden Dingen anfingen und mit versuchten garstigen Zumuthungen endeten , verschonen . Ja sie ging sogar in ihrer jeweiligen kleinen Malice so weit , dem alten unverbesserlichen und von seinem Temperamente wahrhaft geplagten Herrn zu sagen , sie wolle die Maler-Guste , die Frau Rathsdienerin Spieß und ähnliche Favoriten Seiner Gestrengen nicht auf sich eifersüchtig machen . Daß sie ihn bei alledem doch nicht ganz ungern kommen sah , lag darin , daß er Manches über Menschen plauderte , die ihr lieb und werth waren . Von Hackert hatte er ihr zu ihrem Schrecken erzählt , daß er wirklich beim Oberkommissair Pax arbeitete und vielleicht bald in einem » feurigen « Kragen am Rocke einherstolziren würde , was sein Haar nur noch angenehmer heben würde . Schmelzing unterstütze ihn . Wo Das hinaus solle , wisse noch kein Mensch . Erst vor einigen Tagen wäre er beim Justizrath mit einem fremden Prediger gewesen , der bei einer russischen Herrschaft lebe und hätte den Justizrath wie ein Staatsprokurator über eine alte Bildergeschichte förmlich zu Protokoll genommen . Über Melanie , Lasally , über den Proceß der jungen Thüringer , die er hier bei Hackert an jenem Abende getroffen , über alle diese Gegenstände der Tageschronik plauderte Bartusch bei Louisen immer so lange , bis er die Gelegenheit für günstig hielt , sich für seine unterhaltenden Mittheilungen eine Zuthunlichkeit erlauben zu dürfen . Damit kam er aber denn doch immer übel an , sodaß ihm Louise zur Erkenntlichkeit nicht einmal ihrerseits Rede stand , wenn er von Danebrand , von Murray , von der Auguste Ludmer , die sie nie genauer gekannt hatte , etwas wissen wollte . In der Äußerung , daß sie doch zu beklagen wäre , neben einem so zweideutigen Manne zu wohnen , wie dieser Engländer mit der schwarzen Binde wäre , mußte sie ihm Recht geben , fügte aber hinzu , daß er ihr noch keine Ursache zu irgend einem Verdachte gegeben . Dieser Sonderling wäre ein stiller , gedrückter Mann , der von Morgens bis Abends spazieren ginge , viel englische Bücher lese und sich im Zeichnen übe , das ihm , in Zeiten , wo ihm noch nicht die Hand gezittert hätte , sehr gut von Statten gegangen sein müsse . Alle diese Gedankenreihen von gestern und heute durchfliegend , fiel Louisen in einem Glase , das auf der Commode im Eck stand , eine Karte auf . Sie griff darnach und sah , daß es eine Visitenkarte war , die auf den Namen » Sylvester Rafflard « lautete . Wo kommt diese Karte her ? dachte sie . Die Karte war so glatt , so frisch , so neu , als hätte sie Jemand eben erst abgegeben . Sie wird für Murray sein ! dachte sie und wollte ihrer » Riekele « rufen , falls die im Hofe war . Sie von der Straße zu rufen , war sehr umständlich und kostete Zeit . Von der Galerie , dachte sie , werd ' ich ja sehen . Damit ging sie hinaus , die Karte zufällig in der Hand haltend . Draußen beugte sie sich über die Brüstung der alten baufälligen Galerie , sah Riekchen nicht , hörte aber Jemand mühsam die Treppe heraufsteigen . Sie ging einige Schritte vorwärts und erblickte schon Murray ' s zerknitterten Hut . Ein großer goldener Siegelring an der weißen zarten Hand des Alten stach sonderbar gegen den Strick ab , an dem sich die zuerst sichtbare Hand hielt . Ah ! sagte der Alte , als er oben war . Das ist steil ! Gesegnete Mahlzeit , mein liebes , gutes Kind ! Ich weiß schon , was Sie in der Hand haben . Ich war nicht daheim und finde die Karte . Galt der Besuch Ihnen , Herr Murray ? Das kleine Riekele hat mir ' s schon unten erzählt . Wer ist ' s denn - Damit war er an seiner Thür , holte Athem , schob seine über einen Draht gezogene Taffetbinde etwas höher und las gegen das Tageslicht , das etwas spärlich auf die dunkle Galerie fiel , jene Karte . Dabei fuhr er sich über die Stirn und hob die schwarze Perrücke etwas höher . Wer ist Herr Sylvester Rafflard ? sagte er , hielt sich aber mit diesem Forschen nicht auf , sondern schloß schon sein Zimmer auf ; Nr. 68 mit den noch immer vergitterten Fenstern . Kann ich Ihnen etwas helfen , Herr Murray ? fragte Louise Eisold . Das Wasser wird nicht frisch sein ? