zu lassen , von wo aus sie ein übergroßer Eifer , der uns Alle erschreckt hat , zu rasch , zu verletzend für uns Alle entfernte . Dabei fiel der Blick der Königin auf eine lange hagere wie angedonnert dastehende Figur ... Dankmar sagte ganz für sich : O weh ! Egon fuhr fort : Auf einen hagern sterngeschmückten Mann , der bisher eine außerordentlich selbstzufriedene Rolle gespielt hatte und wahrscheinlich der Intendant der Schlösser und Gärten , mein schlimmer Freund , Herr von Harder , war . Sämmtliche Kammerherren und Offiziere bissen sich auf die Lippen . Es that Allen wohl , nach einem Momente der Rührung sich durch eine kaum unterdrückte Schadenfreude humoristisch zu erholen . Ich nahm nun die Angelegenheit heiter und leicht , erklärte , wenn man die Gnade haben wollte ... Pst ! rief jetzt Dankmar , unterbrach Egon und blinkte mit den Augen nach etwas , was sich hinter ihnen begab und was er , da er mit Louis rückwärts saß , leichter sehen konnte . Was ist ? fragte Siegbert und lehnte sich rückwärts über den Schlag hinaus . In demselben Augenblicke schoß ein zweispänniger Wagen im vollen Laufe vorüber , mit den bekannten beiden Bedienten Ernst und Franz ... Die Excellenz von Harder ! Unmuthig , die schwarzen Augenbrauen tief heruntergezogen , lag sie in dem Wagen , die Arme übereinandergedrückt . Auf dem Bocke saß neben dem Kutscher zu Dankmar ' s Bedauern der Garteninspektor Mangold , der freundlich und heiter seine Mütze zog und die Gesellschaft grüßte , während der mit Mangold ' s geistigen Kälbern pflügende Hofmann Dankmarn , den er in seinem Glücksrausche auf der Terrasse nicht gesehen hatte , jetzt in seinem Misgeschick vollkommen erkannte und den spöttischen Gruß , den ihm der Entführer des Bildes , der Mitverschworene Melanie ' s , mit großer Beflissenheit zuwarf , mit einem kaum achtenden Griff an seinen Hut erwiderte . Die Miene eines Hofmannes , der so ganz allein mit einer langen königlichen Nase in stiller Einsamkeit da vorüberfuhr , war in dem Grade komisch , daß Alle herzlich lachten und sich von der peinlichen Stimmung , die denn doch die Erzählung des jungen Fürsten hervorgerufen hatte , befreit fühlten . Egon setzte nun noch hinzu : Nach einigen allgemeinen Bemerkungen bat ich die Majestäten um die Gnade , mich nächstens im Schlosse vorstellen zu dürfen und empfahl mich mit Drommeldey , der mich draußen auf der Terrasse erwartete , unter den herzlichsten Glückwünschen für meine Genesung . Der Schalk hat mir indessen gestanden , daß dies Abenteuer nicht ganz zufällig war . Die Bedienten , bestätigte Dankmar etwas bitter , die dort eben vorbeifuhren und der Mann in der Mütze auf dem Bocke , ein Garteninspektor , waren im Einverständnisse und haben zum Schlosse hinauf das Zeichen unsrer Ankunft gegeben . Das ist mir , sagte Egon , das einzige Verdrießliche an dem Vorfall , der an und für sich mir sehr wohl gethan hat . Warum wollen Sie diese Verabredung verdrießlich nennen ? sagte Siegbert , der sein Mildern , Ausgleichen , Versöhnen nicht lassen konnte . Ich bin kein begeisterter Monarchist , aber ich finde die Aufmerksamkeit sehr artig und bin überzeugt , daß dies Abschütteln einer lästigen Acquisition , des Mobiliars Ihrer Mutter , allgemein die Gesellschaft entzücken wird . Das Gute daran ist besonders auch die Nase der Excellenz von Harder , sagte Dankmar und zündete sich aufs neue die ausgegangene Cigarre an . Die Bedienten , fuhr er fort , waren wol nicht aufgestellt , weil sie den Gefangenen vom Plessener Thurme , sondern mich , den Begleiter von Melanien , kannten . Jetzt