» orientalischen Spahi ' s « vollendet . Der Marschall vertraute ihm das Geheimniß der Krimm-Expedition und wie nöthig es sei , die Russen durch eine Diversion in anderer Richtung zu fesseln . Er erhielt demgemäß die Ordre , mit seinen 3000 umgeschaffenen Reitern und zwei Bataillonen Zuaven , unter Bourbaki in die Dobrudscha vorzudringen und die Russen zu beunruhigen . Zu seiner Unterstützung wurden staffelweise drei Divisionen aufgestellt , deren erste unter General Espinasse , dem Commandant en chef der Expedition , der leichten Avantgarde folgen sollte , während die Divisionen des General Bosquet und des Prinzen Napoleon als zweite und dritte Linie aufgestellt blieben . Am 4. August sollten die Truppen wieder eintreffen , um sich am 5. zur Krimm-Expedition einzuschiffen . Man hatte nur Eines in diesem Plane vergessen . Dies Eine war - die Cholera . Das Ziel des Marsches für die Division Espinasse war Küstendsche , wo der General sein Lager aufschlagen sollte , um von hier aus die fliegende Colonne Jussuf ' s zu unterstützen . Es ist ein trauriges Land , die Dobrudscha , und eine Armee , die es durchzieht , hat mit unsäglichen Mühseligkeiten zu kämpfen , die sich steigern , je näher man dem Donau-Delta kommt . In der nächsten Umgebung Varna ' s , bis auf etwa 6 Meilen , durchwandert man waldiges Terrain ; bald darauf aber sieht man keinen Baum , keine Schlucht mehr , nur von Entfernung zu Entfernung Senkungen des Erdreichs , in denen sich das Sumpfwasser sammelt . Das Auge schweift über die Flächen , ohne einem Gegenstande zu begegnen , der das geringste Interesse fesseln kann ; nicht ein Bach frischen Wassers bewässert jenes trostlose Gelände . Am dritten Tag schlug die Division ihr Bivouac in Kavarnac auf . Von da an bestand das , was man Dörfer nannte , aus elenden Hütten von trockenen Steinen , aus denen sich die bulgarischen Familien bei der Ankunft der Franzosen geflüchtet hatten , auf ihren Armen oder ihren zerbrochenen Araba ' s davontragend , was sie ihr spärliches Besitzthum nannten . Am 25. Juli kam die Colonne in Mangalia an - es lag in Trümmern . Schon am andern Nachmittag verließ sie wieder den Ort und wanderte durch trostlose Haiden , auf welche die Sonne ihre glühenden Strahlen sandte . Man nahte dem Trajanswall , über den hinaus bereits Yussuf mit seiner mobilen Colonne schwärmte , und schlug das letzte Bivouac vor Küstendsche , zwischen zwei Höhenzügen , auf . Der Boden hob sich hier wellenförmig , die Oede war hin und wieder belebt , aber es waren nur Trupps wilder Pferde , die sie durcheilten . Schwärme wilder Gänse , die aus den Sümpfen mit lautem Geschrei aufflogen bei der Annäherung des Zuges , oder das Gekreisch der Adler , die in den Lüften ihre Kreise zogen und so wenig an eine Störung gewöhnt waren , daß sie die Soldaten dicht an sich herankommen und mit den Gewehren nach sich schlagen ließen , ehe sie sich erhoben . Wenn die Nacht kam , dann umkreiste der wilde Hund oder der Schakal mit seinem klagenden Geheul das Lager und die Schildwachen sahen ihre formlosen Schatten über die Fläche stieben . In dieser Nacht brach ein furchtbares Gewitter aus , das einen sinnbetäubenden Eindruck auf die ermüdeten Soldaten machte . In wenig Augenblicken war das ganze Lager durch hundert Gießbäche unter Wasser gesetzt . So kam man naß und erschöpft unter dem Strahl der glühenden Sonne am anderen Morgen in Küstendsche an , aber man fand einen Trümmerhaufen , dessen Ruinen zum Theil noch rauchten , so daß General