durch Schilf und Rohr heranschlich , horchte der Wildschwan auf , hier hatte er noch den Instinkt der Gefahr , und wenn der erste Schuß fiel , erhoben sich fünfzig der majestätischen Vögel und rauschten mit schwerem Flügelschlage durch die Luft . Die Schönheit und Poesie dieses Tieres aber , vor allem die mächtige Schußfläche , die es bietet , werden sehr wahrscheinlich immer ein Hindernis bleiben , die Schwanenjagd in Jägeraugen zu etwas besonders Wünschenswertem zu machen . Es unterbricht nur mal den gewöhnlichen Lauf der Dinge . Ein Zwischengericht , das willkommen ist . Die Schwäne der Havel bilden auch einen Versandartikel . Viele , von näher gelegenen Punkten zu schweigen , gehen bis Petersburg und nach den großen Städten der Union . Mannigfach sind die Versuche , ihn auch an andern Stellen einzubürgern . Es mag indessen lange dauern , ehe der Havelschwan übertroffen wird . Der Limfjord , auf jenen weiten Wasserbassins , wo Tausende von Möwen wie weiße Nymphäen schwimmen , bietet ein ähnliches Bild . Aber doch nur ein ähnliches . Die Möwe ist eben kein Schwan . Noch ist die Havel mit ihren zweitausend Schwänen unerreicht . Die Pfaueninsel 1. Die Pfaueninsel bis 1685 1. Die Pfaueninsel bis 1685 Pfaueninsel ! Wie ein Märchen steigt ein Bild aus meinen Kindertagen vor mir auf : ein Schloß , Palmen und Känguruhs ; Papageien kreischen ; Pfauen sitzen auf hoher Stange oder schlagen ein Rad , Volieren , Springbrunnen , überschattete Wiesen ; Schlängelpfade , die überall hin führen und nirgends ; ein rätselvolles Eiland , eine Oase , ein Blumenteppich inmitten der Mark . Aber so war es nicht immer hier . All das zählt erst nach Jahrzehnten , und noch zu Ende der neunziger Jahre war diese Havelinsel eine bloße romantische Wildnis , die sich aus Eichen , Unterholz und allerhand Schlinggewächs zusammensetzte . An manchen Stellen urwaldartig , undurchdringlich . Um das ganze zweitausend Schritt lange und über fünfhundert Schritt breite Eiland zog sich ein Gürtel von Uferschilf , darin wildes Geflügel zu Tausenden nistete . Dann und wann , wenn im Grunewald die Jagd tobte , schwamm ein geängsteter Hirsch über die Schmalung an der Südwestspitze und suchte Schutz bei der Einsamkeit der Insel . So war es unter den Joachims , auch noch unter dem Großen Kurfürsten . Wer nicht ein Jäger war , oder das Schilf am Ufer schnitt , der wußte kaum von einer solchen Insel im Havelstrom , die durch alle Jahrhunderte hin namenlos geblieben war . Erst 1683 , also während der letzten Jahre des Großen Kurfürsten , trat die namenlose Insel , die inzwischen ein » Kaninchengehege « empfangen hatte , als Kaninchenwerder in die Geschichte ein , freilich ohne dadurch irgend etwas anderes als einen Namen gewonnen zu haben . Das Eiland blieb vielmehr bis zu der eingangs erwähnten Zeit eine absolute Wildnis , an deren Bestand auch ein der Kaninchenherrschaft unmittelbar folgendes Prospero-Zwischenspiel nicht das geringste zu ändern vermochte . Im Gegenteil , zu dem Wilden gesellte sich noch das Grusliche , ohne daß von einem Caliban berichtet wird . Der Prospero war Johann Kunckel , der Alchimist . Er erhielt die Insel 1685 aus der Hand des Kurfürsten . Bei diesem Zeitabschnitt verweilen wir zunächst . 