bei Tremann , alljährlich drei , vier Mal durch ihre Hände laufen und immer etwas davon kleben bleiben kann ? Im Gutsbesitz , im Landbesitz ist es just das stricte Gegentheil . Da will Alles seine Zeit und seine Ruhe haben . Und wenn Sie , gnädiger Herr , mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein verlassen wollten , so sollten Sie erleben , ob ich mich auf mein Fach verstehe und ob ich meines Herrn Vortheil mit meiner alten Wirthschaftsmanier nicht besser wahrzunehmen weiß , als die Anderen mit all ihren neuen Künsten . Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken , wie leicht es die Steinert , seine Vorgänger im Amte , während der langen Friedensjahre gehabt hätten , die dem siebenjährigen Kriege gefolgt waren , und unter wie ungünstigen Umständen er die Verwaltung übernommen habe . Er wies den unverhältnißmäßigen Geldverbrauch des Freiherrn Franz nach , er erinnerte an die furchtbaren Kriege und Kriegszüge , an den allgemeinen Nothstand , an die Aufhebung der Leibeigenschaft , um zu erklären , wie unmöglich es bisher für ihn gewesen sei , an irgend eine Verbesserung auf den Gütern , oder gar an die Erzielung von Ueberschüssen zur Schuldentilgung denken zu können . Nun , sagte er , sei noch der völlige Mißwachs des vorigen Jahres dazu gekommen , in welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei , weil man nicht gewußt habe , wie man es ernähren solle , und trotzdem habe er in diesem Jahre am ersten Quartale allen Verpflichtungen genügen können , die auf den Gütern und auf dem gnädigen Herrn persönlich gehaftet hätten . Sehen Sie , gnädiger Herr , rief er und wies in die Landschaft hinaus , Gott der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht ! Seit man gedenken kann , haben die Saaten nicht so gestanden , haben wir kein so frühes Jahr gehabt , haben die Bäume nicht solche Blüthenlast getragen . Wenn Gott uns weiter gnädig ist , gibt das eine Ernte , die manches Loch verstopft ! Denn die Theurung ist noch immer ungeheuer und die Preise halten sich nothwendig noch bis in das nächste Jahr . Es ist nichts mit den Spekulanten und mit den Fabriken , von denen sie immer reden ! Aus dem Boden muß man es herausholen mit Egge und Pflug ! Langsam geht das freilich , dafür jedoch ist ' s sicherer , sicherer wie der Dampf , mit dem sie jetzt in England ihr Wesen zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im Kopfe spukt , seit er den Sohn in Amerika da drüben sitzen hat . Mit Dampf wollen sie brennen und brauen in Marienfeld , mit Dampf möchten sie Steine schleifen in Neudorf , und dazu sollen die Torfstiche in Rothenfeld die Feuerung liefern . Aber wir können ja selber Torfstiche eröffnen , wenn wir nur erst so weit sind , die Bauten in Angriff nehmen , neue Häuser aufführen und Leute zur Arbeit hieherziehen und ernähren zu können . Auch die Wege müssen wir erst wieder so weit im Stande haben , daß man den Torf bis zum Wasser bringen kann . Machen können wir das alles , nur Geduld müssen wir haben , nur Geduld ! Das Geld wird sich schon finden , wenn man uns nur Zeit läßt . Und weil sie das Alles wissen , so gut wie ich , darum drängen sie den gnädigen Herrn so gewaltig zum Verkaufen . Diese Spekulanten haben ja ihre Augen überall . Wie die Stoßvögel hangen sie in der Luft , und ehe man ' s gewahr wird , schießen sie herunter und haben ' s in den Krallen ! Der Amtmann lachte , als er von den Summen hörte , welche Tremann für die Hebung der Güter als unerläßlich bezeichnet hatte . Daran allein können der gnädige Herr ja sehen , daß es ihnen bloß darauf ankommt , den gnädigen Herrn abzuschrecken . Und das nennen diese Leute Landwirthschaft ! Kaufen , Alles fertig kaufen , Alles baar bezahlen ! Nichts erschaffen , nichts erziehen , das ist ihre neue Weisheit ! Sie wollen die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Thier nicht austragen lassen im Mutterleibe ; Stallungen aufrichten im Handumdrehen und fremde Heerden einführen , ohne zu denken , ob sie sich hier zu Lande halten ; Hunderttausende in die Güter