Espinasse eine Stunde davon sein Lager aufschlagen mußte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war am Abend des 28. , als eine ziemlich starke Abtheilung der orientalischen Spahi ' s und zwei Compagnieen des ersten Zuaven-Regiments unter Lieutenant-Colonel oder Colonel , wie er unter den Organisirten genannt wurde , Vicomte de Méricourt , durch die öde , wellenförmige , zum Theil schon hier in Sumpf auslaufende Steppe vordrang . Die Tirailleurs hatten dem Commandanten angezeigt , daß in der Entfernung von einer Viertelstunde ein tartarisches oder bulgarisches Dorf zu liegen scheine , und der Vicomte , abseits des Yussuf ' schen Corps detaschirt , hatte die Stelle zum Bivouac bestimmt . Bei der Ankunft fanden sich in der That mehrere halb zerstörte , von Lehm und Binsen errichtete Erbhütten , die sonst den Aufenthalt jener wenigen aber genügsamen Menschen bilden , welche Gegend bewohnen . Die Hütten waren leer , nur in einer derselben fand man - was seit vielen Meilen nicht geschehen war - drei der geängsteten Bewohner des Landes in ärmlicher Tracht . Es war ein Mädchen von hoher schlanker Figur , schönen Zügen und braunem Teint , das ruhig und zurückhaltend an dem ärmlichen Lager eines Kranken saß , der in Schaaffelle gehüllt auf getrockneten Binsen lag . Ein noch ziemlich junger Mensch mit verschmitztem Aussehen kam den Offizieren kriechend entgegen und erzählte in ziemlich verständlicher Lingua Franca , daß sie eine arme bulgarische Zigeunerfamilie und hier , als die Bewohner vor den Moskows flüchteten , zurückgeblieben wären , da ihr Bruder vom Fieber ergriffen , zu krank gewesen sei , um mit ihnen fortzuwandern . Auf weiteres Befragen berichtete der Zigeuner , daß die letzten Russen vor vier Tagen an der Stelle gewesen , ein vereinzeltes kleines Commando Kosacken , und dann nach Isler zu abgezogen seien , wobei er aus den Reden der Reiter gehört habe , daß das ganze russische Corps , das noch die Dobrudscha besetzt hielt , auf dem Rückzug begriffen sei . Zugleich kam die Meldung , daß die Soldaten in der Nähe das nothwendigste Bedürfniß des Kriegers auf dem Marsch , Wasser , in einem jener Brunnen gefunden hätten , die mehr aus Cisternen bestehend , äußerst spärlich über das traurige Land verstreut sind und jetzt noch größtentheils von den Russen verschüttet waren . Menschen und Thiere hatten sich sofort um den Rand der Cisterne zusammengedrängt , um mit dem Lebenselement die vertrockneten Gaumen zu netzen . Die erhaltenen Nachrichten bestimmten vollends den Obersten , an dieser Stelle das nächtliche Bivouac aufzuschlagen . Sofort begannen , während die türkischen Reiter sich träge neben ihren Pferden lagerten und ihr hartes Brot verzehrten , die Zuaven jene fliegenden Gezelte aufzuschlagen , die ihre Erfindung sind , indem sie ihre Lagersäcke auftrennen und sie , je zwei und zwei zusammenbindend und durch Stäbe stützend , Windschirme daraus machen , in deren Schutz sie ihre Feuer anzünden . Die Erfahrung hat den Nutzen dieser Einrichtung erwiesen , und Bedeau , der ehemalige Oberst der Zuaven , regelte sie und führte sie bei dem ganzen Regiment ein . Während die Fouriere die Vertheilung der geringen Lebensmittel vornahmen , machte ein Theil der Mannschaften aus dem trockenen Dünger der Steppenthiere und Binsen Feuer an , um an der Flamme den Kaffee zu kochen , der im Nothfall die sonst beliebte Abendsuppe ersetzen muß , indem man das Zwieback in den Kaffee reibt und so eine Art von Pastete macht . Der Zuave hat das