Weinend und bleich , wie Gaetana es dem Kammerdiener geschildert hatte , war Cäcilie in dem Zimmer der Baronin angelangt . Athemlos , in der höchsten Aufregung , erzählte sie derselben , was geschehen war ; aber wider ihr Erwarten machte sie auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten Eindruck . Vittoria hatte sich eben erst , dem schönen Wetter zu Liebe , ihr Ruhebett bis hart an die großen Fensterthüren ihres Zimmers tragen lassen und blieb , von den aufgespannten Vorhängen mild beschattet , ruhig liegen , während sie sich langsam und ohne jede Unterbrechung fächelte . Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster nieder , und mit ihrem Tuche die Thränen von der jungen Gräfin Wangen trocknend , sagte sie mit ihrer weichen , tiefen Stimme : Weine nicht , weine nicht , mein Kind ! Die Thränen ziehen Furchen , und aus den Furchen in eines Weibes Antlitz wächst kein Glück hervor ! - Komm , sei heiter , lächle wieder . Sieh mich an ! Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre Hände , schaute ihr in das Auge , küßte dann ihre Augenlider und rief : Hildegard war nicht für das Glück geschaffen , nicht für das eigene , nicht für fremdes ; ihr Blick ist unheilvoll ! Wir werden alle , alle glücklich werden , wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr verfolgen ! Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend , sich ereifernd und dann wieder schmeichelnd und scherzend , ließ Vittoria Cäcilie nicht zu Worte kommen , als diese ihr Erschrecken über den zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn erfolgten Bruch und ihr Bedauern über Hildegard ' s Schicksal auszusprechen wünschte . Und wenn es immer nicht leicht war , sich Vittoria ' s Einfluß zu entziehen , wo sie es mit Absicht darauf anlegte , Jemanden für sich und ihre augenblickliche Stimmung zu gewinnen , so fand Cäcilie es heute mehr als je unmöglich . Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem traurigen Verhältnisse zwischen Hildegard und Renatus viel zu leiden gehabt . Daß es ein unhaltbares geworden sei , das hatte Cäcilie gleich an dem Tage gefürchtet , an welchem sie den Jugendgespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah . Es war ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen . Von allen den Erinnerungen ihrer ersten Jugend , von denen Hildegard und auch die Mutter zu erzählen liebten , wußte Cäcilie nichts . Sie war um mehr als fünf Jahre jünger denn der junge Freiherr , sie war fast noch ein Kind gewesen , als Renatus in den russischen Feldzug gegangen war ; aber sie hatte es oft behauptet , daß dies eigentlich der Tag sei , dessen sie sich aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne , und daß sie erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende Vorstellungen von ihren Erlebnissen habe , die freilich einfach genug gewesen waren . Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwentrauer ihrer Mutter auf dem Lande , in dem Schlosse der ihnen verwandten Familie verlebt , von wo aus sie nach Richten gekommen waren . Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten , bis man zu Anfang der Freiheitskriege wieder auf das Land und nach Schloß Richten gezogen war , das die Mutter und Hildegard nur verlassen hatten , als sie zur Pflege der Verwundeten und Kranken sich in die Stadt begeben hatten . Cäcilie , die für eine solche Aufgabe noch zu jung gewesen , war unter Vittoria ' s Obhut in Richten geblieben , denn damals hatten die Gräfinnen und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit einander gelebt . Die Zerwürfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hatten sich erst später , erst als Hildegard , wie sie das nannte , zum Bewußtsein über sich und über ihre Pflichten , und über den Beruf des deutschen Weibes gekommen war , so schroff herausgebildet . Und läugnen konnte Cäcilie es nicht , das viele Nachdenken und die große Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger gemacht . Cäcilie