meiner Bäume mich still umfängt , wenn ich endlich einmal aufathmen möchte in Gottes freier Luft , spricht Dein schon wieder sorgenvoller Blick : Schaffe Rath , schaffe Ordnung , so ist ' s nicht zu halten ! - Nun denn - verzeihen Sie mir , mein edler , theurer Freund , daß ich den Ausdruck wiederhole , den ich mit Beschämung von seinem Munde hören mußte - nun denn , so mag zum Teufel gehen , was nicht zu halten ist ! Ich verkaufe Rothenfeld und Neudorf , ich verpachte Richten , ich gehe zu meinem Regiment zurück ! Ich will wissen , woran ich bin , ich will nicht länger die Last auf meinen Schultern fühlen , welche die Vergangenheit mir aufgebürdet hat . Ich will die Irrthümer meiner Voreltern und auch die meinigen nicht als eine mich ewig hemmende Kette durch das Leben schleppen ! Ich will ein eigenes , neues Leben leben , ich will endlich einmal mein eigener Herr , endlich einmal frei , endlich frei sein ! Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engen Raume heftig auf und nieder . Noch an dem Morgen dieses Tages hatte er , wie ich schon erwähnte , davon gesprochen , daß er die Güter selbst bewirthschaften wolle ; es mußte also etwas geschehen sein , das ihn verstimmt , das ihn andern Sinnes gemacht hatte . Ich vermochte mir nicht zu denken , was es gewesen sein könne , und ich wußte mir keinen Rath . Freilich hielt ich die Maßregeln , von denen er gesprochen hatte , soweit sie den Verkauf der beiden andern Güter betrafen , für richtig ; aber ein Entschluß , in solcher Verfassung vollzogen , mußte mir immer als ein unheilvoller erscheinen , und ich wagte nicht , ihn zu billigen , nicht , wider ihn zu sprechen . Dazu kam das unabweisliche Gefühl , daß Renatus sich in solcher heftigen , in solcher über das erlaubte Maß hinausgehenden Weise nicht geäußert haben würde , hätte er einen Andern , hätte er nicht eben mich zur Seite gehabt . Ich glaubte es zu sehen , daß mein Erschrecken , meine Angst ihm eine Genugthuung bereiteten , ich hatte in diesen letzten Monaten so viel , ach , so unaussprechlich viel von ihm ertragen , und keine Sylbe und kein Laut in seiner ganzen Rede dachten meiner ! Ich war nicht mehr für ihn vorhanden ! Oft , unsäglich oft hatte ich es empfunden , daß ich zu seinem Glücke nicht mehr nöthig sei . Jetzt traf es mich aus seinen Worten wie ein Schlag , und wie ein Blitz drang die nicht mehr zurückzuweisende Erkenntniß in mein Herz . Er wollte frei sein , frei vor allen Dingen , frei von dem Worte , das ihn an mich band ! Ich war es , die er fliehen wollte , wenn er zum Regimente ging ! Die Liebe , die er mir geschworen hatte , war der Irrthum , von dem er loszukommen wünschte ; und es kostete ihn nichts , sich von dem Erbe seiner Väter loszureißen , wenn er sich damit nur von mir zu trennen vermochte . Wir waren nahe bei einander . Er war stehen geblieben und sah , an einen der starken Stämme angelehnt , in den Laubgang hernieder . Dieselbe Sonne beschien uns noch , dieselben sanften Töne des lockenden Vogelsang berührten noch unser Ohr , aber es war mir , als hätte sich eine Kluft aufgethan zwischen mir und ihm , und als träte er fern und ferner von mir zurück . In jedem Augenblicke wollte ich die Frage thun . Drei , vier Mal versuchte ich es , aber immer fehlte mir dazu das Wort , und mit jeder Sekunde schien er mir fern und ferner zu treten , wuchs in mir die Angst , daß mein Ton ihn nicht mehr erreichen könne . Ich war meiner Sinne fast nicht mächtig . Nur das Einzige fühlte ich noch klar : auch ich mußte frei werden , und wenn auch durch den Wahnsinn oder durch den Tod , von dieser Stunde martervoller Pein . Renatus , fragte ich ihn , und meine eigene Stimme klang mir wie eine fremde , und die Frage klang mir so fremd , als hätte ich nichts mit ihr zu schaffen , Renatus , Du sprichst von Deinen Irrthümern , von deren Folgen Du frei zu sein wünschest ? Siehst Du die Liebe , die Du mir geschworen hast , auch als einen Irrthum an ? Willst Du frei sein auch von den Banden , die uns an einander ketten ? Sprich es aus ! Renatus fuhr zusammen , aber er antwortete mir nicht , und , die Arme über die Brust verschränkt , den Blick zu Boden gerichtet , starrte er finster vor sich nieder . Was da in meiner Seele vorging ! Wie könnte ich Ihnen das beschreiben ? Ich hatte mir gesagt , daß er mich nicht mehr liebe , ich hatte ihm angeboten , ihm seine Freiheit wiederzugeben , und , denken Sie nicht übel von mir , weil ich es Ihnen eingestehe , ich erwartete , ihn zu meinen Füßen niedersinken zu sehen , und meine Arme waren wie meine Seele offen , ihn liebend und verzeihend zu umfangen . Indeß Renatus regte sich nicht , und wie von einem inneren Feuer schnell und hoch emporgetrieben , schoß ein Gefühl des Zornes in mir auf . Da er mich nicht mehr liebte , sollte er künftig mit Beschämung an mich denken , wollte ich den Triumph genießen , ihn zu demüthigen , und ich hatte es bis dahin nicht geahnt , welche Kräfte der Grimm und die Empörung uns verleihen können . Ich blieb sehr ruhig sitzen , als er vor mir stand . Sieh ' nicht so finster drein , Renatus , sagte ich . Es ist eine böse Stunde über Dich gekommen , aber ich habe mich Dir ja angelobt für gute und für böse Stunden , ich will Dir helfen , über diese hier hinauszukommen . Es ist gut , daß sie mich nicht unvorbereitet trifft . - Ich mußte innehalten , denn das Klopfen meines armen Herzens versetzte mir den Athem und ich brauchte eine kleine Zeit , ehe ich wieder meiner Herr geworden war . Du willst frei sein , sagte ich , Du möchtest ein neues Leben leben ! - Ich streifte den Ring von meinem Finger , den ich seit sieben Jahren , seit sieben langen Jahren nicht von mir gelassen hatte , und reichte ihm denselben hin . - Nimm das Pfand zurück , das Dich an die Vergangenheit bindet , ohne Deine Liebe begehre ich Dein nicht . Ich gebe Dich frei ! Renatus trat mit rascher Bewegung auf mich zu . Sein Auge belebte sich , aber ich sah es , ich konnte mich nicht darüber täuschen , es war kein Schmerz , es war eine aufzuckende Freude , die es erglänzen machte . - Behalte ihn , o , behalte den Ring , bat er , als ein Andenken an mich , und ich will den Deinigen heilig halten in Bewunderung Deines edlen , großen Herzens ! Ich konnte ihm nicht antworten ; ich schüttelte verneinend mein Haupt . Ich hätte es nicht vermocht , den Ring wieder an meiner Hand zu tragen . Er war mir einst ein Pfand des Glücks gewesen , er wäre mir jetzt eine mahnende Erinnerung an ein langes Leid geworden . Aber ich war es so gewohnt , ihn zu tragen , meinen Finger von dem kleinen Reif umspannt zu fühlen ; es fehlte mir etwas , es wurde mir kalt , es fiel mir Alles , Alles auseinander , da ich ihn fortgegeben , da Renatus ihn zurückgenommen hatte . Es war ein Zauberring für mich gewesen , nun war der Bann gelöst und die Entzauberung brach schnell heran . Ich war mit meinen Gedanken , mit meiner Kraft zu Ende . Ich sah das Spielen der Blätter , ich fühlte den Sonnenschein , ich hörte die Vögel singen ; es bedeutete mir nichts mehr . Ich athmete , das war Alles ! Nicht einmal mein Leiden fühlte ich . Nur eine Stumpfheit , nur eine Leere empfand ich . Es war mir Alles ein Räthsel , es war mir Alles klar und doch so unverständlich . Ich hätte nicht sagen können , ob ich wache , ob ich träume . So saß ich eine Weile . Die Zeit kam mir sehr lang vor . Ich wunderte mich , daß die Sonne noch immer schien , daß die Vögel noch immer sangen . Es war mir , als hätte ich Ewigkeiten durchlitten und durchlebt . Renatus sprach zu mir . Er sagte mir , wie er seit Jahren vor der Stunde sich gefürchtet hätte , in welcher der Irrthum unserer Herzen uns deutlich werden würde . Er habe lange gefühlt , daß er in jugendlicher Verblendung den Frevel begangen habe , mich an sich zu ketten , ehe er