schien ihm gekommen , und indem er in die Hütte zurückkehrte , hieß er den Bojarensohn , sich der Krankenvermummung entledigen und sich dagegen in ein altes Gewand und Tuch Sarscha ' s verhüllen . Dann öffneten sie in der Rückwand der Hütte ein mit getrocknetem Schilf verstopftes Loch und krochen in ' s Freie . Der Nebel und die allgemeine Unruhe erleichterten ihr Entkommen , und zwischen dem hohen Gras der Steppe gelangten sie bald außerhalb der Postenkette . Hier fanden sie Sarscha und alle Drei eilten nun über die öde Fläche einer etwa eine Meile entfernten Stelle zu , wo zwischen zwei Hügeln die halbverfallene steinerne Umfassung eines cisternenartigen Brunnens sich erhob , der gutes Wasser enthielt , dessen Dasein aber der Spion sorgfältig den Franzosen verschwiegen hatte . In der Vertiefung des Bodens ruhten hier fünf jener kleinen Steppenpferde , auf denen der Kosack die Ebenen der Dobrudscha , wie die des Dnjepr und Don durchschweift . Auf der Mauer des Brunnens saß eine dunkle Figur , die lange schlank am Nachthimmel sich abzeichnende Lanze zeigte den Kosacken ; ein zweiter lag schlafend am Boden . » Stoi ! - Wer da ? « » Gutfreund , Brüderchen , « lachte der Zigeuner . » Wecke rasch den Lieutenant , wir bringen Nachricht . Die Franzosen sind in der Falle . « Der Ruhende sprang empor ; es war der junge Kosackenoffizier , der die Meldung des unglücklichen aber tapferen Selwan in der Nacht des großen Ausfalls vor Silistria zu den Schanzen an der Donau hatte bringen sollen . » Gott und die Heiligen mögen Deinen Weg segnen , Bursche . Was bringst Du für Nachricht ? - Du hast mich lange warten lassen ! « Mungo berichtete , während Sarscha und ihr Liebhaber sich an dem Wasser des Brunnens erfrischten . » K tschortu ! « fluchte der Kosack , » es wird unmöglich sein , sie diese Nacht zu überfallen , denn der General ist zurückgegangen und steht über zwanzig Werste von hier entfernt . Gleichviel , er muß die Nachricht erhalten , und wenn Du die Richtung ihres Marsches gut verstanden , sind wir ihnen zur rechten Zeit auf den Fersen . Zu Pferde , Freunde ! zu Pferde ! « Wenige Minuten darauf jagte die kleine Schaar nach Norden zu durch die einsame Steppe . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war um Mittagszeit , als die Franzosen und Spahi ' s auf ihrem traurigen Rückzug an einer Hügelkette angelangt waren , die sich nach dem Trajanswall hinzog . Hier ließ der Lieutenant-Colonel die Colonne rasten , denn selbst die Gesunden vermochten in der brennenden Hitze nicht mehr vorwärts zu kommen . Die Krankheit wüthete furchtbar in den Reihen , das heitere Gelächter , der übermüthige Gesang der Zuaven war verstummt , - von den beiden Compagnieen fehlten bereits sechsundsiebenzig Leute , darunter der tapfere Major , der , eine Lieue von dem Halt entfernt , sein aus zehn blutigen Schlachten gerettetes Leben ausgehaucht . Eine tiefe Niedergeschlagenheit , ja Muthlosigkeit hatte sich der französischen Soldaten bemächtigt , während die Moslems jetzt die Zähigkeit ihres Charakters bekundeten und sich gleichgültig in alles Ungemach und alle Leiden des Zuges fügten . Der Vicomte hatte verschiedene kleine Trupps zur Recognoscirung und zu Nachforschungen nach Wasser ausgesandt und sich eben finster und erschöpft auf den Boden gesetzt , um einige Augenblicke auszuruhen , während unsern von ihm mehrere Soldaten eine breite Grube in den dürren Boden schaufelten , bestimmt , die Leichen des Majors und der nach der Ankunft auf dem Lagerplatz gestorbenen Krieger aufzunehmen . Ringsum zeigte die Gegend den eigenthümlichen Charakter dieser Wüste . Auf den uralten Hünenhügeln saßen und flatterten mächtige Adler , gleich als begleiteten sie Tod und Beute witternd den