Weise , sich hier unter den Leuten vornehm und zugleich populär , streng und doch tolerant zu geben , » leider « ihren ganzen Beifall schenken ... Knick ! Knack ! drehte Stammer inzwischen die Wirbel seiner Geige , probirte die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Läufen seine hier landbekannte Art der Improvisation ... In einem singenden Tone sprach er : Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren - An einem schönen , schönen , wunderschönen Sommertag - Mit rascher und gesprächsweiser Stimme setzte er hinzu : Im Juli war ' s - wo freilich die Tage anfangen kürzer zu werden ... ich glaube , darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen ... Die Leute lachten ... Stammer ließ den Fiedelbogen langsam über die Saiten gleiten und sprach dabei : Ach ! Was ist nicht alles jetzt länger geworden ! Die Tage sind ' s am allerersten ; auf die Art weil man so desto länger arbeiten muß ! Sonst aber waren nur die Dreigroschenbrote länger und die Elle war ' s und dick wurde jedermann - nicht blos die Wirthe ... In ein Lachen über den Finkenmüller wirbelte der Improvisator einige Läufer hinein , zog dann wieder , als es stiller wurde , einen einzigen , langsamen und klagenden Ton und sagte : O du schöne Zeit ! Du liebe Zeit ! Ja , hatte man sonst im Winter , wie jetzt , kein Brennholz , so ging man blos zu einem heiligen Domherrn ! Ach , auch das war in der schönen Zeit nicht ' mal nöthig ! Man brauchte blos seine Frau zu schicken oder seine Tochter und alles war in Ordnung ... In das gesteigerte Lachen , dem sich selbst die » Herren vom Schloß « anschließen mußten , fiel ein wildes Dideldei der Geige wieder als Refrain ein ... Da liegt nun das Jägerkindlein in der Wiegen ! fuhr er wieder , als sich alles beruhigt , mit elegischem Tone und halb singend fort . Ich war meiner Mutter ganze Lust ! Milch - gab sie mir von unserer Ziegen - Im leichten Tone setzte er mit raschem Sprechen den Lachenden hinzu : Kein Wunder , daß sich früh der Bock in mir regte ... Neues Lachen ... der alte Possenreißer machte einen zweideutigen Bockssprung ... Elegischer aber fuhr er fort und fixirte die Jäger , die sich ihm gleichgültiger zeigten : Es war noch nicht die Zeit , als wir zum ersten male hier zu Lande hörten : Straf mir Jott ! Wat soll mm so en Junge werden ? Er kann nickt Kammmacher , Stellmacher , Siebmacher , Korbmacher , Raschmacher , Schuldenmacher - kein Jäger nicht werden ... Die Jäger ließen sich den Scherz gefallen ... Lassen wir ihn das Schönste auf der Erden , einen Musikus beim fürstbischöflich witobornschen Stadttrompeter werden ! ... Eine wilde musikalische Figur folgte ... Der Stadttrompeter , setzte er dann wieder parlando zum singend Gezogenen hinzu , hatte damals die Wassersucht , was sonst keine Leibkrankheit der Musikanten ist . Dennoch lernt ' ich von ihm noch zu guter letzt die Flöte , die Clarinette , Waldhorn , Trompete , Violine und Guitarre , welche letztere ich sogar schon wieder einem Fräulein auf Schloß Neuhof beibringen konnte - die Stunde ein Maß Bier und ein übers andere mal sechs Pfennige ... Niemand von den » Herren vom Schloß « erwartete wol , daß diese sentimentale Guitarrenspielerin - die raffinirte Mörderin der Schwester des Geigers war , die später wirklich auch selbst Ermordete ... Fräulein von Gülpen hieß die Dame ! sagte Stammer . In stillen Abendstunden , wenn der Kronsyndikus in Kassel war , lockten wir die Fledermäuse ans Fenster und spielten und sangen : Guter Mond , du gehst so stille ! bis eines Tages unterm Fenster ein Jäger anbiß . Schön war er nicht . Eine große Kaffeetrommel , in die man ihn in Java einsperrte , hatte ihn