erinnere ich mich der langen Hälse und Zeichen , die diese Schlingel machten , als wir am Portal hielten ... Wunderliche Welt ! sagte Egon kopfschüttelnd . Was sich da Alles wie ein Schneehaufen zusammengeballt hat und nun so einfach am Sonnenstrahl eines königlichen Wortes auseinanderschmilzt ! Ich werde dich bitten , lieber Louis , daß du Heunisch veranlassest , seine Rückreise um einen Tag aufzuschieben und die ganze Bescheerung wirklich nach Hohenberg mit zurückzunehmen . Louis deutete an , daß er Dies gern besorgen wollte . Ja , ja , Louis , sagte Egon scherzend , nun sind wir im Netz . Nicht wahr , jetzt werd ' ich mich wie Euer Barnave , du kennst die Revolutionsgeschichte besser als ich , für die schönen Augen meiner Königin opfern und mit Blondel singen : O Richard , mon roi , si l ' Univers t ' abandonne - Das denkst du doch ! Louis machte eine Bewegung , die allenfalls sagen konnte : Allerdings ! Wenn ich auf Drommeldey hören wollte , sagte Egon , so war dieser königliche Gnadenakt auch zugleich wirklich ein Aufruf an meine Loyalität , der etwa soviel heißen wollte : Bester Hohenberg , Sie haben sich in der Welt umgesehen , man beobachtet Sie , man erwartet etwas von Ihnen ; wir brauchen Freunde , tummeln Sie sich jetzt , machen Sie keine dummen Streiche , wählen Sie vernünftigen Umgang , verwirren Sie die Debatte nicht durch neue sogenannte Gesichtspunkte und dergleichen Thorheiten mehr ... Die Ärzte sind Optimisten , sagte Dankmar . Er gestand mir kürzlich schon am Krankenbett , bestätigte Egon , daß er zum Reubund gehörte und versicherte mich , ich sollte ihn darum nicht für geschmacklos halten . Er sprach wie einst Schlurck im Heidekrug . Es gäbe Zeiten , wo man das Auffallende mitmachen müsse , um nicht selbst aufzufallen . Er ist schlau und deutete an , ich sollte mir eine politische Stellung machen . Daß er , als seine List gelungen war , sie sogleich eingestand , beweist eine gewisse Gutmüthigkeit . Herr Dankmar glaubt eine Candidatur für den Prinzen Egon von Hohenberg aufstellen zu können , fiel Louis Armand ein . Wie nun , wenn der junge Staatsmann auf der Tribüne stünde , für die Rechte der Völker sprechen wollte und in demselben Augenblicke fielen ihm die gerührt weinenden Augen seiner Königin ein ? Du regst eine Frage an , lieber Louis , sagte Egon , die durchaus nicht persönlich , sondern principiell ist . Ich halte es allerdings für schwierig , sein Verhältniß zur freisinnigen Erörterung politischer Zustände mit jenem Maße von Achtung in Einklang zu bringen , das man der Monarchie und allen ihren Traditionen persönlich zollen muß . Ist der monarchische Begriff unvollkommen vertreten , hat man es mit schroffen , anmaßenden Fürsten zu thun , so wird uns der Kampf gegen das Übermaß ihrer Prärogative leichter werden . Schmerzlich aber ist es allerdings , mit liebenswürdigen Persönlichkeiten in principiellen Conflikt zu gerathen ! Ein anständiger Republikaner , bestätigte Dankmar etwas ironisch und meinte es doch ernst , ist allerdings zu bedauern . Man will denn doch nicht dastehen , als hätte man seinen Knigge nicht gelesen . Die Henker sogar haben in der Geschichte , ehe sie die traurige Kunst ihres Schwertes zeigten , gewisse Personen selbst vorher um Entschuldigung gebeten . Siegbert meinte , Das wäre ein sehr großer Fehler der bevorrechteten Stände , daß sie sich keine Politik ohne Misachtung der Personen denken könnten und wiederum wären unsere Zeitgenoasen gerade noch deshalb für die Politik unreif , weil sie , wenigstens in dem Staate , in dem sie lebten , die Personen ganz