hineinstecken und sie dann verkaufen und das Doppelte herausziehen ! Und dann sieh ' Du zu , was nun aus dem Grunde und Boden wird ! Spekulanten und Roßtäuscher - die sind Einer wie der Andere ! Elendes Gesindel , das der Landwirth sich vom Hofe und vom Leibe halten muß ! Der Amtmann hatte sich in Zorn gesprochen , denn die Sache ging ihm an das Leben . Er kannte seinen jungen Herrn wenig , indeß langjähriges Dienen hatte ihn die Edelleute der Gegend im Allgemeinen kennen gelehrt , und er hatte bewußt und unbewußt den rechten Ton getroffen , um auf seinen Herrn zu wirken . Renatus liebte es nicht , in denjenigen , mit welchen er Geschäfte abzumachen hatte , seines Gleichen oder gar einer Ueberlegenheit zu begegnen , und Tremann ' s völlig freie Bildung war ihm eben so unangenehm gewesen , als die Leichtigkeit , mit der er sich in allem Geschäftlichen bewegte , und die rasche Entschiedenheit , welche er von dem Freiherrn forderte . Des Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten zudem auf das genaueste mit denen seines Herrn überein , und da jede fest ausgesprochene Meinung ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nie verfehlt , verlangte Renatus , dessen Zutrauen zu seinem Beamten sich steigerte , von demselben endlich eine genaue Auseinandersetzung über die Wege , welche dieser bei der Ausführung seiner Plane einzuschlagen denke . Der Amtmann zuckte die Schultern . Gnädiger Herr , sagte er , ich allein kann ' s nicht machen und Einer allein kann ' s überhaupt nicht . Aber wenn der gnädige Herr selber mit dazu thun wollen , so ist ' s keine Hexerei und gar kein Zweifel , daß wir vorwärts und zu Stande kommen . Renatus befahl ihm , sich deutlicher zu erklären ; der Amtmann ließ sich das nicht zweimal sagen . Es war ihm , als er vor seinem Herrn erschienen war , nicht besonders wohl gewesen , jetzt aber begann er , Muth zu fassen . Er knöpfte den braunen Oberrock auf , daß die großgeblümte , wollene Weste in ihrer ganzen Farbenpracht zu sehen war , zog sein blaues Taschentuch hervor , und sich die Stirn und die feisten Wangen trocknend , während die kleinen Augen in freundlicher Zuversicht listig zwinkerten , sagte er : Was sie dem gnädigen Herrn auch von den neuen Wirthschafts-Methoden und neuen Theorieen gesprochen haben mögen , es gibt zum Vorwärtskommen , um in die Höhe zu kommen , immer nur die eine praktische Theorie : viel einnehmen und wenig brauchen , daß man Ueberschuß erzielt . So haben sie ' s ja auch gemacht , die Steinert und der alte Flies , die ihr Schäfchen so vorsichtig in ' s Trockene gebracht haben , während sie den seligen Herrn in die Patsche führten . Warum soll ' s denn jetzt , da es nicht ihren , sondern des gnädigen Herrn Vortheil gilt , mit neuen Mitteln angefangen werden ? Er begann darauf , dem Freiherrn die Erträge der Güter und die zunächst nothwendigen Ausgaben vorzurechnen , wobei die Verhältnisse sich allerdings weit günstiger als nach den Annahmen von Tremann auswiesen , schilderte darauf aber die großen Mühen , welche man in den kommenden Jahren haben werde , die mancherlei Unsicherheiten , denen man immer in der Wirthschaft ausgesetzt sei , und nachdem er Renatus mit jener Menge von Einzelheiten , die für den Uneingeweihten stets etwas Beunruhigendes und Verwirrendes haben , ermüdet hatte , so daß derselbe bedenklich zu werden begann , trat der Amtmann ganz unerwartet und plötzlich mit dem Vorschlage hervor , die Güter in Pacht zu nehmen , falls der Freiherr es unter den obwaltenden Umständen etwa vorziehen sollte , im militärischen Dienste zu verbleiben , wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schönes Vorwärtskommen nicht entgehen könne , da jetzt nach dem Kriege viele der älteren Offiziere ihren Abschied fordern oder erhalten würden . Renatus stand noch immer an dem Schreibtische , aber seine Stirne sah nicht mehr so heiter und so klar aus . Der Vorschlag des Amtmanns beunruhigte ihn sehr ; denn auch Tremann hatte ihn darauf hingewiesen , daß es gerathen für ihn sein würde , in seiner militärischen Laufbahn zu beharren und zu versuchen , in wie weit sich mit dem festen Ertrage eines Pachtzinses seine Vermögens-Umstände verbessern ließen . Wenn man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten , wie die von Tremann und von dem Amtmanne es waren , an das gleiche Ziel gelangen konnte , so mußte dies ein richtiges sein ; indeß es widerstrebte dem Freiherrn immer noch , an die Verpachtung seiner Güter zu denken . Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und riß , ohne zu wissen , was er that , ihre Fahne in kleinen Stücken herunter , bis er den nackten , kahlen Kiel erblickte . Stückweise ! murmelte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hin , knickte die Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort . Der Amtmann beobachtete ihn genau , aber er drängte ihn mit keinem Worte zu einer entscheidenden Antwort hin . Er erklärte sich sogar aus freiem Antriebe bereit , das Belieben des gnädigen Herrn noch acht Tage zu erwarten , damit derselbe volle Zeit habe , die Sache reiflich zu erwägen . Und als man danach auf die Bürgschaft zu reden kam , welche der Amtmann als Pächter der Güter zu leisten haben würde , meinte er , bescheiden und vertrauensvoll lächelnd , er sei ja nicht nackt und bloß gewesen , als er in den Dienst der Herrschaften getreten sei . Er habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht und kümmerlich wie der ärmste Mann beholfen , habe also immer doch etwas zurückgelegt , und wenn der Freiherr von ihm die Bürgschaft nicht über die Gebühr hoch begehre , so hoffe er mit Gottes Hülfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im Stande zu sein , sie aufzubringen . Damit waren für ' s Erste diese Verhandlungen beendet , aber der Sinn des Freiherrn blieb mit ihnen immerfort beschäftigt , und wie er sich ' s auch vorhielt , daß es ja noch völlig in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege , was er thun wolle , kam er sich nicht mehr so frei , so selbständig als noch vor wenigen Stunden vor , denn , mochte er sich auch gegen die Einsicht sträuben , das erkannte er deutlich , er konnte das Leben nicht in der Weise seines Vaters weiterführen ; er war heruntergekommen , und Alle um ihn her , Alle , die in seinen Diensten gearbeitet , selbst gearbeitet hatten , waren im Wohlstande fortgeschritten . Er hatte den Neid niemals gekannt , jetzt aber regte sich in ihm eine zornige Empfindung gegen alle jene Emporkömmlinge , und obschon er sich durchaus in der Lage befand , den Werth und die Bedeutung des Geldes schätzen zu lernen , dünkte das Geld ihn an und für sich als etwas Verächtliches , weil der gemeine Mann , weil Jedweder es erwerben konnte , der eine schwielige Hand nicht scheute , der sich entschließen mochte , die Gegenwart um der Zukunft willen daran zu geben , und , wie der Amtmann es nannte , gleich einem gemeinen Manne zu arbeiten und zu leben . Es lag für des Freiherrn Empfinden auch etwas sehr Gemeines in dem beständigen Denken an Hab und Gut , an Vermehrung des Besitzes . Er hatte eine Erinnerung an die Zeiten , in welchen in seinem väterlichen Schlosse von Geld und Besitz niemals die Rede gewesen war , weil man ihr Vorhandensein als ein Selbstverständliches angenommen hatte . Damals hatte man sich selbst gelebt , man hatte Muße und Freiheit gehabt , sich seinen Neigungen , seinen Gefühlen zu überlassen ; jetzt trat überall die zwingende Nothwendigkeit zwischen ihn und seine Wünsche , und sogar in dem Augenblicke , in welchem er sich enger als je zuvor mit seinem Besitze verwachsen fühlen gelernt , trachteten die Emporkömmlinge ihm von allen Seiten die Ueberzeugung aufzudrängen , daß für ihn die alten Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien , daß er ohne ihren Beistand nothwendig zu Grunde gehen müsse . Er hatte es durchaus vorgehabt , auf seinen Gütern und unter seinen Leuten , die ihm lieb geworden waren , zu weilen und zu leben . Nun sollte er das menschliche Verhältniß , das sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte , plötzlich wieder