braun gebrannt - ! Alle wußten sogleich , daß Bruder Hubertus gemeint war und sahen voraus , daß sich der Buckelige vor den Herrschaften an ihm rächen würde über die Mishandlung , die ihm heute in ihrer Gegenwart angethan war ... Terschka , Thiebold und Benno fühlten die Schauer der Erinnerung an die Erzählungen des Onkels Levinus ... Einige kühne musikalische Figuren , die des Geigers jetzt ausbrechenden Zorn verriethen , wurden gestrichen als Zeichen , daß er an seine Pointe kam ... Er fuhr singend fort : So ging es her zu jener Zeit - heidi ! ... Auf Schloß Neuhof - heidi ! heidi ! heidi ! ... Viel Herrn und Damen - ei , ei , ei ! ... Musik und Tanz und Gasterei ! ... Und Parlez-vous français , Musje ? ... Italienerinnen - » Nix versteh ! « ... Blos unser Geld verstanden sie - setzte er parlando hinzu , und das kräftige deutsche Wort : » Tar Teifel ! « ... Eine war so gut wie die zweite Baronin und sagte nur immer : » Tar Teifel ! « ... Ihre Reitpeitsche hieb - hui ! - über alles weg , was ihr in den Weg kam . Eine Sängerin war ' s aus Rom - ! » Nix versteh « , als » Tar Teifel ! « und nur » viel Geld « , » gute Geld « , » schwere Geld « und Brillante - aber » von die echte « - ! » Tar Teifel ! « fluchte sie zu Wagen und zu Pferde ! Aber schön war sie - ! Und lachen konnte sie - ! Auch über mich und sogar über den schönen Mann aus der Kaffeetrommel ! Wilde Variationen fielen wieder ein ... Unfehlbar war eine Rache an Hubertus das Ziel ... Alle betrachteten Terschka , um gerade an ihm , an der Hauptperson des Abends , die Wirkung dieser Possen zu beobachten ... Da - ist - denn aber gekommen - fuhr Stammer mit pathetischem Nasenton fort - der großmächtige - Winter Anno Zwölf - und - ( so ein einziges » und « zog er schon wie eine lange , lange Note ) und - da sind die Füchse - die Wölfe - die Franzosen - sind gekommen - und daß Gott erbarm ' ! - man hätte seinem Feind nicht abgeschlagen ein Stück Pumpernickel , was ihm sonst nur eine Brotsorte von Stein gewesen war ... Sakkernungdediö ! Da zog auch Herr von Bosbeck einmal einen Tuchrock an - Buschbeck ! verbesserten einige Stimmen ... Terschka horchte immer mehr auf ... Die Hitz ' bei zwanzig Grad , unter Null war ihm denn doch zu arg und ob er gleich ' ne Haut hat wie Leder , gegerbtes Rindsleder , der Herr von , Bosbeck ... Buschbeck ! verbesserten schon ihrer mehr ... Die hat er , eine Haut von Büffelleder ! Ich hab ' sie oft genug selbst gesehen ... Eines Tages sah ich sogar an Bosbeck ' s Arm - Buschbeck ! schrieen die Zuhörer ... Bosbeck - ? wiederholte Terschka für sich ... Bosbeck ist sein Name ! rief jetzt kreischend der Geiger voll Tücke und auf der Höhe seiner Rache angekommen . Es ist ja ein Vetter von dem Bosbeck selig , der in Gröningen am Galgen hing ... Terschka schauderte ersichtlich ... Die Umstehenden schwiegen ... Daß es mit des Mönches früherem Leben nicht geheuer war , wußten alle ... Sah ' ich denn nicht , krächzte der tückische Geiger , sah ich denn nicht - auf dem Leder hier am Arm , wo andere Menschen , sogar die Buckeligen , höchstens ein ehrliches Muttermal haben - ein Galgenrad eingebrannt ? Ganz wie damals beim Liborius Pollmann , bei Dominicus Klapproth , Jean Picard und wie sie alle heißen , die dazumal das Geld flüssig zu machen wußten - rund ist ein Rad und rund ist die Welt und - Nun fiedelte und sang der Geiger eine wilde Melodie ... Da unterbrach ihn aber ein Lärm , der sich aus einem hintern Winkel erhob ... Schlagt den Hund todt ! rief man dort aus kreischenden Kehlen durcheinander ... Alles , noch starrend und murmelnd und flüsternd über die unglaubliche Mähr , daß der fromme Bruder Hubertus auf seinem Arm könnte ein Verbrecherzeichen eingebrannt haben , wandte sich ungern ... Der Finkenmüller sah eine Rauferei und rannte schon fast den Geiger nieder und warf sich dazwischen . Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen ... Sie , die gehofft hatten , einen reich mit Geld Ausgestatteten prellen zu können , waren es von ihm geworden ... Geschuppt hat er ! hieß es , und zwei bekannte liederliche Bursche rangen mit dem Voltenschläger , der sich wehrte , hielten ihn auf den Boden nieder , während andere den Finkenmüller zurückhielten und durcheinander schrieen : Wie er abhob , sahen wir ' s ! - Schon da , als er mischte ! - Daumen hat er wie ein Dieb ! ... Ruhe ! rief der Meyer und machte den Herrschaften Bahn ... Terschka ' s aufgeregtes Herantreten , Thiebold ' s Zurückhalten der beiden Salzsieder , Benno ' s energisches Bedeuten um Ruhe unterbrach die Fortsetzung der Künste des Geigers und des Kampfes , welcher letztere sich sogar durch einen zufälligen Umstand plötzlich in Heiterkeit auflöste ... Herrn Dionysius Schneid entglitt unter den Fäusten seiner überlegenen Angreifer ein Schmuck seines Hauptes , eine pechschwarze Tour , die über einen plötzlich sichtbar werdenden , kurzgeschnittenen rothhaarigen Schädel geklebt war ... Das dann zu gleicher Zeit noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers : Es ist ja ein Perrükenmacher ! machte selbst Thiebold und Benno lachen , und so erhob sich der Strasburger und benutzte den Moment , sich so schnell wie möglich zurückzuziehen und heimlich zu entfernen ... Der Wächter draußen rief die zehnte Stunde ... Alles beruhigte sich jetzt , gedachte der Heimkehr und ließ zunächst die » Herrschaften « durch , die sich jetzt empfahlen ... Die Jäger gaben ihnen noch eine Weile das Geleite ... Der Meyer , der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zurück . Da sie bestätigten , daß Herr von Terschka plötzlich in ein auffallendes Schweigen verfallen war , wurden dem Geiger vom Finkenwirth für seinen frechen und lügnerischen Ausfall auf den Liebling der Gegend und einen Mann Gottes die bittersten Vorwürfe gemacht . Als Stammer entgegnen wollte , warf ihn der Wirth ohne weiteres zum Hause hinaus ... Draußen an den sich kreuzenden Wegen zerstreute sich dann alles ... Benno sagte zu Thiebold : » Tar Teifel ! « Den rothen Kerl muß ich doch schon irgendwo gesehen haben ? Auch Terschka hörte dies , glaubte aber die Rede wäre von dem Brandmal des Hubertus ... Darf er denn solange außerhalb seines Klosters leben ? fragte er , nahm , als sein Irrthum berichtigt , seine Frage bestätigt worden , Abschied von Benno und Thiebold und ging mit dem Oberförster und dem Wildmeister dem Schlosse zu ... Die Schläge der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die stille Nacht ... Die nächst hörbare Uhr war schon die von Schloß Westerhof ... Selbst vom schneebedeckten Jesuitenthurm in Witoborn hörte man in der nächtlichen Stille das bekannte hastige Jesuitenläuten ... Und öde wie die Winternacht , war die Stimmung der Freunde ... Was sie jetzt hätten aussprechen können , war schon in diesen Tagen so oft gegenseitig ausgeschüttet worden ... O wie war Armgart so seltsam geworden ! Wie lag es winterlich auf dem Herzen der Freunde ! Erstorben alle Blüten , verklungen alle Freuden , begraben die schönste Maienzeit des Lebens ! ... Der Scherz mit den » Vielliebchen « war die letzte Erinnerung gewesen an den Ton vergangener Stunden ... Thiebold ' s Art und sein schlechtes Gewissen litten es freilich nicht , daß er so ganz zu allem Herzleid schwieg . Seine Zunge wurde nicht müde bald die Geister des Jenseits , bald die Vicinalwege