die Vermuthung des alten Herrn nicht , Clara fand ihn vielmehr als sie nach der angegebenen Zeit zurückkehrte , frisch und gesund wieder , obgleich nicht mehr in der Balkengasse , wo sie ihn verlassen . Die Kommerzienräthin hatte nämlich ihren Schützling dem Gemahl dringend empfohlen , und die Folge davon war , daß Herr Staiger auf dem Kassenamt des großen Bankierhauses angestellt wurde , wo er vermöge seiner Ordnungsliebe und Rechtlichkeit die vortrefflichsten Dienste leistete . Was man so Brautvisiten nennt , hatten Clara und Arthur vor ihrer Abreise nicht gemacht ; als sie aber zurückkamen und ihr Haus einrichteten zeigten sie dies ihren Freunden und Bekannten , sowie auch auf den Wunsch der Kommerzienräthin denen des Erichsen ' schen Hauses pflichtschuldigst an . Wenn sich aber manche stille Familie mit unversorgten Töchtern , die früher den Herrn Arthur Erichsen sehr hoch gehalten , sowie manche andere , die voll Neid und Mißgunst es der armen Clara nicht verzeihen konnten , daß sie nicht unter dem Schutze irgend einer Rangklasse geboren , von dem jungen Paare zurückzogen , so verursachte ihnen das doch durchaus keinen Kummer . Sie lebten in einem freundlichen und ausgewählten Kreise , und Arthur war Philosoph genug , um über schiefe Blicke und vornehm gerümpfte Nasen herzlich zu lachen . Um noch einen Augenblick beim Hause des Kommerzienraths zu verweilen , so kehrte Herr Alfons wenige Tage nach der Verheirathung Arthurs von seiner Reise zurück . Doch hatte sich das Verhältniß zu seiner Frau gänzlich verwandelt ; das Scepter , welches ihm an jenem Tage entfallen , hatte die kluge Frau ergriffen , und vom unumschränkten Herrn , auf dessen Winke und Stirnerunzeln sie sonst ängstlich Achtung gegeben , war er zum Sklaven herabgesunken , welcher sich den , obgleich nicht unbilligen Wünschen seiner Frau in aller Demuth fügte . Machte er je einmal einen Versuch , seine Ketten zu brechen , so trat die Kommerzienräthin in ' s Mittel , und wenn sie ihre spitze Nase erhob , ihn mit den grauen Augen scharf anblickte und dazu auf dem Tische zu trommeln begann , so räumte er achselzuckend das Zimmer und begab sich in sein Comptoir , wo ihn dann oftmals der Kommerzienrath zu trösten suchte , indem er sprach : » Glauben Sie mir , es ist weit angenehmer für uns , wenn man die Weiber machen läßt ; meine Frau hat mich und die Kinder nun schon an die dreißig Jahre regiert und ich habe mich recht wohl dabei befunden . Uebrigens sind die Metalliques und die Fünfprozentigen gestiegen , was eigentlich doch die Hauptsache ist . « Die Scheidung des Doktor Erichsen von seiner Frau war unerwartet auf ein Hinderniß gestoßen . Dieses Hinderniß bestand in der Weigerung der Madame Bertha selbst . Wir wissen , daß sie sich zu ihrer Mutter begeben , um sich , wie sie sagte , von ihrem Manne nicht länger wie eine Sklavin behandeln lassen zu müssen . Sie hatte sich ihr elterliches Haus und sich selbst noch ganz so wie früher gedacht , fand aber in Beiden gewaltig viel verändert . Sie konnte es nicht vergessen , daß sie ein Hauswesen gehabt und zwei liebe Kinder , und es noch viel weniger ertragen , daß sie , welche bei sich unbedingt die Erste gewesen , nun bei ihrer Frau Mama die Dritte sein sollte . Wir sagen die Dritte , denn Mama , alt und grämlich geworden , hatte sich bei der Verheirathung ihrer Tochter eine Haushälterin zugelegt , ein großes , sehr dürres Frauenzimmer mit