schon nachmittags um drei Uhr an Ort und Stelle befand , ohne daß die Berliner etwas davon ahnten . Nachmittags um zwei Uhr fing die Anordnung zur Feldbataille an . Es wurden zwei Schlachtordnungen formiert ; die erste hatte auf ihrem rechten Flügel die Bürger von Berlin , auf dem linken Flügel standen die Cöllnischen , zum Hinterhalt waren die übrigen Berliner aufgestellt . In der Mitte hielt der Kurfürst mit einem kleinen Teile seiner Trabanten ; auf der einen Seite hatten sie die Festung und den Graben , auf dem linken Flügel die Spree , hinter sich aber den Wald . Die Berlin-Cöllner nun , welche so gut postiert waren , glaubten schon den Sieg in den Händen zu haben und triumphierten laut , forderten dabei immer die Spandower auf , herauszukommen . Die Spandower hingegen erkannten ihre Schwäche und das Unvorteilhafte ihrer Lage , doch munterten sie sich einander auf und erwarteten nur die Zeit , von der sie glaubten , daß ihr angeordneter Hinterhalt angekommen sein könnte . Sie zogen nun getrost , in kleinere Haufen geteilt , dem Feinde entgegen und der Streit begann . Man hielt sich wacker hüben und drüben . Der Sieg schien nicht zu wissen , wohin er sich neigen solle . Dennoch würden die Spandower schließlich überwunden worden sein , wenn nicht Gottfried Schönicke mit seinen leichten Truppen angekommen wäre . Dieser kam plötzlich von der Haselhorst den Berlinern in den Rücken , der Hinterhalt derselben war bald in die Flucht geschlagen und nun ging es über die Hauptarmee los . Diese sah ihre Gefahr , hielt sich mit Erbitterung noch eine Weile , aber die » Staakenschen « unter Gottfried Schönicke gaben auch hier den Ausschlag und trieben endlich die vereinte Berlin-Cöllnische Armee in die Flucht . Der Streit war so heftig geworden , daß selbst das Pferd des Kurfürsten von einem Spieße getroffen wurde . Die Nacht brach herein und der Kurfürst ließ nun durch Herolde das Ende des Streites ausrufen . Dies war ein Glück ; die Erbitterung war groß und ohne diesen Abbruch des Gefechts würde Blut geflossen sein . Die Berliner zogen sich darauf durch den Wald , die Jungfernheide , nach Berlin zurück und die Spandower hatten die Freude , daß ihnen der Kurfürst sagte : Kinder , ihr habt euch brav geschlagen ! Das Belvedere im Schloßgarten zu Charlottenburg Das Belvedere im Schloßgarten zu Charlottenburg Verschlossene Fenster , Nichts ein noch aus , Nur Spinnen und Gespenster Sind hier zu Haus . Es regnet . Auf den Plüschbänken des Charlottenburger Omnibus sitzt ein halbes Dutzend fröstelnde Gestalten , gleichgültig oder verstimmt , jeder einen abtröpfelnden Alpakka in Händen . Keiner spricht . Ein Dunst , wie wenn Wäsche trocknet , nebelt um uns her , und ein Kautschukmantel neben mir ist nicht angetan , die klimatischen Verhältnisse zu bessern . Es regnet , und am Ende mit Recht . Schreiben wir doch den 19. November ! Wer mag da Sonnenschein fordern , wenn es ihn lüstet , den Charlottenburger Schloßgarten zu besuchen . Was von den Menschen gilt , gilt auch von den Tagen ; man muß sie nehmen , wie sie sind . Das ist das » Knie « . Seine Rundung ist heute völlig reizlos . Das » türkische Zelt « sieht noch untürkischer aus als gewöhnlich , und bei Morellis hocken drei Sperlinge auf dem schräg gestellten Gartentisch , ziehen die Köpfe ein und schütteln die Federn . Nur die grüne Kuppel des Schlosses hat gewonnen ; sie sieht blau aus , frischer als sonst . An den leeren Gewehrpfosten vorüber , tret ' ich an das halboffene Parkgitter ; der Türhüter schüttelt den Kopf . An solchem Tage Besuch ! Er scheint die Frage ergründen zu wollen , ob ich Untat gegen mich oder gegen andere sinne . Ein Unglücklicher oder ... » Ich möchte nach dem Belvedere . Erst durch die Orangerie , dann grad ' aus ; nicht wahr ? « So Lokalkenntnis und Unbefangenheit heuchelnd , schreite ich an dem Bediensteten vorüber , der sich schließlich , seinem Mienenspiele nach , damit beruhigt : Freitag ist Besuchstag . Asternbeete , Balsaminen ; dann vorüber an den Kübeln des Gewächshauses ; noch ein Fliesengang und die Breite des eigentlichen Parkes liegt vor mir . An der Rückseite des einen Schloßflügels hin stehen die Büsten römischer Kaiser , Nero , Titus , Trajan ; mir zunächst Tiberius . An seiner Nase hängt ein Regentropfen , fällt ab und erneut sich wieder . Es sieht so gemütlich , so einfach-menschlich aus , daß man glauben könnte , seine » Wiederhersteller « hätten recht . Weithin sichtbar laufen die Gänge des Schloßgartens bis zum Flusse nieder , parallel mit ihnen ein Wasserbecken , halb Graben , halb Teich . Die Alleen sind kahl . Nur einzelne Bäume , die windgeschützter standen , halten noch das je nach der Art in allen Herbstesfarben spielende Laub fest ; die Eiche goldbraun , die Birke orangefarben , der Ahorn gelb ; aber die meisten Blätter fielen ab und liegen an tieferen Stellen zusammengeweht , oder schwimmen auf dem Wasser , das uns bis in die Mitte des Parks begleitet . Hier biegt das Wasser ( der Teichgraben ) plötzlich rechtwinklig ab und durchschneidet den Weg . Eine Brücke führt darüber hin und unterhält den Verkehr zwischen den beiden Ufern . Diesseits stand ein Alter und harkte das Laub zusammen . » Ist dies die Brücke mit der Klingel ? « » Ja . Aber es kommt keiner mehr . « » Ich weiß , Papa . Die alten Moosköpfe sind tot . « Er nickte und harkte weiter . In der Tat befand ich mich an der vielgenannten » Klingelbrücke « , einer ehemaligen Besuchsstation des Gartens , die viele Jahre hindurch neben dem Mausoleum ihren Platz behauptet hatte . Der ernsten Erhebung gab man hier ein heitres Nachspiel . Alles drängte herzu ; wurde dann die Klingel gezogen , so erschienen langsam und gravitätisch , aber immer hungrig , die berühmten Mooskarpfen des Charlottenburger Parkes an der Oberfläche . Uralte Bursche , wenn ich nicht irre , durch König Friedrich Wilhelm I. eigenhändig an dieser Stelle eingesetzt . Ein eigentümlicher Sport , der darauf hinauslief , Hellinge , Milchbrote , Kringel in die immer geöffneten Karpfenmäuler zu werfen , nahm dann seinen Anfang . Er erinnerte an Ähnliches im Zoologischen Garten , und man darf sagen : wie sich die Schrippe zum Elefanten verhält , so verhielt sich die Semmel zum Karpfen . Alte Frauen , nicht viel jünger wie die krokodilartigen Ungeheuer der Tiefe , saßen hier sommerlang mit ihrem Backwerk und sahen aus , als gehörten sie mit dazu . Es hatte etwas Spukhaftes , diese Altersanhäufung und die Kinderwelt dazwischen . Dieser Sport indessen sollte plötzlich ein Ende haben . Der Winter vierundsechzig kam , das Wasser fror bis auf den Boden , die Karpfen suchten zu retirieren , immer tiefer , aber das Eis kam ihnen nach , und eingemauert in ihrem Moorgrund , wasser- und luftlos , mußten sie ersticken . Als im April das Eis aufging , stiegen sie wieder an die Oberfläche , aber tot . Noch am selben Tage wurden sie am Ufer begraben . Es waren sechsunddreißig Stück , keiner unter einhundertundfünfzig Jahre , keiner unter vier Fuß ; alle trugen sie die Karpfenkrone . » Wir haben nun neue eingesetzt « , brummte der Alte , » aber was will das sagen ; sie sind wie Steckerlinge . « Dieser wohlgemeinte Satz hatte mir Mut gegeben . » Ich will