Talent , überall etwas zu finden , wo kein anderer Soldat das Geringste entdecken würde , und so sah man denn auch bald mehrere der lustigen Krieger daher kommen , in ihren Mützen jenes der türkischen Steppe eigenthümliche Thier , die kleine Landschildkröte tragend , die ihnen zu einer kräftigeren Speise verhelfen sollte . Kaum war die Entdeckung gemacht , als die halbe Compagnie sich auf die Jagd begab , um Schildkröten zu fangen , und da bei jedem Zuge dieser eigenthümlichen Soldaten sich wenigstens Einer befindet , der sich rühmt , ein halber Vatel zu sein , so waren in Zeit von einer halben Stunde wenigstens zehn verschiedene Zubereitungen des Thieres im Gange . Der Oberst hatte seine Lagerstätte in der Nähe der Hütte aufgeschlagen , in welcher er die Familie gefunden , es vorziehend , durch das Bivouacquiren unter freiem Himmel dem widrigen Schmuz und der dumpfen Atmosphäre dieser kaum für Menschen geeigneten Löcher zu entgehen . Dabei leitete ihn außerdem die Absicht , das wirklich in ihrer Racen-Eigenthümlichkeit schöne Mädchen vor den Zudringlichkeiten der französischen Soldaten zu schützen , die in diesem Punkt ein sehr weites Gewissen haben . Nachdem der Colonel selbst die Posten revidirt , kehrte er zu seinem offenen Bivouac zurück , wo sich bereits die Offiziere der kleinen Schaar versammelt hatten und ihren Antheil an den gerösteten Schildkröten nahmen . Einer der Burschen hatte dazu in dem Wasserkessel mit einer Flasche Rum einen Grogk gebraut . Die Gesellschaft debattirte eben über den abscheulich schlechten Geschmack des vorgefundenen Wassers trotz des Zusatzes von Rum , als der Colonel mit dem Capitain-Adjutanten Feverrier dazutrat . » Pardioux ! « schwor Capitain Brice de Ville , dessen gascognischen Ursprung das Wort verrieth , » die Fiebersümpfe am Auri-Gebirge enthalten wahrhaftig besseres Zeug als diese stinkende trübe Flüssigkeit . Prüfen Sie selbst , Colonel , unsere Leute müssen krank werden , wenn sie das Zeug genießen . « » Was sollen wir machen ? « lachte Lieutenant Lesorier , » können Sie wie Moses eine andere Quelle in der Wüste schaffen ? Unsere Wasserschläuche sind bis auf den letzten Tropfen geleert . « Der Vicomte hob den ihm dargebotenen Becher und prüfte mit Auge und Nase das Getränk . Es roch so abscheulich , daß er es ohne weitere Probe auf den Boden goß . Sein Auge fiel dabei zufällig auf den jungen , zerlumpten Zigeuner , der am Eingang der Hütte kauerte und die Gruppe der Offiziere neugierig beobachtete , nachdem er sich zu verschiedenen Dienstleistungen eifrig hinzugedrängt hatte . Er winkte ihn heran . » Dein Bruder ist wahrscheinlich vom Genuß des schlechten Wassers dieser Gegend erkrankt ? « » Ich bin Dein Sklave , « sagte der Zigeuner demüthig . » Wir trinken von keinem Brunnen in diesem Lande , unsere Nahrung ist der Thau des Himmels , den wir auffangen . « » Also sind die Quellen dieses Bodens gefährlich ? « » Es giebt gute und schlechte , wie sie Gott gemacht hat . Unser Gesetz befiehlt uns , das Wasser des Himmels aufzufangen . « » Du kennst diese Gegend ? « » So ziemlich . Wir sind zwar auf der Flucht vor den Moskows hierher gekommen , aber ich habe sie in diesen Tagen viel durchstreift . « » Du sollst uns morgen früh zum Führer dienen und gut dafür bezahlt werden . « » Das Kind Aldobarans wird dem Befehl des tapfern Franken gehorchen . Welchen Weg befiehlst Du , daß ich Euch morgen führe ? « » Wir werden den Russen nach Isler zu folgen . Wie weit entfernt ist die See ? « » Kara