2. Die Pfaueninsel von 1685 bis 1692 2. Die Pfaueninsel von 1685 bis 1692 Johann Kunckel » He , Holla , halt , « schreit ' s hinter ihm , » wir kennen euch , nicht von der Stelle ! Hoch euer Galgenmännlein , hoch der kleine , rauchige Geselle ! Und wieder hoch ! und dreimal hoch ! Alräunchen , Hütchen meinetwegen , Mag ' s ferner goldne Eier euch und andern tote Bälge legen . « Annette von Droste-Hülshoff Johann Kunckel , zu Hütten bei Rendsburg und zwar wahrscheinlich 1638 geboren , hatte sich von Jugend auf der Alchimie befleißigt , den Stein der Weisen gesucht , den Phosphor entdeckt und war 1677 in kursächsische Dienste getreten , wo ihm das für damalige Zeit außerordentlich hohe Gehalt von tausend Talern , nebst Vergütung für alle Materialien , Instrumente , Gläser und Kohlen zugesagt worden war . Er erhielt aber schließlich diese Summe nicht ausgezahlt und auf seine desfallsige Beschwerde einfach den Bescheid : » Kann Kunckel Gold machen , so bedarf er kein Geld ; kann er solches aber nicht , warum sollte man ihm Geld geben ? « Die Verlegenheiten , die ihm daraus erwuchsen , veranlaßten ihn , einen Ruf an den brandenburgischen Hof anzunehmen , freilich unter bescheideneren Bedingungen , die aber das Gute hatten , daß sie gehalten wurden . Der Große Kurfürst sagte ihm in einer ersten Unterredung , in der diese Dinge zur Sprache kamen : » Ich kann Euch tausend Taler nicht geben , denn ich gebe meinen Geheimen Räten nicht mehr ; um keine Jalousie zu machen , so will ich Euch geben , was ich meinen Geheimen Kammerdienern gebe . « So erhielt Kunckel ein Jahresgehalt von fünfhundert Talern . Er nahm erst die Drewitzer Glashütte in Pacht , wurde dann Kompagnon der Glashütte auf dem Hakendamm bei Potsdam , erfand hier das Rubinglas , das zu schönen Pokalen verarbeitet wurde , und erhielt endlich , da es ihm um ein möglichst abgelegenes , schwer zugängliches Plätzchen für seine Arbeiten zu tun war , in dem schon genannten Jahre 1685 den ganzen Kaninchenwerder ( Pfaueninsel ) zum Geschenk . Die Schenkungsurkunde besagte , daß ihm , unter Befreiung von allen Abgaben , die ganze Insel erb- und eigentümlich übereignet , das Recht des freien Brauens , Backens und Branntweinbrennens zuerkannt und der Bau einer Windmühle gestattet werden solle , » damit seine Leute nicht gezwungen seien , des Backens und Brauens , des Mahlens und Schrotens halber , die Insel zu verlassen . « Gleichzeitig wurde er in seiner Rubinglas-Fa brikation durch ein Privilegium geschützt , wogegen er es übernahm , » alljährlich für fünfzig Taler Kristallgläser an die Kurfürstliche Kellerei abzuliefern und seine Glaskorallen nur an die Guineasche Kompagnie zu verkaufen « . Die Errichtung der Glashütte erfolgte bald darauf an der nordöstlichen Seite der Insel dicht am Ufer . Er erbaute besondere Öfen , um die beste Art der Kondensierung des Feuers zu ermitteln , kein Fremder durfte die Insel betreten , nur der Kurfürst besuchte ihn wiederholt , um die Anlage des Ganzen , sowie den Kunstbetrieb kennenzulernen . Dabei wurde , über die Glasfabrikation hinaus , viel experimentiert . Worauf diese Bemühungen gerichtet waren , ist nicht mit Sicherheit festzustellen . Daß es sich um Goldmachekunst und um Entdeckung des Steins der Weisen gehandelt habe , ist sehr unwahrscheinlich . Nachweisbar verhielt sich Kunckel gegen solche Versuche , wenigstens wenn sie von andern ausgingen , sehr ablehnend . So entzog ihm denn auch der Große Kurfürst nie seine Gnade , wiewohl die Erfolglosigkeit , auch die wissenschaftliche , aller der damals unternommenen Experimente so ziemlich feststeht . Friedrich Wilhelm rechnete , wie Kunckel ihn selbst sagen läßt , die daran gewendeten Summen zu solchen , die er verspielt oder im Feuerwerk verpufft habe . Da er jetzt weniger spiele , so dürfe er das dadurch Gesparte an Forschungen in der Wissenschaft setzen . Mit dem Hinscheiden des Kurfürsten schied aber auch Kunckels Ansehen , wenigstens innerhalb der Mark Brandenburg . Man machte ihm den Prozeß auf Veruntreuung und Unterschleif und wenn auch nichts bewiesen werden konnte , weil eben nichts zu beweisen war , 23 so mochte er dennoch von Glück sagen , durch eine Aufforderung