Zug . Zahllose Völker von Rebhühnern stürzten schwirrend unter den Hufen der Pferde aus dem dürren Grase hervor , wenn einzelne Wachen von Hügel zu Hügel ritten . Große Heerden von Trappen strichen durch die Ebene , gleichsam zur Jagd verlockend - aber den Jägern fehlte die Lust und die Kraft , denn auf ihren Fersen saß selbst ein grimmer Feind , - der Tod in seiner furchtbarsten Gestalt ! - Rechts und links und hinter ihm die stummen Gruppen der Soldaten , auf das glühende Erdreich geworfen , in finsterer Apathie erwartend , daß der Drache der Krankheit auch sie erfassen und verschlingen werde ; - nur die Schildwachen , dem Gebote der militairischen Disciplin gehorchend , auf und ab gehend , oder mit bleichem Gesicht , auf das Gewehr gestützt , nach dem Hintergrund des Lagers hinhorchend , von wo der Leidensruf , das Todesstöhnen so manches tapfern Kameraden klang . Und über dies Bild von wilder Natur und menschlichem Elend , menschlicher Schwäche und Ohnmacht , der helle klare Himmel , der glühende , versengende Strahl der Julisonne ! Der Vicomte schauderte bei der Betrachtung dieses seltsam-schrecklichen Bildes , als plötzlich der On-Baschi Jussuf mit zwei Begleitern mit verhängtem Zügel über die wellenförmige Ebene dahersprengte . Zugleich vernahm das scharfe Ohr des Offiziers den entfernten Knall von Pistolenschüssen , und von mehreren Punkten her sah man die einzelnen Patrouillen zurückgejagt kommen . Noch ehe der On-Baschi die Schildwachen der kleinen Lagerstätte erreicht hatte , war der Commandant auf den Füßen und ließ Allarm schlagen . Der Ruf : » Die Russen ! die Russen ! « ging mit Gedankenschnelle durch die Gruppen , und gleich als hätte das Wort , das ihnen einen neuen Feind verkündete , den Bann des Grauens und der verzweifelnden Apathie von Aller Glieder gelöst , kam Bewegung in die Menge , ordneten sich die Reihen rasch auf das Wort der Offiziere . Die Ankunft des Mohren , der vor dem Colonel sein Pferd parirte , brachte die Bestätigung : » Die Kosacken , Bey ! sie sind zahllos wie die Heuschrecken ! « Der Vicomte hatte kaum Zeit , seine Anordnungen zu treffen , die mit raschem Ueberblick der Gefahr dahin gingen , die Seite des Hügelrückens zu halten . Während die Kranken sich selbst überlassen blieben , warfen die Offiziere die Zuaven vor als Postenkette rings um die Stellung . Ihnen schlossen sich die abgesessenen Spahi ' s an , die ihre Pferde zum Transport der Wagen und Kranken gestellt hatten ; im Kreise dieser Kette ordneten sich die Reiterhaufen der Spahi ' s. Es war das erste Mal , daß die Franzosen in diesem Kriege ihre alten Gegner von 1812 und 1813 wiedersahen , die Söhne der Steppe , wie ihre Feinde in Algerien die Söhne der Wüste waren . Es bedurfte kaum des Zurufs , der Ermunterung der Offiziere , um die Leute , die sich auf die Knie in dem hohen dürren Grase geworfen , auf einen tapfern Empfang des Feindes vorzubereiten . Noch während die Spahi ' s in der Formirung ihrer Reihen begriffen waren , sah man über den Kamm der gegenüberliegenden Hügel die kleinen , hurtigen , beweglichen , grauen Gestalten auf unansehnlichen , aber lebendigen Pferden jagen , die schlanken , spitzen Lanzen in der Faust , diese gefürchtete Waffe , die einst die Franzosen von Moskau bis Paris gejagt hatte . Das » Kuli ! Kuli ! « der halbwilden Steppenkrieger schallte durch die klare dünne Luft Unheil drohend herüber , und im nächsten Augenblick erschien die dunkle Phalanx eines Kosacken-Regiments auf den Hügeln . Kaum fünf Minuten lang hielt der Feind an , um sich zu sammeln und die Front zu bilden . Man sah die Offiziere hin und her sprengen , auf die sichtbaren Schwadronen der orientalischen Spahi ' s deutend und dann diesen Wald von Lanzen sich