unbeschreiblich scharfer Zunge , welche das Hauswesen und ihre Gebieterin nicht nur beherrschte , sondern sogar tyrannisirte . Madame Bertha war noch nicht vier Wochen da , als sie sich schon unsäglich elend fühlte , denn die Launen der Mutter waren unerträglich , und die dürre Haushälterin schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben , beständig von den Freuden des Ehestandes zu phantasiren , wobei sie versicherte , eine geschiedene Frau sei ein Unding und man wisse gar nicht , zu welcher Klasse der menschlichen Gesellschaft man sie eigentlich zählen solle . Hierauf fing Madame Bertha an , sich ihrem Hause wieder zu nähern , indem sie ihre Kinder häufig aber heimlich sah . Das ließ der Doktor , der es erfuhr , wohl geschehen ; auch hätte er sich mit seinem weichen Herzen gern seiner Frau wieder genähert , doch als Arthur abreiste , hatte dieser ihm das Versprechen abgenommen , bis zu dessen Zurückkunft keinen Schritt zu thun , der von der Doktorin als annähernd betrachtet werden könnte , indem er gesagt : » Wenn du zu bald nachgibst , so hast du in einem halben Jahre wieder dieselbe Geschichte . « - Herr Beil hatte von seinem Freunde Arthur den herzlichsten Abschied genommen , bevor er die Residenz verließ , um dem Auftrag des Herrn von Brand gemäß nach dem Gute der Baronin von W. zu fahren , deren Vermögen er in Zukunft zu verwalten hatte . Vorher überbrachte er aber noch das bewußte Paketchen der Tochter des Präsidenten , die dasselbe im Beisein ihrer Mutter erwartungsvoll öffnete . Es enthielt ein reiches Armband in Brillanten mit der Bitte des Barons , dieses Andenken von einem Freunde zu nehmen , dem leider traurige Verhältnisse nicht erlaubt , der schönen Auguste mehr als dies sein zu können . Fräulein Auguste hatte sich übrigens von dem harten Schlage , der sie betroffen , noch nicht gänzlich wieder erholt . Bei dem gewissen Hofball war die Mutter leider zu besorgt gewesen , die Brautschaft ihrer Tochter allzuvielen Menschen zu verkündigen , und da nun der Präsident , dem Rathe seiner Gemahlin folgend , des Baron Brand nur als solchen gedachte , so sah sich Auguste genöthigt , Kondolationen entgegen zu nehmen , die sich übrigens nicht lange nachher in Gratulationen verwandelten , als sie eine neue Brautschaft antrat , die diesmal ein glücklicheres Ende nahm . Unmöglich können wir dem geneigten Leser verschweigen , daß es ferner den Bemühungen des Herrn Beil in seinen jetzigen besseren Verhältnissen gelungen war , seinem Freunde , dem ehemaligen Lehrling August , eine erträgliche Stelle zu verschaffen . Obgleich August ein gutes Gemüth hatte und nicht rachgierig war , so gehörte es doch zu seinen besonderen Vergnügungen und er rechnete es fast zu seinen Feiertagen , wenn er einen Bestellzettel oder dergleichen der Firma Johann Christian Blaffer und Compagnie zu überbringen hatte . Dies Geschäft war von zwei jungen Leuten angekauft worden , welche der eingegangenen Bedingung gemäß den ehemaligen Chef der Handlung als letzten Commis beibehalten mußten . Die Gefühle , mit welchen Herr Blaffer an seinem Pulte saß , brauchen wir nicht zu schildern ; beinahe wahnsinnig preßte er seine mageren Hände vor die Stirne , wenn August in das Comptoir trat , und er sich nun um so lebhafter der früheren Zeiten erinnerte , seines Lehrlings und des verschwundenen Mädchens , von welchem man übrigens nichts mehr gehört . Als Graf Fohrbach am Tage