und gar mit dem Principe verwechselten . Nehmen Sie diese Flottwitz , sagte er . Tausende sind wie diese ! Sie halten sich an die persönliche Erscheinung der Monarchie und wollen wie Wundergläubige die Kraft ihrer Andacht nur durch die Unmittelbarkeit der Berührung stärken . Oder , sagte Dankmar , der trotz einer gewissen Aufregung durch das Interesse für Mangold und Auguste Ludmer besonders guten Humors war - die Flottwitz und die Nase der Excellenz hatten ihn belustigt - oder sie stärken ihre Andacht durch ein unmittelbares Eingreifen , besonders in die königliche Chatoulle . Ja , Egon , ich gedenke , von dem Heidekrüger Justus , der dreimal gewählt worden , zwei Chancen für dich zu gewinnen und bei dieser Gelegenheit ihn zu fragen , ob der pensionirte Major vom Busche , der in seinem Wahlkreise die großen Adressen für Fürst und Vaterland preßte , jetzt auch noch das Geld für die Noten bekommt , die seine Tochter auf einem vom König ihr geschenkten Pianoforte spielt . Verkehrte Welt ! rief Egon nach Erzählung dieser Anekdote aus . Hier haben wir noch die arkadischen Sitten patriarchalischer Zeiten , dort nagt die Zweifelsucht schon Alles in Millionen zusammenhangloser Atome ! Nenne uns Einer das Zauberwort , das neue Menschen schafft , die für die alte Welt passen , oder eine neue Welt , die die alten Menschen nimmt , wie sie einmal sind ! Nichts schickt sich mehr in ' s Andre . Der Stoff , der Jahrtausende lang die Herzen kittete und band , scheint verbraucht . Die Ecksteine sind verworfen und wo gibt es neue ? Das Todesbeil kann kein Leben schaffen . Aus dem Blute der Geopferten steigt die Rache und kein Segen blüht , wo einmal geflucht wurde . Die Menschheit geht nicht die richtige Bahn . Wer greift die Zügel und schleudert das Gefährt auf die Seite , wo keine Abgründe drohen ? Ich suche eine Formel , eine Lehre , die größer ist als alle Könige der Welt und vor der die Könige und Bettler zugleich anbeten ! Pflicht ! Pflicht ! Trätest du aus den Wolken und zögest wie eine entschwebende Glorie über die Erde hin , daß Alle die Hände ausstreckten und riefen : Bleibe bei uns ! Verspottet mich nicht Freunde , die Scene mit dem Königspaare hat mich doch so aufgeregt , daß ich blutige Thränen weinen möchte , wie Alles doch so verkehrt geordnet , so toll verwirrt , so unauflöslich und unentwirrbar ist . Dankmar warf seine glühende Cigarre aus dem Wagen , so erschreckte ihn die Art , wie Egon seine Scherze aufnahm ... Er fragte , ob er Egon verletzt , gekränkt hätte . Nein , sagte dieser bewegt und reichte allen Dreien die Hand ; ist es nicht erschütternd , daß wir vier , die wir die Dinge , wie sie jetzt gehen , mit gleicher Aufrichtigkeit hassen , uns doch nicht vereinigen können über den Weg , wohin sie gehen sollen ? Da ein Communist , hier ein Radikaler , Freund Siegbert , wie ich schon hörte , als wir auf die Terrasse stiegen , ein idealer Sozialist , und ich ... In diesem Augenblicke ertönte in der Ferne ein greller Pfiff . Der Kutscher hieb so heftig in die Pferde , daß der Ruck , den der Wagen dadurch erhielt , Egon ' s fernere Rede unmöglich machte . Die Eisenbahn ! riefen die Bedienten fast sich überneigend . Man sah in der merklich vorgeschrittenen Dämmerung den Rauch einer daherbrausenden Lokomotive . Der Kutscher wollte ihr zuvorkommen und den Durchschnitt der Bahn noch gewinnen ... Aber schon fanden sie die Barriere verschlossen und mußten halten . Wie sie so stillhielten , kam von der andern Seite mit gleicher Schnelligkeit eine Gesellschaft zu Pferde . Auch sie glaubte noch das Schließen der