sich seines eigenen Wesens recht bewußt geworden sei . Er gestand mir , daß er mich nie geliebt , daß er sich vergebens bemüht habe , sich mit der Freundschaft , der Verehrung , der Bewunderung zu begnügen , die er für mich fühle , die er mir bewahren werde .... Ich fühlte ein Verlangen , laut aufzulachen , aber ich unterdrückte es , denn mit diesem Lachen hätte ich dem Wahnsinne Raum gegeben , der mit seinen grauen , verwirrenden Flügeln sich auf mein Haupt herniedersenken wollte . Ich ließ Renatus sprechen fort und fort . Es war der Anfang der Befreiung , die er sich bereitete . Mit lebhaften Worten schilderte er mir die Leiden , die Schmerzen , die er um mich getragen hatte . Er um mich ! - Ich unterbrach ihn nicht ; auch nicht , als er es mir ausmalte , das Glück , das er sich einst mit mir geträumt , das er ersehnte , das er von der Zukunft sich erhoffte . Ach , er kannte die Liebe , er kannte sie sehr wohl ! Und angstvoll , von Minute zu Minute harrend , strebte ich , zu erkennen , wer ihn fühlen lehren , was er nicht für mich gefühlt . Die Liebe hatte er ertödtet in meiner Brust ; wie ein böser Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht , diese niedrigste der Leidenschaften , in mir empor . Ich sehnte mich danach , den Namen Eleonore von seinem Munde zu vernehmen , denn mich verlangte nach einem Gegenstande für den Haß , der in mir brannte , aber ich hatte mich betrogen . Er hatte Eleonore Haughton nicht geliebt . Nur seine Phantasie hat sie beherrscht , nur seine Eitelkeit hat sie beschäftigt . Sie war für ihn zu mächtig , wie meine Liebe für ihn zu mächtig gewesen ist - und nicht einmal der elende Trost war mir gegönnt , das Wesen hassen zu dürfen , das er , ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde , das er liebte und auf das sein Sinn gerichtet war . Ich war sehr elend , sehr unglücklich , mein theurer Freund ! Als Renatus endlich zu sprechen aufhörte , schien er eine Antwort zu erwarten , aber was sollte ich ihm sagen ? Ich erhob mich und wollte gehen . Er hielt mich bei der Hand zurück . Das dünkte mir der Gipfel seiner Herzenshärtigkeit . Ich zog meine Hand aus der seinigen . Du bist jetzt frei , was willst Du noch von mir ? fragte ich ihn . Deine Vergebung ! sagte er , und dem bittenden Klange seiner Stimme konnte ich nicht widerstehen . Wie eine leuchtende Flut strömten sie auf mich ein , alle die Erinnerungen jener goldenen Tage der Jugend . Die Fülle meines einstigen Glückes , die Gewalt meines Schmerzes überwältigten mich . Ich breitete meine Arme aus , ich warf mich an seine Brust , und an seinem Herzen , an seinem treulosen Herzen weinte ich um ihn - um mich ! Matt wie eine Sterbende , riß ich mich endlich von ihm los . Ach , er hielt mich nicht ! Wo willst Du hin ? fragte er mich , da ich , nicht wissend , was ich that , mich nach dem Dorfe wendete . Wo willst Du hin ? In die Verbannung ! gab ich ihm zur Antwort . War die Welt mir doch öde und leer , wohin ich immer ging . Er bot mir seinen Beistand an , er wollte mich begleiten . Die kleinste Hülfsleistung von ihm wäre mir wie eine Schmach erschienen . Ich hieß ihn gehen . Er trug Bedenken , mich zu verlassen . Ich bin des Alleinseins lange schon gewohnt ! versicherte ich ihm . Dir gegenüber habe ich nur zu gehorchen ! sprach er , und mir die Hand noch einmal reichend , die zurückzuweisen ich zu stolz war , ging er , ohne sich auch nur noch einmal nach mir umzusehen , langsam die Höhe hinab . Trockenen Auges blickte ich ihm nach . Es war mir Alles werthlos , Alles gleichgültig , selbst mein eigenes Unglück . Nur das Eine fühlte ich , ich konnte mein Haupt unter seinem Dache nicht mehr zur Ruhe legen , ich konnte ihn nicht wiedersehen . Als ich in das Schloß kam , sagte man mir , Renatus sei ausgeritten und werde erst am Abende wiederkehren . So sehr war ich an seine rücksichtslose Grausamkeit gewohnt , daß ich