seiner Hochzeit die Stadt verließ , geschah dies in einem großen , schweren Reisewagen , auf dessen hinterem Bock der Jäger Franz Karner saß , sowie Henriette , die Kammerjungfer der jungen Gräfin . Da Diener und Dienerin sich erst kürzlich kennen gelernt hatten , so fand zwischen ihnen keine lebhafte Unterhaltung statt . Sie blickte rechts und er links , zuerst auf die Häuser , an denen sie vorbeifuhren , dann auf die Pappeln der Allee und was ihnen sonst noch begegnete . Auf der zweiten Station - - der Ort hieß Königshofen - sprang Graf Fohrbach aus dem Wagen und fragte seinen Jäger , der ihm den Schlag öffnete : » Nicht wahr , da hinaus ginget ihr ? « Dabei zeigte er auf den Wald , der sich hinter dem Dorfe erhob . - » So ist ' s , Euer Erlaucht , « erwiderte der Jäger und als er wieder auf seinen hohen Sitz geklettert war , blieb er aufrecht stehen , und starrte lange , lange nach dem Wald hinüber - er hätte gar zu gern die Lichtung noch einmal gesehen . Der Wagen rollte aber unaufhaltsam dahin , und bald legten sich andere Berge und Wälder zwischen ihn und jenen verhängnißvollen Platz . Derselbe ward aber doch Veranlassung , daß Franz mit der Kammerjungfer ein Gespräch anknüpfte . Sein Herz war zu voll , es war ihm ein Bedürfniß , von jenem unglücklichen Morgen sowie von einem gewissen Baron Brand , der hier geendet , mit dem Mädchen zu sprechen . Wie erstaunte er aber , daß diese die Geschichte fast so genau wußte wie er selbst , ja daß sie den Baron Brand zu kennen und die innigste , herzlichste Theilnahme an seinem Schicksal zu nehmen schien ! Ein Wort gab das andere , und da Leute , welche auf einem engen Wagensitze so den ganzen Tag mit einander fahren , leicht zu Mittheilungen geneigt sind , so erzählten sie sich Beide noch im Laufe des Nachmittags ihre Schicksale , daß er sowohl Kammerjungfer als Jäger an ein und demselben Morgen dem Grafen Fohrbach empfohlen . So fuhren sie dahin und es war spät am Nachmittage , als der Wagen vor einem Wirthshause umgespannt wurde , in dem sich ziemlich viele Gäste befanden , welche durch ein Harfenmädchen unterhalten wurden , die mit lauter Stimme allerlei lustige Lieder sang . Als die Künstlerin den Wagen heranrollen hörte , kam sie vor das Haus , fuhr aber plötzlich wieder zurück , als sie das Gesicht der Dame im Wagen gesehen hatte . Doch bemerkte man , wie sie ihre Harfe in das Zimmer hinstellte , und dann dieses sowie das Haus durch eine Hinterthüre verließ . Gleich darauf fühlte Henriette , daß sie Jemand an ihrem Mantel zupfe . Sie wandte sich um und schaute in das lustige Gesicht ihrer ehemaligen Gefährtin , welche ihr lachend die Hand reichte . » Siehst du , « sagte dieselbe , » uns Beiden ist es nach Wunsch gegangen . Du fühlst dich glücklich in den Fesseln deines Dienstes , und ich mich nicht minder mit meiner Harfe in der prächtigen Freiheit . « Der Jäger war nicht wenig überrascht , Nanette , die er wohl kannte , hier wieder zu sehen , und auch das Mädchen schien sich herzlich über die Begegnung zu freuen . » Es ist auch sonst noch ein Bekannter von uns hier , « flüsterte sie ihm zu , » Mathias , aber er liegt noch immer krank an seiner Wunde darnieder . Freilich geht ' s ihm besser , doch hat ihn die Nachricht , daß man den Wirth zum Fuchsbau eingesteckt und daß er , den er so sehr geliebt , elend umgekommen sei , wieder auf ' s Neue sehr darniedergeworfen . « » Sag ' ihm meinen Gruß , « antwortete