nach dem Belvedere , Papa . « » Nach ' s Belfedehr . Ja , ja , da müssen Sie bis auf die Insel . Immer grad aus . Die Fähre geht nicht mehr . Aber rechts weg , wo der rote Werft steht , da is ' n Steg . Nehmen ' s sich in acht ; is alles frisch gestrichen mit Teer . Da drüber weg . « » Dank schön , Papa . « Damit stapfte ich weiter , durch Laub und aufgeweichte Gänge hin , dem Rande des Parkes zu , voll wachsenden Dankes gegen den Erfinder der Gummischuhe . Endlich stand ich an einem schmalen , von der Spree her abgezweigten Wassergraben ; zwei Pfosten hüben und drüben und ein Tau dazwischen zeigten mir , daß dies die Fährstelle sei . Nach rechts hin also mußte die Brücke sein . Richtig . Der frische Teergeruch ließ keinen Zweifel . Ich schritt über die schmale Bohlenlage hin . Der Regen ließ einen Augenblick nach und gestattete einen Umblick . Ich stand ersichtlich auf einer Insel , der magre Boden mit dünnem Gras überzogen , die Ufer von blutrotem Werft eingefaßt . Nach Westen hin Wiesenland , von Spreearmen und Eisenbahnbrücken durchzogen ; am Horizonte grau in grau der Spandauer Turm ; unmittelbar vor mir aber ein seltsamer , jalousienreicher Bau , rund , mit vier angeklebten flachen Balkonhäusern und einem kupfernen Dachhelm , auf dessen Spitze drei Genien mit Genhimmelhaltung eines goldenen Fruchtkorbes beschäftigt waren . Rokoko durch und durch . Im Grundriß ein kurzes Kreuz , mit rundem Mittelstück . Dies war das Belvedere . Die drei Genien mit dem Blumenkorb , unverkennbar an das Marmorpalais erinnernd . Die Tage der Lichtenau standen wie auf einen Schlag vor mir : Sentimentalität und Sinnlichkeit , Schäferspiele und kurze Röckchen , Antonius und Cleopatra . Nur alles trivialisiert . Statt des Pharaonenkindes eine Stabstrompetertochter . Ein Gartenarbeiter , wie ich bald wahrnahm , hatte in einem der angeklebten Häuschen ein Unterkommen gefunden : es fand sich ein Schlüssel , der eine der Haupttüren öffnete . Das Erdgeschoß , einst als Küchen- und Wirtschaftsraum benutzt , war interesselos ; eine schlank gewundene , von einem sauberen Eisengitter eingefaßte Treppe führte in den ersten und zweiten Stock . Wir stiegen hinauf . Ich hatte dieselbe Empfindung , als ging es hinunter in eine Gruft . Abgestorbenes ringsum . Nur mumienhaft erhalten . Die Einrichtung beider Stockwerke ist dieselbe : ein einziges saalartiges Rundzimmer . Der Saal des ersten Stockwerkes ist der reichere ; der Fußboden parkettiert , die Wände rhombisch getäfelt mit rotbraunem Pflaumbaumholz . An der weißen Decke kristallne Leuchter . Reliefdarstellungen aus dem Apollo- und Diana-Mythus umziehen , halb fries- , halb supraportenartig , die obere Rundung , während Ottomanen und Polsterstühle , in ihren Lehnen selbst wieder geschweift , dem Rund der unteren Boisierung folgen . Zahlreiche Bilder , meist englische Stiche nach den Dramen Shakespeares , stehen gruppenweis , die Rückseite nach vorn , an den Wänden umher . Die dunkle Täfelung , dazu der blaue Moiréstoff , der alle Polster überzieht , geben dem Zimmer einen festlichen , beinah ernsten Charakter . Anders der Rundsaal des zweiten Stockes . Hier ist dieselbe Art der Ausschmückung , aber ins Heitere übertragen . Wie dort Braun und ein tieferes Blau den Ton angeben , so lacht hier alles in Weiß und Rot und Gold . Konsolen , mit Tongefäßen in gefälliger Form , laufen girlandenartig um die Rundung her , und die scharlachnen Seidenüberzüge , als sei es an ihrer leuchtenden Pracht nicht genug , haben ihr Rot noch mit bunten Malereien , mit Blumen und Buketts geschmückt . Wie im Zimmer des ersten