erfahren und gelernt , die , weil er ihnen das gestattet hatte , zu ihm gekommen waren , ihm ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen . Sie hatten allerdings geklagt , aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei seinem Dienste , und dann vollends im Kriege , mit dem gemeinen Manne verkehren lernen . Er wußte , daß derselbe immer klage und daß er leicht zu trösten , daß er mit dem geringsten Zugeständnisse für den Augenblick zu beschwichtigen , ja , zufrieden zu stellen und zu geduldigem Warten wie zu muthigem Hoffen leicht zu bewegen sei . Der Amtmann war wirklich ein harter Mann , der Justitiarius konnte nichts bewilligen , der verstorbene Freiherr hatte mit den Leuten , deren schwerfällig langsames Wesen ihn belästigte , deren Kleider , selbst wenn sie in ihrem besten Anzuge vor ihm erschienen , nach ihren schlecht gelüfteten Wohnungen übel rochen , nichts zu thun haben mögen . Er war ihnen , namentlich in den späteren Jahren seines Lebens , als der Bau der katholischen Kirche , die Entlassung des Neudorfer protestantischen Pfarrers , und der Todtschlag der französischen Kammerjungfer böses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten erzeugt hatte , nur noch eine Schreckgestalt gewesen , und sie hatten mit ihm gar nichts gemein gehabt . Erst hatte er , wie sie sich ' s noch jetzt erzählten , die kleine französische Herzogin und den hasenfüßigen Marquis in ' s Land gebracht , vor dem kein Frauenzimmer Ruhe gehabt ; nachher hatte er sich die schwarze Italienerin geholt , mit der auch kein Christenmensch im Lande in seiner Muttersprache reden konnte , und wenn das auch Niemand laut zu sagen wagte , im Stillen waren die Leute sammt und sonders doch der Meinung , daß der alte Freiherr es heimlich mit den Franzosen gehalten habe und nicht dawider gewesen wäre , wenn sie heute hier noch im Lande ihr Wesen getrieben hätten . Er hatte ja im Schlosse auch meistens nur Französisch parlirt mit Frau und Kind . Jetzt mit dem jungen Freiherrn war das , wie die Leute sagten , ganz was Anderes . Man brauchte ihn nur anzusehen : die helle Ehrlichkeit sah ihm aus seinen großen , blauen Augen . Der hatte seine Knochen und sein Leben nicht geschont . Der war mitgegangen wie der gemeine Mann , als es noth gethan hatte . Der hatte sein Blut ehrlich vergossen für Gott , für König und für ' s Vaterland , wie der gemeine Mann . Mit dem Wilhelm , mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem , war er zusammen in Leipzig im Hospital gewesen , und als der Freiherr , dessen Wunde rascher geheilt war , als des Wilhelm ' s Bein , dann aus dem Lazarethe abgegangen war , hatte er dem Wilhelm noch eine Flasche Alten und zwei harte Thaler zurückgelassen , daß er sich pflegen und recht zu Kräften bringen solle , ehe er wieder zum Regimente käme . Und nun hier zu Hause ! Das war ein ganz anderes Wesen . Der junge Herr hatte es im Kriege gelernt , daß ein Mensch des andern Menschen Kamerad und Bruder sei . Keinen , auch den ärmsten Einlieger nicht , behandelte er , wie der Alte es gethan hatte . Er sagte zu Niemandem Er , er nannte Jedweden Du , und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen war , da hatte er den Wilhelm eigens rufen lassen , hatte ihn gefragt : Nun , Kriegskamerad , wie geht ' s Dir ? Und wie er danach weggeritten war , hatte er dem Wilhelm die Hand gegeben und geschüttelt . Jeder Mensch konnte zu ihm kommen , und nicht bloß auf die eine bestimmte Stunde , wie zum Alten , sondern wann er wollte . Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben lassen , die er zum Verschlage hatte haben wollen , und der Backofen war auch in Stand gesetzt , mit dem die Frauen sich alle die Jahre her so hatten quälen müssen . Der Amtmann , der ließ jetzt freilich den Kopf hangen , nun der Herr über ihn gekommen war ; aber das war dem hartherzigen Geizhalse recht gesund ; und wenn es nun wahr wäre , daß sie den Bonaparte fest in Sicherheit gebracht hätten und daß man den Frieden behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte , dann mußte Alles noch ganz anders werden . Dann schaffte der Herr den Amtmann ab , dann fing er selber zu wirthschaften an ; und daß der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein Schloß führen , sondern eine Frau von hier zu Lande nehmen würde , daran war gar kein Zweifel . Man brauchte ja nur zu sehen , wie der junge Herr und die junge Gräfin einander Augen machten ! Die im Schlosse behaupteten zwar , es sei die blasse Gräfin , gegen die man freilich auch nichts sagen konnte , denn gut und barmherzig und mitleidig mit den Kranken war sie auch ; aber so ein schöner , junger Herr wie der Freiherr , der brauchte ja keine Krankenwärterin . Der brauchte ein frisches , junges Weib , und der jüngsten Gräfin lachte das Leben aus den Augen und platzte die Gesundheit fast aus den rothen Backen heraus . Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dörfern , wie der Freiherr und die rothe Gräfin sich mit dem Junker am Sonntage auf der Terrasse lustig mit Schneeballen geworfen hätten , und als sie neulich einmal beim Reiten zu Dreien das Lied gesungen hatten , das der Wilhelm auch immer sang , der es aus dem Felde mitgebracht , da hatte das lustige » Juchheirassassa und die Preußen sind da ! « so durch die Luft geschmettert , daß denen im Walde beim Holzfällen sich das Herz in der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte . Die ganze Vorliebe , welche das Volk , und mit Recht , für die Jugend , für die Schönheit , für die Gesundheit hegt , hatte sich auf Renatus und auf Cäcilie gewendet , in welchen sie dieselben verkörpert fanden , und die Leichtlebigkeit , welcher der junge Gutsherr sich halb mit Bewußtsein , halb aus Bequemlichkeit überließ , wo er es sich nicht schuldig zu sein glaubte , seine Würde besonders aufrecht zu erhalten , machte ihn vollends in den Dörfern und unter seinen Leuten beliebt . Wohin er kam , überall begegneten ihm freundliche Gesichter . Die Kinder blieben stehen und grüßten , die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen Anruf an ihm vorüber , und sahen ihn mit Cäcilien und dem Bruder niemals kommen , ohne in die Thüren zu treten und ihm lange nachzublicken . Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese Anhänglichkeit dem jungen Freiherrn mehr ins Herz . Er hatte bis dahin nur den Grund und Boden geliebt , auf dem er geboren war und der ihm gehörte ; jetzt begann er die Menschen zu lieben , unter denen er geboren war und die sich als zu ihm gehörend betrachteten . Er fand ein Vergnügen darin , ihre rauhen und doch so freundlichen Gesichter zu sehen , es war ihm eine Genugthuung , wenn er einen Bedrängten so weit als möglich erleichtert von sich entlassen konnte , und mit einem stolzen Selbstgefühle genoß er das Vertrauen , welches man ihm entgegenbrachte , noch ehe er es hatte verdienen können , als eines der schönsten Erbtheile , die er von seinen Vätern überkommen hatte . Er fand es ganz begreiflich , daß Paul Tremann und daß selbst sein Onkel mit so leichtem Sinne von dem Kaufe oder von dem Verkaufe eines Gutes sprechen mochten . Sie hatten beide kein Gut ererbt , das seit Jahrhunderten von dem Vater auf den Sohn , von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war ; sie wußten nicht , was es heißt , auf eigenem Grund und Boden leben , unter seinen Leuten heimisch sein . Die Bäume , die konnte man niederschlagen und entwurzeln lassen , wenn die Noth es heischte , wie sein Vater es gethan hatte . Sich selbst zu entwurzeln , sich loszureißen von seiner eigentlichen Heimath , das war noch etwas Anderes , und ehe Renatus sich dazu entschloß , mußte seine Lage schlimmer sein , als er sie jetzt vor Augen hatte , mußte er die Ueberzeugung gewonnen haben , daß ihm gar kein anderer Ausweg bleibe . Noch aber hegte er diese Ueberzeugung nicht , und er versprach sich , nichts zu übereilen , sondern sich zu genauem Kennenlernen und Prüfen , zu reiflicher Ueberlegung die Zeit zu gönnen . Viertes Capitel Darüber kam der Frühling siegreich in das Land . An allen Ecken und Enden begann das Treiben und das Blühen . Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im Schmucke der guten Jahreszeit gesehen . Die keimenden Saaten , die knospenden Bäume , die grünenden Büsche freuten ihn ganz anders , als je zuvor , jetzt , wo er sie mit dem Auge des Besitzers ansah . Wind und Wetter , Regen und Sonnenschein bekamen eine Bedeutung für ihn , und die Arbeiten wie die Hoffnungen des geringsten Mannes wurden ihm wichtig , weil sie mit seinen eigenen Nothwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen . Es gefiel ihm immer mehr , Grundbesitzer und Hausherr zu sein , er fand auch Behagen an dem Verkehr mit dem Adel der Gegend , mit welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war ; und da der Mensch so glücklich oder so unglücklich geartet ist , daß die Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt , was ihm Anfangs unertragbar erschienen ist , so war es nicht zu verwundern , wenn Renatus , dessen Natur ohnehin allem Gewaltsamen abhold war , in Bezug auf Hildegard die Dinge gehen ließ , wie sie eben gingen , und von der Zeit eine Entscheidung erwartete , die er zu treffen sich nicht entschließen mochte . Kam ihm dann doch bisweilen der Gedanke , daß diese Handlungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht redlich , daß es nicht männlich sei , so beschwichtigte er sich mit der Vorstellung , daß es bisweilen edler sei , den Schein der Schwäche und der Unredlichkeit über sich zu nehmen , als sich selbst mit einer Grausamkeit gegen einen Andern , und obenein gegen ein Weib , eine Genugthuung und einen Abschluß zu bereiten , und Hildegard irrte also in der Voraussetzung keineswegs , daß Renatus von ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte , weil er selber den Muth zu einer solchen nicht in sich fand . Mit der bestimmten Absicht , sich über die Gutsverwaltung zu unterrichten und aufzuklären , nahm er bei seinem Verkehr mit den benachbarten adeligen Gutsbesitzern jede Gelegenheit wahr , von der Landwirthschaft wie von den Aussichten für die Zukunft der Provinz zu sprechen , und alles , was er dabei hörte und erfuhr , stand mit den Ansichten und Maßnahmen , welche Tremann ihm als die einzige zweckmäßige Handlungsweise vorgezeichnet hatte , sehr im Widerspruche . Das hatte indessen seine guten Gründe . Es ist ein beschwerlicher Beruf , einem Manne unangenehme Wahrheiten zu sagen , und vollends Jemanden zu entmuthigen , der für sein Wünschen und Hoffen Zuspruch von uns erwartet , ist eine unerfreuliche Sache . Die älteren Edelleute , die Lebensgenossen und Freunde seines Vaters , bei denen der junge Freiherr sich wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rath zu holen suchte , gaben ihm zu verstehen , daß die Zeiten für den grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert und nicht zum Vortheil verändert wären , seit jeder im Schacher reich gewordene Bürger Besitzer der alten adeligen Güter werden könne . Grade darum aber sei es Pflicht , wenn irgend möglich , den adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern . Ehe man die Güter an Schlächter und Brauer , an Branntweinbrenner und Fabrikanten übergehen lasse , müsse man diese Gewerbe lieber auf den Gütern selbst betreiben und mit neuem Erwerbe die alten Familien aufrecht zu erhalten suchen , bis man wieder so weit gekommen sein werde , die Oberhand zu haben und die Dinge auf den guten , alten Standpunkt zurückführen zu können . Vom Hofe aus werde dieses Verhalten ganz und gar gebilligt ; man könne sich von dort her jeder Förderung getrösten , und wenn der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher Landwirth gewesen und vielleicht , ohne streng zu rechnen , ein wenig stark ins Zeug gegangen sei , nun , so sei Renatus nicht der erste Sohn , der solche kleine väterliche Unterlassungssünden ausgleichen müsse . Der und Jener - man nannte die Namen angesehener Grundbesitzer - habe sich in ganz gleicher Lage befunden und sich mit einem tüchtigen Inspector oder Amtmann wieder ganz und gar herausgearbeitet . Es komme also hauptsächlich darauf an , ob Renatus sich auf seinen Amtmann verlassen könne , und das werde er ja wissen . Die