Irman ist eine Tagereise von hier . « » Der General , « wandte sich der Colonel zu den Offizieren , » wird auf der Hälfte des Weges zu uns stoßen . « » Wissen Sie , Vicomte , wie weit Yussuf Befehl hat , vorzudringen ? « fragte der Major , welcher die beiden Compagnieen kommandirte . » Ich weiß nur , daß die Colonne am 5. in Varna zurück sein soll . « » Sie glauben also an eine Einschiffung ? « » Alle Zeichen deuten darauf hin , doch ist Zweck und Zeit Geheimniß der Oberbefehlshaber . « » Cap de Bious ! Was kann es anders sein , als Sebastopol . Wir werden Sebastopol nehmen und gegen Moskau marschiren . « » Der Weg möchte etwas weit sein , Capitain , « sagte lächelnd der Colonel . Der letzte Theil des Gespräches war zwar französisch geführt worden , dennoch horchte der Zigeuner eifrig darauf , gleich als könne er es verstehen . Die Offiziere hatten ihre Zuflucht zu den Feldflaschen genommen , und das unvermischte Getränk - Rum , schlechter Cognac oder Wermuth-Liqueur - machte fleißig die Runde . Es war bereits finster geworden und die Soldaten begannen sich zu lagern . » Pesth ! « sagte der Gascogner , » es ist doch eine verfluchte Gegend , und mir ist immer , wenn ich mich umschaue , als müßte ich hier meine Gebeine lassen . Wenn die Herren Russen uns nur wenigstens noch einige Motion verschaffen wollten . He , Bursche ! « er wandte sich zu dem jungen Zigeuner , » laß die junge Hexe , Deine Schwester , uns wahrsagen , oder uns etwas vorsingen und tanzen , Ihr Zigeuner versteht ja allerlei Teufelskünste . « Die Offiziere fielen im Chor ein mit jener Ungenirtheit , die im französischen Dienst außer unter ' m Gewehr zwischen den Offizieren aller Grade , ja selbst zwischen diesen und den Mannschaften herrscht , und die sich in ihrem Vergnügen wenig um die Gegenwart des Obern kümmert . Der Zigeuner war in der Erdhütte verschwunden und kam gleich darauf mit dem Mädchen an der Hand wieder zum Vorschein . Der rothe Glanz des Feuers beleuchtete die in phantastische Lumpen gehüllte Gestalt , aus dem Kopftuch , das ihr schwarzes Haar umhüllte , schauten die dunklen Augen kalt und finster auf die Gesellschaft . Ihre Hand hielt die kleine , der Balaleika ähnliche Cither der Bulgaren . Der Colonel wandte sich freundlich zu dem Mädchen . » Willst Du uns eines Deiner Nationallieder vorsingen , so soll ein Geschenk Dir die Mühe lohnen . « Der Zigeuner sprang dazwischen . » Sarscha versteht die Lingua Franka nicht , blanker General . Sie spricht nur Türkisch und Bulgarisch . « » Dann , meine Herren , « sagte lächelnd der Vicomte , » werden wir auf das Vergnügen eines nationellen Concerts als Nachtisch wohl verzichten müssen , denn mit unserm Türkisch ist es noch schlecht bestellt . « » Nicht doch , Colonel . Wir rufen Franconville von Ihren Spahi ' s , der kann uns dolmetschen . Er spricht Türkisch wie Wasser . « Nach wenig Augenblicken schon kam der Gerufene herbei , einer jener französischen Abenteurer , die sich seit vielen Jahren im Orient aufhielten und jetzt vielfach als Dolmetscher von den Truppen verwendet wurden . Er war Unterlieutenant bei den neu organisirten orientalischen Spahi ' s und erklärte sich bereit , jeden Vers der Sängerin auf Französisch zu wiederholen . » Laß Deine Schwester beginnen . Dieser Herr wird uns jeden Vers übersetzen . « Das Mädchen sah mit einem seltsamen Blick auf die Gruppe , die neugierig und schweigend lauschte . Dann griff sie in die Saiten , daß die Dissonanzen widerlich hinaus schallten in den Kreis , der sich immer zahlreicher um sie bildete , und begann mit einer eintönigen und dennoch weithin dringenden Stimme jenen furchtbaren Gesang , in dem der apathische bulgarische Charakter alle jene Jahrhunderte alten Klagen gegen den Halbmond in der Geißel der Gegenwart zusammendrängt : » Ueber das Gebirge kam die Pest , Hinter Stambul ist ihr schwarzes Nest . Grün war das Gebirg ' und schön bethaut , Aber es verdorrten Baum und Kraut . Und das Heilkraut ist zuerst verdorrt , All ' die kleinen Vöglein flogen fort . Dann vom Berge schritt die Pest in ' s Thal , In Pravadi fing sie an die Qual . Klopfend ging sie dort von Haus zu Haus , Leichen warf man auf das Feld hinaus . Erst nur Türken traf ihr schwarzer Hauch , Später traf er fromme Christen auch . Auch die Raben flogen fort vom Schmaus , Nur der Storch blieb auf dem leeren Haus . Auch der Treue fiel zuletzt vom Dach , Und es fielen ihm die Jungen nach . Schwarz vor Aerger ist die Pest zu seh ' n , Einen schwarzen Schleier läßt sie weh ' n. Sie ist eine stumme , alte Frau , Welk ist ihre Brust , ihr Auge grau . Nur wenn Jesus Christ in Schlummer fällt , Steht sie auf und wandelt durch die Welt . Als der Nordwind unsern Herrn geweckt , Floh sie über ' s schwarze Meer erschreckt . « Der Lieutenant der Spahi ' s wiederholte Vers um Vers die Worte den Zuhörern . Je weiter er kam , desto stiller wurde es im Kreise , desto unheimlicher lagerte sich das Grauen rings umher . Der Gascogner sprang auf . » Cap de Bious ! - Halte ein mit diesem Unkensang , der Einem das Mark in den Adern erstarren macht . Es ist Zeit genug für den Soldaten , an die Krankheit zu denken , wenn sie uns beim Schopf hat . « Ein einzelner , lauter , langgedehnter Schrei vom Ende des Bivouacs her schien ihm zu antworten . » Der Doctor ! wo ist der Doctor ? « Ein Zuave kam mit der Nachricht gelaufen , daß zwei Kameraden plötzlich bei ihrem Nachtmahl erkrankt seien . Die beiden Chirurgen , die sich bei der Truppe und in dem Kreis der Offiziere befanden , erhoben sich ziemlich langsam und gleichgültig , bis ein ernster Blick des Colonel sie zur Eile mahnte . Der Gang der heitern Unterhaltung war durch das Lied und die Meldung gestört , und man traf daher allseitig Anstalten zum Nachtlager , während der Vicomte unruhig mit dem alten Major auf und ab schritt , bemüht , seine Besorgniß zu verbergen . Die Zigeunerin war nach dem unheimlichen Liede wieder verschwunden , Niemand dachte mehr an die Possen , die man zur Unterhaltung mit ihr vorgehabt . Ein leichter Nebel , wie diese Sumpfgegenden stets bei Nacht aushauchen , hatte die weite Fläche eingenommen und gab den Gestalten und Gegenständen etwas Verschleiertes , Gespensterhaftes . Plötzlich hörte der Vicomte in seinem Rücken eine Stimme sich anmelden : » Monsieur le Colonel ! « Sich mit seinem Begleiter umdrehend , sah er den einen der beiden Chirurgen vor sich und das blasse erschrockene Gesicht des jungen Mannes schien ihm nichts Gutes zu verkünden . » Was giebt es , Fremont ? « fragte der Major . » Was fehlt den Leuten ? « » Ich rapportire , « sagte der Wundarzt mit leiser Stimme , » daß die beiden Leute von der Cholera ergriffen sind . Drei Andere zeigen gleichfalls Symptome . « Die beiden Offiziere fuhren erschrocken zurück . » Morbleu ! « rief der Major , » das fehlte uns in dieser Wüste noch ! Sie werden ein gewöhnliches Uebel gleich für die Seuche halten . « » Weder mein College noch ich können uns darüber irren , Herr Major , « sagte der Chirurg . » Wir haben