Schranken überholen zu können , kam aber ebenfalls zu spät . In der vom dunkeln mit Wolken gemischten Abendroth widerstrahlenden Beleuchtung nahm sich diese Cavalcade , an deren Spitze eine Dame hielt , außerordentlich malerisch aus . Wenn der Herbst ohnehin so reich an schönen Wolkenmomenten ist , so hatten sich gerade heute dunkelrothe , blaue und gelbe Farben zu einem Hintergrunde gemischt , aus welchem diese Rosse , diese Reiter und diese Amazone sich mit der lebendigsten Wirkung abhoben . Dazu rollte in weiter Ferne ein Donner und ein leichter Blitzschimmer zuckte zuweilen durch das dunkle Gewölk , das jene Reitenden nicht zu achten schienen . Wie die Amazone in einem schwarzen Sammetrocke mit langherabhängender Schleppe und einem förmlichen Männerhute , der ihr jedoch mehr im Nacken , als auf der Stirn saß , so gewaltsam mit ihren Begleitern heransprengte , daß im Augenblick , als die Schranken geschlossen wurden , die Pferde fast auf die Kruppe zu stehen kamen , erkannten die Brüder Wildungen Melanie Schlurck . Egon , der von der Schönheit dieser majestätischen und in der grellen Beleuchtung des farbenreichen Abendhimmels doppelt blendenden Erscheinung mächtig ergriffen wurde , entdeckte sogleich , daß die Brüder die Reiterin kannten . Dankmar , statt ihm zu sagen wer sie war , fragte , ob er sich nicht einer ähnlichen Scene bei Hohenberg im Walde erinnerte ? Wohl , sagte Egon , das ist Dieselbe , die uns in dem Augenblicke begegnete , als uns von unserm Wägelchen der junge , rothhaarige Führer durchging , Schlurck ' s Schreiber ... Und dies ist Schlurck ' s Tochter , die schöne Melanie , wie man sagt die Verlobte jenes jüngern Mannes , der ihr zur Seite reitet , des Stallmeisters Lasally . Ich täusche mich nicht , es sind dieselben Herren wie damals . Der Justizdirektor Herr von Zeisel , und der Banquier von Reichmeyer ... die Andern kenn ' ich nicht . Siegbert grüßte über die Barriere hinüber ; nicht minder bewegt , wie Dankmar , der beim Anblick des schönen , ihm zu jeder Stunde so liebevoll und freundlich gewesenen Mädchens seine gewöhnliche Selbstbeherrschung verlor und nicht jede Frage verstand , die Egon an ihn richtete . Die Lokomotive kommt , sagte Louis , die Dame ist der Barriere zu nahe . Und Egon , sich auf den Anblick dieses Mädchens in jener Mondnacht , wo sie im Nachtkleide zum Fenster seines Schlosses in Hohenberg hinausblickte , von neuem wohlbesinnend , ergriffen von der Möglichkeit , daß das Roß des schönen Mädchens scheuen könnte , sprang auf und rief hinüber : Ich bitte Sie , Fräulein ! Reiten Sie zurück ! Reichmeyer und Zeisel zogen unablässig den Hut und schienen ganz die Meinung des Prinzen zu theilen ... Melanie lehnte sich von ihrem englischen Sattel ein wenig seitwärts , um die donnernd heranbrausende Lokomotive nicht zu sehen und kehrte ruhig lächelnd und für die bewiesene Theilnahme sich leicht verbeugend , als sie vorbei war , wieder in ihre alte Stellung zurück ... Lasally faßte ihre Zügel .... Sie schien es verhindern zu wollen ... In dem Augenblick fuhr der Train mit seinem feurigen Vorspann mit wuchtvoller , centnerschwerer Sicherheit über die Schienen hin ... Als er vorübergedröhnt war , wurden die Schranken geöffnet ... Egon ' s Pferde zogen an . Melanie mit einer eigenthümlichen Befriedigung auf Dankmar , Siegbert und den ihr bisher nur in einer Blouse bekannt gewordenen , jetzt endlich , endlich sichtbaren wahren Prinzen Egon herabsehend , sprengte nicht ohne Stolz und mit einem eigenen lächelnden Ausdruck an ihnen vorüber ... Die Andern folgten ... außer