König Karls XI. von Schweden seiner alten Umgebung entrissen zu werden . Dies war 1692 . Er ging nach Stockholm , wurde schwedischer Bergrat und unter dem Namen Kunckel von Löwenstern in den Adelsstand erhoben . Er starb wahrscheinlich 1703 . Sein Laboratorium auf dem Kaninchenwerder hatte nur allerkürzesten Bestand gehabt . Noch vor seiner Übersiedlung nach Schweden brannten die Baulichkeiten nieder ; – am östlichen Ufer der Insel finden sich bis heute einzelne verstreute Schlackenreste , die ungefähr die Stelle angeben , wo die alchimistische » Hütte « stand . Mehr als ein Jahrhundert verging , bevor die Zaubererinsel zu einer Zauberinsel wurde . 3. Die Pfaueninsel unter Friedrich Wilhelm III 3. Die Pfaueninsel unter Friedrich Wilhelm III. 1797 – 1840 Mein Herr ist König im Land , Ich herrsch ' im Garten der Rosen . Uhland Die Anfänge dazu ( zur Zauberinsel ) fallen bereits in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. Der Schilfgürtel , der die Insel vor jedem Zutritt zu bergen schien , wurde mittelbar die Ursache , daß sich ihre Schönheit zu erschließen begann . In diesem Schilfe nisteten nämlich , wie schon angedeutet , Tausende von Schnepfen und Enten , die den jagdlustigen König , als er davon vernommen , erst bis an den Rand der Insel , dann auf diese selber führten . Einmal bekannt geworden mit dieser Waldesstille , die ihm bald wohler tat als die Aufregungen der Jagd , lockte es ihn öfter , vom nahen Marmorpalais , zu Kahn herüber . Aus dem Heiligensee in die Havel , an Sakrow vorüber , steuerte er an heiteren Nachmittagen , umgeben von den Damen seines Hofes , der ihm lieb gewordenen Insel zu , auf deren schönster Waldwiese die reichen orientalischen Zelte , die ihm irgendein Selim oder Mahmud geschenkt hatte , bereits vorher ausgespannt worden waren . Die Musik schmetterte ; Tänze und ländliche Spiele wechselten ab ; so vergingen die Stunden . Erst mit der sinkenden Sonne kehrte man nach dem Marmorpalais zurück . Solche Lust gewährten dem Könige diese Fahrten nach der stillen , nahe gelegenen Waldinsel , daß er sich im Jahre 1793 entschloß , dieselbe vom Potsdamer Waisenhause , dem sie durch eine Schenkung Friedrich Wilhelms I. zugefallen war , zu kaufen . Dies geschah und schon vor Ablauf von drei Jahren war das Eiland zu einem gefälligen Park umgeschaffen , mit Gartenhaus und Meierei , mit Jagdschirm und Federviehhaus und einem Lustschloß an der Nordwestspitze . Die Zeichnung zu diesem Lustschloß , so wird erzählt , rührte von der Gräfin Lichtenau her , die das Motiv dazu , während ihrer Reise in Italien , einem verfallenen Schloß entnahm , das zwei , oben mit einer Brücke verbundene Türme , unten aber , zwischen den beiden Türmen , ein großes Bogentor zeigte . Wir halten diese Erzählung für glaubhaft , trotzdem Kopisch sie bezweifelt . Die Lichtenau dilettierte in Kunstsachen und nicht ganz ohne Talent . Esprit und Geschmack zählen bekanntlich zu den Vorrechten aller Damen aus der Schule der Laïs . Der Bau des Schlosses begann ; aber noch ehe dieses und anderes seinen Abschluß gefunden hatte , starb der König und die Annahme lag nahe , daß auch die nun zurückliegenden zehn Jahre unter Friedrich Wilhelm II. , genau wie die sieben Jahre unter Kunckel , zu einer bloßen Episode im Leben der Pfaueninsel werden würden . Es kam indessen anders . Friedrich Wilhelm III. , in allem gegensätzlich gegen seinen Vorgänger und diesen Gegensatz betonend , machte doch mit Rücksicht auf die Pfaueninsel eine Ausnahme und wandte ihr von Anfang an eine Gunst zu , die , bis zur Katastrophe von 1806 , alles daselbst Vorhandene liebevoll pflegte , nach dem Niedergange der Napoleonischen Herrschaft aber diesen Fleck Erde zu einem