wir . Sie riefen auch hier die Wirkungen hervor , die von Bonaventuras Auftreten unzertrennlich scheinen . Der Kreis von Bekanntschaften , der ihn schon wie gefangen nahm , wuchs . Seine Oberaufsicht über den Gang der kirchlichen Angelegenheiten in diesem Sprengel war mehr eine formelle Pflicht . Bonaventura erkannte dann auch zu sehr die Heftigkeit seines untergebenen Pfarrers , um mit einem Naturell zu streiten , das nicht zu ändern war und sogleich auch für seine Unarten als Vorwand heilige Namen hatte . Ironie half ihm gegen Uebertreibungen . » Denken Sie das ? « » Ziehen Sie das also wirklich vor ? « Von Witoborn ' s Geistlichen und Mönchen kam Bonaventura regelmäßig heim wie aus einem Kriegslager . Die stillen Abendstunden auf Schloß Westerhof waren dann glückselige Momente . Terschka , Benno und Thiebold theilten sie , und da Armgart nicht immer zugegen war , blieb Paula der alleinige Mittelpunkt . Armgart wurde allerdings auch für Bonaventura mit der Zeit befremdend . Sie wanderte zwischen Westerhof und Heiligenkreuz , oft ganz allein , ohne die mindeste Furcht , selbst wenn sie durch einen ansehnlichen Wald gehen mußte . Bonaventura sprach von ihrer Mutter und von ihrem Vater mit gleicher Unbefangenheit . Eine Parteilichkeit für Benno entdeckte er nicht , mehr noch für Thiebold , am meisten für Terschka , der ihm gleichfalls neu und nicht sogleich erklärbar war . Terschka nannte Armgart eine Cactusblume . Der Onkel erläuterte : » Brennendroth und von einer schönen Zeichnung , aber gewachsen auf einem gefahrvoll stachlichten Stamm ! « ... Nun geht es so , daß Menschen , die gerade das Bedürfniß haben , sich aneinander anzuschließen und sich einen hohen Werth einzugestehen , doch nur durch Reibung und Aneinanderstreifen sich nähern . Bonaventura hatte noch nichts von Thiebold ' s Buße vernommen und nur ewig Terschka und Terschka hört ' er - ? Wäre das möglich ! sagte er sich . Armgart , ein Mädchen wie ein Thautropfe , und dennoch , dennoch eine so schnelle Wandelung - ? Hier lag ein Räthsel vor und er erklärte sich ' s aus der Schwäche des weiblichen Gemüths und zürnte ihr und strafte sie schon oft oder » trumpfte sie ab « , » duckte « sie , wie es die Tante Benigna mit wahrer Genugthuung nannte ... freilich nur durch ein Lächeln oder eine kurze ironische Zwischenfrage . Ehe hier tiefere Blicke und Verständigungen folgten , kam dann die bange Fahrt zum Schlosse Neuhof , an dem Tage , als es hieß , der Kronsyndikus ist im Arm seines plötzlich angekommenen Sohnes , des Präsidenten , verschieden . Die schuldige Rücksicht verlangte , daß Bonaventura den zweiten Gatten seiner Mutter auf diese Nachricht sofort besuchte . Daß die Mutter nicht mitgekommen , wußte er . Er traf am Montag den Präsidenten in der ganzen Erregung , die ein längst vorausgesehener Fall , dessen endliches Eintreten man sogar den Umständen nach wünschen mußte , zuletzt doch hervorzubringen pflegt . Sein Stiefvater war auffallend gealtert . Er begrüßte Bonaventura mit all der scheinbaren Herzlichkeit , die ihm zu Gebote stand . Seine Gesundheit erklärte er nicht für die beste , sprach von Reisen nach dem Süden , von seinem Abschied , den er nehmen wollte , von den Schwierigkeiten , die sich bei Abwickelung seiner Erbschaft ergäben , von dem Mistrauen , das ihm infolge des Kirchenstreits hier um seiner amtlichen Stellung willen entgegentreten würde . Er brachte Nachrichten vom Kirchenfürsten , der in seiner Gefangenschaft sich mit Ruhe in sein Schicksal ergäbe , wäre er sich doch bewußt , Anlaß einer Aufregung gewesen zu sein , die seinen Grundsätzen jetzt zugute kam ; er rauche seine Pfeife , ginge auf den Wällen der Festung spazieren und wünsche