Herrn von Zeisel , der am Wagenschlage seiner Herrschaft hielt und um die Befehle der Durchlaucht bat , ihm Glück wünschend zu der ersten Ausfahrt . Bei diesem Wetter reiten Sie ? fragte Egon . Wir werden einen Sturm haben . Grillen eines schönen liebenswürdigen Mädchens , Durchlaucht ! sagte Zeisel etwas verlegen . Sagen Sie diesem Mädchen , daß sie ein Engel ist ! Kommen Sie doch morgen mit Heunisch ganz früh zu mir . Ich habe weitläuftige Aufträge für Sie ! Aber jetzt Adieu ! Adieu ! Grüßen Sie die Amazone ! Verspäten Sie sich nicht ! Herr von Zeisel zog den Hut ehrerbietigst und ritt in etwas unfreiwilligem Galopp seiner Gesellschaft nach ... Egon blieb einen Augenblick aufgerichtet im Wagen ... hielt sich , da die Federn schwankten , an der Rücklehne ... und schaute , trunken vor Interesse . Vom schwarzdunkelblauen Hintergrunde aus nahmen sich die Reiter wie die Boten des Sturmes aus . Ein Blitzstrahl zuckte über Melanie hin , eben als sie sich noch einmal umwandte . Der Schimmer erleuchtete bläulichweiß ihre edelgeformten Züge , in denen Siegbert , leise zum Ohre des Bruders gewandt , etwas Melancholisches , Kummervolles entdeckt haben wollte , das ihr sonst so fremd war ... Egon konnte , als sie weiter fuhren , nicht begreifen , wie ihm diese Erinnerung jemals hätte schwinden können ! War es die Sorge um die Störung durch den närrischen Einfall deines Begleiters , sagte er , oder lebten meine Gedanken nur in Dem , was ich auf dem Schlosse meiner Eltern vorhatte , ich erinnere mich wohl , auch schon damals von dieser blendenden Erscheinung überrascht gewesen zu sein , allein der Eindruck schwand und erst jetzt erneuert er sich in ganzer Frische . Wie sind diese Formen des Halses und der Brust so regelmäßig ! Wie vollendet gewölbt ist dieser Rücken , den ich mich nur erinnere , an einer Statue der Venus im Pariser Louvre gesehen zu haben ! Und diese Rundungen , die von den freien Schläfen und der klaren Stirn herab sich über die Wangen zum Kinn ziehen , wie weich ! Wie Wachs ! In dem Munde liegt ja ein ganzes Compendium jener Mimik , die Frauen von einer nicht zu excentrischen Leidenschaft und einer bewußten Wärme ihrer Empfindungen so sehr in der Gewalt haben ! Die Gebrüder Wildungen sahen von ihrer eigenen Liebe getroffen wehmüthig zu Boden ... Wie es zwischen jungen Männern zu geschehen pflegt , ihre Gespräche beginnen mit dem Universum und hören mit den Frauen auf . Es ist das einzige Thema , wo alle Parteien sich rasch verständigen und über den Begriff der Schönheit soviel Nüancen zulassen , wie nie über einen ideellen andern Gegenstand . Da ist der entgegengesetzteste Geschmack zu vereinigen und es läuft bei den verschiedenartigsten Wesen , die man vergleicht , immer darauf hinaus , daß Dasjenige für wahrhaft schön erklärt wird , was gefällt . Louis hatte in dieser Unterhaltung , die bei dem raschen Zufahren des Wagens sehr lebhaft geführt werden mußte , um sich verständlich machen zu können , die angenehme Genugthuung , daß Egon seine Beispiele lieblicher Erscheinungen aus der Frauenwelt von seinen Erinnerungen aus Lyon hernahm und mit einem dem Bruder Louison ' s gebotenen Handdrucke sagte : Louison hatte Alles , um zu gefallen . Augen , die nicht unstät umirrten , Augen , die , wenn sie empfand , stillstanden und Den , den sie ansah , ganz in sich aufnahmen , ja hinüberzogen wie in eine träumerische Vergessenheit aller Dinge ! Louison hatte die schönsten Zähne und lachte doch nur selten ! Wer die Eitelkeit der Frauen kennt , wird begreifen , was es heißt schöne Zähne haben und nicht jedes