ganz besonders bevorzugten machte . Ohnehin zu einem kontemplativen Leben geneigt , fand der König , aus den Stürmen des Krieges heimgekehrt , die Einsamkeit dieser Insel anziehender denn zuvor . Was ihm Paretz zu Anfang seiner Regierungszeit gewesen war , das wurde ihm die Pfaueninsel gegen den Schluß hin . Man schritt zu neuen Anlagen und war bemüht , den Aufenthalt immer behaglicher zu gestalten . Viele Anpflanzungen von Gesträuchen und Bäumen , darunter Rottannen und Laubhölzer aller Art , fanden statt . Wildfliegende Fasanen machten sich heimisch auf der Insel ; neue Bauten wurden aufgeführt . Eine mit Kupfer beschlagene » Fregatte « traf ein , die der Prinzregent dem Könige Friedrich Wilhelm III. zum Geschenk gemacht hatte ; 24 ein russischer » Rollberg « entstand , eine sogenannte Rutschbahn , und russische Schaukeln setzten sich in Bewegung . 1821 wurde ein Rosensortiment aus der Nachlassenschaft des Dr. Böhm für eine erhebliche Summe Geldes gekauft und in vier Spreekähnen von Berlin aus nach der Pfaueninsel geschafft . Die Überführung dieser Sammlung gab Anlaß zur Anlage eines Rosengartens , der alsbald einhundertundvierzig Quadratruten bedeckte und dreitausend hoch- und halbstämmige Rosen , dazwischen ungezählte Sträucher von Zentifolien , Noisetten und indischen Rosenarten umschloß . Ziemlich um dieselbe Zeit wurde ein Wasserwerk mit einer Dampfmaschine errichtet , lediglich um ein großes Reservoir zu speisen , aus dem nun der sandige Teil der Insel bewässert werden konnte . Damit war Lebensblut für alle darauf folgenden Verschönerungen gegeben . 1828 , nachdem viele Geschenke und Ankäufe vorausgegangen , ward auch eine reizende , alle Tierarten umfassende » Menagerie « erworben . Sie wurde hier wie von selbst zu einem zoologischen Garten , da Lenné , feinen Sinnes und verständnisvoll , von Anfang an bemüht gewesen war , den einzelnen Käfigen und Tiergruppen immer die passendste landschaftliche Umgebung zu geben . 1830 wurde auch das Palmenhaus errichtet . Das kleine Eiland stand damals auf seiner Höhe . » Eine Fahrt nach der Pfaueninsel « , so durfte Kopisch wohl schreiben , » galt den Berlinern als das schönste Familienfest des Jahres und die Jugend fühlte sich überaus glücklich , die munteren Sprünge der Affen , die drollige Plumpheit der Bären , das seltsame Hüpfen der Känguruhs hier zu sehen . Die tropischen Gewächse wurden mit manchem Ach ! des Entzückens bewundert . Man träumte in Indien zu sein und sah mit einer Mischung von Lust und Grauen die südliche Tierwelt , Alligatoren und Schlangen , ja das wunderbare Chamäleon , das opalisierend oft alle Farben der blühenden Umgebung widerzuspiegeln schien . « Meine eigenen Kindheitserinnerungen , wie ich sie eingangs ausgesprochen , finden in dieser Schilderung ihre Bestätigung . 4. Die Pfaueninsel 15. Juli 1852 4. Die Pfaueninsel 15. Juli 1852 Und Stille , wie des Todes Schweigen Liegt überm ganzen Hause schwer . » Die Kraniche des Ibykus « Mit 1840 schied die Pfaueninsel aus der Reihe der herrschenden Lieblingsplätze aus ; Friedrich Wilhelm IV. griff auf die Friderizianische Zeit zurück und Sanssouci samt seinen Dependenzien belebte sich wieder . Das Rokokoschloß , das der Lichtenau ihre Entstehung verdankte , verfiel nicht , aber es kam außer Mode , und wie man die Jahrzehnte vorher gewallfahrtet war , um den Rosengarten der Pfaueninsel zu sehn , so führte jetzt die Eisenbahn viele Tausende hinüber , um , zu Füßen von Sanssouci , die Rosenblüte in Charlottenhof zu bewundern . Die Pfaueninsel kam außer Mode , so sagt ' ich , aber wenn sie auch nicht Sommerresidenz mehr war , so zählte sie doch noch immer zu jenen bevorzugten Havelplätzen , wo Friedrich Wilhelm IV. an