nicht einmal die politischen Demonstrationen , die der Adel der diesseit und jenseit des großen Stromes gelegenen Provinzen beim Landesfürsten unternähme - » sie könnten ja nur in jenem revolutionären Sinne gedeutet werden , den er nie befürwortet hatte ; denn die Kirche hätte nichts mit der neuen Richtung des Lamennais gemein , sie wäre alt genug und könne immer noch warten und warten bis ihr die geistige Hülfe käme « ... Von der Mutter sagte der Präsident , sie würde auf dem Schlosse , das sie nie besucht hatte , gleich nach dem Begräbniß eintreffen . Der Präsident war kälter , wortkarger und verschlossener denn je geworden . Am Begräbnißtage saß Bonaventura in dem Trauerwagen neben dem Stiefvater . Wohl sah er , daß selbst diese starren Züge erregter wurden , als sich der Zug dem Düsternbrook näherte . Als die Scene an der Eiche vorfiel , erblaßte der Präsident ; das Wort erstarb auf seinen Lippen ; in eine Ecke gedrückt wartete er ab , bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte . Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust , als die Störung vorüber war und ihm Bonaventura zu seiner Beruhigung die leisen Worte sprach : » Paulus sagt : Der Tod ist der letzte Feind ! Nun wird ja Friede sein ! « ... Zum Kloster Himmelpfort gehörte eine große , nicht ungefällige , lichthelle Kirche . Sie lag an der Spitze eines der Winkel , die durch ein großes Viereck gebildet wurden ; durch eine Mauer gebildet , die das Kloster einschloß . Das Kloster selbst , ein zweistöckig Gebäude , mit einem Thürmchen versehen , gehörte dem siebzehnten Jahrhundert an , die Kirche dem achtzehnten . Ringsum standen Obstbäume ; im Innern des Klostergartens waren die Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation für den Sommer an . Hinter einem dieser kleinen Fenster , die ringsum das viereckige Gebäude erhellten , wohnte Klingsohr . Ihn sah man nicht unter den Franciscanern , die den Sarg begleiteten . Auch den Bruder Hubertus , auf den Bonaventura nach allem , was er über den » Abtödter « durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wußte , begierig sein mußte , konnte er weder beim Beginn des Zuges noch jetzt entdecken und an der verhängnißvollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen gewesen , den die andern Wagen ungehinderter hatten , der Anblick , wie plötzlich unerwartet auftauchend Hubertus mehr der Störung durch den Musikanten , als der Anrede des Sarges durch einen andern Störer der Todtenruhe , durch den Küfer , ein Ende machte ... Die Kirche diente als Erbbegräbniß vieler ringsum wohnenden Adelsfamilien . Bilder sah man , Seitenaltäre und Beichtstühle , keine Säulen oder Bogen . Der Hochaltar war im Stil der Franciscanerkirchen ; jeder Orden hat seine eigene Weise , seine eigene geistige und physische Farbe sogar , die er seinen Kirchen anhaucht . Bei den Franciscanern ist alles braun , mäßig vergoldet , hier und da ein blaues Band etwa an einer Maria , ein weißer Schimmer etwa von der Taube , die über dem Tabernakel schwebt ; regelmäßig steht der Ordensstifter vor dem Crucifix mit dem bekannten ekstatischen Liebesblick der Ergebenheit , mit seiner auf das Herz gelegten linken Hand ; der Fußboden ist von Stein , die Wände sind weiß , nur hier und da vom Ruß der Lichter angeschwärzt ; das Ganze einer solchen Franciscanerkirche ist dem Volk eingehend durch eine gewisse altfränkische Einfachheit wie die Heimlichkeit alter , von Großältern ererbter , braungebeizter Möbeln mit geschweiften Bogen und bronzenen Schlüssellöchern und Ringen an den Schubläden ... Hier war es , wo der Kronsyndikus in die Gewölbe gesenkt wurde ... Das über ihn Unausgesprochene , doch von allen Gefühlte verklang