es ihm Dank wußte , mir Freiheit für den einen Tag geschafft zu haben . Ich konnte Vittoria , ich mochte Cäcilie nicht um mich haben . Ich bat meiner Mutter , sich mit mir zurückzuziehen ; ich sagte ihr Alles , Alles ! - Auch sie begriff es , daß ich nicht bleiben konnte , auch sie wünschte , sich zu entfernen ; nur so schnell , wie ich es begehrte , konnte es für sie und mich und für Cäcilie nicht ausgeführt werden ; und ehe ich über diesen Abend hinaus in seinem Hause geblieben wäre , hätte ich mein Haupt auf freiem Felde betten und des Himmels Sterne mir zum Zelte machen mögen . Meine Mutter sah meine Angst . Es fiel ihr ein Auskunftsmittel ein . Am folgenden Tage sollte , wie wir wußten , eine meiner näheren Bekannten ihr Vaterhaus verlassen , um nach dem Fräuleinstift zum heiligen Grabe aufzubrechen , in welchem der König ihr eine der freigewordenen Stellen gnädig zuertheilt hatte . Ich konnte ihren Wohnsitz noch vor der Nacht erreichen , und sie hatte , da sie nur mit ihrem Mädchen reiste , einen Platz für mich in ihrem Wagen ; sie hatte es mir sogar angeboten , sie zu begleiten , falls ich die Hauptstadt und unsere Freunde wiederzusehen wünschte . Wie mir zu Muthe war , als ich das Schloß verließ , welches ich mich gewöhnt hatte , als meine Heimath zu betrachten - ich finde keine Worte , es Ihnen auszudrücken . Vom Leben scheiden , ist für den Gläubigen nicht schwer , die Hoffnung leiht ihm ihre tragenden Schwingen ; aber sich loszureißen von all seinem Glauben , von seinem Lieben , von all seinem Hoffen und in das Leben , in die kalte , fremde Welt hinauszugehen , das , mein theurer Freund , das ist sehr schwer , sehr bitter , und ich habe es ertragen . Unsere Reisetage gingen still dahin . Ferdinanden ' s Verlobter war auf dem Schlachtfelde gefallen , sie war vereinsamt wie ich , und doch die Glücklichere , denn ihr Schmerz war rein . Wir fuhren die ganzen Tage , wir rasteten die Nächte ; sie fühlte keine Neigung und ich hatte nicht die Kraft , unsere Freunde in der Hauptstadt wiederzusehen . So langten wir im heiligen Grabe , im Stifte an , und so habe ich es nach kurzem Aufenthalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen wieder verlassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter für den Besuch von Pyrmont angeschlossen . Meine Gesundheit , die nie stark gewesen ist , hat sehr gelitten , der Arzt verlangte für mich den Gebrauch jener Quellen , und ich durfte mich seinem Rathe nicht widersetzen , denn ich habe eine Mutter , die von meinem Siechthume leiden , die mein Tod betrüben würde . Ich muß ein Leben zu erhalten suchen , das mir völlig werthlos ist . Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerzlicher Ermüdung : was soll mir dieser Tag ? Ich werde mich dies fragen bis an mein Lebensende ! Die Liebe , wie ich sie fühlte , ist eine Blüthe , die , einmal entblättert , nicht wieder blüht , und wenn ich zurückblicke in die Vergangenheit und ich finde alles verwelkt , was ich in mir gepflegt um seinetwillen , der es nicht verdiente , und wenn ich mich frage : wie konnte das geschehen , wie durfte er es wagen , wie vermochte er es zu thun ? so finde ich keine Antwort in mir , wie ich kein Verschulden in mir finde . Nur das Lied des Dichters fällt mir immer ein , und Tag und Nacht klingt sein trauriges Wort : Mußt es eben leiden ! in meiner Seele wieder . Wenn Gott Erbarmen mit mir hat , wenn er mein Gebet erhört und mir es nicht zu fern steckt , meines Daseins Ziel , dann , mein verehrter , mein theurer Freund , Sie Einziger , der schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Güte zu theilen nicht verschmähte und gegen den mein Herz zu erschließen mir jetzt ein trauriger Genuß ist , dann lassen Sie mir diese Worte auf den Grabstein setzen ; und so lange der rohen Willkür und dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist über eines Weibes liebend