in den Lazareths in Varna Dienste geleistet und verstehen , wenn wir auch keine promovirten Aerzte sind , doch genug von der Krankheit , um zu wissen , daß die vorliegenden Fälle der rapidesten Art sind . « Der Vicomte nahm den Major am Arm . » Schweigen Sie , Herr , über die Meldung , die Sie uns gemacht und den Charakter der Krankheit , auch wenn sich noch weitere Fälle zeigen sollten . Gehen Sie zurück und lassen Sie die Kranken absondern , ich werde sogleich zur Stelle sein . « Während der Chirurg zu dem Lager zurückkehrte , führte der Vicomte den Major eine Strecke seitwärts . » Der Zug nach der Dobrudscha , « sagte er , » ist hauptsächlich unternommen , um die Truppen der Krankheit wegen abzusondern , die in Varna furchtbarer wüthet , als die Bülletins zugestehen . Ich habe bestimmte Ordres für den Fall , daß die Krankheit ausbricht . Wir werden vier Stunden den Mannschaften Ruhe gönnen und uns dann auf den Weg machen . Gebe Gott , daß die Seuche sich nicht weiter verbreitet , denn - - - « Er schwieg . Der alte benarbte Major , der funfzehn Jahre lang in Afrika gefochten , sah ihn starr an . » Denn - - - was dann ? « » Es ist unmenschlich , - aber die Befehle sind peremtorisch , - ich soll die an der Cholera Erkrankten auf dem Wege sich selbst überlassen . « » Fluch dem , der diesen Befehl gegeben ! « rief der alte Soldat entrüstet . » Möge er selbst nicht auf dem Felde der Ehre , sondern auf dem schlechten Krankenlager enden wie ein Hund . Geben Sie Ihre Befehle , Lieutenant-Colonel ; Major Estolles wird zu gehorchen wissen , wenn er auch den Befehl für eine Schande der französischen Armee hält . « Der Vicomte faßte seine Hand . » Sie wissen , wie ich selbst darüber denke und wie sich mein eigenes Herz empört . Lassen Sie uns vereint alles Mögliche thun , um dem Uebel zu begegnen . « Sie begaben sich sofort zu dem Bivouac , wo statt des Schlafes bereits große Unruhe herrschte . Trotz aller Vorsichtsmaßregeln hatte sich die Nachricht von dem Ausbruch der Cholera bereits verbreitet , und die unerschrockenen , leichtherzigen Krieger , die ohne Bedenken den Feuerschlünden einer Batterie entgegen gingen , steckten die Köpfe zusammen und zitterten bei dem Gedanken an den Tod durch die Seuche . Die Befürchtungen waren leider nicht unbegründet . Von den dreihundert Zuaven waren , als die Offiziere an die Stelle kamen , die sofort durch Wachen isolirt wurde , bereits vierzehn Mann von der Krankheit ergriffen ; vier davon rangen in Todeskämpfen und starben während ihrer Anwesenheit . Der Aeltere der beiden Chirurgen erklärte , daß das Wasser des Brunnens den rapiden Ausbruch herbeigeführt haben müsse . Der Colonel ließ Schildwachen an den Brunnen stellen und befahl , ihn bei dem nächsten Tageslicht zu untersuchen . Außer den abseits lagernden und um die drohende Gefahr unbekümmerten Moslems schlossen nur Wenige in dieser Nacht die Augen . Die Rapports der Aerzte wiederholten sich von Stunde zu Stunde ; als die Morgendämmerung anbrach , waren bereits vierunddreißig Erkrankungen unter den Zuaven , drei unter den Spahi ' s , gemeldet . Der Vicomte befahl den Aufbruch , und - indem er es nicht über sich gewinnen konnte , die Kranken ihrem Schicksale zu überlassen , - deren Aufnahme in die nachfolgenden Araba ' s. Während er nach der Hütte der Zigeuner schickte , um den Führer holen zu lassen , - entstand ein wüthendes Geschrei in der Gegend des Brunnens . Mit aschbleichem Gesicht trat der alte Major zu ihm ; bei dem Tapfern , der vor