senken und an den Hals der kleinen Pferde pressen . Ein gellender langgezogener Schrei erfüllte die Luft , dann kam , gleich einer Schwalbe im Stoß , die ganze dunkle Reihe im Galopp daher gejagt . Der Tod bringende Empfang belehrte jedoch die russischen Offiziere bald , daß sie hier auf andere Gegner gestoßen , als auf ihre gewohnten Erbfeinde , die Moslems . Der Chok des Kosacken-Regiments ging im vollen Galopp bis auf ungefähr 100 Schritt vor den ruhigen Colonnen der Spahi ' s. Da plötzlich entwickelte sich auf den Wirbel der Trommeln ein Feuer auf der ganzen Vertheidigungslinie , kaum 30 Schritt von den Anstürmenden , das mit sicheren Schüssen Pferde und Reiter zu Boden warf . Im Nu sprangen zugleich die Zuaven empor und bildeten eine Phalanx von Bajonneten , an denen die Wenigen zurückprallten , die das tödtliche Feuer noch so weit halte vordringen lassen . Die Reihen des anstürmenden Regiments lösten sich rechts und links in wilder Flucht . » Vive l ' Empereur ! « » En avant , mes braves ! « Der Säbel des Colonel winkte . Im Carriere brachen die halbcivilisirten türkischen Reitermassen vorwärts und jagten die Kosacken weit hinüber über das Thal . Erst der langgedehnte Ton der Hörner rief die Bozuks zurück . Das Auge des tapfern und umsichtigen Führers umfaßte das Schlachtfeld . Da links debouchirten dichte Massen von Feinden über die Hügelreihe herauf : ein zweites Regiment Kosacken und eine Colonne Infanterie , auf den Pferden der Steppenreiter mit zur Stelle befördert , kam über die Anhöhen . Die Signale hatten die französisch-türkische Reiterei zurückgeführt . Die Zuaven sammelten sich in Gliedern zur kühnen Vertheidigung des Platzes , auf dem sie vielleicht dennoch bald ihr Leben der schrecklichen Seuche zum Opfer bringen sollten . Der Colonel war überall und ermunterte die Seinen . Es that Noth , denn jeder Blick rückwärts lehrte , daß die ekle widrige Krankheit unaufhaltsam ihre Opfer forderte . Der leichtherzige gascognische Capitain wankte an ihm vorüber , die Faust , die noch den tapfer geschwungenen Säbel hielt , auf den Magen gepreßt . » Das höllische Wasser wühlt mir im Leib ! Ich muß zum Doctor , leben Sie wohl , Colonel - die Lanze eines Russen möge Ihnen ein besseres Ende geben , als meines ! « Er stürzte nach wenigen Schritten in Zuckungen zu Boden ; der Vicomte ließ ihn aufheben und zu den Chirurgen tragen . Die zurückkehrenden Leute meldeten , daß nur der Eine noch seinen Dienst erfülle , der Zweite aber sich gleichfalls in den Schmerzen der Krankheit winde . Einen traurigen verzweifelnden Blick warf der brave Commandant hinauf zu dem lichten , klaren Mittagshimmel , der so viel Elend überwölbte . Nicht die Ueberzeugung entmuthigte ihn , daß hier ihr Aller Grab gegraben - nur die bittere Empfindung , daß hie Krankheit ihr Sieger und Würger werde und die tapfere Schaar fast widerstandslos in die Hand des Feindes gegeben habe . Und dieser ließ nicht warten . In aufgelösten Reihen plänkelte die Hälfte der Kosacken und die Infanterie rings gegen den Lagerplatz der Franzosen , während das neu angekommene Regiment in geschlossenen Sotnien den günstigen Augenblick abzuwarten schien , um sich auf die Bedrängten zu werfen . Der Colonel ließ im Rücken , wo das fliegende Lager sich an die hintern Hügel lehnte , so gut es in der kurzen Zeit ging , durch das Aufwerfen eines Grabens und die Aufstellung der Araba ' s , welche das Gepäck und die Kranken bisher geführt , eine Art Verschanzung bilden , welche wenigstens von dieser Seite gegen einen Choc der Reiterei sichern konnte , und sandte die Hälfte seiner Spahi ' s gegen die Plänkler , die andern und die geschmolzenen Glieder der Zuaven gegen einen Massenangriff zurückbehaltend . Ueber die von hohem