Herz , wird ihnen der Wiederhall in mancher Brust nicht fehlen . Leben Sie wohl , mein theurer , väterlicher Freund ! Sie haben mir einst gestanden , daß ich Ihnen den Glauben an die höchsten Güter des Menschen wiederzugeben so glücklich gewesen bin , und Sie haben mir damit einen Trost gewährt , an dem ich mich jetzt oft zu halten genöthigt bin , wenn mein ganzes Dasein mir als ein verfehltes vorkommt , wenn ich mich frage : Wozu habe ich gelebt und wozu soll ich leben ? - Ihnen , mein Freund , bin ich doch etwas werth , zu etwas gut gewesen , und ich weiß Ihnen für die Ermuthigung , welche diese Gewißheit mir gewährt , nicht besser zu danken , als indem ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe . Nehmen Sie , der , wie Sie mir selber sagten , das Leben von seinen Höhen bis zu seinen Tiefen kennt , und den diese Kenntniß nachsichtig gemacht hat , nehmen Sie mich duldsam auf und denken Sie in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegard . « Siebentes Capitel Man soll im Zorn nicht handeln , im Zorn keine Entschlüsse fassen ! so lautet eine alte Regel ; aber jede Regel scheint nur um ihrer Ausnahme willen da zu sein , und Jeder erfährt es wohl einmal in seinem Leben , daß sein Zorn ihn aus dem trägen Gange seiner Unentschlossenheit emporgerissen , und ihn wie mit einem heftigen Spornstoße zu einem Ansprunge und in einen neuen Weg getrieben hat , den eingeschlagen zu haben man sich später freut . Renatus wenigstens meinte , an sich eine solche Bemerkung machen zu können . Sieben ganze Jahre hatte er sich in dem völlig unwahren Verhältnisse zu Hildegard bewegt , weil er sich es beständig vorgehalten , daß es einem Manne , einem Edelmanne , nicht anstehe , ein gegebenes Wort zu brechen . Nun es geschehen war , nun da er Hildegard , er täuschte sich darüber nicht , endlich dazu genöthigt hatte , ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen , nun fühlte er sich so leicht , so frei , und trotz seines edelmännischen Bewußtseins so völlig in seinem Rechte , daß er dieses Wohlbehagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte . » Mag zum Teufel gehen , was nicht mehr zu halten ist ! « hatte er in seiner Entrüstung zu Hildegard gesagt , und je mehr er auf seinem Ritte darüber nachsann , um so mehr beschloß er , jenen in der Zorneshitze gethanen Ausspruch zu einer Wahrheit zu machen . Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht , das ihm jene Worte eingegeben hatte ; weßhalb sollte er anstehen , es zu wahren ? - Die Zeiten , in welchem der Adel selbstherrlich auf seinen Gütern gesessen hatte , waren in seinem Vaterlande für immer dahin . Er hatte keine Unterthanen mehr , die von ihm abhingen und über die er zu Gericht saß . Er und sie waren gleichmäßig Bürger des Staates geworden , fast in allen Fällen derselben Gerichtsbarkeit unterworfen ; aber Einen Weg gab es noch , auf welchem der Edelmann sich der Vorrechte seines Standes , denn solche waren freilich noch genug vorhanden , voll bewußt werden konnte : es war die militärische Laufbahn . Der Offizierstand war noch eine besondere Kaste , der Offizier hatte noch seinen besonderen Gerichtsstand , und je mehr die bürgerliche Gesellschaft seit der französischen Revolution im Staate an Bedeutung gewonnen , um so entschiedener hatten in Deutschland , und namentlich in Preußen , die Edelleute sich im Heere zusammengeschlossen . Weßhalb sollte Renatus sich mit der Sorge für einen großen , ihm zwar Ansehen verleihenden , aber auf lange hinaus keine Vortheile versprechenden Besitz belasten , wenn Ansehen und Ehre ihm schon aus der großen Adelsverbindung im Heere erwuchsen , der er sich auch künftighin nur anzuschließen brauchte , um neben seinen angeborenen Ehren auch noch der ganz besonderen sogenannten militärischen Ehre theilhaftig zu werden und für sich eine Menge von Rechten und von Schranken aufgerichtet und benutzbar