des Diesseits zu besprechen , bald den Doctor Püttmeyer , bald die Jagd , bald das unheimliche , vielleicht gar nicht existirende Brandmal auf dem Arme des Mönches Hubertus , bald den Räuber Bosbeck - eine Jugenderinnerung - bald die Guitarrestunden der ermordeten Frau Hauptmann zu erläutern ... Alles , was er damit nur sagen konnte , lautete im Grunde seines Herzens : Was hebt uns ach ! mit so lustigen Schwingen in die kalte leere Luft und läßt uns schweben wie Fieberkranke , die da jammern des gefürchteten jähen ewigen Niedersturzes ! Was geht vor in diesem Chaos des Erdenlebens , im dunkeln Rath der Götter , die die Menschenloose zu ihrer Freude mischen ! Wohin wandeln wir ! Was geschieht ! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen , wie so bang mahnt unsere Ahnung ! Geister halten , führen uns - aber wohin geht ihr Weg , wo ist das glückliche Ziel ? Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hörten sie das Rauschen der berühmten Mühlen von Witoborn . In ihren Donnerton versank alles , was Thiebold nur sprach , um richtiger , wenn auch sehr prosaisch zu sagen : Ist es denn möglich , daß man uns , uns - - diesen Terschka , einen Mann von vierzig Jahren vorziehen kann ! Benno lebte hier auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln Lebens schon seit Wochen wie im Traum . Seine Rückkehr zur Schreibstube Nück ' s stand nahe bevor . Er schloß auch mit diesem Tage ab , wie schon seit lange mit seinem ganzen Leben . Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere , als er sich die Philosophie gebildet hatte : Was du dir unsers Daseins für würdig hältst , mußt du dir hienieden zu erringen suchen ! ... Die erfahrungslose Jugend baut sich ja schneller Systeme , als das geprüfte Alter . Gehen diese Systeme hervor aus » Enttäuschungen « und » gescheiterten Hoffnungen « , dann zerfallen sie wol leicht wieder in Trümmer ; aber jäher ist ihre Dauer , gefahrvoller wird sie für das Herz , wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen , die wenig erwartend vom Jenseits auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht , von ihm am wenigsten noch etwas hofft , zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt ... Eine volle , freie , erhebende Stunde mit Bonaventura hatte Benno noch nicht finden können . 7. Auch für Bonaventura war dieser Aufenthalt eine Rückkehr auf den Schauplatz seiner ersten Jugend . Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine froh-bange Sehnsucht ... Er kannte Paula als Kind , dann kannte er sie mit dem Ausdruck jungfräulich erster Reife ... Jetzt erwartete er nach allem , was er von ihr wußte , ein Bild voll elegischer Hoheit , eine gefangene junge Königin , die in einem einsamen Schlosse wandelt , hoheitsvoll und tief hilfsbedürftig zugleich . Die Beklemmung , in Paula ' s seltsam bedingtes Lebensdasein einzutreten , wuchs mit der Nachwirkung dessen , was in der Residenz des Kirchenfürsten noch in den letzten Augenblicken von ihm erlebt werden mußte . Die Begegnung mit Bickert im Beichtstuhl , die Hoffnung auf Rückgabe der im Sarge des alten Mevissen gefundenen Papiere - Lucinden ' s Erklärung , daß dieser Schatz in ihren Händen war - wie durchrieselte ihn da mit schüttelndem Frost die Erinnerung an die aus ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen ! Eine Rachegöttin umschwebte sie ihn auf allen Wegen . Das Schwirren ihrer Eumenidenflügel glaubte er zu hören , das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen . » Der ganze , ganze Bau der Kirche ! « Dies tiefhöhnende Wort hallte durch seine Seele wie Grabesruf . Was konnte der treue Diener seines Vaters aufbewahrt , was von