Steppengras bedeckte Ebene , die zwischen den zwei niedern Hügelzügen sich dehnte , entspann sich jetzt ein lebendiges Reitergefecht , in dem die Chancen ziemlich gleich waren , da beide Theile auf dieses Plänkeln und diesen Einzelnkampf gewöhnt und geübt waren . Nur hüteten die Kosacken sich , nachdem die Kugeln der Zuaven mehrere Sättel geräumt hatten , der Stellung dieser Gegner zu nahe zu kommen . Eine Stunde mochte so vergangen sein , als der militairische Blick des Colonels bemerkte , daß ein neuer Impuls unter die Russen zu kommen schien . Reiter sprengten auf dem Hügelrücken hin und her , die Signale riefen die Plänkler zum Sammeln und offenbar bereitete sich ein allgemeiner Angriff vor , der bei der Ueberzahl der Russen vernichtend wirken mußte . Dennoch wollte er Leben und Sieg so lange als möglich vertheidigen und traf alle Anstalten zu einem kräftigen Empfange der Gegner . Das frühere Manöver konnte jetzt nicht mehr glücken und es galt , die Lanzenreiter festen Fußes zu empfangen . Der Colonel ließ die Zuaven die Mitte und die Spitze des Halbkreises einnehmen , und die Spahi ' s die Seiten bilden . Der Sturm kam und das zweite Kosacken-Regiment in vollem Galopp heran , während zwei Sotnien des andern rechts und links angriffen . Der Stoß war rasch und blutig , aber das regelmäßige Feuer , die kecke sichere Haltung der Franzosen schlug noch einmal den Ansturm ab , während an den beiden Flanken der Stellung ein wildes Handgemenge entstand . Hierhin warfen die russischen Offiziere ihre Infanterie und der Vicomte sah , daß in wenigen Momenten der Kampf sich zu seinem Nachtheil entscheiden mußte . In diesem Augenblicke vernahm er den unerwarteten Knall eines Feldgeschützes und das Pfeifen einer Kugel über ihren Köpfen hinweg . Ein zweiter und dritter Schuß folgten rasch dem ersten , bevor er noch Zeit hatte , sich aus dem Kampfgewühl los zu machen und von einer freien Stelle sich umzuschauen . Die Kugeln waren gegen die vier Sotnien der Russen gerichtet , welche als Reserve vor den jenseitigen Anhöhen aufgestellt waren . Von der Hügelwand über und hinter ihnen in einiger Entfernung qualmte der Rauch der Geschütze und blitzte das Feuer aus dem Pulverdampf , und auf den Anhöhen entlang jagten türkische Spahi ' s. Hilfe in der Noth - das konnten nur französische Feldgeschütze , die Avantgarde des Generals Yussuf mußte in der Nähe sein - die Russen wußten davon und hatten einen letzten Coup versucht ! » Haltet Euch ! Haltet Euch , meine Braven ! Französische Hilfe rückt an ! « Aber es war zu spät - in demselben Augenblick durchbrach die russische Infanterie die gedehnte schwache Vertheidigungslinie , die Kosacken folgten , und einige Minuten lang war das ganze so tapfer vertheidigte Gelände eine wirre Masse von Kämpfenden , so dicht gedrängt , daß oft nur der Stoß des Säbelgriffs gegen den Feind gebraucht werden konnte . Pferde stürzten und traten ihre Herren unter die Hufe , über Kranke und Sterbende ging das Gewühl schonungslos hinweg , Reiter und Infanteristen kämpften neben- und miteinander , oft nicht den Freund vom Feind unterscheidend , Weh- und Wuthgeschrei , der donnernde Siegesruf der Russen , das herausfordernde Kampfgeschrei der Franzosen , der Jammer der Sterbenden und Zertretenen , dazwischen die zum Rückzug rufenden russischen Signale - - Mit Mühe gelang es endlich den russischen Offizieren , ihre Mannschaften aus dem Gewirr zu lösen und sie zurückzuführen . Aber der Rückzug löste sich bald in wilde Flucht , denn in Masse schwärmten jetzt die Spahi ' s des französischen Generals heran und von den näher gekommenen Geschützen hagelten Kartätschen und Granaten über den Steppengrund . Erst auf den jenseitigen Höhen , wo die vier Sotnien