Sommerabenden zu landen und in Stille , bei untergehender Sonne , seinen Tee zu nehmen liebte . Ein solcher Sommerabend war auch der 15. Juli 1852 . Wir berichten näher über ihn . Kaiser Nikolaus war am preußischen Hofe zu Besuch eingetroffen . Ein oder zwei Tage später erschien Demoiselle Rachel in Berlin , um daselbst ihr schon 1850 begonnenes Gastspiel zu wiederholen . Friedrich Wilhelm IV. , mit seinem kaiserlichen Gaste in Potsdam verweilend , gab , als er von dem Eintreffen der berühmten Tragödin hörte , dem Hofrat Schneider Auftrag , dieselbe für eine Pfaueninsel-Vorstellung zu engagieren . Über diesen allgemein gehaltenen Auftrag hinaus wurde nichts angeordnet . Die nötigen Schritte geschahen ; die Rachel , die natürlich ein Auftreten im Neuen Palais oder doch mindestens im Stadttheater erwartete , sagte zu . Am Nachmittage des festgesetzten Tages traf die Künstlerin , in Begleitung ihres Bruders Raphael , auf dem Bahnhofe zu Potsdam ein . Hofrat Schneider empfing sie . Die Situation dieses letzteren , der , trotz aller Bemühungen , nicht imstande gewesen war , bestimmtere Orders , eine Art Festprogramm zu extrahieren , war inzwischen eine ziemlich peinliche geworden . Die Tragödin verlangte Auskunft über alles , während solche über nichts zu geben war . Als ihr schließlich , auf immer direkter gestellte Fragen , gesagt werden mußte , daß es an all und jeder Vorbereitung fehle , daß alles in die Macht ihrer Erscheinung und ihres Genius gegeben sei , geriet sie in die höchste Aufregung , fast in Zorn , und drohte , mit einem mehrfach wiederholten » jamais « , die Unterhandlungen abzubrechen . Ihr Bruder Raphael bestärkte sie in ihrem Widerstande . » Eine Bänkelsängerin , eine Seiltänzerin , nie , nie ! « Sie schickte sich an , mit dem nächsten Zuge nach Berlin zurückzufahren . Was tun ? Eine Niederlage ohnegleichen schien sich vorbereiten zu sollen . Aber die diplomatische Beredsamkeit des Unterhändlers wußte sie zu vermeiden . Er erinnerte die Tragödin zunächst daran , daß Molière in ähnlicher Situation vor dem Hofe Ludwigs XIV. gespielt und seine größten Triumphe gefeiert habe , was Eindruck zu machen schien ; als aber die Zuflüsterungen des » linken Reiters « ( Bruder Raphael ) dennoch wieder die Oberhand erlangen zu wollen schienen , als das Wort » Bänkelsängerin « immer von neuem fiel , griff Hofrat Schneider endlich zu einem letzten Mittel . Er wußte , daß der berühmten Tragödin ungemein daran lag , in Petersburg – das ihr seit 1848 , wo sie , von der Bühne herab , als Göttin der » Freiheit « die Marseillaise gesungen hatte , verschlossen war – wieder Zutritt zu gewinnen , und dieser Köder wurde jetzt nicht vergeblich an die Angel gesteckt . Der diplomatische Plenipotentiaire schilderte ihr mit lebhaftesten Farben , welch einen Eindruck es auf den Kaiser machen müsse , wenn er , heute abend auf der Pfaueninsel landend , erfahren würde , » Demoiselle Rachel habe es abgelehnt , zu erscheinen « , wie sich ihr aber umgekehrt eine glänzende , vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit biete , den Kaiser zu versöhnen , hinzureißen , wenn sie ihrer Zusage getreu bleibe . Dies schlug durch . » Je jouerai . « Bedenken , die auch jetzt noch von Viertelstunde zu Viertelstunde auftauchten , waren nur wie Wetterleuchten nach dem Gewitter und wurden mit verhältnismäßiger Leichtigkeit beseitigt . Unter diesen kleinen Bedenken war das erste , das laut wurde , die Kostümfrage . Nichts war zur Hand , nichts zu beschaffen . Ihre eigene Gesellschaftsrobe half indessen über diese Verlegenheit am ehesten hinweg . Sie trug ein schwarzes Spitzenkleid . Dies wurde ohne Mühe zu einem spanischen Kostüm hergerichtet . Ein Teil der kostbaren