Wort mit einem Lächeln begleitet sehen . Stieg ihr dann aber auch der Schalk in den Nacken , wie konnte sie ausgelassen sein ! Wie schlug sie den Arm um meine Schulter und blies mir , wie ein Kind , dem Stäubchen in ' s Auge geflogen sind , so von der Stirn jede Wolke des Unmuthes ! Da konnte sie sich schmiegen , der zarten lieblichen Gestalt Wendungen geben , wie der Knabe einer Weidengerte . Ja , wenn ich oft zürnte und über Mancherlei schmollte , war ' s da nicht wie mit der Blume im Topfe , die der Sonne zugewendet blüht ? Man dreht den Scherben um , läßt die Blumenkrone in den Schatten sehen und in wenig Stunden langt sie mit ihren Armen doch schon wieder nach der Seite des Lichtes hin ! Ich will Louison ' s Andenken nicht entweihen und von ihrem Kusse sprechen . Aber Das kann ich ihren Zärtlichkeiten nachsagen , Louis , daß sie die Eingebungen des Herzens waren . Was das Raffinement des Verstandes , die kalte Leidenschaft , die gemeine Erfindung , die Liebe entweihend , an Mysterien der Hingebung nur ergrübeln kann , das kam unsrer armen Louison wie ein Einfall der Schalkhaftigkeit und Laune . Ich behaupte , jede Zärtlichkeit eines Weibes , die nicht der Herzensgüte entstammt , ist ein Gift und rächt sich durch den Überdruß . Ich hasse das stürmische , hastige Naschen vom Baume der Erkenntniß . Aber ekel sieht die Asche der verglühten Leidenschaft aus ! Ah , Louison ! Du hattest ein Geheimniß , das so Wenige verstehen : Du schwiegst , wenn du liebtest ! O wie beredtsam war dies Schweigen ! Wie genügte diese ruhige , stille , stundenlange träumerische Umarmung ! Dieser einzige Blick , wenn sie zu meinen Füßen saß und nur aufschaute und sagte : Rühr ' dich doch nicht ! Ich brauche nur deine Augen zu sehen ! Und Das that sie stundenlang , hielt meine Hand und schwieg . Und nun schweigt sie für ewig ! Die Einfahrt in die lebhafte Vorstadt , der Hinblick auf die eben aufblitzenden Gasflammen der dunkeln innern Stadt brach diese wehmüthige Wendung des Gespräches ab . Egon ermannte sich , dankte den Brüdern Wildungen für den freundlichen , ihm bereiteten Tag und bat nur entschuldigen zu wollen , daß er mit seinem Freunde Louis die Ruhe suche . Er fühle sich erschöpft , bedürfe für morgen gestärkter Kräfte und dann zu Louis sich wendend , sagte er : Mit Heunisch wirst du vielleicht noch heute sprechen , nicht wahr ? Laß mir jede Sorge , Freund ! antwortete Armand . Ihm und Zeisel übertrage das Delogement der wiedereroberten Andenken an meine Mutter ! Ich nehme die Sachen nach Hohenberg . Gnaden und Herablassungen dieser Art muß man so nehmen , wie sie geboten sind , sonst ängstigt man den Geber und läßt ihn glauben , man fühle sich durch seine Güte verletzt oder wisse sie nicht zu schätzen . Es trat eine Pause ein . Man hatte zuviel erlebt , zuviel Eindrücke führte man mit sich heim ... Der Wagen rollte pfeilschnell ... Doch sagte Egon , gleichsam um der Bekanntschaft des ihm so wohlthuenden Siegbert die letzte Weihe zu geben : Sprechen Sie noch heute die Fürstin Wäsämskoi ? Siegbert bejahte . Nun , so bereiten Sie mir daselbst für morgen einen günstigeren Empfang vor , als ich nach der schlimmen Meinung der Kinder scheine erwarten zu dürfen . Jedenfalls muß ich Rudhard sehen , dessen Namen ich so verehre , daß ich mich in Frankreich nach ihm nannte . Sagen Sie ihm Das ! Ich habe viel von Dem , was meine Mutter ihn so übel empfinden ließ , wieder gut zu machen und sind auch meine Mittel gering , so gehört er , das weiß ich , zu Den Menschen , die sich auch durch Gesinnung belohnt fühlen . Nahe beim Palais