zerstören , indem er sie einem fremden Willen überließ ; nun sollte er wieder von seiner Heimath scheiden und das Erbe seiner Väter einzig als den Boden behandeln , von dessen Frucht er sich ernährte - es wollte ihm nicht eingehen ! Es war gegen den Mittag hin , als der Amtmann sich von dem Freiherrn verabschiedete . Renatus blieb eine Weile an seinem Schreibtische sitzen . Das Haupt auf den Arm gestützt , sah er unverwandten Auges auf die Berechnungen nieder , welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte . Er zählte die Reihen zusammen , er verglich die verschiedenen Posten , es wurde damit nicht viel für ihn gefördert . War das aber eine Aufgabe , die sich für ihn , für einen Edelmann geziemte ? Tag für Tag nur dem Erwerbe , dem elenden Gelderwerbe leben ! Heute dem Gewinne eine kleine Summe hinzufügen , morgen sie von den Schulden abstreichen ; und das Jahr aus , Jahr ein , und das Alles ohne die bestimmte Aussicht auf einen sicheren Erfolg ? Es dünkte ihn eine sehr untröstliche Beschäftigung . Hinter dem Pfluge herzugehen , die Furche in dem fruchtgebenden Boden aufzureißen , die goldenen Samenkörner dem warmen Schooße der Erde anzuvertrauen , die reife Frucht des Feldes einzuernten , den Kampf mit des Wetters Ungunst zu bestehen , dieses Thun und Erleiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuß neben dem Zuwarten aus der Ferne , zu welchem der Edelmann , zu welchem er selber verdammt war , wenn er sich des persönlichen Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung seiner Güter mehr noch als bisher begab . Er konnte zu keinem Entschlusse kommen , und von der inneren Ungeduld hinweggetrieben , verließ er sein Gemach . Er stieg die Treppen hinunter und ging in den Garten hinaus . Gleich an der rechten Seite , wo die große Allee sich anschloß , ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park . Die Bäume , die Büsche hatten schon ihr volles Laub . Der Schatten war tief und erquicklich , aber die Stille und die Einsamkeit waren ihm heute nicht erwünscht . Er hätte gestört werden mögen in den Gedanken , die auf ihm lasteten , er hätte die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmettern hören mögen , um sich an ihrem muthigen Klange das Herz zu erfrischen . Und während er noch vor wenigen Stunden seinen Besitz als eine Ehrensache angesehen hätte , erschien ihm jetzt der ärmste Soldat , der in seinem Degen sein ganzes Erbe besaß und am Tage den Tag zu leben vermochte , bei Weitem als der Glücklichere . Warum war es gerade ihm denn auferlegt , einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von Altvordern , deren Genüsse und Befriedigungen er nicht getheilt , und an deren Irrthümern er doch so schwer zu tragen hatte ? Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes Dasein , an Thätigkeit gewöhnt , er verstand das Waffenhandwerk , das er bisher getrieben hatte . Auch in seinem Regimente kannte man ihn , auch in seinem Regimente vertraute ihm der gemeine Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem Grunde und Boden . Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimath , eine Bedeutung , eine Wirksamkeit , und sie waren völlig unabhängig von allem , was von seinen Ahnen als Erbe auf ihn gekommen war , sie waren mehr als alles Andere sein eigen . Weßhalb sollte er darauf verzichten ? Weßhalb sollte er sich auf seine Güter zurückziehen , wenn er sich dazu verdammen mußte , auf ihnen als ein Einsiedler und in der halben Abhängigkeit von einem ihm untergebenen geringen Manne zu leben ? Welche Verpflichtungen hatte er gegen den Adel der Nachbarschaft , der ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abrieth ? Sie waren ihm im Grunde sammt und sonders fremd , diese Edelleute . In seinem Regimente hatte er Freunde , hatte er die Kameraden , mit denen die Erinnerung an Noth , an Gefahr und Sieg ihn eng verband . Er sehnte sich nach seinem Regimente . Dort hatte er seiner Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen , dort hatte er sich jung gefühlt ; hier lastete das Leben schwer auf ihm und drückte ihn hernieder . Er wollte seinen Frohsinn , seine Freunde wieder haben , er wollte sich die schönen Tage der goldenen Jugend nicht verkümmern lassen . Mochte der Ernst beginnen , wenn die Jugend ihm entflohen war . Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die Rothenfelder Feldmark . Die Kirche lag in stiller Ruhe vor ihm . Sie sah sehr mächtig aus mit ihrem hohen Thurme , mit dem schönen Eingangsthore ; aber er konnte es sich nicht verbergen , es war für ihre Erbauung keine Nothwendigkeit vorhanden gewesen . Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Bedürfen und Belieben nachgegeben und sie hatten , wie es ihm heute erschien , damit auch Recht gehabt . Es sollte Jeder vor allem Anderen sich selbst genug zu thun trachten . Er für seinen Theil bedurfte dieses Gotteshauses freilich nicht , denn des Amtmanns Vorschlag , daß er im Regimente bleiben solle , war im Grunde sehr verständig . Wenn er wirklich im Regimente blieb , wenn er sich künftig nicht für immer in seinem Schlosse aufhielt , brauchte man z.B. auch die Pfarre für ' s Erste nicht fortbestehen zu lassen . Man konnte den Fürstbischof ersuchen , den Pfarrer zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden . Die Baronin Vittoria konnte , so oft sie es begehrte , nach einer der Städte , welche eine katholische Kirche hatten , zur Messe fahren , und die Gräber zu bewachen , war der Sakristan genug . Je länger Renatus über die Ersparungsvorschläge , welche der Amtmann ihm im Laufe ihrer Unterredung gethan hatte , nachsann , um so mehr leuchteten ihm dieselben ein . Die Entlassung der sämmtlichen noch im Schlosse vorhandenen Dienerschaft war verständig ; nur Gaetana und der alte Kammerdiener sollten bei der Baronin bleiben . Seinen Bruder Valerio , welcher der weiblichen Hand durchaus entwachsen war , wollte der junge Freiherr mit sich nehmen , um ihn in einer der militärischen Erziehungsanstalten unterzubringen ; und wie er in solcher Weise das Schloß zu entvölkern begann , wurde sein eigenes Verlangen , es zu verlassen , immer größer . Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht , welche er für dasselbe , für seine Besitzungen hegte , jetzt erschreckte ihn die Gleichgültigkeit beinahe , in welcher er an die theilweise Zerstörung der Verhältnisse denken konnte , mit denen er sich so unauflöslich verbunden geglaubt hatte ; und wie er tiefer in sein Herz hineinsah , wie er mit dem grübelnden Sinne , der ihm von der Mutter angeboren war , sich fragte : was ist es , das mir die Aussicht in die Ferne plötzlich so erheitert ? da blieb er sich die Antwort schuldig , denn er sah Hildegard den kleinen Seitenpfad von der Margarethenhöhe herunterkommen , und er mußte gehen , sie zu begrüßen . Fünftes Capitel Was nur heute in sie gefahren ist ! sagte an dem Nachmittage der Kammerdiener verdrießlich zu Vittoria ' s Dienerin , mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine Freundschaft auf Tod und Leben geschlossen hatte . Seit der junge Herr zu Hause ist , hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen , aber heute stieben sie aus einander , als hätte der Blitz dazwischengeschlagen ! Was haben sie denn vor ? Der junge Herr ist fortgeritten ! bedeutete Gaetana geheimnißvoll . Freilich , ich habe ihm ja das Pferd bestellt ! versetzte darauf der Diener . Aber wissen Sie , weßhalb er fortgeritten ist ? fragte die Italienerin , und ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten , schwarzen Brauen scharf hervor . Ja , er war ärgerlich , weil er mit dem Amtmanne nicht zu Stande gekommen ist ! sagte der Kammerdiener . Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand . Nein , Padrone , Ihr irrt , Ihr irrt Euch ganz und gar ! - Und sich vorsichtig umblickend , fügte sie hinzu : Die Gräfin Cäcilie kam blaß wie eine Leiche zu meiner Signorina in das Zimmer ! Sie schickten den Junker fort , sie schickten auch mich hinaus ! Gleich darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns und ließ sagen , sie und die älteste Comtesse würden auf ihrem Zimmer speisen . Die Gräfin Hildegard reist ab ! Sie konnte ihr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen , der Kammerdiener zuckte ungläubig mit den Schultern . Sie denkt nicht daran ! meinte er - die Herzogin , als wir die noch zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten - ich war damals noch ein Junge , der nur hier und da zur Hand ging - die Herzogin machte es gerade so , wenn sie ihren Willen durchzusetzen dachte ! Packen werden sie und Pferde bestellen auch ! Aber sie werden die Pferde stehen lassen und mit dem Packen nicht zu Ende kommen , bis sie der Herr dabei betrifft , und dann ... Nein , sie geht , sie geht ! versicherte ihm Gaetana , als die Klingel aus dem Zimmer der Baronin Vittoria sie von der Unterhaltung abrief , und fast gleichzeitig der Reitknecht eines benachbarten Edelmannes in den Hof geritten kam . Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn , der den Kammerdiener anwies , ihn heute nicht mehr zu erwarten , sondern ihm einen Mantelsack zu packen und ihm denselben durch einen Boten zu übersenden , da er mit seinem gegenwärtigen Wirthe auf einem andern Gute bei andern Freunden noch einen Besuch zu machen denke . Nun ? fragte Gaetana , da sie im Auftrage ihrer Herrin eilig durch den Flur ging . Sie könnten Recht haben , meinte der Kammerdiener ; es ist etwas passirt ! Aber fortgehen ? Ich glaub ' s nicht ! Wo sollen sie denn hin ? fügte er mit einem geringschätzigen Zucken des Mundes hinzu . Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des verstorbenen Freiherrn getreten , hatte noch die Baronin Angelika in aller ihrer Vornehmheit gekannt und , wie alle Diener reicher Häuser , immer eine große Verachtung gegen unbemittelte Herrschaften gehegt . Es war daher gar nicht nach seinem Sinne gewesen , als nach dem Tode des Freiherrn die Gräfin Rhoden mit ihren Töchtern in das Schloß gekommen war . Er hatte es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage von des jungen Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet , daß es zwischen seinem jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etwas werden könne . Jedem , der ihn darum befragt , hatte er geantwortet , daß sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren Töchtern in den schweren Zeiten zu Hülfe gekommen sei und sie so mit durchgehalten habe , und das sei schön und recht von ihm gewesen , denn der verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der Frau Herzogin gerade so gehalten ; aber heirathen ? Nein ! Heirathen sei doch etwas Anderes , und an eine Heirath sei hier nicht zu denken ! Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauen , deren Hab und Gut man in zwei Wagen und ein paar Koffern von der Stadt nach Richten bringen könne ! Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äußeren Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Verlobtsein für die Schloßinsassen außer Frage stellten , hatte der Kammerdiener immer noch den Kopf geschüttelt und war von seinem verzweifelnden » ich glaub ' s nicht ! « nicht abgegangen ; denn , hatte er zu Gaetana stets gesagt , so wie der gnädige Herr die Gräfin Hildegard anfaßt , so faßt solch ein junger Herr kein Frauenzimmer an , bei dem ihm warm wird ! Mit den Beiden wird es nichts ! Ihm machte es also keinen Kummer , im Gegentheil , er sah es mit der stillen Genugthuung eines Propheten , dessen Vorausverkündigungen sich erfüllen , als man die alten Koffer der Gräfin Rhoden aus der Remise hervorbrachte , als die Kammerjungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte , die Riemen und die Schnallen nachzusehen . Er that keine Frage , er ließ die Dinge gehen und an sich kommen . Die Mahlzeit war vorüber . Die Baronin Vittoria und der Junker hatten mit großer Eßlust gespeist , aus den Zimmern der Gräfin waren die Speisen fast unberührt nach der Küche zurückgebracht worden , und in der Stube der Dienerschaft saßen der Kammerdiener , die beiden Kammerfrauen und der alte Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode , bei