jüngeren Edelleute faßten die Sachlage noch anders auf . Sie hatten davon gehört , daß Angebote auf Neudorf und auf Rothenfeld geschehen wären , daß eine fabrikmäßige Ausbeutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht genommen sei ; indeß sie hegten , wie sie sagten , zu Renatus das feste Vertrauen , daß er nicht verkaufen werde . Sie läugneten nicht , daß die Güter nicht im besten Stande wären , aber das gäbe doch noch keinen Grund , sie loszuschlagen . Wenn Andere sie kaufen wollten , so sei das nur ein Zeichen , daß sie sich große Vortheile davon versprächen , und es sei thöricht , ihnen aus hastiger Muthlosigkeit in den Schooß zu werfen , was man mit einiger Geduld selbst ernten könne . Diejenigen , welche während des Krieges oder gleich nach demselben ihre Güter verkauft hätten , bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen die Ihrigen , und es werde sicherlich Keinem anders damit ergehen . Wenn man zugebe , daß die Krämer und die Juden sich hier im Lande auf den Gütern einnisten dürften , so werde dem Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben , als das flache Land ganz und gar aufzugeben und in die Städte zu ziehen ; denn Umgang , Gesellschaft wolle der Mensch doch haben , und mit solchem Volke könne man doch nicht leben , könne man doch seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen . In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen solchen Ansichten und Gesprächen dasjenige haften , was seinen persönlichen Wünschen am meisten diente , und es lag nicht im Vortheile seines Amtmannes , ihn anderen Sinnes werden zu lassen . Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen Möglichkeiten den neuen Contract mit dem Amtmanne der Art gemacht , daß der Freiherr nach seiner Heimkehr darüber entscheiden konnte , ob der Contract , wie bisher , immer auf drei neue Jahre oder , wie es eben jetzt geschehen war , nur auf ein Jahr verlängert werden solle , und der junge Gutsherr hatte seine Entschließung endlich bis zum letzten Tage hinausgeschoben , auf welchen man die Zulässigkeit einer solchen für ihn festgesetzt hatte . Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht auf seinen Gütern angelangt ; indeß eben weil ihm eine gründliche Kenntniß der Wirthschaft abging , war er leicht dahin gekommen , sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen von den Dingen sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge , auf seinen natürlichen Blick , auf seinen gesunden Verstand , mit Einem Worte , auf alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen , in deren Besitz die Unkenntniß sich beruhigt fühlt und die sich immer als unzulänglich erweisen , wo ein umsichtiges Wissen und ein folgerechtes , auf genaue Einsicht und Erfahrung begründetes Handeln vonnöthen sind . Trotzdem konnte Renatus in der Nacht , welche dem entscheidenden Morgen voranging , keine Ruhe finden . Alles , was er erlebt hatte , seit er den deutschen Boden wieder betreten , alles , was er innerlich erfahren hatte , seit er wieder in seinem Schlosse weilte , zog in seinem Geiste an ihm vorüber , und wie er sich nun von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand , mit sich ins Klare zu kommen , sah er deutlich ein , daß die Maßregel , welche er jetzt unabweislich treffen mußte , ihn zu einer Erklärung gegen Hildegard nöthigen , ihn zwingen würde , auch mit ihr zu einem Abschlusse zu gelangen , und sie erleichterte ihm dieses nicht . Wenn er die drei Güter , dieses alte Erbe seines Hauses , zusammen zu erhalten suchte , wenn er in Richten blieb , und die Wirthschaft mit Hülfe eines den Ansprüchen der neuen Zeit gewachsenen Inspektors , der freilich erst noch gefunden werden mußte und bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte , selbst zu führen übernahm , so fehlte ihm jeder Grund , seine Verheirathung hinauszuschieben . Hildegard war seine Verlobte , der Adel der Umgegend erwartete mit Recht täglich die öffentliche Erklärung seiner Verlobung , die Gräfin sprach beständig von der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares , nur Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht , und der Verkehr der beiden war allmählich ein ganz besonderer geworden . Hildegard hatte sich nicht vortheilhaft entwickelt , indeß der Grund ihres Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen , und wo sie fehlte und irrte , geschah es in der Regel durch Uebertreibung eines an sich Guten und Lobenswerthen . Sie besaß in hohem Grade jenes Schamgefühl , das der verschmähten Liebe eigen ist , und jene Selbstachtung , die sich im Unglücke zu bescheiden weiß . Seit dem Tage aber , an welchem sie es sich zum ersten Male deutlich gemacht hatte , daß die Zeit ihrer Jugend vorüber sei , daß Renatus sie nicht liebe , daß er daran denken könne , sie zu verlassen , war eine jener Wandlungen mit ihr vorgegangen , die sich in religiösen Frauennaturen oft mit einer unerwarteten Plötzlichkeit vollziehen . Sie hatte es aufgegeben , ihr Schicksal selbst bestimmen und gestalten zu wollen , und mit einer aus Entmuthigung und Frömmigkeit zusammengesetzten Ergebung , Alles der Fügung des höchsten Wesens anheimgestellt , dem sie sich in Demuth unterzuordnen beschloß . Was Gott zulassen , was er bestimmen würde , das sollte , so hatte sie es sich gesagt , auch ihr erwähltes Theil sein ; und wie edel und richtig von ihrem religiösen Standpunkte aus diese Entsagung auch sein mochte , war ihr dieselbe doch in ihrem Verhältnisse zu Renatus nicht förderlich gewesen , sondern nur ihm allein zu Statten gekommen . Sonst hatte sie seine Zärtlichkeit gesucht und ihm die ihrige mit unverhehlter Liebe kundgegeben ; jetzt hielt sie sich zurück , obschon das Herz ihr blutete , wenn Renatus ihre Liebesbeweise nicht forderte , nicht einmal vermißte . Sie beklagte sich nicht , wenn er ihre Gesellschaft nicht verlangte , sie ließ ihn gewähren , wenn er sich oft für mehrere Tage entfernte , sie setzte Vittoria ' s Bemühungen um ihn kein Hinderniß in den Weg . Konnte Renatus seinen Schwüren untreu werden , obschon er ' s sehen mußte , daß der Kummer ihre Wange bleichte , konnte Cäciliens beständige und oft so grundlose Fröhlichkeit ihn mehr befriedigen , ihm mehr werth sein , als ihr treues Herz , nun so hatte er sie nie geliebt , so hatte Gott es zugelassen , daß sie ihre Liebe einem Unwürdigen zugewendet hatte , und sie mußte in Demuth hinnehmen und tragen , was ihr von Gott beschieden war , auch wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte . Das Schweigen , die Entsagung , welchen Hildegard sich überließ , täuschten den Freiherrn , denn wo die Blindheit ihnen Vortheil bringt , strengen die Wenigsten ihr Auge zum Sehen an . Er meinte , sie erkenne es jetzt bereits , daß sie nicht für einander paßten , und sie wolle es ihm erleichtern , sich von ihr loszusagen , ohne deßhalb ihr einstiges , schönes Jugendverhältniß zu verläugnen . Er wußte ihr Dank für ihre Zurückhaltung , Dank dafür , daß sie ihn seinen freien Weg und Willen haben ließ , und während er Anfangs sich davor gefürchtet hatte , ihr von seinen Planen zu sprechen , begegnete es ihm jetzt bisweilen , daß er ihr erzählte , was er zu thun , wie er sich einzurichten denke , ohne daß bei diesen Vorsätzen irgendwie von ihr die Rede gewesen wäre . Er gewann zu ihr jene unbedingte Zuversicht , welche grausam macht , und weil ihr Ehrgefühl sie hinderte , sich zu beklagen , überließ er sich bereitwillig dem Glauben , daß sie keinen Schmerz empfinde . So begann er , sich seine Unentschlossenheit und sein feiges Zuwarten zum Verdienste und als eine Maßregel milder Klugheit anzurechnen , für welche alle Theile ihn zu loben hätten , und er bestärkte sich an seinem eigenen Verhalten in der Lehre : daß man gewaltsame Schritte überall vermeiden müsse , daß man die Dinge nur gehen zu lassen brauche , damit sie in die richtige Bahn und zu einer naturgemäßen Entwicklung hingeleitet würden . Als er sich niedergelegt , hatte er sich an dem betreffenden Abende gefragt : Was werde ich mit Hildegard machen , wenn ich die Güter behalte ? - Am Morgen , da er sich erhob , stand er noch vor derselben Frage , und als sich