war Hildegardens völliges Gegentheil . Sie dachte wenig nach . Sie kannte die Welt und die Menschen eigentlich nur aus den Schilderungen ihrer Mutter und aus den wenigen Büchern , welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen hatte . Zwischen die Gefühlsschwärmerei ihrer Schwester und die von leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittoria ' s gestellt , hatte sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen Empfindungen , sondern nur die Neugier bemächtigt , ob sie solcher Empfindungen wohl fähig sei ; und weil sie bei ihrer sehr zurückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war - denn fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit Jahren unter den Waffen - so hatte sie in alle jene Träume , ohne welche kein Mädchen sich entfaltet , das Bild des Jünglings verwebt , den sie am besten kannte , das Bild des jungen Freiherrn , des Verlobten ihrer Schwester . Schlank und schmächtig , schüchtern und ein wenig schweigsam , mit den sanften , blauen Augen freundlich lächelnd , so hatte sie sein Bild in ihrem Gedächtnisse bewahrt , und wie vor einem völlig Fremden hatte sie am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden , zu welchem die Jahre , die Strapazen des Krieges und das Leben in der bewegtesten und gewähltesten Gesellschaft von Europa den jungen Freiherrn ausgebildet hatten . Sein Haar war dunkler , seine Gestalt sehr kräftig , sein Blick , seine Sprache waren lebhaft geworden , und Cäcilie hatte in freudiger Bewunderung seiner Schönheit sich gesagt , daß ihre Schwester sehr glücklich sein müsse . Aber das Glück , das sie an dem liebenden Paare zu sehen erwartete , wollte nicht zum Vorschein kommen . Cäcilie bemerkte mit steigender Verwunderung die schwermüthige Zärtlichkeit ihrer Schwester und die Verlegenheit , mit welcher Renatus dieselbe eher zu ertragen als zu suchen schien . Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester dachte , so mußte es gewiß ganz anders sein , sagte sie sich ; denn sie war doch nicht des jungen Freiherrn Braut , sie liebte er nicht und sie liebte ihn auch nicht , aber es war doch Alles Lust und Freude zwischen ihnen , wenn sie einmal beisammen sein konnten , ohne daß Hildegard ' s ernsthafte Betrachtungen ihnen in ihrem Frohsinne Schranken setzten . Sie begriff es endlich gar nicht mehr , wie Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge ; sie selbst hatte Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und ihren kleinen Leiden ausschließlich beschäftigt gesehen , als eben jetzt . Sie war sonst mit der Schwester immer einig gewesen , oder doch gut mit ihr fertig geworden , denn ihre Neigungen und Gewohnheiten hatten sich , eben weil sie so ganz und gar von einander unterschieden waren , nicht gekreuzt ; aber seit Renatus wieder in der Heimath lebte , hatte auch das gute Verhältniß zwischen den beiden Schwestern sich mit Einem Male geändert . Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröhlichkeit ihrer jüngeren Schwester wie über die Rastlosigkeit beschwert , mit welcher sie bald Dies , bald Jenes mit Renatus unternehmen wollte , und sich vor Allem darüber beklagt , daß sie es ihr so schwer mache , ihren Verlobten zu irgend einer Sammlung zu bewegen oder auch nur ernsthaft mit ihm zu verkehren . Cäcilie hingegen war empfindlich darüber geworden , daß die Schwester sie wie ein Kind behandle , mit dem oder in dessen Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen könne . Sie hatte geklagt , daß Hildegard Alles an ihr tadle , von ihrer Art , sich zu kleiden , bis zu der Weise , in welcher sie mit dem Jugendfreunde , mit dem künftigen Schwager verkehre ; und als Cäcilie allmählich aus Ungeduld die Nähe der Schwester zu meiden angefangen , hatte Renatus sich zu ihr gesellt , um Hildegard zu zeigen , daß er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige . Laß ihr doch Zeit , über ihre Sorgen nachzudenken ! hatte Cäcilie übermüthig ausgerufen , wenn sie und Valerio