welchem die Köchin die Vorschneiderin machte und eine der Küchenmägde die Speisen zutrug . Wird denn oben nicht mehr gepackt ? fragte der Kammerdiener , während er sich zu dem Hammelbraten , den die Köchin ihm vorgelegt hatte , eine tüchtige Portion der Spargel geben ließ , welche für die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren . Wird denn oben jetzt nicht mehr gepackt ? Wir machen nur eine kleine Pause , entgegnete die Kammerjungfer , welche ihre gute Berliner Sprache , wie sie immer sagte , hier auf dem Lande nicht verlernen wollte . Meine Comtesse hat sich ein wenig hingelegt , sie hat Migräne , und es muß doch auch geschrieben werden . Was denn geschrieben ? erkundigte sich der Kutscher , es ist ja heut ' nicht Posttag ! Sie haben wohl nicht gesehen , daß der Reitknecht von Brasteck in den Hof gekommen ist ? Der soll den Brief an den Herrn Baron gleich mit sich nehmen . Der Kammerdiener fragte , wer den Brief denn schreibe ? Mamsell Caroline entgegnete , die Frau Gräfin schriebe ihn . Da soll sie sich sputen , meinte der Kutscher , indem er das große Bierglas an die Lippen setzte , denn der Reitknecht hat gefüttert und sattelt wieder . So sagen Sie ihm , gebot die Kammerjungfer , daß er warten muß , bis meine Gräfin fertig ist ! Ich will sie aber avertiren gehen . Sie stand auf , besah sich in dem Spiegel , rückte ihre Brilllocken und ihre schwarze Schürze zurecht und sagte der Köchin , sie brauche heute Abend weiter nichts . Also Sie gehen mit , Mamsell ? rief der Kutscher . Nun , da soll mir ' s ein Vergnügen sein , zu fahren - besonders , wenn Sie nicht wiederkommen wollen ! brummte er in seinen Bart. Aber er hatte es nicht so leise gesprochen , um von den Andern nicht verstanden zu werden , wenn schon Mamsell Caroline sich das Ansehen geben konnte , als habe sie nicht gehört , was er gesagt , und als wisse sie nicht , was das Lachen um sie her bedeute . Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager . Die Vorhänge waren niedergelassen , der Geruch von Aether erfüllte das Gemach . Die Gräfin hatte ihren Brief an den Freiherrn eben beendet . Sie wollte ihn der Tochter zu lesen geben , aber Hildegard machte eine matte , abwehrende Bewegung . Die Mutter siegelte ihn also und wollte schellen , um ihn hinunter zu senden . Cäcilie saß müßig in einem der Lehnstühle . Weil sie jedoch wußte , wie empfindlich ihre Schwester während ihrer Anfälle von Kopfweh gegen das geringste Geräusch zu sein pflegte , wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dieners bereitwillig ersparen . Sie stand leise auf , trat an die Gräfin heran und erbot sich , den Brief selbst hinunter zu tragen . Aber wie von einem elektrischen Schlage getroffen , sprang Hildegard , die anscheinend mit geschlossenen Augen da gelegen hatte , von ihrem Ruhebette empor , und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Handgelenk fassend , daß sie im Schmerze zusammenzuckte , rief sie mit funkelnden Augen in wilder Leidenschaft : Du , rühre den Brief nicht an ! Du nicht ! Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück . Sie wollte antworten , die Thränen stürzten ihr aus den Augen , und die Hände entsetzensvoll zusammenschlagend , rief sie : Gott im Himmel , sie ist wahnsinnig ! Hilda ist wahnsinnig geworden ! Hildegard lachte hell auf . Nein , nein , rief sie , noch bin ich ' s nicht , noch sehe ich sie ja , die heuchlerischen Thränen , die Dir über die rothen Backen niederrinnen ! Aber ich werde es werden , wahnsinnig wird es mich machen , wenn ich es sehen muß , wenn ich Dich sehen muß ... Sie war unfähig , den Satz zu vollenden ; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um den Hals und barg ihr Gesicht an deren Brust . Es bricht mir das Herz , es nimmt mir den Verstand ! wiederholte sie immer und immer wieder . Die Gräfin bemühte sich , sie zu besänftigen , Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küßte ihr die Hände , aber Hildegard stieß sie mit Heftigkeit von sich , und die Gräfin hieß die jüngere Tochter endlich sich entfernen .