heraussagte : › Wenn die Bauern mich zu pöbelhaft behandeln , so entsage ich der Pfarre und Sie können es auf mein Wort mit ins Protokoll setzen . ‹ Die Kirche war außerordentlich voll Menschen , für mich , gegen Geltow gerechnet , etwas Neues . Aber ich redete ohne Stottern und ohne Concept . Ich handelte von der Kraft des göttlichen Worts , zur Besserung und Beruhigung des Menschen . Alle Honoratiores waren mit der Predigt zufrieden ; die Einwürfe der Bauern beschränkten sich darauf : › ich sei schon alt und man hätte mich hinten bei den Fischern nicht hören können . ‹ Das Consistorium erteilte mir nichts destoweniger die Vocation . Gegen Abend fuhr ich mit dem Herrn Inspector bis an die Nedlitzer Fähre zurück . Merkwürdig war und ist mir noch sein Sentiment über meine Predigt . › Sie lieben ‹ , sagte er , › den dogmatischen Vortrag . Ihr Vorfahr ( Pastor Schmidt ) redete gern in Gleichnissen und Bildern ; er würde das Gleichnis vom Samen durch die ganze Predigt durchgeführt haben . ‹ Ich antwortete : › Nach meinem Begriffe sind die Gleichnisse nur Erläuterung des Lehrsatzes , dieser aber ist die Hauptsache , also auch das Hauptaugenmerk des Lehrers . Er soll unterrichten . Ich liebe den ernsthaften Ton und den moralischen Gehalt . Den Teufel laß ich an seinen Ketten liegen ; Rechtschaffenheit des Herzens , Unschuld des Lebens sind meine Hauptsache . ‹ Ich erhielt danach meine Vocation . Im September aber verfiel ich in eine schwere Krankheit , welche mich dem Tode so nahe brachte , daß man mich oft für todt hielt . Zweimal wärend dieser Zeit war meine Pfarre bereits vergeben . Der Grund meiner Krankheit war der große Verdruß , den ich während des Vacanzjahres durch die schwarze Cabale in Fahrland auszustehen hatte . Dann kamen , wenn nicht glückliche , so doch ruhigere Jahre . « Über diese Jahre hat Pastor Moritz nicht mehr in einer fortlaufenden , geordneten Lebensbeschreibung , sondern in einzelnen tagebuchartigen Notizen berichtet . Einige davon sind sehr charakteristisch ; wir geben zwei , drei derselben , die dem Todesjahre des großen Königs ( 1786 ) und dem ersten Regierungsjahr Friedrich Wilhelms II. angehören . 1786 Anfang August . Noch nie in meinem ganzen Leben hat jemand meinen Geburtstag gefeiert . Vorgestern feierte der Kammerhusar , Herr Neumann , den Geburtstag seiner Schönen , Mamsell Schultzen , und zwar in Sanssouci , in seinem Zimmer , welches etwa zwanzig Schritt von des Königs Zimmer ab ist . Es war eine Gesellschaft von sechzehn Personen , darunter unser Fahrlander Oberamtmann , und ich höre , daß die prächtige Mahlzeit bis zu dreihundert Thlr . werth gekostet haben soll . Gegessen wurde von silbernen Tellern , begleitet von Confituren und ähnlichen Aufsätzen . Der Vater der Schönen , ein Prediger aus Thüringen , ist dabei gewesen , ein überaus aufgeräumter Mann , der an allen Vergnügungen lauten Anteil nahm und unter anderen auch sein Stammbuch den neuen Freunden und Theilnehmern seines Glücks präsentirte . Einer von den Gästen fängt schließlich zu singen an . » Pst , pst ! « fallen mehrere dazwischen , bis ein anderer ruft : » Singt ihr man . Der Alte ist schon zu Bette ; er hört es nicht mehr . « Wie schnöde gegen den ablebenden , einst so gefürchteten König ! Erst nach zwei Uhr sind sie auseinander gegangen . Sie , die Mamsell Schultzen , ist ein wahres Stück Fleisch und man könnte auf dem Brustwerk Wache stehen ! ( Neumann wurde bald vergessen . Er kaufte