Franz , » und zu gleicher Zeit , daß die Nachricht von ihm falsch sei . Er ist wohl verschwunden , aber nicht elend umgekommen . « » Das wird ihn erheitern , « versetzte das Harfenmädchen . » Jetzt aber lebt wohl , eure Pferde sind angespannt . « » Leb wohl ! « sagten Henriette und der Jäger , und Beide drückten der Andern herzlich die Hand . Letzterer ließ seine Geldbörse darin zurück , indem er sagte : » Es ist für Mathias , er soll sich pflegen , und wenn er das Vergangene vergessen kann , so wird es mir vielleicht möglich sein , später mehr für ihn zu thun . « Dahin flog der Wagen , Jäger und Kammerjungfer sprachen lange nichts mit einander , aber in dem Wirthshaus ertönte gleich darauf wieder lustig wie früher Harfe und Gesang . - Was nun den Fuchsbau anbelangt , nach dessen finsteren Räumen uns der geneigte Leser schon öfters freundlich begleitet , so wurde er vom Staate angekauft und zu einem Arbeitshause für weibliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft eingerichtet , welche durch bösen Lebenswandel der wachenden Gerechtigkeit Veranlassung gaben , sich um ihr Privatleben zu bekümmern . Leider können wir aber nicht verschweigen , daß sich noch vor Ablauf eines Jahrs , von dem Zeitpunkt an gerechnet , an welchem unsere wahrhaftige Geschichte schließt , einige unserer Bekannten dort ein Rendezvous gaben , und zwar Madame Becker , Madame Wundel und deren Tochter Emilie , leider jedoch nicht zu Kaffee und Punsch , wohl aber zu Wasser und Brod und sehr dünner Erbsensuppe . Das uns wohl bekannte Gemach mit der braunen Decke und den gleichen Holzwänden gehörte zur Wohnung des Aufsehers , doch liebte dieser das Gemach nicht besonders . Er behauptete , es sei unheimlich da , und wenn er bei fest verschlossenen Fenstern und Thüren zuweilen am Kamin sitze , so spüre er hinter sich einen Zugwind , von dem er durchaus nicht ermitteln könne , woher er komme . Deßhalb vermied er endlich die Zimmer , verschloß es am Ende gänzlich und sprach nur achselzuckend davon . Der Wirth zum Fuchsbau war allerdings eingesteckt worden , auch hatte man ihm für einige Zeit ein wohl verwahrtes Quartier verschafft , ihm aber weiter nichts anhaben können . Herr Scharffer leugnete hartnäckig , beweisen konnte man ihm nur , daß er zweideutige Gesellen beherbergte , auch der Diebshehlerei nicht fremd gewesen , und so kam er mit einem halbjährigen Gefängniß davon . Er verließ dasselbe mit noch stärkerem Backenbart , im Uebrigen aber sehr abgemagert . Nicht so gut erging es dem Herrn Sträuber . Nach und nach kamen die meisten seiner kleinen Liebhabereien und Phantasien an den Tag . Seine Taschendiebereien und Gelüste nach den Ohrringen wehrloser Kinder hätten ihn aber wohl nur auf ein paar Jahre in ' s Zuchthaus gebracht ; doch wie auf dieser Welt Eins dem Andern folgt , so erschien nach und nach die Korrespondenz , welche er im Auftrag des Meister Schwemmer für den schwunghaft betriebenen Kinder-und Menschenhandel geführt . Darauf wurde das Verhältniß dieser beiden würdigen Herren selbst näher beleuchtet , und Herr Sträuber vermochte es im Laufe der Untersuchung nicht , sich von der Anschuldigung frei zu machen , als habe er in Gemeinschaft mit der Dame Schwemmer , dem natürlichen Laufe vorgreifend , den Ehegemahl der Letzteren früher zu den Freuden und Leiden des Jenseits verholfen . Es war eine Strafanstalt für schwere Verbrecher , welche eine ihrer stillen