Stockes , so lehnen sich auch hier zwei Balkons und ein Kabinett an den Rundbau an ; das Kabinett marmoriert und mit Wandleuchtern von Goldbronze reich verziert . In diesem Kabinett nun , nur durch zwei halb zurückgeschlagene Gardinen von dem Rundsaal getrennt , saß König Friedrich Wilhelm II. Es war in den ersten Jahren seiner Regierung . Eine Aufführung schien sich mit einer Art von Feierlichkeit vorzubereiten . Und so war es . In den glodbronzenen Wandleuchtern brannten ein paar Kerzen , aber ihr Licht , durch die schweren Gardinen zurückgehalten , fiel nur in einzelnen Streifen nach vorn hin in den Saal . In diesem herrschte Dämmer . Der König hatte den Wunsch ausgesprochen , die Geister Marc Aurels , des Großen Kurfürsten und des Philosophen Leibnitz erscheinen zu sehen . Und sie erschienen . Wie man dabei verfuhr , darüber berichte ich an anderer Stelle . Nur dies noch . Dem Könige war gestattet worden , Fragen an die Abgeschiedenen zu richten ; er machte den Versuch , aber umsonst . Es gelang ihm nicht , auch nur einen Laut über die bebenden Lippen zu bringen . Dagegen vernahm er nun seinerseits von den heraufbeschworenen Geistern strenge Worte , drohende Strafreden und die Ermahnung , auf den Pfad der Tugend zurückzukehren . Er rief mit banger Stimme nach seinen Freunden ; er bat inständig , den Zauber zu lösen und ihn von seiner Todesangst zu befreien . Nach einigem Zögern trat Bischofswerder in das Kabinett und führte den zum Tod Erschöpften nach seinem Wagen . Er verlangte zur Lichtenau zurückgebracht zu werden , ein Wunsch , dem nicht nachgegeben wurde . So kehrte er noch während derselben Nacht nach Potsdam zurück . Das war , wie schon angedeutet , mutmaßlich Anfang der neunziger Jahre . Bestimmte Zeitangaben fehlen . Von jenem Abend an stand das Belvedere fünfzig Jahre lang leer . Es war , als wär ' es an dieser Stelle nur aus der Erde gewachsen , um als Rokokoschaubühne für eine Geisterkomödie , hinterher aber um als Wahrzeichen dafür zu dienen , daß das alles einmal wirklich war . Durch ein halbes Jahrhundert hin waren die Plätze wie verfehmt . Marmorpalais , Belvedere , Marquardt , das Eckardtsteinsche Haus , auch andre noch ; man mied sie , man nannte sie kaum . Erst Friedrich Wilhelm IV. , innerlich freier , machte einen Versuch , den Bann der neunziger Jahre zu durchbrechen . Das Marmorpalais sah wieder Gondeln an seiner Treppe ; die Miniaturbüste der Lichtenau . ein Chef d ' oeuvre , wurde an altem Platze aufgestellt ; was einst Abneigung erweckt hatte , weckte wieder Interesse . Auch das Belvedere schien wieder zu Ehren kommen zu sollen . Von seinem Balkone aus sah der heitere König , dessen eigene sittliche Integrität ihm die Milde , auch nach dieser Seite hin , zum Bedürfnis machte , in Dämmerstunden , beim Teegeplauder , das Spreetal hinunter , freute sich der Segelkähne , die kamen und gingen , der langen Züge , die rasselnd , dampfend vorübersausten , der dunklen Flächen des Grunewaldes hier , der Jungfernheide dort , endlich des roten Spandauer Turms , der die Zickzackfestungswerke drüben am westlichen Horizont hoch überragte . Das waren die Wiederbelebungsversuche für das Charlottenburger Belvedere . Aber sie kamen und gingen wie bloße Träume . Bald schlief der Bau mit seinen drei Rokokogenien weiter . Er schläft noch . Etwas Unheimliches ist drumher , das nicht abzutun ist . Was ist es ? Ist es , weil es ein Spukhaus war , weil Gespenster hier umgingen ? Nein , denn man spielte hier nur Gespenst . Aber fast scheint es , als ob ein doppeltes Grauen eben daraus erwuchs , daß die Geister , die hier