das Haus des von Fouqué in Brandenburg und zog dahin . Die Ehe soll erbärmlich sein , bis zum Scheiden . Neumanns Glück war aus , aber das des Kammerhusaren Schöning stieg , steigt noch unter Belohnung seiner vormaligen geheimen Correspondenz zwischen dem Thron und dessen Erben . ) Nachschrift . Den 16. August ward der König sprachlos und verlor sein Bewußtsein ; den 17. in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag um zwei Uhr starb er ; den 18. ward er beigesetzt . Der große Mann ! immer verehrungswürdig und jeder neue Tag macht ihn verehrungswürdiger und unvergeßlich . 1787 Im März . Aus dem Kirchenbuche geht hervor , daß » Unechte « ( Illegitimi ) im vorigen Jahrhundert etwas sehr Seltenes waren . Wie sich die Zeiten ändern ! Niemanden rührt das mehr , ist alltäglich geworden , und die Prediger dürfen darob nicht murren . Jetzt , 1787 , ist Befehl da , es recht laut auf der Kanzel zu sagen , daß keine Frauensperson darob soll getadelt werden . Das war eine der ersten Sorgen Friedrich Wilhelms II. ( 9. November 1786 ) , daß » gefallene Weibspersonen von allem Schimpf und aller Schande verschont bleiben sollen « . Am 28. August kam hier eine Escadron Husaren von Goltz , sonst Belling , an . Am 30. früh marschiren sie weiter nach Zachow . Der Stab lag hier , die vier übrigen Escadrons auf den nächsten Dörfern . Der Obrist ist Herr Göcking ( seit dieser Regierung von Göcking ) , Bruder des berühmten Dichters Göcking . Sie marschiren zur Armee nach Westfalen , kommen von Stolpe in Pommern , vierundvierzig Meilen hinter Berlin und treffen erst im October in Westfalen ein . September 20. Heute sind die Regimenter zum Manöver angekommen . Friedrich der Große hatte immer schön Wetter . Der heutige Anfang ist schlecht . September 21. bis 25. Heute Abend wurde in Potsdam des Königs Geburtstag gefeiert . Das 1. Bataillon Garde führte eine Comödie auf . Zur Illumination hat die ganze Garnison beigetragen , jeder Stabsoffizier zwei Louisd ' or . Das Fräulein von Voß , welches jetzt , nach Entfernung der Encken ( Gräfin Lichtenau ) das Haus des Mylord Mareschal bewohnt , hat dasselbe auch prächtig illuminirt gehabt . Weihnachten 1787 » Dreizehn Jahre stehe ich nun hier im Amt . Mein Gott ! Du zeichnetest mir eine rauhe Bahn meines Lebens , gabst mir eine ängstliche Seele , mittelmäßig Brot , verwöhnte Zuhörer , keinen Gönner , starkes Gefühl der Sittlichkeit , unverletzbare Ehrlichkeit , strengen Ton im Vortrag , keinen lauten Beifall . Und doch mein Vater diente ich treu , meinte es mit jedermann gut . Doch ich stehe ja noch da , thätig , anständig gekleidet , hinlänglich satt , ohne Schulden , Vater dreier Töchter , deren ich mich nicht schämen darf und keiner kann etwas lästern als : Du bist ein Samariter und hast den Teufel . Gelobt sei Gott : Hosianna dem Sohne Davids , mit ihm stehe ich , mit ihm falle ich . Und nun nur eine Bitte noch : für mich – verlaß mich nicht im Alter ; für die meinigen – leite sie nach deinem Rath und nimm sie endlich mit Ehren an . « Hiermit schließen wir unsre Auszüge aus Chronik und Tagebuch . Was den Verfasser derselben angeht , so muß es immer wieder gesagt werden : es ist nicht möglich , sich gegen das Charaktervolle seiner Erscheinung zu verschließen . Und dadurch flößt er uns ein tieferes Interesse ein . Er war ein Ehrenmann , brav , bieder , gerecht ; unsentimental , aber voll tiefer Empfindung , wo Empfindung an der rechten Stelle war . Ja , was