diesem zum Aufbewahren erhalten haben , das an sein Dasein eine so große Thatsache , den Bau der Kirche , knüpfen ließ und nicht ganz zerstört , ja vielleicht ausdrücklich einem Grabe einverleibt werden sollte ? Der ganze Bau der Kirche ! ... O da war er denn nun in diesem heiligen Witoborn ! Hier hatten Bischöfe gethront und den Krummstab als Scepter geführt und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Größe , Kraft und Bildung war zurückgeblieben . Kleinliche Häuser , ärmliche Straßen , in entlegener Gegend , in einer halben Wüste ein glänzender Palast , die Residenz dieser Bischöfe , jetzt eine Kaserne . Nichts vom Vergangenen zurückgeblieben , als eine Unzahl Kirchen , ein düsteres Jesuitenstift , Gefäße von Silber und Gold in den Truhen der Sakristeien , Monstranzen mit Edelsteinen , Fahnen und Baldachine von kostbarer Stickerei . Hier und da fand sich eine bessere Erinnerung aus der Zeit der Aufklärung . Einige Priester hatten in dem Geiste des Onkels Dechanten gewirkt . Einiges war geschehen für Priesterbildung , Jugendunterricht und würdigere Gottesverehrung - aber der neue römische Geist überbaute schon seit lange alles wieder mit seinem künstlichen Mittelalter . Am Markt , in den Läden der Hauptstraßen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen , Kelchen , Crucifixen , Madonnen aus Alabaster und Bronze , Erzeugnissen einer Industrie , deren Spuren sich bis dahin verloren , wo man sogar dem Salon einen gewissen koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben versuchte . Eine Procession hier , eine Procession dort . Bruderschaften fast für jeden Tag der Woche in Bewegung . Männer , Weiber , Kinder mit Lichtchen in den Händen , mit Fahnenwimpeln , Kreuzen , Meßner und Chorknaben dazwischen in bunten Gewändern , singend und sprechend mit allen jenen Dissonanzen und unsichern Rhythmen , die ihm seine Glaubensvirtuosität früher als so rührend erscheinen ließ . Jetzt sah er in diesem Kirchgang so vieler Männer an Wochentagen nur die Versäumniß ihrer Arbeit . Ehe er nach dem Pfarrhause zu Sanct-Libori fuhr , war er » Bei Tangermanns « abgestiegen . Ihm gegenüber hatte ein Kapuzinerkloster eine Kirche , vor der in einem Aufputz wie für Kinder - eine kleine Madonna in natürlichen Kleidern von Sammet und Seide auf offener Straße stand . Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno , Thiebold , Hedemann . Erstere beide wohnten in einem Müllerhäuschen , das etwas entlegen lag vom donnernden Geräusch der schon von Hedemann selbst betriebenen Mühlen . Das Wiedersehen war hocherfreut . Bei Benno sogar mit ironischem Lächeln , als es der Frage galt nach dem ersten Besuch auf Westerhof ; bei Thiebold mit der scheuen Befangenheit eines schuldbewußten Schülers vor seinem Lehrer ; bei Hedemann mit jener bekannten immer mehr sich bei ihm ausbildenden , lächelndstrengen Sicherheit des Bibelglaubens ; Hedemann hatte in der That ketzerische Grundsätze aus England und Amerika mit heimgebracht und wurde in ihnen durch die Erfahrungen , die seine greisen Aeltern mit dem Pfarrer Langelütje gemacht , in Gedankengängen bestärkt , die zu irgendeinem , vielleicht für ihn verhängnißvollen Ziele führen mußten . Daß der Domherr nicht in Witoborn blieb , wußte man . Bonaventura wollte seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war nach einem Wägelchen geschickt worden , ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu führen , den er einem alten Brauche gemäß bis gegen Ostern einnehmen mußte . Benno bedauerte diese Trennung . Er schilderte das Haus » Bei Tangermanns « als einen unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft , der indessen