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden , so sagen Sie es nur ! Danke ! Danke ! Mein gutes Kind ; antwortete der Alte , immer freundlich und mild . Aber die Miethe ist fällig . O bitte , Herr Murray ... Nein , nein , Pünktlichkeit in Geld- und Liebessachen . Nicht wahr , liebes Fräulein ? Geben Sie mir nicht zu hohe Titel , Herr Murray ! sagte Louise . Nennen Sie mich schlechtweg , wie ich heiße , Louise Eisold . Darf ich denn Louischen sagen ? fragte Murray , den Hut wegstellend und seine Handschuhe , die er schon ausgezogen hatte , hinlegend . Wenn ' s Ihnen bequem ist , Herr Murray ! plauderte Louise bei noch halb offener Thür . Gut , Louischen , kommen Sie her , ich muß Ihnen die Miethe zahlen ! Dabei zog Murray eine Schublade , die er inzwischen aufgeschlossen hatte , ganz hervor . Sie war zu Louisens Erstaunen so schwer , daß er Mühe hatte , sie nur herauszubekommen . Louise mochte nicht näher treten und über die gebückten Schultern des Alten hinwegsehen . Aber sie hätte schwören mögen , wenn sie näher träte , müßte sie nichts als große Geldrollen sehen , so wälzte sich Das in der Schublade , und es war ihr auch , als » klingte « etwas wie Gold . Um so auffallender aber der Contrast , als Murray nicht etwa eine große Geldrolle , sondern ein kleines ledernes Beutelchen hervorzog , es langsam öffnete und in lauter kleiner Scheidemünze zwei Thaler auf den Tisch mühsam zusammenzählte ... Louise zählte nach und fand die Summe richtig . Wie sie sich wandte , bemerkte sie fast erschreckend an den Eisenstäben draußen vor dem Galeriefenster einen inzwischen heraufgeschlichenen Besuch . Es war eine hohe , schlanke , weibliche Figur , die ihr nicht unbekannt schien . Indem sah sie auf Murray und bemerkte die plötzliche Überraschung durch jenes Frauenzimmer , das man nicht hatte kommen hören , auch bei ihm . Der Besuch blickte lachend durch die Fensterscheiben und das Gitter und schien neugierig zu forschen , ob sie nichts von den Schätzen des eben in Geldgeschäften begriffenen Alten entdecken konnte . Rasch stieß Murray die Commode zu und zog den Schlüssel ab . Das Mädchen , das darüber in lautes Gelächter ausbrach und die Thür mit dem Fuße zurückstoßend eintrat , war Auguste Ludmer . Das ist deine Spelunke , Alter ! rief sie . Hier haust du jetzt und hast so schöne Nachbarschaft ? Louise erkannte nun vollkommen jenes Mädchen , das in diesen Häusern auf Nr. 17 gewohnt hatte und auf dem Fortunaball mit Murray verhaftet worden war . Betroffen wandte sie sich ab , strich ihr Geld mit der hohlen Hand ein und verließ , ohne ein Wort zu sprechen , das Zimmer . Selbst wenn sie es mit ihrer Würde für vereinbar hätte halten können , zu lauschen , würde sie sich nicht in der Küche länger verweilt haben ; denn Murray , das sah sie wohl , öffnete das zweite Zimmer , das , früher , durch einen vorgeschobenen Schrank getrennt , Schmelzing bewohnt hatte , und ersuchte Auguste Ludmer dort einzutreten . Louise legte auf ihrem Zimmer die Miethe in ihre kleine Kasse , notirte sie in einem Büchelchen und setzte sich nieder zur Arbeit , tiefergriffen von dem Nachdenken über die Möglichkeit , wie es weibliche Wesen über sich vermögen , sich so tief sinken zu lassen wie jene Maler-Guste , deren Nähe ihr unheimlich war und den Alten