Zellen dem Herrn Sträuber öffnete . Er mußte den schwarzen Frack und die baumwollenen Handschuhe für immer ablegen , sein vornehmer Anstand und seine feine Bildung verschwanden gänzlich unter dem groben Sträflingsgewand , und da sein hochfliegender Geist sich lange nicht herablassen wollte , die Handgriffe des Wollspinnens zu erfassen , so war die verdrießliche Folge hievon , daß er Dunkelarrest , Hunger und Prügel kennen lernte - sehr unangenehme Zuthaten zum Gefängnißleben . Mademoiselle Therese hatte bei jener Theatervorstellung , die so traurig für die unglückliche Marie geendet , zum letzten Mal getanzt . Sie war um ihren Abschied eingekommen , hatte ihn auch erhalten und reichte nun dem Herrn Berger ihre Hand . Daß sie den Entschluß , mit ihrem Gemahl ein kleines Stück Sklavenleben aufzuführen , im weitesten Umfange verwirklichte , kann uns der geneigte Leser auf ' s Wort glauben . Doch schien sich Herr Berger nicht übel dabei zu befinden , wenigstens nahm er körperlich zu und wurde aus einem dürren , grämlichen Manne , ein wohlbeleibter , freundlicher Herr . Therese dagegen blieb sich gleich und behielt ihre schöne Taille . Die Hochzeit des Paares war wenige Tage , nachdem Arthur abgereist , mit außerordentlichem Glanze gefeiert worden . Die Tänzerin hatte befohlen , daß eine Deputation ihrer ehemaligen Kolleginnen dabei sein müsse , vor allen Dingen aber Schwindelmann , Herr Hammer , Richard und Schellinger . Fritz , der Theaterfriseur , war nicht so glücklich gewesen , eine Einladung zu bekommen , hatte es aber doch nicht unterlassen , das Haar der schönen Braut , wohl zum letzten Mal , wie er seufzend gesagt , an ihrem Hochzeitstage zu ordnen . Daß Therese in ihrem weißen Atlaskleide den Spitzenschleier im grünen Myrthenkranz , wie eine Fürstin aussah , versteht sich von selbst . Herr Berger hörte auch mit Wohlgefallen , wie man ihre prächtige Gestalt bewunderte und ihn glücklich pries . Auch der Hochzeitsschmaus ging sehr lustig vorüber , und unter allen Anwesenden sah man nur zwei Gesichter mit trüben Mienen . Das waren Richard und Schwindelmann ; Letzterer versicherte fast weinend , man könne es gar nicht glauben , wie ihm jetzt sein Geschäft verleidet werde . » Die Clara fort , die arme Marie nicht mehr da , und jetzt auch noch Mademoiselle Therese , die uns verläßt ! Es ist Alles aus , « seufzte er , » nichts mehr bei dem Ballet ; solche , wie diese drei kommen nicht wieder ! « Dabei sprach er die Absicht aus , sich nächstens zur Stelle des Anführers der Statisten zu melden , indem er meinte : » Die wechseln ohnedies jeden Tag und da hängt man doch sein Herz an gar nichts . « Was Richard anbelangte , so konnte man ihn eigentlich nicht zu den Hochzeitsgästen rechnen , denn er kam nur auf wenige Augenblicke , um der Braut zu gratuliren und sich dann , wohl für immer , von ihr und den andern Freunden zu verabschieden . Er hatte seine Stelle beim Theater aufgegeben und war im Begriff , nach Amerika auszuwandern . » Hier thut sich ' s nicht mehr , « sagte er zu Therese , » und wenn ich das Theater nur von außen ansehe , so drückt es mir die Brust zusammen und zerbricht mir fast das Herz . « Es war mit dem schönen und kräftigen Mann seit jener Zeit eine große Veränderung vorgegangen . Seine glänzenden Augen waren eingefallen , seine sonst so blühenden Wangen blaß geworden , und er , der sonst so rührig war wie Keiner , konnte nun stundenlang