den jungen Freiherrn zu irgend einem fröhlichen Unternehmen zu überreden getrachtet hatten ; und nachgebend und von der eigenen Neigung angetrieben , hatte Renatus sich mehr und mehr an Cäcilie angeschlossen , deren blühende Frische ihm das Herz erfreute . Es war ihm ein Vergnügen , Cäcilie laufen zu sehen , sie hatte die Anmuth eines Rehes . Es war ihm ein Vergnügen , sie reiten zu sehen , das Thier selbst schien von ihrer Lebenslust beflügelt zu werden ; und sie mit ihrer hellen Stimme lachen zu hören , war für Renatus vollends ein Genuß . Cäcilie aber gehörte nicht zu denen , die sich Sorgen machen , die Mutter und die Schwester thaten ' s , wie sie meinte , zur Genüge ; sie war immer guter Dinge . Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen , wenn Renatus sich bei ihr über seine Braut beklagte . Sei nicht böse auf sie , sagte sie ; sie ist ein wenig altjüngferlich geworden . Heirathe sie nur bald , dann wird sie eine junge Frau und auch wieder munter und vernünftig werden . Sie hat sich gar zu sehr nach Dir gesehnt . Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt ? fragte Renatus sie dann wohl . Ich ? Wie käme ich dazu ? Ich war ja nicht mit Dir verlobt ! Nur als Du in den Krieg gegangen bist , dachte ich , es würde mir das Herz zerbrechen , wenn Du sterben solltest ! Ich konnte mich damals gar nicht von Dir trennen ! Aber Du hast ' s nicht bemerkt , ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind ! Renatus sah sie betroffen an . Ganz plötzlich kam es ihm in das Gedächtniß zurück . Wie hatte er das vergessen können ? - Deutlich , aber ganz deutlich , erinnerte er sich jetzt , wie die leidenschaftliche Umarmung des kaum vierzehnjährigen Mädchens ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatte . So hatte Hildegard ihn nie umarmt . Er fühlte unwillkürlich ein lebhaftes Verlangen , einer solchen Umarmung noch einmal , von Cäcilien noch einmal theilhaftig zu werden . Wie bittend hielt er ihr die Hand hin , sie schlug herzhaft ein , er umarmte und küßte sie und sie gab ihm den Kuß mit ihren schwellenden Lippen fröhlich lachend wieder . Weßhalb sollte sie ihrem künftigen Schwager , weßhalb sollte sie Renatus auch einen Kuß versagen ? Sie that es niemals , wenn er sie darum bat , und er küßte sie jetzt oft genug . Nur jene erbebende Leidenschaft , die er wieder einmal , nur einmal wieder noch zu genießen wünschte , jene Leidenschaft nahm er an ihr nie wieder wahr . Es war Alles an und in ihr arglose , auf den Augenblick gestellte Fröhlichkeit , und diese war es auch , was ihre Nähe für Vittoria so angenehm machte , was Valerio an sie fesselte . Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie einen wahrhaften Zorn , und er war gegen ihre einzige Schwester gerichtet . Sie hatte es Vittoria verschweigen wollen , was oben unter der eigenen Mutter Augen zwischen Hildegard und ihr geschehen war ; aber der Schwester ungerechtes Mißtrauen , ihre Härte und ihre Heftigkeit waren gar zu groß , gar zu grausam gewesen . Vittoria hatte Recht : Hildegard war nicht zum Glück geschaffen , nicht für das eigene , nicht für fremdes Glück . Wie hätte sie sonst die Schwester , die ihr in mitleidvoller Liebe zu helfen und zu dienen bemüht gewesen war , so herzlos , so unnatürlich von sich stoßen können ? Cäcilie klagte , Vittoria hörte ihr ermuthigend zu . Als jene geendet hatte , sagte die Baronin : Und könntest Du jemals so voll Argwohn sein , wie Deine Schwester ? Nein ! nein ! ganz gewiß nicht ! rief Cäcilie . Wie kann man auch einem Menschen ein Uebel , ein Unrecht zutrauen , wenn man ... Sie hielt inne , denn die Gewohnheit der Schwesterliebe - und die Familienliebe ist ja überhaupt zu einem großen Theile Gewohnheitssache - hielt sie zurück , den Gedanken auszusprechen , der ihr eben erst gekommen war ; aber Vittoria ergänzte ihn sofort . Siehst Du es , siehst Du es nun , mein Kind , daß sie voll Arglist ist ? Weil sie von Jugend auf mit unermüdlicher Beharrlichkeit ihr Netz gesponnen