zu finden , die alle darauf berechnet waren , auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu erhalten , die auf natürliche Weise vor dem Urtheile der gesunden Vernunft und vor dem Bewußtsein des Bürgerstandes nicht mehr zu behaupten war . Sein Vater hatte die Güter mit Schulden belastet , hatte des Sohnes mütterliches Erbe aufgezehrt ; aber er hatte ihn , wie Renatus jetzt erkannte , wahrscheinlich eben deßhalb frühzeitig in das Heer , als in die ihm angemessene Laufbahn , eingeführt . Es war nicht des jungen Freiherrn Schuld , wenn seine Vorfahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen Willkür des Einzelnen Schranken gesetzt hatten , es konnte also auch nicht seine Pflicht sein , herzustellen , was er nicht zerstört , aufzurichten , was er nicht untergraben hatte . Es war genug , daß er unter der Verschwendung seines Vaters litt , daß er Fehler büßte , die er nicht begangen hatte . Und endlich , was änderte sich denn in seiner Stellung , wenn er jene Rathschläge befolgte , welche ihm von Erfahrenen gegeben worden waren ? Er blieb der Freiherr von Arten-Richten , gleichviel , ob zu diesem Richten noch Neudorf und noch Rothenfeld gehörten oder nicht . Und wenn es vollends möglich war , sich durch Entäußerung der beiden andern Güter mit weniger Sorgen zu einem größeren Wohlstande als dem gegenwärtigen emporzuarbeiten , so wäre es ja gegen alle Klugheit und Vernunft gewesen , sich nicht dazu entschließen zu wollen . Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten ; aber je weiter er sich von demselben entfernte , je mehr ließ er dem Pferde Freiheit , seinen Schritt zu wählen , und während er so langsam durch den Wald hinritt , gediehen seine Meinungen und Vorsätze immer mehr zur Reife . Auf den Beistand des Königs , auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen und den zu erbitten , beide ihm Hoffnung gemacht hatten , durfte er jetzt nicht rechnen . Er selbst war dem Könige ganz unbekannt , und sein Vater hatte seit dem Religionswechsel der Baronin Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers nicht mehr besessen . War dem jungen Freiherrn daran gelegen , sie wieder zu erwerben , so bot sich ihm , bei der entschiedenen Vorliebe , welche der König für den Soldatenstand hegte , in dem Heere die beste Gelegenheit dazu ; kurz , Renatus mochte die Sache ansehen , wie er wollte , er konnte nach seiner Ansicht gar nichts Angemesseneres thun , als im Heere bleiben ; und in diesem Falle war der Verkauf der Nebengüter , die Verpachtung von Richten durch die Umstände geboten und nothwendig , und das Nothwendige mußte er thun , gleichviel , wer es ihm zuerst als ein solches dargestellt hatte . Es war am Abende , als der Reitknecht seines Freundes mit dem von Richten herbeigeholten Mantelsacke des jungen Freiherrn nach Brastnick wiederkehrte . Er brachte ihm ein kurzes Schreiben der Gräfin Rhoden mit . Renatus saß in dem Familienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen , als der Diener ihm den Brief aushändigte . Er erkannte die Handschrift und steckte ihn in die Brusttasche . Ein Billet-doux ? scherzte der Hausherr . Durchaus nicht ! entgegnete Renatus , nur irgend eine Nachricht von meines verstorbenen Vaters alter Freundin , von der Gräfin Rhoden ! Erst später in der Nacht , als Renatus sich in seinem Zimmer allein befand , die Männer hatten lange beim Weine gesessen , öffnete er den Brief der Gräfin . Er enthielt nur die wenigen Reihen : » Wenn Sie diese Zeilen erhalten , wird meine Tochter Richten bereits verlassen haben . Mit welchen Empfindungen ich Ihnen dieses schreibe , sage Ihnen Ihr eigenes Herz . Ich habe mir erlaubt , meine Tochter in Ihrem Wagen nach Ramsdorf fahren zu lassen : sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten . Für einige Tage bin ich , wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten , noch auf Ihre