in dem Brausen einer stattlichen Orgel ... Der Provinzial- Guardian fand auf dem bereits auf dem Schlosse von Weihduft überräucherten Sarg auch jenes Stückchen Tuch nicht mehr , das wol in den Schnee gefallen sein und im Schmelzen desselben an der Frühlingssonne vermodern wird ... Da Bonaventura Klingsohr besuchen wollte , behielt er eine der Trauerkutschen zurück ... Der Präsident versprach , bald auf Westerhof zu erscheinen und dann auch sogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht angekommenen Mutter Bonaventura ' s. Der ehemalige Graf von Zeesen , der jetzige Pater Ivo , wurde von Bonaventura bald entdeckt ... Klingsohr hatte ihm ja im vorigen Jahre seine Geschichte erzählt ... Er wußte , daß seine ehemalige Verlobte als Schwester Therese bei den Karmeliterinnen wohnte ... Ein hagerer , blasser Mönch kam mit einem Weihwedel daher und wehte durch die Luft , als stäubte er auch diese rein ... Die Gäste , das Gesinde , die nachdrängenden Landbewohner hatten die Kirche verlassen ; nur einige Arbeiter blieben , die über die Oeffnung , in die der Sarg des Kronsyndikus hinuntergelassen , wieder die Steinplatte zu legen hatten ... Nach drei Uhr war es ... Die Brüder hatten auf dem Schlosse eine Art » Frühstück im Stehen « eingenommen ... Ob wol da noch Pater Ivo das Brustbild seines alten Freundes Jérôme erkannt hatte ? ... Dort summte er , ohne aufzusehen , Lieder zum Lobe Mariä ; auch hier that er es ... Niemanden blickte er dabei an , niemanden gab er Antwort ... Er lebte nur sich und Maria ... Sein Eigenthum war an die Landschaft gegeben worden für eine Irrenanstalt , deren die Provinz - immer dringender bedürftig wurde ... An der Oeffnung , in deren Tiefe der silberbeschlagene Sarg blinkte , mußten eine Menge Melusinen sitzen ... wie huschte er dahin daher mit seinem Wedel und jagte die Unheiligen fort ! Es ist Pater Ivo ! sagte ein junger Mönch , auf Bonaventura zutretend . Er ist irr ' , wie Sie wol sehen , Herr Domherr ! Der junge Mönch nannte sich Pater Quirinus ... Er hatte ein Bund Schlüssel in der Hand , wollte erst die Schränke schließen , in welche der Guardian seine Meßopferkleider , die Mönche die Requisiten der Räucherung des Sarges und die Tücher gelegt hatten , auf denen er ausgestellt gestanden hatte ; dann galt es , das Hauptportal der Kirche zu schließen - für die Arbeiter und Betbedürftigen gab es einen allen Bewohnern der Gegend bekannten kleinen , versteckten Nebenausgang . Bonaventura sah sich erkannt , sprach sein Verlangen aus , den Pater Sebastus zu besuchen , und willigte gern ein , die Erlaubniß dazu so lange abzuwarten , bis Pater Quirinus sein Amt beendet hatte ... Er begleitete ihn auf seinem Rundgange hinter der Sakristei ... Mit der größten Unbefangenheit sagte der junge , frisch und blühend aussehende Mann und mit einer ganz gewöhnlichen Sprechweise : Unser Bruder Hubertus ist nicht zugegen ! Er kam gerade recht von einer Reise , um die unverschämte Störung durch den Musikanten abzutrumpfen ! Viel lügt man auch über den Kronsyndikus ! Wir hier müssen ihn schätzen ! Manches , was Sie hier an Gold und Silber sehen , haben wir in seinen letzten Tagen von ihm bekommen ! Dem für einen Geistlichen fast zu resoluten jungen Mann erwiderte Bonaventura : Als sich der Verstorbene vor einigen Jahren sein Erbbegräbniß neu herrichten ließ , widersprach , hör ' ich , der selige Provinzial Henricus und schrieb deshalb nach Rom ... Ganz recht ! erwiderte der junge Mönch . Cardinal Ceccone schickte durch Vermittelung des Ministeriums den Spruch der heiligen Pönitentiarie . Der Kronsyndikus legte eine Generalbeichte ab , die an unsern Ordensgeneral nach Rom gegangen ist . Seitdem kam der