auftraten , nur ein Schein , eine Lüge waren . Potsdam und Umgebung Die Havelschwäne Die Havelschwäne Da geht ' s an ein Picken , An ein Schlürfen , an ein Hacken ; Sie stürzen einander über die Nacken , Schieben sich , drängen sich , reißen sich , Jagen sich , ängsten sich , beißen sich , Und das all ' um ein Stückchen Brot . Lilis Park Die Havel , um es noch einmal zu sagen , ist ein aparter Fluß ; man könnte ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachlands-Neckar nennen . Er beschreibt einen Halbkreis , kommt von Norden und geht schließlich wieder gen Norden , und wer sich aus Kindertagen jener primitiven Schaukeln entsinnt , die aus einem Strick zwischen zwei Äpfelbäumen bestanden , der hat die geschwungene Linie vor sich , in der sich die Havel auf unseren Karten präsentiert . Das Blau ihres Wassers und ihre zahllosen Buchten ( sie ist tatsächlich eine Aneinanderreihung von Seen ) machen sie in ihrer Art zu einem Unikum . Das Stückchen Erde , das sie umspannt , eben unser Havelland , ist , wie ich in den voraufgehenden Kapiteln gezeigt habe , die Stätte ältester Kultur in diesen Landen . Hier entstanden , hart am Ufer des Flusses hin , die alten Bistümer Brandenburg und Havelberg . Und wie die älteste Kultur hier geboren wurde , so auch die neueste . Von Potsdam aus wurde Preußen aufgebaut , von Sanssouci aus durchleuchtet . Die Havel darf sich einreihen in die Zahl deutscher Kulturströme . Aber nicht von ihren Großtaten gedenke ich heute zu erzählen , nur von einer ihrer Zierden , von den Schwänen . Die Schwäne sind auf dem ganzen Mittellauf der Havel zu Hause . Die zahlreichen großen Wasserbecken , die sich hier finden : der Tegler See , der Wannsee , der Schwielow , die Schlänitz , die Wublitz , sind ihre Lieblingsplätze . Ihre Gesamtzahl beträgt zweitausend . In früheren Jahren war es nicht möglich , diese hohe Zahl zu erreichen . Während der Franzosenzeit waren sie , als ein bequemes Jagdobjekt , zu Hunderten getötet worden ; später wurden die großstädtischen Eiersammler ihrer Vermehrung gefährlich . Erst die Festsetzung strenger Strafen machte diesem Übelstande ein Ende . Seitdem ist ihre Zahl in einem steten Wachsen begriffen . Wie mächtige weiße Blumen blühen sie über die blaue Fläche hin ; ein Bild stolzer Freiheit . Ein Bild der Freiheit . Und doch stehen sie unter Kontrolle , in Sommertagen zu der Menschen , in Wintertagen zu ihrem eigenen Besten . Im Sommer werden sie eingefangen , um gerupft , im Winter , um gefüttert zu werden . So bringt der Hofstaat oder vielleicht der Fiskus , dem sie zugehören , seine sommerliche Untat durch winterliche Guttat wieder in Balance . Auf die Prozedur des Einfangens kommen wir weiterhin zurück . Die zweitausend Schwäne zerfallen in Schwäne der Ober- und Unterhavel ; das Gebiet der einen reicht von Tegel bis Potsdam , das der anderen von Potsdam bis Brandenburg . Die Glienicker Brücke zieht die Grenze . Die Schwäne der oberen Havel stehen unter der Herrschaft der Spandauer , die Schwäne der unteren Havel unter der der Potsdamer Fischer . Man könnte dies die Einteilung der » Provinz Havelschwan « in zwei Regierungsbezirke nennen . Diese großen Bezirke aber zerfallen wieder in ebenso viele Kreise , als es Haveldörfer gibt , besonders auf der Strecke von Potsdam bis Brandenburg . Die Ützer Fischer beherrschen die Wublitz , die Marquardter Fischer den Schlänitzsee , die Fischer von Kaputh den Schwielow usw. Auf der Unterhavel allein befinden sich gewiß zwanzig solcher Arrondissements , alle mit gewissen Rechten und Pflichten ausgerüstet , aber alle den beiden