keiner Gefahr gebebt , malte sich Abscheu und Entsetzen in allen Zügen . » Die Höllenbrut ! « sagte er , » meine Leute haben so eben auf dem Grunde dieser Cisterne , deren Wasser wir getrunken , drei Leichname russischer Soldaten gefunden . Der Schurke von Zigeuner mußte darum wissen , die ganze Familie soll baumeln ! « Aber die Ordonnanz brachte die Nachricht , daß die Hütte leer war . Selbst der Kranke war verschwunden . Eine Nachfrage bei den Wachtposten ergab , daß schon im Anfang der Nacht der Zigeuner und seine Schwester mehrmals hin und her gegangen waren , was die Wachen , da der ausdrückliche Befehl des Colonel lautete , die Familie nicht zu belästigen , nicht beachtet hatten . So war es ihnen leicht geworden , auch über die Linie der ausgestellten Vorposten zu entwischen . Der Eindruck , den der schauerliche , Ekel erregende Fund machte , war kaum zu bewältigen . Schon während der kurzen Anstalten des Aufbruchs mehrte sich die Zahl der Kranken . Als die Colonne sich über die öde Fläche beim ersten Sonnenstrahl bewegte , blieben mehrere Soldaten auf dem Wege zurück - alle Ermahnungen der Offiziere halfen Nichts , - die Krankheit machte bei Einzelnen so rasche Fortschritte , daß schon nach kurzer Zeit das Delirium eintrat . Man war noch keine zwei Lieues marschirt , als der Major der Zuaven den Colonel rufen ließ , der sich bald bei dem Vortrab der Spahi ' s , bald bei dem Nachzug der Kranken-Escorte aufhielt , überall anordnend , antreibend . » Freund , « sagte er ihm , » meine Stunde ist gekommen , der Ekel wird mich tödten . Ich fühle die Krankheit in meinen Eingeweiden ; es bleibt keine Rettung für Sie und die Colonne , als daß Sie streng den Befehl des Generals befolgen . Lassen Sie mich mit den Andern zurück und suchen Sie das Corps Yussuf ' s zu erreichen , wo wenigstens Feld-Apotheken zur Hand sind . Ich empfehle Ihnen meine Braven , Kamerad , - retten Sie , was Sie können , davon . Dieser Feldzug wird viele französische Leben kosten . « Der tapfere Veteran war vom Pferde gestiegen und saß an einem der Steppenhügel ; schon zeigten sich die Vorboten der Krankheit , doch wollten ihn seine wackern Krieger unter keinen Umständen verlassen . Der Vicomte am wenigsten . Es mußte ein rascher Entschluß gefaßt werden ; Méricourt ließ die Vorhut der Spahi ' s Halt machen . » Fünfzig Mann des ersten Tabor ' s sitzen ab und schicken ihre Pferde für die Kranken zurück , die sie zu Fuß escortiren ! In gleicher Weise wird mit den Kranken der Reiterei verfahren . « Der Mulasim1 übersetzte die Ordre ; ein rebellisches Geheul der befehligten Abtheilung folgte . » Fluch über die Dschaur ' s ! Wir wollen ihre Mütter verdammt sehen , ehe wir den ungläubigen Hunden unsere Pferde geben ! Mögen sie umkommen , es ist ihr Schicksal ! « Das Rebellenblut der alten Baschi-Bozuks drohte in vollen Flammen auszubrechen , doch der Colonel verstand es zu behandeln . » On-Baschi Jussuf ! « Der riesige Mohr , Nursädih ' s Bruder , ritt vor . Er verstand genug die Lingua franca , um die Befehle des Kommandirenden zu begreifen und war ein Liebling desselben , der sich , wie einst seine gemordete Gebieterin Mariam , auf seinen blinden Gehorsam verlassen konnte . » Laß ' den Burschen dort absitzen und sein Pferd zurückführen ! - Bei der geringsten Weigerung weißt Du , was Du zu thun hast . « » Pek äji , Beh ! « Der Mohr wandte sich zu dem nächsten Reiter : » Inshallah ! ist es Dir gefällig , von Deinem Pferde zu steigen , mein Bruder ? « » Olmas ! « Der