die Reserve bildeten , sammelten sich die Regimenter und traten , von der türkischen Reiterei umschwärmt , einen langsamen Rückzug an . Auf der Stätte des kurzen aber blutigen Kampfes lagen die Leichen , Verwundeten und Kranken wüst durcheinander , Menschen und Pferde , die verstümmelten , von den Hufen der Pferde zertretenen Opfer der Seuche neben den Opfern des Säbels und der Lanze , Zuaven , Spahi ' s und Russen . Wer verschont geblieben von dem blutigen Gemetzel , selbst die Verwundeten und Kranken , schleppte sich jubelnd den Rettern entgegen , die jetzt in geschlossenen Colonnen , den General mit seinem Stabe voran , über die Hügel daherkamen . Der Säbelhieb eines Kosacken hatte den Colonel über die Stirn getroffen und eine blutende , wenn auch nicht gefährliche Wunde zurückgelassen . Der starke Arm des On-Baschi Jussuf hieb einen Zweiten vom Pferde , dessen Lanze den Vicomte im Rücken bedrohte . Von dem Mohren und einigen Offizieren begleitet , sprengte der Vicomte jetzt dem berühmten Namensvetter seines Lebensretters entgegen . » Ah ciel , Monsieur le Colonel ! Sie bluten , die Russen haben Ihnen scharf zugesetzt ; wir kamen , von dem Schießen geleitet , zur rechten Zeit ! « Der Vicomte rapportirte das Geschehene . Der weltberühmte kühne Abenteurer , der frühere Gouverneur von Constantine und französische Brigade-General , der einst der Kabburha , der Tochter des Bey von Tunis Zunge , Hand und Auge des verrätherischen Mohren sandte , der ihre Schäferstunde belauscht , war , obgleich über die erste Blüthe des Mannesalters hinaus , doch noch immer ein Mann von kühner schöner Haltung , klein und zierlich von Wuchs , aber ein vollendeter Reiter . Sein scharf und ausdrucksvoll geschnittenes Gesicht verdüsterte sich merklich , als er von dem Ausbruch der Cholera in dem Detachement vernahm . » Das ändert meinen Vorsatz , « sagte er , » und läßt diese Spitzbuben da drüben ungeschoren entkommen , deren Gros bei Babadagh ich mit einem Nachtmarsch überfallen wollte . Ich kann es nicht mißbilligen , Lieutenant-Colonel , daß Sie Ihre kranken Leute nicht im Stich gelassen , und scheere mich selbst den Henker wenig um die unmenschliche Ordre des Marschalls . Mit unserm Vordringen aber ist ' s vorbei und wir müssen unsere nächsten Lazarethe oder wenigstens bewohnte Gegenden wieder zu erreichen suchen . Sir folgen uns , Vicomte , mit dem Rest Ihrer Leute ; ich werde ihnen sogleich Aerzte senden . Die Kranken und Verwundeten müssen auf die Bagagewagen vertheilt werden . « Ehe eine Stunde verging , waren die Gräber zur Beerdigung der Gefallenen gegraben und das Corps auf dem Rückmarsch . Es ist nicht unsere Aufgabe , die schrecklichen Leiden der einzelnen Abtheilung der Expedition weiter zu verfolgen . Der Tod , der in ihren Reihen wüthete , verbreitete sich bald auch unter die Truppen des Generals . Um 8 Uhr Abends hatte man bereits 150 Todte und 350 Sterbende . Es war ein schreckliches Schauspiel , das die muthigsten Herzen mit Grauen erfüllte . Es handelte sich nicht mehr darum , einen Feind zu verfolgen , der stets vor den Blicken am unermeßlichen Horizont der Steppe verschwand , sondern einer Geißel Gottes zu entrinnen . Nur die Energie des tapfern Afrikaners trieb die Truppen auf dem Wege nach der Küste vorwärts , wo man hoffen konnte , Schiffe zu finden und durch die frische Seeluft die Krankheit gemildert zu sehen . Die Colonne des Generals Espinasse war bis Kergeluk vorgedrungen , und der Todesengel hatte sie mit gleicher Wuth getroffen . Das brave Infanterie-Regiment , das die Kranken aus dem brennenden Lazareth in Varna getragen , hatte den Giftstoff der Ansteckung in seinen Adern mit in die Wüste gebracht und die Anstrengungen des Steppenmarsches ließen ihn