Befehl , ihm keine der geistlichen Wohlthaten zu entziehen ... Der junge Mönch machte Anstalt , Bonaventura alles zu zeigen , was die Kirche an alten Bildern , kostbaren Gefäßen und gestickten Gewändern besaß ... Bonaventura ließ es geschehen ... Konnte er sich doch indeß in die Vorstellung finden , diesen abgerissenen Fußboden dort im Zusammenhang mit Rom zu wissen ! Cardinal Ceccone , der politische Lenker der Geschicke des Kirchenstaats - der Großpönitentiar und Oberinquisitor der ganzen katholischen Welt - der General der Franciscaner - drei höchste Würdenträger der Kirche betheiligt an dem aufgedeckten Leben des Kronsyndikus ! Dort vielleicht alles enthüllt , was hier der Welt ewig unbekannt blieb ! Dort vielleicht alle Schleier hinweggezogen , die seit Jahren über dem Leben auf Schloß Neuhof hingen ! Dort vielleicht auch die Gründe bekannt , warum seit Jahren der Dechant nur mit dem Ausdruck des größten Mismuths seines alten Freundes , des Kronsyndikus gedachte ! Dort auch vielleicht - ein Zusammenhang - es durchzuckte ihn das so - mit jenen Drohungen , die Lucinde gegen ihn selbst auszustoßen gewagt ? Der junge Mönch entfaltete kostbare Meßgewänder , warf sich sogar eine » Kasel « um und zeigte mit wohlgemuther Freude , wie schwer sie an echtem Golde war ... Die ist noch nicht zu alt ! sagte er . Die verstorbene Frau von Wittekind hat die köstliche Arbeit , die in Paris gemacht wurde , vor vierzig Jahren gestiftet ... Das war die Schwiegermutter seiner Mutter ... Pater Ivo ging leise singend vorüber , huschte mit dem Weihwedel und jagte die Geister fort ... Pater Quirinus sah ihm lachend nach , während Bonaventura in Rührung stand ... Beim Oeffnen der übrigen Schränke und dem wiederholten Anlegen der kostbaren Gewänder durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkommenden Fehler seiner geistlichen Brüder , Eitelkeit auf ihren malerischen äußern Schmuck beim Cultus . Die Mönche von Kloster Himmelpfort lasen ringsum in kleinen Kapellen die Messe ... Rom hält die Menschheit doch an tausend Fäden ! sagte sich Bonaventura ... Als der junge Mönch eine Anzahl Gefäße aus dem Verschluß doppelter und dreifacher Schlösser hervorholte , fragte er ihn : Warum traten Sie in den Orden ? Es war mir die beste Versorgung ! erwiderte der junge Mann ... Ich bin armer Aeltern Kind , wollte studiren , brachte mich kümmerlich durch und hatte keinen Muth , auf die Universität zu gehen . Ich wollte ins Postfach , meldete mich und wurde wegen Ueberfluß von Meldungen nicht angenommen . Eine Braut , die ich hatte , wollte nicht länger warten und heirathete mir vor der Nase weg einen andern . Das verdroß mich . Ich wußte nicht , was anfangen , und ging ins Kloster . Zwei Jahre war ich Novize . Jetzt hab ' ich die Weihen und bin versorgt . Sie wollen nicht höher hinauf ? Haben keinen Ehrgeiz ? fragte Bonaventura , erstaunt über diesen Mangel an Empfindung bei einem doch so traurigen Geschick ... Nein ! war die unbefangene Antwort ... Also gibt Ihnen der Schmerz über die Täuschung durch Ihre Liebe diese Kraft , so zu entbehren und zu entsagen ? ... Meine Braut handelte vernünftig ! Ich hätte erst zehn Jahre auf eine Anstellung bei der Post oder im Steuerfach warten müssen ! Jetzt hab ' ich mein Brot ; für mich freilich nur allein , aber das kann man ertragen ... Währenddessen schloß der junge wohlgenährte Pater einen Schrank nach dem andern auf und zu , knixte erst vor jedem geweihten Gegenstande , zeigte ihn dann , schloß ihn wieder mit einem Knix ein , alles nach derselben Cadenz und mit der größten innern Befriedigung . Bonaventura konnte sich in eine solche Weihelosigkeit nicht finden . Er mochte noch immer glauben , daß hier ein