und meinen armen Renatus , als er fast noch ein Knabe war , damit umgarnt hat , darum , darum allein hält sie Dich für fähig , das Gleiche zu thun ; darum traut sie Dir es zu , Du könntest , arglistig wie sie , ihr das Herz des ersehnten Bräutigams abwendig machen wollen . Als ob sie nicht selber alles dazu gethan hätte , ihn von sich zu entfernen , als ob ein Mann , so schön , so gut , so fröhlich und so gesund wie mein Renatus , dazu geschaffen wäre , sie seufzen zu hören und unter ihren kühlen Blicken zu erfrieren ! Per bacco ! Vittoria brauchte , wenn sie heiteren Muthes war , wie eben jetzt , wohl einmal einen heimathlichen Schwur - per bacco , wir werden Ursache haben , diesen Tag zu segnen , und mich verlangt danach , Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu umarmen ! Er wird schön aussehen , wenn er wiederkehrt und seinen Willen hat , denn er sehnte sich nach seiner Freiheit . Sie war so aufgeregt , daß sie sich erhob , um einen Gang hinaus in den Garten zu thun , und sie forderte ihren Schützling auf , sie zu begleiten . Anfangs weigerte Cäcilie sich dessen . Die Stunde war nahe , welche man für die Abreise der Schwester anberaumt hatte , sie wollte sie in dieser nicht verlassen , ihr dabei nicht fehlen . Vittoria nahm sie bei der Hand . Lügst Du auch , fragte sie , oder hast auch Du kein Blut in Deinen Adern , kein Feuer in der Brust , das in zorniger Flamme emporschlägt , wenn man Dich beleidigt ? Schäme Dich , Cäcilie , ich hatte besser von Dir gedacht ! Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend , sagte sie , während sie mit ihr die Terrasse entlang und in den Garten hinunter ging : Komm , mein Herz , es wäre nicht hübsch von Dir , Dich an ihrem Schmerze zu weiden , denn leiden - leiden muß man im Verborgenen ! Cäcilie gab endlich nach . Sie war selbst aufgeregter und in sich unentschiedener , als je . Sie hätte nicht sagen können , wie ihr eigentlich zu Muthe sei . Sie hörte auch nur halb auf die Schilderung , welche Vittoria ihr von dem ganzen Zusammenhange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte , denn Renatus hatte es der Baronin in seinem Mißmuthe einst anvertraut , wie er sich Hildegarden , von ihr dazu angetrieben , gerade in dem Augenblicke versprochen habe , in welchem er gekommen war , sich von ihr los zu sagen . Nur das Eine entging Cäcilien nicht , und die Baronin wiederholte es auch wieder und wieder : Renatus hatte Hildegard niemals geliebt ! Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen ! sagte Cäcilie sich mit einer Genugthuung , die sie überraschte , und gleich darauf fiel ihr die Schwester ein . Sie sah nach der Uhr . Jetzt hatte Hildegard das Schloß bereits verlassen . Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief . Sie dachte daran , daß auch ihres Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde , und die Thränen traten ihr bei der Vorstellung in die sonst so fröhlichen Augen . Sie hatte das Schloß und die Baronin Vittoria und Renatus und Valerio so lieb ! Sechstes Capitel Graf Gerhard hatte eine Krankheit überstanden . Mitten in einer Gesellschaft , bei einem Feste , das ein Kreis von alten Junggesellen sich gegeben hatte und bei dem es fröhlich genug hergegangen war , denn die Jugenderinnerungen waren den Herren bei dem Weine reichlich zugeflossen , hatte ein schlimmer Anfall ihn ereilt . Wie ein Schwindel , wie ein plötzliches Vergehen der Sinne war es über ihn gekommen . Man hatte ihn mit dem Beistande eines Arztes nach seiner Wohnung gebracht ; dort hatte er sich bald erholt , und die Krankheit hatte nicht lange gewährt . Jetzt war sie ganz vorüber . Nur eine Schwäche war ihm noch zurückgeblieben , und das Zittern in den Händen , das Renatus bei dem Wiedersehen seines Oheims aufgefallen war , hatte zugenommen , wenngleich der Graf es mit großer Geschicklichkeit zu verbergen wußte . Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet , die Wärme des Tages drang voll herein , obschon man mit den heruntergelassenen Markisen das Licht abdämpfte . In den großen Vasen auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen , Früchte , welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also aus Treibhäusern geliefert sein mußten , standen auf dem Tische vor dem Sopha , und in seinen seidenen Schlafrock gehüllt , genoß der Graf , von Polstern bequem gestützt , einer sehr behaglichen Ruhe . Bald sah er , wie das Sonnenlicht milde über die Bilder an den Wänden hinglitt , dann betrachtete er die Blumen in den Vasen . Ein Schmetterling , der sich in das Zimmer verirrt hatte , flog von der einen Vase zu der anderen , wiegte sich bald auf dieser , bald auf jener Blume und flatterte dann gaukelnd auf und nieder , wo die Sonne ihm am wärmsten schien . Der Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen zusehen können , ohne an etwas Anderes zu denken , hätte der Brief , den er in seinen Händen hielt , ihn nicht beschäftigt . Es war ein langer Brief . Er hatte ihn schon am verwichenen Tage erhalten und gelesen , aber er wollte ihn noch einmal lesen . Der Brief hatte ihn sehr gerührt , der Seelenzustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn . Er klingelte , befahl dem Diener , ihm die Brille zu reichen , welche er in seinem Schlafzimmer zurückgelassen hatte , ließ sich aus der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade einschenken , und nachdem er getrunken und den goldenen Theelöffel mit weiblicher Genauigkeit quer über den Rand des Glases gelegt hatte , um dem Diener ohne Worte anzuzeigen , daß er das Glas nicht wieder füllen solle , zog er den Brief aus seiner Umhüllung hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen . Er war aus Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben . » Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Thun , « hob der Brief an , » das mag Ihnen erklären , mein verehrter Freund , weshalb Sie erst heute von mir erfahren , daß ich in Pyrmont bin , daß ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin aufgehalten , ohne Sie , ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtigen , und daß ich Richten verlassen habe . Ach , ich habe mehr verlassen , als den Ort ! « Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab , und erst am folgenden Tage war die Fortsetzung desselben geschrieben worden . » Es ist eine lange Zeit vergangen , « hieß es in derselben , » ehe ich die Fassung gewann , mir selbst meine Zustände klar zu machen , und gestern , als ich mich stark genug glaubte , Sie , dessen tröstliche Theilnahme mir seit manchem Jahre das Hoffen erleichterte , in meine entmuthigte Seele , in mein gebrochenes Herz blicken zu lassen - gestern übermannte mich die Verzweiflung wieder mit ihrer ganzen Stärke . Jeder meiner Gedanken war wieder nur ein Aufschrei , ein Aufschrei der Klage gegen ihn , dessen Namen zu nennen mir jetzt ein Schmerz ist . Ich habe des Tages nicht vergessen , an welchem ich Ihnen , als wir in Richten zum ersten Male nach dem Kriege die Margarethenhöhe hinaufstiegen , die einfache Geschichte meines Lebens , die unbewußte Weise schilderte , in welcher mein Herz sich , von früher Kindheit an , dem schönen , verwaisten Knaben zugewendet hatte . Meine Liebe ist stets eine Kraft gewesen , die ich nur genoß , wenn ich sie im Dienste für Andere , in der Hingebung an Andere verwerthen konnte . Ich war sein , so lange ich mich meiner selbst erinnern kann , und seit sieben langen Jahren hat jeder meiner Athemzüge ihm gehört . Weshalb soll ich noch leben , da mein Dasein ihn nicht mehr beglückt ? - Schatten der Liebe , welche den Gegensatz zu ihrem Lichte bilden , haben Sie die bangen Zweifel geheißen , von denen meine Seele damals sich beunruhigt fühlte . Ach , ich wußte , daß mein ahnend Herz mich nicht betrog , daß es nicht vergebens sorgte und erbebte ! Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des Vaterlandes Ehre , und während ich in brünstigem Gebete jedes Haar seines Hauptes der Huld des Höchsten anempfahl , ist Renatus nicht nur von mir , ist er von der wahren Ehre abgefallen , ist er sich selbst verloren gegangen , ist er abwendig geworden der Liebe und der Treue , die er mir gelobt hat . Als er heimkehrte ! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen , die Wonne und das Glück , die ich empfand , die Seligkeit , mit der ich ihn in meine Arme schloß ! Aber in jenem ersten Aufzucken meines Herzens fühlte ich es - nur ich war glücklich , er war es nicht . Was habe ich nicht alles gethan , ihn wiederzugewinnen , was gelitten , ihn zu sich selbst zurückzuführen ! Es ist Alles vergebens gewesen , und meine Kraft ist erschöpft , meine Lebenslust dahin . Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe entschwunden . Der Termin für die neuen Contracte mit seinen Beamten war gekommen . Ich hatte ihn am Morgen heiterer als sonst gesehen , er sprach von seinem Vorsatze , auf seinen Gütern zu leben , ich knüpfte wider meinen Willen meine Hoffnungen daran . Aber der Mittag war nahe , der Amtmann hatte sich schon lange entfernt , und Renatus ließ sich nicht sehen . Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen , ich kannte seine Angelegenheiten besser als er selbst , ich hatte mich darauf vorbereitet , sie leiten zu können , wenn es ihm nach unserer Verheirathung nicht gefallen hätte , sich mit ihnen zu beschäftigen , und eben deßhalb hatte ich dem Rathe beigepflichtet , daß er die beiden andern Güter verkaufen solle . Glücklich mit ihm zu sein , war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Raumes genug . Den ganzen Morgen hatte ich mich gefragt : Was wird er thun , wozu wird er sich entschließen ? Die Ungewißheit ließ mir endlich keine Ruhe . Ich schickte nach seinem Zimmer , er war nicht dort . Man sagte , er sei in den Park gegangen . Ich konnte nicht anders , ich mußte ihn sehen . Man reißt nothgedrungen sein Herz von dem geliebten Herzen eines Mannes los und verlernt es doch nicht , um den zu sorgen , der uns von sich stößt . Ich ging in den Park hinab , ich suchte Renatus in den Wegen , welche ihm die liebsten waren , nur seine Fußtapfen sah ich , er war nicht dort .. Er fand die Laune spazieren zu gehen , und sagte sich nicht mehr : Hildegard wird am mich denken , wird um mich sorgen ! Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur . Dann ging ich auf die Margarethenhöhe hinauf , und kaum dort angelangt , sah ich ihn von dem Rothenfelder Kirchpfade den Weg in die Höhe kommen . Das Herz schlug mir vor Freude , wie ich ihn in seiner Schönheit so leicht einhergehen sah . Ich wußte nicht , was ich that , als ich , der inneren Stimme folgend , so schnell ich konnte , ihm entgegeneilte . Sonst , wenn ich , noch ein halbes Kind , so im Laufe von der Höhe zu ihm heruntergeflogen war , hatten seine Arme sich mir entgegengebreitet und ich hatte mich an seine Brust geworfen mit dem Glücksgefühle , daß ich im Hafen sei . Jetzt , als ich athemlos vor Freude und Erregung vor ihm stand , mußte ich beschämt die Augen niederschlagen , um es nicht zu sehen , wie wenig die unerwartete Begegnung ihn erfreute . Wo kommst Du her ? fragte er mich , ohne mir auch nur die Hand zu reichen . Ich habe Dich gesucht , gab ich ihm zur Antwort ; ich befürchte , daß Du keine gute Verhandlung mit dem Amtmann hattest , daß es zu keinem Abschlusse gekommen ist ! - Und als ich das ausgesprochen hatte , fiel mir ' s auf das Herz , daß zwischen mir und ihm schon seit lange immer nur von seinen Geschäften die Rede gewesen war . Obschon die Mittagssonne heiß herniederbrannte , wollte ich über die Wiese den Rückweg nehmen , weil es uns am schnellsten nach dem Schlosse gebracht hätte , und ich scheute mich , mit ihm allein zu sein , weil es mir dann immer am schmerzlichsten fühlbar wurde , wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte . Wider mein Erwarten äußerte er die Absicht , über die Höhe nach Hause zu gehen . Als wir hinaufstiegen , bot er mir den Arm . Ich wollte fragen , mich erkundigen ; er hieß mich schweigen , meine Brust zu schonen ; aber auch er sprach nicht zu mir . Die Sonne erwärmte das Laub und die Stämme , daß uns aus den dicht verschatteten Gängen überall ein warmer Blätterduft ntgegenquoll . Von Zweig zu Zweig huschten die Vögel an uns vorüber , es sang und zwitscherte rund um uns her , es blühte , wohin man sah , und dazwischen zuckte und flammte das Sonnenlicht bald hier , bald dort zwischen der dichten Blätterfülle hervor und streute seinen glühenden Wiederschein über das grasige Erdreich hin , daß man wie auf dunkelrothen Blumen ging . Mitten in der Traurigkeit , die sich während dieses schweigenden Ganges immer lähmender auf mich herniedersenkte , wirkte die Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein , und um nur die Stille zu unterbrechen , um nur nicht zu merken , wie einsam ich an seiner Seite sei , sagte ich : Siehst Du denn nicht , wie schön es hier ist ? Gewiß ! entgegnete er mir , es wird mir schwer genug werden , es wieder zu entbehren . Ich war nicht gleich im Stande , ihm auszudrücken , wie unerwartet mir seine Antwort kam , aber er mochte mein Erstaunen in meinen Mienen lesen , und ehe ich noch ein Wort gesprochen hatte , sagte er : Mein Urlaub geht zu Ende , unser Regiment kommt in den nächsten Wochen über den Rhein zurück . Ich muß es zu erreichen suchen , um meine Compagnie doch selbst in die Hauptstadt einführen zu können . Er sprach das so einfach , so natürlich - und welche Grausamkeit wäre einem treulos gewordenen Herzen nicht natürlich ? - daß er mich täuschte . Ich war es schon gewohnt worden , ihn nur an seine eigenen Wünsche denken zu sehen , und das Verlangen , mit den Tapfern , in deren Mitte er gekämpft hatte , unter unseres geliebten Königs Augen in die Hauptstadt einzuziehen , war ja ein berechtigtes . Ich selbst sehnte mich danach , ihn an der Seinen Spitze , im Siegesschmucke , im deutschen Eichenkranze zu erblicken . Indeß ich unterdrückte diesen Wunsch , und nur die Frage that ich , wann er gehen wolle . Sobald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe ! Du denkst also , ihn zu behalten ? erkundigte ich mich . Ja , als Pächter ! entgegnete er kurz . Mein Erschrecken war groß , indeß ich hatte seit lange die Erfahrung gemacht , daß meine Bitten , meine Vorstellungen ihn nicht bestimmten . Du hast also Deine Absichten geändert , Du willst die Güter nicht selbst bewirthschaften , wie Du es noch vor wenig Tagen vorgehabt hast ? erkundigte ich mich . Nein ! sprach er sehr bestimmt . Ich wußte mir nicht zu erklären , was geschehen sein konnte , ich schwieg also ; aber das reizte seine Ungeduld , und heftiger , als es zu verantworten war , rief er : Sprich es doch aus , was Du denkst , und hülle Deine Unzufriedenheit nicht in dieses Schweigen , das mich verdammt , weil ich endlich , endlich einmal von den Sorgen freizukommen wünsche , die mein Erbtheil gewesen sind von Jugend auf ! Was habe ich denn bis jetzt von meinem Leben , von diesen Gütern anders gehabt , als Sorgen ? Von unseren übeln Vermögensumständen habe ich den Caplan sprechen hören , als ich mich , ein Knabe , noch an Märchen zu ergötzen wünschte ! Um unserer Vermögensverhältnisse willen schickte man mich in das Heer , in einem Alter , in welchem mein Vater in wahrhaft königlicher Freiheit mit seinem Erzieher die halbe Welt durchreiste ! Als ich nach längerer Zeit ins Vaterhaus zurückkam , empfing mich die Kunde , daß unsere Lage es für meinen Vater nöthig mache , auf mein mütterliches Erbe zurückzugreifen , und ich gab es hin ! Im Feldlager , am Vorabende der größten Schlacht , erreichten mich mit der Nachricht von meines Vaters Tode die Berichte über unseren sich entwerthenden Besitz ! Am Beiwachtfeuer , auf dem Siechbette im Lazareth , in den Sälen von Paris , bei dem Wiedersehen des Onkels , in dem Bureau von jenem Tremann und hier in meinem Hause höre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied ! Und wenn einmal der Schatten