ihm bei seinen Lebzeiten am meisten bestritten zu sein scheint : er war gütig , opferbereit , in Wahrheit ein barmherziger Samariter . In Geltow , selbst am Hungertuche nagend , hatte er die Hungrigen seiner Gemeinde gespeist , und jederzeit war es ihm Herzensbedürfnis , in heißem Gebete Gottes Gnade für die Unglücklichen anzurufen . Das alles erhellt aus seinem Tagebuche . Und nichts von eitler Schaustellung , von bloßem Gefühlsgepränge , konnte sich mit einmischen , denn er schrieb dies alles nur für sich : kein fremdes Auge , solang er lebte , hat mutmaßlich diese Aufzeichnungen je gesehn . Eine innerste Bravheit und Tüchtigkeit zieht sich durch das ganze Buch wie durch das Leben des Mannes hindurch , und doch , an derselben Stelle wo Pastor Schmidt , die Flinte à la main , glücklich gewesen war und glücklich gemacht hatte , wollte ihm weder das eine noch das andere gelingen . Er war unbeliebt , unpopulär und blieb es bis zuletzt . Woran lag es ? Sonderbar zu sagen , er hatte wohl die echte charaktervolle , sich an rechter Stelle betätigende Liebe , aber er hatte nicht die leichte Liebenswürdigkeit , und wenn wir Umschau halten , so scheint es fast , als ob bei den Menschen diese leichtwiegende Tugend schwerer wöge und wichtiger wäre als die ernstere Schwester . Die skrupulösen Leute , die nichts leicht nehmen , die wenig lachen , die nie fünf gerade sein lassen , jene korrekten , witz- und humorlosen Naturen , die sich immer auf den Rechtsstandpunkt stellen , oder wohl gar auf ihr persönliches Recht sich steifen , – diese peinlich-bedrücklichen Integritätsleute sind nie angesehn bei der Masse , wenn sie nicht nebenher noch eine freigebige Hand haben . Und diese können sie kaum haben , denn ihre Eigenart besteht eben darin , sich auch beim Geben noch die Frage » nach dem Rechte « vorzulegen . Vor allem aber , selbstverständlich , beim Fordern und Empfangen . Und dies ist das Allerschlimmste . Statt über das hinzugehen , was ausbleibt , empören sie sich beständig über die Unbill , die in diesem Ausbleiben liegt , und unter Mißmut , Gereiztheit , Bitterkeit vergehen ihnen die Tage , niemandem zur Freude , am wenigsten sich selbst . Dieser Gruppe von Freudlosen gehörte auch unser Pastor Moritz an ; er hatte keine Spur von jener christlich-leuchtenden Serenität , die dem liebenswürdig angelegten Naturell aus dem » sie säen nicht , sie ernten nicht « erwächst , und so bracht ' er es denn mit seiner ganzen Korrektheit in Geldsachen , mit seinen Klagen , Vorstellungen und Protesten , die immer nur darauf hinausliefen , daß der Heckenzaun noch nicht gemacht und die Tonne Most noch nicht geliefert worden sei , zu nichts andrem , als daß man ihn für einen unerquicklichen Geizhals hielt . Er war es nicht ( im Gegenteil er gab , er half ) , aber man darf sagen , er hatte die Allüren des Geizes . Und an dieser Stelle ist der Bauer am empfindlichsten , deshalb am empfindlichsten , weil er sich am besten selbst darauf versteht und jede kleine Nuance , nach selbsteigener Praxis und Erfahrung , am leichtesten entdecken und verfolgen kann . Noch einmal , an einer gewissen ablehnenden Nüchternheit , an einem cholerisch gearteten Rechtsgefühl , das schließlich , als das Feuer verglüht war , in Art von Melancholie umschlug , scheiterte unser Pastor Moritz ; – es bewährte sich an ihm : unser Glück oder Unglück wurzelt in unserm Charakter . Ohne Liebe sank er hin . Aber wir Nachgebornen stehen anders zu ihm , und dem Bedrücklichen seines Wesens entrückt , können wir uns an seiner Bravheit und Tapferkeit aufrichten , an ihm messen . Er war in vielen Stücken ein guter Typus seiner Zeit und speziell auch des märkischen Charakters . Die glücklich geänderten Zeiten werden von selbst dafür Sorge tragen , daß die Schwächen der Männer jener Epoche sich in uns mindern , Schwächen , die in der Sterilität des Bodens und aller Lebensverhältnisse ihren Grund hatten . Aber an uns ist es , dafür zu sorgen , daß ihre Vorzüge uns verbleiben : ihre Einfachheit , ihre Festigkeit , ihr Haushalten und ihre Treue . Sakrow Sakrow unter dem Grafen Hordt von 1774 bis 1779 Sakrow unter dem Grafen Hordt von 1774 bis 1779 Sakrow , als ich dies Filial erhielt , befand sich im Besitze des schwedischen Grafen Hordt ; seine Gemahlin war eine Gräfin Wachtmeister . Gleich nach Empfang meiner Vocation schrieb ich von Geltow aus an den Grafen und bat für Sakrow um sein Accessit . Es hieß in meinem Briefe : » Ich weiß , daß das Dorf Sakrow eine ecclesia vagans ist ; ich respektire diese Independenz und sehe die Collation als eine freie Gnade an . Wenn Euer Hochgeboren nichts mehr verlangen als einen Mann , der in seinem Dienste solide ist , so bin ich der Mann dazu ... Ganz natürlich wäre hier der Ort , mich gegen die schwarze Cabale meines eigentlichen Pfarrdorfes zu vertheidigen , weil es ihr doch gelungen ist , ihre Verleumdungen auch bis Sakrow auszudehnen . Die Zeit aber , die alles entdeckt , wird auch dieses aufdecken . « Hierauf bekam ich folgende Antwort : » Euer Hochehrwürden an mich geschriebene Briefe habe ich richtig erhalten ; da es aber noch lange Zeit hat , bis das Gnadenjahr um ist , so werden Sie mir wohl nicht verdenken , daß ich nicht eile . Unter der Zeit hoffe das Vergnügen zu haben , Sie persönlich kennen zu lernen . Finde ich , was ich suche , nämlich einen wahren Seelsorger seiner Gemeinde , so wird die Vocation nicht lange ausbleiben . – Was die › Cabale ‹ anbetrifft , von der Sie sprechen , so ist mir dieselbe nicht nur unbekannt , sondern das Wort Cabale allein schon ist mir unerträglich , insonderheit in Sachen , wo man Gott sein Schicksal überlassen , und von ihm erwarten muß , was er zu unserem Seelenheil bestimmt . « Der Graf , so fährt das Tagebuch fort , schreibt von Seelenheil wie ein Pietist , wofür er auch in seiner Gegend gehalten wurde . Das Wort Schicksal , welches kein Hallenser verträgt , mag er verdauen . Er ärgert sich über den Ausdruck Cabale , wie mir Hofrath Brandhorst erzählt , bloß deshalb , weil es ihm seine eigene ehemalige Cabale zu Stockholm ins Gedächtniß ruft , worüber er öfter Gewissensvorwürfe haben soll . Der II. p. trinitatis führte mich zur Vacanz-Predigt nach Sakrow . Ich predigte über die Sonntags-Epistel und entwickelte den wahren Begriff der Bekehrung . Der Graf lobte mich ins Gesicht ; die Gräfin bat sich die Predigt abschriftlich aus . Während des Kaffees trat ein gemeiner Mann in den Saal . Er ward von der Herrschaft sehr freundlich bewillkommt , ihm ein Stuhl neben der Gräfin gesetzt und ein Glas Wein gereicht ( mir nicht ) . » Kennen Sie diesen Mann ? « » Nein ! « » Es ist ein wahres Kind Gottes , der Weinmeister Reuter von Crampnitz . Lernen Sie ihn kennen . « Ich erwarte nun des Grafen Erklärung über die Vocation . Allein er schwieg . Beim Abschied bat ich nochmals darum . » Ich werde Ihnen meine Meinung schriftlich melden . « Ich ging ohne Freudigkeit weg , und diese Freudigkeit sollte mir auch nicht kommen , als endlich des Grafen Brief eintraf , in dem er mir einen Gehalt von sechzig Thlrn . versprach , weil das Korn , das laut Matrikel der Stelle zugehört , so viel betrage Dies war nicht richtig , es betrug mehr , und so schrieb ich denn , der Herr Graf möchte es entweder beim Alten ( Naturallieferung ) belassen , oder sich ans Ober-Consistorium wenden . Wie sehr ich hierdurch den schwedischen Reichsgrafen aufgebracht und was er für böse Worte im Zorn gegen mich ausgestoßen , das habe ich wohl erfahren , mag es aber nicht niederschreiben . ( 1775 . ) Der Graf war also mein Feind und suchte sich anderwärts zu helfen . Der Candidat Corthym sollte sich ordiniren lassen – die Waisenhaus-Direktion widersetzte sich . Er ( der Graf ) bot es dem Prediger Hollmann in Ütz an , aber der war zu ehrlich , um im Trüben zu fischen . Prediger Schmidt in Döbritz war bereit , wenn ihn der Graf wollte abholen und zurückfahren lassen . Aber der Graf wollte nicht plus , sondern minus . Endlich wandte er sich an den irrenden Ritter , Herrn Magister Kindleben , damals Prediger in Kladow , ein Mann von der schlechtesten Aufführung , der es mit Freuden annahm , aber bald seinen Posten niederlegte , um der öffentlichen Cassation zuvorzukommen . Mit Anfang des August kam der Küster Wurm aus Sakrow zu mir , ein Mann , wie zum Küster gebaut , ohne den gewöhnlichen Nagel im Kopf . » Der Graf ist in der Enge « , sagte er , » jetzt ist es Zeit , schreiben Sie . « – » Ich ! schreiben ! der Graf hat Unrecht . « – » Ja , das hat er ; aber er ist doch ein großer Herr ( Wurm war vorher Bedienter des Grafen gewesen ) geben Sie nach . « – Und ich gab nach . Wir wurden einig . Ich ward nebst meiner Frau zu Tische gebeten . Nach Tisch standen der Graf und ich am Fenster . » Sie sind mein Mann , wir sind für einander gemacht . « » Ja « , sagte ich , » es sei so für meine Person . Mein Nachfolger bleibe ungebunden . Hier ist meine Hand . « ( 1777 . ) Graf und Gräfin waren wenig hier . Sie lebten in Berlin . Nur einmal ist die Gräfin bei mir zum Abendmahl gegangen , am Sonntage vor der Predigt . Sie war ganz schlecht gekleidet , comme en negligé . Es war auch in Berlin , wo sie am 13. Juli 1777 starb . Ihre Leiche wurde nach Sakrow gebracht . Über Stolpe kam sie und ward mit einer Fähre , ( die dazu angeschafft wurde und seit der Zeit da ist ) übergesetzt . Ich war gegen 6 Uhr abends bestellt , und als ich kam , stand der Sarg schon im Salon und die Träger dabei . Ich ging hinauf zu ihm . » Wie wollen es der Herr Graf gehalten wissen ? « » Sie gehen mit dem Küster voran . Unterwegs wird nicht gesungen . Bei dem Grabe singen Sie : Jesus meine Zuversicht . Dann thun Sie ein Gebet ; darauf wird weiter gesungen und das Grab zugeworfen . « Und so geschah es . Er hatte sich an einen Baum gelehnt und zog etliche Male das Schnupftuch heraus . Nach vier Wochen bestellte Herr Lüdicke ( Schreiber und Faktotum ) eine Leichenpredigt , brachte auch den Lebenslauf . Ich hielt sie , aber der Graf war bei dem König . Niemand vergoß eine Träne . Es sah für eine Gräfin etwas kahl aus . Die verstorbene Gräfin wurde den 16. Juni 1722 geboren . Ihr Vater war Graf Karl Wachtmeister , königlich schwedischer Admiral und der Großvater Graf Johann Wachtmeister , Reichsrath und Großadmiral der ganzen schwedischen Flotte . Die Frau Mutter war Henriette Baronesse von Metsch und die Großmutter eine Gräfin