dann im Laufe des Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei ihm einfand , war Renatus auch noch nicht über seine Ungewißheit hinausgekommen . Er fand es nach wie vor eben so unwürdig , sein Wort zu brechen , als grausam gegen ein Weib zu sein ; denn von seinen täglich wiederkehrenden kleinen Grausamkeiten hatte er kein Bewußtsein , und daneben sagte er sich dennoch immer wieder , daß ihm gar nichts übrig bleiben werde , als seinem Worte , seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu handeln , wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glück versündigen , wenn er nicht ein gealtertes , kränkelndes Mädchen zu seiner Gattin , zur Mutter seiner Kinder , zur Mutter eines Geschlechtes machen wolle , das mit Fug und Recht bisher auf seine schönen und kräftigen Männer und Frauen so stolz gewesen war . Jetzt , wo die Stunde der Entscheidung da war , drohte sein Glaube an die Weisheit des Abwartens wankend zu werden , und doch verließ ihn ein Selbstbewußtsein nicht , das ihn erhob : er stand auf seinem Grunde und Boden , in seiner Väter Schloß , er war hier der Herr . Die Vergangenheit dieses Hauses war die seinige , sich die Zukunft in demselben zu bewahren , stand in seiner Macht . Er hegte das volle Herrenbewußtsein , jene Ueberzeugung von der eigenen Bedeutung , welche rücksichtslose Selbsterhaltung und Selbstbefriedigung als ihr angeborenes Recht betrachtet . Er meinte seines Vaters Geist in sich zu fühlen , und er gelobte sich , in diesem Geiste auch zu handeln . Er durfte , er wollte sich von dem Boden nicht trennen , aus dem er ihm erwuchs . Nur mit Hildegard mußte er zu einem Abschlusse , einem Ende gelangen ! Er war eben von seinem Spaziergange mit Cäcilien heimgekommen , als man ihm den Amtmann meldete . Die Jahre hatten diesen wenig angefochten . Er war jetzt allerdings auch kein junger Mann mehr , aber er sah besser aus , als in früheren Zeiten , denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden und behaglich lächelnd um sich her . Nur aus den kleinen , grauen Augen , deren schwere Lider sich beinahe schlossen , wenn er den Mund zur Freundlichkeit verzog , schoß hier und da ein Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor , der sonderbar gegen das offene Wesen abstach , dessen der Amtmann sich sonst befleißigte und rühmte . Demüthig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem Freiherrn ein . Er sagte , daß er gekommen sei , die Befehle und die letztlichen Entschließungen des gnädigen Herrn zu vernehmen , und er hoffe , daß diese nicht zu seinem Schaden sein würden . Die Herren von Arten hätten ja treue Dienste immer zu würdigen verstanden , und so werde denn ja auch der jetzige Freiherr wohl das Gleiche an ihm thun . Renatus hatte den Amtmann seine Anrede ruhig vollenden lassen . Dann nöthigte er ihn , sich zu setzen , und ohne ihm irgend eine Anerkennung auszusprechen oder ihn zu einer Hoffnung zu ermuthigen , blieb er selber , den Arm auf die Lehne seines hohen Schreibtisches gestützt , vor dem Sitzenden stehen , so daß er auf ihn herniedersah . Er genoß in diesem Augenblicke das Bewußtsein seiner Herrschaft , er wollte sie den Amtmann auch empfinden lassen , und erst nach längerem Schweigen sagte er mit jener nur auf das eigene Interesse gerichteten Weise , in welcher die Fürsten gegen ihre Unterthanen , die Besitzenden gegen die Nichtbesitzenden in der Regel Meister sind , und welche sie oft sogar verhindert , sich die Zeit zu nehmen , dem Angeredeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung zu gewähren : Ich höre aus Ihren Worten , daß Sie die Ansichten kennen , welche mein Bevollmächtigter , der Kaufmann Tremann , in Bezug auf diese Güter hegt , und ich lasse es vorläufig dahingestellt sein , in wie weit er mit denselben Recht hat . Ich war bei meiner Ankunft allerdings der Meinung , daß ich hier durchgreifende Veränderungen machen müßte , indeß ich mag nichts übereilen , und da , wie Sie richtig bemerken , wir in unserem Hause es nicht lieben , unsere Beamten und Diener oft zu wechseln , so wäre ich in gewissem