. Natürlich wird er vorderhand nicht hieher kommen können und wollen . « » Das begreift sich . Aber der General hat sich so verhaßt gemacht , daß Alles Partei für die arme Frau nimmt . « » Und er ? « fragte der Major nach längerem Stillschweigen . Der Graf zuckte die Achseln , während ein düsterer Schatten über seine vorhin so freundlichen Züge flog . » Das ist ein räthselhafter Mensch , « sagte er nach einer Pause . » Für dich und Steinfeld wohl nicht so sehr als für uns Andere , « meinte lächelnd der Major . » Aber ich achte euer Geheimniß . Ich mag den Baron wohl leiden . Coeur de rose ist nicht so übel . « Bei diesen Worten trat der Kammerdiener leise in den Salon , blieb dort stehen , bis die Blicke des Grafen auf ihn fielen , dann sagte er mit leiser Stimme : » Soeben ist der Jäger zurückgekommen und wünscht Euer Erlaucht sprechen zu dürfen . « » Darauf bin ich begierig ! « rief der Graf , indem er aufsprang . » Er soll augenblicklich hereinkommen . Bleibe nur , « wandte er sich an den Major , der sich ebenfalls erheben wollte . » Ich will in dieser Sache keine Geheimnisse vor dir haben . Was mir der Jäger zu sagen hat , ist für uns Alle sehr ernst und wichtig und betrifft den , von welchem wir eben sprachen . « » Den Baron von Brand ? « Der Graf nickte mit dem Kopfe und fuhr fort : » Er hat mich gestern um meinen Jäger gebeten ; ich weiß nicht , weßhalb er zu dem Rencontre von seinen eigenen Leuten Niemand nehmen wollte . « » Zu welchem Rencontre ? « fragte überrascht der Major . » Mit Herrn von Dankwart . Es scheint , sie haben sich heute geschossen . « » Das ist seltsam , « meinte der Major kopfschüttelnd ; » ich habe Herrn von Dankwart gestern Abend noch gesprochen ; von der betreffenden Angelegenheit versicherte er mich gerade das Gegentheil . « » Aus Diskretion . « » Und sagte , der Baron habe ihm einen versöhnenden Brief geschrieben , den er im Nothfall überall zeigen könne . « » So hören wir den Jäger ! Ich bin fest überzeugt , die Sache ist anders . « Hier trat Franz in den Salon , und sein Herr , der schnell nach ihm hinblickte , fuhr betroffen zurück . » Ah ! « sagte er zu dem Major , » die Sache ist ernsthaft . So verstört sah ich das Gesicht meines Jägers , dieses sonst so ruhigen Menschen , nie . « Und so war es auch in der That . Franz Karner , der auf einen Wink des Grafen langsam näher schritt , ging gegen seine Gewohnheit ziemlich gebeugt . Sein Gesicht war bleich , seine Augen roth unterlaufen , seine Lippen zuckten , und da er das wohl fühlen und doch nicht sehen lassen mochte , biß er sie fest über einander . Der Major war ebenfalls aufgestanden und blickte bestürzt bald den Jäger , bald seinen Freund an . » Ah ! du bist zurück ! « rief dieser . » Nun sprich , was ist geschehen ? Ein Unglück - gewiß ein Unglück ! « Der Jäger wagte es nicht , zu sprechen , und nickte stumm mit dem Kopfe . » Dem Baron ist ein Unglück geschehen ? « fuhr Graf Fohrbach hastig fort . » Sammle dich , Franz , und erzähle uns die Geschichte ruhig dem Verlaufe nach . - Ah , Teufel ! sei ein Mann ! « fuhr er nach einer Pause fort , als er bemerkte , daß der Blick des Andern seltsam flimmernd wurde . » So laß doch hören ! « Der Jäger öffnete langsam die Lippen , nachdem er mit der Hand über die Augen gefahren war , dann sagte er mit tiefer , fast tonloser Stimme : » Ehe ich Euer Erlaucht berichte , was gestern und heute geschehen , will ich zur Rechtfertigung meines auffallenden Betragens nicht verschweigen , daß ich den Herrn Baron von Brand früher gekannt und genau gekannt , ehe ich in den Dienst Euer Erlaucht trat . « » Ich weiß das , er hat dich mir ja empfohlen . « » Daß er öfters mein Wohlthäter wurde , daß ich ihn achtete und liebte . - O , sehr liebte , denn er war ein guter Herr . Euer Erlaucht werden mir verzeihen , aber ich muß die Wahrheit sagen , sollte auch für mich daraus erfolgen , was da wolle ! Ich kannte alle seine Verhältnisse . « » Das habe ich mir gedacht , « erwiderte der Graf nach einer Pause . » Aber gleichviel , Franz . Für mich ist der Baron von Brand nur der Baron von Brand , und was dich betrifft , so gehen mich deine früheren Verhältnisse nichts an . « » Das lohne Ihnen Gott , « versetzte der Jäger ; » und er wird Sie dafür belohnen . « Er murmelte diese Worte nur , doch verstand sie der Graf vollkommen . Dann streckte sich der Jäger lang in die Höhe , unterdrückte einen tiefen Seufzer und fuhr fort : » Auf die Bitte des Herrn Baron von Brand erlaubten mir Euer Erlaucht , denselben begleiten zu dürfen . Zu diesem Zweck erwartete ich gestern Abend den Herrn Baron um neun Uhr vor dem E ' schen Thor mit dem Wagen . So hatte er es mir befohlen . « » War es ein Reisewagen ? « fragte der Graf . » Nein , ein leichtes Coupé , aber mit vier Pferden bespannt . - Es mochte fast halb zehn Uhr sein , da hörte ich , daß sich ein Wagen dem Thor näherte , und zwar so schnell , als zwei tüchtige Pferde nur zu laufen im Stande sind . Es war das die Equipage Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs Alfred . Trotzdem es sehr dunkel war , erkannte ich den Kutscher , der seine Pferde neben dem Coupé parirte . Der Herr Baron von Brand sprang heraus , und der Wagen , mit dem er gekommen , kehrte augenblicklich in die Stadt zurück . Der Herr Baron begrüßte mich freundlich , befahl , auf der Chaussee nach der ersten Station zu fahren , und stieg eilig in den Wagen . « » Wie war er gekleidet ? « fragte aufmerksam der Graf . » Ueber dem gewöhnlichen Anzug trug er einen weiten Radmantel und auf dem Kopfe hatte er einen runden Hut . « » Und war bewaffnet ? « » Ja , Euer Erlaucht , mit zwei Pistolen . « Der Graf warf seinem Freunde einen bezeichnenden Blick zu und sagte hierauf : » Und sonst war Niemand dabei ? « » Niemand . - Ich stieg auf den Bock und wir fuhren davon . Die Postillone , denen ein gutes Trinkgeld versprochen war , ließen tüchtig laufen , so daß wir bald die Station erreichten . Dort wurde umgespannt und wir fuhren weiter . « » Aha ! nach Königshofen , « sagte kopfschüttelnd der Major . » Es ist das der gewöhnliche Ort . « » In Königshofen , « erzählte der Jäger weiter , » begab sich der Herr Baron in das dortige Wirthshaus , ließ sich ein Zimmer geben , befahl mir darauf zu Bette zu gehen , ihn aber heute Morgen vor Tagesanbruch zu wecken . Ich verabschiedete die Postillone , mochte aber nicht schlafen gehen , vielmehr schritt ich Stunden lang um das Haus herum , und bemerkte wohl , daß in dem Zimmer des Herrn Baron immerfort ein helles Licht brannte . Er war ebenfalls nicht zu Bette gegangen , denn als ich , dem Befehle gemäß , vor Tagesanbruch seine Thüre öffnete , saß er an seinem Tische und siegelte Briefschaften zu . Ah ! du bist schon da ! rief er mir entgegen ; die Zeit ist schnell verstrichen . - Ich habe mich bemüht , Erlaucht , seine Worte in meinem Gedächtnisse festzuhalten ; es schien mir das wichtig , « sagte der Jäger in bestimmtem Tone . - » Der Tag fing an zu grauen , « fuhr Franz darauf in gewöhnlichem Tone fort , » und der Herr Baron wollten seine Toilette machen , doch hatte er Alles mitzunehmen vergessen . Ich sorgte so gut als möglich dafür , und nachdem ich ihm das Haar einigermaßen arrangirt , zog er sein Schnupftuch hervor und roch daran . Ich wollte , sprach er alsdann , daß ich nicht vergessen hätte , gestern Abend noch ein paar Tropfen aufzuträufeln . Ich liebe den Geruch und er hätte mir so manche Erinnerung noch einmal frisch vor die