bald zur vollen Wuth ausbrechen . Todte und Sterbende lagen haufenweise unter den Zelten . Man hatte keinen Feind gesehen und dennoch bedeckten Leichen den Boden , wie nach einer Schlacht ; man grub Gräber , um die gestorbenen Gefährten zu begraben , aber bei dem Aufwerfen der Schollen entquollen pestilenzialische Dünste dem Boden ; so Mancher , der dem Kameraden ein Grab grub , legte die Schaufel nieder , ehe das Werk vollendet war , und warf sich schweigend an , den Rand der halboffenen Gruft , um nicht mehr aufzustehen . Die noch Lebenden wurden auf die Pferde gehoben oder von den Kameraden getragen , sogar auf die Fahrzeuge der Artillerie mußte man die Kranken laden . Diese verhängnißvolle Nacht war die zum 30. Juli . An dem andern Tage vereinigten sich die Colonnen der beiden Generale , und man konnte deutlich sehen , wie die Furcht vor einem ruhmlosen Ende auch die Häupter der Unerschrockensten zu Boden drückte . Da gegenseitige Hülfe nicht denkbar war , so galt es , jede größere Anhäufung von Menschen zu vermeiden . Die Yussuf ' sche Colonne ging ohne Aufenthalt an den Kampfgefährten vorüber und bewegte sich gegen Mangalia , indem sie auf ihrem Wege als verhängnißvolle Etappen zahlreiche Gräber zurückließ , die den Pfad anzeigten , den sie gewandert . Bei diesem Marsch war es , daß der Vicomte durch ein kurzes Wiedersehen des deutschen Arztes die erste Nachricht von seiner Rettung erhielt . Doctor Welland war in voller Thätigkeit und lohnte mit energischer Aufopferung das edelherzige Einschreiten des Generals . So schrecklich die Verhältnisse waren , unter denen man sich wiederfand , so herzlich war die Begrüßung im Leben von beiden Seiten , und mit Vergnügen hörte der Vicomte , daß , wenn der schwarze Tod sie verschonte , sie bei seinem eigenen Regiment sich wiederfinden sollten . Die Espinasse ' sche Division erreichte mittlerweile ihr ehemaliges Bivouac bei Pallas , wo sie ein Bataillon mit den Tornistern der Infanterie , eine Section der Ambulancen und ihr anderes Gepäck zurückgelassen hatte . Da es unmöglich wurde , alle Kranken noch weiter zu schaffen und die Führer darüber einig waren , der grausamen Anweisung des Marschalls so lange als möglich keine Folge zu geben , so ließ man hier bei der Ambulance einen Theil der Kranken zurück und zugleich zwei Bataillone zu ihrem Schutze . Die Seuche wuchs an Heftigkeit und jede Minute vermehrte sich die Chiffre der Sterblichkeit . Am 31. war die Division vereinigt und entledigte sich ihrer Kranken nach Küstendsche , wo der » Pluto « sie aufnahm . Bisher waren die Zuaven am meisten heimgesucht , obwohl alle Corps ohne Ausnahme viel zu leiden hatten . Warten war hier gleichbedeutend mit Sterben . Der General bestimmte daher , daß den anderen Morgen um halb 5 Uhr der weitere Rückmarsch nach Varna angetreten werden sollte - aber noch denselben Abend um 10 Uhr traf unerwartet der General Canrobert von seiner Argonautenfahrt vor Küstendsche auf dem » Cazique « ein . Von allen Seiten erhoben sich bei dem Anblicke des geliebten Führers in diesem durch die schrecklichste aller Krankheiten decimirten Lager die lebhaftesten Zurufe , Aller Arme streckten sich ihm entgegen ; die Sterbenden erhoben sich , um ihrem General entgegen zu gehen ; denn dem Unglücklichen erscheint jede Veränderung seiner Lage als eine Besserung , und nicht bald war ein General so von den Seinigen geliebt , wie Canrobert . Welches Schauspiel entrollte sich aber seinen Blicken . Auf allen Seiten lagen unter dem Schutze der Zeltdächer die Fieberkranken ausgestreckt . Ueberall hörte man Gestöhne , und der Tod mähte mit unbarmherziger Sichel in den Reihen der erschöpften Krieger . So fand Canrobert seinen schönen , stolzen , kriegslustigen