die Trinkgelder und modernen Preise nicht ausschlösse . Seht nur , sagte er , dies alte Mauerwerk mit bunten pariser Tapeten beklebt ! Goldleisten über wurmstichige Balken ! Parquetfußböden neben grünen Kachelöfen ! Thiebold setzte hinzu : Lästern Sie nicht ! Das beste ist ein patriarchalischer Weinkeller , aus dem man nur leider allein durch Schmeichelei einen Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann ! Der alte Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur möglichen Cabinetsauslesen und Dompräsenze , gibt sie aber nicht her , wenn man sie nur so einfach bestellt , wie wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk gethan hat , als er von witoborner Krätzer sprach ! Erst sagt der Kellner regelmäßig : Der alte Herr Tangermann hat den Schlüssel ! Erst muß man an Herrn Tangermann ' s Stube klopfen , muß erst seine ausgestopften Vögel bewundern , die herrlichen Aquatintas an den Wänden , die Napoleonischen Rührscenen aus Fontainebleau und Sanct-Helena bewundern , ehe man das Gespräch auf seine Jahrgänge bringen und ihn geneigt stimmen kann , eine Probe heraufzuholen , die dann aber dennoch keineswegs zu einem altpatriarchalischen , sondern ganz modernen Preise abgelassen wird , wie nur in irgendeinem Victoriahotel ! Und Hedemann setzte hinzu : In der Kunst , dem alten Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln , ist niemand bewanderter gewesen als der Landrath von Enckefuß ! Dieser Name gab dann Fernsichten in die betrübenden Eindrücke des Kirchenstreites ... Fernsichten auch auf Schloß Neuhof , auf Bonaventura ' s Stiefvater , seine Mutter , ja zuletzt auf Klingsohr , von dem man wußte , daß er gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zurückgeführt worden ... Ein Leben im Gasthof stört dann freilich jeden Schmerz ... Hier ein Zimmer , wo ein Trauernder weint , nebenan eins , wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt - Letzteres geschah wenigstens der kleinen Gesellschaft . Nur Zufall war es , daß ein gewisser Mann nebenan , der sich eben rasirte , die Namen seiner Nachbarn nicht zu erfahren begehrte und , verloren in die täglichen Geschäfte , die ihn erst mit Herrn von Terschka , jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen verbanden , ja schon auf Schloß Neuhof riefen , sich nicht als Löb Seligmann aus Kocher am Fall seinen alten Bekannten zu erkennen gab ... Und doch wie sang er sich selber vorm Spiegel an : » Dies Bildniß ist bezaubernd schön ! « wie jodelte er , wenn er plötzlich von Extrapostideen befallen wurde , das damals neue : » Ho , ho ! So schön und froh ! Der Postillon von Lonjumeau ! « Im Pfarrhause bei Norbert Müllenhoff fand Bonaventura zwei Zimmer schon für sich hergerichtet , Zimmer , in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller der Menschen erkannte , die ihn hier namentlich auf den Adelssitzen voll hoher Spannung erwarteten . Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines allerdings neugebauten massiven Hauses , aber mit einem Comfort ausgestattet , der alle Spuren trug vorzugsweise vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz . Die Namen Paula , Benigna , Armgart glänzten unter allen , die der alte Tübbicke als die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte ... Norbert Müllenhoff stand mit scheuer Spannung in der Nähe . Er hatte die ihm eigenthümlich derbe Courage mehr nur nach unten hin ; nach obenhin nur dann , wenn er der Masse gegenüberstand ... ein einzelnes gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte ihn nicht blos im Salon , sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen . In diesem Müllenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht . Es war die Richtung , die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte , die neue Richtung einer fast burschikosen Verachtung alles dessen , was mit Bildung und Aufklärung verbunden ist . Müllenhoff ' s jeweiliges grelles Auflachen , wenn er einen seiner Einfälle selbst doch auch allzu schlagend fand , charakterisirte ihn sofort ; denn nichts charakterisirt uns mehr , als die Art , wie wir lachen . Hier fehlte selbst die Koketterie , die doch Beda Hunnius noch mit der Poesie trieb . Diese jungkatholische Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer täglichen Denk- , Rede- und Thätigkeitsweise mit dem , was dem Geist der Aufklärung angehört . Gleich die Frühstücksbutter , die seine Aufwärterin zu einem zweiten Frühstück für ihn und seinen Gast hereinbrachte , schob Müllenhoff mit den Worten zurück : » Nehm ' Sie die Butter mit ! Ganz frische soll ' s sein ! Die da riecht - toleranzig ! « Schon bei diesem Frühstück erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn Levinus von Hülleshoven , des Herrn von Terschka , des Grafen Münnich und immer mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geistlichen , die sämmtlich in stattlichen Kutschen kamen ... Selbst die drei ältesten Stiftsdamen von Heiligenkreuz fuhren vor ... So schnell hatte sich die Kunde von des jungen Domherrn endlicher Ankunft verbreitet . Die Räumlichkeit wurde fast zu klein ; die Gäste , die den Längstersehnten begrüßen wollten , konnten nur eine kurze Weile bleiben . Ueber die Zeit sprach man , über den Kirchenfürsten . Durch alles , was Bonaventura von Aeußerungen eines erschreckenden Fanatismus vernahm , tönte wie ein Grundaccord immer der gottbegnadete Zustand Paula ' s hindurch . Selbst die Erbfolgefrage verschwand dagegen . Es fielen Fragen , wie die : Ob die Gräfin kürzlich nicht wieder » die Besuche ihres göttlichen Bräutigams « empfangen hätte ? Dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus , sondern schon das Erröthen des Domherrn . Man hatte von Bonaventura die Vorstellung eines Fanatikers , eines parteinehmenden Zeloten , der , wie Michahelles angedeutet hatte , seine bereits allen bekannte seelische Beziehung zur Ekstatischen zu einem noch festern Seelenbunde knüpfen , die noch unbestimmt tastende Gefühls- und Anschauungswelt derselben regeln , ihre Visionen und Heilkräfte zu einem vollgültigeren Zeugniß für die wiederum prophetisch gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln würde ... Er sah diese Gleisnerblicke , dies süße Lächeln , hörte dies bedeutungsvolle Seufzen , das bei allem Schein der Demuth mit einem festen und sichern Gange auf ein gemeinschaftliches Ziel losging , über das man sich nicht einmal in offen ausgesprochener Verabredung und Geständnissen befand ... In einem stattlichen Wagen , zwischen dem Onkel Levinus und Terschka , fuhr Bonaventura dann auf Schloß Westerhof . Die Prüfung , Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen , wurde ihm beim ersten Gruße nicht . Er fand gleich ganz Westerhof in festlicher Bewegung . Die Damen der Gegend , vorzugsweise das Stift Heiligenkreuz , waren in Toilette versammelt ; Paula stand umgeben von jungen Mädchen , von Frauen und Matronen ... Einen Schritt trat sie hervor und reichte ihm die Hand ... Endlich Traum und Erfüllung ... Schmerz und Seligkeit ... und wiederum doch nur - Seligkeit und Schmerz ! Mit den Jahren waren beide gereifter geworden ... Sie erblüht zur hehren Jungfrau ... Er ein Mann - Ein Mann ? Ein Priester ! Angewiesen , Segen zu ertheilen , anderer Glück zu heiligen und selbst zu entbehren ... Rings ein Reden und Grüßen und ein Durcheinander der - Bewirthung ... Aber Paula war es doch ! ... Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es doch ! ... Ihr Erröthen und das seine ... ein Roth war es , als beschiene beide die Sonne in ihrer heiligsten Frühe , Aufgangsglanz vom Osten , vom fernsten Ganges her ... War das noch Winter um sie her ? ... Zwei Seelen grüßten sich , die da weilten , wo die Nachtigallen sangen ... Armgart fühlte das schon ahnungsvoll und schwärmerisch mit ... sie hielt Paula , um daß sie vor Ueberseligkeit nur nicht schwankte ... Wie Epheu schlang sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild ... Die Geisterjungfrau sprach ... Sie sprach mehr als je ... Was sie sprach , hörte Bonaventura , er verstand es nicht ... Auch Armgart plauderte noch ihm unverständlich ... Wie im Wirbel stand er ... Armgart sah den Vielbesprochenen zum ersten male ... Die einfache Tracht ! Nur ein langer schwarzer Ueberrock ; altmodisch der Schnitt ; die Weste hochgehend , wie die Regel will ; das Haar entstellt ... Nichts , was anziehen konnte , als die Gestalt nur und der edle Ausdruck des Hauptes ... Armgart starrte dem allen und horchte seinen Worten , deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien , denn was Paula liebte , liebte sogleich auch sie ... Der Himmel öffnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten ... Dann strömt einen Augenblick überirdischer Glanz über die Menschen und ringsum ist auch zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verständniß ... Ha diese kluge Welt ! ... Sie wußte schon alles ... Ein einziger geisterhafter Augenblick sprach schon im stillen zu allen : Er kennt diese tiefblauen Augen , kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben , die dunkeln Augenwimpern , die wie die Schwingen auch der Seele Paula ' s nicht unruhig flatterten , sondern ruhig über ihrem blauen Himmel thronten ... Nun staunt er doch wol , daß diese Augen sich noch immer schließen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen können ? ... Und ziert dich denn noch immer dieselbe Schüchternheit , du vornehme Jungfrau , derselbe zagende Muth , der alles duldete , selbst wenn die böse Lucinde , von der hier mancher wußte , ihre Stellung vergaß und Befehle ertheilte , wo sie deren nur zu empfangen hatte ? ... Verständigungen des Herzens konnten nur im Blicke liegen ... Einen Schleier nach dem andern , der das kaum ja auch Auszusprechende verhüllte , wob schon gleich wieder das Leben in der buntesten Fülle seiner Anregungen ... Da gab es zu besprechen ! Die nächste und entfernteste Zukunft Paula ' s ! Die Zeit selbst mit ihren ringsum ertönenden verworrenen Stimmen ! Und die Prophetengabe der Herrin des Schlosses , auf deren Namen wol noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen , als in Wahrheit begründet waren , wie war das ängstlich ! Auffallend erschien , daß mit Bonaventura ' s Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam , der die Kraft des Geistes über den Körper zu stärken schien . Schon am ersten Tage hielt sich die Leidende über der versammelten Menschenmenge empor , erlag nicht dem Druck derselben , der sonst sie in solcher Lage immer plötzlich entschlummern machte . Und das nahm zu , wurde besser von Tage zu Tage . Sie erlag seltener der räthselhaften Krankheit ihrer Nerven . Was so mancher im stillen schon von der Ehe gesagt hatte , sie wäre ein Ausweg , der die Gräfin völlig heilen würde , zeigte sich dem Schärferblickenden annähernd . Statt einer Steigerung der Neigung zum Traumschlaf trat anfangs eine Minderung ein . Die erste Messe zu Sanct-Libori , die erste von der Kanzel gesprochene » Application « kennen