Seele geführt . « » Coeur de rose , « sagte nachdenkend der Graf . » Wer hätte das gedacht , als wir uns hier vor einigen Monaten über sein Odeur lustig machten ! Doch weiter ! « » Er gab mir einige Briefe , um sie auf die Post zu werfen . Die Pistolen nahm er selbst unter den Mantel , dann verließen wir das Haus , gingen durch Königshofen durch und stiegen hinter dem Dorfe die Anhöhe hinaus . « » Der Weg führt nach einer einsamen Waldlichtung , ich kenne ihn wohl , « sprach nachdenkend der Major . » Und was dachtest du von allem dem ? « fragte der Graf seinen Jäger . » Fast das Gleiche fragte mich der Herr Baron , als wir den Wald hinauf gingen . Ich antwortete ihm , er könne wohl ein Duell vorhaben , doch sehe ich weder Gegner noch Sekundanten . - Die kommen Alle von der andern Seite , entgegnete er mir . Und du bist wohl klug genug , einzusehen , daß hier eine Sache vor sich geht , die mit großer Heimlichkeit betrieben werden muß . « Der Major wechselte mit seinem Freunde einen bedeutsamen Blick , welch ' Letzterer die Achseln zuckte und sehr ernst nach Oben sah . » Ja , ich habe ein Duell vor , so fuhr der Baron fort , und einen gefährlichen Gegner . Ich weiß wohl , wie der schießt , sagte er sonderbar lächelnd , fehlt auf fünfundzwanzig Schritte nie ein Aß und kann auch wohl die Kugeln auf einer starken Messerklinge theilen . - Da müßte er ja fast so gut schießen wie Sie , gnädiger Herr , erlaubte ich mir zu bemerken , worauf er entgegnete : ganz genau wie ich , deßhalb ist die Sache sehr zweifelhaft , da er den ersten Schuß hat , und befolge daher genau , was ich dir auftrage : Hier müssen wir scheiden , zieh deine Uhr hervor und richte sie nach der meinigen . - Es war sechs Uhr . - In einer halben Stunde wird wohl Alles vorüber sein . Dann folgst du dem schmalen Weg , den ich jetzt hinaufsteige , und findest oben eine Waldlichtung . Da wirst du schon selbst sehen , was zu thun ist . - Ich bat ihn , mich mitzunehmen , doch er wiederholte seinen Befehl ernst und strenge . Und er konnte sehr ernst sein , der Herr Baron , « sagte der Jäger gedankenvoll . - » Er nahm also Abschied von mir , indem er mir noch vorher seine Brieftasche übergab , um die Rückfahrt für die Postillone zu bezahlen , sagte er . Dann stieg er zwischen den Bäumen aufwärts und meine Blicke folgten ihm . Euer Erlaucht werden mir verzeihen , wenn ich Ihnen gestehe , daß es mir fast das Herz zerbrach , als ich ihn so leicht und gewandt da hinaufsteigen sah , ein Herr in den besten Jahren , ja in voller Kraft der Jugend . « » Und warum folgtest du ihm nicht ? « fragte fast athemlos und tief bewegt der Graf . » Sein Befehl war gemessen , Erlaucht . Und dann kannte ich auch meinen ehemaligen Herrn . Er hätte mich niedergeschossen , wenn ich ihm gefolgt wäre , ohne daß mein Tod , « setzte er trübe lächelnd hinzu , » sein Duell verhindert hätte . - Mehrmals blieb er stehen und wandte sich rückwärts gegen das Thal . Man sieht von dort oben weit in der Ferne die Residenz vor sich ausgebreitet liegen . Dahin schien er mehrmals zu schauen , aber auch auf mich fiel sein Blick , und als er mich so ruhig da unten warten sah , winkte er mir noch einmal freundlich mit der Hand zu . - O sehr freundlich ! - Und gleich darauf war er zwischen den Bäumen verschwunden . « - - Diese letzten Worte hatte der Jäger mit kaum verständlicher Stimme gesprochen . Dann aber sagte er : » Verzeihen mir Euer Erlaucht , aber ich kann nicht anders ! « - worauf er seine Hände vor die Augen preßte und einige Sekunden so verblieb . Der Graf hatte seine Cigarre weggeworfen , und er sowie der Major blickten in der größten Spannung auf den Jäger , der nun die Hände langsam niedersinken ließ , tief aufseufzte und