Hauptstädten dienstbar , alle in Abhängigkeit von Potsdam und Spandau . Wir wenden uns nun dem Sommerfang der Schwäne zu . Er erfolgt zweimal und hat den doppelten Zweck : den Jungschwan zu lähmen und den Altschwan zu rupfen . Über die Lähmung ist nicht viel zu sagen ; ein Flügelglied wird weggeschnitten , damit ist es getan . – Desto komplizierter ist der Prozeß des Rupfens . Er geschieht an zwei verschiedenen Stellen . Die Schwäne der Oberhavel werden auf dem Pichelswerder , die Schwäne der Unterhavel auf dem » Depothof « bei Potsdam gerupft . Das Verfahren ist an beiden Orten dasselbe . Wir geben es , wie wir es auf dem Depothof sahen . Der » Schwanenmeister « , Gesamtbeherrscher des ganzen Volkes cygnus zwischen Tegel und Brandenburg , gibt die Order : » Am 20. Mai ( der Tag wechselt ) wird gerupft . « Nun beginnt das Einfangen . Die Fischer der verschiedenen Haveldörfer machen sich auf , treiben die auf ihrem Revier schwimmenden Schwäne in eine Bucht oder Ecke zusammen , fahren dann mit einem zehn Fuß langen Hakenstock in die Schwanenmassen hinein , legen den Haken , der wie bei dem Schäferstock eine halboffene Öse bildet , geschickt um den Hals des Schwanes , ziehen ihn heran und in ihr Fahrzeug hinein . Dies geschieht mit großer Schnelligkeit , so daß binnen ganz kurzer Zeit das Boot mit dicht nebeneinander hockenden Schwänen besetzt ist und zwar derart , daß die langen Hälse der Schwäne , über die Bootkante fort , nach außen blicken . Ein sehr eigentümlicher , grotesker Anblick . In dieser Ausrüstung treffen nun die Boote aus wenigstens zwanzig Dörfern auf dem Depothof ein und liefern ihre Schwanenfracht in die dort befindlichen Hürden ab , von wo sie nach und nach zur Rupfbank geschleppt werden . Die Rupfbank ist ein langer Tisch , der in einem mächtigen Schuppen steht . An der einen Seite des Tisches entlang , mit scharfem Auge und flinker Hand , sitzen die Rupfweiber , meist Kiezfischer-Frauen . Ein Schwanenknecht trägt nun Stück auf Stück die Schwäne herein , reicht sie über den Tisch , die Frauen packen zu und klemmen den Hals zwischen die Beine ein , während der Knecht den auf dem Tische liegenden Schwan festhält . Nun beginnt das Rupfen mit ebenso viel Vorsicht wie Virtuosität . Erst die Federn , dann die Daunen ; kein Fleck von Fleisch darf sichtbar werden . Nach Beendigung der Prozedur aber nimmt der Schwanenknecht den Schwan wieder in seinen Arm , trägt ihn zurück und wirft ihn mit Macht in die Havel . Der Schwan taucht nieder und segelt nun mit aller Gewalt quer über den Fluß , um seinen Quälern zu entfliehen . Bald aber friert ihn , und zunächst sonnige Ufer- und Inselstellen aufsuchend , eilt er erst den zweiten oder dritten Tag wieder seinen Heimatplätzen im Schwielow oder Schlänitz zu . Einen ganz anderen Zweck , wie schon angedeutet , verfolgt das Einfangen im Winter , wenn die Havel zu geht . Die schönen Tiere würden im Eise umkommen . Sie werden also abermals zusammengetrieben und eingesammelt , um an solche Havelstellen gebracht zu werden , die nie zufrieren , oder doch fast nie zufrieren . Der Prozeß des Einfangens ist derselbe , wie im Sommer , aber nicht der Transport an die eisfreien Stellen , welche letzteren sich glücklicherweise bei Potsdam selbst , fast mitten in der Stadt befinden . Die Überführung in Booten ist jetzt unmöglich , da schon ganze Partien des Flusses durch Eis geschlossen sind ; so treffen sie denn in allerhand Gefährt , in Bauer- und Möbelwagen , selbst in Eisenbahnwaggons , in ihrem Potsdamer Winterhafen ein . Sie haben nun wieder sicheres Wasser unter den Füßen , die Gefahr