Archenberg . – Im zwanzigsten Jahre ihres Alters ward sie mit dem Grafen Johann Ludwig Hordt , damals königlich schwedischer Oberst , jetzt königlich preußischer Generallieutnant und Gouverneur der Veste Spandau , Erbherr auf Sakrow , vermählt . In dieser Ehe hat sie vier Kinder geboren , davon nur noch der zweite Sohn lebt , Graf Karl Ludwig Hordt , geboren 1749 , jetzt Lieutnant beim Regiment Prinz Leopold von Braunschweig zu Frankfurt an der Oder und Adjutant des Prinzen . In den letzten Jahren stand sie manche Schwachheit des Körpers aus . Es waren gichtische Zufälle , die ihren Tod beschleunigten . Von Person ansehnlich , hatte sie das ganze air de grandesse . Sie sah aus wie die Ernsthaftigkeit selbst . Daher stutzte ich , als sie einst von dem liederlichen Kindleben sagte : » er war ein allerliebster Mann , sprach gut französisch und konnte einen recht zu lachen machen . « Es heißt , daß die Ehe keine glückliche war . Die fromme Miene hatte sie ganz und besuchte oft den Weinmeister Reuter . Seit dieser Beerdigung habe ich den Grafen nicht wieder in Sakrow gesehen . Er war seit des Lentulus Abreise beständig bei dem König und ging 1778 mit zu Felde als Chef eines Freiregiments . Beim Ende des Krieges 1779 verzürnte er sich mit dem König , nahm seinen Abschied , wohnte zu Berlin und verkaufte Sakrow an den Baron von Fouqué , Sohn des berühmten Generals . Man muß dem Grafen Hordt die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß er das elende Sakrow umgeschaffen hat . Das schöne Wohnhaus , der ganze Plan des Gehöftes , des Gartens und des Dörfleins , alles kommt von ihm her . Wenn ich Sakrow jetzt mit dem von 1750 vergleiche , so kann ich sagen , Sakrow war damals ein Ratzenloch . Hordt kaufte es , wie man sagt , für fünfzehntausend Thaler , baute stark , erholte sich in der Haide und verkaufte es an Fouqué für dreiundzwanzigtausend Thlr . , doch incl . vielen Meublements . Der Gräfin Zimmer blieb in statu quo . Der Graf , wenn er in Sakrow war , lebte sehr eingezogen . In meinen Jahren habe ich keine fremde Seele bei ihm getroffen . Er mochte es nicht überflüssig haben . Gegen mich hat er sich geizig betragen . Nichts von Generosität habe ich von ihm aufzuweisen . Der Schreiber Lüdicke war sein Herz und Werkzeug , thätig und wirthschaftlich , übrigens falsch wie eine Schlange und dumm wie ein Schöps . Sakrow unter Baron Fouqué von 1779 bis 1787 Sakrow unter Baron Fouqué von 1779 bis 1787 Der Graf Hordt hatte keine Kirchenrechnung gehalten , weil er wenig da war . Bei der neuen Herrschaft drang ich oft darauf , aber die Baronesse Fouqué antwortete darauf : » hat doch der Graf Hordt auch keine gehalten . « – Ich habe in Nachstehendem , avec pardon , immer nur von der Baronesse zu sprechen . Dès-lors regne la Baronne . Der Gemahl bedeutet wenig . Monsieur le Comte de Schmettau est l ' Aide de l ' économie et – du reste . 1779 , in demselben Jahre , in dem die neue Herrschaft nach Sakrow gekommen war , starb in dem benachbarten Carzow Herr Prediger Woltersdorf . Er war ein Schwätzer , beliebt beim großen Haufen , weil er immer » weiland « und » selig « bei der Hand hatte . Dem Branntwein ergeben bis ans Ende mit vielen Ärgernissen . Seine Wittwe wurde Haushälterin beim Baron von Monteton . Sein Nachfolger war Herr Schulte , ein Jüngling voll Eigendünkel , der sich bald beflissen zeigte , unserem Orden große Schande zu machen . 