fortfuhr : » Darauf befand ich mich allein in dem Walde . O es waren das schreckliche Augenblicke ! Und ich horchte wohl athemlos auf jedes Geräusch , wenn weit von mir entfernt irgend ein Wild durch das dürre Laub raschelte , wenn ein welkes Blatt neben mir zu Boden fiel , so schrak ich zusammen , indem ich befürchtete , irgend etwas Anderes überhört zu haben . O Herr Graf , wenn man im dichten Walde auf etwas lauscht , wobei das Herz mit im Spiele ist , so ist die Stille , die uns umgibt , feierlicher und ernster als die Ruhe eines Kirchhofes ! Ich kenne das , « setzte er mit leiserer Stimme bei . - » Auf einmal knallte ein Schuß . - Gnädiger Herr , ich habe Schüsse knallen hören unter schauerlichen Verhältnissen - aber so wie dieser heute Morgen hat mich nie etwas erschüttert ! Gleich darauf fiel ein zweiter . Ich riß meine Uhr heraus und als ich sah , daß es halb Sieben war , stürzte ich den Waldweg hinan . So eilig ich auch war , so blieb ich doch zuweilen zitternd stehen und lauschte . Was konnte es mich auch nützen , daß ich schnell an Ort und Stelle kam , mir ahnete ja doch , was ich finden würde ? Dann spiegelte ich mir auch wohl eine falsche Hoffnung vor und blieb in der Absicht stehen , um vielleicht die Schritte der andern Partei zu vernehmen . Aber , « setzte er trübe lächelnd hinzu , » ich hörte nichts dergleichen . Der Wald war entsetzlich stille , nur das Laub rauschte unter meinen Füßen , hie und da flatterte ein Vogel und von weit her sang der Kukuk sein melancholisches , einförmiges Lied . « » Endlich fandest du ihn ! « rief gespannt der Graf , als der Jäger vor sich hinstarrend schwieg . » In der Waldlichtung - Herr , wie er mir vorausgesagt . « » Allein ? « » Ganz allein . « » Und - « » - - Todt , « sagte der Jäger nach einem tiefen Athemzuge . » Die Kugel war ihm durch ' s Herz gegangen . « » Ah ! das ist entsetzlich ! « rief der Major . » Du sahst Niemand ? Du vernahmst also wirklich keine Schritte , die sich entfernten ? « » Ich sah nichts als die Sonne , die ihren Strahl über seine bleichen Züge warf , und ich hörte nichts als die eigenen Worte des Jammers , mit welchen ich mich neben ihn hinwarf . Denn , Herr Graf , ich hatte ihn sehr geliebt , meinen ehemaligen Herrn , den Baron von Brand . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Und was denkst du über die ganze Geschichte ? « fragte der Graf nach einer langen , langen Pause . » Ich denke nur , was er mir sagte , « erwiderte der Jäger mit feierlicher Stimme . » Ich will mein Leben dafür lassen , daß er im Duell gefallen . Denn so hat er ja gewollt , daß man glaube . « » Ja , er hat so gewollt , « sprach Graf Fohrbach nachdenkend , » sein Lauf war zu Ende , wie er mir auf jenem denkwürdigen Maskenballe sagte , und er soll einen ehrenvollen Tod gestorben sein . « » Von der Hand des - « fragte der Major mit bedeutsamem Blick . Worauf der Andere entgegnete : » Herr von Dankwart ist bei allen seinen kleinen Schwächen ein Ehrenmann , das ist nicht zu bestreiten . « » Allerdings nicht , « meinte der Major . » Aber er wird die ganze Geschichte hartnäckig leugnen . « » Nehmen wir an , aus Diskretion , wie ich vorhin sagte , « erwiderte Graf Fohrbach , » die Welt wird doch an das Duell glauben , und so hat es der Unglückliche gewollt . Er ruhe sanft . - Doch laß uns das Ende deiner Geschichte hören , « wandte sich der Graf nach einigem Stillschweigen an seinen Jäger . » Ich holte Leute aus dem Dorfe , « fuhr dieser fort , » und brachte ihn nach Königshofen zurück . Ich ließ Aerzte kommen , obgleich ich wußte , daß das unnütz war . Darauf brachte ich ihn in seinen Wagen und kehrte langsam nach der Residenz zurück . « » Und wo ist er jetzt ? « » In seinem Hause . Ich habe