des Erfrierens ist beseitigt , aber die Gefahr des Verhungerns – 2000 Schwäne auf allerkleinstem Terrain – würde jetzt um so drohender an sie herantreten , wenn nicht durch Fütterung für sie gesorgt würde . Diese erfolgt in den Wintermonaten täglich zweimal , morgens um acht Uhr und nachmittags um drei Uhr , immer an derselben Stelle und zwar in der Nähe des Stadtschlosses . Unmittelbar hinter der Eisenbahnbrücke , am Ende des Lustgartens , ist eine Stelle , welche wegen des starken Stromes nur selten zufriert . Diese ist Rendezvous . Wir geben die Drei-Uhr-Fütterung . Schon um Mittag ziehen sich die Schwäne von allen noch offenen Stellen der Havel und aus den Kanälen der Stadt in der Nähe der Eisenbahnbrücke zusammen . Unruhig , ziehen sie nicht einzeln , sondern zu Hunderten , neben- und hintereinander , am Ufer hin und her , die alten und erfahreneren aber unter dem letzten Bogen der Eisenbahnbrücke hindurch , auf eine Stelle zu , von wo sie mit hochaufgerecktem Halse über die Uferbrüstung hinweg den langen Wallweg hinuntersehen können , auf dem der Schwanenmeister mit seinem Kornkarren heranfahren muß . Sie kennen ihn auch schon in weitester Entfernung , und kaum taucht seine Mütze zwischen den Bäumen auf , so fährt eine ganz besondere Unruhe in das zahlreiche Rudel . In höchster Anstrengung rudern sie sofort unter der Eisenbahnbrücke hindurch , nach dem Futterplatze , und wenn sie ihn dort noch nicht angekommen sehen , wieder zurück zu der Stelle , wo sie seine Annäherung beobachten können . Diese unruhige Wanderung wiederholt sich so lange , bis der Schwanenmeister mit Karre und Gerstensack an der Brücke angekommen ist . Nun entsteht ein wahrer Tumult unter den Tieren . Alles stürzt übereinander und nebeneinander hin und reckt die Hälse , um nur ja keine Bewegung ihres Hüters zu übersehen und den ersten Schaufelwurf nicht zu versäumen . Noch ist es indessen nicht so weit . Der Schwanenmeister geht erst auf die Brücke , um in langgezogenen Tönen sein » Hans ! Hans ! « zu rufen , auf welchen Ruf die etwa noch Verspäteten von allen Seiten herbeischwimmen . Solange dies Rufen dauert , halten sich die Schwäne in der Nähe der Brücke . Hört es aber auf , und wendet der Rufende sich zu dem eigentlichen Fütterungsplatze , so rauscht das ganze Schwanenheer in einer großen , blendend weißen Masse , drängend wie ein Keil und gewaltsam wie die Räder eines Dampfschiffs , im Wasser neben dem am Ufer gehenden Schwanenmeister her . Während der Sack aufgebunden wird , schroten sich einige der Gierigsten über die Eisschollen und Ränder am Ufer auf das feste Land , watscheln unbehilflich zum Karren , um womöglich die ersten zu sein , die etwas erhalten . Ihre Berechnung wird aber jedesmal getäuscht , denn , wenn recht viele aus dem Wasser heraus und andere im Begriff sind , ihnen zu folgen , wird der Gerstenkarren rasch auf die entfernteste Stelle des Futterplatzes geschoben . Kaum sehen die ans Land gekommenen Schwäne , daß ihnen ihre Eile nichts hilft , so stürzen sie sich so rasch wie möglich in das Wasser zurück ; aber es hält schwer , in der dichtgedrängten Masse der schwimmenden Schwäne ein Fleckchen zu finden , wo sie noch Platz hätten . Mit einer unglaublichen Gewaltsamkeit drängen die Hintersten gegen das Ufer . Nun erfolgt der erste Wurf weit ins Wasser hinein , und wo die Gerste das Wasser berühren kann , verschwinden im Nu alle Hälse , und man sieht plötzlich Hunderte von Zuckerhüten auf dem Wasser schwimmen . Unmittelbar am Ufer aber gelangt die Gerste gar nicht ins Wasser , sondern bleibt auf den dicht aneinander gedrängten