Sinne nicht abgeneigt , auch mit Ihnen einen neuen Versuch , einen neuen Contract zu machen , obschon ich mich während meines langen Aufenthaltes im Auslande davon überzeugte , daß Ihnen in der That , darin hat Herr Tremann Recht , die Kenntniß der Fortschritte mangelt , welche man in der rationellen Bewirthschaftung und Verwerthung großer Güter in den letzten Jahrzehenden überall gemacht hat . Er hielt inne , nahm eine Feder zur Hand , prüfte auf dem Nagel des Daumens ihre Spitze , legte sie dann wieder fort und streifte mit dem Auge über den Amtmann hin , der , die Hände über dem Leibe gefaltet , andächtig und unbeweglich , als ob er vor der Kanzel säße , die Aussprüche des jungen Freiherrn , von dessen landwirthschaftlichen Kenntnissen er hinwiederum auch seine besondere Meinung hegte , über sich ergehen ließ . Er fand es weder nöthig noch zweckmäßig , ihm eine Antwort zu geben , ehe eine solche unvermeidlich war , und Renatus sah sich dadurch also gezwungen , seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufügen , daß große Verbesserungen auf den Gütern , wie er sich überzeugt habe , unerläßlich wären , und den Amtmann daran zu erinnern , wie derselbe es ihm für möglich erklärt habe , die Ameliorationen ohne alle Hülfe von auswärts , aus den eigenen Mitteln zu bewerkstelligen . Aber auch hierauf antwortete der Amtmann nur mit einer stummen Kopfneigung , und der Freiherr mußte also auf ' s Neue zu sprechen beginnen . Da Sie wußten , sagte er , daß ich heute die Entscheidung treffen muß , werden Sie Sich die Verhältnisse wohl durchdacht haben . Erklären Sie Sich also nach Ihrem besten Wissen und Gewissen darüber , ob und wie Sie es für möglich erachten , daß wir , ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen und ohne eines der Güter abzutrennen , - er vermied das Wort verkaufen geflissentlich , - die Wirthschaft weiter führen und den Schaden ersetzen können , den die Kriege uns gethan haben . Man hat mir , ich verhehle Ihnen das nicht , nicht nur gegen Ihre Einsicht und Ihre Kenntnisse , sondern auch gegen Ihre Person Mißtrauen eingeflößt , aber ich gestehe Ihnen mit Vergnügen ein , daß ich glaube , man habe Ihnen Unrecht gethan . Ich habe nichts , gar nichts wider Sie , im Gegentheil ! Die Frau Baronin hat mir Ihre gefällige Dienstfertigkeit gerühmt . Sie können also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurtheilung , der genauesten Erwägung des Für und Wider Sich versichert halten . Ohne eine zwingende Nothwendigkeit entferne ich Sie nicht ! Renatus war äußerst wohl mit sich und mit dieser Rede zufrieden ; sie war eben so bestimmt , wie er meinte , als menschlich und gerecht gewesen , und der Amtmann hatte sie auch mit der tiefsten Ergebenheit vernommen . Er hatte nur zu verschiedenen Malen gewichtig mit dem Kopfe genickt ; dann wieder hatte er gelächelt , wie einer , dem das Gehörte nicht unerwartet kommt , und sich zur Antwort und zum Ueberlegen bedächtig Zeit lassend , sagte er endlich : Gnädiger Herr , ich habe mich nicht herangedrängt , Ihnen meine Meinung zu sagen ; ich habe gedacht , Sie sollten Sich nur , wie Sie das ja auch gethan haben , hier zu Lande umsehen , denn die Verantwortung , die Unsereiner auf sich nimmt , ist gar zu groß . Nun Sie hier Bescheid wissen und , wie das in der Ordnung ist , überall selber herumgehört haben , was von mir geglaubt und gehalten wird , nun sind Sie doch wenigstens so weit in Ihrem Zutrauen zu mir gekommen , daß Sie meine Stimme zu vernehmen wünschen . Gerade heraus also , gnädiger Herr , es sind die Spekulanten , den Steinert und den Tremann an der Spitze , die ihre Augen auf die Güter hier geworfen haben , das ist das ganze Elend ! Sonst hat es noch keine Noth , wenn man nur erst wieder gelassen an die Arbeit gehen kann . Verschuldet sind die Güter , schwer verschuldet , das ist wahr ; wer verlangt denn aber , daß man morgen oder übermorgen die Schulden abbezahlt ? Wer verlangt das anders , als die Spekulanten , die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld in der Welt flüssig machen möchten , damit es , wie