ihn dem alten Kammerdiener übergeben , der darauf vorbereitet zu sein schien . Denn obgleich er trostlos und verzweifelt that , sagte er doch unter Thränen , er habe das wohl vorher gewußt . « » Und die Briefschaften , die dir der Baron gab ? « » Warf ich auf die Post bis auf einen Brief , den er mich beauftragte , Punkt neun Uhr Seiner Excellenz dem Herrn Polizeipräsidenten eigenhändig zu übergeben , wozu vielleicht Euer Erlaucht so gnädig sind , mir später Urlaub zu ertheilen . « Der Graf Fohrbach wechselte mit dem Major einen Blick , dann erwiderte er dem Jäger : » Allerdings , du sollst überhaupt den heutigen Nachmittag und Abend für dich haben , und erst morgen früh , « setzte er mit Betonung hinzu , » den Dienst bei mir wieder in deiner gewohnten Pünktlichkeit und - Treue antreten . « » Wie danke ich Ihnen für dies Wort ! « sprach der Jäger , tief erschüttert . Dann verließ er auf einen Wink seines Herrn Kabinet und Salon . » Es ist ein trauriges und doch gutes Ende für den Baron , « sagte Graf Fohrbach nach einer Pause . » Wir müssen übrigens seinen letzten Willen erfüllen und das Gerücht verbreiten helfen , er sei im Duell gefallen . Herr von Dankwart wird das heftig leugnen , aber nachher , wenn er sieht , daß man ihm doch nicht glaubt , wird er am Ende gezwungen , das Rencontre achselzuckend zuzugeben . « » Verlaß dich auf mich , « entgegnete der Major , » es soll auf ihm hängen bleiben . Aber sage mir , Eugen , wie verstehe ich das ? Hat der Baron wirklich etwas mit der Polizeidirektion zu schaffen gehabt ? Auf dem letzten Hofball sprach man von einer Brautschaft zwischen ihm und der Tochter des Präsidenten . « » Ich hörte auch davon , glaubte aber nicht daran . « » Muß man , « meinte der Major , » heute noch den Tod des Barons geheim halten oder kann man nach Tisch darüber sprechen ? « » Natürlich wollen wir darüber sprechen , um so mehr , da Herr von Dankwart da ist . Wir werden überhaupt nicht die Einzigen sein , die die Sache erfahren haben . « » Schön , « versetzte der Andere , indem er sich zum Weggehen anschickte ; » ich verlasse dich jetzt . Es ist vier Uhr und du hast doch etwas Sammlung nothwendig . « » Und Toilette ! « lachte der Graf , während er seinem Freunde die Hand reichte . » Adieu denn bis nachher ! « » Adieu , Major ! « Mit kurzen Worten wollen wir dem Leser noch sagen , daß das heutige Diner bei Seiner Excellenz dem Kriegsminister äußerst glänzend war , daß bei demselben die Verlobung zwischen Eugenie und dem jungen Grafen proklamirt wurde , und daß der Major einen hierauf bezüglichen gar schönen Toast ausbrachte . Das unglückliche Ende des Barons war übrigens schon bekannt geworden und man schrieb dasselbe allgemein einem Duell mit Herrn von Dankwart zu . Es half auch nichts , daß dieser auf ' s Feierlichste das Gegentheil versicherte , ja daß er sich anheischig machte , ein Alibi beweisen zu wollen . Man zuckte die Achseln , man verbeugte sich lächelnd , sobald aber Herr von Dankwart den Rücken gewendet und anderswohin getänzelt war , so sagte man : » Das ist erstaunlich ; wer hätte das gedacht ! « » Und der Baron war ein immenser Pistolenschütze , « meinte ein Anderer , und ein Dritter setzte hinzu : » Was mich bei Herrn von Dankwart nur wundert , ist einzig und allein , wie man nach einer so furchtbaren Katastrophe - am gleichen Tage mit der Ruhe sein Diner einnehmen kann . « » Erstaunlich ! « » Erstaunlich ! « wiederholten Alle , und Herr von Dankwart wurde von da an mit weit größerer Ehrfurcht betrachtet , als dies bisher geschehen . Auch der Präsident war bei dem Diner gewesen , war aber sehr still und nachdenkend und verkehrte fast nur mit dem Herzog Alfred , mit dem er sich längere Zeit in einer Ecke des