Rücken der Schwäne liegen . Um sie aufzulesen , verschlingen die langen Hälse sich hin und wieder zu Knoten , so daß es oft den Anschein hat , als könnten sie kaum wieder auseinander kommen . Soweit jeder Wurf reicht , tritt für einige Augenblicke eine gewisse Ruhe ein ; desto unruhiger und drängender geht es ringsumher zu . Mit Bissen und Flügelschlägen suchen sich die Entferntesten Bahn in den dichten Haufen zu brechen ; aber vergebens , denn es kann keines der Tiere Platz machen , wenn es auch wollte , aber es will auch nicht , sondern beißt und schlägt abwehrend auf seinen Angreifer los . Wieder kommt ein Wurf und wieder beruhigt sich eine Gruppe ; ein dritter , ein vierter – der letzte ist aber noch nicht geschehen , und schon kommen die , welche zuerst gefressen , wieder herbeigerauscht und drängen die Fressenden zu einem dichten Knäuel zusammen . Wild treibende Eisschollen , vom Föhn durcheinander gewälzte Schneemassen , können kein seltsameres Bild geben als diese blendend weißen , belebten Körper auf dem dunklen Wasser der Havel , rings von Eis und Schnee umgeben , so daß man kaum unterscheiden kann , wo das Eis des Ufers aufhört und der Schwanenknäuel anfängt . Täglich werden auf diese Weise drei Scheffel Gerste verfüttert . Vergleicht man indessen das Volumen all dieser herzudrängenden Schwäne mit den anderthalb Scheffeln , die ihnen morgens und ebenso viel nachmittags zugeworfen werden , so begreift man , daß die Tiere beim Weggehen ihres Pflegers noch ziemlich ebenso lange Hälse machen wie bei seinem Kommen . Eine Zeitlang verweilen sie noch ; erst wenn sie Gewißheit haben , daß alles Warten nicht mehr fruchtet , schwimmen sie langsam fort . Zurück bleiben nur noch die Kranken , die jetzt einen Versuch machen , eine kümmerliche Nachlese zu halten und die letzten Körnchen zu entdecken . Zu der Havelschönheit tragen die Schwäne ein sehr Erhebliches bei . Sie geben dem Strom auf seiner breiten Fläche eine königliche Pracht , und eine schönere Einfassung aller dieser Schlösser und Residenzen ist kaum denkbar . In neuerer Zeit hat man diesen Zauber dadurch noch gesteigert , daß man , durch Unterlassung der Flügellähmung , den Wildschwan wieder hergestellt hat . Man wurde dazu durch verschiedene Rücksichten bestimmt . Das Nächstbestimmende war die größere Schönheit des wilden Schwans ; er ziert die Fläche mehr , die er durchschwimmt , und sein Flug durch die Luft , den er wenigstens gelegentlich macht , gewährt einen imposanten Anblick . Was aber mehr als diese Schönheitsrücksicht den Ausschlag gab , war der Wunsch , einen neuen jagdbaren Vogel , einen neuen Sport zu schaffen . Es werden jetzt von Zeit zu Zeit Wildschwanenjagden abgehalten . Anfangs , wo man diese Jagden in unmittelbarer Nähe Potsdams abhielt , scheiterten sie . Die Tiere , zu den zahmen Schwänen sich haltend , waren zahm und vertraulich wie diese und entzogen sich kaum der Büchse des Schützen , wenn auch einzelne von ihnen schon dem Blei des letzteren erlegen waren – das war keine Jagd , das war bloßes Totschießen , und man stand auf dem Punkt , die Sache wieder aufzugeben . Da entdeckte man indessen plötzlich , daß der Wildschwan bei Potsdam und der Wildschwan flußabwärts auf den weiten , einsamen Flächen des Schwielow , der Schlänitz und der Wublitz ein ander Ding sei , und eine erste Jagd auf den großen Seen wurde abgehalten . Sie schlug ein . Hier war der Schwan noch scheu und , speziell auf der stillen , abgelegenen Wublitz , auf der bloß die gelben Mummeln und die weißen Schwäne zu Hause sind , bot er ein treffliches Jagdrevier . Sooft das Boot