Gerichts einst die Lüfte Stimmen tragen werden ... jenes Wort , das ihm einst der Onkel in Kocher am Fall gesprochen an dem schönen goldenen Sommermorgen : » Wenn ich mich zuweilen in unserer katholischen Welt umsehe , ist ' s mir doch , als sähe ich in alten Verließen die Gebeine der Geopferten modern . « Und bei alledem schwatzte nun schon Norbert Müllenhoff wieder , daß er den Ankommenden mit Sehnsucht erwartet hätte , bot Pfeifen , Cigarren , Vesperbrot , Unterhaltung durch Zeitungen , Broschüren , durch seine eigene werthe Person , und legte ihm zuletzt sogar » mit Schüchternheit « einen Versuch vor , wie die » Exercitien « der Frau von Sicking zu organisiren wären ... Von dem an seiner Thür heute früh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich , weil er nichts verrathen mochte von einer Gegnerschaft , die in der Gemeinde mehr seine Person als sein System traf . Bonaventura , erschöpft , geduldig an sich schon , nahm das Papier , um es in Muße durchzulesen . Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer . Um sich zu sammeln , schrieb er Briefe , las Rechnungen , zerstreute sich mit Zeitungen ... Zuletzt bereute er , doch nicht nach Westerhof gefahren zu sein ... Selbst für Thiebold ' s schwaches Klavierspiel wäre er jetzt dankbar gewesen ... Beim gemeinschaftlichen Abendimbiß , den er nicht ablehnen konnte , mußte er dem Wirth , der fast immer allein das Wort führte , auf alle Gebiete der Seelsorge und Liturgik folgen , ihm sogar in manchem Recht geben . So z.B. als er gegen die Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte : Ueberhaupt , Herr Domherr , wenn ich höre , die Stiftsdamen von Heiligenkreuz wollen nächste Ostern wieder in der Messe mitsingen , da weht mich schon ein Grauen an ! O diese Eitelkeit ! Diese Eifersucht ! Diese Prätension ! Jenes Fräulein will ein Solo singen , diese alte Comtesse nicht minder , nun kommt der Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene ; die eine ist heiser , die andere hat sich krank geärgert ; gerade wie bei der Komödie ! Und was spielt das Altarsakrament dabei für eine Rolle ! Wie die Affen müssen wir stehen und warten , bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben ! Sursum corda ! ruf ' ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort ! Hat sich bei einer die Spitzenmantille verschoben , so kann die heilige Wandlung warten , bis der Schaden wiederhergestellt ist ! Da bin ich für unsere einfachen Kapelljungen ! Sagen Sie selbst , das ist doch frisch , ländlich , geht zu Herzen . Freilich muß auch da so ein Heidenkerl , so ein Cantor , nicht dabei sein und wunder thun , als wenn unser Herrgott im Himmel zunächst nur für die Unterbringung der Instrumentalmusik zu sorgen hat ! Bonaventura mußte des Eiferers lächeln , der in manchem Recht hatte , wenn er auch die neurömische Reaction wie einen Landsturm organisirt haben wollte ... Mir ganz recht , sagte Müllenhoff , wenn wir , wie in Frankreich und Belgien , nun recht bald endlich auch die Jesuiten kriegen ! Sie brauchen ja nur manchmal zu kommen , manchmal zu predigen und können dann immer wieder abziehen . Die Pfarrer hätten keinen Nutzen davon , sagen unsere aufgeklärten und faulen Collegen ? Im Gegentheil ! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel Schrecken zurück , daß uns das auf Monate lang zugute kommt . Machen sie ' s zu arg , so können wir Pfarrer immer sagen : Seht ihr , so fegen euch andere ; seid froh , daß ihr an uns so sanfte Flederwische habt ! ... Sie waren ja auch früher Pfarrer auf dem Lande ? setzte Müllenhoff hinzu und schenkte wacker ein ... Gewiß , gewiß ! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der Hand ... Müllenhoff erzählte seine Verhandlung mit den Gemeindevorständen , seine Reform des Finkenhofs , seine Stiftung des Jünglings- und Jungfrauenbundes , seine Gewohnheiten beim Beichthören , seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen und seine Heilung der » Kniesteifigkeit « ... Bonaventura ' s Lächeln und Schweigen nahm er für volle Zustimmung und beklagte nur , daß , » im Vertrauen gesagt « , ihn der Umgang mit den vielen Vornehmen oft in ärgste Verlegenheit setze ... Aufrichtig gesagt , warf er halb ernst , halb im Scherz ein , obgleich ich heute den Tanz zur tiefsten Hölle gewünscht habe , so sollten wir doch - im Seminar wirklich etwas tanzen lernen ! Blos des Anstands und einer gewissen Manier wegen ! Die Jesuiten lehren ' s ja ! sagte Bonaventura ... Aber wie wollen Sie dann nur , fuhr er fort , bei solcher Scheu die Exercitien halten mit so vielen vornehmen Herrschaften ? Ueberhaupt , wie denken Sie sich denn diese Uebungen ? Die Exercitien dauern vier Wochen ! sagte Müllenhoff . Die Herrschaften , einige zwanzig , wohnen für die Zeit alle bei Frau von Sicking ! Jeder Tag hat seine bestimmte Regel ! Alle geistlichen Handlungen und Erweckungen kann ich allein nicht verrichten ; Sie werden auf dem Papier , das ich Ihnen gab , finden , wie ich mindestens noch drei bis vier Priester als Aushülfe hinzunehmen muß ... Ich nehme sie mir aus Witoborn . Manche Rücksichten muß ich freilich dabei beobachten . Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre einen Vortrag zu halten nicht entziehen , sogar ein Gebet zum Schluß muß ich mir vom Bischof selbst erbitten . Mir , auf dessen Sprengel die ganze Veranstaltung fällt und der ich dadurch das Recht habe , die Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies Recht auch nicht nehmen lasse , mir behalt ' ich die Montags- und Donnerstagserweckungen vor . Apropos ! Ich habe mir eine methodische Schilderung des Fegfeuers , der Hölle und des Paradieses vorgenommen ... Eine zeitgemäße und moderne Hölle ... » Und nun , du beneidenswerther Verdammter , wird ein Sendbote Lucifer ' s dir entgegentreten « , sprach Müllenhoff sogleich aus dem Kopfe , während Bonaventura , seinem Ohr nicht trauend , noch mit dem Lachreiz kämpfte ... » im glühenden Widerschein der Majestät Seines Herrn und wird dir die Stunden der Andacht zeigen , die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das Buch der Bücher nanntest ! Hast du auf Erden geglaubt « - Der Sprecher stockte , zog ein Concept aus der Rocktasche und las dem Gaste , der nicht wußte , wie ihm geschah : » Hast du auf Erden geglaubt , im Schatten einer Laube , von Bienen umschwärmt , unter dem Duft von Hollunderblüten dich vor dem wahren Hochaltar und dem Sanctissimum deines Schöpfers zu befinden , besonders wenn du dazu noch aus diesem deinem Buch der Bücher ein Kapitel über die Unsterblichkeit der Seele gelesen hattest , und gingst dann hin und begossest deine Blumen , etwa wie wenn du selbst ein solches Lob deines Schöpfers wärest , aber kein anderes heiliges Naß brauchtest , als deinen sentimentalen Thautropfen , keinen andern Kelch , als die Gießkanne deiner angebeteten Natur - dann , dann , du beweinenswerther Denkglaubiger , sollst du , umschwärmt von feurigen Hornissen , dein geliebtes Buch , die Stunden der Andacht wiederfinden als Jahrhunderte der Qual , sollst sie auswendig lernen rück- und vorwärts , sollst sie in alle Sprachen übersetzen , selbst in die , die du nicht gelernt hast , und wehe dir , wenn ein Jota fehlt , wenn von dir ein Zeitwort falsch angewendet , eine Feinheit fremder Sprachen unbeachtet geblieben ist ! « ... Das ist ja mehr , als Nero und Busiris ! rief Bonaventura in die Hände schlagend ... » Da kommen sie denn « , fuhr Müllenhoff ungehindert fort , » diese Schmachtenden , diese Zärtlichen , die über einen Käfer weinen konnten , den ihr Fuß im Grase zertrat , und keinen Blick , geschweige eine Thräne dafür hatten , wenn sie stündlich ihren Gott , ihren Heiland und seine Gebote mit Füßen traten ! Jene Schmachtenden , die ein Marienwürmchen liebkosen und bewundern können und Maria selbst nur für eine ganz gewöhnliche Mutter wie andere auch halten ! Jene Empfindsamen , die mit Freimaurermoral alle Todsünden zuflicken , alle Risse der Herzen mit phrasenhaftem Kalk und Mörtel zu verschmieren wissen ! Ihre ruchlosen Devisen : Thue recht und scheue niemand ! oder Wir glauben all ' an Einen Gott ! die werden mit Flammenschrift an dem Vorhof desjenigen Theiles der Hölle stehen , der gerade diesen Patent-Seelen extra