Salons eifrig unterhielt . Gegen acht Uhr verließ er die Gesellschaft und fuhr nach Hause . Dort hatte er mit seiner Gemahlin eine heftige Scene , bei welcher endlich auch Fräulein Auguste , aber sehr niedergeschlagen und mit rothgeweinten Augen erschien . Wer der Gegenstand der Unterhaltung in der Familie war , werden wir dem Leser nicht zu sagen brauchen , dagegen wollen wir nicht verschweigen , daß Seine Excellenz , die Nase mit der Hand festhaltend , lange im Salon auf- und abschritt und einer längeren Rede der Präsidentin lauschte , welche eifrig zu ihm sprach . » Und wenn Alles so wäre , wie du mir sagtest , « fuhr sie fort , » so können sämmtliche Gerichte des Landes ihn doch nicht wieder lebendig machen und zur Verantwortung ziehen . Welchen Nutzen brächte es dir also , die Sache an die große Glocke zu hängen , sie stadt- und landkundig zu machen ? - Nutzen , du lieber Gott ! « rief sie weinend . » Nur Schande , o welche Schande ! Wird nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns deuten ? O der Skandal ! « » Und meine Ehre als Chef der Polizei ? « sprach stehen bleibend der Präsident , wobei seine losgelassene Nase hoch empor fuhr . » Und meine Ehre ? « sagte Auguste weinend . » Bin ich nicht unglücklich genug durch diese schreckliche Geschichte geworden ! « Der Präsident setzte abermals schweigend seinen Spaziergang fort und mit einem tiefen Seufzer blickte er auf die linke , immer noch leere Seite seines Frackes . » Eine allerhöchste Belohnung , « redete er schwermüthig , » hätte mir diesmal nicht entgehen können . O ich war so nah daran ! « - Damit meinte er den Stern , nach dem er so lange geschmachtet . - » Wer weiß , wenn es wieder einem Hauptverbrecher gefällt , sich von mir einfangen zu lassen ! « In diesem Augenblicke meldete der Bediente einen herrschaftlichen Jäger , welcher Seine Excellenz zu sprechen wünsche . Auf ein Kopfnicken des Letzteren trat Franz ein und übergab einen Brief , indem er sagte : » Von dem Herrn Baron von Brand . « Man kann sich denken , wie der Präsident bei dieser Meldung zurückfuhr und daß er mit zitternden Fingern das Couvert abriß . Auch schien ihn die Einlage desselben nicht zu beruhigen ; es war ein einfaches Blatt , auf welchem die Worte standen : » Der Baron von Brand gibt sich die Ehre , Seine Excellenz den Herrn Polizeipräsidenten daran zu erinnern , daß er heute Abend erwartet wird und zwar zu einem Whist à trois mit dem todten Mann . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Im Hause des Kommerzienrathes Erichsen hatte man in diesen Tagen ebenfalls eine Verlobung gefeiert , nicht so geräuschvoll wie bei Seiner Excellenz dem Kriegsminister , aber darum nicht minder herzlich . Zwar saß die Räthin auch bei dieser Veranlassung steif wie immer in ihrer Sophaecke , doch lag über ihren Zügen eine angenehme Weichheit , ihre Augen blickten freundlich und sie wandte den Kopf häufig nach der rechten Seite , wo Herr Staiger saß , an dem die alte Dame ihr besonderes Wohlgefallen zu finden schien . Der Mann hatte so ein gutes warmes Herz und ein ehrliches Gemüth , das sich bei jedem seiner Worte kund gab ; dabei konnte er so angenehm erzählen , und bei dem , was er am heutigen Tage vorbrachte , kam es denn heraus , daß seine Eltern mit denen der Kommerzienräthin vor langen Jahren in einem sehr freundschaftlichen Verhältniß gestanden , was zu vernehmen der Madame Erichsen nicht gerade unlieb war . Marianne hatte sich der Verlobten ihres Bruders herzlich und innig angenommen und liebte sie schon nach den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft wie eine Schwester . Ja , sie hatte der Kommerzienräthin erklärt , da sie selbst keine Kinder habe , so wolle sie sich des guten armen