mit seinem schweren Commodenkasten plötzlich wieder genug verdächtigte . Tugendhafte Frauen fliehen Gesunkene wie jene Auguste , aber sie denken viel über sie nach und suchen sie nach den ersten heftigsten Anklagen meist mit einem schmerzlichen Gefühl über das unsichere jammervolle Frauenloos im Allgemeinen tiefaufseufzend zu entschuldigen . Da siehst du , Auguste , wie man dich flieht , begann Murray , als er mit dem noch immer lachenden wilden Besuch allein war und die Maler-Guste sich in Schmelzing ' s ehemaliger Klause umsah . Papa , rief sie , und warf sich fast der Länge nach auf einen Stuhl hin , daß dieser knackte und wackelte , Papa , die geht auch lieber auf einen Ball , als Sonntag Nachmittags in die Spittelpredigt . Wir haben sie ja in der Fortuna gesehen . Was bringt dich her , Louise ? fragte Murray , nahm einen Stuhl und wollte sich ihr gegenüber setzen . In quecksilberner Beweglichkeit sprang sie aber sogleich wieder auf und rief : Erst , Alter , laß mich deinen Palast sehen , wo du deine Schätze vergräbst ! Hierher , denkst du , steigen die Spitzbuben nicht nach ? Drinnen die Eisenstangen , die haben dich wohl gelockt , oder unterhältst du dir das Mädchen , die sich eben die Hände wäscht von deinen schmuzigen Viergroschenstücken ? Ich gewöhne mich , siehst du , sagte Murray mit scharfer Betonung , an die angenehme Gelegenheit , hinter Schloß und Riegel zu kommen , wenn man sich mit dir öffentlich blicken läßt . Papa hat Furcht gekriegt . Ha ! Ha ! Deshalb stand ich immer vergebens an meinem Theetopf in der Königsstraße und dachte , dein Alter kommt nicht ... Ich zu dir ? erhob sich Murray ernster . Du weißt doch , was ich dir sagte , als man uns von Gerichtswegen gehen hieß und ermahnte , nunmehr anständig und sittlich zu leben ? Ich suchte eine Wohnung für uns Beide . Diese war dir zu schlecht und eine bessere ist theurer ... Geizhals ! Ha ! Ha ! Hier sollt ' ich wohnen ? Auguste Ludmer , die deine Brillanten trug , in diesem abscheulichen Loche ? Heute ist schönes Wetter und hier ist ' s so dunkel , daß man die Hand kaum vor den Augen sieht ... Das machen die schönen Gardinen ... Siehst du nicht ? Auguste lachte über diese ironischen Worte und zerrte an einem der roth- und weißgestreiften kattunenen Vorhänge . Nein , Männchen , sagte sie , so haben wir nicht gewettet . Das sollte ein Bett sein ? Das wäre ja um sich Beulen zu liegen ... Aber reinlich . Kein Sopha - Vier Stühle - Kein Spiegel ... Murray mit einer eisernen Ruhe und Gelassenheit , seine zarten Hände sich in ihren Flächen reibend , als wollte er Brotkrumen drehen , immer lächelnd und mild , zeigte auf das Fenster . Auguste nahm einen kleinen Handspiegel vom Fenster und tanzte , sich darin besehend , im Zimmer herum . Ha ! Ha ! lachte sie . Der ist für dich ! Für Leute , die nur ein Auge haben und ihre Perrücke nicht sehen mögen . Soll ich ? Sie warf ihn in die Höhe , spielte Fangball damit und drohte das kleine Glas zu zerbrechen . Murray griff darnach und hing es wieder an das Fenster . Was willst du , Auguste ? fragte er dann mit großer Langmuth und Geduld . Alter , sagte sie , setzte sich wieder und schlug dabei die Arme und die Beine übereinander , ich habe mich eben schwer geärgert . Ich habe Schulden und kein Geld , sie zu bezahlen . Gib mir Geld ! Murray schüttelte den Kopf . Alter Geizhals , dein Kopfschütteln hilft dir heute nichts , rief sie , band den Hut ab und warf ihn auf das unbenutzte Bett des Schreibers Schmelzing und rüstete sich zu einer gründlichen Belagerung des Alten . Gib mir die Ringe , die Uhr , die Armbänder , die mir die Polizei abgenommen hat . Wo sind sie ? Meine Kleider ? Wo ist mein Barègekleid , das