des Prinzen stiegen Dankmar und Siegbert aus und mußten versprechen , morgen bei Egon zu speisen . Wir haben auch wegen der Deputirtenwahl zu reden , sagte der Fürst lächelnd . Wohl , erwiderte Dankmar , diese Angelegenheit kann nicht schnell genug betrieben werden . Als Louis den Schlag von innen zudrückte , gab ihnen Dankmar , dem Arbeiter wie dem Prinzen , mit gleicher Herzlichkeit die Rechte . Die Brüder sahen dann dem Wagen nach , wie er rasselnd in das Portal des Palais einfuhr ... Bist du befriedigt ? fragte Dankmar , als sie allein waren . Vollkommen ! erwiderte Siegbert . Dieser Egon besitzt den Stoff zu einer großen Zukunft ! Was ich thun kann , ihn hochzuhalten , soll geschehen und müßt ' ich selbst der Schemel dazu sein ; sagte Dankmar . Warum sprachst du nichts von unserm Proceß ? fragte der Bruder . Bei günstigerer Gelegenheit . Wir sind ihm noch zu ideell ... Und nun : Guten Abend , Bruder ! Du gehst zu ... Wohin anders als zu meinen Kranken , sagte Siegbert fast wehmüthig . Denn Das sind diese Wäsämskoi ' s ! Sie bedürfen meiner um zu leben und ich fühle , wie qualvoll die Leiden ... eines Magnetiseurs sein mögen . Die Kleine ist lieblich , voll Charakter , reif zu einem Roman ! sagte Dankmar voll Herzlichkeit , die schmerzliche Wehmuth des Bruders wohlverstehend . Warum weinte sie ? Gewiß nicht deshalb , weil du nicht mit ihr fuhrst ... Sie weinte , sagte Siegbert bebend , weil sie glaubt , daß ich die Mutter liebe ... Richtiger , sagte Dankmar ernst und voll Schmerz , weil diese Mutter dich in Wahrheit liebt ! Siegbert schwieg ... Beide Brüder standen sich so voll innerstem Antheil gegenüber . Ich gehe nach Haus , sagte Dankmar , um für uns zu lesen , zu schreiben , zu arbeiten . Vielleicht auch noch etwas auf das Café Richter ! Komm ' nicht zu spät ! Die Brüder trennten sich mit innigem Händedruck ... Hätten sie noch einige Minuten gewartet , so würden sie noch Louis getroffen haben , der eben rasch , verstört und in großer Unruhe aus dem Portale trat ... Was war ihm begegnet ? Nichts , als daß er den Prinzen die Treppe hinaufführte und ein Licht aus einer der dienenden Hände nahm , um Egon in ein schon dunkles Zimmer zu begleiten ... Wie er an das letzte kam , dem Egon , um sich auf seine weichen Polster zu werfen , mit rechtem Verlangen schon näher entgegentrat , hörte er drinnen den jubelnden Ausruf einer weiblichen Stimme : Egon da bist du ! ... Er trat ahnend näher , das Licht erlosch , er hörte den feurigen Kuß einer sehnsuchtsvollen , zur rasendsten Ungeduld gesteigerten Begrüßung ... er fühlte eine weiche Hand , die einen elektrischen Schlag auszusprühen schien , die seine ergreifen und ihn mit einer einzigen Bewegung fast an die Thür zurückschleudern ... Er trat von selbst zurück . Die Thür fiel in ' s Schloß und wurde von innen verriegelt ... Louis stand eine Sekunde im Dunkeln , besann sich und suchte mit raschem Entschlusse , weil sein beklommenes Herz zu ersticken fürchtete , das Freie . Vergebens sah er sich nach den Brüdern um , von denen er nichts mehr entdeckte . Ein ferner Donner rollte und helle Blitze zuckten ... Dennoch langsam und tiefaufseufzend ging er der Wallstraße zu , um Heunisch ' s Abreise noch um einen Tag zu verhindern und sich durch einen freundlichen , Franziska dargebrachten Abendgruß für seine Befürchtungen über die Aussöhnung zwischen Egon und Helene d ' Azimont zu trösten . Vierzehntes Capitel Wahre innere Mission Als an demselben Tage Mittags Louise Eisold nach Hause gekommen war und sich in ihrem Hinterhofe auf der Brandgasse die steile Treppe