Mädchens annehmen und mache sich ein wahres Vergnügen daraus , derselben eine glänzende Aussteuer zu geben . Der Kommerzienrath hatte sich wie immer Diner und Champagner wohl schmecken lassen und war glückselig , daß die verdrießlichen Geschichten in seinem Hause sich wieder anfingen aufzuklären und daß er Hoffnung hatte , nächstens wieder ein stilles und harmloses Leben führen zu können . Wenn auch leider alle Bemühungen gescheitert waren , um seine Schwiegertochter Bertha wieder in das Haus ihres Mannes zurück zu bringen , obgleich bis jetzt noch keine Scheidung erfolgt war , so hatte er dagegen einen Brief von seinem Schwiegersohn Herrn Alfons in der Tasche , worin sich dieser an seine Frau wandte , sein Unrecht vollkommen einsah und versprach , bei seiner Rückkunft - er hatte nämlich zu seiner Zerstreuung eine kleine Reise unternommen - so viel in seinen Kräften stände , Alles wieder gut machen zu wollen . Auch bei diesem Diner fielen Toaste , und als das Dessert aufgesetzt wurde , ergriff sogar die Kommerzienräthin ihr Glas , nachdem sie vorher , diesmal mit beiden Händen , auf den Tisch getrommelt , und brachte die letzten Tropfen ihres Champagnerkelches allen denen zu , welche ihre Nebenmenschen ohne Neid und Mißgunst liebten , die statt gehässig die Fehler Anderer aufzudecken , lieber deren gute Seiten hervorheben , die dabei Freunde der Wahrheit und Feinde jeglicher Verleumdung seien . Ein Trinkspruch , zu welchem aus vollem Herzen Amen zu sagen auch wir uns gedrängt fühlen und mit uns gewiß der größte Theil unserer verehrlichen Leser . Sechsundachtzigstes Kapitel . Schluß . Es ist sehr schwer , von dem Schluß einer Geschichte wie die vorliegende zu sprechen . Eine solche Geschichte schließt sich eigentlich nie ab . Die Wenigen ausgenommen , über deren Lebensende berichten zu müssen wir so unglücklich waren , befinden sich alle Uebrigen in Fülle der Gesundheit , und wenn es unsere Zeit und die Geduld des Lesers erlaubten , so könnten wir aus dem ferneren Leben und Treiben der aufgetretenen Personen noch eine Menge der allerschönsten , zur Mittheilung geeigneten Sklavengeschichten auffinden . Ein Erzähler darf aber nicht gegen die Nachsicht seines Publikums sündigen , und es ist seine Schuldigkeit , so bald er glaubt , er habe sein Mögliches gethan , eine hübsche Gelegenheit zu ergreifen , um sich dem Leser zu empfehlen und sein Buch zu beschließen . Wir glauben dies in keinem passenderen Zeitpunkt thun zu können , als jetzt und wollen nur mit wenigen Worten hinzufügen , was in der nächsten Zukunft sich mit einigen der Personen zugetragen , die in unserer sehr wahrhaftigen Geschichte aufgetreten . Wir können dies um so weniger unterlassen , da hierbei noch ein paar kleine Sklavengeschichten zu Tag kommen , deren Details sich der Leser , wenn er gleiche Verhältnisse bei sich oder Andern sieht , am besten selbst auszumalen im Stande sein wird . Gewöhnlich folgt auf eine Verlobung die Hochzeit . So war es auch bei dem Grafen Fohrbach und Arthur Erichsen der Fall . Obgleich die Freundschaft dieser Beiden in gleicher Stärke fortdauerte , so hatten sie sich doch in letzter Zeit nicht so häufig gesehen wie früher . Zufällig aber war die Hochzeit beider Paare an demselben Tage , und fast zur gleichen Stunde verließen sie die Stadt , um eine längere Reise anzutreten . Graf Fohrbach zog gen Norden , wo seine Familie weitläufige Güter besaß , Arthur aber nach Italien , nach dem herrlichen Lande , das er schon lange zu sehen gewünscht . Der Abschied Clara ' s von ihrem Vater war ziemlich schmerzlich gewesen , denn Herr Staiger meinte , bei seinem Alter könne die Trennung von einem halben Jahre wohl zu einer ewigen werden . Doch bestätigte sich diesmal