Linonkleid ? Ich gehe heute nicht von der Stelle hier , bis ich meine Sachen habe . Damit stampfte sie auf , stemmte beide Arme in die hohen gewölbten Hüften und gab ihrem in der That edelgeformten plastischen Kopfe den Ausdruck des widerwärtigsten Hohnes und Stolzes . Murray erwiderte in aller Ruhe : Da kannst du lange warten , mein Kind ! Murrkopf ! antwortete Auguste , sich noch zähmend . Bleib ' dann nur lieber gleich hier ! Sonst nicht ! sagte die schwarze Binde . Auguste färbte sich kirschroth . Sie warf die Arme auf den Rücken und trat mit einer so kecken Geberde auf Murray zu , daß dieser einen Augenblick , wie in seinen Nerven erschreckt , beweglich zuckte . Auguste , ihren Vortheil wahrnehmend , rief : Wirst du vernünftig sein oder ... Oder ? wiederholte jetzt der Alte ... Oder - sagte das wilde Frauenzimmer und streckte beide Arme aus , als wollte sie den Alten an der Schulter fassen . Da aber änderte sich die Stellung . Murray schien sich gefaßt zu haben und während die schönen muskulösen Arme des frechen Mädchens an seiner Schulter zerrten , zog Murray die Schulter in rascher Bewegung zurück und packte die beiden niederfallenden Arme des Mädchens mit einer kräftigen Wendung so an den Handgelenken und drückte diese mit furchtbarer Gewalt so einwärts , daß die Angreiferin mit einem unwillkürlichen Schrei sich bücken und lang vor ihm auf die Knie stürzen mußte . Da ist dein Platz ! sagte Murray zurücktretend , mit bebender und furchtbarer Stimme , und wenn ich mich nicht anders besinne , schließ ' ich dich hier ein und lasse nicht Sonne , nicht Mond mehr auf dich scheinen , Elende ! Murray hatte in diesem Augenblick sich wie umgewandelt . Seine Arme verriethen eine jugendliche Kraft . Nichts mehr erinnerte an die Schwäche des Alters . Er schien wie gewachsen . Der gekrümmte Rücken streckte sich empor . Die Perrücke erhob sich und die schwarze Binde lag nicht mehr auf dem einen Auge , das eben so funkelte wie das andere und nicht den geringsten Fehler zu haben schien . Auguste erhob sich langsam und ächzend und an ihren Handgelenken reibend , mit einer Scheu , als wenn ein Thier im Käfig plötzlich die Kraft der menschlichen Bändigung gefühlt hätte . Weniger die überraschende physische Kraft des Fremden , als der Blick seiner Augen war es , der sie zähmte . Verwünschungen murmelnd kehrte sie auf ihren hölzernen Sessel zurück und schwieg und stützte die Hand in den wie dreieckigen Schooß , der sich ihr mit dem einen übergeschlagenen Bein bildete . Du bist so schön , Auguste , begann Murray jetzt ruhiger und setzte sich ihr gegenüber , mit Sanftmuth , wie versöhnt . Auguste , du hast kein schlechtes Herz . Wie würd ' ich sonst gehofft haben , den Strahl eines reineren Bewußtseins in deine umnachtete Seele werfen zu können ? Aber verwildert bist du und wirst in deinen falschen Begriffen , in dem Mangel aller Erziehung zu Grunde gehen ! Haßt ' ich nicht dieselben Menschen , die du hassest , ich würde nicht den kleinen Finger rühren , Mädchen , etwas für dich zu thun , weil ich an dem Erfolg doch verzweifeln müßte . Auguste schwieg , dann warf sie die Lippen etwas auf , blinzelte mit den zugedrückten braunen Augen , schielte von der Seite und sagte schalkhaft und den Ernst des Augenblicks verwischend : Pah ! Gib mir lieber den Ring da an deinen verdammten Fingern , alter Junge ! Das ist gar kein Herrenring . Den hast du irgend einer Dame gestohlen , als du noch jung warst und die Tugend nicht so schrecklich lieben mußtest , wie jetzt , Alter ! Schenk ' mir den Ring ! Damit hatte sie schon den Finger Murray ' s ergriffen . Doch krümmte ihn dieser gleich wieder so gewandt , daß sie loslassen mußte . Wetter ! schrie sie