Heerhaufen wieder , den er voll Leben und Kampfesdurst verlassen hatte . Ohne ein Wort zu sagen , reichte er seiner Umgebung die Hände und man sah Thränen seinen Wangen entrollen . Dann durchschritt er die Zeltgassen , hatte ein Wort des Trostes für alle Leidenden , belebte den Muth der Gesunden durch die Hoffnung auf nahen ruhmvollen Kampf , und beugte sich mitfühlend über jene herab , die im Begriffe waren , eine Beute des Todes zu werden . Mittlerweile wuchs die Sterblichkeit in der schreckbarsten Weise . In der Nacht und an dem folgenden Morgen wurden alle disponiblen Pferde der Artillerie , so wie die Packmaulthiere der Offiziere , requirirt , um 800 Neuerkrankte nach Küstendsche zu schaffen . Am 1. August verließ man Pallas und am 2. war die Zahl der Erkrankungen wieder so groß , daß die Sänften und Araba ' s nicht mehr genügten , um die von der Seuche Ergriffenen fortzuschaffen ; man mußte endlich zu den Pferden der Offiziere und Generale seine Zuflucht nehmen . Zu allem Ueberflusse begannen unbegreiflicherweise die Lebensmittel zu fehlen . Canrobert gab einem von Küstendsche mit Cholerakranken abgehenden Schiffe die Weisung mit , von Varna Lebensmittel als Rückfracht nach Mangalia zu bringen . Zugleich wurde in der Nacht der Capitain Marcel zu Yussuf geschickt , der um einen Tagesmarsch voraus war , mit der dringenden Aufforderung , den General mit Transport- und Lebensmitteln zu versehen . Glücklicherweise hatte eben ein Schiff in Mangalia Lebensmittel ausgeladen ; Offiziere und Soldaten halfen 600 Pferde beladen und machten zu Fuß , die Pferde am Zügel , 6 Lieues , um ihren leidenden Brüdern Hilfe zu bringen . - General Espinasse , von der Cholera ergriffen und von seinem Geretteten treulich gepflegt , blieb mit einem Regimente zurück , um die nicht transportirbaren Kranken zu bewachen . Der Rest setzte sich in Marsch und stieß endlich auf die 600 Packpferde Yussuf ' s. Die braven Baschi-Bozuks gingen nun mit den leeren Pferden noch weiter zurück , um Espinasse ' s Regiment abzuholen , da aber die meisten Kranken kein Pferd mehr besteigen konnten , requirirte Canrobert Araba ' s , um sie zu befördern . Endlich kamen , als man Mangalia erreicht hatte , welches am Meere gelegen ist , Schiffe in Sicht , die 2000 Cholerakranke nach Varna schafften . Das war das schaurige Ende der ersten französischen Expedition gegen die Russen ! Fußnoten 1 Lieutenant . Die Almaschlacht . Der Roman hat den allgemeinen Gang der Begebenheiten so lange verlassen , daß wir den Leser mit einem kurzen Ueberblick derselben bis zu der Katastrophe führen müssen , die sich jetzt im Süden bereitete . Wir haben die Resultate der Verhandlungen der europäischen Kabinette über die orientalische Frage am Schluß unseres zweiten Bandes , also bis zum Frühjahr 1854 , berichtet . Auf Grund des zwischen Oesterreich und Preußen geschlossenen Allianztractats zum Schutz der deutschen Interessen richtete das wiener Kabinet nach Petersburg Sommation auf Räumung der Fürstenthümer . Unter ' m 29. Juni antwortete Graf Nesselrode mit der Erklärung , daß die Stellung in den Fürstenthümern nur noch eine militairische Position sei , die geräumt werden würde , wenn man Sicherheit habe , daß die Feindseligkeiten andererseits nicht fortgesetzt würden . Rußland stimme den Grundsätzen des Protokolls vom 9. April bei und wolle darauf den Frieden unterhandeln : Integrität der Türkei - Räumung der Fürstenthümer - Consolidirung der Rechte der Christen in der Türkei gemeinsam durch die Mächte . Diese Note der russischen Regierung erwiderten die Kabinets von London und Paris mit folgenden vier Forderungen : 1 ) Europäische Garantie für die Rechte der Donau-Fürstenthümer ; 2 ) Sicherung der freien Schifffahrt an