Schmerz überwunden und für die Zufriedenheit an diesem Berufe vielleicht auch Pater Hubertus ' Abrichtung gesorgt hätte ... Auch Ihnen hat zu dieser wohlgemuthen Ergebung in manche Entbehrung gewiß der » Bruder Abtödter « verholfen ? fragte er ... Pater Quirin lachte ... Na ja ! sagte er . So kennen Sie also auch den alten Knaben ? Er konnte sich lange nicht in den Frieden finden , den die Kirche mit seinem alten Feinde schloß , mit dem Kronsyndikus ! Allen ist aufgefallen , daß er doch gerade heute zurückkehrte und sogar für Ordnung sorgte . Knochen hat er wie Eisen - aber mich brauchte er nicht zu bändigen ! Ich thue hier , was ich muß . Wir haben alle unsere leidliche Bequemlichkeit . Ich zeige Ihnen das Refectorium ... Entbehren Sie gar nichts ? fragte Bonaventura im Weitergehen ... Gewiß nichts ! antwortete Pater Quirinus und küßte mit gemachter Andacht eine Monstranz , die über und über mit Edelsteinen besetzt war und nur bei den höchsten Veranlassungen aus diesen wohlverwahrten Schränken genommen wurde . Diese gleichbleibende Gelassenheit streifte in Bonaventura wiederum alle Blüten ab . Er konnte sich nicht finden und erinnerte wenigstens an den Zauber der Freundschaft und des Zusammenlebens in einem Kloster ... Aber auch dem erwiderte der junge Mann : O nein ! Wir sind hier zusammen keine Freunde ! Es ist auch gut so ! So wie wir uns aneinander anschließen , fangen wir an über unsere Verhältnisse Gedanken zu haben ; dann verbittern wir uns vieles , worüber wir jetzt nicht grübeln . Jeder ist besser für sich ! Diese Freundschaften kommen also doch vor ? Selten ! lautete die Antwort , während sich der Mönch umsah und jetzt leiser sprach . Sowie sich zwei Brüder allzu sehr aneinander schließen , im Garten zu oft zusammen spazieren gehen , sowie man bemerkt , daß sie bei Tisch zusammensitzen wollen oder auch auf der an der Thür des Guardians hängenden Tafel über unsere Wochenverrichtungen zu häufig zusammenzukommen suchen , so werden die Leute getrennt . Das ist ja eine Grausamkeit , wallte es in Bonaventura auf ... Der einzige Trost der Einsamkeit - der freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefühle ! Der Rückblick auf ein vergangenes Leben ! Die gemeinschaftlichen Tröstungen an den Quellen des Wissens und des Denkens ! ... Aber er durfte alles das nur durch Seufzen ausdrücken und sagte sich im stillen : O die Menschennatur ist doch im Durchschnitt ganz so wie bei diesem jungen Manne ! Was ist bei Tausenden ihre geistige Meinung ? Ihr Bedürfniß nach Erhaltung , Ernährung , Unterkunft ! Solche Institutionen wie die Klöster glaubt ' ich auf Felsen gebaut und ich sehe : Einen Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhäuser umblasen ! Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster . Ein Kreuzgang von allein , morschem Holz führte zu ihm hinüber . An der Wand der Kirche hingen , allemal einer Oeffnung an der andern , in einen mit Schnee bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegenüber , Bilder , die von einem Tüncher verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten . Jedes derselben war geistlos . Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geschmack sowol der Malerei , wie den Stil der Unterschriften erkennen . An die Poesie eines winterlich romantischen Klosterkreuzgangs , wie ihn unser Lessing gemalt hat , war hier nicht zu denken . Eine hölzerne Gitterthür führte ins Kloster . Pater Ivo schlenderte leise singend in einem der langen Gänge und Quirinus sprang fast wie ein Tänzer mit seiner langen Kutte voraus , um dem Provinzial-Guardian Maurus die Meldung zu machen ... Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium . Es ähnelte einem Wirthshauszimmer auf dem Lande mit alten Holzpfeilern , mächtigem Ofen , Stellagen zum Aufschichten der Eßgeräthschaften . Von hier aus sah man durch kleine Scheiben in den innern , strohbedeckten Garten ... Bonaventura sehnte sich , ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen ... Aus Lucindens Beichte wußte er ja , daß er hatte nach Belgien entfliehen wollen ... Sie hatte ihm sogar die Ueberredung , daß Sebastus zu den Jesuiten hatte entfliehen wollen , nicht verschwiegen ... Daran nun zu erinnern war Bonaventura freilich verboten ... Alles , was er etwa Lehrreiches , Warnendes oder Ermunterndes gerade über diesen Punkt mit dem Convertiten hätte sprechen können , mußte ausdrücklich unterbleiben ... Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm wissen , als was Sebastus selbst voraussetzen konnte ... Er mußte unwahr sein . Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkrüge der Mönche musternd , hörte er Quirinus ' Rückkehr ... Dieser kam bestürzt . Er sagte , der Pater Sebastus hätte eine Pön verwirkt und sollte niemanden sprechen ; der Provinzial würde sogleich selbst erscheinen und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen ... Bald auch kam Pater Maurus . Aeußerlich war er nicht zu unterscheiden von allen andern Mönchen . Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit Bauern aus Tivoli fahren , hat neben sich einen einfachen Mönch in weißem Kleide sitzen und weiß nicht , daß es der großmächtige General der Dominicaner ist ... Pater Maurus war ein hoher , starkknochiger Mann . Seine buschigen und schwarzen Brauen lagen trotzig über den funkelnden Augen , die sich den Ausdruck der Unterwürfigkeit gaben . Immer erstarb sein Lächeln ebenso rasch wie es kam . Eher glich dieser Mönch einem Gefängnißwärter als einem Boten des Friedens . Pater Quirinus zog sich zurück ... Der Provinzial und der Domherr setzten sich auf die nächsten Holzschemel ... Vergebung , Herr Domherr , sagte der Provinzial , wir haben mit dem Pater Sebastus einen schweren Stand ! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Residenz des Kirchenfürsten zurück mit dem Bedeuten , ihm jede schriftstellerische Thätigkeit zu untersagen , jede Theilnahme an unserm gegenwärtigen traurigen Kampfe . Die Weisung war überflüssig , da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine Zeit lang ernste Besorgnisse einflößte . Seit einiger Zeit geht es ihm besser ; doch ließen wir ihn in der Krankenstube , weil er , in seine Zelle zurückgekehrt , seine Pflicht , Nachts zwölf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen , um zu singen , wie jeder andere hätte erfüllen müssen . Heute in aller Frühe besuchten ihn zwei Fremde , ein Jude und jener Mensch , dem wir vor wenig Stunden den frechen Auftritt im Düsternbrook verdankten . Ich nehme Ihr Vertrauen in Anspruch , Herr Domherr ! Denken Sie sich die Verabredung ! Jenes Stück Tuch , das der Störenfried auf den Sarg zu legen wagte , bekam er von unserm Pater , dem Sohne des damals unglücklich , wie man jetzt sicher weiß , nur im Wortwechsel und nach offener Gegenwehr Gefallenen . Dafür verlangte er von jenem Juden , wie von dem Küfer - Stephan Lengenich ist sein Name - die Mittel zur Flucht ... Wie erfuhren Sie das ? war eine Frage , die Bonaventura mehr aus Schreck aussprach , als in Voraussetzung , daß die Gespräche , die im Krankenzimmer gehalten wurden , belauscht werden konnten ... Erst als er Pater Quirinus an der zufällig aufgehenden Thür des Refectoriums stehen sah , kam ihm die Vorstellung , daß seine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte ... Wir wissen es , Herr Domherr ! sagte der Provinzial mit verdrossenem Blick auf die Thür . Wir wußten es schon in der Frühe . Ich hatte mir eine ernste Ermahnung als einzige Buße vorgenommen . Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine heilige Handlung gestört , eine ganze Familie , der er selbst früher so oft bekannt hat Dank schuldig zu sein , durch sein Zuthun unverantwortlich compromittirt worden ist , hab ' ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle angewiesen . Ich kann nicht wünschen , daß Sie ihn in seinem gegenwärtigen Zustande sehen . In welchem Zustande ? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte der Bewegung des Provinzials , der sein Ohr spitzte , als vernähme er irgendwoher einen Ruf ... In der That hörte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um Hülfe ... Bonaventura mußte aufspringen und sich an dem Schemel halten ... Das ist er ? sagte er und deutete auf das Fenster , von wo der gellende Schrei gekommen war . Er ist es ! Ja ! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe ... So tobt er in seiner Strafzelle und spricht wild durcheinander ... Ich lass ' ihn binden , wenn er nicht schweigt ... Lassen Sie mich zu ihm ! bat Bonaventura ... Herr Domherr , diese Wohlthat wäre unverdient ... Er würde auch Sie anfahren wie ein wildes Thier ... Nein , nein , wir kennen uns ! Sie würden uns die Züchtigung stören , die ein Pater verdient , der aus seinem Kloster entfliehen will ! Bonaventura stand mit schwindendem Bewußtsein . Er sah Abgrund und Nacht um sich her und bei alledem - auch die fernwirkende , trügerisch lockende Gewalt Lucindens ! ... Sie hatte den Mönch , ihren ehemaligen Geliebten , in Knabentracht besucht ! Ihr Lächeln , ihre muthige Rede hatte ihn - » um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen « , hatte sie ihm frank und frei gebeichtet - zur Flucht überredet ... Sie hatte seinen Muth , seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung seines immer noch reichen , wenn auch verirrten Geistes ... Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich vielleicht ... So , wie er jetzt die gräßliche Stimme hörte , die der eines Ertrinkenden glich , klang ihm in der Erinnerung sein eigener Seelenaufschrei , als an jenem Abend der Abreise ihn plötzlich Lucinde verlassen hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste ... Zu ihr ! Zu ihr ! klang es aus Sebastus ' Munde in sein Ohr ... Besinnungslos ergriff er seinen Hut und bat wiederholt : O lassen Sie mich zu ihm ! Herr Domherr ! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab ... Wenn er sich beruhigt hat ! Morgen ! setzte er hinzu ... So bitt ' ich - grüßen Sie ihn von mir ! hauchte der liebevolle Priester , seufzend über die Nothwendigkeit , den Formen und Satzungen seiner Kirche sich ergeben zu müssen . Sagen Sie ihm , daß ich in dieser Gegend weile , daß ich den ersten ruhigen Augenblick , den Sie mir anzeigen werden , benutzen und zu ihm kommen will ! Versprechen Sie mir ' s ! Sehr gern , Herr Domherr ! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit , als handelte es sich um die Anzeige eines in völlig natürlicher Weise eintretenden harmlosen Ereignisses ... Und Bruder Hubertus ? drängte Bonaventura , jetzt schon im Gehen ... Vermochte der nicht sonst so viel über ihn ? Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters , erwiderte der Provinzial , im Gehen verbindlich die linke Seite nehmend , mit dein wir viel Geduld haben müssen ! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft , die er machte , verreist ... Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Thatsachen in seinem Gedächtniß , daß er nach einem Verhältniß fragte , das er doch schon öfters , von Benno sowol wie von Hammaker , fast vollständig erfahren hatte ... Er fand sich allmählich zurecht und unterbrach die Erläuterungen des Provinzials : Ganz recht ! Ich weiß ! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem Kloster geben ... Doch nicht ! war des Provinzials verdrießliche Antwort . Dieser Hubertus hat wunderliche Seiten . Im Vertrauen gesagt , er hat einen etwas dunkeln Ursprung . Man sagt geradezu : Seine Angehörigen sind auf dem Richtplatz gestorben ! An einem Tage , wo eine Gaunerbande , zu der er als Knabe gehören mußte , aufgehoben , das Haus , in dem sie sich vertheidigte , genommen und angezündet wurde , soll unser Bruder - sagt man , und sei es auch unter uns , Herr Domherr ! - zwei Stock hoch aus dem Fenster gesprungen sein , in jedem Arm mit einem Kinde ... Glücklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder , entrann den Flammen , entrann der Verfolgung , machte einen abenteuerlichen Lebenslauf , wurde ein an sich ganz vortrefflicher Mensch , exemplarisch in seiner Aufführung , nur störende Seltsamkeiten hat er . Als Jäger des Kronsyndikus erlebte er einen bittern Verdruß und wurde deshalb Mönch . Mancherlei leistete er schon unter Pater Henricus , meinem Vorgänger . Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt , die zwanzigtausend Thaler , die er von jener Frau Buschbeck - sie nannte sich schon nach seinem Namen , während sie doch nur eine gewisse von Gülpen und seine Verlobte war - ererbte , wenn irgendmöglich , dazu anzuwenden , sie den beiden Kindern zukommen zu lassen , die er einst aus dem Feuer rettete , falls sie sich entdecken ließen . Sie waren ihm , nachdem er sie im stillen erzogen hatte , abgenommen worden . Jetzt correspondirt er nach Holland , Frankreich , Italien , um ihre Spur zu finden . Ich schrieb nach Rom , ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubniß ertheilen kann , scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt hinauszuwandern . Bis die Antwort da ist , gestattete ich ihm vorläufig auf eigene Verantwortung die Reise nach Holland , von der er jetzt zurückgekommen . Unter diesen Mittheilungen waren beide , in der Ferne wieder von dem leise singenden Ivo verfolgt , an die kleine Thür gekommen , die den verborgeneren Eingang zur Kirche bildete . Hier stand Bonaventura ' s Wagen ... Mit einem Abschied , den der Provinzial nahm , als wenn ein Offizier von seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militär eine einfache conversationelle Mittheilung gemacht hätte , bestieg Bonaventura seinen Wagen ... Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präsidenten für den Stiefsohn des Hauses zurückgelassen worden ... So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dämmerung von dannen . O ihr Klöster , seid ihr denn Zufluchtsstätten des Friedens und der reinen Menschenliebe ? ! ... So tönte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura ' s Inneres , als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr , hin- und hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege , die zurückzulegen waren , um in kürzerer Frist auf Schloß Westerhof zurückzukommen , wohin der Kutscher ihn glaubte fahren zu müssen ... Erst nach einer Stunde , während durch sein Herz alle schrillen Accorde des Zweifels , alle klagenden der Wehmuth zogen , entdeckte er in der allmählich ganz hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers , klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach Sanct-Libori ins Pfarrhaus ... Wie sollte er Frieden bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses ! Wie den schrecklichen Ruf nicht verrathen , der immer noch wie ein : Zu Hülfe ! an sein Ohr tönte - ! Ein anderer Ton schloß sich an , ein hochfeierlicher , wie am Tage des