bestimmt ist ! Riesengroß werden die Buchstaben sein , die die Teufel mit dreizinkigen Gabeln schüren müssen , damit sie ganz so brennen , wie sie im Munde dieser Freimaurer lebten und nicht etwa lauten : Thue recht und scheue dennoch Gott und seine Heiligen ! oder : Es ist nur Ein Gott , in dem allein das wahre Heil ! O , des Jammerns dann , wenn diese Freimaurerseelen zu dem Gekreuzigten , dessen einflußreiche Stellung bei Gott sie nun wol erkannt haben werden , aufblicken und auch vor diesem dann um Titel , Orden und Beförderungen schmachten , aber der feurige Osiris mit dem Ochsenkopf ihnen nachläuft , sie zu umarmen als seine ägyptischen Brüder . Oder wenn ihre Logenschwester Isis , die holde Mutter Natur , ihre gnadenreiche Allerseligste , ihnen zuruft : Hebt meinen bekannten Sais-Schleier ! - und sie sehen dann ihre geliebte Mutter aus hundert Brüsten deren Wohlthaten spenden , feuerspeiende Berge , Erdbeben und daherbrausende , aus den Schienen gegangene Locomotiven ! Alle ihre Mittler und Erlöser werden ihnen zuwinken mit den Wohlthaten , die diese spenden können - Buddha mit der Kunst , hundert Jahre auf einem Beine zu stehen , Sesostris mit Pyramiden , die erst auf ihren Leibern das sichere Fundament bekommen sollen ! Selbst ihr letzter Prophet , Nathan der Weise , wird ihnen anbieten von den Waaren , die er gerade aus Damascus mitgebracht hat , vorzugsweise jenen Mantel mit dem rothen Templerkreuze , einen Mantel von Blei , so schwer , daß sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen , die sie hienieden mit ihrem verschlissenen Humanitätsgarderobenstück der Liebe bemäntelt , beduldungelt und betoleranzelt haben « ... Genug , genug ! rief Bonaventura ; ich fürchte mich vor meiner Nachtruhe ! ... Er deutete auf einen Wächter , der auch hier die zehnte Stunde abrief , und entfernte sich mit einem einfachen , alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung und Beifall ironisch abschneidenden : Gute Nacht ! ... Jeden Morgen las Bonaventura die Messe . Bald in Sanct-Libori , bald in Heiligenkreuz , bald auf dem Schlosse . Dann besuchte er auch wol die Schule , war viel in Witoborn , wo ihm die schuldige Rücksicht gebot , diese oder jene hervorragende Persönlichkeit zu besuchen . Beichtabnahmen hielt er nicht , so sehr auch mancher danach Verlangen trug . Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war , wo vor den Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte , fand er , als die heilige Handlung vorüber und er schon im Begriff stand , sich in der Sakristei zu entkleiden , Thiebold , der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte , soweit sie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen ... Thiebold hatte vorausgesetzt , daß er dem Domherrn diese Mittheilungen in der entsprechenden seelsorglichen Form zu machen hätte , und suchte ihn deshalb im Meßornate auf . Schon sehr zeitig mußte er mit seinem Einspänner aus Witoborn ausgefahren sein . Der Cantor fungirte für den alten Tübbicke , dem diese Frühwege schon auch sonst zu beschwerlich wurden ... Auf eine Weisung , die der Cantor erhielt , beide allein zu lassen , begann Thiebold die Mittheilung all des Räthselhaften , das ihm Armgart gestern in der Kapelle angedeutet hatte , und wollte hören , ob nun doch noch eine Verpflichtung bestünde , seinem Freunde Benno die » stattgefundene Täuschung « mitzutheilen ... Bonaventura erwiderte nach ernstem Sinnen über die Worte Armgart ' s : Ich glaube , lieber Herr de Jonge , daß Sie jetzt besser thun , diesen Gegenstand fallen zu lassen . Ziehen Sie vor , Ihren Fehler durch desto innigere Beweise der Freundschaft für unsern guten Benno wieder gut zu machen ! Armgart will nicht , daß Benno etwas von ihren frühern Empfindungen erfährt ? Dann um so besser , wenn ihn die gegenwärtigen des jungen Mädchens nicht enttäuschen . Zu jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein , als daß ihr Herz schon in dem Grade für irgendjemand sollte entschieden haben , um etwas auf die Beweise ihrer Gunst zu bauen . Ein Mädchenherz in diesem Alter ist eine unbekannte Insel , die der Seefahrer mit Zagen betritt , ungewiß , was sie birgt ; bald hoffend , bald getäuscht geht er vorwärts , bei jedem Schritt entdeckt er Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihm zurecht . Zunächst wird das Wiedersehen ihrer Aeltern sie ganz in Beschlag nehmen . Ich höre , daß beide sich bald in dieser Gegend einstellen werden ... Der Oberst wenigstens ! fiel Thiebold ein . Ich weiß es für bestimmt von Hedemann ... Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein . Schon liegt Hedemann ' s Gesuch an die städtische Behörde von Witoborn vor , vorläufig die Wasserkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu lassen ... Die Aufregung , die in der Stadt dieser Antrag hervorgebracht hat , ist ridicül ... Alles intriguirt dagegen ... In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren ! Eine Erfindung des Satans fördern ! ... Entschuldigen Sie , Herr Domherr , ich erzähle nur , was ich von Benno und von Offizieren » Bei Tangermanns « gehört habe ... Bonaventura begriff , was sich von einem so dumpfen Geiste , wie er ihn hier überall vorfand , voraussetzen ließ , und fügte hinzu : Aber auch Frau von Hülleshoven hat die Absicht , ihren Gatten nicht allein sich in die Lage versetzen zu sehen , Armgart so nahe zu kommen . An dem Tage , wo der Oberst in Witoborn eintrifft , ist sie hier im Stifte , wo sie eine Verwandte der Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien , ein Fräulein von Tüngel-Appelhülsen , aufzunehmen versprochen hat ... Verrathen Sie jedoch nichts davon ! Sie kennen Armgart ' s Phantasie - Ihr Gelübde ! Die Aeltern sollen sich vereinigen oder niemand gewinnt sie ... Bonaventura schüttelte den Kopf ... Noch immer die Grille , die er schon aus den in Kocher am Fall gelesenen Briefen kannte ... Thiebold versprach auf viel mehr , als » nur auf Ehre « sein unverbrüchlichstes Schweigen über die von zwei Seiten auf Armgart anrückende Prüfung und bot dann dem Domherrn seinen Einspänner an . Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den Damen Besuche machen . Er erklärte , dann zu Fuß nach Westerhof zu gehen , wo er wie fast täglich zu Mittag speiste . Tante Benigna hatte ihn von dem Frühboten , der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde , schon wieder einladen lassen , ihn , nicht Benno . » Wir sind es Terschka schuldig « , sagte sie zum Onkel Levinus , der gegen die steten Zurücksetzungen Benno ' s bescheidene Bedenken erhob , » daß wir auf den Bevollmächtigten Nück ' s keinen zu großen Werth legen . « Bonaventura mußte den Vorstellungen Thiebold ' s nachgeben , schon aus Rücksicht auf den Gaul , der hier bis Mittag hätte im Freien zubringen müssen ; Thiebold war im Stifte so beliebt , daß er bei einem Morgenbesuch leicht in die Lage kam , gleich zu Mittag , nicht selten zum Nachtessen zu bleiben ... Es war eben Thiebold ' s Talent , alle Menschen zu gewinnen ... Er wußte nicht nur einige Dutzend Pfänderspiele , sondern ließ auch Garn und Seide auf sich abwickeln ... Dabei seine bequeme Prätensionslosigkeit in Bildungssachen ! Er machte gar kein Hehl daraus , daß er bei weitem weniger wußte , als Alexander von Humboldt . Wenn eine von den Damen dichtete ( und es waren nur fünf oder sechs darunter , die , nicht etwa eine Ausnahme machten , sondern ihr Dichten nur nicht eingestanden ) , so bewunderte er jeden Vers , jedes Bild , hatte nie dergleichen gehört oder gelesen und war ein Zuhörer so voll Aufmerksamkeit , daß er schon eine ganze Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte , die sein Freund Joseph Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illustrationen versehen sollte . Flüchtig noch erfuhr Bonaventura von Thiebold die wiedergekehrte Visionsgabe Paula ' s und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des Herrn Jean Tübbicke durch einen Rosenkranz , den sie gestern gesegnet hatte ... Im Pfarrhause fand Bonaventura die Bestätigung . Der alte Tübbicke empfing ihn mit freudestrahlendem Antlitz . Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im Sterben , als der Großvater mit dem Amulet kam . Man legte es dem athemlosen , fieberglühenden Kinde um den Hals ; es stellte sich Schweiß ein , das Fieber ließ nach und schon berichtete der maître-tailleur Jean Tübbicke , der im Pfarrhaus selbst zugegen war , von einer vortrefflichen und stärkenden Nacht . Herr Jean Tübbicke kam , um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu opponiren , daß es Tante Schmeling wäre , die an seiner Thürschwelle Kinder aussetzte . Es kam zu einem heftigen Auftritt . Müllenhoff entließ ihn mit den Worten : » Affenschänderisches Volk ! Grützköpfige Dummheit , wenn du nun gar noch ausländische Bettelpfennige für holländische Dukaten nimmst ! Lallst deine edle deutsche Muttersprache halb schon nur , wie ein blökendes Kalb , und willst noch auf Zeisigart französisch zwitschern und niedlich thun mit Elefantenbeinen ? Ei , daß dir doch über Nacht die Engel vom Himmel dein maître-tailleur-Schild vom Fenster nähmen ! Siehst du denn nicht , was ein altchristliches Gebet für Gnade im Gefolge hat ? Gehst du nicht endlich in dich , Gütertheiler , so hängt in dem Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon über deinem Hause ! « Schlimm , schlimm , schlimm ! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte Tübbicke , enträthselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf die Gräfin und seinen zunächst Gott , dann ihr darzubringenden Dank zurück ... Bonaventura litt unter allen diesen Mittheilungen ... ... Auch Thiebold ' s Erzählung von der Vision der Schlafenden bewies , daß Paula ' s ekstatische Zustände doch wieder zurückkehrten . Noch hatte er keinem derselben seit ihrem Wiedersehen beigewohnt ... Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof . Einen vollen , vollen Tag hatte er ohne Paula sein können ! ... Der scharfe Wind erfrischte seine Wange . Die kahlen Pappeln , Buchen und Erlen am Wege ächzten ... Er drückte den Hut auf die Stirn . Seinen warmgefütterten Winterrock fest an sich ziehend , schritt er sehnsuchtbeflügelt dahin ... Da lagen - nach einer kleinen Stunde - die vier Thürme des Schlosses ! Weißschimmernd der graue Schiefer an den Stellen , wo der Wind den Schnee abgetrieben ! Hinter den Fenstern dort oben das süße Mysterium , wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmuth wohnen ! Gar nicht gedenken konnte er , wie ihm Paula ' s Dasein doch nur so war , wie dem Baume sein Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet , immer ein anderes ist und doch dasselbe , tausendfach immer nur Eines , Wirklichkeit und doch nur ein Begriff . Wäre das edle Gemälde der Gräfin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesen - er wäre vielleicht verloren gewesen . Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit , wie sie Armgart besaß , irgendeine lächelnde Caprice , wie Lucinde , und der Erscheinung Paula ' s wäre jene Leibhaftigkeit verliehen gewesen , die herausfordert . Ihm aber war sie so wie Andern ; auffallend mußte erscheinen , daß die auch jetzt doch noch so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde , Paula konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie mußte verschenkt werden ; ein Werben um sie , ein sie Liebenmüssen oder Liebenwollen schien bei einer so geistig vornehmen Natur kaum aufzukommen . Vor dem Schlosse fand Bonaventura , wie um diese Zeit fast immer , eine Anzahl Wagen . Zu den vielen Rücksichten der Etikette gesellte sich die hier stets genährte Neugier und dann war gestern beim Leichenbegängniß so vieles vorgefallen , worüber man seine Gedanken austauschen mußte ; ja auch die neue Kunde war schon überall hinausgegangen , die Gräfin hätte das Leichenbegängniß selbst gesehen und ein von ihrem Leib genommener Rosenkranz hätte ein Kind in Witoborn vom Tode gerettet . Auf den Treppenstufen sah Bonaventura wieder die Zahl der Gichtbrüchigen und Blinden und Hülfsbedürftigen wie sonst ... Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und theilte den Harrenden Amulete aus , die Paula berührt hatte . Diejenigen unter seinen Arzneien , deren Heilkraft verbürgt ist , kann der Apotheker nicht mit größerer Zuversicht verabfolgen , als hier Armgart , nicht einmal mit Verlegenheit vor Bonaventura niederblickend , eine Anzahl kleiner Kissen austheilte , deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus eine Anzahl verfertigten . Diese Kissen waren fingerlang , fingerdick , von weißer Seide , innen mit Baumwolle gefüttert , von außen bildeten lose und weite Stiche ein rothseidenes Kreuz ... Paula berührte sie nur und sie sollten heilen . Armgart theilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht , als müßte sie jeden Zweifel daran für teuflisch erklären ... O gut , rief sie dazwischen dem Domherrn entgegen , daß Sie kommen ! Paula schlummert ! Reden Sie mit ihr ! Alles steht erwartungsvoll ! Sie spricht wie gestern ! Aber da sie niemand zu fragen wagt , antwortet sie nicht zusammenhängend ! Der Onkel verbietet es andern ! Sie , Sie , Domherr , Sie könnten endlich ein Machtwort sprechen ! ... Bonaventura stand voll Zagen ... Als Armgart die Leidenden entlassen hatte , ergriff sie Bonaventuras Hände , von denen die eine , schon während des Beobachtens der Scene des Austheilens der Kissen , ihres Handschuhs sich entledigt hatte . Halten Sie doch die Leiter , auf der Paula gen Himmel steigt ! sagte sie , beide Hände ergreifend . Warum thun Sie ' s nur nicht ! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst ! Oder gab es keine heilige Theresia , sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen ? Nicht die heilige Brigitta ? Erleuchtete Gott nicht Katharina von Genua und nun erst gar die von Siena ? Hören Sie , was Paula redet und fragen Sie dann selbst ! Was soll ich fragen ! sprach Bonaventura wie gefangen ... Alles wurde still umher ... Herrschaften und Diener waren in den innern Gemächern und standen ohne Zweifel um Paula ' s Lager ... Armgart hielt fort und fort seine Hände ... Eine Handbewegung nur von Ihnen ! Diese weiße Hand auf ihr Herz gelegt ! Eine sanfte Frage nur von Ihrem Munde ! O kommen Sie ! Armgart ! - lehnte Bonaventura , voll Mismuth ohnehin gegen Armgart , ab ; Armgart küßte ihm jetzt selbst seine Hand ... Fragen Sie nach meinem Vater ! Nach meiner Mutter ! Ob es wahr ist , daß sie jede Stunde hier eintreffen können ! Fragen Sie , ob die Zukunft uns alle , alle - unglücklich macht ! Bonaventura blickte finster . Er hörte zwar im Geist die Worte des Herrn , der durch Prophetenmund , Joel 2,28 . 29 spricht : » Es wird geschehen in den letzten Tagen , spricht der Herr , da will ich von meinem Geist über alles Fleisch ausgießen . Und euere Söhne und Töchter werden weissagen , euere Jünglinge werden Gesichte schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen . Ja auch über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen und sie werden weissagen « ... Dennoch wollte er mit der Hand über Armgart ' s Stirn streichen und ihr sagen : » Mädchen , laß doch nur treu und wahrhaft dein eignes Herz reden und du hast deine Zukunft gewiß ! « Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zögernden Hand ... Es war der Trauring seiner Mutter , jener , den der Onkel Dechant in dem Leichenhause des Sanct-Bernhard gefunden hatte , jener Ring , der als Erkennungsmittel vor dem entstellten Körper seines Vaters gelegen , derselbe Ring , von dem Bonaventura ähnlich wie Lucinde von Bickert ' s Schrift , gesagt hatte : In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche ! Und noch ehe er wußte , was geschehen , hatte Armgart den Ring schon ihm abgezogen und war mit ihrem Raube davongeeilt ... Sie eilte in den Vorsaal , dessen Thür sie offen ließ ... Bonaventura , bestürzt über ein Vorhaben , das er nicht sogleich begriff , folgte ... Die wenigen Anwesenden , die aufgeregt in dem grünen Nebenzimmer standen , grüßend , wandte er sich Armgart zu , die mit ihrer Eroberung noch eine Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand , als wollte sie von diesem erst die Erlaubniß haben , Paula - mit dem Ringe zu magnetisiren ... Dann aber , ohne seinen fragenden und zürnenden Blick zu erwidern , ging sie rasch durch die offen stehenden Thüren dem von der übrigen Zahl der Besucher schon umstandenen Schlummerlager Paula ' s zu ... Es waren so viel Frauen zugegen , der Verkehr durch alle geöffneten Zimmer hindurch war so gehindert , daß Bonaventura ' s Eintreten die Aufmerksamkeit nicht fand , wie sonst ... Aller Augen waren auf Paula gerichtet ... Auch einige geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura , den andern zu folgen ... Mit einer Empfindung , als wären die Engel vom Himmel gegenwärtig , drängte sich alles dem Vorzimmer zu vor Paula ' s Schlafgemach ... Hier lag sie auf dem Ruhesopha ... Die Vorhänge waren zurückgezogen ; einige Stiftsdamen standen um sie her , Armgart knieete vor ihr und steckte eben leise , nur von Bonaventura beobachtet , seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der linken Hand Paula ' s ... Teppiche milderten jedes Geräusch der Umstehenden ... Paula schien in der That Reden vor sich hin zu murmeln ... O das ist schön ! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft angehauchtes Antlitz begann zu lächeln . Sie schien die Annäherung eines magnetischen Rapportes zu fühlen , ja schien sie wie eine geistige Nahrung einzusaugen ... Wie wird es so licht und so hell jetzt ! ... sagte sie plötzlich lauter und wie begeistert . Von der Sonne ! ... Alles ! Alles ! ... Auch ihr Leib ist Licht ! ... Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern ! Wem ? fragten einige . Auch Bonaventura mit wehmuthumschleierten Augen ... Onkel Levinus erläuterte mit gedämpfter Stimme und trotz der Gewöhnung an diese Erlebnisse doch erzitternd : Das wird der Hochschlaf ! Immer , wenn sie den höhern Grad des Hellsehens erreicht , spricht sie von sich selbst als von einer dritten Person ! Es ist dann , als schritte ihr Geist aus dem Körper heraus , sodaß sie sich selbst sieht . Das Tröpfeln aus den Fingerspitzen ist der Anfang ... Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula ' s Finger , wagte aber keine Frage oder Einsprache zu thun und bangte nur , wie alle ... Paula schwieg eine Weile , als wartete sie das Entgleiten des elektrischen Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annäherung Bonaventura ' s ab ... Auch Terschka trat inzwischen zu den ängstlich Harrenden ... er grüßte Bonaventura und die , die er heute noch nicht gesehen hatte ... Wie ist das so schön ! fuhr Paula in kurzen Sätzen fort ... Ach , die herrlichen Blumen ! ... Rosen um dunkle Cypressen ! ... Die gehen ja hoch hinauf bis ins grüne Laub ! ... An den Blättern zittern Thautropfen , die die Sonne bescheint ! ... Die sanfte Datura ! ... Die stolze Magnolika ! ... Der Onkel schaltete bedeutsam ein : Die absolute Wesenheit der Dinge ! Erst kommt sie durch Blumen , dann durch bunte Ringe und Kreise ! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und ohne Raum ... Paula fuhr jedoch im Gegentheil fort : Ein herrliches Schloß ! ... Mit einer Fahne auf dem Thurm ! ... Wald und Berg ! ... Immer hört sie ein Glöcklein , das nicht aufhören will ! ... Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem Blick nach oben . Er wollte sagen : Sie hört die Harmonie der Sphären ... Hirten kommen aus den Thälern , fuhr Paula fort , und steigen zum grünen Wald hinauf ! ... Wie in der Kirche ist ' s unter den Bäumen ! ... Die Bäume werfen so lange Schatten ! So lange ! ... Vor großen Kirchenfenstern schimmern so die grünseidenen Vorhänge ! ... Onkel Levinus lächelte die Geistlichen und die Damen an , als wollte er sagen : Die langen grünen Schatten sind die Urbilder der Dinge ! Die ewigen Grundformen ! ... Und Tante Benigna bedauerte im stillen nur die Abwesenheit Püttmeyer ' s ... Auch Thiebold ' s , der zum Essen kommen sollte und durch die anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war , weil er heute wieder , wie so oft , dort zurückbehalten wurde zum Vierhändigspielen mit mindestens drei bis vier der Stiftsfräulein die Reihe herum ... Und Armgart , die noch immer knieete , wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick auf Bonaventura und langte mit dem Arme , als sollte er näher treten , Paula magnetisiren und sie ausdrücklich um ihre Anschauungen befragen ... Bonaventura stand in scheuer , schmerzlicher Befangenheit ... Paula aber that dem Onkel