in irgend eine Ecke starren , an seiner Unterlippe nagend . Er drückte der schönen Braut herzlich die Hand , sprach einige Worte mit dem alten Herrn Hammer und winkte alsdann Schwindelmann und Schellinger , die sich für eine kleine halbe Stunde entschuldigten und dann mit ihm fortgingen . Es war in später Nachmittagsstunde , und die Drei schritten neben einander durch die Straßen dahin , Richard aufrecht in der Mitte , zu seiner Rechten Schwindelmann , der besonders wehmüthig gestimmt war und von Zeit zu Zeit heftig schluckte , zu seiner Linken der Garderobe-Gehilfe , welcher den Oberkörper vornüber hielt und seiner Gewohnheit gemäß die Hände auf dem Rücken hatte . Schweigend gingen sie so mit einander fort , durch eine Straße um die andere , endlich durch das Thor , bis sie einige hundert Schritte vor demselben an ein eisernes Gitter kamen , durch welches man allerlei Kreuze und Steine blinken sah . » Folgt mir nur , « sagte Richard mit leiser Stimme , » ich weiß schon , wo sie liegt . « Damit schritten sie über die Gräber dahin und kamen endlich an einen kleinen Hügel , auf welchem ein einfaches Kreuz stand , über das ein frischer Immergrünkranz hing . Hier blieben alle Drei mit gefalteten Händen stehen , der alte Schellinger zog die Augenbrauen in die Höhe und bemühte sich , seine Wehmuth zu verbergen , während dem weicheren Schwindelmann die Thränen über die Wangen herabtropften . Der Himmel war den ganzen Tag mit finstern Wolken bedeckt gewesen , die sich jetzt eben am Horizont ein wenig erhoben und der glühenden Abendsonne erlaubten , einen letzten glänzenden Blick auf das einsame Grab zu werfen . Dabei erhob sich ein leichter Wind , der Kranz von Immergrün rauschte . - - » Amen ! « sprach Richard . Dann bückte er sich nieder , brach ein paar Zweige Immergrün ab und nahm eine Hand voll Erde von dem Grabe . » Das soll man mir später einmal in das letzte Kopfkissen nähen , « sagte er dann . Schwindelmann wischte sich die Augen , und als sich die Drei zum Weggehen anschickten , zeigte er auf ein eingesunkenes Grab , nicht weit von dem anderen und sagte : » Dort liegt die arme Nähterin , wißt ihr , dieselbe , der ihr damals geholfen , ihr Kind wieder zu verschaffen . « » Wo ? « fragte der Zimmermann . » Hier , Richard . « Da war kein Kreuz zu sehen , nur ein kaum bemerklicher Erdhügel ohne Blumen , selbst ohne Gras . » Wo ist denn das Kind geblieben ? « fragte Richard nach einer Pause . » O es ist gut versorgt worden , « entgegnete Schwindelmann . » Herr Arthur Erichsen hat sich seiner angenommen und es geht ihm ganz vortrefflich . « Bei diesen Worten zuckte ein gewaltiger Schmerz auf dem Gesichte Richards , und er sprach mit dumpfer Stimme : » Die Marie hat mir einmal erzählt , daß jene Nähterin ihr gesagt : Wenn du einmal glücklich verheirathet bist und du siehst mein armes Kind an einer Ecke stehen , so schenke ihm ein Almosen . - O Gott ! und nun liegen Beide hier ! « Schweigend , wie sie gekommen , schritten die Drei wieder nach der Stadt zurück , durch die dunkeln Straßen bis an den Gasthof , wo die Hochzeit gehalten wurde . Hier war es glänzend erleuchtet , und lustige Tanzmusik schallte in die Nacht hinaus . » Ich mag nicht mehr hinauf gehen , « meinte Richard ; » sagt meinem Vater , daß ich ihn zu Haus erwarte . Euch seh ' ich auch wohl noch . Um elf Uhr fährt der Wagen ab , und bis dahin wird die Geschichte oben fertig sein . « Er reichte