1780 den 30. November erging an mich Befehl , verschiedene Fragen hinsichtlich der Kirchenländereien mit möglichster Genauigkeit zu beantworten . Dies konnte ich nicht ; Kirchenrechnung war nie gewesen . Die Herrschaft war damals in Brandenburg ; der Baron hatte sein eigen Haus daselbst , wo sie den Winter zubrachten . Dazu kam , das Kirchenrechnungsbuch war noch beim Grafen Hordt . Wem muß das nicht auffallen ! » Wie legèr « würde die Herrschaft ausrufen , wenn unsereiner so etwas täte . Zum Gesangbuch-Streit . Im selben Jahre 1780 , am 1. Dezember , publicirte ich das neue Gesangbuch und kündigte an , daß ich über vierzehn Tage ausführlicher von der Sache reden wollte . Währenddem entstanden schon allerhand Unruhen in dem orthodoxen Nachbardorf , gestiftet und unterhalten von dem Küster , wie das allerorten der Fall war . Madame Oberamtmann redete von nichts , als daß man wolle » neuen Schmu « machen . Inzwischen ( am 15. ) hielt ich meine Rede über Colosser 3 , 16. Bei der Applikation sagte ich unter anderm : » Als König David von den vielen Kriegen , die er führen mußte , zur Ruhe kam , richtete er seine ganze Sorge auf die innere Verbesserung des Landes , namentlich auf das Kirchenwesen und öffentlichen Gottesdienst . Er entwarf den Plan , wonach der Nationaltempel sollte gebaut werden , und ordnete die Kirchenmusik nebst jeder äußeren gottesdienstlichen Verrichtung an . Etwas ähnliches geschieht jetzo und schon seit zehn Jahren in den protestantischen Ländern . Jeder gute Fürst führt bessere Kirchenlieder ein , weil die bisherigen nicht zweckmäßig waren . Nunmehr ist auch in diesem Lande ein neues Gesangbuch angefertigt worden . Ein Drittel unsrer Lieder konnte wegen unbekannter Melodien nicht gesungen werden , das zweite Drittel hatte gar nichts zur Erbauung und das dritte Drittel konnte in einzelnen Stellen noch besser sein . Ich kann von der ganzen Veränderung um so freimüthiger reden , als es nicht meine Sache ist , die ich führe . Auch soll die königliche Verordnung nicht etwa vertheidigt werden ; das wäre ein lächerlicher Einfall . Ich will nur überzeugen , daß die Sache gut und nützlich sei . Ich will eure Gemüter gegen die schiefen Urtheile anderer verwahren und euch zu einem Betragen bewegen , das euch Ehre macht . Der Wert eines Liedes dependirt von dessen innerer Güte . Wenn der Ausdruck deutlich , der Begriff richtig , der Ton rührend , der Gedanke erhaben , gleich faßlich dem Verstande und dem Herzen , passend zur Erweckung und Stärkung der Gottseligkeit ist – dann ist das Lied gut . Unseren meisten Liedern fehlet die Deutlichkeit , die Richtigkeit , die Verständlichkeit , die Anständigkeit , das Lehrreiche . « Darauf beantwortete ich den Einwurf , daß » Gottes Wort verfälscht worden sei « . So gedachte ich es gut zu machen und machte es übel . Denn es hieß bei den Bauern : ich hätt ' ihren alten Glauben verachtet . Die Herrschaft kaufte gleich zwanzig Stück und gleich mit Neujahr 1781 sang ich neu ; der erste auf dem flachen Lande in der ganzen Provinz . Selbst Herr Teller , der erste in Berlin , sang nur vierzehn Tage eher . 