Halunke starrte gemüthlich hinaus in die Luft , als sei der militairische Gehorsam ihm trotz der zahlreichen Prügel bei der Organisation ein unbekanntes Ding geblieben . Ohne ein Wort zu sagen , schlug der Mohr ihn mit dem Knauf seiner Pistole so gewaltig an den kahlen Schädel , daß er aus dem Sattel zu Boden stürzte . Dann wandte er sich mit der gleich höflichen Frage an den Zweiten , der , so schnell es sein Phlegma erlaubte , dem Befehle gehorchte . Die Mulasim ' s machten es auf der anderen Flanke eben so und in fünf Minuten waren die Sättel geräumt und die Pferde zum Transport der Kranken bereit . So wie die Sache einmal durchgesetzt war , hörte man keinen Laut des Widerspruches mehr , und die Bozuks leisteten willig den Kranken alle Hilfe . Trotz alles Beistandes jedoch kam der Zug nur langsam vorwärts und eine immer mehr anwachsende Zahl von Leichen bezeichnete seinen schaurigen Weg , je höher die Sonne stieg , je heißer ihre Strahlen über die Fläche brannten . Aber Seuche und Oede sollten nicht ihr einziger Feind bleiben ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Angabe des Zigeuners , daß Krankheit des Bruders die Familie in dem Tartarendorf der Dobrudscha zurückgehalten , war insofern Wahrheit , als eines der Mitglieder der kleinen Gesellschaft allerdings am Fieber litt , doch war die Krankheit bereits den Heilmitteln der Kinder der Steppe gewichen und hätte sie nicht an der Flucht gehindert . Das Zurückbleiben geschah vielmehr absichtlich , denn der junge Zigeuner war Mungo , der russische Spion , mit Sarscha , seiner Schwester und deren Liebhaber , Aleko Pelin , dem Bojarensohn , und streifte im Auftrage der russischen Befehlshaber durch die südlichen Steppen der Dobrudscha , um nach der Kunde , die der Knabe Mauro von dem Aufbruch der Expedition gebracht , den Weg der französischen Truppen zu belauern . Als Sarscha ihr Unglück verkündendes Lied gesungen , schritt sie einsam und finster in den Abendnebeln davon , ohne in die Hütte zurückzukehren . Sie verachtete das Gewerbe des Bruders , ja , sie achtete wohl selbst nur wenig der leidenschaftlichen Liebe des jungen Bojaren , dennoch trieb sie die Vereinsamung , die auf ihrem Stamm lag , aus den Kreisen des Volkes und ließ sie dem Manne sich anschließen , der ein Herz für sie zeigte . Ueberdies lastete in der Heimath das Gerücht auf ihr , daß die Familie den Russen den Weg durch die Sümpfe von Oltenitza verrathen , und wenn auch Zinka , ihre Mutter , vor jeder Gefahr durch den Ruf des bösen Auges gesichert und in ihrer einsamen Sumpfhütte unbelästigt blieb , warfen die walachischen Bauern doch schlimme Blicke auf Sohn und Tochter . Darum hatte Mungo nach seiner Rückkehr von Krajowa Sarscha und ihren Liebhaber beredet , ihm auf das rechte Ufer der Donau in ' s Lager der Russen zu folgen . Der junge Zigeuner stand durch die Schlauheit und Kühnheit , die er bei jeder Gelegenheit an den Tag gelegt und die durch Capitain Meyendorf gebührend gerühmt worden , bei den russischen Oberoffizieren in dem Rufe eines ihrer besten und zuverlässigsten Spione , und es fehlte ihm daher nicht an reichen Belohnungen , deren Ertrag er in der einsamen Hütte seiner Mutter verbarg . Umsichtig , keinen Laut verlierend , beobachtete er unter der Maske der kriechenden Angst und Demuth jetzt den Kreis der französischen Offiziere und die Aufregung , die bei der plötzlichen Kunde von dem Ausbruch der Seuche sich bald durch das ganze Bivouac verbreitete . Der günstige Augenblick der Flucht