Gastfreundschaft angewiesen , die mir jetzt nicht leicht zu tragen sein wird ; und ist es mit Ihren Geschäften nicht unvereinbar , so wäre es vielleicht für uns Alle eine Erleichterung , wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde so lange ausdehnen wollten , bis ich mit meiner jüngeren Tochter Ihr Schloß verlassen haben werde . Ich will dazu thun , diesen Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen . « Anrede und Unterschrift waren durchaus förmlich gehalten , aber in der Stimmung , in welcher Renatus sich befand , focht der Brief ihn wenig an . Man hatte mit ihm über seine in Aussicht stehende Heirath mit der ältesten Gräfin Rhoden gescherzt , und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit der Versicherung zurückgewiesen , daß davon gar nicht die Rede sei . Als man derselben nicht glauben wollen , hatte er unumwunden eingestanden , daß er vor dem Feldzuge allerdings eine Anhänglichkeit für sie gehabt habe , aber die Gräfin sei ja älter als er , sei kränklich , und daß nach seiner Heimkehr von jener blöden Jugendschwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei , könne man am besten daraus abnehmen , daß er sich eben noch völlig frei befinde , während ihn doch nichts abgehalten haben würde , sich zu verloben und zu verheirathen , hätte er dazu irgend einen Antrieb in sich verspürt . Er rühmte dabei die Mutter als seine älteste und theuerste Freundin , welcher Gastfreundschaft zu gewähren ihm ein Glück gewesen sei . Er sprach von den unschätzbaren Eigenschaften der ältesten Tochter , erwähnte der ihn entzückenden Fröhlichkeit der jüngeren Gräfin , sagte , daß er die beiden Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe , und die Aufnahme , welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden , ließ ihn deutlich erkennen , daß man im Allgemeinen seine Verheirathung mit Hildegard als eine unpassende betrachtet haben würde . Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit , sich in der Voraussetzung getäuscht zu haben , daß Renatus sich in der Ueberzeugung bestärkte , das Richtige und das Berechtigte gethan zu haben ; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu dieser und zu jener Heirath anrieth , ihm diese und jene Tochter aus den Familien des benachbarten Adels als die für ihn schickliche Frau bezeichnete , genoß er seiner Freiheit mit wirklichem Vergnügen , obschon keines der erwähnten Mädchen den Wunsch , es zu besitzen , in ihm hervorrief . Auch am Morgen , als er frischen Sinnes erwachte , fühlte er keine Reue über seine Handlungsweise . Er beklagte Hildegard , als ob er gar nicht an ihrem Mißgeschicke betheiligt wäre , und als er dann den kleinen Brief der Gräfin wieder in die Hand nahm , that es ihm leid , daß diese von ihm gehen wollte . Er hatte eine Weile sogar den Gedanken , noch an demselben Tage nach Hause zu reiten , um es zu verhindern ; aber das Wiedersehen nach dem eben Statt gehabten Bruche und die unvermeidlichen mündlichen Erklärungen mußten nothwendig eine erschütternde Scene herbeiführen , eine jener Scenen , vor denen Renatus eine wahre Scheu trug . Er beschloß also , schriftlich abzumachen , was er der Gräfin zu sagen wünschte , und wie sie sich kurz zusammengefaßt hatte , that er es auch . » Meine theure Mutter ! « schrieb er ihr , » denn eine Mutter sind Sie dem verwaisten Knaben ja gewesen , lange ehe er daran denken konnte , diesen Namen durch ein engeres Anschließen an Sie sich zu verdienen , gehen Sie nicht im Unmuthe von mir fort . Der Bruch , der gestern geschehen ist , wie plötzlich er Ihnen auch erschienen sein mag , war nach meinem Empfinden längst ein nothwendiger geworden , und ich zweifle nicht , daß selbst Hildegard und Sie ihn als einen solchen anerkennen müssen . Wenn mich mit Recht der Tadel trifft , daß es mir an Muth gefehlt hat , gleich , als ich den Irrthum meines Herzens einsah , und das ist