der Donaumündung ; 3 ) Revision des Vertrages von 1841 im Interesse des europäischen Gleichgewichts und im Sinne einer Beschränkung der russischen Macht auf dem Schwarzen Meere ; 4 ) gemeinsame Förderung der Emancipation der Christen , aber nur in einer mit den Souverainetätsrechten des Sultans vereinbaren Weise . Diese Forderungen waren offenbar so anmaßend und politisch gefährlich für Rußland , als unwürdig christlicher Staaten ! Dennoch machte sie auch Oesterreich zu den seinen , während Preußen sich auf eine Vorlage in Petersburg und den Versuch beschränkte , sie mit den von Rußland vorgeschlagenen Grundbedingungen in Einklang zu bringen . Unter ' m 26. August verwarf Graf Nesselrode die übersandten Bedingungen , die offenbar den Zweck der Demüthigung und Schwächung Rußlands zum Ziel hätten und höchstens einem durch langen Kampf geschwächten Reich geboten werden könnten . Zugleich erklärte er , daß aus strategischen Gründen die Truppen hinter den Pruth zurückgezogen seien und Rußland sich fortan völlig auf der Defensive halten werde . In Asien waren während dieser Zeit die russischen Armeen fortwährend siegreich gegen die Türken gewesen . General Wrangel hatte ein feindliches Corps unter Selim-Pascha bei Bajazid vernichtet und beherrschte den Carawanenweg . Fürst Bebutoff schlug Zarif-Pascha bei Kurukdere auf ' s Haupt ; aber die englischen Intriguen und englisches Gold , welche Schamyl bis unter die Mauern von Tiflis führten , nöthigten die Sieger , sich gegen diesen Feind zu wenden . Im Norden hielt unterdeß die englisch-französische Flotte die Ostsee occupirt und englische Schiffe begannen jene Plünderung und Zerstörung unbeschützter Küstenstädte , die als eine ewige , aber keineswegs vereinzelte Schande auf der britischen Kriegsgeschichte haften wird . Wir führen als einziges Beispiel der englischen Humanität an , daß die Mannschaft einer Fregatte vierzig Frauen und Mädchen von einer der Alandsinseln auf ihr Schiff brachte , acht Tage lang sie zur Fröhnung ihrer Gelüste mit umher schleppte und dann die Unglücklichen fern von ihrer Heimath wieder an ' s Land setzte . Aber es waren ja bloß Russen , gegen die man sich dergleichen schon erlauben darf ! Am 16. August bombardirte die vereinigte Flotte das einem solchen Angriff keineswegs gewachsene Bomarsund und die französischen Landungstruppen unter General Baraguay d ' Hilliers zwangen den Kommandanten , General Bodisco , zur Uebergabe . Man zog diese einer spartanischen Aufopferung vor . - Die Befestigungen der Alandsinseln , offenbar von der russischen Politik bestimmt , später ein Zwingpontus der Ostsee zu werden , waren noch im Entstehen begriffen ; die Station dieser Inseln aber , wie wir bereits bei einer früheren Gelegenheit bemerkten , galt für die Truppen in Petersburg als der nordische Kaukasus , das heißt , als eine Art Exil . Es muß anerkannt werden , daß die Zerstörung Bomarsunds und die spätere Friedensclausel , welche die Befestigung der Alandsinseln verbietet , die nordeuropäischen Staaten vor einer großen politischen Gefahr oder wenigstens Bevormundung befreien kann . Am 20. August war eine österreichische Armee in die Walachei eingerückt , Halim-Pascha schon am 8. mit einem türkischen Corps in Bukarest angekommen . Omer-Pascha folgte ihm mit 25,000 Mann am 22. , und Fürst Gortschakoff , der nach der Abreise des greisen Fürsten von Warschau wieder allein das Obercommando führte , räumte zu Ende des Monats vollständig die Moldau . Durch die Besetzung der Walachei nach dem Abzug der Russen verfolgte das wiener Kabinet unter all ' diesen politischen Wirrnissen eine eben so selbstständige als schlaue Politik , die bei dem Streit der drei großen Nationen für die eigenen Interessen so viel