Beiden eine Hand , und schritt alsdann , ohne sich umzusehen , nach Hause . * * * Die freundlichen Leser einer längeren Geschichte wie die vorliegende sind den Theilnehmern an einer Landpartie zu vergleichen . Beim ersten Grauen des Morgens , sobald man die Thore der Stadt hinter sich hat , hier beim Anfang des ersten Kapitels , ist die Schaar der Lustwandelnden dicht geschlossen ; wohlgeordnet und emsig geht es fort über Berg und Thal , Sonnenschein oder Regen entgegen , und wie dort das lachende , muntere Völkchen über die heiße Chaussee dahinzieht oder durch den Schatten des Waldes , so laufen hier emsig die blitzenden Augen über die Blätter des Buchs , durch die Linien frisch und wohlgemuth . Bei manchem der da draußen Wandelnden ebenso wie bei den Lesern ist indessen der Reiz der Neuheit bald vorbei ; sie blicken seufzend auf den Weg , den sie noch zurückzulegen haben , und die bunten Bilder , die sich vor ihnen aufrollen , sind ihnen schon entleidet . Diesem ist die Fläche , die er durchwandern muß , zu einförmig , Jenem zu abwechselnd ; dem Einen scheint die Sonne zu hell , der Andere ärgert sich über die finsteren Wolken , die am Horizont emporsteigen , auch gefallen ihm nicht die Gesichter , die ihm begegnen , oder die Kleidung der Leute , denen sie angehören ; bald scheinen sie ihm zu geputzt , zu geziert , bald gar zu sehr bedeckt mit dem Schmutze dieses Lebens . Unmuthig seufzt der Spaziergänger auf der staubigen Straße und der Leser mit dem Buche in der Hand . Er findet Kameraden , die wie er denken und die sich stillschweigend verbinden , langsam zurückzubleiben . Manche werden schon nach den ersten Kapiteln zu Marodeurs , Andere bei der ersten Rast , hier am Schluß des ersten Bandes . Die Zurückbleibenden folgen nicht mehr dem Winke des Voranmarschirenden , sie lagern hier und dort an der Straße , und da böses Beispiel ansteckend ist , so werden der Marodeurs immer mehrere , je mehr man sich dem Ziel der Reise nähert . Viele gehen nicht weiter als bis zum Schluß des zweiten Bandes , Andere schauen noch in den dritten hinein ; da aber der Anfang desselben nicht ganz ihren Erwartungen entspricht , so schlagen sie ihn ungeduldig zu und wenden sich mißmuthig ab . Wenige halten aus bis zum Schluß ; diese Wenigen aber sind die Freunde des Führers , und wenn er sich am Ziele angekommen nun ebenfalls ausruhend niederläßt und zurückblickt auf den Weg , den er durchlaufen , so belobt er die freundlich , die fest bei ihm ausgehalten , und entschuldigt den langen Marsch , den er ihnen zugemuthet , indem er ihnen sagt : wenn derselbe auch vielleicht nicht so ganz nach ihren Wünschen ausgefallen sei , so habe doch gewiß Jeder etwas gefunden , was sein Herz erfreut , sei es nun ein glänzender Stein , eine bunte Blume , ein Blick in den düstern Wald oder auf ein offenes , von der Sonne beschienenes Thal . Dabei bedankt er sich für gütige Theilnahme und versichert , wenn er nächstens wieder einen Spaziergang vorschlage , so wolle er sich nach besten Kräften bemühen , eine schönere Gegend zu finden , einen angenehmeren Pfad mit noch mehr Abwechslungen , durch Wärme , Kälte , Sonne , Regen , Staub , Nässe , Licht und Schatten - eine wahre Musterkarte , auf der jeder sich aussuchen könne , was ihm gerade am meisten behage oder was am besten für ihn passe . Und das sind auch für diesmal meine letzten Worte an Dich , freundlicher und wohlgeneigter Leser !