an dem glatten Seile hinaufgeleiert hatte , wenn man einen Ausdruck der Mägde am Brunnen auf die Erleichterung des Emporsteigens über eine so halsbrechende Treppe anwenden will , waren ihre Kleinen über den Ausgang , der doch eine Stunde gedauert hatte , ungeduldig genug geworden . Das Jüngste , die kleine Johanna , wollte sich von Friederike und Heinrich nicht beschwichtigen lassen , und schon auf der Treppe , wo ihr eine Nachbarin , der sie die Aufsicht übertragen hatte , sagte , daß Alles gut stände , hörte Louise doch den kleinen Schreihals , den sie schon auf der Galerie durch laute Schmeichelworte beruhigte , ehe sie noch eintrat und das nach ihr verlangende Kind auf den Arm nahm . Das einfache Mahl war schon früh Morgens zubereitet und stand bei der warmen Asche auf dem Feuerherd . Der Brei für das weinende Kind war bald gewärmt und mit hundert Liebkosungen und Schmeichelworten , mit hundert scherzenden Anklagen ihrer selbst , auf ihrem Schooße ihm dargereicht . Als der letzte Löffel voll verspeist war , that es auf ein paar Strophen vom schwarzen und weißen Schäfchen die Äuglein zu und schlief ein . Jetzt kamen Riekchen und Heinrich an die Reihe des Speisens . Der kleine Zweijährige lärmte auch und jammerte . Dem gab Louise es aber schon derber mit Anwendung der Strafrechtsprincipien nicht auf sich , sondern den Kleinen selbst . Aber Heinrich beruhigte sich erst , als er die Löffel klappern hörte und Riekchen das Salzfaß brachte , das Louise immer zu vergessen pflegte . Nun fehlten freilich noch Linchen und Wilhelm , aber auf diese kleinen Zeitungsträger war nie sicher zu rechnen . Oft blieben sie über Mittag ganz aus und halfen sich durch Brot und schlechten Kaffee , den sie sich dicht bei der Druckerei in einem Keller geben ließen . Karl , der Älteste , aß draußen in der Willing ' schen Maschinenfabrik . Als Louise gebetet , vorgelegt , Brot geschnitten , sich und die Ihrigen mit der einfachsten Kost gesättigt hatte , deckte sie wieder ab und besorgte die Wiederherstellung der Reinlichkeit in der Küche . Dann lüftete sie das Fenster , um den Eßgeruch zu vertreiben . Hannchen schlief , auch Heinrich streckte sich jeden Mittag noch etwas in dem alten Lehnstuhl des seligen Urgroßvaters . Riekchen hatte im Zimmer keine Geduld , sondern kletterte die Stiege hinunter und hüpfte in dem Hof und auf der Straße umher . Louise aber ging an ihren Stickrahmen und eilte sich , das Versäumte nachzuholen . Heute nach der Anregung durch Franziska , durch das Gedicht , durch die Erinnerung an Hackert ging die Arbeit ganz besonders flink . Und die Aussicht auf die Waldpartie am nächsten Sonntag machte ihr die Hände vollends noch einmal so rührsam . Das äußere Leben armer Menschen , die fleißig sind , ist einfach . Eine Viertelstunde in Einem weg das Haupt gebeugt , immer den Rücken gekrümmt , dann einmal ein Blick durch die bleigefugten kleinen Fensterscheiben , ein Blick nur , ein ganz kurzer ... Es gibt immer etwas zu sehen . Ein Spatz fliegt an ' s Fenster , ein Käfer brummt in den paar bescheidenen Lack- und Resedastöcken draußen auf einem seit langer Zeit verwitternden Blumengerüst . Drüben auf dem Dache klettert behend eine Katze und schleicht mit ihren sammetweichen Pfoten behutsam um den großen Hauslaufknollen herum , der unter einer Dachluke wild hervorgewachsen ist . Bei jedem Blicke , den sich Louise alle Viertelstunden einmal gönnte , blieb immer etwas haften , was sie von der wogenden unruhigen inneren Welt , die in ihr lebte , ein klein wenig tröstend und beschwichtigend abzog und sollt ' es nur die