1781 , am 10. Januar , fand man zu Berlin folgendes , als Beitrag zum Gesangbuchstreit bemerkenswerthes Pasquil an dem Galgen angeschlagen : » So hat uns der Teufel abermals drei Apostel auf den Hals geschickt , die unser Gesangbuch gotteslästerlich verdorben haben . Spalding , Teller , Dieterich . Kaum sind es fünfzehn Jahre ( es war im März 1766 ) , als Spaldings Name zum ersten Male am Galgen stand , und nun kommt er wieder mit zwei Bestien , Teller und Dieterich , und machen ein neu Gesangbuch . Jesu Christi wahre Gott- und Menschheit verläugnen sie . Jesu Leib und Blut im Abendmahl verläugnen sie . Verwerfen die Lehre vom Satan , wollen es sei keine Hölle , keine Ewigkeit , da doch die Bibel dieses alles deutlich beweiset . Verwerfen die alten Lieder , auch die , welche Lutherus gemacht . Verdrehen , zerstümmeln , zerhacken die alten schönen Lieder , daß sie aussehen , als hätten sie die Henkersknechte auf ihre Fleischklötze gelegt . Dies alles thun die drei Höllenbrände : Spalding , Teller , Dieterich . Diese drei sind des Teufels Apostel , nebst dem Prediger Stork ( oder Stark ) . Dieser dumme Mensch gehört nicht auf die Kanzel , sondern als ein Schulknabe in die Schule . Er kann die Einsetzungsworte noch nicht lesen , viel weniger beten ; stottert , so oft er eine Predigt thut , aus dem verfluchten neuen Gesangbuche her . Kann der verfluchte Hund nicht einen Vers aus dem alten Porst herbeten ? So gottlos handeln unsre verfluchten Geistlichen , davon die drei Bestien : Spalding , Teller , Dieterich die drei Heerführer sind . › Ach Gott im Himmel sieh darein , und laß Dich das erbarmen . ‹ « ( Es folgen nun kurze Notizen über Acker , Ackerzins und allerhand Wirtschaftliches aus den Jahren 1782 und 1784 . Davon stehe hier nur folgendes : im Jahre 1782 verkauften meine Kinder ihre gewonnene Seide . Sie erhielten vierzig Rthlr . zwölf Gr . In andren Jahren in der Regel nur dreißig Rthlr . , auch weniger . ) 1785 . Eins meiner Hauptleiden ist mein Küster . Vorgestern brachte mir sein Söhnlein folgenden Zettel : » Montag . Wird Gerste geharkt und eingefahren . Dienstag . Schule gehalten . Mittwoch . Habe Besuch . Donnerstag . Zu Markt . Freitag . Schule gehalten . Sonnabend . Nach Döbritz . Weil hiervon nichts abzuändern ist , so werden Sie diese Woche gütigst als Hundstage ansehn . « Mein Küster ist ein unausstehlicher Mensch . So viel möglich , vermeide ich mündliche Unterredung . Er ist zu voll , hört nicht wieder auf . Daher schreib ich das nothwendigste . Der vorstehende Zettel bezieht sich auf eine Unterredung wegen der Sommerschule . Man sagt : Die Seminaristen der Realschule wären immer solche Kerls von hohem Nagel . Der » Herr « wird ihnen da in Fleisch und Blut verwandelt . Als ich herkam , trug er Manschetten . Ich nicht . Nach Jahr und Tag legte er sie ab . Er wäre der vortrefflichste Rabulist geworden . Chef de parti ist er gern und bei jeder Gelegenheit Rath und Memorialschreiber der Bauern . Die Frau von Wülknitz sagte mal zu mir : » ich möchte gerne meine Thurmuhr abändern lassen . Recommandiren Sie mir doch jemand . « – Mein Küster versteht sich darauf . – » Ach , um Gottes Willen verschonen Sie mich mit dem Menschen ! Ich hab ' ihn schon hier gehabt . Aber der Kopf hat mir acht Tage von seinem Geschwätz weh gethan . « Übrigens warne ich meinen einstigen Nachfolger , wenn er je diese Zeilen liest : alle Leineweber stecken mit dem Küster unter einer Decke . 1786 am 27. Mai . So habe ich ihn denn erlebt den Anfang meines sechsundsechzigsten Jahres , nicht frisch und munter , aber doch nicht eigentlich krank oder unthätig . Mein Gott , an Dich sei mein erster Gedanke und mein bester Dank ! Aber nun auch noch eine Bitte : laß mich , Deinen Diener in Frieden fahren , sobald meine Kräfte nicht mehr hinreichen , meinen ganzen Beruf selbst zu bestreiten . Ich will treu