und blies auf ihren gequetschten Finger . Ich wiederhole dir , was ich dir schon einmal sagte , fuhr Murray fort , ich biete dir Glück und Freude drei Tage im Monat , in den übrigen Entbehrung ; aber an meiner Seite ... hier dies harte Lager , diese dunklen Fenster , diesen kleinen Spiegel , diesen Krug Wasser und an der Lampe dort Arbeit für mich , für dich , Arbeit an meiner und deiner Wäsche ... sieh , ich könnte dir drinnen Leinwand zeigen , die ich schon kaufte für meine Hemden , auch für dich Baumwolle , wenn du stricken wolltest . Schäme dich , wie zerrissen sind die Strümpfe , die du trägst ... schäme dich ... nur die Handschuhe da an deiner Hand auszubessern bist du schon zu träge ! Auguste wurde über diese Rüge über und über roth und zornig . Die Regung der Scham aber rasch bekämpfend und wieder in ihren trotzigen Ton fallend , sagte sie : Alter Narr ! Was krächzst du da ? Halte erst dein Wort , so werd ' ich Nähterinnen haben ! Es war nicht gesagt , daß ich dir die Geschenke zurückstellen sollte ... Wo sind meine Sachen ? Ich behielt sie , sagte Murray , weil noch der dritte Tag deines Glückes fehlte , würde sie aber auch behalten haben am vierten Tage , wenn du nicht siebenundzwanzig Tage an meiner Seite , unter meiner Aufsicht , mit mir entbehrtest und mich erheitertest durch den Anblick deines Fleißes . Ich habe Bücher , ich würde dir vorlesen . Ich zeichne , ich verstehe manche Kunst in Wachs und Thon ... ich wollte dich schon erfreuen , auch außer den drei Jubeltagen , die ich dir versprochen hatte . Auguste schüttelte den Kopf und schob die Lippen wie zum sarkastischen Spott . Hast mich also betrogen , Alter ! sagte sie . Auch um das Bild , das du von mir wolltest malen lassen . Gib mir das Geld , das es kosten sollte . Hab ' ich nicht Ansprüche darauf ? Was kann denn ich dafür , daß sich dieser Pinsel von Maler in deine dumme Windbeutelei nicht einließ und das Bild nicht in einem Tage liefern wollte ? Warum nennen sie dich die Maler-Guste ? fragte Murray . Warum drängtest du so um dein Bild ? Es war nicht Eitelkeit allein . Du wolltest gemalt werden als du selbst , sagtest du , mit deinen Kleidern , deinen Ringen und Brochen , deinen Spitzen und deinem Shawl ? Du wolltest , daß dein Name darunter geschrieben würde ! Ich bot dreißig Louisdors für die Grille . Aber ... in einem Tage . Sonst nicht ! Oder wenn du mir deine siebenundzwanzig Tage der Entbehrung hier in diesem Zimmer schenkest , so bestimmen wir deine nächsten drei fetten Tage für das Bild ... dann wird es schön . Willst du so ? Bleib ' da , Auguste ! Laß deine Sachen holen ! Ich hole sie selbst . Auguste Ludmer gab keine Antwort . Starr brütete sie vor sich hin . Dann schüttelte sie den Kopf und sagte : Ich kann nicht mehr , Alter . Ich kann nicht mehr . Und gleichsam als drückte sie der zu ernste Gedanke an Das , was Murray Alles anregte , rief sie polternd : Gib Geld ! Ich habe Schulden . Ich werde gequält , verfolgt , beschimpft . Und ich will nicht mehr so scheinen , wie ich war . Wie du warst , Auguste ? fragte Murray . Wie willst du nicht mehr scheinen ? Warum nicht ? Bist du weise geworden , ohne mich ? Gott sei Dank , sage mir , daß du dich geändert hast , ohne mich ! Gäbst du mir dann auf der Stelle hundert Thaler ? Wenn ich Proben sähe ... Gäbst mir meine Kleider , meine Ringe ? Proben ! Proben ! Nicht zwanzig ... nicht zehn Thaler ? Nicht einen ! Proben ! Murray ! schrie Auguste jetzt und sprang wie ein wüthendes Thier auf , in ihrem Zorne nach etwas suchend , das sie an des Alten Schädel zertrümmern konnte . Sie sah den Wasserkrug ... Murray trat ihr aber entgegen , griff nach dem Wasserkrug , entriß ihr diesen in dem Augenblicke , wo sie schon nach ihm langen wollte , hielt ihn mit dem markigen Arme fest , hoch in die Höhe , so hoch , daß es fast schien , als wäre der Alte viel größer als die schlanke Buhlerin , und da sie ihn nicht ergreifen konnte oder sich vor seinen Augen fürchtete , sagte er ruhig : Gib mir eine kleine Probe und geh ' und hole mir in diesem Kruge frisches Wasser ! Ich setze einen Thaler drauf . Auguste weinte vor Wuth . Sie riß an ihrem dunklen , glänzenden Haare , das in den kunstvollsten Flechten aufgebunden war . Das war gewunden wie Spitzenarbeit und duftete und strahlte und von dem zornigen Wühlen der Hand ging dieser Schmuck nun auf und fiel in langen wie durchbrochenen sichelbreiten Flechten über den entblößten Nacken und die Brust , diese an ihr so schön geformten Theile , die aber schon etwas mager waren in Folge der unregelmäßigsten Lebensweise . Murray betrachtete sie eine Weile , wie sie so erschöpft einer Magdalena gleich sich auf das schmale Bett warf . Er betrachtete sie voll Rührung und sagte nach einer Weile : Wenn du mir folgen wolltest , würdest du wieder schön werden , Auguste ! Diese Bitterkeit verwundete sie tief , ohne sie zu reizen . Sie fühlte die Wahrheit der Bemerkung und schwieg . Nach einer Weile blickte sie bittend auf und sagte mit schmeichelnder Stimme : Murray , gib mir Geld ! Gib mir meine neuen Kleider ! Du weißt nicht , daß ich Geld und Kleider haben könnte , wenn ich so fortführe , wie ich gewesen bin . Ich will mich bessern , aber so nicht , so dumm nicht , wie du es vorhast ! Mein Kind , sagte Murray ernst , ich verkenne die Pein nicht , die dir meine Vorschläge machen . Ich habe aber erlebt , die gewöhnliche Art , wie sieh die Menschen bessern sollen , mislingt fast immer . Der Wille allein thut ' s nicht , die Gelegenheit muß da sein . Die muß den Willen unterstützen . Ich bin ja ganz aufrichtig gegen dich ! Ich bin ein Deutscher ... ich habe lange in England gelebt ... und nenne mich Murray ... weil ich englische Sitten und Manieren angenommen habe und ... meine Verwandten nicht wiedersehen mag ... Ich habe dir gesagt , daß ich in meiner Jugend ... unglücklich war ... und ein Verbrechen beging ... zu dem mich ... Hochmuth ... Dünkel ... und die Gelegenheit ... verleitete ... ein Verbrechen , Auguste ... Ha ! Sag ' mir nichts weiter ! Warum zittert Ihr ? Ihr haltet ja die Hand da immer ... Teufel , was soll Das ? Geht weg ! Greift doch nicht ... Auguste glaubte unter dem Rocke des Alten eine blitzende Waffe bemerkt zu haben . Und Murray wußte kaum selbst , daß er während der wenigen Geständnisse , die er Augusten machte , schon vor Aufregung in die Rockbrusttasche gegriffen und ganz allmälig ein Terzerol in der Hand hatte , das er bei jeder neuen Thatsache , die er nun nicht mehr sicher bei sich in seinem Herzen wußte , immer mehr hervorzog . Wie er das Terzerol fast schon aus dem Brustlatz hervorblinken sah , besann er sich schmerzlichlächelnd , steckte es ruhig zurück und bot der erschrockenen Auguste die Hand zur Beruhigung . Auguste , sagte er , du bist nicht ganz gesunken , dein Herz ist den bessern Empfindungen zugänglich . Als man uns an jenem grauenhaften Morgen auf der Fortuna ergriff und mich für verdächtig erklären wollte , weil ich dir glänzende Geschenke machte und selbst arm lebte , fürchtete ich , du würdest die schwache Stunde , die ich dir gegenüber mich beschleichen ließ , als ich in dir die Tochter meines Lebensretters , die Nichte jenes Weibes , das ich ... Murray stockte ... Sammelt Euch , Vater Murray ! sagte Auguste weicher . Ei , habt Euch doch nicht ! Ich werde Euch nicht unglücklich machen ! Aber undankbar seid Ihr ! Papa , komm ... gib mir nun Geld ! Das Pistol , sagte er , dabei lächelnd , ist nicht für dich gewesen ... es ist ... vielleicht für mich ! Die Maler-Guste erschrak über dieses Wort . Ein Erschrecken bei solchen Naturen ist meist mit Zorn über die Ursache des Schrecks verbunden . Ach was ! sagte sie ärgerlich . Du hast da schon zehnmal auf mich angesetzt und drückst das Ding auch nur auf mich los , Satan , wenn du glaubst , dir den Kopf zu sprengen . Geh weg mit dem Ding , alter Heuchler ! Genug jetzt ! Sie sprang auf . Sie wollte keine Rührung , keinen Edelmuth mehr . Ist Das der Dank ? sagte sie polternd . Ich hatte dich in der Hand , Alter ! Der Oberkommissär setzte mir Daumschrauben . Ich sollte sagen , was ich von dir wüßte ! Ob du wirklich ein Engländer wärest ? Wo ich dich kennen gelernt hätte ? Ich sagte : Geht ! Damals als ich nach Hamburg wollte und mir einen Paß holte , da stand ja der Alte , der den seinigen visiren ließ und eine Aufenthaltskarte löste , neben mir und wie ich meinen Namen genannt hatte und die Herren Anstände nahmen und lauter Schändlichkeiten zu mir sagten und lachten und eine vertrauliche Sprache sich mit mir erlaubten und mich auf morgen beschieden , da folgte mir ja der Alte und knüpfte ein Gespräch an und fragte mich aus ... Da sagtest du , ich hätte dir verrathen , daß ich deine Ältern , deinen Vater , der Gefängnißwärter in Bielau war , kenne ... Wo würd ' ich denn Das sagen ? Pfui Papa ! Nun ! Was sagtest du ? Ich sagte : du hättest mir deine Freundschaft angeboten , wie eben ein Alter einem jungen Mädchen seine Freundschaft anbieten kann ; du wolltest mir Geschenke machen , aber manchmal müßt ' ich wieder mit schlechten Zeiten vorlieb nehmen ... Hoho ! Das war schlimm ausgedrückt , wenn auch gut gemeint , Kind ! Das heißt doch bei Denen nur , daß ich ein Spitzbube bin , der zuweilen Glück , zuweilen Malheur hat . Was ist es denn auch anders , Papa ? lachte die Unverbesserliche . Du wirst mir doch nicht weismachen , daß hinter der ganzen Komödie , die du mir vorschlugst , was anders stecken kann als ... Pascherglück ? sagte Murray und schüttelte den Kopf über die Halsstarrigkeit eines Menschen , der einmal nicht glauben will . Nein , mein Kind , sagte er zitternd . Du bleibst hartnäckig in deinem Irrthum und wie oft sagt ' ich dir ... Halte nur die Hand da fort ! Wie oft sagt ' ich dir , als ich deinen Namen auf dem Paßbureau hörte , ergriff mich Freude . Ich komme vom Meere und du bist das erste Wesen , das mich an meine vielverworrene Vergangenheit erinnert ! Wie weh that es mir , als ich an den Mienen der Schreiber sah , wie es mit deinem Rufe steht ! Ich erkannte die Züge deines Vaters in dir wieder , dieses edlen Menschen , den ein rauher und jammervoller Lebensberuf nicht zum herzlosen Sklaven und thierischen gehorsamen Knechte fremder Willkür gemacht hatte . Er sollte mein Mörder sein und ward mein Lebensretter ... Zu seinem Unglück wol ; denn ich entsinne mich als Kind , daß es ihm schlecht genug ging . Ich glaube Das ! Er hatte eine Weisung nicht befolgt , die dahin lautete , mich ohne einen Strick oder ein Messer , ohne einen Tropfen Blut zu ermorden ... Die Maler-Guste stutzte zu dieser Eröffnung . Diese Beziehung Murray ' s zu sich und ihren Ältern hatte sie nicht erwartet ... Ja , sagte Murray mit gedämpfter Stimme . Ich war ein Verbrecher , Auguste ! Jugendlicher Leichtsinn ließ mich fehlen . Worin ? Ich kann es dir nicht sagen . Ich beging etwas , was nach leichterer Auffassung vielleicht kein Verbrechen , vielleicht Keckheit , nur Leichtsinn und der Beweis einer großen Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit ist . Aber der Staat will sich schützen und nennt meine That ein Verbrechen