Alençons zu einem aufrecht stehenden Kopfputze arrangiert , barg eine blutrote Rose ; ein schwarzer Schleier , ein irischer Kragen , vollendeten die Toilette . So traf man , nach kurzem Aufenthalte in der Stadt , auf der Pfaueninsel ein . Die Sonne war eben im Untergehen . Noch einmal ein flüchtiges Stutzen , als auf die Frage : » où jouerai-je ? « stumm auf den Rasenfleck hingedeutet wurde , der von rechts her bis dicht an das Schloß herantritt ; – es war indessen die Möglichkeit eines » nein « , nachdem man bereits bis hierher gediehen war , so gut wie abgeschnitten , und zwar um so mehr , als eben jetzt der Hof , in seiner Mitte der Kaiser , erschien und Kreis schließend , links auf dem Kieswege und rechts auf dem Rasenplatze Aufstellung nahm . Nach rechts hin , unter den Ministern und Generalen , stand auch die Rachel . Es war inzwischen dunkel geworden , so dunkel , daß ihr Bruder ein in einer Glasglocke steckendes Licht ergriff und an die Seite der Schwester trat ; späterhin , inmitten der Deklamation , reichte auch das nicht aus und die berühmte Tragödin nahm dem Bruder das Windlicht aus der Hand , um sich selber die Beleuchtung zu geben . Ihr Mienenspiel war ihre Größe . Sie hatte eine Stelle aus der » Athalie « gewählt , jene , fünfter Akt fünfte Szene , wo sie dem hohen Priester das Kind abfordert : Ce que tu m ' as promis , songe à exécuter : Cet enfant , ce trésor , qu ' il faut qu ' on me remette , Où sont-ils ? Sie spielte groß , gewaltig ; es war , als ob das Fehlen alles Apparats die Wirkung steigere . Der Genius , ungehindert durch Flitter und Dekorationen , wirkte ganz als er selbst . Dabei brachen die Schatten des Abends immer mehr herein ; die Luft war lau , und aus der Ferne her klang das Plätschern der Fontänen . Alles war hingerissen . Zumeist der König . Kaum minder sein Gast , der Kaiser . Er trat an die Tragödin heran : J ' espère de vous voir à Petersbourg . Mille remercîments ; mais .. Votre Majesté .. Je vous invite , moi . Die kaiserliche Einladung war ausgesprochen , das Ziel erreicht , der große Preis des Abends gewonnen . Eine Viertelstunde später , in lampiongeschmückten Gondeln , kehrte der Hof , der auf eine kurze Stunde die Pfaueninselstille belebt hatte , wieder in die jenseit der breiten Havelfläche gelegenen Schlösser zurück , nach Glienicke , nach Sanssouci , nach dem Neuen Palais . An der Stelle aber , an der an jenem Abend die Rachel gesprochen und einen ihrer größten Triumphe gefeiert hatte , erhebt sich jetzt , auf schlankem Postament , eine Statuette der Künstlerin , einfach die Inschrift tragend : den 15. Juli 1852 . 5. Frau Friedrich 5. Frau Friedrich Herr Friedrich saß auf Sanssouci , Den Krückstock , den vergaß er nie ; Frau Friedrich findet ' s à propos Und sagt : ich mach ' es ebenso . Demoiselle Rachel ist hinüber , Frau Friedrich lebt noch . Ihre goldene Hochzeit liegt hinter ihr , sie steht vor ihrer diamantnen . Fünfzig Jahre Inselherrschaft haben ihren Namen an den Namen dieses stillen Eilands gekettet . Und welche Herrschaft ! Das absoluteste car tel est notre plaisir , hier hat es seine Stätte . Aber wer ist Frau Friedrich ? In Potsdam kennt sie jeder ; jeder hat ihr gehuldigt , jeder , wenn er auf der Insel landete , hat ihr einen allerfreundlichsten Guten Tag geboten und nach ihren Mienen gesehen , um zu wissen , ob gutes oder schlechtes Wetter sei . Das Schicksal ganzer Landpartien hing an dem Zwinkern dieser Augen ; ein heitres Blinzeln bedeutete den besten Kaffee , eine einzige Krähenpfote strich einen Nachmittag aus dem Leben harmloser Mitmenschen und warf sie der Enttäuschung , unter Umständen dem Hunger in die Arme . Frau Friedrich war eine Macht . Sie ist es noch . Aber noch einmal , wer ist Frau Friedrich ? Sie ist die Frau des gleichnamigen Maschinenmeisters . In einem früheren Abschnitt dieses Pfaueninselkapitels haben wir erzählt , daß um 1822 ein Wasserwerk angelegt wurde , das zunächst ein großes Reservoir speisend , mit Hilfe dieses die Aufgabe hatte , die sandigen Stellen der Insel zu bewässern und fruchtbar zu machen . Dieses Wasserwerk nun bedurfte einer Maschine und die Maschine wiederum eines Maschinenmeisters , wozu ein junger Straßburger Mechaniker , ein Tüftelgenie , einer aus der großen Familie der perpetuum-mobile-Erfinder , ausersehen wurde . Er hieß Friedrich und bekleidete bis zu seiner Ernennung zum Pfaueninsel-Maschinenmeister das Amt eines Maschinisten und Versenkungskünstlers am Königstädtischen Theater . Wie er zu diesem Amt gekommen , was ihn überhaupt an Spree und Havel gekettet und seinem » o Straßburg « ungetreu gemacht hatte , darüber sind nur noch Vermutungen gestattet , die aber schwerlich weit vom Ziele treffen , wenn sie die Lösung des Rätsels in einer quicken , von Lenzen oder Havelberg nach Berlin verzogenen Priegnitzerin suchen , die schon damals die wenigstens partielle Eroberung des Elsaß anstrebte . Und , wie sich von selbst versteht , mit Erfolg . Die märkischen Mädchen setzen durch , was sie wollen , und halten fest , was sie haben . Zumal die Fremden erliegen ihrer Zauberkunst . Los ist noch keiner gekommen . Ein neues Kapitel für die Dämonologie . Wenn es nun je einen Elsässer gab , der einer Priegnitzerin von allem Anbeginn an rettungslos verfallen war , so war es unser Freund Friedrich ; in kürzester Frist waren die bindenden Worte gesprochen , die Ringe getauscht , und nachdem er noch eine kurze Zeitlang am Königstädtischen Theater gedonnert und geblitzt hatte , intervenierte plötzlich die mehr erwähnte Dampfmaschine und hob eines Tages nicht nur sechstausend Tonnen Wasser in das Reservoir hinein , sondern auch noch unsern Theatermaschinisten samt Frau in das Maschinenmeisterhaus auf der Pfaueninsel . Da setzte sie beide nieder und da sitzen sie noch . Da sitzen sie in einem gelben Hause , am Hügelabhang , unter Pfeifenkraut und Geißblattlauben , da sitzen sie seit nahezu fünfzig Jahren , erst mit Kindern , dann mit Enkeln , zuletzt mit Urenkeln gesegnet , und wiewohl als echte Inselbewohner unbekümmert um die Vorgänge des Kontinents , haben sie doch die Potentaten des Festlandes , die großen und die kleinen , ihrerseits empfangen und in langer Reihe an ihrem Hause und ihrer Gartenbank vorüberziehen sehn . Gute , glückliche Leute , loyal und frei . Da liegt ' s. Auf einer ganz eminenten Freiheit , die sich sonderbarerweise auf dem Beschränkungsparagraphen : » Wirts- und Kaffeehäuser sind unzulässig an dieser Stelle « aufbaute , gründete Frau Friedrich ihre Pfaueninselherrschaft . Alles , was hier landete , wenn es seinen Schloßgang hinter sich hatte , hatte das dem norddeutschen Menschen tief innewohnende Bedürfnis des Nachmittagskaffee , und da kein Platz da war , wo dies Bedürfnis regelrecht , nach den alten Traditionen von Angebot und Nachfrage befriedigt werden konnte , so blieb den Durstigen nichts übrig , als um Dinge zu bitten , die nun mal nach Lage der Sache nicht befohlen werden konnten . So wurde das Maschinenmeisterhaus ein Kaffeehaus von Frau Friedrichs Gnaden und aus dieser eigentümlichen Machtstellung entwickelte sich schließlich jener Absolutismus , der wohl gelegentlich , wie alle unumschränkte Herrschergewalt , ein wenig bedrücklich gefunden worden ist . Um keinen Louis-Quatorze ist fünfzig Jahre lang so andauernd geworben worden , wie um diesen l ' état c ' est moi . Die weibliche Trägerin dieses Satzes verkaufte nicht , sie spendete nur . Ein kleinster Verstoß , ein zu sicheres Auftreten , eine zu früh gezeigte Börse , eine Krawatte , deren Farbe mißfiel , und – die Gnade konnte entzogen werden . Man trank hier seinen Kaffee immer mit Augen links , immer lächelnd , immer die Hand am Hut und vielleicht schmeckte er nur deshalb so vorzüglich , weil er wirklich teuer erkauft und errungen war . Dies alles traf nun aber bloß den Namenlosen , den Unbekannten , der führerlos an diese Küste verschlagen , des Vorzugs entbehren mußte , der Frau Friedrich vorgestellt , oder irgendwie empfohlen zu sein . Über alle diese Hazardeurs brach es gelegentlich herein . Die Kugel rollte , rot oder schwarz , und wer wollte sagen , wohin sie fiel . Aber die Billigkeit erzwingt doch gleicherzeit das Anerkenntnis , daß das Gesetz des Introduziertseins nicht mit Strenge gehandhabt wurde und daß im großen und ganzen jeder ein Empfohlener war , der sich – nach den Traditionen des alten Preußens – durch Epaulette oder Orden beglaubigen konnte . Waren es nun gar Personen , die dem Königshause » verwandt oder zugetan « waren , so brach die Loyalität in hellen Flammen siegreich durch . Die Liebenswürdigkeit der Frau Friedrich wetteiferte an solchem Tage mit ihrer Kochkunst , und ihr märkisch-schlagfertiger Witz tat das Weitere , um das Maschinenmeisterhaus bei den hohen Besuchern in gutem Andenken zu erhalten . Traditionell pflanzte sich alsbald die Sitte fort , diesem Andenken einen ganz bestimmten Ausdruck zu leihen : ein Milch- oder Sahnentopf wurde » zur Erinnerung an eine froh verlebte Kaffeestunde « bei Frau Friedrich abgegeben . Daraus entstand denn im Laufe eines Menschenalters ein Porzellankabinett , wie es die Welt wohl nicht zum zweiten Male gesehen hat , eine Topfkollektion , neben der die berühmtesten Pfeifensammlungen verschwinden . Das Aufstellungslokal war und ist natürlich die in ihrer Sauberkeit ein Schmuckkästchen bildende Küche , und allen Borden und Realen hin , in Schränken und Ständern , als Garnierung von Wand und Rauchfang , hängen an Nägeln und Häkchen an zweihundert Töpfe und Töpfchen . Alle ein Souvenir . Jede Form und Farbe , jedes denkbare Material , jede Art der Verzierung ist vertreten . Endlos wechseln weiß und blau , und grün und gold ; Glas , Biskuit , Chausseestaub gesellen sich dem Gros des eigentlichen Porzellans , das wiederum seinerseits zwischen China und Frankreich , zwischen Meißen und Sèvres hin- und herschwankt . Hautrelief und Basrelief , bemalt und gekratzt , so präsentieren sich die Ornamente . Zahlreich sind die Porträts , noch zahlreicher die Schlösser vertreten , und zwischen Prinzen und Prinzessinnen , zwischen Marmor- und Neuem Palais , erscheinen Vater Wrangel und Minister von der Heydt ; der letztere sogar in Begleitung eines Pfauenpaares . Schon in den fünfziger Jahren war die Zahl der Bildnisse so groß , daß König Friedrich Wilhelm IV. , als er in neckischem Geplauder um einen Porträtkopf gebeten wurde , replizieren konnte : » Sie haben hier meine Minister und Generale aufgehängt , nun soll mir dasselbe passieren . Ich werde mich hüten . « Aber die Ablehnung selbst involvierte bereits eine anderweite Zusage und zwei Tage später hatten zwei Souvenirs von Sanssouci die Sammlung vermehrt . Diese Küche , wie wir nur wiederholen können , ist einzig in ihrer Art , und es verlohnt sich eine Viertelstunde lang in dieser eigentümlichsten aller barocken Porträtgalerien zu verweilen . Aber so unterhaltlich ein Aufenthalt an dieser Stelle ist , zumal wenn Frau Friedrich sich herabläßt , einiges aus der Fülle ihres Erinnerungs- und Anekdotenschatzes auszustreuen und die ganze Stätte zu beleben , der eigentlichste Zauber dieses glücklichen Fleckchens